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  • Sexarbeit in Berlin: Raus aus dem Schatten

    Sexarbeit in Berlin: Raus aus dem Schatten

    Welche Idee steckt hinter SMART Berlin – wen beratet ihr und wie läuft eine Beratung üblicherweise ab? 

    SMART Berlin ist eine Beratungsstelle und ein Infoprojekt für (cis und trans) männliche, nicht-binäre und trans weibliche Sexarbeitende. Unser Ziel ist es, den Sexarbeiter*innen vielseitigen Support anzubieten – sei es beim Einstieg, Ausstieg oder einer Umorientierung oder Professionalisierung. Wir bieten Beratung und Informationen zu allen möglichen Themen dieser Arbeit entsprechend: sexuelle Gesundheit, Rechte, Gesetze, Umgang mit Kund*innen und Kolleg*innen, benötigte Ressourcen usw. Sexarbeiter*innen können zu unseren regelmäßigen, wöchentlichen Beratungen kommen. Oder sie kontaktieren uns via Email, Telefon oder Social Media.

    In welcher Lebenssituation stehen die Menschen, die zu Euch kommen? 

    Die Menschen die zu uns kommen, stehen oft an unterschiedlichen Punkten in ihrer Karriere, aber haben alle den Wunsch, ihre Arbeit irgendwie professioneller, erfolgreicher und auch weniger prekär zu gestalten. Manche fangen gerade erst an, andere sind bereits lange dabei. Häufig haben die Leute ein konkretes Bedürfnis, wie bspw. einen STI-Test oder sind auf der Suche nach bestimmten Ressourcen. Oder sie sind sich unsicher, wie sie mit einem bestimmten Gesetz das ihre Arbeit betrifft, umgehen sollen. Da die Lebenswelten von Sexarbeitenden sich häufig ändern, sind viele oft auch nur zu Besuch in Berlin und wir sehen sie dann wieder, wenn sie wieder mal in der Stadt sind.

    Smart Berlin findet ihr unter www.smart-berlin.org

    Welche Fragen tauchen häufig auf?  

    Oft gestellte Fragen betreffen bspw. die sexuelle Gesundheit, welchen wir mit Aufklärung und der Möglichkeit, einen mit uns zusammenarbeitenden Arzt zu besuchen, begegnen. Auch gibt es häufig Unsicherheiten mit dem sogenannten ProstituiertenSchutzGesetz, welches bspw. eine Zwangsregistrierung von Sexarbeitenden vorsieht. Auch hier versuchen wir, möglichst gut über Risiken und auch Rechte aufzuklären. Ansonsten spielt natürlich der Arbeitsalltag eine große Rolle, der Umgang mit Kund*innen, das Bewerben der eigenen Dienstleistungen etc. Nicht selten haben die Menschen auch sehr persönliche Bedürfnisse auszuloten, wie sie mit anderen Lebensfaktoren, wie bspw. Migration oder Transidentität im Bezug auf ihre Arbeit umgehen können.

    Menschen in der Sexarbeit leben und arbeiten leider in einem Schattendasein, teilweise in regelrechten Doppelleben. Dies ist zurückzuführen auf die noch immer anhaltende soziale Stigmatisierung, institutionelle Diskriminierung, sowie gesetzliche Benachteiligung.

    Sex- Arbeit ist sicher weniger tabuisiert als früher – dennoch arbeiten die Menschen in einem Bereich, der gesellschaftlich wenig oder gar nicht anerkannt ist. Wie berührt das die Escorts, mit denen ihr sprecht? 

    Menschen in der Sexarbeit leben und arbeiten leider in einem Schattendasein, teilweise in regelrechten Doppelleben. Dies ist zurückzuführen auf die noch immer anhaltende soziale Stigmatisierung (bspw. mangelnde Akzeptanz von Familie und Freund*innen, mangelnde Wertschätzung der Arbeit und allgemein verbreitete Vorurteile), institutionelle Diskriminierung (wie bspw. auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder im Bankwesen), sowie gesetzliche Benachteiligung (bspw. durch die Pflicht zur Anmeldung oder das Überschneiden mit Migrationsauflagen).

    Bei vielen sorgt dies natürlich für Unsicherheiten und auch (existenzielle) Ängste. Manche verinnerlichen Gefühle von Scham, andere wiederum sind sehr stolz auf sich selbst und ihre Arbeit und fordern die ihnen zustehenden Rechte und Anerkennung. Die Reaktionen auf diese komplexen Probleme sind also sehr verschieden, aber alle sind sich einig, dass ihnen eine bessere Behandlung durch die Gesellschaft aber auch den Staat und die Politik zusteht. 

    An der Stelle sehen wir auch eine gesellschaftliche Verantwortung: In Diskussionen werden Begrifflichkeiten wie (Zwangs-)Prostitution, Menschenhandel und Sexarbeit immer wieder vermischt, was letztendlich allen Betroffenen schadet und ihnen nicht die entsprechend notwendige Unterstützung bietet. Wir sollten den betroffenen Menschen zuhören und sowohl Zwang in den Ursachen abwenden, als auch Sexarbeitende in ihren Bedürfnissen entgegenkommen und sie in ihren Lebenslagen unterstützen.

    In Diskussionen werden Begrifflichkeiten wie (Zwangs-)Prostitution, Menschenhandel und Sexarbeit immer wieder vermischt, was letztendlich allen Betroffenen schadet.

    Nun hatten wir zwei bis drei Jahre Pandemie, wie hat das denn die Sex-Arbeit insgesamt verändert?  

    Während der Pandemie haben die bereits bestehenden Probleme stark zugenommen. Einnahmen gingen den Bach herunter, die Obdachlosigkeit nahm zu. Viele mussten irgendwie weiter arbeiten aber wollten gleichzeitig gesund bleiben. Zeitweise gab es das Verbot zur Sexarbeit, welches als eine der letzten COVID-Maßnahmen gelockert wurde – zu einer Zeit als Clubs, Restaurant und Massagesalons bereits lange wieder offen hatten. Die ohnehin schwierige Situation wurde ausgenutzt, um Forderungen vom Verbot der Sexarbeit salonfähiger zu machen, Sexarbeiter*innen wurden teilweise in alter Manier als Gesundheitsrisiko angekreidet. Natürlich geht da bei den Betroffenen auch Vertrauen verloren, wenn solche diskriminierenden Äußerungen fallen. Wir haben bemerkt, dass das Klima gegen Sexarbeitende teilweise rauer und auch aggressiver wurde, sowohl politisch als auch auf der Straße.

    Gleichzeitig wurden natürlich auch Beratungsstellen wie unsere durch COVID in ihrer Arbeit beeinträchtigt, weswegen wir Unterstützung nicht in einem Ausmaß anbieten konnten wie wir gerne hätten oder wie sie gebraucht gewesen wäre. Wir bemerken, dass die psychische Gesundheit, soziale Isolation, der Verlust von Kontakten und auch der Konsum von Drogen seit der Pandemie vermehrt aufkommende Themen sind.

    Sexarbeiter*innen haben aber unglaublich viel Geduld und Raffinesse, sich an wechselnde Bedingungen anzupassen und einen eigenen Umgang mit diesen zu finden. Gerade der Zugang zu Resourcen und der Austausch mit Kolleg*innen sind hier entscheidende Kriterien, um einen Unterschied zu machen.

    Wir leben in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, beeinflusst das eurer Ansicht nach auch die Sexarbeit?  Können Sexarbeiter*innen noch von ihrer Arbeit leben?

    Natürlich beeinflusst die schwierige Wirtschaftslage auch Sexarbeitende. Nicht nur, dass weniger Geld für sexuelle Dienstleistungen ausgegeben wird und somit weniger Einkommen vorhanden ist, auch sind die Lebenserhaltungskosten gestiegen und mehr Geld geht für Miete, Essen, Kleidung usw. drauf. Wie in allen selbstständigen Berufen, ist es häufig unklar, wieviel Geld man tatsächlich verdienen wird. Mal gibt es einen guten Monat der Rücklagen erlaubt, mal gibt es einen schlechten Monat bei welchem man ans eigene Ersparte muss. Eine Zukunftsplanung ist dadurch nochmal weitaus schwieriger. Viele Sexarbeiter*innen sind daher auch oft in anderen Jobs tätig oder nutzen ihre Skills für andere Berufe, und sorgen somit für eine Art Grundsicherung. Nichtsdestotrotz schätzen viele die Sexarbeit als eine zeitlich relativ flexible und eigenständige Arbeit, um Einkommen zu erzielen. Die ökonomischen Umstände sind für alle Sexarbeitenden sehr verschieden und individuell geprägt. Es gibt Menschen, die mittels Sexarbeit der Armut entkommen wollen und dennoch prekär leben und arbeiten und es gibt genauso Menschen, die sexuelle Dienste sehr erfolgreich anbieten und dies als Vollzeitjob und einzige Verdienstquelle betreiben. In beiden Fällen muss die Tätigkeit als Arbeit verstanden und respektiert werden und der Fokus sollte darauf liegen, wie die Menschen besser, sicherer und selbstbestimmter arbeiten und leben können. Was den Unterschied macht und die Erfahrungen beeinflusst sind häufig sich überschneidende Formen von Diskriminierung oder Privilegien: Sprachkenntnisse, Migrationsstatus, Gender, unterschiedlicher Zugang zu Ressourcen oder Communities etc. Dies alles macht leider einen Unterschied auch im Verdienst und Arbeitsalltag.

    PrEP ist in der Szene ein großes Thema.  Wie geht ihr damit um, was ratet ihr?  Auch im Hinblick auf Geschlechtskrankheiten und sexuelle Gesundheit insgesamt? 

    Unsere Gesundheitsberatung beinhaltet natürlich auch das Thema PrEP und wir raten zur Einnahme von PrEP und vermitteln an Stellen um diese zu erhalten. Gleichzeitig klären wir auch auf, dass PrEP eben nur vor HIV schützt, aber nicht vor anderen, teils sogar häufiger vorkommenden Geschlechtskrankheiten. Daher raten wir zur gleichzeitigen Verwendung von Kondomen – zumal die Nutzung von Kondomen auch im sog. ProstituiertenSchutzGesetz vorgeschrieben ist. [Anmerkung der Redaktion: Kondome schützen vor einer HIV-Übertragung. Sie senken außerdem auch das Risiko, sich mit anderen Geschlechtskrankheiten anzustecken. Einen vollständigen Schutz bieten sie gegen Geschlechtskrankheiten jedoch nicht. Deswegen sind regelmäßige Tests wichtig. Mehr Infos unter neu.iwwit.de/kondome.] Viele Sexarbeitende sind daran interessiert sich nicht mit Geschlechtskrankheiten anzustecken, schließlich ist der eigene Körper auch irgendwo ein Arbeitsmittel und bei einem Ausfall gäbe es keine bezahlte Krankschreibung. Daher stoßen wir auf Interesse und Eigeninitiative bei diesem Thema und merken, dass viele Sexarbeitende bereits mindestens ein gewisses Grundwissen zu dem Thema haben und sich weiter informieren möchten.

    Caspar ist Sexarbeiter. Und er ist trans*männlich. Caspar mag seinen Beruf. Für ihn ist Sexarbeit ein Job, wie jeder andere auch, den er mal toll, mal scheiße findet. Um sich vor HIV zu schützen, nimmt Caspar die PrEP.

    Sex unter Drogeneinfluss, bzw. Substanzen ist ja auch ein Thema, das die Szene beschäftigt.  Was ratet ihr Leuten, die zu euch kommen?  

    Unser Ansatz ist derjenige der sogenannten „Harm Reduction“, also der Reduzierung von Gefahren. Wir klären auf zum sichereren Gebrauch von Drogen oder vermitteln bei Bedarf an medizinisches Personal und Suchthilfen. Bzgl. der Arbeit denken wir, dass es am Besten ist, nüchtern zu arbeiten, auch um möglichen Gefahrensituationen besser begegnen zu können. Doch der Bedarf an Chemsex von Seiten der Kundschaft ist teilweise hoch. Daher appellieren wir auch an die Kundschaft, fair und verantwortungsbewusst beim Buchen sexueller Dienstleistungen zu handeln.

    Aktuell wird das sog. „ProstituiertenSchutzGesetz“ eher als Schikane, Diskriminierung und (Teil-)Kriminalisierung wahrgenommen, denn als Schutz. Was es wirklich bräuchte, wäre eine gesetzliche Gleichbehandlung und die Festschreibung von tatsächlichen (Arbeits-)Rechten – unter Beteiligung und Anhörung von den Sexarbeitenden selbst.

    Ihr seid ja kein aktivistisches Bündnis, aber dennoch die Frage: Habt ihr Forderungen an die Politik, etwa an den Senat, was sich beim Thema Sexarbeit verändern müsste?  Was wünschen sich die Escorts? 

    Als geförderte Beratungsstelle stehen wir im Austausch mit dem Senat und versuchen in verschiedenen Arbeitskreisen unsere Expertise einzubringen. Wir sehen uns dabei klar an der Seite von Sexarbeitenden und versuchen ihre Lage wo möglich zu verbessern. Da die Sexarbeit ein zutiefst politisiertes und reguliertes Berufsfeld ist, haben wir natürlich auch Perspektiven auf die Politik, die vom Kontakt mit unserem Klientel beeinflusst werden. In Berlin haben wir an dem „Runden Tisch Sexarbeit“ mit Senat, Behörden, Betreiber*innen und Sexarbeitenden teilgenommen. Dabei wurden sehr gute Handlungsempfehlungen erarbeitet, welche bisher jedoch nur unzureichend umgesetzt werden. Wir wünschen uns, dass diese Ideen schneller und besser umgesetzt werden. Gleichzeitig müssen Projekte, die Sexarbeitende unterstützen oder sogar von diesen selbst angeführt werden, weiter gefördert und ausgebaut werden.

    Was wir von Sexarbeitenden oft hören, ist dass sie sich eine Überarbeitung der aktuellen Gesetzeslage wünschen. Aktuell wird das sog. „ProstituiertenSchutzGesetz“ eher als Schikane, Diskriminierung und (Teil-)Kriminalisierung wahrgenommen, denn als Schutz. Was es wirklich bräuchte, wäre eine gesetzliche Gleichbehandlung und die Festschreibung von tatsächlichen (Arbeits-)Rechten – unter Beteiligung und Anhörung von den Sexarbeitenden selbst. Solch ein Gesetzestext wäre auch eine wichtige Voraussetzung um der anhalten Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeitenden zu begegnen. Wir müssen hier zum einen bessere Aufklärung in der Gesellschaft leisten, aber auch Gleichbehandlung und eine Verbesserung der Lebenslagen gesetzlich verankern. Wenn aktuell Sexarbeit haufenweise Sonderregelungen unterzogen wird, sie als unmoralisch oder als Gesundheitsrisiko dargestellt werden, dann ist es nicht verwunderlich wenn Diskriminierung gegen Sexarbeitende anhält und sogar existenzielle Probleme durch Institutionen verursacht, bspw. wenn sich jemand nicht für eine Wohnung bewerben kann, weil der Job nicht angegeben werden kann oder wenn eine Bank mal wieder das Konto einer Person in der Sexarbeit sperrt. Wir wünschen uns daher, dass unsere und die wichtige Arbeit anderer Kolleg*innen weiter fortgesetzt und gefördert wird, dass Betroffene selbst mehr Unterstützung erhalten, dass ihre Bedürfnisse auch durch gesetzliche Rechte Antwort erhalten und dass der vielseitigen Diskriminierung und Stigmatisierung durch Aufklärung und Gleichbehandlung begegnet wird.


    HIV-Schutz in der Sexarbeit? Trans* Mann Caspar setzt auf die PrEP! Schau dir hier das Video dazu an: https://www.youtube.com/watch?v=Vxwz_OHgwEU
  • Alt werden, ohne allein zu sein – Mehrgenerationenhaus Berlin als Alternative

    Alt werden, ohne allein zu sein – Mehrgenerationenhaus Berlin als Alternative

    Die Deutschen werden immer älter, und das betrifft in besonderer Weise schwule Männer, die im Alter meist ohne Familie dastehen – und ohne Kinder, die sich um sie kümmern. Noch immer gibt es in Deutschland zu wenig Wohnprojekte für homosexuelle Senioren. Ein Lichtblick ist das erste Mehrgenerationenhaus, das in Berlin im Frühsommer eröffnet hat.

    Seit Peters HIV-Diagnose sind bald 30 Jahre vergangen. 70 ist der Waliser inzwischen, hat viele Freunde und Bekannte an AIDS sterben sehen. Bis zu seinem Schlaganfall vor gut einem Jahr lebte er im Hamburger Stadtteil St. Georg. Aber für den Rollstuhl war der Fahrstuhl zu klein, Peter musste nach Alternativen suchen. Er recherchierte gezielt nach schwulen Wohnprojekten, weil er nicht in eins der üblichen Altenheime wollte. Doch in Hamburg hat er nichts gefunden, nicht mal in London. Erst in Berlin wurde er fündig. Im „Lebensort Vielfalt“ hat er jetzt ein Zimmer in der Pflege-WG.

    Mehrgenerationenhaus Berlin – ein Wohnprojekt mit Vielfalt und Gemeinschaft

    Das Charlottenburger Mehrgenerationenhaus ist erst vor wenigen Monaten eröffnet worden. Auf insgesamt fünf Stockwerken gibt es 24 Wohnungen in verschiedenen Größen – meist rollstuhlgerecht und mit barrierefreien Bädern ausgestattet – sowie Eröffnung Lebensort eine WG für Pflegebedürftige. Männer zwischen 31 und 85 leben hier. Neben Garten, Gemeinschaftsraum und einem Café verfügt der Lebensort Vielfalt auch über die deutschlandweit größte Verleih-Bibliothek mit Büchern, Broschüren etc. zum Thema LGBTIQ; auch die Schwulenberatung – Träger des Projektes – ist mit im Haus.

    Gemeinsam alt werden: Erfahrungen von Bewohnern im Lebensort Vielfalt

    Erste Überlegungen für ein solches Wohnprojekt gab es schon vor fast zehn Jahren – doch mal scheiterte es am Geld, mal bot eine Wohnungsbaugesellschaft Objekte in wenig attraktiven Gegenden an.

    „Da wollte doch niemand hinziehen!“, sagt der 67-jährige Bernd Gaiser, der nun wie mehr als 30 Bewohner des Lebensorts Vielfalt in zentraler Lage in Charlottenburg eine Heimat gefunden hat. Der Mietersprecher erklärt, dass das Mehrgenerationenhaus allen offen steht: Homos und Heteros, egal welchen Geschlechts. Wobei die fünf Frauen hier eindeutig in der Minderzahl sind, und es ist lediglich eine Lesbe darunter. Es gab auch mal Pläne, in einer der größeren Wohnungen eine WG für transidente Menschen unterzubringen, doch die potentiellen Bewohner haben sich vor dem Einzug zerstritten. Sogar eine Heterofamilie hatte sich mal für eine der Wohnungen interessiert – woran es letztlich scheiterte, weiß man nicht. Vielleicht wollte man den 17-jährigen Sohn nicht einer Horde schwuler Männer überlassen, mutmaßen Bernd und seine Nachbarn Klaus und Jürgen süffisant.

    Etwa die Hälfte der Bewohner hat HIV. Zu ihnen gehören auch der 48-jährige Klaus und sein Partner. Am Lebensort Vielfalt schätzt Klaus, dass er bei Gesprächs- oder Informationsbedarf sehr kurze Wege hat – die psychosoziale Beratung befindet sich ja im selben Haus. Mit seinem Partner ist er erst vor kurzem aus Hessen nach Berlin gezogen. Zwar gab es auch in Frankfurt mal Pläne für ein ähnliches Projekt, doch das „PfleGAYheim“ wurde nie Realität.

    Der Lebensort Vielfalt ist einmalig – etwas vergleichbar Großes muss man sehr lange suchen. Ein „europaweit einzigartiges Modellprojekt“, nannte es darum der Regierende Bürgermeister Wowereit bei der Eröffnung. Sechs Jahre dauerten die Vorbereitungen, anderthalb Jahre wurde gebaut. Insgesamt wurden rund sechs Millionen Euro investiert, über die Hälfte der Mittel kam von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.

    Wohnen im Alter: Kosten, Barrieren und queere Alternativen in Deutschland

    Die Mieten liegen hier im kiez-üblichen Durchschnitt. Bernd zahlt für seine 47 Quadratmeter 611 Euro warm. Allerdings wohnt er auch ganz oben in einem hübschen Maisonette-Apartment – die Wohnungen in der 3. und 4. Etage sind etwas günstiger. Sein Nachbar, der 67-jährige Jürgen, hat sich vor seinem Einzug bei verschiedenen Berliner Einrichtungen erkundigt. Aber Monatsbeiträge bis zu 1.700 Euro haben ihn abgeschreckt – etwaige Pflegeleistungen noch nicht eingerechnet. Aber es gibt auch die andere Seite – nicht jeder kann sich den „Lebensort Vielfalt“ leisten. Viele Interessenten sind wegen der Mietpreise abgesprungen. So kam Jürgen recht schnell an seine Wohnung – denn ursprünglich belegte er auf der langen Warteliste den 76. Platz.

    Man findet bundesweit wenig geglückte Projekte, die vergleichbar sind. In Dresden hat man versucht, ein schwul-lesbisches Wohnprojekt zu etablieren. Laut Mitinitiator Horst Rasche musste man sich aber von der Idee verabschieden, weil man nicht genügend Mieter fand. „Jüngere Leute sind kaum für ein Wohnprojekt zu interessieren, während die älteren sich schwer tun. Sie sind oft nicht geoutet oder sogar noch verheiratet.“ Heute sind nur drei der insgesamt 14 Bewohner des Hauses homosexuell.

    Älterer Mann in Werbeanzeige für das Mehrgenerationenhaus Berlin
    Lebensort Vielfalt in Berlin bei seiner Eröffnung am 8.06.2012

    In Köln gibt es die Villa Anders. Das gemeinnützige Wohnprojekt richtet sich an Lesben, Schwule und Transgender. Willkommen sind Singles und Paare ebenso wie Regenbogen-Familien. In München wurde 2010 in zentraler Lage die rosaAlternative eröffnet kurz: „rosaAlter“. Die Wohngemeinschaft verfügt über fünf Einzelzimmer von ca. 17 qm sowie zwei Paarzimmer, die etwa 32 qm groß sind. Küche und Bad werden gemeinschaftlich genutzt. Das Projekt wird von der AIDS-Hilfe betrieben, sie sich im selben Haus befindet. Für die Bewohner – gegenwärtig wohnen hier ausschließlich Männer mit HIV – hat das einen großen Vorteil. Grundsätzlich steht das Projekt aber allen offen, die hier wohnen möchten, sagt Manuel Otten, der als Sozial-Pädagoge bei der AIDS-Hilfe arbeitet und als Moderator für die Belange der Bewohner zuständig ist.

    Mehrgenerationenhaus Berlin als Modellprojekt für würdevolles Altern

    Neben der WG gibt es im Obergeschoss das Angebot für Betreutes Wohnen. „Bei fortgeschrittenem Krankheitsstadium kann einfach innerhalb des Hauses gewechselt werden“, sagt Otten. „Das funktioniert aber auch umgekehrt. Wir hatten mal einen Bewohner, der in der Krankenwohnung mit Dauerbetreuung so gute Fortschritte gemacht hat, dass er schließlich in die WG umziehen konnte.“

    Das Betreuungs- und Pflegeangebot ist aber nicht der einzige Vorteil, den Otten sieht. Homosexuelle haben es in „normalen“ Altersheimen oft nicht leicht, wie er aus Erzählungen von Bewohnern weiß. „Manchmal landen ältere schwule Männer in einem Doppelzimmer mit einem wenig toleranten Zimmergenossen, der sich mit einem Vorhang abschirmt, um mit dem anderen nichts zu tun zu haben. Ein schwuler Senior bekam mit seinem Zimmergenossen Probleme, als er das Bild seines verstorbenen Partners neben seinem Bett aufstellte. Manchmal ist es aber auch nur die Situation, wenn ein älterer Schwuler mit drei alten Damen beim Essen am Tisch sitzt – kommt das Gespräch auf die Enkelkinder, kann er nur sehr eingeschränkt teilnehmen.“

    Um solche Situationen zu vermeiden, gibt es Wohnprojekte wie „rosaAlter“, die ein würdevolles Altern ermöglichen; niemand soll sich ausgegrenzt fühlen. Auch das Berliner Mehrgenerationenhaus will Menschen unabhängig von Geschlecht, Orientierung und Alter eine Heimat bieten, und der Lebensort Vielfalt ist eine besondere Erfolgsgeschichte: Auf der Warteliste stehen momentan 230 Namen, und die Liste wird ständig länger. Vielleicht wird man irgendwann ein zweites Haus hinzukaufen.

    Häufige Fragen (FAQ) zum Thema Alt werden und Mehrgenerationenhaus Berlin

    In diesem FAQ-Bereich findest du Antworten auf wichtige Fragen rund um das Thema alt werden in Gemeinschaft, Mehrgenerationenhaus Berlin, sowie unterstützende Angebote, Anlaufstellen, Tipps und Tricks für queere Senior*innen und alle, die eine alternative Wohnform im Alter suchen.

    Was ist ein Mehrgenerationenhaus und wie hilft es beim Alt werden?

    Ein Mehrgenerationenhaus ist ein Wohnprojekt, in dem Menschen unterschiedlichen Alters gemeinsam leben. Es fördert soziale Netzwerke, gegenseitige Unterstützung und Gemeinschaft, wodurch das Alt werden ohne Einsamkeit erleichtert wird – gerade wenn familiäre Strukturen fehlen.

    Wer kann im Mehrgenerationenhaus Berlin wohnen?

    Das Mehrgenerationenhaus Berlin (Lebensort Vielfalt) ist ein Wohnprojekt mit Wohnungen, Gemeinschaftsräumen, Café und Beratungsangeboten. Es richtet sich an Menschen, die nicht allein alt werden möchten, und ist offen für verschiedene Altersgruppen und Orientierungen, mit besonderem Fokus auf queere Lebensentwürfe.

    Wie finde ich freie Plätze im Mehrgenerationenhaus Berlin?

    Aktuell gibt es Wartelisten:
    👉 Interessierte können sich direkt bei Lebensort Vielfalt Berlin melden und sich auf die Warteliste setzen lassen. Die Nachfrage ist hoch, daher lohnt sich eine frühzeitige Anfrage.

    Gibt es weitere Wohnprojekte für schwule oder queere Senior*innen in Deutschland?

    Ja – neben Berlin gibt es/gab Ansätze in Städten wie:
    Villa Anders (Köln) – Wohnprojekt für Lesben, Schwule, Trans & Regenbogenfamilien
    rosaAlter (München) – Wohnform mit betreutem Wohnen

    Tipp: Regionale LSBTIQ-Beratungsstellen kennen oft lokale Initiativen und Wohnangebote.

    Welche staatlichen oder sozialen Anlaufstellen helfen beim Wohnen im Alter?

    Pflegestützpunkte Berlin – Beratung zu Pflege & Wohnformen
    Queere Beratungsstellen (z. B. Schwulenberatung Berlin) – Unterstützung für LSBTIQ-Personen
    Seniorenvertretungen – Informationen zu Wohnprojekten
    Pflegeberatung der Krankenkassen – Infos zu Wohn- & Pflegeformen
    AWO – Beratungsstellen zur Seniorenhilfe
    LSBTIQ-Beratungsnetzwerke – Unterstützung, Vernetzung, Projektinfo

    Wie beantrage ich Pflege oder Unterstützung im Mehrgenerationenhaus?

    Die Pflegeleistungen werden meist über die Pflegekasse beantragt:
    1 Antrag bei der Krankenkasse stellen
    2 Pflegegrad feststellen lassen
    3 Beratungsgespräch bei einem Pflegestützpunkt wahrnehmen
    4 Leistungen (z. B. Betreuung, Haushaltshilfe) kombinieren
    Tipp: Viele Wohnprojekte arbeiten mit externer ambulante Pflege zusammen.

    Gibt es finanzielle Unterstützung für Menschen mit geringer Rente?

    Ja, mögliche Hilfen sind z. B.:
    Wohngeld
    Grundsicherung im Alter
    Pflegegeld / Betreuungsleistungen
    Leistungen nach SGB XII
    Beratung dazu bieten Pflegestützpunkte, Sozialämter und Wohlfahrtsverbände.

    Wie kann ich mich über queere Angebote im Alter informieren?

    Empfohlene Ressourcen:
    Schwulenberatung / Lesbenberatung vor Ort
    LSBTIQ-Netzwerke online
    Pflegestützpunkte
    LGBT Senior*innen-Foren
    Wohnprojekt‑Netzwerke

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    Du brauchst jemanden zum Reden?

    Ob akut oder einfach zur Orientierung – manchmal hilft es, mit jemandem vertraulich zu sprechen.
    Nutze den Gay Health Chat – der Button rechts unten begleitet dich auf der Seite. Dort bekommst du anonym und kostenlos:

    • Persönliche Live-Beratung im Chat
    • Hilfe per Mail oder Telefon
    • Infos zu Gesundheit, Recht, Alltag und mehr

  • Bezugsperson und Vertrauter

    Bezugsperson und Vertrauter

    Ehrenamt: Bezugsperson und Vertrauter
    © SP-PIC – Fotolia.com

    Theo (Name geändert) ist 42 Jahre alt. Seit neun Jahren engagiert er sich ehrenamtlich bei der Berliner Aids-Hilfe als emotionaler Begleiter von Menschen mit HIV. Ein Porträt von Moritz Krehl

    1998 bekommt Theo die Diagnose „HIV-positiv“ – ein Schock.

    Fünf Jahre später tritt er freiwillig aus dem kirchlichen Dienst aus und geht nach Berlin, um dort sein Glück zu finden. Die Trennung von seinem damaligen Freund, berufliche Turbulenzen und nur wenige soziale Kontakte  führen ihn allerdings zunächst in die Einsamkeit. So schwer hatte Theo sich den Start nicht vorgestellt. Aber anstatt zu resignieren und zu Hause zu sitzen, bis er depressiv wird, geht er zur Berliner Aids-Hilfe, kurz BAH, um sich ehrenamtlich zu engagieren – für ihn ein Weg aus der Isolation.

    Die BAH hat zehn bis fünfzehn Bereiche, in denen ehrenamtliches Engagement möglich ist.

    Theo entscheidet sich für die „Begleitung“. Dort gibt es drei Gruppen: Die Ehrenamtler von „Freunde im Krankenhaus“, kurz die FRIKS, begleiten Aids-Patienten, die langfristig im Krankenhaus liegen müssen. Die in der „emotionalen Begleitung in Haft“ Engagierten treffen sich regelmäßig mit HIV-infizierten oder aidskranken Häftlingen. Theo arbeitet in der dritten Gruppe, der „emotionalen Begleitung“. Auch hier geht es darum, Menschen mit HIV auf ihrem Weg aus der Krise zu begleiten, ihnen ein Stück Lebensqualität zurückzugeben, Bezugsperson und Vertrauter zu sein.

    Die „Begleitung“ wurde in den 1980er Jahren ins Leben gerufen, in den schlimmsten Zeiten der Aidskrise.

    Schon damals haben die Ehrenamtlichen HIV-Positive, aber vor allem Aidspatienten begleitet –bis zu deren Tod. Damals war das also oft Sterbebegleitung, das Ende des begleiteten Wegs war von Anfang an vorbestimmt.

    Auch heute nehmen Begleiter wie Theo HIV-Positive und Aidskranke an die Hand und schenken ihnen ein Stück Geborgenheit und Vertrautheit. Anders als früher ist das Ende aber nicht mehr vordefiniert, dank der modernen Medikamente. Heute entscheidet sich in intensiven Gesprächen zwischen Begleiter, Begleitetem und Aidshilfe-Mitarbeiter sowie in der Supervision, wann die Begleitung sinnvoll beendet wird. Meistens ist das ein Zeitpunkt, an dem die Krise des Begleiteten überwunden ist oder an dem deutlich wird, dass die Begleitung die angestrebten Ziele nicht erreichen kann. So kann der gemeinsame Weg kurz sein, sich aber auch über viele Jahre erstrecken.

    Nicht geändert hat sich hingegen, dass Aids oft ins soziale Abseits führt.

    Die Krankheit isoliert die Patienten, sie vereinsamen. Resignation, Depressionen und Lethargie sind häufige Folgen, wobei Theo davon überzeugt ist, dass eine HIV-Diagnose selten neue Probleme schafft, sondern eher psychische Veranlagungen verstärkt – so wie es bei kritischen Lebenssituationen vorkommen kann.

    Um der Isolation entgegenzuwirken, haben die Begleiter mindestens einmal pro Woche mit ihren Klienten Kontakt; bevorzugt persönlich, manchmal aber auch nur am Telefon. Und obwohl Theo wie die meisten Begleiter berufstätig ist und wenig Zeit hat, verbringt er alle zwei Wochen sogar den ganzen Samstag mit seinem aktuellen Klienten Benjamin (Name geändert), um mit ihm einen Ausflug zu machen, einen Kaffee trinken zu gehen oder einfach nur mit ihm zu reden und ihm zuzuhören.

    Der aidskranke Mann ist ungefähr so alt wie Theo selbst – und erst sein zweiter Klient in neun Jahren. Theo begleitet Benjamin seit mittlerweile vier Jahren. Man merkt, dass Theo Benjamins Schicksal nahegeht, aber auch, dass es ihm egal ist, woher er kommt und wie er in diese Lage gekommen ist. Theo urteilt nicht, ihm geht es um den Menschen und den Weg, der vor ihm liegt. „Ich will ihm helfen, sein Leben zu erleben.“

    Was hat Theo das Engagement in der Berliner Aids-Hilfe gebracht, und warum engagiert er sich nach wie vor?

    Er hat Anschluss gesucht und gefunden, sagt er. Die Supervisionsgruppe gab ihm Halt. Und er hat in der BAH Freunde gefunden, ein gutes Netzwerk, auf das er nicht mehr verzichten will. Außerdem bietet ihm die Arbeit „eine soziale Alternative zum verkopften Schreibtischleben“ und gibt ihm das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Und nicht zuletzt lernt er viel über sich selbst. In gemeinsamen Supervisions-Sitzungen spricht Theo mit den anderen über seine persönlichen Probleme und über schwierige Momente in der Begleitung. „Oft kommt dann ein Feedback, das mich nachdenklich macht und wodurch ich mich persönlich weiterentwickeln kann.“