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  • Queeres Leben nach einem Jahr Pandemie: “Wir sind systemrelevant”

    Queeres Leben nach einem Jahr Pandemie: “Wir sind systemrelevant”

    Covid-19 bestimmt seit mittlerweile mehr als einem Jahr unseren Alltag und verändert subkukturelle Räume und Safer Spaces. Wie sieht queeres Leben während der Pandemie in Deutschland aus? Eine Zwischenbilanz.

    Nichts beschäftigt uns seit letztem Jahr so sehr wie die Corona-Pandemie und die darauf folgenden Einschränkungen. Ob Lockdown Light, Wellenbrecher-Lockdown oder Harter Lockdown, fest steht, dass Einrichtungen des öffentlichen Lebens seither als Gesundheitsrisiko gelten, darunter auch Safe Spaces für queere Menschen. Die Be­trei­be­r*in­nen von Darkrooms, Bars oder Clubs haben mit kurzer Unterbrechung seither quasi Berufsverbot, die Mitarbeiter*innen sind in Kurzarbeit oder ohne Aufträge. 

    In der Krise schränken auch viele Hilfseinrichtungen ihr Angebot ein oder bieten ihre Beratungsgespräche nun lediglich online oder telefonisch an. Die Fachstelle für queere Geflüchtete der Schwulenberatung Berlin geht dabei anders vor. Hans Kalben ist Sozialpädagoge und seit 2015 Teamleiter der Fachstelle. “Die Hürden für digitale Termine sind für unsere Zielgruppe oftmals zu hoch”, sagt Kalben. Zwar arbeite Kalben mittlerweile häufiger aus dem Homeoffice, ein großer Teil der Beratungsgespräche finde aber noch immer vor Ort statt: “Viele Geflüchtete haben kein Endgerät oder W-Lan oder finden in der Gemeinschaftsunterkunft einfach keine Privatsphäre.”

    In der Krise schränken viele Hilfseinrichtungen ihr Angebot ein.

    Vor Ausbruch der Pandemie fand jeden Dienstag und Freitag ein Treffen im Café Kuchus in Berlin-Kreuzberg statt, zu dem sich niemand anmelden musste. Zwar kommuniziere die Beratungsstelle aktuell, dass die Treffen coronabedingt ausfallen, inoffiziel stehen aber immer Mitarbeitende für Beratungsgespräche bereit: “Wir haben die Erfahrung gemacht, dass trotzdem immer viele Menschen kommen, die Hilfe brauchen.” Seit letztem März gebe es einen verstärkten Bedarf an Beratungsgesprächen und das obwohl weniger Menschen neu in Deutschland ankommen als vor Ausbruch der Krise. “Menschen, die schon länger illegalisiert im Land leben und die sich sonst mit Sexarbeit oder anderen prekären Beschäftigungsverhältnissen über Wasser halten, haben verstärk Hilfe in Anspruch genommen”, sagt Kalben. Durch den Lockdown sei ein Asylverfahren für viele dieser Menschen die letzte Chance. 

    Negative Asylbescheide und Abschiebungen trotz Corona

    Was Kalben und seinem Team seit einem Jahr immer wieder schwerfalle, sei die richtige Kommunikation der Corona-Schutzmaßnahmen. “Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften haben gar nicht die Möglichkeit sich zu schützen oder alle Corona-Hygienemaßnahmen einzuhalten”, sagt er. Belastend sei auch die Sorge, Geflüchtete in den Beratungsgesprächen mit Covid-19 zu infizieren. Um dies zu verhindern, arbeite die Beratungsstelle mit Spuckschutztrennwänden, Aerosolgeräten, Masken und Abstandsregeln: “Es ist eine tägliche Herausforderung, bestmöglich zu beraten und gesundheitliche Risiken dabei zu vermeiden.” 

    Abschiebungen finden weiterhin statt, obwohl sich die Situation in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten dramatisch verschlechterte.

    Trotz Lockdown und Krisenlage laufe die Arbeit in den Behörden und beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge weiter. So erhalten Geflüchtete trotz Pandemie, laut Kalben, weiterhin negative Asylbescheide ohne dass die Fristen dabei der besonderen Situation angepasst seien. Selbst Abschiebungen finden weiterhin statt, obwohl sich die Situation in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten dramatisch verschlechterte. “Ein Asylverfahren ist immer schwierig, die Pandemie macht es aber noch komplizierter, alle Fristen pünktlich einzuhalten”, sagt Kalben.

    Aufgrund des weltweiten Gesundheitsnotstandes gab es in Krankenhäusern immer wieder die Anweisung, planbare Operationen zu verschieben. Betroffen waren davon auch geschlechtsangleichende Operationen bei trans Menschen, die, sofern es dabei nicht um die Behandlung von Komplikationen ging, nicht als medizinisch notwendig galten. Krankenhäuser arbeiten seit mehr als einem Jahr am Limit, weshalb Kundgebungen und Pride-Paraden mittlerweile online statt auf der Straße veranstaltet werden. DJ-Sets queerer Clubs finden derzeit nur noch als Livestream statt. 

    Digitales Queeres Leben

    Das Pornfilmfestival Berlin, das engen Körperkontakt eigentlich voraussetzt, fand letztes Jahr lediglich vor einer kleinen Anzahl von Gästen statt. “Es war teilweise frustrierend an einem Festival zu arbeiten, das nicht so werden kann und darf, wie man es sich eigentlich wünscht”, sagt Kuratorin Paulita Pappel. Die wenigen Tickets, die es zur Verfügung gab, waren nach kurzer Zeit ausverkauft. “Das war bei der reduzierten Anzahl an Kinoplätzen aber auch nicht schwer”, sagt Paulita Pappel. Neben ihrer Tätigkeit für das Festival besitzt sie die Online-Plattform „Lustery, auf der privat gefilmte Videos von Paaren zu sehen sind. Während viele Pornoproduktionen aufgrund des Lockdowns gestoppt wurden, stellte sich die Plattform als pandemiesicheres Modell heraus: “Wir haben während der Krise mehr Einreichungen erhalten und hatten eine größere Anzahl an Zuschauer*innen.” 

    Durch den Verlust vieler Veranstaltungen sorgt die Pandemie dafür, dass die Sichtbarkeit queeren Lebens in deutschen Städten seit mehr als einem Jahr stark eingeschränkt ist. Die Einweihungsfeier eines Projekts in Mainz fiel der Pandemie zum Opfer. Die Eröffnung des queeren Wohnprojekts Queer im Quatier, das letzten Februar in der Mainzer Neustadt eröffnet wurde, fiel auf den Beginn des ersten Lockdowns in Deutschland. Joachim Schulte, 67, plante das Wohnprojekt in den letzten Jahren und musste die Einweihungsparty auf Zoom veranstalten. Kurz vor der Pandemie bezogen 32 queere Menschen unterschiedlichen Alters 21 Wohnungen in Mainz. Das Wohnprojekt, das als Safe Space gedacht war, funktioniere während der Krise aber nur sehr eingeschränkt. “Wir hätten uns alle in der Einstiegsphase des Projekts gerne besser kennengelernt”, sagt Schulte.

    Grafik von 6 Personen, die eine Corona-Maske tragen, wobei jede Person in einer Farbe der Regenbogenfahne eingefärbt ist.

    Likes und ein “Yaas” statt Umarmungen und Küsse

    So treffe man sich derzeit meist am Müllcontainer oder wenn jemand vom Einkaufen komme. Das Herzstück des Wohnprojekts könne aufgrund der geltenden Hygienemaßnahmen aktuell nicht genutzt werden: “Die Gemeinschaftswohnung, die wir als Treffpunkt für alle nutzen wollten, steht leer.” Da viele Bewohner*innen  zur Risikogruppe gehören, sei man besonders vorsichtig: “Im Sommer haben wir uns zwar auf Abstand im Park getroffen, dabei konnten wir uns aber nicht wirklich kennenlernen.” Abseits der Zoom-Konferenzen plane die Gruppe aber kleinere coronakonforme Aktionen. So backen manche Bewohner*innen Kuchen, legen ihn in die Gemeinschaftswohnung und geben allen Bescheid, dass sie sich nacheinander ein Stück abholen können. All die verpasste Zeit zusammen, wolle man nach der Krise nachholen. “Es herrscht große Enttäuschung, dass wir die Gemeinschaft nur begrenzt genießen können.”

    Im Corona-Jahr 2020 gab es nur wenige Gelegenheit sich als queere Gemeinschaft zusammenzufinden und sichtbar zu sein. Dragqueen Pansy aus Berlin arbeitet mittlerweile im Impfzentrum und verlegt ihre Drag-Shows ins Netz. Umarmungen und Küsse wurden zu Likes und einem “Yaas” in den Kommentarspalten. Zwar zogen vereinzelt kleinere Demonstrationen wie der “Dyke March” in Berlin durch die Straßen, dabei sollten jedoch alle wenn möglich auf den Mindestabstand achten und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Selbst das zweite Jahr der Pandemie scheint von Lockdowns bestimmt, Großveranstaltungen sind noch immer in weiter Ferne. 

    Abseits privater Wohnräume

    Abseits privater Wohnräume gibt es also seit Ausbruch der Krise nur wenig Gelegenheiten, sich in queeren Einrichtungen zu treffen. Zwar wurden bereits viele Wirtschaftshilfen verabschiedet, viele Betriebe und Menschen, die diese besuchen, leiden nach einem Jahr Pandemie und Dauerlockdown aber an den Folgen der Krise. Lokale mit Darkrooms sind mit kurzen Unterbrechungen im Sommer letzten Jahres deutschlandweit geschlossen. Thomas Pfizenmaier, der die Fetisch- und Cruising-Bar New Action in Berlin-Schöneberg und eine weitere Fetischbar in Hamburg betreibt, fand zwischen den Lockdowns eine andere Möglichkeit, Umsatz für seinen Betrieb zu generieren. Gleich nachdem seine Bar nach dem ersten Lockdown wieder öffnen durfte, beantrage Pfizenmaier eine Nutzungserlaubnis zur Außengastronomie. 

    Kaffee und Kuchen statt Fetisch und Sex

    „Mein Lebenspartner hat sich dann in die Küche gestellt und Kuchen gebacken“, sagt er. Er wolle nicht auf Spenden setzen und so servierte er zwischenzeitlich in seinem Pop-Up-Café “Corinna” tagsüber Kaffee und Kuchen, obwohl die Fetischbar sonst immer nur nachts geöffnet war. Eine Zwischenlösung für den Sommer, die aber nicht mehr viel mit Fetisch, Darkroom oder Sex zu tun hat. Da die beantragten Coronahilfen lediglich für betriebliche Kosten genutzt werden dürfen, lebe er als Barbetreiber schon seit März von seinen Ersparnissen: „Ich brauche mittlerweile seit fast einem Jahr meine selbstersparte Rente auf.“ Derzeit denke er aber noch nicht ans Aufgeben, obwohl die Verluste immer größer werden und seine Ver­mie­te­r*in­nen ihm anscheinend nicht entgegenkommen: „In Hamburg gab es während der Krise sogar eine Mieterhöhung.“ 

    „Ich brauche mittlerweile seit fast einem Jahr meine selbstersparte Rente auf.“

    Pfizenmaier denkt, dass sich viele schwule Männer während der Pandemie Schutzräume im Privaten suchen. Dort werden aber, anders als im New Action, weder Namen, Meldeadressen oder Ankunfts- und Ausgangszeit vermerkt. „Wenn sich zig Männer über Online-Plattformen zu Hause verabreden und etwas passiert, kann dieses potentielle Infektionsgeschehen weder kontrolliert noch nachverfolgt werden.“

    „Wir sind systemrelevant für den Erhalt schwuler Kultur, Lebensformen und alternativer familiärer Verhältnisse.”

    Zumindest aktuell geht Pfizenmaier davon aus, dass das “New Action” nach der Krise wieder für seine Kunden öffnen wird. „Ich hoffe, dass sich die schwule Community nach der Pandemie darauf besinnt, wer ihnen über das Jahr hinweg die Stange gehalten hat“, sagt er. Seine Bar sei nicht einfach nur ein gastronomischer Betrieb, sondern diene wie alle anderen queeren Lokale als wichtiger Schutzraum für schwule Subkulturen: „Wir sind systemrelevant für den Erhalt schwuler Kultur, Lebensformen und alternativer familiärer Verhältnisse.”

    Eine Einwegmaske in Herzform auf rotem Hintergrund. Daneben 6 Personen, wobei jede Person in einer Farbe des Regenbogens dargestellt ist.

    IWWIT ist für euch da! 

    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit in der Isolation oder durch finanzielle Schwierigkeiten.

    Doch wir lassen euch nicht hängen! Deswegen haben wir unsere Kampagne #WirFürQueer ins Leben gerufen: Ihr seid nicht allein! Wir helfen uns gegenseitig! Gemeinsam schaffen wir es durch diese harten Zeiten! Mehr Infos findet ihr auf iwwit.de/wir-fuer-queer.

    Auf gayhealthchat.de beraten wir dich zudem täglich zwischen 17 und 20 Uhr – schnell, vertraulich und kostenlos.

  • Hepatitis C in der (Sexparty-)Szene

    Hepatitis C in der (Sexparty-)Szene

    Franz und Manuel fisten gerne. Ist die Hand im Arsch, haben sie oft Hepatitis C im Kopf. Denn als HIV-Positive können sie sich leichter eine Ko-Infektion holen. Hier erzählen sie, wie sie ihre Sex-Sessions mit Vorsicht genießen.

    Franz mag es nicht, wenn es beim Sex ganz dunkel ist. „Ich möchte noch genug Licht haben, um zu sehen, ob auf meinem Handschuh eine auffällige Blutspur ist.“ Franz ist 56 Jahre alt, HIV-positiv, Leder-Fan, und Franz fistet gerne. „In letzter Zeit bin ich noch ein paar Prozente vorsichtiger geworden“, erzählt der Augsburger. Binnen drei Monaten hat er von vier guten Bekannten erfahren, dass sie sich mit Hepatitis C angesteckt haben. „Danach bin ich vorsichtshalber auch zum Check gegangen – außer der Reihe.“ Zweimal im Jahr lässt sich Franz sowieso auf sexuell übertragbare Krankheiten testen, auch ein Hepatitis-C-Test ist dabei. „War aber nix“, sagt Franz erleichtert.

    Schwule Männer mit HIV infizieren sich häufiger mit Hepatitis C als HIV-negative Männer. Ein möglicher Übertragungsweg: Sexpartys, auf denen die Partner häufig wechseln. Franz‘ Eindruck: „Das ist so eine Mischung aus Fist- und Fick-Szene. Wenn das die ganze Nacht durchgeht, bleibt es ja oft nicht bei einer Faust. Und kleinere Verletzungen passieren beim Fisten allemal.“

    Sicherheitsgurt bei der Fist-Session

    Auch Manuel (30) aus Berlin fistet gerne. Meist trifft er sich mit drei Fuckbuddys zu einer „Session“. 2011 hat es ihn erwischt: Hepatitis C – eine typische Ko-Infektion, denn auch Manuel ist HIV-positiv. Ein Jahr lang dauerte die Therapie. Sie hatte heftige Nebenwirkungen, aber war wirkungsvoll: Die Viren sind weg, Manuels Arzt bestätigte ihm gerade erst wieder „Leberwerte zum Vorzeigen“. Die heftige Erfahrung aber bleibt im Kopf. „Der Sex nach der Hep ist schon ein anderer als davor“, sagt der Journalist. „Wenn ich jetzt mit neuen Leuten anfange zu spielen, schaue ich erst mal, wie die agieren“, berichtet er.

    „Fisten ist nun mal eine sexuelle Spielart, wo Entspannung im Kopf wichtig ist“, sagt Manuel. „Beim Fisten geht es um das tiefe Vordringen des Partners und das Ausgefüllt-Sein im Inneren“, erklärt Manuel. „Ob die Hand in mir einen Handschuh anhat oder nicht, ist da nicht so wichtig.“ Der Handschuh schaffe sogar einen kleinen zusätzlichen Moment der Sicherheit – und hilft so beim Entspannen.

    „Von Hepatitis C fühlt sich kaum jemand betroffen“

    Aus seiner Hepatitis-C-Infektion hat Manuel kein Geheimnis gemacht. Die Information stand damals sogar in seinem Gayromeo-Profil. „Die Reaktionen waren neutral“, erinnert er sich. „Im schlimmsten Fall wurden meine Anfragen freundlich abmoderiert.“ Nur einmal gab es einen User, der ihn mit Nachrichten beschoss: Ihr seid unverantwortlich! Ihr schädigt das Solidarsystem! „Da war ich aber nicht das einzige Opfer“, sagt Manuel. „Online hat man immer ein paar Verrückte.“

    Insgesamt reagiert die schwule Fetisch-Community eher gleichgültig auf das gestiegene Hepatitis-C-Risiko, das hat auch Franz beobachtet. „Von Hepatitis C fühlt sich kaum jemand betroffen. Die Leute sagen sich: Mit Fisten hab ich eh nichts am Hut“, erzählt Franz. Und im Gegensatz zu HIV könne Hepatitis C geheilt werden. „Mit HIV hast du halt dein Lebtag zu tun“, sagt Franz, der seit über 20 Jahren mit HIV lebt. „Als HIV-Träger wirst du deshalb in der Szene nach wie vor mehr diskriminiert.“

    Keine offene Diskriminierung, sondern höfliche Distanzierung – so reagieren die meisten Männer, wenn sie von Hepatitis C erfahren. Doch der Rückzug sei ein entscheidender Fehler, findet Manuel. „So erfährt man nie, wie die Infektion passiert ist und wie man sich schützen kann.“ Und dem Gegenüber entgeht die Chance, mal zu erzählen, was er gerade durchmacht. „So eine Hepatitis-C-Therapie ist halt kein Spaziergang“, betont Manuel. „Jeder hat da Momente, wo er am Hadern ist und wo er eine Umarmung oder einen Zuhörer braucht.“ Deshalb fordert Manuel: „Entspannt euch! Redet miteinander. Macht euch kundig.“ Der Austausch kann beide Seiten bereichern. „Bescheid zu wissen gibt dir ein Gefühl von Sicherheit. Und dieses gute Gefühl hilft dir auch dabei, besseren Sex zu haben.“

    Wenn du sonst noch wissen möchtest, worauf beim Fisten zu achten ist, damit es „safer“ bleibt, dann kanns du dich auf der ICH WEISS WAS ICH TU-Kampagnenwebsite informieren. Hier findest du auch Infos zu BDSM, Gruppensex und Pissen: neu.iwwit.de/fetisch

    Hep C Sexparty: Sling-Blog
    Schwule Männer mit HIV infizieren sich häufiger mit Hepatitis C als HIV-negative Männer. Ein möglicher Übertragungsweg: Sexpartys, auf denen die Partner häufig wechseln.

    Mehr zu Hepatitis C auf ICH WEISS WAS ICH TU.

  • „Haltet euch am besten zurück!“

    „Haltet euch am besten zurück!“

    Der Lederkerl prägte über viele Jahre das Bild vom schwulen Mann. Bis heute zeugen die Werke des Künstlers Tom of Finland davon. Doch die Lederszene ist in die Jahre gekommen, und in der Community rümpft man die Nase. Manuel Izdebski, Geschäftsführer der Aidshilfe im Kreis Unna, sprach mit Dirk Killing, der sich seit Jahren im „MSC Rote Erde Dortmund e.V.“ engagiert und dort im Verein seinen Fetisch pflegt. Das gelingt nicht immer ohne Vorbehalte.

    Dirk Killing 2
    Dirk Killing: ‘Als Fetischkerl fällst du aus dem Rahmen.’ (Foto: privat)

    Dirk, du bist als Leder- und Fetischmann weit über unsere Region hinaus bekannt. Vor ein paar Jahren warst du „Mr. Fetish NRW“. Das findet in der Community nicht ungeteilte Zustimmung, oder?

    Nein, viele Mitglieder der Community sind einfach davon überzeugt, dass wir nur durch Anpassung gleiche Rechte erhalten werden. Als Fetischkerl fällst du da aus dem Rahmen.

    Wie meinst du das?

    Ein CSD-Veranstalter hat mir mal gesagt, dass ich mich am besten zurückhalten solle, damit würde ich dem Kampf um Gleichberechtigung mehr helfen. Der hat es auf den Punkt gebracht. An unserer Sichtbarkeit nehmen viele in der Community Anstoß, weil sie die Reaktionen der Heteros fürchten und nicht mit uns in einen Topf geworfen werden wollen. Dabei reden immer alle von Vielfalt.

    Bei schwulen Events gibt es immer wieder Sex in der Öffentlichkeit. Das steht vielfach in der Kritik.

    Ist das Führen eines Sklaven an der Leine schon eine sexuelle Handlung? Wie sollen wir für unsere Welt demonstrieren, wenn wir sie nicht zeigen dürfen? Nein, es reicht unsere bloße Teilnahme in Fetischklamotten, um bei einigen Leuten Schnappatmung auszulösen. In einer Stadt kam es deshalb mal vor einem CSD zu einem Eklat. Eine andere Gruppe hatte Probleme mit unserer Anwesenheit. Da wurden wir öffentlich im Web als Trittbrettfahrer beschimpft, der CSD sei schließlich ein Familienfest. Zugleich wurden wir vom Organisator eindringlich ermahnt, wir mögen uns bitte am Riemen reißen, man stünde kurz vor der Eheöffnung. Da sei ein guter Eindruck wichtig.

    Das ist ein wenig verrückt, denn es waren ja hauptsächlich Lederkerle und Transen, die in der Christopher Street auf die Straße gingen,.

    Ja, aber solche Reaktionen sind leider kein Einzelfall. Bei einem anderen CSD wurden wir auf der Bühne interviewt und sollten über unseren Verein erzählen. Im Vorgespräch erklärte uns der Moderator ernsthaft, dass man uns aber keinen Sling auf die Bühne stellen würde. Keine Ahnung, was der für Vorstellungen hatte. Und bei der Konzeption eines Jugendtreffs, wo viele unterschiedliche Gruppen mitgewirkt haben, war unser Engagement nicht gefragt, obwohl wir einen Sozialpädagogen in unseren Reihen haben, der fachlich etwas hätte beisteuern können. Beim Thema Jugendarbeit sollten wir aber in keinster Weise in Erscheinung treten, auch nicht professionell.

    Wie geht Ihr denn innerhalb eurer Szene mit solchen Ausgrenzungserfahrungen um?

    Um ehrlich zu sein: Es geht uns mittlerweile am Arsch vorbei. Von uns will gar keiner eine „Hetero-Hochzeit“ oder Kinder adoptieren. Aber wir haben uns immer solidarisch erklärt mit den Forderungen der Community. Und beim CSD laufen wir nur noch bei der Parade in Köln mit. In Dortmund haben wir parallel zum CSD unseren „Lederpott“ veranstaltet, aber viel zu tun hatten wir mit dem Straßenfest nicht. Wir sind auch Anfang des Jahres aus dem Dachverband SLADO ausgestiegen.

    Und wieso?

    Weil wir uns einfach nicht mehr vertreten gefühlt haben. Für die „anständigen Schwulen“ gehören wir in den Darkroom. Aber den gibt es in Dortmund seit der Sexsteuer auch nicht mehr wirklich. Die hat binnen weniger Jahre einen Laden nach dem anderen ruiniert, obwohl nur die Prostitution damit eingedämmt werden sollte. Tatsächlich wurden alle Betriebe, die die Möglichkeit zum Sex boten, damit getroffen, auch schwule Bars oder Saunabetriebe. Ich nehme an, das war ordnungspolitisch auch so gewollt, um die Stadt schmuddelfrei zu machen. Jetzt ist es hier öde. Für drei Gay-Kneipen kommt kein schwuler Mann aus dem Sauerland nach Dortmund gefahren. Selbst beim CSD herrscht tote Hose. Dabei waren wir mal das Oberzentrum für die ganze Region.

    Für Dirk gehört der Fetisch zu seiner Identität. (Foto: privat)Wie ist es denn um Ausgrenzung innerhalb der Fetisch-Szene bestellt?

    Ausgrenzung gibt es bei uns eigentlich nicht. Im Gegenteil, der Umgang ist sehr herzlich, egal ob du alt oder jung, dick oder dünn bist. Wir machen uns keinen Stress mit solchen Dingen, bei uns steht der Fetisch im Vordergrund. Allerdings ist die organisierte Lederszene in die Jahre gekommen.

    Haben denn jüngere Leute keinen Fetisch?

    Doch, aber die stehen eher auf Sportswear oder so. Und im Internet kannst du deinen Fetisch diskreter ausleben, da suchst du dir einen passenden Sexpartner für deine Sauereien und keiner kriegt es mit. Du musst das nicht mehr organisiert im Verein tun. Das Sexuelle vollzieht sich in den eigenen vier Wänden. Das kommt vielen entgegen, die Sexualität zur Privatsache erklären wollen.

    Dann ist es auch egal, ob du hetero oder homo bist. Die Fetischvereine gründeten sich in ganz anderen Zeiten. Damals ging es um die Sichtbarkeit schwuler Sexualität. Man wollte die Homophobie in der Gesellschaft provozieren. Darin sehen wir auch heute noch unseren Beitrag zur Bewegung, aber das ist nicht mehr gefragt. Die Ziele sind eher konservativ geworden.

    Du selbst gehst sehr offen damit um. Warum ist dir das so wichtig?

    Ja, ich mache das ganz offen. Mit der Offenheit mache ich mich unangreifbar. Sollen es doch alle wissen! Für mich ist das meine Identität, und die Klamotten brauche ich, um mich selbst zu spüren. In normaler Kleidung fühle ich mich unwohl und verkleidet. Für mich ist das eine Art der Selbstbestätigung. Ich habe lange Jahre heterosexuell gelebt und bin Vater eines Sohnes. Ganz spießig! Mein Coming out als schwuler Mann und als BDSM’ler waren für mich eine unglaubliche Befreiung.

    Immerhin lebst du jetzt auch seit 13 Jahren in einer festen Beziehung.

    Das ist richtig, wir sind zwei SM-Männer in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, führen aber eine offene Beziehung. Auch das wird heute eher verurteilt. Eheliche Monogamie ist angesagt, am besten im Eigenheim und mit Adoptivkind. Wer das möchte, soll das auch tun können. Aber ich habe auf so eine „Knorr-Familie“ keinen Bock.

    Knorr-Familie….?

    Ja, die heile Familienwelt in der Werbung, wo die Mutti zu Hause mit dem Essen schon auf ihre Lieben wartet. Gibt es dazu ein schwules Pendant? Kommt sicher noch!

    Dirk, vielen Dank für das Gespräch und für deine Offenheit.