Kategorie: Aktuell

  • Cruising: Eine queere Utopie

    Cruising: Eine queere Utopie

    Einmal, als Orlando und ich uns auf einem Pflaumenstrauch fläzten, fiel sein Sombrero herunter. Ich schnappte mir den Hut, rannte davon und versteckte mich hinter einer Pflanze, an einem abgeschiedenen Ort. Er verstand genau, was ich wollte; wir zogen unsere Hosen herunter und begannen zu masturbieren.

    (Reinaldo Arenas: Bevor es Nacht wird)

    Mehrere farbig verfremdete nackte Männerkörper in Pop-Art-Ästhetik – symbolisch für queeres Cruising, Begehren und Körperfreiheit im öffentlichen Raum.
    Cruising als queerer Sehnsuchtsort – zwischen Natur, Lust und Blicken entsteht eine Utopie jenseits der Norm.

    Nackt im Wald – und nicht allein

    Der Pfad im Grunewald ist ein verschlungenes Labyrinth, wie von Menschenhand angelegt. Oder wohl eher: von Menschenfuß. Lediglich meine Schritte sind zu hören, ab und zu ein Vogelruf. Die Temperatur ist angenehm an diesem Nachmittag im späten Mai. Außer meinen Sneakers bin ich nackt. Ich erhasche den Blick von einem Mann, der ebenfalls nackt ist, an einen Baum gelehnt. Vor ihm kniet ein anderer Mann und bläst seinen Schwanz. Der Mann schaut mich ungerührt an, doch ich senke meinen Blick. Jede Faser in meinem Körper zieht mich zum Ort des Geschehens, doch ein weiterer Impuls in mir ist stärker und ich gehe weiter.

    Vom Schreiben zum Selbstversuch

    Als ich angefragt werde, einen Text über Cruising-Orte zu schreiben, ist mein erster Gedanke: Ich habe gar nicht viel Erfahrung mit Cruising. Also mache ich mich auf eine Spurensuche, lese Texte, befrage Freunde, krame in meiner Erinnerung und mache einen Selbstversuch im Grunewald.

    Ich erinnere mich an den letzten Sommer, als ich am Schwulen-Strand in Sitges zusammen mit meinem Partner zu den etwas abgelegenen Höhlen ging. Ich erinnere mich, wie aufregend es war, mit ihm zusammen diesen Ort zu entdecken. Wie wir zuerst zu zweit rumgemacht haben, und später mit einer ganzen Gruppe von Jungs. Wie ich ganz in mir zu ruhen schien, meine Knie aufgerieben vom Sand, umspült von den regelmäßigen Wellen des Mittelmeers.

    Cruising, schreibt Henry Hagemann in seiner historischen Spurensuche Cruising-Orte, ist eine historisch gewachsene Praktik, bei der schwule Männer und queere Menschen im semi-öffentlichen Raum mithilfe von Codes und nonverbaler Kommunikation nach schneller Intimität suchen.

    Die Anonymität beim Cruising bietet einerseits Schutz vor strafrechtlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung, andererseits ist die potentielle Gefahr, erwischt zu werden, mit Nervenkitzel und Spannung verbunden, was die sexuelle Begierde noch befeuert.

    Cruising: Zwischen Kunst und Blickkontakt

    Ich trete zurück auf die Lichtung im Grunewald, wo ein Freund von mir auf unsere Sachen aufpasst. “Und?” Ich schüttle den Kopf. Wir sprechen weiter über die “unvollkommene Kunst” des Cruisings, wie es der mexikanische Aktivist und Autor Leo Herrera nennt. “Tu so, als wärst du in einem Museum. Du bist entweder die Kunst oder der Betrachter”, schreibt Herrera in seinem (analog) Cruising Manual. Mein Freund beschreibt dies so:

    “Wenn du jemanden siehst, den du attraktiv findest, schaust du ihm in die Augen, wenn nicht, vermeidest du den Blickkontakt.” Ich erinnere mich an so viele Momente in meinem Leben, in denen ich meinen Blick abgewandt habe obwohl oder gerade weil ich jemanden attraktiv fand. Naiv frage ich, ob beim Cruising Lächeln erlaubt ist. “Das kannst du, wenn du niedlich sein willst – meistens greifst du dir aber einfach in den Schritt. Wenn dies beide machen, kommt ihr zur Sache.” Herrera schreibt von einem “smirk”, was sich vielleicht mit “vielsagendes Grinsen” übersetzen lässt. Den Blick halten, ein vielsagendes Grinsen, sich an den Schwanz fassen… Ich fühle mich komplett ungeübt in dieser kodierten Sprache, die vielmehr ein kodiertes Schweigen ist, das laut Herrera “sowohl der Sicherheit als auch der Fantasie” dienen soll.

    Gerade diese Fantasien sind es, die die von mir befragten Cruiser in den Vordergrund stellen: “Ich habe eine bestimmte Fantasie und begebe mich auf die Jagd nach jemandem, der diese Rolle spielen kann.” Ein weiterer Freund, den ich auf der FKK-Wiese in der Hasenheide treffe, erzählt:

    Cruising – breiter als gedacht

    Ich lese, dass Charles Baudelaire und Oscar Wilde als prominente erste Cruiser gelten könnten. Das Flanieren wohlsituierter Männer war kein ungewöhnliches Bild im viktorianischen England. Ich erinnere mich, wie ich mit 19 Jahren beim Flanieren auf Manhattans Straßen von einem Mann angesprochen wurde und dann mit ihm nach Hause ging. Das Gleiche passierte mir mit 34 nochmals, als ich das erste Mal in Madrid war. Vielleicht waren das Cruising-Erfahrungen ohne dass ich sie als solche benannt hätte. Vielleicht war meine bisherige Definition von Cruising als anonymer Sex in Parks und “Klappen” etwas zu eng gefasst.

    Schild mit der Aufschrift „WC“ vor grünem Hintergrund – Hinweis auf eine öffentliche Toilette als Cruising-Ort.
    Öffentliche Toiletten, sogenannte Klappen, gelten als klassische Orte des anonymen Cruisings.

    Klappen, also öffentliche Toiletten, sind prädestiniert für Cruising: Am Urinal wird der Schwanz eines potentiellen Sexpartners in Augenschein genommen. Die meisten Freunde, mit denen ich über Cruising spreche, sind keine Fans von Klappen-Sex – es sei eine weniger persönliche Begegnung als in der freien Natur. Doch Klappen und Autobahnraststätten bieten eine höhere Anonymität für ungeoutete oder nicht schwul lebende Cruiser – im Gegensatz etwa zu schwulen Bars, Kneipen und Saunas, deren oft labyrinthische Ausgestaltung wohlgemerkt an die verschlungenen Wege in Parkanlagen und Wäldern erinnert.

    Cruising – Instinkt oder Zufall?

    Mir wird bewusst, dass ich mich mein Leben lang immer wieder an Cruising-Orten wiedergefunden habe. Geschah dies eher zufällig? Oder aufgrund eines angeborenen “schwulen Instinkts”? Ich mochte es schon immer, nackt auf der Werdinsel in Zürich oder in der Hasenheide in Berlin zu liegen, meistens in ein Buch vertieft. Denke ich an Hundert Jahre Einsamkeit, denke ich gleichzeitig an den FKK-Strand am Müggelsee. Wie viele interessierte und interessante Männer sind da wohl an meinem nackten Hintern vorbeigegangen, während ich – scheinbar oder tatsächlich – nur Augen für Aureliano Buendía, den introvertierten Protagonisten des Romans, hatte?

    Die Verbundenheit zwischen Natur und schwulem Sex hat eine lange Tradition: Reinaldo Arenas – kubanischer Schriftsteller und Dissident – wusste bei seiner ersten sexuellen Erfahrung Anfang der 1950er Jahre instinktiv, dass das, was er mit seinem Cousin Orlando tun wollte, an einem abgeschiedenen Ort stattfinden musste. Cruising-Orte in der Natur sind meistens ein wenig schwerer zu erreichen – während die Familien mit Kindern, Autos und tausend Sachen sich am Strand neben dem Parkplatz tummeln, wandert der Cruiser weiter den Strand entlang, klettert womöglich über Felsen und kämpft sich durch Gebüsch, bis er zu einer Lagune gelangt mit Höhlen und glasklarem Wasser.

    Cruising-Orte als Schutzräume queerer Freiheit

    Durch die Praktik des Cruisings eignen sich die Cruiser weniger zugängliche Orte “in spiritueller Weise” an, wie es ein Freund nennt. So werden Cruising-Räume zu einer queeren Utopie: von der urteilenden Außenwelt abgeschiedene Orte, an dem wir unsere eigenen und fremde Körper – unsere Sexualität – ohne Scham genießen können. Oder, um den kubanoamerikanischen Theoretiker José Esteban Muñoz zu paraphrasieren: Cruising als die vorsichtige Suche nach neuen Formen des Begehrens und Lebens, nach einem besseren „Dort“ im Gegensatz zu einem genormten „Hier“.

    Dass diese utopischen Räume auch in der Realität Bestand haben können, ist von einem delikaten Gleichgewicht zwischen politischen Entscheidungsträgern und den Cruisenden selbst abhängig. In der Hasenheide zum Beispiel sind gerade große Areale abgesperrt, weil neue Bäume und neues Gras gepflanzt werden. Ausgerechnet die FKK-Wiese ist jedoch nicht abgesperrt. Scheinbar ist die politische Obrigkeit hier darum besorgt, diesen Raum zu erhalten.

    Vom Schutzraum zum Ziel von Repression

    Doch das ist nicht immer der Fall: Oft werden Cruising-Gebiete bewusst zerstört, indem etwa Büsche beschnitten werden, untermalt von sexfeindlichen und homophoben öffentlichen Diskursen. Auch wurden – und werden in vielen Teilen der Welt immer noch – Cruising-Räume gezielt von Undercover-Polizisten genutzt, um homosexuelle Handlungen zu kriminalisieren. Ein schönes Gegenbeispiel ist das offiziell ausgeschilderte Cruising-Gebiet in Amsterdam. Hier sorgen die Cruisenden im Gegenzug dafür, dass sich das Cruising auf diesen spezifischen Raum beschränkt und nicht außer Kontrolle gerät.

    Ich erinnere mich, wie ich vor zwei Jahren im spanischen Tarragona an einem einsamen Strand einen Mann traf – mit dem ich zuvor auf Grindr getextet habe. Schon immer fiel es mir leichter, mit Männern online in Kontakt zu treten, obwohl ich als Xennial sehr wohl noch eine Welt ohne Internet kannte. Meine ersten sexuellen Kontakte lernte ich meist beim Tanzen in Schwulenclubs kennen. Zwar sind auch das schwule Tanzlokal und die Dating-App Cruising-Räume. Der Freund in der Hasenheide hält jedoch nicht viel vom Online-Cruising: “Du kannst zwei Stunden auf Grindr verbringen, um – vielleicht – den perfekten Typen zu finden. Beim Cruising draußen habe ich aber oft eine höhere Erfolgsquote, und es macht definitiv mehr Spaß als endloses Chatten.”

    Ein Spaziergang in die eigene Sehnsucht

    Bei meinem Selbstversuch gehe ich ein zweites Mal durch die labyrinthischen Büsche im Grunewald. Inzwischen ist die Dämmerung angebrochen, die Luft ist kühler – und ich treffe auf niemanden mehr. Während ich meinen Schritten und den Vögeln zuhöre, frage ich mich, was mich davon abhält, mehr rauszugehen zum Cruisen, warum ich Sex fast ausschließlich auf Apps suche. Wahrscheinlich hat das auch mit einer gewissen Performance-Angst zu tun, verschärft durch die ganzen internalisierten Bilder von schwulen Pornos.

    Vieles, was ich bei meiner Recherche über Cruising erfahren habe, fasziniert mich: der Sex im Freien, die Offenheit gegenüber verschiedenen Körpern, das Verfolgen von Fantasien, das Überrascht-Werden im Moment, das Utopische dieser Orte, die historische und spirituelle Verbindung zu meinen queeren Vorfahren, Cruising als rebellischer Gegenentwurf zu homosexuellen Lebensentwürfen, die sich immer mehr der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft angleichen. Und vielleicht könnte diese Art von Cruising sogar gewisse Aspekte meiner – auch nach 30 Jahren noch schambehafteten – Sexualität heilen.

    Ich trete aus dem Wald hinaus auf die Lichtung und fasse den Entschluss, in Zukunft öfter herzukommen.

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  • Der Kampf mit „unzüchtigen Schriften“ – heute und vor 100 Jahren

    Der Kampf mit „unzüchtigen Schriften“ – heute und vor 100 Jahren

    Was gilt überhaupt als Nacktheit?

    Unser YouTube-Kanal wurde Anfang Juni gesperrt. Grund? Angebliche „Nacktheit“. Diese Art von Sperren wirft oft die Frage nach queerer Zensur auf. Man könnte hier darüber diskutieren, was die Darstellung von Nacktheit überhaupt bedeutet. Ist es einfach bloße Haut, also zum Beispiel ein Video von fröhlichen Männern ohne Oberteil, die ihre Gesellschaft genießen, sich aber auf keinen Fall sexuell betätigen? Oder wird eine Abbildung erst dann als pornografisch eingestuft, wenn Geschlechtsteile sichtbar sind, unabhängig vom Kontext? Ist Nacktheit immer etwas Schlechtes oder kann sie auch guten Zwecken dienen?

    Dass man sich im Jahr 2025 solche Fragen stellen muss, verdeutlicht am besten, wie weit die Gesellschaft durch den Rechtsruck der letzten Jahre zurückgefallen ist. Wir täuschen uns nicht: Es ist kein Zufall, dass dieser Schritt ausgerechnet in einer Zeit erfolgt, in der rechte und rechtsextreme Diskurse drastisch zunehmen und die U.S.-amerikanischen Großkonzerne – unsere angeblichen „Verbündeten“ – sich unter dem Einfluss von Donald Trumps Anti-„Woke“-Politik selbst demaskieren. Sobald ein anderer politischer Wind weht und sich die Unterstützung nicht mehr lohnt, zeigen die Großen wie Meta und Alphabet ihr wahres Gesicht. Die Rechte von LSBTIQ+-Menschen haben sie nie ernst gemeint, sie wollten damit nur Geld verdienen. Dass das, was als Richtlinienverstoß definiert wird, in erster Linie Diversity-Bestrebungen – darunter queere Aufklärung und Präventionsarbeit – trifft, ist symptomatisch.

    Abgesehen davon, dass Nacktheit einfach ästhetisch ist – das wussten schon die Künstler der Antike –, spielte sie in der modernen Geschichte oftmals sogar eine aktivistische und politische Rolle. Der Kampf gegen Nacktheit (sowohl tatsächliche als auch vermeintliche) in jeder Form ist ebenso alt. Im folgenden Beitrag sollen Parallelen zwischen der heutigen und der ersten deutschen queeren Bewegung (ca. 1897–1933) aufgezeigt werden. Der Kontext ist zwar ein anderer, doch die Herausforderungen sind alles andere als neu.

    Die Anfänge eines Kampfs um Selbstbestimmung

    Titelblatt von Karl Heinrich Ulrichs’ Schrift „Vindex“ von 1864 – eine der ersten juristischen Verteidigungen homosexueller Liebe.
    “Vindex”, die erste Schrift von Karl Heinrich Ulrichs, die unter dem Pseudonym „Numa Numantius“ veröffentlicht wurde. Quelle: Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ulrichs_1_-_Vindex.jpg)

    Der moderne queere Aktivismus hat seinen Ursprung im späten neunzehnten Jahrhundert in Deutschland. Die in erster Linie publizistische Aktivität des frühen Pioniers Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895) beeinflusste die späteren Mitstreiter*innen stark. Dennoch veröffentlichte Ulrichs seine Schriften unter dem Pseudonym „Numa Numantius“, da die Konsequenzen einer affirmativen Behandlung von Homosexualität gravierend hätten sein können.

    Von Ulrichs ließ sich ein weiterer queerer Pionier beeinflussen, und zwar Magnus Hirschfeld (1868-1935), Mitgründer des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) und Herausgeber seines Organs, des „Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen“. 1919 gründete er das Institut für Sexualwissenschaft, die erste weltweit anerkannte queere Aufklärungseinrichtung, die bald nach der Machtübernahme durch die Nazis geplündert wurde. Was Hirschfeld von anderen Anführern der „Homosexuellen“-Bewegung unterschied, war seine Inklusivität gegenüber verschiedenen Formen des Queer-Seins und unterschiedlichen sozialen Gruppen: „Tanten“, effeminierten Männern, maskulinen Frauen, trans* Menschen sowie Sexarbeiter*innen.

    Männliche Prostitution explizit war ein zentraler Streitpunkt im queeraktivistischen Milieu der Zeit. Unter der Leitung von Friedrich Radszuweit handelte der Bund für Menschenrecht (BfM), die ab 1923 führende und größte queere Dachorganisation in Deutschland, nach dem Leitprinzip der „Respektabilität“, das die Solidarität mit „unanständigen“ Queers opferte. Die 1903 gegründete Gemeinschaft der Eigenen (GdE) hingegen war eine reinmännliche Gruppierung von elitären und konservativen Antifeministen, die Frauen lediglich in einer untergeordneten Rolle als Mütter und Hauspflegerinnen sahen.

    Der Kampf mit „unzüchtigen Schriften“

    Titelseite der Zeitschrift „Der Eigene“ von 1919 mit zwei nackten Männern im Garten – ein Beispiel früher queerer Selbstrepräsentation und der damit verbundenen Zensurgeschichte.
    Eine Ausgabe von “Der Eigene” aus dem Jahr 1919. Die Zeitschrift enthielt regelmäßig Abbildungen von nackten Männern und sogar Jungs und Jugendlichen. Quelle: Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Der_Eigene_1919_vol_7.jpg) Quelle: Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ulrichs_1_-_Vindex.jpg)

    Trotz seiner problematischen ideologischen Haltung hat auch Adolf Brand (1874-1945), Mitgründer und langjähriger Leiter der GdE, einige Verdienste um die queere Emanzipation. Die von ihm ab 1896 unregelmäßig herausgegebene Zeitschrift „Der Eigene“ ist nach aktuellem Kenntnisstand die erste homosexuelle Zeitschrift der Welt, auch wenn sie sich an eine eher gehobene (und implizit männliche) Leserschaft richtete. Da „Der Eigene“ öfter Abbildungen von nackten Männern enthielt und damit gegen den Paragraf 184 (Verkauf und Verbreitung „unzüchtiger“ Schriften) verstieß, musste sich Brand mehrmals vor Gericht verantworten und sogar Haftstrafen verbüßen. Dem „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ als einer wissenschaftlichen Publikation ist es übrigens gelungen, von einem ähnlichen Schicksal verschont zu bleiben.

    Es muss hier angemerkt werden, dass viele Fotos in „Der Eigene“ auch aus heutiger Sicht tatsächlich sehr problematisch sind, weil sie oftmals nackte Jungs und Jugendlichen darstellen. Thematisiert wurde dies unter anderem in der Ausstellung „Aufarbeiten: Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Zeichen von Emanzipation“ im Schwulen Museum Ende 2023 und Anfang 2024.

    Nach dem Inkrafttreten der Weimarer Verfassung 1919 entwickelte sich die queere Emanzipation zu einer Massenbewegung. Ermöglicht wurde dies durch die Herausgabe der Zeitschrift „Die Freundschaft“, die queere Menschen in ganz Deutschland vernetzte und die Gründung von lokalen „Freundschaftsvereinen“ in Gang setzte. Doch von Anfang an musste die Redaktion mit Unannehmlichkeiten rechnen: Bereits in den ersten Wochen erfolgte eine Meldung an die Behörden. Zwar wurde der Herausgeber Karl Schultz im März 1920 von der Anklage der Verletzung der Sittlichkeit gemäß § 184 freigesprochen, ein Jahr später wurde er jedoch zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt.

    Diesmal lautete die Straftat Kuppelei. Wie wurde diese Anklage begründet? Ausschlaggebend dafür waren die Inserate, also persönliche Annoncen, die das Kennenlernen und womöglich – so die Argumentation des Gerichts – auch den sexuellen Kontakt von queeren Menschen förderten. Folglich verschwanden sie aus der Zeitschrift und waren nun nur noch im Rahmen eines Abonnements eines separaten Extrablatts erhältlich.

    Bewahrung der Jugend

    Inseratenseite aus der Zeitschrift „Die Freundschaft“ mit Kontaktanzeigen queerer Männer – historisches Beispiel für queere Vernetzung und Sichtbarkeit in der Weimarer Republik.
    Eine Beispiel-Inseratenseite aus „Die Freundin“. Annoncen waren öfter Gegenstand großer Kontroversen und sogar strafrechtlicher Verfahren. Quelle: Forum Queeres Archiv München (https://archiv.forummuenchen.org/zeitschrift/die-freundin/)

    Im Februar 1923 kehrten die rechtlichen Probleme von „Die Freundschaft“ zurück. Im Zuge eines erneuten Zensurverfahrens wurde die Zeitschrift von den Behörden für drei Monate eingestellt. 1926 verabschiedete der Reichstag das Gesetz „zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“, an dessen Entstehung die christlichen „Sittlichkeitsvereine“ maßgeblich beteiligt waren. Es führte eine Liste unzüchtiger Schriften ein, die nicht nur queere Literatur umfasste und auf die individuelle Ausgaben gesetzt werden konnten. Ein entsprechender Eintrag bedeutete, dass die jeweilige Ausgabe nicht öffentlich ausgelegt, sondern nur noch auf Anfrage (also quasi unter dem Ladentisch) verkauft werden durfte. Begründet wurde dies, wie der Name des Gesetzes schon andeutet, mit Jugendschutz.

    Etliche Ausgaben von queeren Zeitschriften, darunter „Frauenliebe“ im Jahr 1927 und „Die Insel“ im Jahr 1928, haben es auf die Liste geschafft. Eine übliche Gegenstrategie war es, die Zeitschrift unter einem anderen Titel zu verkaufen, um die Ausgabenkontinuität nicht zu unterbrechen. So wurde „Die Freundin” in den Jahren 1928–29 als „Ledige Frauen” verkauft, nachdem die Erstere auf die Liste gesetzt worden war. Manchmal gerieten einzelne Zeitungshändler in Schwierigkeiten, ohne dass sie über das Verbot einzelner Ausgaben Bescheid wussten.

    Andere Facetten der Zensur

    Buchcover von Walter Homanns „Tagebuch einer männlichen Braut“ mit einer historischen Fotografie einer Person in einem Hochzeitskleid – inspiriert von der trans Identität von Dina Alma de Paradeda.
    Walter Homanns Roman „Tagebuch einer männlichen Braut“. Auch wenn die zwei Zensurverfahren scheiterten, mussten Kürzungen des kontroversesten Materials vorgenommen werden. Quelle: Männerschwarm Verlag (https://www.maennerschwarm.de/buch/tagebuch-einer-maennlichen-braut/)

    Auch Romane und Filme fielen der Zensur zum Opfer. Ein Beispiel ist Walter Homanns Tagebuch einer männlichen Braut, das von der Geschichte der selbsternannten „Comtesse“ (oder Gräfin) Dina Alma de Paradeda inspiriert wurde. Sogar zweimal (1907 und 1928) wurde der Roman Gegenstand eines Zensurverfahrens. Auch wenn beide Prozesse für das Buch positiv ausgingen, führte das große Aufsehen um die Publikation dazu, dass in den nächsten Ausgaben das kontroverseste Material gekürzt wurde.

    Der erste deutsche Film und einer der ersten weltweit, die Homosexualität thematisierten – Richard Oswalds Anders als die Andern -, wurde im August 1920, über ein Jahr nach seiner Premiere, verboten. Die Produktion handelt zwar von der gleichgeschlechtlichen Liebe eines Musikers zu seinem erwachsenen Schüler, Zärtlichkeiten sind darin jedoch kaum zu sehen, geschweige denn ein Kuss. Trotzdem löste der Film riesige Kontroversen aus und es kam in vielen Städten deutschlandweit zu Protesten gegen die Ausstrahlung.

    Hirschfeld, der maßgeblich an dem Film mitwirkte und aufgrund seiner Tätigkeit schon früher Anfeindungen ausgesetzt gewesen war, wurde infolge der Kontroversen zum Erzfeind der Rechtsextremen. Er wurde mehrmals überfallen, im Oktober 1920 in München sogar so schlimm, dass einige Zeitungen vorschnell seinen Tod verkündeten. Einige seiner Vorträge wurden unter ausdrücklicher Bezugnahme auf seine Mitarbeit beim Film abgesagt, andere arteten in Randale mit dem Einsatz von Stinkbomben und Feuerwerkskörpern aus.

    Filmposter von „Anders als die Andern“ (1920) – erster deutscher Spielfilm mit homosexuellem Thema, mit wissenschaftlicher Beratung durch Magnus Hirschfeld.
    Poster des Films „Anders als die Andern“, der im August 1920 nach über einem Jahr von Protesten verboten wurde. Quelle: Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anders_als_die_andern_1919_poster.jpg)

    Eine andere Form der „Zensur“ und Einschüchterung, die einen eigenen Artikel verdient, ist die polizeiliche Überwachung queerer Treffpunkte. In Städten wie Dresden, Chemnitz, München und Hannover wurden Queers in den 1920ern sogar registriert und verhört. Auch Razzien waren keine Seltenheit: So wurde beispielsweise am 2. Juli 1921 eine Party des Görlitzer Freundschaftsvereins im Hotel Namenlos durch eine Aktion der lokalen Polizei unterbrochen. Insgesamt wurden 23 Personen festgenommen und bis 12 Uhr am nächsten Tag inhaftiert, zwei davon sogar einen Tag länger. Der Vorwurf lautete Zuhälterei, letztendlich wurde jedoch keine Anklage erhoben.

    Technologische Repression

    Heute leben wir natürlich in einer anderen Welt und genießen deutlich mehr Akzeptanz und Rechte als unsere queeren Vorfahren. Doch gerade diese werden zunehmend in Frage gestellt, sodass die Errungenschaften der Kämpfe der letzten sechzig Jahre in Gefahr geraten. Vor diesem Hintergrund erscheint die Allianz der Rechtsextremen mit großen Technologiekonzernen umso erschreckender.

    Was vor einhundert Jahren offenkundig und aggressiv von Behörden als Unzucht, Verletzung der Sittlichkeit oder im Namen des Jugendschutzes bekämpft wurde, wird heute viel subtiler und scheinbar harmloser angegangen. Unter dem Deckmantel der „Community Guidelines“, „Safe” oder „Advertiser-friendly Content“ werden queere Inhalte, Safer-Sex-Aufklärung und HIV-Prävention zensiert. Dabei sind manche Formen der Zensur, wie zum Beispiel das Shadow-Banning oder Altersbeschränkungen, nicht sofort erkennbar und somit viel unsichtbarer. Außerdem werden Entscheidungen über die Zulassung von Online-Inhalten nicht von Menschen, sondern immer mehr von Algorithmen getroffen.

    Dies kann im schlimmsten Szenario Leben kosten. Vor allem queere Jugendliche brauchen Zugang zu Informationen, die sie nicht nur über sexuelle Gesundheit aufklären, sondern auch vor Minderwertigkeitsgefühlen oder sogar Selbstmordgedanken schützen. HIV-Prävention und queere Bildungsarbeit darf unter keinen Umständen Opfer des Algorithmus-Regimes fallen.

    Immer wenn vor den Gefahren der zunehmenden rechten Radikalisierung der Gesellschaft und der Möglichkeit einer rechtsextremen Regierung gewarnt wird, sagen viele: „So schlimm wird es nicht sein.“ Genauso hat man auch vor ein hundert Jahren die Perspektive einer Machtübernahme durch Adolf Hitler kleingeredet. Vor ein paar Jahren schien das Risiko eines politischen Datenmissbrauchs durch US-amerikanische Big-Tech-Konzerne ebenfalls unwahrscheinlich und wurde von vielen bagatellisiert. Heute dürfen wir uns dessen nicht mehr so sicher sein.

    Bibliographie

    Beachy, Robert. Gay Berlin: Birthplace of a Modern Identity. 2014. New York City: Vintage Books, 2015.

    Foit, Mathias. Queer Urbanisms in Wilhelmine and Weimar Germany: Of Towns and Villages. Cham, Schweiz: Palgrave Macmillan, 2023.

    Dobler, Jens. “Nachwort.” In Tagebuch einer männlichen Braut, hrsg. Dobler, 154–175. Hamburg: Männerschwarm Verlag, 2010.

    —. Polizei und Homosexuelle in der Weimarer Republik: Zur Konstruktion des Sündenbabels. Berlin: Metropol Verlag, 2020.

    —.“Zensur von Büchern und Zeitschriften mit homosexueller Thematik in der Weimarer Republik.” Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten 2 (2000): 85–104.

    Malakaj, Ervin. Anders als die Andern. Montreal, Quebec: McGill-Queen’s University Press, 2023.

    Micheler, Stefan. Zeitschriften, Verbände und Lokale gleichgeschlechtlich begehrender Menschen in der Weimarer Republik. Stefan Micheler Homepage. August 1, 2008. www.StefanMicheler.de/zvlggbm/stm_zvlggbm.pdf.

    Vendrell, Javier Samper. The Seduction of Youth: Print Culture and Homosexual Rights in the Weimar Republic. Toronto: University of Toronto Press, 2020.

    Mehr zu Zensur & Sichtbarkeit

    Pressebericht:

    YouTube löscht schwulen Präventionskanal – pünktlich zum Pride Month

    Stellungnahme von IWWIT:

    Unser IWWIT-YouTube-Kanal wurde gelöscht

  • Wider die Selbstbestimmung: Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt von rechts

    Wider die Selbstbestimmung: Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt von rechts

    Bild: Noah Elio Weinmann – https://noah-elio.com/

     

    Redaktionsnotiz: Dieser Artikel wurde vom Kulturanthropologen Patrick Wielowiejski aus seiner wissenschaftlichen Perspektive geschrieben. Wielowiejski hat sich im Rahmen seiner Forschungsarbeiten spezifisch mit der AfD auseinandergesetzt. Uns ist wichtig zu betonen, dass viele der hier beschriebenen Ideologien und Positionen nicht auf die AfD beschränkt sind, sondern auch in anderen Teilen der Gesellschaft vorzufinden sind, weswegen wir uns für eine Veröffentlichung zur Diskussion in unserer Community entschieden haben.

    Der Artikel ist eine Zweitveröffentlichung, die uns freundlicherweise von Geschichte der Gegenwart zur Verfügung gestellt wurde. Dafür bedanken wir uns herzlich. Quelle/bzw. Erstveröffentlichung: https://geschichtedergegenwart.ch/wider-die-selbstbestimmung-geschlechtliche-und-sexuelle-vielfalt-von-rechts/

     


     

    Selbstbestimmung ist laut der AfD eigentlich eine gute Sache. Im Leitantrag für ihr Programm zur Bundestagswahl ist unter anderem davon die Rede, dass Menschen mit Behinderungen „ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben“ führen können sollen; einem „staatlich erzeugte[n] Impfdruck“ wird „das im Grundgesetz verankerte Selbstbestimmungsrecht der Bürger über ihre körperliche Integrität“ entgegengehalten; und auch die geforderte Verschärfung von Asyl- und Migrationspolitik wird mit diesem Begriff begründet: „Eine existentielle Frage wie die Zuwanderung, muss in freier Selbstbestimmung auf nationaler Ebene entschieden werden.“

    Wenn es um die geschlechtliche Identität geht, ist es für die AfD mit Selbstbestimmung jedoch vorbei. Sie will das von der Ampel-Koalition eingeführte „Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag“ wieder zurücknehmen, das am 1. November 2024 in Kraft getreten ist. Dieses Gesetz erleichtert es trans, inter und nichtbinären Menschen, ihren Personenstand und ihren Vornamen zu ändern. Es stellt in seiner Definition von Geschlecht nicht auf vermeintliche biologische Tatsachen ab, sondern auf die selbst empfundene Geschlechtsidentität. Demgegenüber fordert die AfD: „Die Realität der Zweigeschlechtlichkeit muss wieder anerkannt werden[.]“ Darin äußert sich der Antiliberalismus der AfD, denn die Idee sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung setzt voraus, dass das Subjekt über ein gewisses Maß an Freiheit in Bezug auf seine eigene Identität verfügt.

    Dies bedeutet indes nicht, dass Lesben, Schwule, Bisexuelle und trans Personen von der AfD als solche ausgeschlossen würden, was in der Öffentlichkeit oft als Widerspruch wahrgenommen wird. In der Tat integriert die AfD vor allem Homosexuelle, insbesondere schwule Männer, in ihre Reihen und auch rechte trans Personen organisieren sich in der AfD. Solange sie die „Realität der Zweigeschlechtlichkeit“ anerkennen und damit queere Auffassungen von Geschlecht und Sexualität zurückweisen, werden LGBT-Personen von der AfD toleriert. Wie ist das zu verstehen?

    Zwischen Homonationalismus und Antiliberalismus

    In einer ethnografischen Forschung zwischen 2017 und 2019 bin ich dem Zusammenhang von Rechtspopulismus und Homosexualität gefolgt (Rechtspopulismus und Homosexualität. Eine Ethnografie der Feindschaft, Campus 2024, Open Access). Mich hat dabei interessiert, auf welche Arten und Weisen sich die AfD heute auf Homosexualität bezieht. Die zentralen Protagonisten dieses politischen Feldes sind die „Alternativen Homosexuellen“ (AHO) – eine Handvoll schwuler AfD-Politiker, deren Ziel darin besteht, sowohl in die Partei hineinzuwirken als auch nach außen zu vermitteln, dass es sich nicht ausschließt, rechts und schwul zugleich zu sein. Dies ist zwar historisch nichts Neues – prominente rechte homosexuelle Männer waren etwa der SA-Führer Ernst Röhm oder der Neonazi Michael Kühnen. Doch während diese aus ihren eigenen Reihen heraus bekämpft wurden, werden die Mitglieder der AHO in der AfD größtenteils akzeptiert. Zur Zeit meiner Feldforschung wurde gar erzählt, ein prominenter Berliner AfD-Politiker habe behauptet, in seinem Berufsleben noch nie mit so vielen Homosexuellen zu tun gehabt zu haben wie in der AfD.

    „Im Ergebnis haben wir es nicht primär mit Homo- oder Transfeindlichkeit zu tun (auch wenn diese mitnichten ganz verschwunden sind), sondern vor allem mit Queerfeindlichkeit.“

    Eine naheliegende Begründung für diese Verschiebung ist, dass die Befürwortung von liberalen LGBT-Rechten zum Ausweis von Modernität par excellence und zum moralischen Aushängeschild des Westens geworden ist. „Homonationalismus“ hat die US-amerikanische Geschlechter- und Queertheoretikerin Jasbir Puar diese Situation in ihrem Buch Terrorist Assemblages genannt. Sich positiv auf die Rechte von geschlechtlichen und sexuellen Minderheiten zu beziehen und deren Gefährdung durch eine „Islamisierung“ Europas zu behaupten, ist für die AfD also schlicht strategisch klug – es ist eine rhetorische Modernisierung analog zur dédiabolisation des damaligen französischen Front National (heute Rassemblement National) durch Marine Le Pen. Das islamfeindliche Motto „Ich habe keine Lust, die Emanzipation von Frauen und Schwulen noch einmal zu wiederholen“, das der niederländische Rechtspopulist Pim Fortuyn Anfang der 2000er Jahre formulierte, gehört inzwischen zum rechten Alltagsverstand. In Bezug auf die Rechte von trans Personen lässt sich ähnlich argumentieren, was die Politikwissenschaftlerin Judith Goetz als „Transchauvinismus“ bezeichnet.

    Nun können aber längst nicht alle in der AfD und erst recht nicht im weiteren Feld der äußeren Rechten etwas mit „liberalen westlichen Werten“ anfangen. Einige sehen nicht im Islam die größte Bedrohung der Gegenwart, sondern in Liberalismus und US-amerikanischer Hegemonie – etwa der ehemalige Geschichtslehrer und Publizist Karlheinz Weißmann. LGBT-Personen, die ihre „Abnormalität“ (O-Ton mehrerer meiner Gesprächspartner) zum Thema machen, stehen nach wie vor unter Dekadenzverdacht. Wer von Emanzipation spricht, setzt voraus, dass ungleiche Machtverhältnisse veränderbar sind – und diese Annahme hält die äußere Rechte für bedrohlich. Demgegenüber ruft die ethnosexistische Figur des patriarchalen und homophoben muslimischen Mannes aus dem Nahen Osten bei manchen rechten Männern durchaus Faszination und Bewunderung hervor.

    Deswegen präsentieren sich die LGBT-Rechtspopulist:innen der Gegenwart als Feinde nicht nur des Islams, sondern auch als Feinde der Linken. Während einer Veranstaltung der AHO in Essen im Juni 2018 sprach Matthias „das freundliche Gesicht des NS“ Helferich ein Grußwort, in dem er unter anderem Folgendes sagte:

    „Bei dem Thema Homosexualität, da ist der Begriff Normalität auch immer ein Streitpunkt. Wissen Sie, was ich finde? Ich finde die Alternative Homosexuellenorganisation ganz furchtbar normal, wenn ich mir die Linken in dem Land anschaue. Denn was zur Normalität gehört, ist, dass man seine Heimat liebt und dass man einen positiven Identitätsbezug hat zu seiner Heimat und zu seinem patriotischen Ich. Und ich möchte viel lieber in der Normalität der Alternativen Homosexuellenorganisation leben als in der Normalität, die gerade in unser Land hineinkommt, in der Normalität der Viel-, Kinder- und Zwangsehen.“

    Rechte Homosexuelle sind demzufolge immerhin „normaler“ als „die Linken in dem Land“. Für jemanden wie Helferich sind sie also zumindest strategisch als Bündnispartner:innen ernst zu nehmen.

    Essentialismus statt Emanzipation

    Ein zentrales Element im rechten Kulturkampf gegen die imaginierte linke Hegemonie ist der Kampf gegen „Gender-Ideologie“. Die „Überhöhung“ von LGBT-Personen und ihren Anliegen ist in den Augen der äußeren Rechten Teil dieser Ideologie. LGBTs innerhalb der AfD müssen nicht nur glaubhaft machen, damit nichts zu tun zu haben, sondern argumentativ und performativ die vermeintlichen Annahmen der „Gender-Ideologie“ widerlegen. Leitmotiv ihres politischen Handelns kann dementsprechend gerade nicht geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung sein, vielmehr ist es die Orientierung an einem essentialistischen Verständnis von Geschlecht und Sexualität. Ein klares Bekenntnis dazu ist die unhintergehbare Bedingung für die Integration von LGBT-Personen in die äußere Rechte sowie für ihre Normalisierung. Wenn es in dem erwähnten Leitantrag für das Programm zur Bundestagswahl heißt: „Weiblichkeit und Männlichkeit […] mit ihren unterschiedlichen Potentialen sind etwas Positives. Dadurch können sich Frauen und Männer hervorragend ergänzen“, dann müssen die LGBTs in der AfD unmissverständlich klar machen, dass sie das ebenso sehen. Mit anderen Worten: Gerade weil ihnen aufgrund ihrer geschlechtlichen beziehungsweise sexuellen Identität der Gender-Verdacht anhaftet, müssen sie die größten Antigenderist:innen von allen sein.

    Für schwule Männer heißt das etwa, dass sie bestätigen müssen, ohne jeden Zweifel männlich zu sein. Einer meiner Gesprächspartner – ein Landtagsabgeordneter der AfD, den ich Andreas nenne – beschrieb es einmal so: „Als Mann einen Mann zu lieben ist eine doppelte Entscheidung fürs Männlichsein.“ Oder in den Worten von Björn Höcke (im Gespräch mit dem Künstler und Publizisten Sebastian Hennig in dem Buch Nie zweimal in denselben Fluss): „Es gibt eine ganze Zahl von schwulen Männern, die in ihrer Männlichkeit mehr gefestigt sind als so manche ‚Heteros‘ – auch in der Politik.“ Da das Ziel der „Gender-Ideologie“ die Gleichmachung und letztendliche Abschaffung der Geschlechter sei, sehen die „Alternativen Homosexuellen“ dadurch ihre Identität als schwule Männer gefährdet.

    Das sind Argumente, die schon manche Teile der homosexuellen Emanzipationsbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts teilten. Um 1900 war etwa die „Gemeinschaft der Eigenen“ des Schriftstellers Adolf Brand der Ansicht, dass männliche Homosexualität eine überlegene Form der Männlichkeit sei. Damit bezog sie Position gegen Magnus Hirschfelds Theorie sexueller Zwischenstufen und die Idee von Homosexuellen als „Drittes Geschlecht“. AfD-Landtagsabgeordneter Andreas legte mir die Lektüre von Hans Blühers Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft von 1917 ans Herz, die eine seiner Inspirationsquellen war. Blüher war bekannt als antisemitischer und antifeministischer Schriftsteller und frühes Mitglied der deutschen Wandervogelbewegung. Er vertrat die Meinung, dass Staat und Gesellschaft vom mannmännlichen Eros – das heißt dem homoerotisch verstandenen Männerbund – zusammengehalten werden. Dass Andreas selbst dem Bild des schwulen Männerhelden nicht entsprach und mir gegenüber gern mit einer gewissen Tuntigkeit kokettierte, deutet jedoch auch auf den Widerspruch zwischen politischer Rhetorik und gelebter Realität hin – um nicht zu sagen: auf die Performativität von Geschlecht auch in der äußeren Rechten.

    Der schwule Antigenderismus muss also zeigen, dass Homosexualität auf keinen Fall etwas mit der Überschreitung von Geschlechtergrenzen zu tun hat. Während hier Männlichkeit sogar noch bestätigt wird, müssen rechte trans Personen anders argumentieren, denn bei ihnen fallen das bei der Geburt zugewiesene und das selbst empfundene Geschlecht auseinander. Die Sozialarbeiterin und Geschlechterforscherin Katrin Degen hat in ihrem Buch Flexible Normalität biologistische, religiöse und pragmatische Strategien herausgearbeitet, mithilfe derer rechte trans Personen ihre eigene Existenz als vereinbar mit einer rechten Weltsicht verargumentieren. Zum Beispiel schreibt eine sich als transsexuell identifizierende Frau auf dem Blog des schwulen katholischen Theologen und rechten Publizisten David Berger davon, das nur in binärer Ausprägung existierende „Gehirngeschlecht“ sei „manchmal entgegengesetzt zum genetischen Geschlecht“. Zentral ist es für diese Akteur:innen demnach, die eigene Transgeschlechtlichkeit so aufzufassen, dass sie die Binarität der Geschlechter nicht widerlegt, sondern bestätigt: Auch wenn es sich um ein „Auseinanderfallen von Gehirn und Genetik“ handle, sei die Geschlechtsidentität durch die Biologie determiniert und nicht veränderbar. Andreas beschrieb das so: „Gerade dieses Wissen, dass man eine Frau im männlichen Körper ist oder umgekehrt, beweist doch gerade, dass es nur diese zwei Geschlechter gibt.“

    Queerfeindliche LGBTs – oder doch lieber Selbstbestimmung?

    Geschlecht und Sexualität waren für die äußere Rechte immer schon zentrale Aushandlungsorte ihrer Politik. Im antiliberalen Kulturkampf, den die Rechte gegenwärtig beschwört, äußert sich das so, dass ein essentialistisches Verständnis von Geschlecht und Sexualität gegenüber einem emanzipatorischen oder konstruktivistischen in Stellung gebracht wird. Die Idee der Selbstbestimmung wird als linke Allmachtsfantasie verworfen. Im Ergebnis haben wir es nicht primär mit Homo- oder Transfeindlichkeit zu tun (auch wenn diese mitnichten ganz verschwunden sind), sondern vor allem mit Queerfeindlichkeit. Das heißt, dass manche Teile der sogenannten Community in den historischen Block der Rechten integriert werden können – nämlich diejenigen, die das Phantasma einer natürlichen, stabilen, eindeutigen Identität bestätigen. Oder, kurz gesagt, die am wenigsten queeren von ihnen.

    Die rechten Bündnisse und ihr Konsens bleiben jedoch widersprüchlich und fragil. Einerseits verbindet die AfD mit der Integration von geschlechtlichen und sexuellen Minderheiten die Hoffnung, gesamtgesellschaftlich anschlussfähiger zu werden. Andererseits ist es für rechte Homosexuelle und trans Personen harte Arbeit, sowohl innerhalb der AfD als auch nach außen hin zu plausibilisieren, wieso man gut ins rechte Lager passt. Vor allem ist fraglich, ob die vorgebrachten Argumente LGBT-Personen in der Breite überzeugen können. Vielleicht ist Selbstbestimmung doch das attraktivere politische Angebot.

  • From Protests to Profits: Is Pride Back at Square One?

    From Protests to Profits: Is Pride Back at Square One?

    Illustration: Harjyot Khalsa, www.harjyotkhalsa.com

    As Pride celebrations grow and proliferate, they often become sites of controversy: What is being celebrated—the diversity of the community or just the visibility of a select few? Who gets to take part in this celebration, and who is left out or sidelined? From corporate sponsorships to grassroots protests, author Ahmed Awadalla examines the ever-evolving landscape of LGBTIQ+ Pride in Germany.

    Berlin stands apart. If you ask someone in the city about attending a Pride event, they’ll likely respond with another question: „Which one?“ This is the essence of Berlin—a metropolis that hosts a multitude of queer marches and initiatives, each with its own distinct priorities and vision of the LGBTIQ+ experience. In a city this vast, with its diverse communities and subcultures, there’s always a space where one can feel seen—or at least, it seems that way.

    Having lived in Berlin for years, I’ve witnessed the Pride landscape shift and evolve, with each event embodying a different interpretation of queerness. What first stood out to me during my early summers in the city was the name „Christopher Street Day“ (CSD)—a direct reference to the American Stonewall Riots. These riots erupted in response to persistent police harassment following a raid on a New York bar. Although a pivotal moment in queer history, the choice felt curious, if not a little dissonant, considering Germany’s deep history of advocacy for queer rights.

    Naturally, when I first arrived in Berlin, I was eager to join a queer march in the hope of finding community and connection. My first march wasn’t a typical Pride event but a protest organized by Nasser Al-Ahmad, a young Lebanese man who faced brutal violence from his family after coming out. The march began outside a mosque in Neukölln to challenge the role of religious institutions in promoting homophobia. Despite Nasser’s efforts to emphasize that homophobia wasn’t just “a Muslim problem,” media coverage framed the issue as a clash between queer and migrant communities, pitting them against each other.

    As I marched, I quickly noticed how out of place I felt in the predominantly white crowd. At one point, a woman asked me to move aside, assuming I wasn’t part of the protest, likely because of my appearance. This made me question my own belonging in a space that was supposed to be about solidarity and plurality. It highlighted the uncomfortable reality that even within queer spaces, not everyone feels welcomed or understood. Different people I spoke to had their own take on what Pride means to them. For some, it feels like home, while for others, it remains a space where their struggles are made invisible.

    Between Celebration and Commercialization

    The first German CSD took place in Berlin in 1979, inspired by American Pride events but soon adapted to local politics. What began as passionate protests for LGBTQ+ rights has, over time, turned into something much more mainstream and commercialized. Big companies and political parties now play a more significant role. This trend is part of a larger pattern called “rainbow capitalism,” where businesses use LGBTQ+ symbols and slogans for profit, while urgent issues facing the community, especially those on its margins, are pushed aside.

    “Honestly, I couldn’t stand it,” said Mahdi, a community member who left CSD Berlin this year after just 10 minutes. “Pharma companies, banks, and internet giants—what do they have to do with our struggle?” Mahdi’s frustration is palpable. For him, the sight of straight people occupying corporate floats felt like another layer of erasure. “I get that allies are important, but they need to be mindful of the space they take up,” Mahdi added, reflecting a common sentiment among those who feel mainstream Pride has lost its way.

    But not everyone shares this sense of alienation. “For me, my reasons for going to CSD are two-fold,” said Cameron, a regular CSD attendee. “The principles of Pride are still very worthy. It’s a day where we can celebrate our LGBTQ+ identities and reflect on how we’re not just tolerated but accepted and even celebrated by wider society.” Cameron acknowledges the criticisms about corporate influence but admits that, for him, it doesn’t overshadow the event’s value. “Yes, the parade has been hijacked by corporate interests, but the party atmosphere—dancing in the rain to Spice Girls with queer folks from all over the world—is still magical. It’s just fun!”

    Cameron recognizes his own privilege within these spaces. “I haven’t felt excluded because I fit the classic stereotype of a white gay male. I can see why others might feel less represented,” he admitted. Hassan, a gay man of color, shares Cameron’s sentiment: “My birthday aligns with CSD Berlin, so my friends visit me from other cities, and we get to experience this collective joy, dressing however we want. It’s a time to truly celebrate together.”

    Tensions Under the Rainbow

    While some are disillusioned by Pride’s shift away from its radical roots, others appreciate it as a space for self-acceptance. But this raises a fundamental question: Should Pride be about identity or action? Is it enough to reclaim our identities as a response to the shame society imposes, or should Pride be about taking meaningful steps toward change? And if so, what kind of action?

    These debates aren’t new. In the 1990s, the group Gay Shame emerged in the U.S. to challenge the focus on identity and visibility over activism. They argued that simply transforming shame into pride wasn’t enough without confronting systemic oppression through tangible actions like supporting trans rights and fighting against economic inequality. Their stance echoed the message: “None of us is free until all of us are free.”

    In Berlin, I found a similar spirit at Alternative CSD (Kreuzberg Pride), which rejected corporate sponsorship and focused on grassroots activism, taking on issues like poverty and gentrification. But internal conflicts eventually led to its end, showing that even in activist spaces, disagreements can break down solidarity. After a hiatus, Internationalist Queer Pride emerged in 2021 with a bold political stance that demands revolutionary action to dismantle all forms of oppression. They advocate for environmental justice, decriminalizing sex work, supporting Indigenous and migrant rights, and abolishing border regimes

    “It’s empowering to see so many diverse groups coming together for a bigger cause,” says Andreas, a cis white queer man who attended this year’s Internationalist Queer Pride (IQP). However, he adds, “This year’s event was traumatic for many participants due to the police’s excessive use of violence.” For Andreas, this repression is reminiscent of the early days of queer activism, like the Stonewall riots, when police were viewed as a threat, not allies. This controversy around the police’s role is also present on a global scale. For example, Pride Toronto banned police participation following concerns about police brutality and racial profiling raised by the Black Lives Matter movement.

    Dozens of arrests were reported during Internationalist Queer Pride (IQP) this year, directly linked to one of the most contentious issues in Germany: the ongoing atrocities in Palestine. Demonstrations in solidarity with Palestinian communities have frequently faced severe police crackdowns, viewed as an unprecedented restriction of free speech. Germany’s stance is often framed through the concept of Staatsräson, which reflects the country’s commitment to protecting Israel’s security due to historical responsibility for the Holocaust. Critics argue that this has translated into unconditional support for Israeli violations of international law.

    The Dyke* March and The Persistence of Patriarchy

    The Dyke* March, which began in the 1990s to promote lesbian visibility, has since expanded to include women, trans, and non-binary individuals. Cisgender men are asked not to participate, creating a space where these voices and experiences are centered without being overshadowed. Like Kreuzberg Pride, the Dyke* March remains focused on activism and intersectionality, resisting the trend towards commercialization. However, police violence was also reported at this year’s Dyke* March, on the backdrop of Palestinian solidarity.

    Two people I talked to have been regularly attending the Dyke* March. Sarah thinks that patriarchy is still a problem within the queer community and that it manifests in how many queer spaces cater primarily to the male experience. “Yes, there are more FLINTA* spaces and events now, but it’s still not enough,” she said. “We need to keep pushing for real change, not just more visibility.” Mar, who identifies as non-binary, also finds it important to attend: “I can be read as a cis male because of my appearance, but I think building a shared understanding shouldn’t be based solely on appearance. The experiences of not feeling safe in our bodies and in public spaces are significant things we should come together based on.”

    Right-Wing Return and the Full Circle

    While the tensions between police and demonstrators in Berlin may seem like a historical throwback to the early days of activism, another issue warrants serious attention. In 2024, right-wing groups in Germany have increasingly targeted Pride events, particularly in East Germany. These anti-CSD marches are part of a broader trend of rising nationalism and xenophobia in the country. Although images of neo-Nazis in places like Bautzen have generated significant concern on social media, a persistent narrative in German politics portrays homophobia, transphobia, and anti-Semitism as problems imported from elsewhere. This downplays the actual threat posed by right-wing groups that have demonstrated their presence both on the streets and within the German parliament.

    There is no better lesson than the one we are learning now: we must understand issues of xenophobia and injustices related to gender and sexuality as inseparable. With the current existential threats, Pride seems to have come full circle, and we must confront the question of what it means to gather collectively and for what purpose.

  • Homonationalismus

    Homonationalismus

    Warum queere Personen rechtsextreme Parteien wählen

    Von Ernst Röhm bis Peter Thiel: Auch wenn der Großteil queerer Menschen nicht rechtsextrem wählt, finden sich doch immer wieder Gegenbeispiele. Warum? Was bringt queere Menschen dazu, rechtsextreme Parteien zu wählen oder sich diesen sogar anzuschließen? Unser Autor Mathias Foit hat seine Doktorarbeit über dieses Thema geschrieben und gibt hier Antworten.

    Queerer Rechtsruck? In den letzten 10-15 Jahren haben Rechtspopulismus und Rechtsextremismus weltweit ein besonders starkes Wiederaufleben erlebt und etliche Teile der Gesellschaft durchdrungen. Immer wieder mal berichten die Medien in scheinbarer Fassungslosigkeit, dass sich LGBTQIA+ Personen – in der Theorie die weltoffenste, toleranteste gesellschaftliche Gruppe – rechtsextremen, nationalistischen Parteien zuwenden, sei es dem Rassemblement National in Frankreich oder den Republikaner*innen unter Trump. Jene Parteien sind entweder unverhohlen queerfeindlich oder erklären – mehr oder minder offiziell – ihre Absicht, die Rechte verschiedener queerer Gruppen zu beschneiden.

    So überraschend und widersprüchlich dieses Phänomen auch sein mag, es ist in der modernen Geschichte nicht neu. Im folgenden Beitrag werden sowohl historische als auch aktuelle Beispiele aus einigen Ländern – insbesondere Deutschland, aber auch den USA, Frankreich und Polen – für die Verflechtung von queerem Begehren sowie queerer Politik einerseits und Nationalismus sowie Rechtsextremismus andererseits angeführt. Dabei wird nicht nur der Frage nachgegangen, aus welchen Gründen queere Menschen ihre Stimme rechtsextremen Parteien geben, sondern auch, welche Konsequenzen dies für die heutige Politik hat und welche Lehren daraus gezogen werden können.

    „Die warme Bruderschaft im Braunen Hause“: Der Zirkel um Ernst Röhm

    Bereits in den frühen 1930ern, noch vor der Machtergreifung, wurde Ernst Röhm, Führer der Sturmabteilung (SA) und eine der wichtigsten Figuren der NSDAP, „Held“ einer breit angelegten Hetzkampagne: Er wurde als Homosexueller geoutet. Gerüchte über seine sexuellen „Exzesse“ hatten schon Jahre davor zirkuliert, außerdem war er Mitglied des Bundes für Menschenrecht (BfM), des größten nationalen Dachverbands der sogenannten „Freundschaftsvereine“ in der Weimarer Republik.

    Bild von Ernst Röhm in SA-Uniform mit Hakenkreuzbinde um den Arm. Ernst Röhm – Foto: Bundesarchiv, Bild 102-15282A / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons

    Als Homosexuelle waren auch andere SA-Funktionäre bekannt, wie der Oberpräsident und Gauleiter der Provinz Niederschlesien, Helmuth Brückner, sowie sein Stellvertreter und der Polizeipräsident von Breslau, Edmund Heines, von dessen „nächtlichen Orgien“ und „wüsten Gelagen mit jungen Männern“ der Schriftsteller Walter Tausk in seinem Tagebuch berichtete. Vor allem die sozialdemokratische Presse spottete über den Zwiespalt zwischen der offiziellen Parteilinie der NSDAP zu Homosexualität und der offenbaren Toleranz gegenüber Homosexuellen in den eigenen Reihen. Die Münchener Post sprach von einer „warmen Bruderschaft im Braunen Hause“.

    Hitler wusste über die Homosexualität Röhms und dessen vieler Anhänger. Warum er sie so lange tolerierte, wie er dies mit der offiziellen Position der Nazi-Partei zur „widernatürlichen Unzucht“ vereinbarte sowie was der Hauptgrund für die Ende Juni, Anfang Juli 1934 von Hitler veranlasste Ermordung zahlreicher Parteigenossen, die in die Geschichte als der „Röhm-Putsch“ eingegangen ist, bleibt Gegenstand historischer Debatte. Sowohl Röhm als auch Heines fielen der blutigen Säuberungsaktion zum Opfer.

    Dank zahlreichen Forschungen wissen wir heute, dass der mit solcher Vehemenz geführte anti-homosexuelle Kreuzzug kein nebensächliches Thema, sondern ein zentraler Bestandteil der konservativen Revolution der Nazis bildete. So ist es durchaus möglich, dass die Röhm-Morde tatsächlich in erster Linie der Zerschlagung einer als vermeintlich gefährlichen, zu Verschwörungen gegen den Staat tendierenden Clique von Homosexuellen dienten. Andererseits ist auch denkbar, dass Hitler – wie viele Historiker*innen meinen – auf diese Weise den in seinen Augen größten Konkurrenten und dessen Kreis aus dem Weg der Alleinherrschaft in der NSDAP räumen wollte.

    Die Wurzeln des queeren Rechtsextremismus

    Annäherungsversuche an die Nazis gab es auch von Seiten der damals aktiven „Homosexuellenbewegung“ in der Person des Vorsitzenden des bereits erwähnten Bundes für Menschenrecht, Friedrich Radszuweit. Im August 1931 schrieb er einen offenen – und letztlich unbeantworteten – Brief an Hitler persönlich, in dem er den NSDAP-Chef zur Revision seiner Position zu Homosexualität aufforderte. Bemängelt hat Radszuweit auch die Schmutzkampagne gegen Röhm, wobei sich seine Kritik im Kern mehr gegen die Instrumentalisierung der Homosexualität als politische Waffe richtete, als dass er den SA-Führer in Schutz nehmen wollte.

    Inwieweit Radszuweits Anbiederung an die Nazis von seinem vermeintlichen Wertewandel beziehungsweise Opportunismus zeugt oder als verzweifelter Versuch, mit dem Teufel zu verhandeln, zu werten ist, wird bis heute kontrovers diskutiert. Fakt ist, dass sich bereits Ende der 1920er Jahre circa 30% der BfM-Mitgliedschaft als Anhänger*innen der Nazipartei erklärt hatten. Ob Radszuweit es wollte oder nicht, die wachsende Unterstützung für die NSDAP, auch in den eigenen Reihen des BfM, war nicht zu übersehen.

    Generell waren Konservatismus, Nationalismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in der Geschichte der ersten deutschen „Homosexuellenbewegung“ keineswegs Randerscheinungen. Magnus Hirschfeld, der gemeinhin als geistiger Vater und inoffizieller Anführer der Bewegung gefeiert wird, gehörte zu den lautstärksten Verfechtern des Ersten Weltkriegs und veröffentlichte zwei Schriften (eine davon mit dem bezeichnenden Titel „Warum hassen uns die Völker?“), die den deutschen Imperialismus verteidigten. Erst in den späteren Kriegsjahren wandte er sich dem Pazifismus und Internationalismus zu. Adolf Brand, Vorsitzender der Gemeinschaft der Eigenen (GdE), die die Männer- und „Knabenliebe“ feierte, und informeller Sprecher des Kreises der sogenannten „Maskulinisten“, war ein eingefleischter Antifeminist, Antisemit sowie ein unerbittlicher Kritiker der Weimarer Republik und Befürworter einer antidemokratischen, erzkonservativen Politik.

    Das seltsame Paradox: Rechte und Homonationalismus

    Die heutige Verflechtung zwischen LGBTQIA+ und Nationalismus wird oft als „Homonationalismus“ bezeichnet. Dabei geht es um die Instrumentalisierung von Homosexualität für nationalistische, rassistische Zwecke und um das Ausspielen von queeren Gruppen (meistens cis-männlichen, weißen Schwulen) gegen die „Anderen“. So versuchen zum Beispiel rechte Politiker*innen, die Angst der Ersteren vor den Letzteren zu schüren und damit Wähler*innenstimmen zu gewinnen, indem sie insbesondere auf das Fremdbild des fundamentalistischen, homophoben, meist muslimischen Einwanderers zurückgreifen.

    Das führt zu einem noch größeren Spagat als bei den Nazis: Heutige Rechtsextreme stellen sich manchmal als vermeintliche Beschützer*innen einer gesellschaftlichen Gruppe dar, die andere Rechtsextreme wiederum im Gefängnis sehen wollen und wiederum andere für die angebliche Sexualisierung von Kindern verantwortlich machen.

    Homonationalismus „Around the World“

    Beispiele für Homonationalismus gibt es auf der ganzen Welt. 2016 entstand in den USA die islamfeindliche, „White Supremacy“ predigende und transphobe Vereinigung „Gays for Trump“. Bereits 2005 hat der Historiker Paul Robinson in seinem Buch Queer Wars beschrieben, wie der Konservatismus seit Beginn der „Gay Liberation“-Bewegung die LGBTQ+ Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten spaltet. Auch in Frankreich und den Niederlanden gewinnen die Rechtsextremen unter vielen LGBTQIA+ Personen an Unterstützung. Schon in der Präsidentschaftswahl 2017 war Marine Le Pen vor allem für weiße, cis-männliche Homosexuelle eine zumutbare politische Alternative.

    Interessanterweise muss der Rückgriff auf Patriotismus oder Nationalismus durch queere Menschen nicht unbedingt islamophob oder rassistisch motiviert sein. In Polen zum Beispiel hat die Kontroverse um die Darstellung des Staatswappens und der Nationalflagge vor einem Regenbogenhintergrund auf einigen CSDs im Jahr 2018 eine Debatte auch innerhalb der dortigen LGBTQIA+ Gemeinschaft ausgelöst. Viele sahen darin eine wirksame politische Strategie zur Anerkennung der Zugehörigkeit zur nationalen Gemeinschaft. Andere grenzten sich aufgrund der institutionellen Queerphobie der damaligen Regierung stark vom Nationalstolz ab.

    Die wichtigste Frage: warum?

    Die Gründe für den scheinbaren Widerspruch zwischen emanzipatorischen Bestrebungen und rechtsextremer, nationalistischer und sehr konservativer Politik sind natürlich je nach Fall und Kontext unterschiedlich.

    Im Deutschen Kaiserreich beispielsweise war die gesamte deutsche Gesellschaft stark nationalistisch und konservativ geprägt, was mit der imperialen und militaristischen Grundausrichtung des Staates einherging, schließlich waren es auch die europäischen Nationalismen, die zum Ersten Weltkrieg führten.

    In der Weimarer Republik spielten zudem weit verbreitete nationale Ressentiments, die Demütigung des Verlorenen und die Sehnsucht nach der alten Ordnung eine Rolle. Hinzu kam, dass queere Menschen, denen immer wieder das Bürgerrecht abgesprochen und verräterische Tendenzen unterstellt wurden, um ihre Anerkennung als respektable, pflichtbewusste und loyale Staatsbürger*innen kämpften. Eine ähnliche Motivation – wenn auch in einem ganz anderen, weitgehend einfacheren soziopolitischen und rechtlichen Kontext – treibt viele LGBTQIA+ im heutigen Polen an.

    Bezeichnenderweise sind es vorwiegend cisgeschlechtliche Männer, die nach wie vor die politische Avantgarde des Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Nationalismus bilden. Wundern dürfte es kaum, schließlich wird ihnen seit jeher Männlichkeit und die damit assoziierten Eigenschaften wie Stärke, Entschlossenheit und Tüchtigkeit abgesprochen. Sich als Patriot oder gar Nationalist zu bekennen, bedeutet häufig, sich als „richtiger“ Mann zu behaupten.

    Wie gezeigt wurde, ist ein gemeinsamer Nenner der verschiedenen Formen und nationalen Variationen des heutigen Homonationalismus häufig die Islamophobie. Rechtsextreme Parteien nutzen die Ängste einiger LGBTQIA+ Personen zynisch aus, um damit Stimmen zu gewinnen und gegen die Zuwanderung von Menschen – darunter auch queeren, die in Deutschland Zuflucht finden könnten – aus muslimisch geprägten Ländern zu plädieren.

    Und was nun? Konsequenzen für die Politik

    Der Homonationalismus verdeutlicht, dass die heutzutage – aus gutem Grund – hinterfragten gesellschaftlichen Konzepte wie Geschlecht oder Nation(alität) auch für viele LGBTQIA+ Menschen immer noch eine nicht zu unterschätzende Bedeutung haben. Das von Teilen der Gesellschaft erwünschte Loswerden dieser Kategorien wird damit zu einer größeren Herausforderung als gedacht und erfordert kreative Ansätze.

    Außerdem zeigt der Homonationalismus die Wichtigkeit der Einbindung von Antirassismus in queere, emanzipatorische Politik und Bildung. Auch in der LGBTQIA+ Gemeinschaft sind Stereotype und Vorurteile gegenüber „Fremden“ weit verbreitet. Geflüchtete, aber auch Queers of Colour sind von dem Rechtstruck der letzten Jahre besonders betroffen, weshalb gerade ihnen die Solidarität der gesamten Community gehört.

    Die Widersprüchlichkeit und der Zynismus rechtsextremer Parteien im Umgang mit Homosexualität und geschlechtlicher Vielfalt liegt auf der Hand. Was sich viele queere Menschen als eine Verbesserung erhoffen, kann nur wie vor fast einhundert Jahren enden – mit Enttäuschung und Elend.


    Mehr zum Thema gibt es auch im Artikel „Queere Nazis“ des Siegessäule-Magazins.

    Bibliographie

    • Bauer, Heike.The Hirschfeld Archives: Violence, Death, and Modern Queer Culture.” Philadelphia, Pennsylvania: Temple UP, 2017.
    • Bruns, Claudia. „Politik des Eros: Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880–1934).“ Köln: Böhlau Verlag, 2008.
    • Foit, Mathias. “Queer Urbanisms in Wilhelmine and Weimar Germany: Of Towns and Villages.” Cham, Schweiz: Palgrave Macmillan, 2023.
    • Marhoefer, Laurie. “Sex and the Weimar Republic: German Homosexual Emancipation and the Rise of the Nazis.” Toronto: University of Toronto Press, 2015.
    • Micheler, Stefan. “Zeitschriften, Verbände und Lokale gleichgeschlechtlich begehrender Menschen in der Weimarer Republik.” Stefan Micheler Homepage. August 1, 2008. www.StefanMicheler.de/zvlggbm/stm_zvlggbm.pdf.
    • Vendrell, Javier Samper. “The Seduction of Youth: Print Culture and Homosexual Rights in the Weimar Republic.” Toronto: University of Toronto Press, 2020.
    • Wolfert, Raimund. “Auf den Spuren der ‘Invertierten’ im Breslau der zwanziger und dreißiger Jahre.Invertito– Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten 9 (2007): 93–135.
    • Zinn, Alexander. „Aus dem Volkskörper entfernt? Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus.“ Frankfurt: Campus Verlag, 2018.