Hallo Klaus! Herzlichen Glückwunsch zu fünf Jahre Gay Health Chat! Was genau ist der Gay Health Chat und an wen richtet er sich?
Vielen Dank!
Der Gay Health Chat ist eine Internet-Beratung. Er funktioniert ohne Anmeldung und ist kostenlos. Er richtet sich an Schwule und an alle Männer, die Sex mit Männern haben. Dazu gehören auch trans* Männer, sowie nicht-binäre und gender non-konforme Menschen, die sich der schwulen Community zugehörig fühlen.
Warum wurde der Gay Health Chat geschaffen?
Kleine Beratungsstellen und Aidshilfen haben einfach nicht immer das Geld oder die Ressourcen, einen Online-Chat auf die Beine zu stellen. Beim Gay Health Chat stellt die Deutsche Aidshilfe die Technik zur Verfügung und sorgt für gute Qualität. Die Berater schalten sich dann aus 46 Beratungsstellen dazu: aus Österreich, Deutschland und aus der Schweiz.
Wer berät beim Gay Health Chat und wie werden die Berater geschult?
Alle, die bei uns arbeiten, haben eine Ausbildung zum HIV-/STI-Berater bei der Deutschen Aidshilfe gemacht. Und wir schulen alle regelmäßig in Onlinekommunikation, weil es ja viel schwieriger ist, beim Tippen und ohne Sichtkontakt einzuschätzen, wie es dem anderen geht. Dieses Jahr kommt noch eine Zusatzausbildung zum Ersthelfer bei psychischen Gesundheitsproblemen dazu. Unsere Berater sind alle selbst schwul oder queer und arbeiten z.B. bei schwulen Checkpoints, im IWWIT-Team oder bei Aidshilfen – eine ganz bunte Mischung.
Mit was für Fragen kommen die Menschen in den Gay Health Chat?
Meistens haben die Fragen mit Sex zu tun. Wir sind ja die Aidshilfe und kennen uns da besonders gut aus. Seit Corona gibt es aber auch immer mehr Leute, die uns anchatten, weil sie sich scheiße fühlen, einsam sind, nicht klarkommen. Denen können wir auch helfen.
Welche Themen sind den Menschen vielleicht noch nicht so bewusst, bei denen ihr aber dennoch beraten könnt?
Wir tauschen uns viel aus und haben in den letzten Jahren viel über Drogen beim Sex gelernt: Warum ist das besonders geil und welche Schritte sind nötig, wenn es nicht mehr lustig ist – da können wir inzwischen gute Hilfe anbieten. Außerdem hat jeder Berater sein Coming-Out als schwuler Mann erlebt und kann deswegen alle anderen gut verstehen, die das Thema gerade umtreibt. Wie werde ich ein selbstbewusster, mutiger Mensch in dieser Welt? Das zu vermitteln ist unser Ziel.
Im September 2021 wurde die Studie „positive stimmen 2.0“ veröffentlicht. Sie zeigt: In der Regel können Menschen mit HIV sehr gut mit ihrer Infektion leben. Dies bestätigten fast 90% der Befragten. Aber: Das Problem beim Leben mit HIV ist Diskriminierung und Stigmatisierung – auch in der schwulen Community.
Das war für uns Grund genug, die Ergebnisse der Studie dieses Jahr zu einem unserer Hauptthemen zu machen! Menschen mit HIV waren von Anfang an an dieser Befragung beteiligt. Menschen mit HIV haben andere Menschen mit HIV interviewt. Dadurch entstand eine wichtige Vertrauenssituation, damit die Befragten ihre authentischen Erfahrungen teilen konnten.
Ebenso kommen auch bei unserem neuen Video einige Menschen mit HIV selbst zu Wort! Schau es dir hier an:
Bei ICH WEISS WAS ICH TU (IWWIT) sind Menschen mit HIV von Anfang an ein wichtiger Teil unserer Kampagne gewesen. Genau so wie authentische Bilder vom Leben mit HIV. Sie verhindern Stigmatisierung und Diskriminierung.
Wenn du uns bei unserer Arbeit unterstützen möchtest, dann teile dieses Video! Und erzähle den Menschen von einer ganz besonderen guten Nachricht: HIV ist unter Therapie nicht übertragbar. Denn das hat die Studie auch gezeigt: Diese Nachricht hat Betroffene sehr entlastet.
Zeig dich außerdem überall solidarisch, wo Menschen mit HIV ausgegrenzt oder diskriminiert werden! Und informier dich auf iwwit.de! Hier findest du viele weitere Infos zum Leben mit HIV. Und du findest Infos dazu, wie du oder andere sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung wehren können.
Die Studie „positive stimmen 2.0“ hat gezeigt: Der Großteil der befragten Menschen mit HIV kann heute gut mit der Infektion leben. Aber: Viele erleben gleichzeitig alltäglich Diskriminierung und Ausgrenzung!
Das alles hat erhebliche negative Auswirkungen auf den Gesundheitszustand, das Wohlbefinden und die sexuelle Zufriedenheit. Hinzu kommen Scham- und Schuldgefühle.
Außerdem zeigt die Studie: Mehr als 50% der Befragten wurden in den zurückliegenden 12 Monaten mindestens einmal beim Sex zurückgewiesen. Und das, obwohl es Schutz durch Therapie gibt.
Schau dir jetzt unser Video dazu an:
Eine gute Nachricht: Seit es Schutz durch Therapie gibt, erleben immerhin 40 Prozent der Befragten weniger Diskriminierung. Die HIV-Medikamente unterdrücken dabei die Vermehrung von HIV im Körper. HIV kann dann beim Sex nicht mehr übertragen werden.
Wenn du dich also schon gefragt hast, was du selbst gegen die Diskriminierung von Menschen mit HIV machen kannst, dann wäre das genau ein erster Schritt. Erzähl es weiter: HIV ist unter Therapie nicht übertragbar. Sag es deinen Freund*innen, deiner Familie oder Arbeitskolleg*innen.
Und es gibt noch mehr, was du tun kannst.Zeig dich außerdem überall solidarisch, wo Menschen mit HIV ausgegrenzt oder diskriminiert werden! Und informier dich auf iwwit.de! Hier findest du viele weitere Infos zum Leben mit HIV. Und du findest Infos dazu, wie du oder andere sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung wehren können.
Außerdem zeigen wir in unserer Kampagne authentische Bilder von Menschen mit HIV, denn sie sind ein unerlässlicher Teil unserer Community.
Du willst mehr? Dann melde dich bei IWWIT – und sag uns deine Meinung! Oder erzähl uns von deinen Ideen oder Wünschen zum Thema Leben mit HIV: Auf Facebook, Instagram oder klassisch per E-Mail. Wir freuen uns auf dich!
Max ist 21 Jahre alt, studiert in Jena und hat sich vor mehr als einem Jahr als HIV-positiv geoutet. Er ist froh über diese Entscheidung und würde sich wünschen, dass noch mehr positive Jungs sagen, dass sie HIV haben. Ein Gespräch über unbegründete Sorgen, den Punkt an dem Internet-Dating unsexy wird und was ein Bericht über die „Testhelden“-Kampagne von ICH WEISS WAS ICH TU bei ihm auslöste
Wie offen lebst du in der schwulen Szene mit HIV?
Ziemlich offen. Das hier ist nicht das erste Interview, das ich darüber gebe und die allermeisten Menschen in meinem direkten Umfeld wissen Bescheid. Wenn Datingportale die Möglichkeit anbieten, den HIV-Status anzugeben, dann mache ich das auch. Oder ich spreche es an, wenn es nötig wird. Aber, es ist auch nicht das Erste, was ich Menschen über mich erzähle. Obwohl es inzwischen schon merkwürdig ist, wenn es Leute nicht wissen.
Was meinst Du damit?
Ein offener Umgang damit, dass ich positiv bin, macht Sachen, Gespräche und den generellen Umgang mit Anderen einfach unkomplizierter. Die Hürde ist weg, alle wissen Bescheid und damit ist es auch gut. Wenn dann einer dazu kommt, der es nicht weiß, entsteht oft Erklärungsbedarf. Das verkompliziert dann die Situation wieder und das Thema rückt in den Vordergrund. Und das löst dann Unbehagen aus, was eigentlich gar nicht notwendig ist.
„Wenn ich anderen so helfen kann, sich zu schützen, ist das doch super.“
Ist es dir leichtgefallen, dich auch öffentlich zu outen?
Mein öffentliches Outing kam so zustande: Ich habe einen Bericht auf einer Website über diese Kampagne „Testhelden“ gelesen, der mich beeindruckt hat. Daraufhin hab ich den Autor kontaktiert, um ihm das zu sagen. Der hat dann gemeint: „Könntest Du dir vorstellen, selbst öffentlich über deine Infektion zu sprechen?“ Und das konnte ich. Ich hatte gar nicht so viel Angst davor. Es gibt viel zu wenig Menschen, die das tun. Und deswegen wissen viele andere Menschen nicht, dass das Leben der meisten Positiven auch nicht großartig anders ist, als das von Negativen. Und ich bin immer noch froh, es getan zu haben. Wenn ich anderen so helfen kann, sich zu schützen, ist das doch super.
„Da muss ich dann erklären, dass Schutz durch Therapie funktioniert und ich nicht infektiös bin.“
Wie reagieren andere Menschen darauf, wenn Du ihnen sagst, dass du positiv bist?
Gerade heute, wo mein HIV-Status für mich selbst schon ganz normal geworden ist, bin ich immer wieder überrascht davon, wieviel Sorgen sich manche machen. Nicht davor, sich bei mir zu infizieren. Darüber wissen die Allermeisten ganz gut Bescheid. Aber viele denken immer noch, ich würde jetzt ja wohl irgendwann krank werden und dann viel zu früh sterben, oder sowas. Und denen dann klar zu machen, dass es mir echt gut geht und ich durch HIV eigentlich überhaupt nicht beeinträchtigt bin, ist nicht immer einfach. Das nervt ab und zu dann doch. Beim Dating im Internet kommt die Sache auch irgendwann zur Sprache, und viele reagieren mit großer Selbstverständlichkeit. Aber einige auch nicht. Da muss ich dann erklären, dass Schutz durch Therapie funktioniert und ich nicht infektiös bin. Das macht die Sache dann aber schnell unsexy, leider.
Angst vor Stigmatisierung unter jungen Positiven
Kennst du andere junge Positive? Wie gehen die mit ihrer Infektion um?
Ich studiere in einer kleineren Stadt, die Szene hier ist nicht riesig. Nach meinem öffentlichen Outing haben sich einige Bekannte dann bei mir geoutet. Und was ich generell so mitbekomme, ist, dass es inzwischen einige junge Positive gibt, die ganz offen sind. Aber viele andere wollen nicht, dass das an die große Glocke gehängt wird und sprechen nur mit wenigen anderen Menschen darüber.
„Nach einem Outing wird man definitiv zum Gesprächsthema.“
Woran liegt das deiner Meinung nach?
Naja, die haben Angst vor Stigmatisierung. Und die ist ja auch nicht ganz unberechtigt. Nach einem Outing wird man definitiv zum Gesprächsthema. Der allgemeine Informationsstand zum Leben von HIV-Positiven ist nicht berauschend und da entstehen leicht Vorurteile und Gerüchte, die einem das Leben schwerer machen. Viele haben auch Angst, sich ihre berufliche Zukunft zu verbauen, wenn bekannt wird, dass sie positiv sind.
Foto: Privat
„Und einige Negative könnten sich im Umgang mit Positiven mal entspannen.“
Und was können wir alle gemeinsam dagegen tun?
Gute Frage. Wenn Positive offen mit ihrer Infektion umgehen, haben Negative eine Chance, aus erster Hand zu erfahren, dass ein Leben mit HIV 2017 nicht mehr bedeutet, dass man krank ist. Wir leben völlig normal und es gibt keine sichtbaren Unterschiede zwischen Positiven und Negativen mehr. Und einige Negative könnten sich im Umgang mit Positiven mal entspannen. (lacht) Und sich besser informieren, damit Stigma vorgebeugt wird, bevor es passiert.
Wie wirkt sich HIV heute auf dein Leben aus?
Ich nehme jeden Tag zwei Tabletten, das war’s. Das ist inzwischen aber auch automatisiert, wie Zähneputzen, und nichts, worüber ich noch nachdenke. Abgesehen davon bin ich wahrscheinlich auch nicht anders als viele 21-Jährige schwule Jungs überall auf der Welt.
Mehr zum Leben mit HIV findet Ihr übrigens auf iwwit.de!
Theo (Name geändert) ist 42 Jahre alt. Seit neun Jahren engagiert er sich ehrenamtlich bei der Berliner Aids-Hilfe als emotionaler Begleiter von Menschen mit HIV. Ein Porträt von Moritz Krehl
1998 bekommt Theo die Diagnose „HIV-positiv“ – ein Schock.
Fünf Jahre später tritt er freiwillig aus dem kirchlichen Dienst aus und geht nach Berlin, um dort sein Glück zu finden. Die Trennung von seinem damaligen Freund, berufliche Turbulenzen und nur wenige soziale Kontakte führen ihn allerdings zunächst in die Einsamkeit. So schwer hatte Theo sich den Start nicht vorgestellt. Aber anstatt zu resignieren und zu Hause zu sitzen, bis er depressiv wird, geht er zur Berliner Aids-Hilfe, kurz BAH, um sich ehrenamtlich zu engagieren – für ihn ein Weg aus der Isolation.
Die BAH hat zehn bis fünfzehn Bereiche, in denen ehrenamtliches Engagement möglich ist.
Theo entscheidet sich für die „Begleitung“. Dort gibt es drei Gruppen: Die Ehrenamtler von „Freunde im Krankenhaus“, kurz die FRIKS, begleiten Aids-Patienten, die langfristig im Krankenhaus liegen müssen. Die in der „emotionalen Begleitung in Haft“ Engagierten treffen sich regelmäßig mit HIV-infizierten oder aidskranken Häftlingen. Theo arbeitet in der dritten Gruppe, der „emotionalen Begleitung“. Auch hier geht es darum, Menschen mit HIV auf ihrem Weg aus der Krise zu begleiten, ihnen ein Stück Lebensqualität zurückzugeben, Bezugsperson und Vertrauter zu sein.
Die „Begleitung“ wurde in den 1980er Jahren ins Leben gerufen, in den schlimmsten Zeiten der Aidskrise.
Schon damals haben die Ehrenamtlichen HIV-Positive, aber vor allem Aidspatienten begleitet –bis zu deren Tod. Damals war das also oft Sterbebegleitung, das Ende des begleiteten Wegs war von Anfang an vorbestimmt.
Auch heute nehmen Begleiter wie Theo HIV-Positive und Aidskranke an die Hand und schenken ihnen ein Stück Geborgenheit und Vertrautheit. Anders als früher ist das Ende aber nicht mehr vordefiniert, dank der modernen Medikamente. Heute entscheidet sich in intensiven Gesprächen zwischen Begleiter, Begleitetem und Aidshilfe-Mitarbeiter sowie in der Supervision, wann die Begleitung sinnvoll beendet wird. Meistens ist das ein Zeitpunkt, an dem die Krise des Begleiteten überwunden ist oder an dem deutlich wird, dass die Begleitung die angestrebten Ziele nicht erreichen kann. So kann der gemeinsame Weg kurz sein, sich aber auch über viele Jahre erstrecken.
Nicht geändert hat sich hingegen, dass Aids oft ins soziale Abseits führt.
Die Krankheit isoliert die Patienten, sie vereinsamen. Resignation, Depressionen und Lethargie sind häufige Folgen, wobei Theo davon überzeugt ist, dass eine HIV-Diagnose selten neue Probleme schafft, sondern eher psychische Veranlagungen verstärkt – so wie es bei kritischen Lebenssituationen vorkommen kann.
Um der Isolation entgegenzuwirken, haben die Begleiter mindestens einmal pro Woche mit ihren Klienten Kontakt; bevorzugt persönlich, manchmal aber auch nur am Telefon. Und obwohl Theo wie die meisten Begleiter berufstätig ist und wenig Zeit hat, verbringt er alle zwei Wochen sogar den ganzen Samstag mit seinem aktuellen Klienten Benjamin (Name geändert), um mit ihm einen Ausflug zu machen, einen Kaffee trinken zu gehen oder einfach nur mit ihm zu reden und ihm zuzuhören.
Der aidskranke Mann ist ungefähr so alt wie Theo selbst – und erst sein zweiter Klient in neun Jahren. Theo begleitet Benjamin seit mittlerweile vier Jahren. Man merkt, dass Theo Benjamins Schicksal nahegeht, aber auch, dass es ihm egal ist, woher er kommt und wie er in diese Lage gekommen ist. Theo urteilt nicht, ihm geht es um den Menschen und den Weg, der vor ihm liegt. „Ich will ihm helfen, sein Leben zu erleben.“
Was hat Theo das Engagement in der Berliner Aids-Hilfe gebracht, und warum engagiert er sich nach wie vor?
Er hat Anschluss gesucht und gefunden, sagt er. Die Supervisionsgruppe gab ihm Halt. Und er hat in der BAH Freunde gefunden, ein gutes Netzwerk, auf das er nicht mehr verzichten will. Außerdem bietet ihm die Arbeit „eine soziale Alternative zum verkopften Schreibtischleben“ und gibt ihm das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Und nicht zuletzt lernt er viel über sich selbst. In gemeinsamen Supervisions-Sitzungen spricht Theo mit den anderen über seine persönlichen Probleme und über schwierige Momente in der Begleitung. „Oft kommt dann ein Feedback, das mich nachdenklich macht und wodurch ich mich persönlich weiterentwickeln kann.“
„Vorurteile gegenüber Menschen mit #HIV beeinträchtigen mein Leben“
Auf die Hälfte der Menschen mit HIV, die bei der Studie „positive stimmen 2.0“ befragt wurden, trifft diese Aussage zu. Heute haben wir die Ergebnisse des partizipativen Forschungsprojekts vorgestellt. Deutlich wird, dass Leben und Alltag von Menschen mit HIV viel mehr von Diskriminierungserfahrungen eingeschränkt werden als von den gesundheitlichen Aspekten der Infektion. Fazit: Ein gutes Leben mit HIV ist medizinisch möglich – der gesellschaftliche Umgang hinkt hinterher.
Weitere Infos, die Ergebnisse und darauf aufbauende Handlungsempfehlungen findet ihr auf
positive stimmen 2.0: VorurteileEfahrungen im GesundheitswesenPositiv out?Kommunikation
Menschen mit HIV sind häufig von Stigmatisierung und Diskriminierung betroffen.
Bei ihnen kann die wahrgenommene und verinnerlichte Stigmatisierung sowie die erlebte Diskriminierung zu erheblichen Auswirkungen in Bezug auf die Lebensqualität und Gesundheit führen – die Ergebnisse von „positive stimmen 2.0“ untermauern dies.
Stigmatisierung und Diskriminierung
Gleichzeitig stellt Stigmatisierung das größte Hindernis für die HIV- Prävention dar. Denn (befürchtete) Ausgrenzung und stigmabedingte Krankheitstheorien (bspw. Annahmen über sogenannte Risikogruppen und Übertragungswege) wirken sich zum einen auf die Bereitschaft aus, sich auf HIV testen zu lassen und zum anderen wird der HIV-Test Personen, denen kein Risiko zugeschrieben wird – insbesondere Frauen über 40 Jahre – nicht aktiv angeboten. Somit tragen Stigmatisierung und Diskriminierung dazu bei, dass auch heute noch in Deutschland ca. 1/ 3 der HIV-Infektionen erst in einem späten Stadium festgestellt werden und die Menschen hierdurch deutliche gesundheitliche Nachteile in Kauf nehmen müssen, da sie nicht von einer rechtzeitigen HIV -Therapie profitieren können.
Intersektionale Aspekte
Intersektionale Aspekte spielen auch in Bezug auf HIV eine große Rolle. Von Beginn an wurde HIV zu einer Infektion der „Anderen“ gemacht. So wird HIV – unabhängig von statistischen Tatsachen – vor allem Gruppen zugeschrieben, die auch schon vor Beginn der HIV-Pandemie stigmatisierte Gruppen waren wie „promiskuitive“ schwule Männer, Sexarbeiter*innen, Drogengebrauchende oder Schwarze Menschen. Zudem erleben viele Menschen mit HIV Stigmatisie- rung nicht nur aufgrund ihrer HIV-Infektion, sondern auch aufgrund anderer Stigmatisierungsmerkmale, z. B. als schwuler Mann, als trans*-Person, als Black or Person of Color, als Frau, drogengebrauchende Person oder Sexarbeiter*in.
Diese Stigmata überlagern sich nicht nur, indem sie zu „mehr“ Stigma- tisierung und Diskriminierung führen, sondern sie sind miteinander verwoben und führen zu spezifischen Stigmatisierungserfahrungen und Benachteiligungen. So unterscheidet sich das Leben eines HIV-positiven schwulen jungen cis-Mannes, der aus der Mittelschicht kommt und einen Hochschulabschluss hat, möglicherweise weniger von dem eines HIV- negativen Mannes, während eine HIV-positive Schwarze Frau ohne Aufenthaltsgenehmigung und Krankenversicherung wahrscheinlich Schwierigkeiten haben wird, an die lebenswichtigen Medikamente zu kommen und für ihre Gesundheit zu sorgen.
Franz und Manuel fisten gerne. Ist die Hand im Arsch, haben sie oft Hepatitis C im Kopf. Denn als HIV-Positive können sie sich leichter eine Ko-Infektion holen. Hier erzählen sie, wie sie ihre Sex-Sessions mit Vorsicht genießen.
Franz mag es nicht, wenn es beim Sex ganz dunkel ist. „Ich möchte noch genug Licht haben, um zu sehen, ob auf meinem Handschuh eine auffällige Blutspur ist.“ Franz ist 56 Jahre alt, HIV-positiv, Leder-Fan, und Franz fistet gerne. „In letzter Zeit bin ich noch ein paar Prozente vorsichtiger geworden“, erzählt der Augsburger. Binnen drei Monaten hat er von vier guten Bekannten erfahren, dass sie sich mit Hepatitis C angesteckt haben. „Danach bin ich vorsichtshalber auch zum Check gegangen – außer der Reihe.“ Zweimal im Jahr lässt sich Franz sowieso auf sexuell übertragbare Krankheiten testen, auch ein Hepatitis-C-Test ist dabei. „War aber nix“, sagt Franz erleichtert.
Schwule Männer mit HIV infizieren sich häufiger mit Hepatitis C als HIV-negative Männer. Ein möglicher Übertragungsweg: Sexpartys, auf denen die Partner häufig wechseln. Franz‘ Eindruck: „Das ist so eine Mischung aus Fist- und Fick-Szene. Wenn das die ganze Nacht durchgeht, bleibt es ja oft nicht bei einer Faust. Und kleinere Verletzungen passieren beim Fisten allemal.“
Sicherheitsgurt bei der Fist-Session
Auch Manuel (30) aus Berlin fistet gerne. Meist trifft er sich mit drei Fuckbuddys zu einer „Session“. 2011 hat es ihn erwischt: Hepatitis C – eine typische Ko-Infektion, denn auch Manuel ist HIV-positiv. Ein Jahr lang dauerte die Therapie. Sie hatte heftige Nebenwirkungen, aber war wirkungsvoll: Die Viren sind weg, Manuels Arzt bestätigte ihm gerade erst wieder „Leberwerte zum Vorzeigen“. Die heftige Erfahrung aber bleibt im Kopf. „Der Sex nach der Hep ist schon ein anderer als davor“, sagt der Journalist. „Wenn ich jetzt mit neuen Leuten anfange zu spielen, schaue ich erst mal, wie die agieren“, berichtet er.
„Fisten ist nun mal eine sexuelle Spielart, wo Entspannung im Kopf wichtig ist“, sagt Manuel. „Beim Fisten geht es um das tiefe Vordringen des Partners und das Ausgefüllt-Sein im Inneren“, erklärt Manuel. „Ob die Hand in mir einen Handschuh anhat oder nicht, ist da nicht so wichtig.“ Der Handschuh schaffe sogar einen kleinen zusätzlichen Moment der Sicherheit – und hilft so beim Entspannen.
„Von Hepatitis C fühlt sich kaum jemand betroffen“
Aus seiner Hepatitis-C-Infektion hat Manuel kein Geheimnis gemacht. Die Information stand damals sogar in seinem Gayromeo-Profil. „Die Reaktionen waren neutral“, erinnert er sich. „Im schlimmsten Fall wurden meine Anfragen freundlich abmoderiert.“ Nur einmal gab es einen User, der ihn mit Nachrichten beschoss: Ihr seid unverantwortlich! Ihr schädigt das Solidarsystem! „Da war ich aber nicht das einzige Opfer“, sagt Manuel. „Online hat man immer ein paar Verrückte.“
Insgesamt reagiert die schwule Fetisch-Community eher gleichgültig auf das gestiegene Hepatitis-C-Risiko, das hat auch Franz beobachtet. „Von Hepatitis C fühlt sich kaum jemand betroffen. Die Leute sagen sich: Mit Fisten hab ich eh nichts am Hut“, erzählt Franz. Und im Gegensatz zu HIV könne Hepatitis C geheilt werden. „Mit HIV hast du halt dein Lebtag zu tun“, sagt Franz, der seit über 20 Jahren mit HIV lebt. „Als HIV-Träger wirst du deshalb in der Szene nach wie vor mehr diskriminiert.“
Keine offene Diskriminierung, sondern höfliche Distanzierung – so reagieren die meisten Männer, wenn sie von Hepatitis C erfahren. Doch der Rückzug sei ein entscheidender Fehler, findet Manuel. „So erfährt man nie, wie die Infektion passiert ist und wie man sich schützen kann.“ Und dem Gegenüber entgeht die Chance, mal zu erzählen, was er gerade durchmacht. „So eine Hepatitis-C-Therapie ist halt kein Spaziergang“, betont Manuel. „Jeder hat da Momente, wo er am Hadern ist und wo er eine Umarmung oder einen Zuhörer braucht.“ Deshalb fordert Manuel: „Entspannt euch! Redet miteinander. Macht euch kundig.“ Der Austausch kann beide Seiten bereichern. „Bescheid zu wissen gibt dir ein Gefühl von Sicherheit. Und dieses gute Gefühl hilft dir auch dabei, besseren Sex zu haben.“
Wenn du sonst noch wissen möchtest, worauf beim Fisten zu achten ist, damit es „safer“ bleibt, dann kanns du dich auf der ICH WEISS WAS ICH TU-Kampagnenwebsite informieren. Hier findest du auch Infos zu BDSM, Gruppensex und Pissen: neu.iwwit.de/fetisch
Schwule Männer mit HIV infizieren sich häufiger mit Hepatitis C als HIV-negative Männer. Ein möglicher Übertragungsweg: Sexpartys, auf denen die Partner häufig wechseln.