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  • Verurteilung nach §175: Klaus wurde nach über 40 Jahren entschädigt

    Verurteilung nach §175: Klaus wurde nach über 40 Jahren entschädigt

    Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um institutionalisierte Homofeindlichkeit und um Konversionsmaßnahmen.

    Ein Dezembernachmittag in Ludwigshafen. Klaus. S. ist auf der Suche nach Sex. Er betritt eine stadtbekannte Klappe am Ludwigplatz. Der Geruch von Urin steigt ihm in die Nase, als er den kleinen Raum betritt. Ihm fällt ein Mann auf. Sieht nett aus, denkt er sich. Die beiden Männer beschließen den kalten Ort gegen die etwas komfortableren Toiletten in einem nahelegenden Kaufhaus einzutauschen. „Das war unser Fehler“, sagt Klaus heute. „Beim Betreten müssen wir beobachtet worden sein, denn kurzer Zeit später stand die Polizei vor der Kabine und hat uns rausgeholt“. Es war das Jahr 1964 und der Paragraf 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, war noch in Kraft. „Wir wurden mit der „Grünen Minna“ aufs Polizeirevier gebracht. Und da ich noch keine 21 (dem damaligen Alter für Volljährigkeit) war, wurde ich nach Hause gebracht, um die Adresse zu kontrollieren“, erzählt der 1947 geborene Ludwigshafener.

    Von der Polizei erst aufs Revier und dann nach Hause gebracht…

    Auf Verständnis konnte Klaus hier nicht hoffen, ganz im Gegenteil. Der Vater noch im Gedankengut der Nationalsozialist*innen verhaftet, die Mutter eine sehr religiöse Frau. Die Sorge galt den Nachbarn, den Geschwistern, dem Gerede in der Gemeinde. „Sie haben mir eingeschärft, mit niemanden darüber zu sprechen“. Die Hoffnung, dass die Anklage aufgrund seines Alters fallengelassen wird, erfüllt sich nicht. Unzucht mit Männern lautet der Tatvorwurf. Der Prozess wird im Frühjahr 1965 eröffnet. „Ich hatte noch Glück“, berichtet Klaus. „Eine junge Jugendpflegerin hat sich wahnsinnig stark für mich gemacht. Das werde ich ihr nie vergessen“. Seine Strafe: eine psychologische Behandlung zur Umerziehung. Heute würde man es eine Konversionsmaßnahme nennen. Wäre er zu einer Haftstrafe verurteilt worden, wäre auch seine Lehrstelle als technischer Zeichner in Gefahr gewesen. „So ging es noch ganz glimpflich ab“, sagt Klaus.

    Unzucht mit Männern lautet der Tatvorwurf. Seine Strafe: eine psychologische Behandlung zur Umerziehung. Heute würde man es eine Konversionsmaßnahme nennen.

    Seine Strafe: 2 Jahre lang, 1 mal die Woche zum Psychologen

    „Von nun an musste ich zwei Jahre einmal die Woche zu einem Psychologen“. Die Gespräche hat er verdrängt. Er erinnert sich nur daran, einen Baum gezeichnet zu haben und an die berühmten Klecksbilder. In Fachkreisen Rorschachtest genannt. „Ich habe aber nur Schwänze gesehen“, lacht Klaus „und habe das dem Psychologen auch gesagt. Der war darüber nicht glücklich“.

    Klaus unterdrückt seine Gefühle und sein Begehren. Der Psychologe sieht sich bestätigt und entlässt Klaus als geheilt.

    Klaus unterdrückt seine Gefühle und sein Begehren. Er hat Angst wieder erwischt zu werden. Diesmal, das weiß er, würde eine Verurteilung Gefängnis bedeuten. Er schließt sich einer Jugendgruppe an, lernt ein Mädchen kennen. „Ich habe sie wirklich gerne gehabt. Ich war aber froh, dass sie mir keine sexuellen Avancen machte“. Er will sie heiraten, trotz allem.  Bevor er sie mit zu seinem Psychologen nimmt, gesteht er ihr alles. „Sie hat sehr verständnisvoll reagiert“. Der Psychologe sieht sich bestätigt, schwurbelt etwas von einer Phase, die alle Jungen durchmachen und entlässt Klaus als geheilt. Vor der Hochzeit vernichtet seine Mutter alle Unterlagen, die ihm irgendwann zum Verhängnis werden könnten.

    Brüchiges Glück

    Klaus lebt mit seiner Frau in Ludwigshafen, eine Tochter wird geboren. Doch das Glück ist brüchig. Die Sehnsucht nach Sex mit Männern bleibt. Er führt ein Doppelleben, wie so viele in jener Zeit. Die Liebe zu einem Mann, den er kennenlernt, gibt ihm Kraft. Es folgt die Trennung von seiner Frau. Eine schmutzige Scheidung und ein zehn Jahre andauernder Kampf seine Tochter sehen zu dürfen, schließen sich an. Klaus lernt seinen heutigen Mann kennen, lebt mit ihm zusammen. „Wir lebten unauffällig, aber nicht versteckt“.

    Wer wurde durch die Paragraphen 175 und 151 kriminalisiert?
    §175 trat 1872, ein Jahr nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches, in Kraft und kriminalisierte „widernatürliche Unzucht zwischen Personen männlichen Geschlechts“. 1935 verschärften die Nazis den Paragraphen. Jetzt galten sämtliche Handlungen mit „wolllüstiger Absicht“ als Straftat. Bloßes Berühren konnte bereits belangt werden.

    Nach dem Krieg blieb der §175 in der Bundesrepublik unverändert in der Nazi-Fassung für mehr als zwei Jahrzehnte bestehen. 1969 wurde er dann ein erstes Mal und 1973 ein zweites Mal entschärft. Nun konnten Männer über 18 Jahre bestraft werden, wenn sie Sex mit unter 18-jährigen Jungen hatten, während das Schutzalter bei Mädchen bei 14 Jahren lag (wobei das Gericht bei Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren von einer Strafe für den Mann absehen konnte, wenn dieser jünger als 21 Jahre alt war.) Der Grund für diese Ungleichbehandlung lag in der homofeindlichen sogennanten „Verführungstheorie“, also der Idee, dass junge Menschen zur Homosexualität „verführt“ werden könnten.

    In der DDR kehrte man 1950 zur ursprünglichen Fassung des §175 (vor dem Nationalsozialismus) zurück, wobei ab Ende der 50er Jahre kaum noch Menschen nach diesem Paragraphen verurteilt wurde. 1968 führte die DDR dann ein eigenes Strafgesetzbuch ein. In ihm wurde der §151 eingeführt. Dieser kriminalisierte sexuelle Handlungen von allen Menschen mit Jugendlichen unter 18 Jahren des gleichen Geschlechts. Hier wurden also auch lesbische und bisexuelle Frauen kriminalisiert. 1988 wurde §151 ersatzlos gestrichen.

    Nach einer kurzen Phase der Legalisierung war mit der Wiedervereinigung männliche Homosexualität in Ostdeutschland wieder kriminalisiert, da hier der §175 (auch auf Druck aus dem Osten) erst 1994 gestrichen wurde.

    Die beiden Paragraphen kriminalisierten im damaligen juristischen Sinne gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen. Aus heutiger Sicht ist aber anzunehmen, dass dadurch nicht nur schwule und bisexuelle cis Männer (bzw. in der DDR auch cis Frauen) kriminalisiert wurden. Vielmehr wurden in der Bundesrepublik alle Menschen kriminalisiert, die bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden und Sex mit Menschen hatten, die ebenfalls dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden. Der Paragraph 175 kriminalisierte also zum Beispiel auch trans* Frauen, die Sex mit Menschen hatten, die dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden. In der DDR wurden folglich durch den §151 alle Menschen kriminalisiert, die mit anderen Menschen Sex hatten, wenn beiden bei der Geburt das gleiche Geschlecht zugewiesen wurde. Dies betraf also zum Beispiel auch trans* Männer.

    Wichtig ist zu wissen: Der Anspruch auf Entschädigung gilt unabhängig deiner jetzigen und damaligen geschlechtlichen oder sexuellen Identität.

    Eine Ausstellung verändert alles

    Im Juni 1994 wurde der §175 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Mitbekommen hatte er das wohl, aber die Nachricht hatte keinerlei Bedeutung für ihn. Durch eine Ausstellung über schwules Leben in Ludwigshafen im dortigen Stadtmuseum, bekommt er Kontakt zur Bundestiftung Magnus Hirschfeld in Berlin. Dort ermutigt man ihn einen Antrag beim Bundesamt für Justiz in Bonn zu stellen. „Den Antrag konnte ich ganz formlos stellen“, erinnert er sich. Aber jetzt rächt sich die Sorgfalt seiner Mutter. Sein Antrag wird von der zuständigen Staatsanwaltschaft abgelehnt. Die Begründung: Es fehlen Dokumente, die seine Verurteilung bestätigen. Auch ein zweiter Antrag scheitert.

    Ich war sehr skeptisch, ob das klappt, aber Aufgeben wollte ich nicht.
    Klaus wollte nicht aufgeben. Zurecht: Seine Entschädigung für das Unrecht, das ihm mit dem §175 angetan wurde, hat er erhalten.

    Klaus will schon aufgeben, als er von BISS e. V. erfährt. Hier wird er kompetent beraten und unterstützt. BISS spricht auch mit der zuständigen Staatsanwaltschaft. Denn zu jeder Verurteilung muss es noch Abschriften geben, die auf Antrag den Betroffenen zur Verfügung gestellt werden müssen. Sie gibt es nach 40 Jahren angeblich nicht mehr. Von ihm wird eine Eidesstattliche Erklärung verlangt. Am Ende hatte er alle relevanten Unterlagen zusammen. „Ich war sehr skeptisch, ob das klappt“, erinnert er sich „aber Aufgeben wollte ich nicht“.

    „Wichtiger war für mich die Anerkennung des Deutschen Staates“

    Schließlich wird sein Antrag bewilligt. Ihm werden 3.000 Euro zugesprochen für die Verhaftung und Verurteilung, Später noch einmal 1500 für die Zwangstherapie. „Ich habe mich natürlich über das Geld gefreut“, sagt Klaus. „Aber wichtiger war für mich die Anerkennung seitens des Deutschen Staates, dass mir hier Unrecht getan wurde. Mit dem Geld hat er zusammen mit seinem Mann eine Woche Urlaub auf Sylt gemacht. „So richtig schick, mit allem Komfort“. „Und wir haben uns noch ein neues Service gekauft, wir haben ja noch nicht alle Tassen im Schrank“, lacht er. Klaus konnte das Erlebte hinter sich lassen. Auch wenn es manchmal mühsam war, bereut hat er es nicht, für seine Rechte gekämpft zu haben.

    Bereut hat er es nicht, für seine Rechte gekämpft zu haben.

    Was sich Klaus S. für die Zukunft wünscht.

    Heute lebt er in Mannheim und ist zum Aktivisten geworden. Er engagiert sich beim Runden Tisch sexuelle und geschlechtliche Vielfalt der Stadt Mannheim und leitet eine Gruppe für schwule Senioren. Große Wünsche für die Zukunft hat er nicht. Er würde sich freuen, wenn noch möglichst viele Männer einen Entschädigungsantrag stellen, „Und ich würde mir wünschen, dass die Menschen alle Menschen so akzeptieren wie sie sind, egal wen sie lieben“.

    Du kennst eine Person, die auch nach §175 (BRD) oder §151 (DDR) verurteilt wurde? Dann ermutige sie dazu, einen Antrag auf Entschädigung zu stellen. Alle Informationen findet ihr in diesem IWWIT-Blogbeitrag, beim Bundesjustizamt, sowie unter https://schwuleundalter.de/entschaedigung-und-rehabilitierung/
    Alles zum schwulen Leben im Alter findest du unter https://neu.iwwit.de/schwules-leben/alter.
    Nachtrag: Nach Fertigstellung dieses Artikels wurde bekannt, dass die aktuelle Regierung plant, Ansprüche auf Entschädigung möglicherweise doch über den 22. Juli hinaus aufrechtzuerhalten. Trotzdem könnte es ratsam sein, einen Antrag rasch zu stellen. Kompetente Beratung erhältst du auch hier bei BISS e. V..
  • Sex im Alter – Information und 4 Erfahrungsberichte

    Sex im Alter – Information und 4 Erfahrungsberichte

    Sex im Alter: Zwischen Veränderung, Nähe und neuer Lust

    Sex hört nicht auf, nur weil wir älter werden – im Gegenteil. Viele Menschen erleben mit den Jahren eine neue Qualität von Intimität und Lust. Doch „Sex im Alter“ ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema, besonders wenn es um schwule Männer geht.

    Mit dem Älterwerden verändert sich einiges: Der Körper reagiert anders, die Libido kann schwanken, und manchmal stehen gesundheitliche Aspekte im Vordergrund. Gleichzeitig gewinnt emotionale Nähe an Bedeutung. Statt Leistungsdruck stehen Achtsamkeit, Vertrauen und neue Erfahrungen im Mittelpunkt.

    Auch gesellschaftlich gibt es Nachholbedarf: Sexualität älterer Menschen – insbesondere schwuler Männer – wird oft übersehen. Umso wichtiger ist es, offen darüber zu sprechen.

    Zwei ältere Männer begrüßen sich herzlich bei einem Spaziergang im Park.
    Offenheit und Lebensfreude auch jenseits der 60

    Körperliche Veränderungen

    Mit zunehmendem Alter verändert sich der Hormonhaushalt – insbesondere der Testosteronspiegel sinkt. Das kann Auswirkungen auf die Libido, die Erektionsfähigkeit und die sexuelle Leistungsfähigkeit haben. Diese körperlichen Veränderungen sind vollkommen normal und gehören zum natürlichen Älterwerden dazu.

    Trotzdem bleibt Sex im Alter für viele Männer erfüllend – häufig sogar intensiver, weil der Fokus sich verschiebt: weniger auf Leistung, mehr auf Nähe, Achtsamkeit und bewussten Genuss. Wer die Signale seines Körpers erkennt und akzeptiert, kann seine Sexualität im Alter gesund und selbstbewusst leben. Bei Bedarf können auch ärztliche Beratung oder unterstützende Hilfsmittel helfen, Unsicherheiten abzubauen.

    Sexuelle Gesundheit im Alter

    Sex im Alter ist nicht nur möglich, sondern kann auch gesundheitlich von Vorteil sein. Studien zeigen, dass regelmäßige sexuelle Aktivität positive Effekte auf Kreislauf, Immunsystem und seelisches Wohlbefinden haben kann. Auch die Prostata profitiert – regelmäßige Ejakulationen können laut manchen Untersuchungen das Risiko für Prostatabeschwerden verringern.

    Gleichzeitig können hormonelle Veränderungen oder chronische Erkrankungen Herausforderungen mit sich bringen. Wichtig ist deshalb ein bewusster Umgang mit dem eigenen Körper und die Bereitschaft, über Probleme zu sprechen. Auch sexuell übertragbare Krankheiten werden im Alter oft unterschätzt – regelmäßige Tests und Schutz sind ebenso relevant wie in jüngeren Jahren.

    Psychologische Aspekte von Sex im Alter

    Sex im Alter ist nicht nur körperlich, sondern auch emotional eine Herausforderung und Chance zugleich. Viele Männer kämpfen mit Unsicherheiten, etwa durch körperliche Veränderungen, nachlassende Potenz oder gesellschaftliche Vorstellungen davon, wie „männlich“ oder „leistungsfähig“ Sexualität sein sollte.

    Das Selbstbild spielt dabei eine zentrale Rolle. Wer sich selbst akzeptiert und liebevoll mit dem eigenen Körper umgeht, kann auch Intimität wieder neu erleben – frei von Druck oder Erwartungen. Gerade im Alter entstehen oft tiefere, ehrliche Verbindungen, weil viele Männer ihre Bedürfnisse besser kennen und offener damit umgehen. Sexualität im Alter bedeutet nicht Rückzug, sondern oft einen neuen Zugang zu Nähe, Lust und Selbstbewusstsein.

    Ältere Männer spielen Schach im Park und genießen die gemeinsame Zeit.
    Offene Gespräche, Nähe und Gemeinschaft im Alter

    Partnerschaft und Beziehung

    Mit zunehmendem Alter verändert sich oft auch die Dynamik in Partnerschaften und damit die Sexualität. Viele Paare erleben weniger sexuelle Aktivität, dafür aber eine tiefere Form der Intimität. Gespräche über Wünsche, Grenzen und neue Bedürfnisse gewinnen an Bedeutung.

    Sex im Alter muss nicht wie früher aussehen. Für manche Paare heißt das: mehr Zärtlichkeit, mehr Achtsamkeit, weniger Leistungsdruck. Für andere kann es bedeuten, neue Impulse zuzulassen oder über lange Tabus hinwegzukommen. Gerade langjährige Beziehungen profitieren von ehrlicher Kommunikation und dem Mut, Dinge neu zu entdecken.

    Gesellschaftliche Sichtweisen

    In unserer Gesellschaft ist Sex im Alter noch immer ein Tabuthema – besonders, wenn es um schwule Männer geht. Ältere Körper gelten oft als asexuell, unsichtbar oder nicht mehr begehrenswert. Diese Vorurteile können sich tief ins Selbstbild einschreiben und dazu führen, dass Männer sich für ihre sexuellen Wünsche schämen oder sie unterdrücken. Dabei ist das Bedürfnis nach Nähe, Lust und Intimität keine Frage des Alters. Im Gegenteil: Viele Männer entdecken gerade in späteren Lebensjahren neue Facetten ihrer Sexualität. Umso wichtiger ist es, dass diese Erfahrungen gesehen und anerkannt werden. Sex im Alter verdient Sichtbarkeit, Respekt und einen selbstverständlichen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung.

    Praktische Tipps für erfüllten Sex im Alter

    Sex im Alter darf sich verändern und darf auch neu entdeckt werden. Wer offen bleibt und sich auf die eigenen Bedürfnisse einlässt, kann viel erleben. Kleine Hilfsmittel wie Gleitgel, Potenzmittel oder Sexspielzeuge können unterstützen, wenn sich der Körper verändert. Auch eine entspannte Atmosphäre, Zeit und Vertrauen spielen eine wichtige Rolle. Ebenso wichtig ist Kommunikation: Offen über Wünsche, Ängste oder Grenzen zu sprechen, schafft Nähe, vor allem in neuen Beziehungen. Wer Unsicherheiten verspürt, kann sich auch medizinische oder therapeutische Unterstützung holen.

    Sex im Alter – 4 Erfahrungsberichte

    Das Vorurteil hält sich hartnäckig: Wer alt ist, hat keinen Sex. Von wegen! Vielleicht verschieben sich die Prioritäten und Kuscheln wird wichtiger als ein geiler Fick, aber Sex spielt auch in der Generation 60plus eine Rolle, wie diese vier schwulen Männer beispielhaft berichten.

    Sex im Alter – 4 Erfahrungsberichte
    Sex mit dem Partner
    K

    Kurt (62)

    aus Zeitz

    Ich lebe seit acht Jahren mit meinem Partner zusammen. Vor vier Jahren haben wir geheiratet. Viele Paare schlafen nach einer solchen Zeit nur noch im gleichen Bett, aber es passiert nichts mehr. Bei uns dagegen schon.

    Wir haben regelmäßig Sex miteinander, aber auch mit anderen Männern – manchmal gemeinsam, manchmal jeder für sich. Das gibt unserem Sexleben die nötige Würze.

    „Wenn wir jemanden zu uns einladen, erwarten wir aber mehr, als einfach hinzulegen und das Loch hinzuhalten. Zum Sex gehört für uns Küssen, Zärtlichkeit, Lecken und Rimmen sowie geiles Blasen.“
    Sex als Single
    J

    Julio (66)

    aus Köln

    Warum so viele Schwule ein Problem damit haben, älter zu werden, ist mir ein Rätsel. Ich habe nach wie vor Sex und empfinde ihn als viel intensiver als in meiner Jugend.

    Manchmal suche ich aber auch den Kick: Ich fliege regelmäßig zum FKK nach Gran Canaria. In den Dünen von Maspalomas fühle ich mich frei und genieße es, dass es anderen genauso geht.

    „In Bars gehe ich schon lange nicht mehr. Da stehen nur Giraffen: erst langen Hals machen, und schaut man hin, stecken sie den Kopf in den Sand.“
    Sex gegen Geld
    JC

    Jean-Claude (66)

    aus Karlsruhe

    Als ich so jung war wie die Männer, die ich schön und anziehend finde, galt Homosexualität noch als krank und widerwärtig. Ich empfinde es als wunderbar, wenn ein junger Mann neben mir liegt und ich ihm die Liebe geben kann, die mir damals gefehlt hat.

    Es ist für mich selbstverständlich, dass ich ihnen für ihre Zärtlichkeit und die Zeit, die sie mit mir verbringen, etwas zustecke.

    „Einen professionellen Callboy habe ich aber noch nie bestellt. Das wäre mir viel zu geschäftsmäßig. Ich brauche das Gefühl, gemocht zu werden.“
    Kaum noch Sex
    K

    Karl (60)

    aus Dillenburg

    Jeder hat bestimmte Vorstellungen von einem potenziellen Sexpartner. Ich selbst stehe optisch auf jüngere, sportliche Männer. Aber auch zwischenmenschlich muss es passen. Das macht es mir nahezu unmöglich, sexuell aktiv zu bleiben.

    Denn für meine Zielgruppe bin ich ein alter Sack, und ich lebe in einem echten Kaff. Käuflicher Sex kommt für mich nicht infrage.

    „Der Verzicht auf Sex bedeutet aber nicht, dass ich frustriert wäre. Ich habe vor allem jüngere Freunde. Außerdem ist mir ein bisschen Erotik durchaus geblieben: Ich bin leidenschaftlicher Ringer.“

    FAQ: Häufige Fragen zu Sex im Alter

    Ist Sex im Alter noch gesund?

    Ja. Studien zeigen, dass regelmäßiger Sex im Alter sich positiv auf Herz-Kreislauf, Hormone und psychisches Wohlbefinden auswirken kann. Auch die Prostata profitiert von sexueller Aktivität.

    Wie oft haben Männer im Alter noch Sex?

    Das ist sehr individuell. Manche haben mehr Lust als früher, andere weniger. Wichtig ist nicht die Häufigkeit, sondern dass Sexualität im Alter den eigenen Bedürfnissen entspricht.

    Gibt es Hilfsmittel für erfüllten Sex im Alter?

    Ja. Potenzmittel, Gleitgel oder Sexspielzeuge können unterstützen, wenn sich der Körper verändert. Auch Beratung durch Ärzt*innen oder Sexualtherapie kann helfen.

    Was tun bei Erektionsproblemen im Alter?

    Erektionsprobleme sind im Alter häufig. Offene Gespräche mit dem Partner und ärztliche Hilfe können Entlastung bringen. Medikamente oder andere Hilfsmittel sind heute gut verträglich.

    Wie verändert sich Sexualität in langjährigen Beziehungen?

    Viele Paare erleben weniger Sex, dafür aber tiefere Intimität. Kommunikation über Wünsche und Offenheit für Neues sind entscheidend, um auch im Alter Nähe zu erleben.

    Warum wird über Sex im Alter so wenig gesprochen?

    Sexualität im Alter wird gesellschaftlich oft tabuisiert. Besonders schwule Männer erleben im Alter Unsichtbarkeit oder Vorurteile. Erfahrungsberichte helfen, das zu ändern.

    Wie verändert sich das Lustempfinden im Alter?

    Lust kann mit dem Alter intensiver, langsamer oder auch bewusster werden. Körperliche Veränderungen beeinflussen das Empfinden – aber nicht die Fähigkeit, Lust zu spüren.

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  • Altersunterschied Beziehung: Wenn Liebe kein Alter kennt

    Altersunterschied Beziehung: Wenn Liebe kein Alter kennt

    Die „Generation Schwulenbewegung“ kommt in die Jahre. Selbstbewusst nutzen die über 60-Jährigen die Angebote der Homo-Szene – solange die Gesundheit mitspielt. Ein Stimmungsbericht aus Hamburg.

    Altersunterschied Beziehung: Älterwerden in der Schwulenszene

    „Die Szene tue ich mir mit 70 nicht mehr an“, stellt Karl-Heinz klar. Er will nicht mehr in einer Bar auf seinen Traumprinzen warten. „Man muss sich einfach klarmachen: Für die Szene ist man alt, auch wenn man selbst einen ganz anderen Eindruck hat“, erklärt der pensionierte Berufsschullehrer. „Wenn man sich jeden Tag im Spiegel sieht, merkt man nicht, wie man altert.“

    Der Verzicht auf Bars fällt dem Single leicht. Sex sucht er eher im Freien, zum Beispiel im Stadtpark. „Mir macht das Jagen Spaß“, sagt Karl-Heinz und lacht. „Die Typen, die ich da abbekomme, würden mich in einer Bar mit dem Arsch nicht anschauen.“

    Neue Wege der Begegnung im Alter

    Cruising kann auch sehr gesellig sein. Bei einem Streifzug durch die Dünen von Ibiza hat Karl-Heinz vor bald 20 Jahren einen fast 20 Jahre jüngeren Mann kennengelernt. Sex hatten sie nicht, aber beim Wiedersehen im Strand-Supermarkt haben sie sich zum Essen verabredet. So lernte Karl-Heinz eine schwule Trekking-Gruppe kennen. Mit ihnen wandert er seitdem jedes Jahr mindestens einmal durch die Mittelgebirge, den Harz kennt er fast auswendig.

    In Homo-Bars geht Karl-Heinz nicht mehr – und ist trotzdem gut vernetzt mit anderen Schwulen. Derzeit organisiert er mit einem Ehrenamtskollegen vom schwulen Infoladen Hein & Fiete eine „Gay History Tour“ durch St. Pauli. So wie Karl-Heinz sind viele ältere Männer in der Community präsent – sie sind es so gewohnt. „Es gibt ein hohes Interesse an spezifischen Beratungs- und Freizeitangeboten für schwule und bisexuelle Männer über 50“, sagt Heiko Gerlach. Der Diplom-Pflegewirt hat gemeinsam mit Christian Szillat schwule Hamburger befragt und die Antworten im Auftrag der AIDS-Hilfe Hamburg ausgewertet. „Männerliebende Männer 50 plus in Hamburg“ heißt ihre Studie, die sie unter anderem auf Radio Pink Channel vorgestellt haben. Eine besondere Generation, finden die beiden Fachleute: Sie seien die Ersten, die ihre Homosexualität relativ offen gelebt hätten. Es sei nicht verwunderlich, wenn diese nun offensiv die Berücksichtigung ihrer Lebenslagen im Alter einforderten.

    Wenn Gesundheit den Alltag bestimmt

    Solange der Körper mitmacht, geht das schwule Leben jenseits der Fünfzig also fröhlich weiter. Auch Eckhard ist vor ein paar Jahren noch regelmäßig in die Sauna gegangen. Er weiß noch, welche Angebote es gibt: Partner-Rabatt am Freitag, Wellness am Sonntag und mittwochs „40up“ mit Preisnachlass für über 40-Jährige. „Für mich könnte sie schon einen ,70up‘-Tag machen“, sagt Eckhard und lächelt. Die letzten Jahre hat der gelernte Elektriker mehr Zeit im Krankenhaus als in der Sauna verbracht. Nach einer Herz-Operation ist Eckhard 2013 in ein Altenheim in St. Georg gezogen, Abteilung „Regenbogen“. „Das hat nichts zu bedeuten“, sagt Eckhard, „ich bin hier der einzige Schwule weit und breit.“

    Dass er mal Hilfe bräuchte, konnte sich Eckhard lange nicht vorstellen. Sogar seine HIV-Infektion hat er weggesteckt. 1990 bekam Eckhard die Diagnose und hat durchgehalten, bis die ersten Kombinationstherapien verfügbar waren. „Jetzt bin ich seit über zwölf Jahren unter der Nachweisgrenze“, erzählt er stolz. „HIV macht mir keine Probleme – die kamen erst durchs Älterwerden.“ Inzwischen sind einige zusammengekommen. Auf Eckhards Tisch in dem 20 Quadratmeter großen Zimmer liegen akkurat aufgereiht: ein Armband zum Blutdruckmessen, ein Gerät zur Blutzuckerbestimmung, eine Insulinspritze. Des Weiteren ein Asthmaspray und eine Pappschachtel mit Hustenbonbons. „Diese Vielfalt der Beschwerden macht mich kaputt“, sagt Karl-Heinz. „Da habe ich immer im Hinterkopf: Was kommt als nächstes?“

    Schwules Paar mit Altersunterschied: Jibben (68) und Philipp (41) in Hamburg
    Seit 15 Jahren ist Jibben (68) mit Philipp (41) zusammen, 2006 haben die beiden geheiratet. „Philipp ist natürlich auch ein Grund, dass ich fit bleibe“, sagt Jibben.

    Altersunterschied Beziehung: Zwei Generationen, ein Alltag

    Auch Jibben macht sich manchmal Sorgen, „dass die Knochen nicht mehr so mitmachen“. Aber davon lässt er sich nicht runterziehen. Sein Gegenmittel: viel machen. Der 68-Jährige betreut drei Websites, darunter das schwul-lesbische Portal hamburg.gay-web.info. „Ich hoffe, dass das ein Grund ist, warum ich oben noch fit bin“, sagt der breitschultrige Mann mit dem weißen Kinnbart und tippt sich dabei an den Kopf. „Philipp ist natürlich auch ein Grund“, fügt Jibben sanft hinzu, „als junger Ehemann, der einen manchmal schon auf Trab hält.“

    Partnerschaft über Altersgrenzen hinweg

    Seit 15 Jahren ist Jibben mit Philipp (41; gemeinsam auf dem Foto zu sehen) zusammen, 2006 haben die beiden geheiratet. Beim Straßenfest zum Hamburg Pride sitzen die beiden jedes Jahr im Orga-Container, nehmen Fundsachen an und sorgen per Funkgerät dafür, dass jeder Stand Strom und Wasser bekommt. Von der Szene hat Jibben noch nicht genug. „Das liegt auch daran, dass ich mit 50 zum ersten Mal in eine schwule Bar gegangen bin“, vermutet Jibben. „Im Nachhinein hätte ich gerne früher damit angefangen“, sagt Jibben, „weil ich bestimmt einiges verpasst habe.“

    FAQ: Altersunterschied Beziehung in der schwulen Community

    Beziehungen mit Altersunterschied werfen viele Fragen auf – besonders in der schwulen Community. In dieser FAQ beantworten wir zentrale Fragen zu Partnerschaft, Akzeptanz, Herausforderungen und gesellschaftlicher Wahrnehmung.

    Was bedeutet ein großer Altersunterschied in einer Beziehung?

    Ein großer Altersunterschied in der Beziehung beschreibt Partnerschaften, in denen mehrere Jahrzehnte zwischen den Partnern liegen. In der schwulen Community ist diese Konstellation vergleichsweise häufig und gesellschaftlich oft sichtbarer als in heterosexuellen Beziehungen.

    Sind Beziehungen mit Altersunterschied langfristig stabil?

    Ja, viele Beziehungen mit Altersunterschied sind stabil und langfristig. Entscheidend sind nicht die Lebensjahre, sondern gemeinsame Werte, gegenseitiger Respekt und ähnliche Vorstellungen vom Zusammenleben. Der Artikel zeigt, dass solche Partnerschaften über viele Jahre funktionieren können.

    Warum sind Altersunterschiede in der schwulen Szene häufiger sichtbar?

    Historisch bedingt konnten viele schwule Männer ihre Sexualität erst später offen leben. Dadurch entstehen Begegnungen zwischen Generationen häufiger – etwa in der Szene, im Ehrenamt oder über gemeinsame Interessen. Der Altersunterschied in der Beziehung wird dabei oft bewusst akzeptiert.

    Welche Herausforderungen bringt eine Beziehung mit Altersunterschied mit sich?

    Unterschiedliche Lebensphasen, gesundheitliche Themen oder gesellschaftliche Erwartungen können Herausforderungen darstellen. Gleichzeitig berichten viele Paare, dass Offenheit und Kommunikation helfen, diese Unterschiede konstruktiv zu überbrücken.

    Spielt das Alter in der schwulen Community heute noch eine große Rolle?

    Das Alter spielt weiterhin eine Rolle, etwa bei Zugang zur Szene oder bei körperlichen Erwartungen. Dennoch zeigt sich zunehmend, dass starre Altersgrenzen an Bedeutung verlieren – insbesondere in Beziehungen, in denen Nähe und Vertrauen wichtiger sind als Zahlen.

    Wie wird der Altersunterschied in der Beziehung von außen wahrgenommen?

    Die Wahrnehmung ist unterschiedlich. Während manche Paare mit Vorurteilen konfrontiert werden, erleben andere viel Akzeptanz. Der gesellschaftliche Diskurs hat sich geöffnet, und Beziehungen mit Altersunterschied werden heute differenzierter betrachtet als früher.

    Stimmen aus der Community

    Berichte, Erfahrungen und Perspektiven rund um Liebe, Älterwerden, Gesundheit und Zusammenhalt in der Community.

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  • Alt werden, ohne allein zu sein – Mehrgenerationenhaus Berlin als Alternative

    Alt werden, ohne allein zu sein – Mehrgenerationenhaus Berlin als Alternative

    Die Deutschen werden immer älter, und das betrifft in besonderer Weise schwule Männer, die im Alter meist ohne Familie dastehen – und ohne Kinder, die sich um sie kümmern. Noch immer gibt es in Deutschland zu wenig Wohnprojekte für homosexuelle Senioren. Ein Lichtblick ist das erste Mehrgenerationenhaus, das in Berlin im Frühsommer eröffnet hat.

    Seit Peters HIV-Diagnose sind bald 30 Jahre vergangen. 70 ist der Waliser inzwischen, hat viele Freunde und Bekannte an AIDS sterben sehen. Bis zu seinem Schlaganfall vor gut einem Jahr lebte er im Hamburger Stadtteil St. Georg. Aber für den Rollstuhl war der Fahrstuhl zu klein, Peter musste nach Alternativen suchen. Er recherchierte gezielt nach schwulen Wohnprojekten, weil er nicht in eins der üblichen Altenheime wollte. Doch in Hamburg hat er nichts gefunden, nicht mal in London. Erst in Berlin wurde er fündig. Im „Lebensort Vielfalt“ hat er jetzt ein Zimmer in der Pflege-WG.

    Mehrgenerationenhaus Berlin – ein Wohnprojekt mit Vielfalt und Gemeinschaft

    Das Charlottenburger Mehrgenerationenhaus ist erst vor wenigen Monaten eröffnet worden. Auf insgesamt fünf Stockwerken gibt es 24 Wohnungen in verschiedenen Größen – meist rollstuhlgerecht und mit barrierefreien Bädern ausgestattet – sowie Eröffnung Lebensort eine WG für Pflegebedürftige. Männer zwischen 31 und 85 leben hier. Neben Garten, Gemeinschaftsraum und einem Café verfügt der Lebensort Vielfalt auch über die deutschlandweit größte Verleih-Bibliothek mit Büchern, Broschüren etc. zum Thema LGBTIQ; auch die Schwulenberatung – Träger des Projektes – ist mit im Haus.

    Gemeinsam alt werden: Erfahrungen von Bewohnern im Lebensort Vielfalt

    Erste Überlegungen für ein solches Wohnprojekt gab es schon vor fast zehn Jahren – doch mal scheiterte es am Geld, mal bot eine Wohnungsbaugesellschaft Objekte in wenig attraktiven Gegenden an.

    „Da wollte doch niemand hinziehen!“, sagt der 67-jährige Bernd Gaiser, der nun wie mehr als 30 Bewohner des Lebensorts Vielfalt in zentraler Lage in Charlottenburg eine Heimat gefunden hat. Der Mietersprecher erklärt, dass das Mehrgenerationenhaus allen offen steht: Homos und Heteros, egal welchen Geschlechts. Wobei die fünf Frauen hier eindeutig in der Minderzahl sind, und es ist lediglich eine Lesbe darunter. Es gab auch mal Pläne, in einer der größeren Wohnungen eine WG für transidente Menschen unterzubringen, doch die potentiellen Bewohner haben sich vor dem Einzug zerstritten. Sogar eine Heterofamilie hatte sich mal für eine der Wohnungen interessiert – woran es letztlich scheiterte, weiß man nicht. Vielleicht wollte man den 17-jährigen Sohn nicht einer Horde schwuler Männer überlassen, mutmaßen Bernd und seine Nachbarn Klaus und Jürgen süffisant.

    Etwa die Hälfte der Bewohner hat HIV. Zu ihnen gehören auch der 48-jährige Klaus und sein Partner. Am Lebensort Vielfalt schätzt Klaus, dass er bei Gesprächs- oder Informationsbedarf sehr kurze Wege hat – die psychosoziale Beratung befindet sich ja im selben Haus. Mit seinem Partner ist er erst vor kurzem aus Hessen nach Berlin gezogen. Zwar gab es auch in Frankfurt mal Pläne für ein ähnliches Projekt, doch das „PfleGAYheim“ wurde nie Realität.

    Der Lebensort Vielfalt ist einmalig – etwas vergleichbar Großes muss man sehr lange suchen. Ein „europaweit einzigartiges Modellprojekt“, nannte es darum der Regierende Bürgermeister Wowereit bei der Eröffnung. Sechs Jahre dauerten die Vorbereitungen, anderthalb Jahre wurde gebaut. Insgesamt wurden rund sechs Millionen Euro investiert, über die Hälfte der Mittel kam von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.

    Wohnen im Alter: Kosten, Barrieren und queere Alternativen in Deutschland

    Die Mieten liegen hier im kiez-üblichen Durchschnitt. Bernd zahlt für seine 47 Quadratmeter 611 Euro warm. Allerdings wohnt er auch ganz oben in einem hübschen Maisonette-Apartment – die Wohnungen in der 3. und 4. Etage sind etwas günstiger. Sein Nachbar, der 67-jährige Jürgen, hat sich vor seinem Einzug bei verschiedenen Berliner Einrichtungen erkundigt. Aber Monatsbeiträge bis zu 1.700 Euro haben ihn abgeschreckt – etwaige Pflegeleistungen noch nicht eingerechnet. Aber es gibt auch die andere Seite – nicht jeder kann sich den „Lebensort Vielfalt“ leisten. Viele Interessenten sind wegen der Mietpreise abgesprungen. So kam Jürgen recht schnell an seine Wohnung – denn ursprünglich belegte er auf der langen Warteliste den 76. Platz.

    Man findet bundesweit wenig geglückte Projekte, die vergleichbar sind. In Dresden hat man versucht, ein schwul-lesbisches Wohnprojekt zu etablieren. Laut Mitinitiator Horst Rasche musste man sich aber von der Idee verabschieden, weil man nicht genügend Mieter fand. „Jüngere Leute sind kaum für ein Wohnprojekt zu interessieren, während die älteren sich schwer tun. Sie sind oft nicht geoutet oder sogar noch verheiratet.“ Heute sind nur drei der insgesamt 14 Bewohner des Hauses homosexuell.

    Älterer Mann in Werbeanzeige für das Mehrgenerationenhaus Berlin
    Lebensort Vielfalt in Berlin bei seiner Eröffnung am 8.06.2012

    In Köln gibt es die Villa Anders. Das gemeinnützige Wohnprojekt richtet sich an Lesben, Schwule und Transgender. Willkommen sind Singles und Paare ebenso wie Regenbogen-Familien. In München wurde 2010 in zentraler Lage die rosaAlternative eröffnet kurz: „rosaAlter“. Die Wohngemeinschaft verfügt über fünf Einzelzimmer von ca. 17 qm sowie zwei Paarzimmer, die etwa 32 qm groß sind. Küche und Bad werden gemeinschaftlich genutzt. Das Projekt wird von der AIDS-Hilfe betrieben, sie sich im selben Haus befindet. Für die Bewohner – gegenwärtig wohnen hier ausschließlich Männer mit HIV – hat das einen großen Vorteil. Grundsätzlich steht das Projekt aber allen offen, die hier wohnen möchten, sagt Manuel Otten, der als Sozial-Pädagoge bei der AIDS-Hilfe arbeitet und als Moderator für die Belange der Bewohner zuständig ist.

    Mehrgenerationenhaus Berlin als Modellprojekt für würdevolles Altern

    Neben der WG gibt es im Obergeschoss das Angebot für Betreutes Wohnen. „Bei fortgeschrittenem Krankheitsstadium kann einfach innerhalb des Hauses gewechselt werden“, sagt Otten. „Das funktioniert aber auch umgekehrt. Wir hatten mal einen Bewohner, der in der Krankenwohnung mit Dauerbetreuung so gute Fortschritte gemacht hat, dass er schließlich in die WG umziehen konnte.“

    Das Betreuungs- und Pflegeangebot ist aber nicht der einzige Vorteil, den Otten sieht. Homosexuelle haben es in „normalen“ Altersheimen oft nicht leicht, wie er aus Erzählungen von Bewohnern weiß. „Manchmal landen ältere schwule Männer in einem Doppelzimmer mit einem wenig toleranten Zimmergenossen, der sich mit einem Vorhang abschirmt, um mit dem anderen nichts zu tun zu haben. Ein schwuler Senior bekam mit seinem Zimmergenossen Probleme, als er das Bild seines verstorbenen Partners neben seinem Bett aufstellte. Manchmal ist es aber auch nur die Situation, wenn ein älterer Schwuler mit drei alten Damen beim Essen am Tisch sitzt – kommt das Gespräch auf die Enkelkinder, kann er nur sehr eingeschränkt teilnehmen.“

    Um solche Situationen zu vermeiden, gibt es Wohnprojekte wie „rosaAlter“, die ein würdevolles Altern ermöglichen; niemand soll sich ausgegrenzt fühlen. Auch das Berliner Mehrgenerationenhaus will Menschen unabhängig von Geschlecht, Orientierung und Alter eine Heimat bieten, und der Lebensort Vielfalt ist eine besondere Erfolgsgeschichte: Auf der Warteliste stehen momentan 230 Namen, und die Liste wird ständig länger. Vielleicht wird man irgendwann ein zweites Haus hinzukaufen.

    Häufige Fragen (FAQ) zum Thema Alt werden und Mehrgenerationenhaus Berlin

    In diesem FAQ-Bereich findest du Antworten auf wichtige Fragen rund um das Thema alt werden in Gemeinschaft, Mehrgenerationenhaus Berlin, sowie unterstützende Angebote, Anlaufstellen, Tipps und Tricks für queere Senior*innen und alle, die eine alternative Wohnform im Alter suchen.

    Was ist ein Mehrgenerationenhaus und wie hilft es beim Alt werden?

    Ein Mehrgenerationenhaus ist ein Wohnprojekt, in dem Menschen unterschiedlichen Alters gemeinsam leben. Es fördert soziale Netzwerke, gegenseitige Unterstützung und Gemeinschaft, wodurch das Alt werden ohne Einsamkeit erleichtert wird – gerade wenn familiäre Strukturen fehlen.

    Wer kann im Mehrgenerationenhaus Berlin wohnen?

    Das Mehrgenerationenhaus Berlin (Lebensort Vielfalt) ist ein Wohnprojekt mit Wohnungen, Gemeinschaftsräumen, Café und Beratungsangeboten. Es richtet sich an Menschen, die nicht allein alt werden möchten, und ist offen für verschiedene Altersgruppen und Orientierungen, mit besonderem Fokus auf queere Lebensentwürfe.

    Wie finde ich freie Plätze im Mehrgenerationenhaus Berlin?

    Aktuell gibt es Wartelisten:
    👉 Interessierte können sich direkt bei Lebensort Vielfalt Berlin melden und sich auf die Warteliste setzen lassen. Die Nachfrage ist hoch, daher lohnt sich eine frühzeitige Anfrage.

    Gibt es weitere Wohnprojekte für schwule oder queere Senior*innen in Deutschland?

    Ja – neben Berlin gibt es/gab Ansätze in Städten wie:
    Villa Anders (Köln) – Wohnprojekt für Lesben, Schwule, Trans & Regenbogenfamilien
    rosaAlter (München) – Wohnform mit betreutem Wohnen

    Tipp: Regionale LSBTIQ-Beratungsstellen kennen oft lokale Initiativen und Wohnangebote.

    Welche staatlichen oder sozialen Anlaufstellen helfen beim Wohnen im Alter?

    Pflegestützpunkte Berlin – Beratung zu Pflege & Wohnformen
    Queere Beratungsstellen (z. B. Schwulenberatung Berlin) – Unterstützung für LSBTIQ-Personen
    Seniorenvertretungen – Informationen zu Wohnprojekten
    Pflegeberatung der Krankenkassen – Infos zu Wohn- & Pflegeformen
    AWO – Beratungsstellen zur Seniorenhilfe
    LSBTIQ-Beratungsnetzwerke – Unterstützung, Vernetzung, Projektinfo

    Wie beantrage ich Pflege oder Unterstützung im Mehrgenerationenhaus?

    Die Pflegeleistungen werden meist über die Pflegekasse beantragt:
    1 Antrag bei der Krankenkasse stellen
    2 Pflegegrad feststellen lassen
    3 Beratungsgespräch bei einem Pflegestützpunkt wahrnehmen
    4 Leistungen (z. B. Betreuung, Haushaltshilfe) kombinieren
    Tipp: Viele Wohnprojekte arbeiten mit externer ambulante Pflege zusammen.

    Gibt es finanzielle Unterstützung für Menschen mit geringer Rente?

    Ja, mögliche Hilfen sind z. B.:
    Wohngeld
    Grundsicherung im Alter
    Pflegegeld / Betreuungsleistungen
    Leistungen nach SGB XII
    Beratung dazu bieten Pflegestützpunkte, Sozialämter und Wohlfahrtsverbände.

    Wie kann ich mich über queere Angebote im Alter informieren?

    Empfohlene Ressourcen:
    Schwulenberatung / Lesbenberatung vor Ort
    LSBTIQ-Netzwerke online
    Pflegestützpunkte
    LGBT Senior*innen-Foren
    Wohnprojekt‑Netzwerke

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