Schlagwort: Aids

  • 5 Fragen an den Gay Health Chat

    5 Fragen an den Gay Health Chat

    Hallo Klaus! Herzlichen Glückwunsch zu fünf Jahre Gay Health Chat! Was genau ist der Gay Health Chat und an wen richtet er sich?

    Vielen Dank!

    Der Gay Health Chat ist eine Internet-Beratung. Er funktioniert ohne Anmeldung und ist kostenlos. Er richtet sich an Schwule und an alle Männer, die Sex mit Männern haben. Dazu gehören auch trans* Männer, sowie nicht-binäre und gender non-konforme Menschen, die sich der schwulen Community zugehörig fühlen.

    Warum wurde der Gay Health Chat geschaffen?

    Kleine Beratungsstellen und Aidshilfen haben einfach nicht immer das Geld oder die Ressourcen, einen Online-Chat auf die Beine zu stellen. Beim Gay Health Chat stellt die Deutsche Aidshilfe die Technik zur Verfügung und sorgt für gute Qualität. Die Berater schalten sich dann aus 46 Beratungsstellen dazu: aus Österreich, Deutschland und aus der Schweiz.

    Wer berät beim Gay Health Chat und wie werden die Berater geschult?

    Alle, die bei uns arbeiten, haben eine Ausbildung zum HIV-/STI-Berater bei der Deutschen Aidshilfe gemacht. Und wir schulen alle regelmäßig in Onlinekommunikation, weil es ja viel schwieriger ist, beim Tippen und ohne Sichtkontakt einzuschätzen, wie es dem anderen geht. Dieses Jahr kommt noch eine Zusatzausbildung zum Ersthelfer bei psychischen Gesundheitsproblemen dazu. Unsere Berater sind alle selbst schwul oder queer und arbeiten z.B. bei schwulen Checkpoints, im IWWIT-Team oder bei Aidshilfen – eine ganz bunte Mischung.

    Mit was für Fragen kommen die Menschen in den Gay Health Chat?

    Meistens haben die Fragen mit Sex zu tun. Wir sind ja die Aidshilfe und kennen uns da besonders gut aus. Seit Corona gibt es aber auch immer mehr Leute, die uns anchatten, weil sie sich scheiße fühlen, einsam sind, nicht klarkommen. Denen können wir auch helfen.

    Welche Themen sind den Menschen vielleicht noch nicht so bewusst, bei denen ihr aber dennoch beraten könnt?

    Wir tauschen uns viel aus und haben in den letzten Jahren viel über Drogen beim Sex gelernt: Warum ist das besonders geil und welche Schritte sind nötig, wenn es nicht mehr lustig ist – da können wir inzwischen gute Hilfe anbieten. Außerdem hat jeder Berater sein Coming-Out als schwuler Mann erlebt und kann deswegen alle anderen gut verstehen, die das Thema gerade umtreibt. Wie werde ich ein selbstbewusster, mutiger Mensch in dieser Welt? Das zu vermitteln ist unser Ziel.

    Klaus, vielen Dank für das Gespräch!

    Ihr erreicht den Gay Health Chat unter gayhealthchat.de.
    Alles zum schwulen Leben findet ihr unter iwwit.de/schwules-leben!
  • Queer-Beauftragter der Bundesregierung: „Bei Aufrufen zu Gewalt zeige ich klare Kante!“

    Queer-Beauftragter der Bundesregierung: „Bei Aufrufen zu Gewalt zeige ich klare Kante!“

    Herr Lehmann, 2021 wurden Sie von mehr als 70.000 Kölner*innen direkt in den Bundestag gewählt. Seit November sind Sie parlamentarischer Staatssekretär im Familienministerium und seit Januar auch noch der Queer-Beauftragte der Bundesregierung. Bei all diesen Erfolgen: Erleben Sie persönlich noch Benachteiligungen oder Diskriminierung, weil Sie schwul sind?

    In den 20 Jahren, in denen ich schwul lebe, bin ich natürlich hin und wieder auch diskriminiert worden. Mein Mann und ich wurden beispielsweise auf der Straße beschimpft, weil wir Hand in Hand gingen oder im Internet angefeindet. Dennoch habe ich sicher weniger Alltagsdiskriminierung als andere Menschen erlebt, weil ich als Politiker in einer privilegierten Rolle bin. Meine Partei hat schon immer für die Rechte von LSBTIQ* und anderen Minderheiten gestritten. Da bin ich natürlich von einem sehr sicheren und offenen Umfeld umgeben.

    Vor Kurzem haben Sie einen Hassprediger aus Görlitz angezeigt, der in einem Video gegen queere Menschen gehetzt und Ihnen den Tod gewünscht hat. Wie gehen Sie generell um mit homofeindlichen Attacken? Wann wehren Sie sich – und wann ignorieren Sie sowas, um Extremist*innen keine zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen?

    Wenn es um Aufrufe zu Gewalt oder um einen Mordaufruf wie im Fall dieses Hasspredigers geht, zeige ich klare Kante. Da schalte ich den Staatsschutz ein und erstatte Anzeige. Bei meiner politischen Arbeit muss ich leider mit Hasskommentaren im Netz leben, die sich nun, da ich durch mein neues Amt als Queerbeauftragter noch mehr in der Öffentlichkeit stehe, massiv verstärkt haben. Ich ignoriere da vieles, aber auch hier melde ich Kommentare und blocke die Verfasser*innen, wenn Grenzen überschritten werden.

    Diskriminierung innerhalb der LSBTIQ*-Community: Auch innerhalb der queeren Communitys treffen trans* Personen und nicht-binäre Menschen oft auf Vorbehalte. Wie inklusiv erleben Sie die queere Szene?

    Die LGBTIQ*-Community ist sehr vielfältig – und genau so vielfältig sind die Forderungen, die die unterschiedlichen Gruppen an die Politik stellen. Als Queerbeauftragter bin ich Ansprechperson für alle. Ich versuche zuzuhören und die Bedürfnisse der Community in die Regierungsarbeit einzubringen. Bei aller Unterschiedlichkeit innerhalb der Community sehe ich aber zugleich auch viel Potenzial für Bündnisse. Und ich bin überzeugt: Wenn wir queerpolitisch in dieser Legislatur etwas erreichen wollen, dann brauchen wir dafür gegenseitige Solidarität. Wir müssen gemeinsam für die Rechte der LGBTIQ*-Community eintreten – zum Beispiel aktuell beim geplanten Selbstbestimmungsgesetz, das das sogenannte „Transsexuellengesetz“ ersetzen soll. Da gibt es gerade viel Gegenwind und wir werden noch so manche Diskussion führen und eine Menge Überzeugungsarbeit leisten müssen, bis das Gesetz steht. Aus der Community heraus ist daher Unterstützung wichtig.

    Fühlen Sie sich als Queer-Beauftragter auch zuständig für mehr Toleranz innerhalb der Community – und wie könnten wir sie fördern?

    Auf jeden Fall sehe ich das als eine meiner Aufgaben an. Ich denke, das Wichtigste ist, miteinander im Gespräch zu bleiben und sich bewusst zu machen, dass wir die ambitionierten Ziele, die wir im Koalitionsvertrag verankert haben, nur erreichen, wenn die Community sich einbringt und solidarisch agiert. Dann schaffen wir in dieser Legislatur einen echten Aufbruch für Vielfalt, Selbstbestimmung und gleiche Rechte von LSBTIQ*-Menschen. Noch im Sommer will ich zum Beispiel den Startschuss für den ersten bundesweiten Aktionsplan für Vielfalt und gegen Queerfeindlichkeit geben.

    Die Verbände und Initiativen der queeren Community leisten für diesen Aktionsplan einen sehr wichtigen Beitrag – wir starten einen Dialogprozess darüber, was für sie wichtig und wo weitere Förderung notwendig ist. Auch das Familienrecht soll endlich ein Update bekommen und den gesellschaftlichen Realitäten angepasst werden. Denn Familien sind vielfältig und bestehen nicht immer nur aus Mutter, Vater, Kind. Wir wollen deshalb das Abstammungsrecht reformieren und Mehrelternschaften rechtlich absichern. Bei all diesen Themen gibt es innerhalb der Community verschiedene Interessen, die geäußert und auch gehört werden.

    „Medizinisch ist HIV mittlerweile gut beherrschbar. Diskriminierung hingegen macht krank.“

    Menschen mit HIV können heute fast problemlos mit dem Virus leben – und unter Therapie ist HIV nicht übertragbar. Ein großes Problem hingegen ist für sie die Stigmatisierung von HIV. Über ihre Infektion zu sprechen, erleben fast 80 Prozent als riskant, weil sie oft mit Vorurteilen konfrontiert werden – zum Beispiel bei einem Date. Wie wollen Sie in Ihrem Amt dazu beitragen, dass die Stigmatisierung von Menschen mit HIV weiter abgebaut wird?

    Medizinisch ist HIV mittlerweile gut beherrschbar. Diskriminierung hingegen macht krank. Die Angst vor Zurückweisung und Ausgrenzung wiegt für viele Menschen mit HIV schwerer als die gesundheitlichen Folgen. Ich setze mich deshalb dafür ein, dass der Aktionsplan für Vielfalt und gegen Queerfeindlichkeit auch Maßnahmen wie die Stärkung der Aufklärungsarbeit über HIV umfasst. Hier werde ich das Bundesministerium für Gesundheit und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bitten, sich aktiv einzubringen, um aktuelle Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten bei Ärzt*innen bekannter zu machen und um Stigmatisierung vorzubeugen. Denn niemand mit HIV sollte sich verstecken müssen.

    Laut Umfragen wissen nur ein Fünftel der Deutschen, dass eine HIV-Therapie zuverlässig die Übertragung von HIV verhindert. Wie ist das in Ihrem Bekanntenkreis? Wissen da alle schon vom Schutz durch Therapie?

    In meinem queeren Bekanntenkreis weitgehend ja. Aber einer heterosexuellen Bekannten, die sehr viele Ängste rund um das Thema HIV und Aids hat, habe ich neulich lange erklärt was PrEP ist und dass eine HIV-Therapie die Übertragung des Virus verhindern kann. Das wusste sie alles nicht und war danach erleichtert und dankbar für die Informationen.

    „Die PrEP hat sich in den vergangenen Jahren als hoch effektiver Schutz erwiesen (…). Nun geht es darum, die Versorgung auch auf dem Land sicherzustellen.“

    Seit mehr als zwei Jahren gibt es die PrEP als Kassenleistung, unter anderem für schwule Männer. Welche Bilanz ziehen Sie nach zwei Jahren PrEP auf Rezept?

    Heutzutage gibt es mit Kondomen, PrEP und Therapie drei gute und wirksame Methoden der Prävention. Die PrEP hat sich in den vergangenen Jahren als hoch effektiver Schutz erwiesen – das zeigen Forschungen des RKI, mit denen die Einführung der PrEP begleitet und evaluiert wurde. Demnach nutzten schon 2020 geschätzt bis zu 21.600 Menschen in Deutschland PrEP, fast überwiegend Männer. Wir wissen auch, dass es sehr große regionale Unterschiede beim PrEP-Gebrauch gibt – insbesondere in Großstädten wie Berlin ist die Nutzung stark verbreitet. Nun geht es darum, die Versorgung auch auf dem Land sicherzustellen und in Regionen, in denen es weniger Ärzt*innen gibt, die PrEP verordnen – und gleichzeitig darum, Infos zur PrEP noch weiter in die Community hineinzutragen.

    Wie stark hat die PrEP das schwule (Sex-)Leben verändert?

    Ich glaube, fast jeder schwule Mann kennt das Gefühl, in regelmäßigen Abständen auf das Ergebnis eines HIV-Tests zu warten und zu hoffen, dass der Test negativ ist. Diese ständige Angst vor der Ansteckung kann zermürben und war als Belastung oft im Hinterkopf – obwohl Sexualität ja eigentlich befreiend und angstfrei sein sollte. Mit PrEP haben schwule Männer zusätzliche Sicherheit erhalten – für viele ist PrEP eine Befreiung, auch wenn sie natürlich nicht vor anderen STIs schützt.

    „Diese ständige Angst vor der Ansteckung kann zermürben und war als Belastung oft im Hinterkopf – obwohl Sexualität ja eigentlich befreiend und angstfrei sein sollte.“

    Ihr Partner Arndt Klocke hat sich schon 2017 in einem Interview als PrEP-Nutzer geoutet und auch sein Gesicht im Rahmen von Social Media bei ICH WEISS WAS ICH TU für die PrEP gezeigt. Jetzt interessiert uns natürlich sehr: Welche der drei Safer-Sex-Methoden zum Schutz vor HIV nutzen Sie und warum?

    Ich bin bisher beim guten alten Kondom geblieben. (lacht)

    Arndt Klocke und Sie sind seit 20 Jahren ein Paar. Deshalb zum Abschluss bitte noch ein Beziehungstipp: Wie gelingt eine glückliche Beziehung – trotz Karriere und viel Pendelei zwischen NRW und Berlin?

    Mein Mann und ich achten sehr darauf, dass wir gemeinsame Zeit haben – unser Privatleben ist uns beiden heilig. Die Wochenenden verbringen wir so oft wie möglich zusammen entweder in Köln oder Berlin. Wir gehen dann viel ins Kino, wir interessieren uns für Kultur, Sport und Reisen. Und irgendwie ist die Pendelei zwar anstrengend, aber auch ein guter Beitrag für die Beziehung, weil wir uns dann immer wieder aufeinander freuen.

    Vor Kurzem waren Sie und Herr Klocke beim Podcast Queerkram zu Gast. Dort sprachen Sie auch über Sex außerhalb der Beziehung. Sie sagten, offene Beziehungen würden sie auch den Heteros „gönnen und wünschen.“ Warum können Sie eine offene Beziehung empfehlen?

    Empfehlen möchte ich gar kein bestimmtes Beziehungsmodell. Denn wie Beziehungen gelebt werden, was glücklich macht und was erfüllte Sexualität bedeutet, das muss jede*r für sich selbst entscheiden und mit anderen Menschen aushandeln. Was ich aber unbedingt empfehlen möchte, ist Offenheit – in den Partnerschaften, aber auch nach außen. Denn das macht frei und schafft auch neue Räume für andere Menschen, sich auch zu trauen. Selbstbestimmte Sexualität mit wechselnden Partner*innen, verbindliche monogame Partnerschaften und alle Varianten dazwischen: Darüber selber ohne Stigma entscheiden zu können ist Kern einer liberalen Gesellschaft. Und dazu gehört auch eine sex-positive Politik.

  • Auch heute noch werden Menschen mit HIV in der Szene ausgegrenzt

    Auch heute noch werden Menschen mit HIV in der Szene ausgegrenzt

    Im September 2021 wurde die Studie „positive stimmen 2.0“ veröffentlicht. Sie zeigt: In der Regel können Menschen mit HIV sehr gut mit ihrer Infektion leben. Dies bestätigten fast 90% der Befragten. Aber: Das Problem beim Leben mit HIV ist Diskriminierung und Stigmatisierung – auch in der schwulen Community.

    Das war für uns Grund genug, die Ergebnisse der Studie dieses Jahr zu einem unserer Hauptthemen zu machen! Menschen mit HIV waren von Anfang an an dieser Befragung beteiligt. Menschen mit HIV haben andere Menschen mit HIV interviewt. Dadurch entstand eine wichtige Vertrauenssituation, damit die Befragten ihre authentischen Erfahrungen teilen konnten.

    Ebenso kommen auch bei unserem neuen Video einige Menschen mit HIV selbst zu Wort! Schau es dir hier an:

    Bei ICH WEISS WAS ICH TU (IWWIT) sind Menschen mit HIV von Anfang an ein wichtiger Teil unserer Kampagne gewesen. Genau so wie authentische Bilder vom Leben mit HIV. Sie verhindern Stigmatisierung und Diskriminierung.

    Wenn du uns bei unserer Arbeit unterstützen möchtest, dann teile dieses Video! Und erzähle den Menschen von einer ganz besonderen guten Nachricht: HIV ist unter Therapie nicht übertragbar. Denn das hat die Studie auch gezeigt: Diese Nachricht hat Betroffene sehr entlastet.

    Zeig dich außerdem überall solidarisch, wo Menschen mit HIV ausgegrenzt oder diskriminiert werden! Und informier dich auf iwwit.de! Hier findest du viele weitere Infos zum Leben mit HIV. Und du findest Infos dazu, wie du oder andere sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung wehren können.

  • Vorurteile machen krank. HIV unter Therapie nicht.

    Vorurteile machen krank. HIV unter Therapie nicht.

    Die Studie „positive stimmen 2.0“ hat gezeigt: Der Großteil der befragten Menschen mit HIV kann heute gut mit der Infektion leben. Aber: Viele erleben gleichzeitig alltäglich Diskriminierung und Ausgrenzung!

    Das alles hat erhebliche negative Auswirkungen auf den Gesundheitszustand, das Wohlbefinden und die sexuelle Zufriedenheit. Hinzu kommen Scham- und Schuldgefühle.

    Außerdem zeigt die Studie: Mehr als 50% der Befragten wurden in den zurückliegenden 12 Monaten mindestens einmal beim Sex zurückgewiesen. Und das, obwohl es Schutz durch Therapie gibt.

    Schau dir jetzt unser Video dazu an:

    Eine gute Nachricht: Seit es Schutz durch Therapie gibt, erleben immerhin 40 Prozent der Befragten weniger Diskriminierung. Die HIV-Medikamente unterdrücken dabei die Vermehrung von HIV im Körper. HIV kann dann beim Sex nicht mehr übertragen werden.

    Wenn du dich also schon gefragt hast, was du selbst gegen die Diskriminierung von Menschen mit HIV machen kannst, dann wäre das genau ein erster Schritt. Erzähl es weiter: HIV ist unter Therapie nicht übertragbar. Sag es deinen Freund*innen, deiner Familie oder Arbeitskolleg*innen.

    Und es gibt noch mehr, was du tun kannst. Zeig dich außerdem überall solidarisch, wo Menschen mit HIV ausgegrenzt oder diskriminiert werden! Und informier dich auf iwwit.de! Hier findest du viele weitere Infos zum Leben mit HIV. Und du findest Infos dazu, wie du oder andere sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung wehren können.

    Außerdem zeigen wir in unserer Kampagne authentische Bilder von Menschen mit HIV, denn sie sind ein unerlässlicher Teil unserer Community.

    Du willst mehr? Dann melde dich bei IWWIT – und sag uns deine Meinung! Oder erzähl uns von deinen Ideen oder Wünschen zum Thema Leben mit HIV: Auf Facebook, Instagram oder klassisch per E-Mail. Wir freuen uns auf dich!

  • Mr. Gay Germany: „Stolz darauf, am Leben zu sein!“

    Mr. Gay Germany: „Stolz darauf, am Leben zu sein!“

    Zum ersten Mal wurde mit Max Appenroth eine offen lebende trans* Person zum Mr. Gay Germany gewählt. Wir sprachen mit Max über den Contest, über Trans*feindlichkeit in der schwulen Community und Max‘ Kampagne #ProudToBeAlive.

    Trigger Warnung: In diesem Interview geht es u.a. um Trans*feindlichkeit, psychisches Wohlbefinden und Suizid.


    Max, du hast mehrere Coming-outs hinter dir, magst du uns davon erzählen?

    Als ich 13 war, outete ich mich als lesbisch. Es war mein erstes Coming-out. Damals fühlte es sich für mich als „Frau“ mit Männern falsch an. Irgendwann merkte ich dann, dass ich keine Frau bin und hatte ein weiteres Coming-out als trans*. Dazu auch mehr oder weniger als schwule Person, weil ich durch meine Identität und mein verändertes Erscheinungsbild Zugang zu anderen Räumen wie schwulen Bars und Saunas hatte und meine Sexualität anders leben konnte. Dann hatte ich vor zwei Jahren eine andere Art von Coming-out als nicht-binäre trans* Person. Also ich fühle mich im männlichen Spektrum wohl, bin aber deutlich mehr als „nur“ ein Mann.

    Was bedeutet der Begriff „nicht-binäre Menschen“?
    Nicht-binäre Menschen können sich als „sowohl männlich als auch weiblich“ oder als „weder männlich noch weiblich“ verstehen oder das zweigeschlechtliche Konstrukt gänzlich ablehnen.

    Wann hast du dich während dieser Zeit in deinem Körper am wohlsten gefühlt?

    Jetzt fühle ich mich sehr wohl in meinem Körper. Die Narrative, dass trans* Menschen im falschen Körper geboren sind, mag ich nicht. Ich bin im perfekten Körper geboren! Es gab nur eine Zeit, in der ich mich mit einzelnen Teilen meines Körpers nicht wohl fühlte und sie modifizieren wollte, um mich in diesem Körper 100% wohl zu fühlen. Das war vor zehn Jahren, als ich eine Operation hatte, um mir die Brüste entfernen zu lassen. Seit dem Moment ist mein Körper einfach perfekt, so wie er ist.

    Was bedeutet der Begriff „Transition“?
    Transition beschreibt den (medizinischen, rechtlichen, sozialen, körperlichen) Prozess von Menschen, die sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifizieren, ihre Geschlechtsidentität und ihr körperliches Erleben zum Ausdruck zu bringen und anzunähern.

    Wie war der Weg zur OP?

    Schwierig! Fachlich kompetente Informationen zum Thema Transition zu finden ist nicht einfach. Man muss alles selbst herausfinden: Was will ich? Welche Möglichkeiten habe ich? Außerdem dauert es in Deutschland in der Regel ein bis zwei Jahre vom Antrag bei der Krankenkasse bis zur OP. Und die Anträge werden oft auch abgelehnt. Dann geht man in Berufung und wartet dann wieder auf die Bearbeitung, bis man endlich das OK bekommt. Ich hätte das psychisch und physisch nicht länger ausgehalten, weil ich die Brüste abgebunden und alles ganz platt gedrückt hatte. Das heißt, dein Brustkörper ist permanent komprimiert, du kannst nicht atmen, nicht wirklich aufrecht gehen, du hast Rückenschmerzen. Also habe ich meine Brustoperation in den USA machen lassen. Ich musste zwar selbst viel bezahlen, aber so konnte ich einen ganz schlimmen Prozess mit der Krankenkasse umgehen und schneller an mein Ziel kommen.

    Was bedeutet der Begriff „cis Männer“?
    Cis Männern wurde bei der Geburt das Geschlecht „männlich“ zugeschrieben und sie identifizieren sich auch zum jetzigen Zeitpunkt noch damit.

    Fehlen der Infrastruktur der queeren Szene Deutschlands Präventionsbotschaften und Organisationen für trans* Personen?

    Absolut! Auch wenn Deutschland generell bei der Gesundheitsversorgung ein großartiges Land ist, gilt das jedoch nicht für trans* Personen, weil es viel zu wenig Wissen über unsere Körper und Bedürfnisse gibt. Selbst in den queeren Initiativen, die sich für die Gesundheitsversorgung einsetzen, muss einfach auch viel mehr getan werden, damit wir auch gesehen werden und wirklich mitagieren dürfen. Also dass nicht irgendetwas für uns von irgendwem gemacht wird, sondern dass wir es als Community selbst für uns machen dürfen.

    Zum Beispiel Präventionskampagnen: Wenn keine trans* Personen mitarbeiten, wie weiß man dann, wie man die Community am Besten adressiert? Wenn auf allen Plakaten nur schwule cis Männer zu sehen sind, aber keine trans* Personen, fühle ich mich nicht angesprochen. Da muss man einfach hinschauen, wie man die Communities repräsentiert, wie man mit ihnen zusammenarbeitet, um wirklich die bestmögliche Arbeit zu machen, die auch die Bedürfnisse der Community widerspiegelt. Ich arbeite vornehmlich im Bereich der HIV-Prävention, speziell für trans* Personen, und sehe, wie viel Arbeit jetzt noch getan werden muss.

    Schwul. Trans*. Teil der Szene!
    Unsere Broschüre „Schwul. Trans*. Teil der Szene!“ bietet schwulen trans* und cis Männern, gender-nonconforming und nicht-binären Menschen, die sich der schwulen Community zugehörig fühlen unter anderem alle Infos zum respektvollen Umgang innerhalb unserer vielfältigen Szene, zu schwulem Sex sowie zum Schutz vor HIV (Safer Sex). Kurze Infos zur Trans*-History und bedeutenden Aktivist*innen sowie Links zu mehr Infos runden die Broschüre ab. Du findest sie unter iwwit.de/trans!
    Max lächelt in die Kamera.
    Max möchte sich verstärkt mit der hohen Selbstmordrate unter queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen befassen.

    Wie kann deine Arbeit und die Community von deinem Sieg als Mr. Gay Germany profitieren?

    Durch die gesteigerte Sichtbarkeit, die ich nun bekomme, folgen mir mehr Menschen in den sozialen Medien, oder ich werde zu verschiedenen Veranstaltungen eingeladen. Das gibt mir mehr Reichweite und wirkt sich natürlich auch auf meine Arbeit aus, weil mehr Menschen die Problematik und die schwierige Situation mitbekommen und hellhörig werden.

    Was war deine Motivation, an dem Wettbewerb teilzunehmen?

    In den sozialen Medien bin ich durch Zufall darüber gestolpert und habe gesehen, dass es nicht nur ein Schönheitswettbewerb ist, sondern Inhalte im Vordergrund stehen. Jede Person muss sich für ein bestimmtes Thema einsetzen und eine Kampagne dafür ins Leben rufen. Ich fand das ziemlich cool und hab mich damit auseinandergesetzt. Da ich als trans* Person immer wieder Anfeindungen aus der schwulen Community bekomme, dachte ich mir außerdem, dass ich bei so einem Contest den Leuten zeigen möchte, dass wir trans* Personen sehr wohl Teil der Community sind.

    „Nur weil sie sich nicht vorstellen können, mit einer trans* Person Sex zu haben, heißt das nicht, dass das für alle in der schwulen Community gelten muss.“

    Du erlebst also Diskriminierung aus der schwulen Community?

    Die schwule Community ist eine meiner Communities und ich fühle mich da zu Hause. Teilweise erlebe ich aber Dinge wie „Du hast hier nichts zu suchen“ oder „Das ist kein „richtiger“ Mann, also kannst du nicht in der schwulen Community sein”. Vielleicht fehlt es hier ein wenig an Aufklärung: Nicht jeder muss mich attraktiv finden oder sich vorstellen, mit mir ins Bett zu gehen. Ich will auch nicht mit jedem Menschen ins Bett. Aber nur weil ich mir persönlich etwas nicht vorstellen kann, oder etwas nicht mag, heißt das nicht, dass andere das nicht mögen könnten. Nur weil sie sich nicht vorstellen können, mit einer trans* Person Sex zu haben, heißt das also nicht, dass das für alle in der schwulen Community gelten muss.

    „Man muss meine Identität nicht nachvollziehen können, um mich zu akzeptieren.“

    Was würdest du diesen Leuten sagen?

    Wir als trans* Personen nehmen niemandem irgendetwas weg. Ich will kein Geschlecht abschaffen. Ich möchte einfach nur mit Respekt und Würde leben dürfen, wie alle Menschen auch. Man muss meine Identität nicht nachvollziehen können, um mich zu akzeptieren. Ich kann auch vieles nicht nachvollziehen. Aber das heißt nicht, es darf nicht existierten, nur weil ich es nicht verstehe. Dennoch ist dies der beste Beweis dafür, dass meine Arbeit für mehr Trans*-Sichtbarkeit immer noch gebraucht wird, und in der Tat wirken solche Kommentare für mich wie Benzin in meinem Motor. Das ist genau der Grund, warum ich mehr tue.

    „Solche Kommentare wirken für mich wie Benzin in meinem Motor.“

    Zurück zum Wettbewerb: Wie lief er ab?

    Es ging alles relativ zügig. Ich bewarb mich Ende Oktober online, eine Woche später hatte ich mein erstes Telefoninterview. Dann musste ich in den nächsten drei Tagen eine Community-Kampagne entwickeln. Ich überlegte mir eine Kampagne und stellte sie vor. Kurze Zeit danach erfuhr ich, dass ich im Halbfinale bin. Zwischen Halbfinale und Finale muss man die Kampagne weiter aufbauen, um der Jury im Finale zu zeigen, wie man weiter daran arbeitet. Genau sechs Wochen nach dem ersten Telefonat kam dann das Finale.
    Die anderen Mitstreiter waren unterschiedlichen Alters und Herkunfte. Auch nicht alle waren total schlank und nur muskulös, sondern hatten einfach auch unterschiedliche Körperformen. Ich fand es schön zu sehen, dass es nicht nur um muskelbepackte cis Männer geht. Es war eine kurze intensive Zeit, aber als ich meinen Namen im Finale hörte, war das ein unbeschreiblicher Moment. Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen.

    Worum geht es in deiner Kampagne?

    Sie nennt sich #ProudToBeAlive (stolz darauf, am Leben zu sein) und befasst sich mit der hohen Selbstmordrate unter queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Denn leider ist dies ein Thema, über das wir selten sprechen. Ich möchte diese Situation auf zwei Schienen verbessern: Zum einen durch die Schaffung einer professionellen Krisenhilfestruktur für junge LSBTQIA+ in Form einer Online-Beratung parallel zu einer Telefonberatung, durch die Hilfe in akuten Situationen angeboten wird.

    Und auf lange Sicht möchte ich die Sichtbarkeit von queeren Menschen in der Kinder- und Jugendliteratur erhöhen. Wenn queere Kinder und Jugendliche in Kinderbüchern sehen, dass es andere Menschen gibt, die genauso sind wie sie – wenn sie sich selbst also immer wiederfinden – bekommen sie das Gefühl, dass sie nicht allein sind. Und dass man so, wie man ist, in Ordnung ist. Ich glaube, wenn sie das von klein auf mitbekommen, könnten sie ein ganz anderes Leben führen, als wenn sie allein damit zurechtkommen müssen. Anfang April kommt mein erstes trans*-empowerndes Kinderbuch auf Deutsch und Englisch heraus, es heißt „Egal was sich ändert, das Herz bleibt genau dasselbe“.

    Max, viel Erfolg damit und vielen Dank für das Interview!

    Trans* Männer, nicht-binäre und gender non-conforming Personen sind Teil der schwulen Szene! Erfahre jetzt mehr über unsere Kampagne „Schwul. Trans*. Teil der Szene!“ Klicke auf neu.iwwit.de/trans!

    Gay Health Chat
    Du suchst jemandem zum Reden? Jemanden, der dir zuhört und eventuell Rat hat? Dann chatte mit Beratern aus der Community unter www.gayhealthchat.de!
    Hinweis
    Es gibt Situationen, die sind alles andere als leicht. Hier gibt es Hilfe:
    – Telefonseelsorge: 0800-1110111 und 0800-1110222
    Stiftung Deutsche Depressionshilfe

  • Max (21): „lch bin nicht anders als andere schwule Jungs“

    Max (21): „lch bin nicht anders als andere schwule Jungs“

    Max (21) über sein Leben mit der HIV-Infektion
    Foto: Privat

    Max ist 21 Jahre alt, studiert in Jena und hat sich vor mehr als einem Jahr als HIV-positiv geoutet. Er ist froh über diese Entscheidung und würde sich wünschen, dass noch mehr positive Jungs sagen, dass sie HIV haben. Ein Gespräch über unbegründete Sorgen, den Punkt an dem Internet-Dating unsexy wird und was ein Bericht über die „Testhelden“-Kampagne von ICH WEISS WAS ICH TU bei ihm auslöste

    Wie offen lebst du in der schwulen Szene mit HIV?
    Ziemlich offen. Das hier ist nicht das erste Interview, das ich darüber gebe und die allermeisten Menschen in meinem direkten Umfeld wissen Bescheid. Wenn Datingportale die Möglichkeit anbieten, den HIV-Status anzugeben, dann mache ich das auch. Oder ich spreche es an, wenn es nötig wird. Aber, es ist auch nicht das Erste, was ich Menschen über mich erzähle. Obwohl es inzwischen schon merkwürdig ist, wenn es Leute nicht wissen.

    Was meinst Du damit?
    Ein offener Umgang damit, dass ich positiv bin, macht Sachen, Gespräche und den generellen Umgang mit Anderen einfach unkomplizierter. Die Hürde ist weg, alle wissen Bescheid und damit ist es auch gut. Wenn dann einer dazu kommt, der es nicht weiß, entsteht oft Erklärungsbedarf. Das verkompliziert dann die Situation wieder und das Thema rückt in den Vordergrund. Und das löst dann Unbehagen aus, was eigentlich gar nicht notwendig ist.

    „Wenn ich anderen so helfen kann, sich zu schützen, ist das doch super.“

    Ist es dir leichtgefallen, dich auch öffentlich zu outen?
    Mein öffentliches Outing kam so zustande: Ich habe einen Bericht auf einer Website über diese Kampagne „Testhelden“ gelesen, der mich beeindruckt hat. Daraufhin hab ich den Autor kontaktiert, um ihm das zu sagen. Der hat dann gemeint: „Könntest Du dir vorstellen, selbst öffentlich über deine Infektion zu sprechen?“ Und das konnte ich. Ich hatte gar nicht so viel Angst davor. Es gibt viel zu wenig Menschen, die das tun. Und deswegen wissen viele andere Menschen nicht, dass das Leben der meisten Positiven auch nicht großartig anders ist, als das von Negativen. Und ich bin immer noch froh, es getan zu haben. Wenn ich anderen so helfen kann, sich zu schützen, ist das doch super.

    „Da muss ich dann erklären, dass Schutz durch Therapie funktioniert und ich nicht infektiös bin.“

    Wie reagieren andere Menschen darauf, wenn Du ihnen sagst, dass du positiv bist?
    Gerade heute, wo mein HIV-Status für mich selbst schon ganz normal geworden ist, bin ich immer wieder überrascht davon, wieviel Sorgen sich manche machen. Nicht davor, sich bei mir zu infizieren. Darüber wissen die Allermeisten ganz gut Bescheid. Aber viele denken immer noch, ich würde jetzt ja wohl irgendwann krank werden und dann viel zu früh sterben, oder sowas. Und denen dann klar zu machen, dass es mir echt gut geht und ich durch HIV eigentlich überhaupt nicht beeinträchtigt bin, ist nicht immer einfach. Das nervt ab und zu dann doch. Beim Dating im Internet kommt die Sache auch irgendwann zur Sprache, und viele reagieren mit großer Selbstverständlichkeit. Aber einige auch nicht. Da muss ich dann erklären, dass Schutz durch Therapie funktioniert und ich nicht infektiös bin. Das macht die Sache dann aber schnell unsexy, leider.

    Angst vor Stigmatisierung unter jungen Positiven

    Kennst du andere junge Positive? Wie gehen die mit ihrer Infektion um?
    Ich studiere in einer kleineren Stadt, die Szene hier ist nicht riesig. Nach meinem öffentlichen Outing haben sich einige Bekannte dann bei mir geoutet. Und was ich generell so mitbekomme, ist, dass es inzwischen einige junge Positive gibt, die ganz offen sind. Aber viele andere wollen nicht, dass das an die große Glocke gehängt wird und sprechen nur mit wenigen anderen Menschen darüber.

    „Nach einem Outing wird man definitiv zum Gesprächsthema.“

    Woran liegt das deiner Meinung nach?
    Naja, die haben Angst vor Stigmatisierung. Und die ist ja auch nicht ganz unberechtigt. Nach einem Outing wird man definitiv zum Gesprächsthema. Der allgemeine Informationsstand zum Leben von HIV-Positiven ist nicht berauschend und da entstehen leicht Vorurteile und Gerüchte, die einem das Leben schwerer machen. Viele haben auch Angst, sich ihre berufliche Zukunft zu verbauen, wenn bekannt wird, dass sie positiv sind.

     

    Max (21), Student in Jena, Thüringen
    Foto: Privat

    „Und einige Negative könnten sich im Umgang mit Positiven mal entspannen.“

    Und was können wir alle gemeinsam dagegen tun?
    Gute Frage. Wenn Positive offen mit ihrer Infektion umgehen, haben Negative eine Chance, aus erster Hand zu erfahren, dass ein Leben mit HIV 2017 nicht mehr bedeutet, dass man krank ist. Wir leben völlig normal und es gibt keine sichtbaren Unterschiede zwischen Positiven und Negativen mehr. Und einige Negative könnten sich im Umgang mit Positiven mal entspannen. (lacht) Und sich besser informieren, damit Stigma vorgebeugt wird, bevor es passiert.

    Wie wirkt sich HIV heute auf dein Leben aus?
    Ich nehme jeden Tag zwei Tabletten, das war’s. Das ist inzwischen aber auch automatisiert, wie Zähneputzen, und nichts, worüber ich noch nachdenke. Abgesehen davon bin ich wahrscheinlich auch nicht anders als viele 21-Jährige schwule Jungs überall auf der Welt.

     

     

    Mehr zum Leben mit HIV findet Ihr übrigens auf iwwit.de!

  • Wider die Scham und die Sünde

    Wider die Scham und die Sünde

    Die TV-Serie „It’s a Sin“ zeigt LIEBE IN ZEITEN VON AIDS

    Das Gegenstück zu „Queer as Folk“: Die TV-Serie „It’s a Sin“ blickt ins London der 1980er-Jahre zurück, als auch dort die schwule Szene von Aids überrollt wurde. Ein Meisterwerk, das nicht nur von der Vergangenheit erzählt, sondern auch vom Hier und Heute.

    (Spoilerwarnung: Dieser Artikel enthält Spoiler zu der Serie „It’s a Sin“)

    Es bedarf keiner prophetischen Fähigkeiten, um die Zukunft dieser Serie vorherzusagen: Sie wird bald zum festen kulturellen Gedächtnis der schwulen Community gehören, wie schon „Pose“ oder „Queer als Folk“. TV-Serien also, die ebenfalls queere Geschichten und die Geschichte auf eine Art und Weise erzählen, dass sie selbst bleibende Erinnerungen schaffen.

    Szene aus Episode 2 der TV-Serie Gregory, Colin, Richie, Jill and Ash (von links nach rechts) (© RED Production Company & All3Media International)
    Szene aus Episode 2 Gregory, Colin, Richie, Jill and Ash (von links nach rechts) (© RED Production Company & All3Media International)

    Queere Geschichte als TV-Serie

    Denn mit den Figuren in „It’s a Sin“ fiebert man hautnah mit. Bei ihrem Aufbruch in die Erwachsenenwelt und der Euphorie der sexuellen Befreiung und Selbsterfahrung. Man kommt ihnen in den fünf Episoden so nahe! Wir begleiten sie so intensiv durch Höhen und Tiefen, dass man sich dieser queeren Wahlfamilie fast zwangsläufig zugehörig fühlt.

    Und vor allem gelingen Russel T Davies, dem Schöpfer dieser TV-Miniserie, immer wieder Szenen und Bilder, die sich förmlich einbrennen und die Zuschauer*innen auf lange Zeit unweigerlich begleiten werden.

    Innere Widersprüche aushalten

    Auch, weil oft in einem einzigen Bild die sich überlagernden Gefühle wie Aufbegehren und Glück bis hin zu Verzweiflung, Unverständnis und Hoffnung festgehalten sind. Etwa, wenn die Eltern des partyfreudigen Fahrkartenkontrolleurs Gregory nach dessen Tod im Garten einen Scheiterhaufen errichten. Und sie dort sein Bett und alle persönlichen Gegenstände ihres Sohnes verbrennen, die Kinderfotos ebenso wie die Schnappschüsse mit seinen Freunden im fernen London. Als könnten sie damit sein Schwulsein und seine Aidserkrankung auslöschen.

    Oder Ritchie, der sich nicht getraut hatte, sein Testergebnis abzuholen, und alle Anzeichen ignorierte. Erst jetzt, da die Krankheit ausgebrochen ist, bringt er den Mut auf, sich – auf seine sehr eigene Weise – seinen engsten Freunden zu offenbaren: „Ich wollte, dass ihr es als erstes erfahrt: Ich werde leben!“

    „Ich wollte, dass ihr es als erstes erfahrt: Ich werde leben!“

    Olly Alexander (den viele als Frontman der Band Years & Years kennen dürften) legt in diesen kurzen Satz alles hinein, was seine Figur gerade an inneren Widersprüchen auszuhalten hat. Die Erleichterung, sich endlich den wichtigsten Menschen anvertrauen zu können, die Scham, sie so lange angelogen zu haben, und die Angst, dass seine Zukunft nur noch sehr kurz sein könnte. Und dann spricht da auch noch der Trotz aus ihm, sich nicht unterkriegen und nicht die Lebensfreude rauben lassen zu wollen.

    Schwule Fernsehgeschichte für ein breites Publikum

    Und weil das die Zuschauer*innen nicht unberührt lässt, wird auch diese Szene zu einem unvergesslichen Moment. Russel T Davies versteht nicht nur sein Handwerk, er weiß es vor allem auch meisterhaft einzusetzen – und das heißt für ein breites Publikum zu schreiben, ohne deshalb inhaltliche Kompromisse einzugehen.

    Schwules Leben und Lieben bewusst nicht auf HIV und Aids reduzieren

    Das war ihm auch schon mit Serien wie „Cucumber“, „A Very English Scandal“ und „Years and Years“ und vor allem natürlich mit „Queer as Folk“ gelungen. Mit letzterer Serie hatte der britische Regisseur und Drehbuchautor vor über 20 Jahren schwule Fernsehgeschichte geschrieben. Sie war so erfolgreich, dass einige Jahre später – ein international noch erfolgreicheres – US-Remake entstand.

    Davies hatte seinerzeit bewusst darauf verzichtete, HIV und Aids zu thematisieren, sondern wollte schwules Leben und Lieben feiern, ohne es zugleich durch die Krankheit zu definieren.

    Eine neue Welt im London der 80er-Jahre

    Für ihn war es nun aber an der Zeit, auch an diese Jahre zu erinnern und sich dabei zugleich auch mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. In Ritchtie, dem smarten gutaussehenden 18-Jährigen, dem sich in der schwulen Szene Londons des Jahres 1981 eine neue Welt eröffnet und der die sich ihm bietenden sexuellen Möglichkeiten ausgiebig genießt, hat Davies offenbar viel seiner eigenen Geschichte hineingepackt. Und auch Jill (Lydia West), Ritchies beste Freundin, die wie er ebenfalls Schauspiel studiert, hat eine reale Entsprechung.

    Szene aus Episode 2 der Tv-Serie Roscoe © RED Production Company & All3Media International
    Szene aus Episode 2 Roscoe © RED Production Company & All3Media International

    Jill wird Mitbewohnerin der ansonsten komplett schwulen WG, die von allen liebevoll „Pink Palace“ genannt wird. Es ist ein kleiner verschworener, bunter Haufen. Neben Ritchie gehört auch Roscoe (Omar Douglas) dazu. Er hat seiner aus Nigeria stammenden, streng religiösen Familie den Rücken gekehrt, als diese Pläne schmiedete, ihn von seiner Homosexualität „heilen“ zu wollen.

    Davies zeigt den Umgang mit der Angst vor Aids, mit Homosexualität und Homosexuellenfeindlichkeit

    Der blasse Waliser Collin (Callum Scott Howells) beginnt in London eine Ausbildung zum Herrenschneider, gilt als verklemmt und schüchtern, aber hat, wie sich im Laufe der Zeit zeigt, mehr erlebt, als seine Freund*innen ahnen.

    Rund um die Clique scharrt Russel T Davies noch eine ganze Reihe von Nebenfiguren. Unter anderem prominent besetzt mit Stephen Fry und Neil Patrick Harris („How I Met Your Mother“). Dadurch eröffnet sich Davies jede Menge Möglichkeiten, den Umgang mit der Angst vor Aids, mit einer Infektion, mit der eigenen Homosexualität sowie der Homosexuellenfeindlichkeit der anderen – wie auch die Reaktionen darauf – zu zeigen.

    Mehr als nur ein zeitgeschichtliches Panorama der Aids-Ära

    Diese TV-Serie mag dafür viel zu kurz erscheinen – immerhin sind es „nur“ fünf Folgen je 45 Minuten – doch Russel T Davies genügt diese Zeit für ein unglaublich breites, keineswegs nur zeitgeschichtlich Panorama. Denn „It’s a Sin“ (benannt nach dem Hit der Pet Shop Boys) fokussiert sich nicht ausschließlich auf die verheerende Auswirkung der Aidspandemie im London zwischen 1981 und 1991.

    „Ich wollte kein Drama über Sterbebetten schreiben“

    „Ich wollte kein Drama über Sterbebetten schreiben“, erklärte Davies in einem Interview, „sondern ich wollte diese Ära wieder für mich zurückgewinnen und mich mit Freude an diese Leben erinnern.“

    So geht es in „It’s a Sin“ einerseits beispielsweise um die berechtige Angst vor der Ausgrenzung – selbst durch Kolleg*innen und die Familie oder um Angst vor dem Sterben. Die Serie erzählt aber auch auf vielen verschiedenen Ebenen davon, wie Homosexuellenhass funktioniert und wirkt. Aber auch wie man sich verbünden und stärken kann. Sie zeigt, was es braucht, um die eigene Sexualität positiv annehmen und leben zu können. Und welchen Wert Freund*innenschaft und Mitmenschlichkeit haben. Und das alles mit jeder Menge Empathie und Humor.

    Szenenbild aus Episode 1 der TV-Serie „It’s a Sin“
    Szenenbild aus Episode 1 der TV-Serie „Richie“

    TV-Serie bringt Themen wie Coming-out, HIV und PrEP in die Medien

    Und so ist „It’s a Sin“ zwar eine Serie, die in einem lange zurückliegenden Jahrzehnt spielt. Aber weil sie überzeitliche Themen verhandelt, kann die Serie doch im Hier und Heute andocken. Dazu trägt bei, dass die Serienmacher*innen darauf verzichtet haben, penetrant und überdeutlich typische Alltagsgegenstände jener Ära zu platzieren.

    Großer Erfolg unter jungen Zuschauer*innen

    Breite Schulterpolster, New-Wave-Outfits und Walkman sucht man hier also fast vergebens. Das erleichtert auch dem jungen Publikum von heute, sich mit ihren Altersgenoss*innen der 80er- und 90er-Jahren zu identifizieren.

    In Großbritannien hatte die Serie gerade unter jungen Zuschauer*innen einen enormen Erfolg. Und hatte einen nicht gering zu schätzenden Nebeneffekt: Themen wie Coming-out, HIV, heutige Behandlungsmöglichkeiten und PrEP wurden breit in den Medien diskutiert – und die HIV-Test-Zahlen stiegen nach der Ausstrahlung um mehr als 400 Prozent.

    Eine der eindrücklichsten und unvergesslichsten Szenen der ganzen TV-Serie hat sich Davies übrigens für den Schluss aufbewahrt. Jill trifft auf einer Hafenpromenade auf der Isle of Wight mit Ritchies Mutter zusammen. Den Freund*innen war bislang verwehrt worden, ihren Freund noch einmal zu sehen.

    Lebensbejahende Feier des queeren Selbstbewusstseins

    Nun erfährt Jill, dass Ritchie bereits gestorben ist – einsam und abgeschirmt im Schoße der Familie. Russel T Davies hat für Jill hier einen Monolog geschrieben, der es in sich hat. Er kommt einer Generalabrechnung gleich. Er formuliert vor allem aber eine der zentralen Botschaften, die Davies mit dieser TV-Serie vermitteln will. Es ist ein Plädoyer gegen die Scham und zugleich eine Anklage all jener, die Menschen dazu bringen, sich für ihre Sexualität oder für eine HIV-Infektion zu schämen.

    Ein Plädoyer gegen Scham

    Denn erst „die Scham macht das Gefühl, es verdient zu haben“, sagt Jill. Ohne die Scham wäre ein freierer Umgang mit der sexuellen Identität wie auch mit einer Infektion möglich. So aber kommt zur Scham vielleicht sogar noch die Schuld hinzu, weil man das Virus womöglich an andere weitergegeben hat.

    Das macht „It’s a Sin“ zu einem ebenbürtigen Gegenstück zu „Queer als Folk“. „It’s a Sin“ ist aber auch eine ungemein lebensbejahende Feier der Selbstermächtigung und des queeren Selbstbewusstseins.


    „It’s a Sin“ (Starzplay), Video-on-Demand bei Amazon Prime Video

    Alles zum Leben mit HIV findet ihr bei uns unter iwwit.de/leben-mit-hiv!