Schlagwort: Homonationalismus

  • Wider die Selbstbestimmung: Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt von rechts

    Wider die Selbstbestimmung: Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt von rechts

    Bild: Noah Elio Weinmann – https://noah-elio.com/

     

    Redaktionsnotiz: Dieser Artikel wurde vom Kulturanthropologen Patrick Wielowiejski aus seiner wissenschaftlichen Perspektive geschrieben. Wielowiejski hat sich im Rahmen seiner Forschungsarbeiten spezifisch mit der AfD auseinandergesetzt. Uns ist wichtig zu betonen, dass viele der hier beschriebenen Ideologien und Positionen nicht auf die AfD beschränkt sind, sondern auch in anderen Teilen der Gesellschaft vorzufinden sind, weswegen wir uns für eine Veröffentlichung zur Diskussion in unserer Community entschieden haben.

    Der Artikel ist eine Zweitveröffentlichung, die uns freundlicherweise von Geschichte der Gegenwart zur Verfügung gestellt wurde. Dafür bedanken wir uns herzlich. Quelle/bzw. Erstveröffentlichung: https://geschichtedergegenwart.ch/wider-die-selbstbestimmung-geschlechtliche-und-sexuelle-vielfalt-von-rechts/

     


     

    Selbstbestimmung ist laut der AfD eigentlich eine gute Sache. Im Leitantrag für ihr Programm zur Bundestagswahl ist unter anderem davon die Rede, dass Menschen mit Behinderungen „ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben“ führen können sollen; einem „staatlich erzeugte[n] Impfdruck“ wird „das im Grundgesetz verankerte Selbstbestimmungsrecht der Bürger über ihre körperliche Integrität“ entgegengehalten; und auch die geforderte Verschärfung von Asyl- und Migrationspolitik wird mit diesem Begriff begründet: „Eine existentielle Frage wie die Zuwanderung, muss in freier Selbstbestimmung auf nationaler Ebene entschieden werden.“

    Wenn es um die geschlechtliche Identität geht, ist es für die AfD mit Selbstbestimmung jedoch vorbei. Sie will das von der Ampel-Koalition eingeführte „Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag“ wieder zurücknehmen, das am 1. November 2024 in Kraft getreten ist. Dieses Gesetz erleichtert es trans, inter und nichtbinären Menschen, ihren Personenstand und ihren Vornamen zu ändern. Es stellt in seiner Definition von Geschlecht nicht auf vermeintliche biologische Tatsachen ab, sondern auf die selbst empfundene Geschlechtsidentität. Demgegenüber fordert die AfD: „Die Realität der Zweigeschlechtlichkeit muss wieder anerkannt werden[.]“ Darin äußert sich der Antiliberalismus der AfD, denn die Idee sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung setzt voraus, dass das Subjekt über ein gewisses Maß an Freiheit in Bezug auf seine eigene Identität verfügt.

    Dies bedeutet indes nicht, dass Lesben, Schwule, Bisexuelle und trans Personen von der AfD als solche ausgeschlossen würden, was in der Öffentlichkeit oft als Widerspruch wahrgenommen wird. In der Tat integriert die AfD vor allem Homosexuelle, insbesondere schwule Männer, in ihre Reihen und auch rechte trans Personen organisieren sich in der AfD. Solange sie die „Realität der Zweigeschlechtlichkeit“ anerkennen und damit queere Auffassungen von Geschlecht und Sexualität zurückweisen, werden LGBT-Personen von der AfD toleriert. Wie ist das zu verstehen?

    Zwischen Homonationalismus und Antiliberalismus

    In einer ethnografischen Forschung zwischen 2017 und 2019 bin ich dem Zusammenhang von Rechtspopulismus und Homosexualität gefolgt (Rechtspopulismus und Homosexualität. Eine Ethnografie der Feindschaft, Campus 2024, Open Access). Mich hat dabei interessiert, auf welche Arten und Weisen sich die AfD heute auf Homosexualität bezieht. Die zentralen Protagonisten dieses politischen Feldes sind die „Alternativen Homosexuellen“ (AHO) – eine Handvoll schwuler AfD-Politiker, deren Ziel darin besteht, sowohl in die Partei hineinzuwirken als auch nach außen zu vermitteln, dass es sich nicht ausschließt, rechts und schwul zugleich zu sein. Dies ist zwar historisch nichts Neues – prominente rechte homosexuelle Männer waren etwa der SA-Führer Ernst Röhm oder der Neonazi Michael Kühnen. Doch während diese aus ihren eigenen Reihen heraus bekämpft wurden, werden die Mitglieder der AHO in der AfD größtenteils akzeptiert. Zur Zeit meiner Feldforschung wurde gar erzählt, ein prominenter Berliner AfD-Politiker habe behauptet, in seinem Berufsleben noch nie mit so vielen Homosexuellen zu tun gehabt zu haben wie in der AfD.

    „Im Ergebnis haben wir es nicht primär mit Homo- oder Transfeindlichkeit zu tun (auch wenn diese mitnichten ganz verschwunden sind), sondern vor allem mit Queerfeindlichkeit.“

    Eine naheliegende Begründung für diese Verschiebung ist, dass die Befürwortung von liberalen LGBT-Rechten zum Ausweis von Modernität par excellence und zum moralischen Aushängeschild des Westens geworden ist. „Homonationalismus“ hat die US-amerikanische Geschlechter- und Queertheoretikerin Jasbir Puar diese Situation in ihrem Buch Terrorist Assemblages genannt. Sich positiv auf die Rechte von geschlechtlichen und sexuellen Minderheiten zu beziehen und deren Gefährdung durch eine „Islamisierung“ Europas zu behaupten, ist für die AfD also schlicht strategisch klug – es ist eine rhetorische Modernisierung analog zur dédiabolisation des damaligen französischen Front National (heute Rassemblement National) durch Marine Le Pen. Das islamfeindliche Motto „Ich habe keine Lust, die Emanzipation von Frauen und Schwulen noch einmal zu wiederholen“, das der niederländische Rechtspopulist Pim Fortuyn Anfang der 2000er Jahre formulierte, gehört inzwischen zum rechten Alltagsverstand. In Bezug auf die Rechte von trans Personen lässt sich ähnlich argumentieren, was die Politikwissenschaftlerin Judith Goetz als „Transchauvinismus“ bezeichnet.

    Nun können aber längst nicht alle in der AfD und erst recht nicht im weiteren Feld der äußeren Rechten etwas mit „liberalen westlichen Werten“ anfangen. Einige sehen nicht im Islam die größte Bedrohung der Gegenwart, sondern in Liberalismus und US-amerikanischer Hegemonie – etwa der ehemalige Geschichtslehrer und Publizist Karlheinz Weißmann. LGBT-Personen, die ihre „Abnormalität“ (O-Ton mehrerer meiner Gesprächspartner) zum Thema machen, stehen nach wie vor unter Dekadenzverdacht. Wer von Emanzipation spricht, setzt voraus, dass ungleiche Machtverhältnisse veränderbar sind – und diese Annahme hält die äußere Rechte für bedrohlich. Demgegenüber ruft die ethnosexistische Figur des patriarchalen und homophoben muslimischen Mannes aus dem Nahen Osten bei manchen rechten Männern durchaus Faszination und Bewunderung hervor.

    Deswegen präsentieren sich die LGBT-Rechtspopulist:innen der Gegenwart als Feinde nicht nur des Islams, sondern auch als Feinde der Linken. Während einer Veranstaltung der AHO in Essen im Juni 2018 sprach Matthias „das freundliche Gesicht des NS“ Helferich ein Grußwort, in dem er unter anderem Folgendes sagte:

    „Bei dem Thema Homosexualität, da ist der Begriff Normalität auch immer ein Streitpunkt. Wissen Sie, was ich finde? Ich finde die Alternative Homosexuellenorganisation ganz furchtbar normal, wenn ich mir die Linken in dem Land anschaue. Denn was zur Normalität gehört, ist, dass man seine Heimat liebt und dass man einen positiven Identitätsbezug hat zu seiner Heimat und zu seinem patriotischen Ich. Und ich möchte viel lieber in der Normalität der Alternativen Homosexuellenorganisation leben als in der Normalität, die gerade in unser Land hineinkommt, in der Normalität der Viel-, Kinder- und Zwangsehen.“

    Rechte Homosexuelle sind demzufolge immerhin „normaler“ als „die Linken in dem Land“. Für jemanden wie Helferich sind sie also zumindest strategisch als Bündnispartner:innen ernst zu nehmen.

    Essentialismus statt Emanzipation

    Ein zentrales Element im rechten Kulturkampf gegen die imaginierte linke Hegemonie ist der Kampf gegen „Gender-Ideologie“. Die „Überhöhung“ von LGBT-Personen und ihren Anliegen ist in den Augen der äußeren Rechten Teil dieser Ideologie. LGBTs innerhalb der AfD müssen nicht nur glaubhaft machen, damit nichts zu tun zu haben, sondern argumentativ und performativ die vermeintlichen Annahmen der „Gender-Ideologie“ widerlegen. Leitmotiv ihres politischen Handelns kann dementsprechend gerade nicht geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung sein, vielmehr ist es die Orientierung an einem essentialistischen Verständnis von Geschlecht und Sexualität. Ein klares Bekenntnis dazu ist die unhintergehbare Bedingung für die Integration von LGBT-Personen in die äußere Rechte sowie für ihre Normalisierung. Wenn es in dem erwähnten Leitantrag für das Programm zur Bundestagswahl heißt: „Weiblichkeit und Männlichkeit […] mit ihren unterschiedlichen Potentialen sind etwas Positives. Dadurch können sich Frauen und Männer hervorragend ergänzen“, dann müssen die LGBTs in der AfD unmissverständlich klar machen, dass sie das ebenso sehen. Mit anderen Worten: Gerade weil ihnen aufgrund ihrer geschlechtlichen beziehungsweise sexuellen Identität der Gender-Verdacht anhaftet, müssen sie die größten Antigenderist:innen von allen sein.

    Für schwule Männer heißt das etwa, dass sie bestätigen müssen, ohne jeden Zweifel männlich zu sein. Einer meiner Gesprächspartner – ein Landtagsabgeordneter der AfD, den ich Andreas nenne – beschrieb es einmal so: „Als Mann einen Mann zu lieben ist eine doppelte Entscheidung fürs Männlichsein.“ Oder in den Worten von Björn Höcke (im Gespräch mit dem Künstler und Publizisten Sebastian Hennig in dem Buch Nie zweimal in denselben Fluss): „Es gibt eine ganze Zahl von schwulen Männern, die in ihrer Männlichkeit mehr gefestigt sind als so manche ‚Heteros‘ – auch in der Politik.“ Da das Ziel der „Gender-Ideologie“ die Gleichmachung und letztendliche Abschaffung der Geschlechter sei, sehen die „Alternativen Homosexuellen“ dadurch ihre Identität als schwule Männer gefährdet.

    Das sind Argumente, die schon manche Teile der homosexuellen Emanzipationsbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts teilten. Um 1900 war etwa die „Gemeinschaft der Eigenen“ des Schriftstellers Adolf Brand der Ansicht, dass männliche Homosexualität eine überlegene Form der Männlichkeit sei. Damit bezog sie Position gegen Magnus Hirschfelds Theorie sexueller Zwischenstufen und die Idee von Homosexuellen als „Drittes Geschlecht“. AfD-Landtagsabgeordneter Andreas legte mir die Lektüre von Hans Blühers Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft von 1917 ans Herz, die eine seiner Inspirationsquellen war. Blüher war bekannt als antisemitischer und antifeministischer Schriftsteller und frühes Mitglied der deutschen Wandervogelbewegung. Er vertrat die Meinung, dass Staat und Gesellschaft vom mannmännlichen Eros – das heißt dem homoerotisch verstandenen Männerbund – zusammengehalten werden. Dass Andreas selbst dem Bild des schwulen Männerhelden nicht entsprach und mir gegenüber gern mit einer gewissen Tuntigkeit kokettierte, deutet jedoch auch auf den Widerspruch zwischen politischer Rhetorik und gelebter Realität hin – um nicht zu sagen: auf die Performativität von Geschlecht auch in der äußeren Rechten.

    Der schwule Antigenderismus muss also zeigen, dass Homosexualität auf keinen Fall etwas mit der Überschreitung von Geschlechtergrenzen zu tun hat. Während hier Männlichkeit sogar noch bestätigt wird, müssen rechte trans Personen anders argumentieren, denn bei ihnen fallen das bei der Geburt zugewiesene und das selbst empfundene Geschlecht auseinander. Die Sozialarbeiterin und Geschlechterforscherin Katrin Degen hat in ihrem Buch Flexible Normalität biologistische, religiöse und pragmatische Strategien herausgearbeitet, mithilfe derer rechte trans Personen ihre eigene Existenz als vereinbar mit einer rechten Weltsicht verargumentieren. Zum Beispiel schreibt eine sich als transsexuell identifizierende Frau auf dem Blog des schwulen katholischen Theologen und rechten Publizisten David Berger davon, das nur in binärer Ausprägung existierende „Gehirngeschlecht“ sei „manchmal entgegengesetzt zum genetischen Geschlecht“. Zentral ist es für diese Akteur:innen demnach, die eigene Transgeschlechtlichkeit so aufzufassen, dass sie die Binarität der Geschlechter nicht widerlegt, sondern bestätigt: Auch wenn es sich um ein „Auseinanderfallen von Gehirn und Genetik“ handle, sei die Geschlechtsidentität durch die Biologie determiniert und nicht veränderbar. Andreas beschrieb das so: „Gerade dieses Wissen, dass man eine Frau im männlichen Körper ist oder umgekehrt, beweist doch gerade, dass es nur diese zwei Geschlechter gibt.“

    Queerfeindliche LGBTs – oder doch lieber Selbstbestimmung?

    Geschlecht und Sexualität waren für die äußere Rechte immer schon zentrale Aushandlungsorte ihrer Politik. Im antiliberalen Kulturkampf, den die Rechte gegenwärtig beschwört, äußert sich das so, dass ein essentialistisches Verständnis von Geschlecht und Sexualität gegenüber einem emanzipatorischen oder konstruktivistischen in Stellung gebracht wird. Die Idee der Selbstbestimmung wird als linke Allmachtsfantasie verworfen. Im Ergebnis haben wir es nicht primär mit Homo- oder Transfeindlichkeit zu tun (auch wenn diese mitnichten ganz verschwunden sind), sondern vor allem mit Queerfeindlichkeit. Das heißt, dass manche Teile der sogenannten Community in den historischen Block der Rechten integriert werden können – nämlich diejenigen, die das Phantasma einer natürlichen, stabilen, eindeutigen Identität bestätigen. Oder, kurz gesagt, die am wenigsten queeren von ihnen.

    Die rechten Bündnisse und ihr Konsens bleiben jedoch widersprüchlich und fragil. Einerseits verbindet die AfD mit der Integration von geschlechtlichen und sexuellen Minderheiten die Hoffnung, gesamtgesellschaftlich anschlussfähiger zu werden. Andererseits ist es für rechte Homosexuelle und trans Personen harte Arbeit, sowohl innerhalb der AfD als auch nach außen hin zu plausibilisieren, wieso man gut ins rechte Lager passt. Vor allem ist fraglich, ob die vorgebrachten Argumente LGBT-Personen in der Breite überzeugen können. Vielleicht ist Selbstbestimmung doch das attraktivere politische Angebot.

  • Homonationalismus

    Homonationalismus

    Warum queere Personen rechtsextreme Parteien wählen

    Von Ernst Röhm bis Peter Thiel: Auch wenn der Großteil queerer Menschen nicht rechtsextrem wählt, finden sich doch immer wieder Gegenbeispiele. Warum? Was bringt queere Menschen dazu, rechtsextreme Parteien zu wählen oder sich diesen sogar anzuschließen? Unser Autor Mathias Foit hat seine Doktorarbeit über dieses Thema geschrieben und gibt hier Antworten.

    Queerer Rechtsruck? In den letzten 10-15 Jahren haben Rechtspopulismus und Rechtsextremismus weltweit ein besonders starkes Wiederaufleben erlebt und etliche Teile der Gesellschaft durchdrungen. Immer wieder mal berichten die Medien in scheinbarer Fassungslosigkeit, dass sich LGBTQIA+ Personen – in der Theorie die weltoffenste, toleranteste gesellschaftliche Gruppe – rechtsextremen, nationalistischen Parteien zuwenden, sei es dem Rassemblement National in Frankreich oder den Republikaner*innen unter Trump. Jene Parteien sind entweder unverhohlen queerfeindlich oder erklären – mehr oder minder offiziell – ihre Absicht, die Rechte verschiedener queerer Gruppen zu beschneiden.

    So überraschend und widersprüchlich dieses Phänomen auch sein mag, es ist in der modernen Geschichte nicht neu. Im folgenden Beitrag werden sowohl historische als auch aktuelle Beispiele aus einigen Ländern – insbesondere Deutschland, aber auch den USA, Frankreich und Polen – für die Verflechtung von queerem Begehren sowie queerer Politik einerseits und Nationalismus sowie Rechtsextremismus andererseits angeführt. Dabei wird nicht nur der Frage nachgegangen, aus welchen Gründen queere Menschen ihre Stimme rechtsextremen Parteien geben, sondern auch, welche Konsequenzen dies für die heutige Politik hat und welche Lehren daraus gezogen werden können.

    „Die warme Bruderschaft im Braunen Hause“: Der Zirkel um Ernst Röhm

    Bereits in den frühen 1930ern, noch vor der Machtergreifung, wurde Ernst Röhm, Führer der Sturmabteilung (SA) und eine der wichtigsten Figuren der NSDAP, „Held“ einer breit angelegten Hetzkampagne: Er wurde als Homosexueller geoutet. Gerüchte über seine sexuellen „Exzesse“ hatten schon Jahre davor zirkuliert, außerdem war er Mitglied des Bundes für Menschenrecht (BfM), des größten nationalen Dachverbands der sogenannten „Freundschaftsvereine“ in der Weimarer Republik.

    Bild von Ernst Röhm in SA-Uniform mit Hakenkreuzbinde um den Arm. Ernst Röhm – Foto: Bundesarchiv, Bild 102-15282A / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons

    Als Homosexuelle waren auch andere SA-Funktionäre bekannt, wie der Oberpräsident und Gauleiter der Provinz Niederschlesien, Helmuth Brückner, sowie sein Stellvertreter und der Polizeipräsident von Breslau, Edmund Heines, von dessen „nächtlichen Orgien“ und „wüsten Gelagen mit jungen Männern“ der Schriftsteller Walter Tausk in seinem Tagebuch berichtete. Vor allem die sozialdemokratische Presse spottete über den Zwiespalt zwischen der offiziellen Parteilinie der NSDAP zu Homosexualität und der offenbaren Toleranz gegenüber Homosexuellen in den eigenen Reihen. Die Münchener Post sprach von einer „warmen Bruderschaft im Braunen Hause“.

    Hitler wusste über die Homosexualität Röhms und dessen vieler Anhänger. Warum er sie so lange tolerierte, wie er dies mit der offiziellen Position der Nazi-Partei zur „widernatürlichen Unzucht“ vereinbarte sowie was der Hauptgrund für die Ende Juni, Anfang Juli 1934 von Hitler veranlasste Ermordung zahlreicher Parteigenossen, die in die Geschichte als der „Röhm-Putsch“ eingegangen ist, bleibt Gegenstand historischer Debatte. Sowohl Röhm als auch Heines fielen der blutigen Säuberungsaktion zum Opfer.

    Dank zahlreichen Forschungen wissen wir heute, dass der mit solcher Vehemenz geführte anti-homosexuelle Kreuzzug kein nebensächliches Thema, sondern ein zentraler Bestandteil der konservativen Revolution der Nazis bildete. So ist es durchaus möglich, dass die Röhm-Morde tatsächlich in erster Linie der Zerschlagung einer als vermeintlich gefährlichen, zu Verschwörungen gegen den Staat tendierenden Clique von Homosexuellen dienten. Andererseits ist auch denkbar, dass Hitler – wie viele Historiker*innen meinen – auf diese Weise den in seinen Augen größten Konkurrenten und dessen Kreis aus dem Weg der Alleinherrschaft in der NSDAP räumen wollte.

    Die Wurzeln des queeren Rechtsextremismus

    Annäherungsversuche an die Nazis gab es auch von Seiten der damals aktiven „Homosexuellenbewegung“ in der Person des Vorsitzenden des bereits erwähnten Bundes für Menschenrecht, Friedrich Radszuweit. Im August 1931 schrieb er einen offenen – und letztlich unbeantworteten – Brief an Hitler persönlich, in dem er den NSDAP-Chef zur Revision seiner Position zu Homosexualität aufforderte. Bemängelt hat Radszuweit auch die Schmutzkampagne gegen Röhm, wobei sich seine Kritik im Kern mehr gegen die Instrumentalisierung der Homosexualität als politische Waffe richtete, als dass er den SA-Führer in Schutz nehmen wollte.

    Inwieweit Radszuweits Anbiederung an die Nazis von seinem vermeintlichen Wertewandel beziehungsweise Opportunismus zeugt oder als verzweifelter Versuch, mit dem Teufel zu verhandeln, zu werten ist, wird bis heute kontrovers diskutiert. Fakt ist, dass sich bereits Ende der 1920er Jahre circa 30% der BfM-Mitgliedschaft als Anhänger*innen der Nazipartei erklärt hatten. Ob Radszuweit es wollte oder nicht, die wachsende Unterstützung für die NSDAP, auch in den eigenen Reihen des BfM, war nicht zu übersehen.

    Generell waren Konservatismus, Nationalismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in der Geschichte der ersten deutschen „Homosexuellenbewegung“ keineswegs Randerscheinungen. Magnus Hirschfeld, der gemeinhin als geistiger Vater und inoffizieller Anführer der Bewegung gefeiert wird, gehörte zu den lautstärksten Verfechtern des Ersten Weltkriegs und veröffentlichte zwei Schriften (eine davon mit dem bezeichnenden Titel „Warum hassen uns die Völker?“), die den deutschen Imperialismus verteidigten. Erst in den späteren Kriegsjahren wandte er sich dem Pazifismus und Internationalismus zu. Adolf Brand, Vorsitzender der Gemeinschaft der Eigenen (GdE), die die Männer- und „Knabenliebe“ feierte, und informeller Sprecher des Kreises der sogenannten „Maskulinisten“, war ein eingefleischter Antifeminist, Antisemit sowie ein unerbittlicher Kritiker der Weimarer Republik und Befürworter einer antidemokratischen, erzkonservativen Politik.

    Das seltsame Paradox: Rechte und Homonationalismus

    Die heutige Verflechtung zwischen LGBTQIA+ und Nationalismus wird oft als „Homonationalismus“ bezeichnet. Dabei geht es um die Instrumentalisierung von Homosexualität für nationalistische, rassistische Zwecke und um das Ausspielen von queeren Gruppen (meistens cis-männlichen, weißen Schwulen) gegen die „Anderen“. So versuchen zum Beispiel rechte Politiker*innen, die Angst der Ersteren vor den Letzteren zu schüren und damit Wähler*innenstimmen zu gewinnen, indem sie insbesondere auf das Fremdbild des fundamentalistischen, homophoben, meist muslimischen Einwanderers zurückgreifen.

    Das führt zu einem noch größeren Spagat als bei den Nazis: Heutige Rechtsextreme stellen sich manchmal als vermeintliche Beschützer*innen einer gesellschaftlichen Gruppe dar, die andere Rechtsextreme wiederum im Gefängnis sehen wollen und wiederum andere für die angebliche Sexualisierung von Kindern verantwortlich machen.

    Homonationalismus „Around the World“

    Beispiele für Homonationalismus gibt es auf der ganzen Welt. 2016 entstand in den USA die islamfeindliche, „White Supremacy“ predigende und transphobe Vereinigung „Gays for Trump“. Bereits 2005 hat der Historiker Paul Robinson in seinem Buch Queer Wars beschrieben, wie der Konservatismus seit Beginn der „Gay Liberation“-Bewegung die LGBTQ+ Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten spaltet. Auch in Frankreich und den Niederlanden gewinnen die Rechtsextremen unter vielen LGBTQIA+ Personen an Unterstützung. Schon in der Präsidentschaftswahl 2017 war Marine Le Pen vor allem für weiße, cis-männliche Homosexuelle eine zumutbare politische Alternative.

    Interessanterweise muss der Rückgriff auf Patriotismus oder Nationalismus durch queere Menschen nicht unbedingt islamophob oder rassistisch motiviert sein. In Polen zum Beispiel hat die Kontroverse um die Darstellung des Staatswappens und der Nationalflagge vor einem Regenbogenhintergrund auf einigen CSDs im Jahr 2018 eine Debatte auch innerhalb der dortigen LGBTQIA+ Gemeinschaft ausgelöst. Viele sahen darin eine wirksame politische Strategie zur Anerkennung der Zugehörigkeit zur nationalen Gemeinschaft. Andere grenzten sich aufgrund der institutionellen Queerphobie der damaligen Regierung stark vom Nationalstolz ab.

    Die wichtigste Frage: warum?

    Die Gründe für den scheinbaren Widerspruch zwischen emanzipatorischen Bestrebungen und rechtsextremer, nationalistischer und sehr konservativer Politik sind natürlich je nach Fall und Kontext unterschiedlich.

    Im Deutschen Kaiserreich beispielsweise war die gesamte deutsche Gesellschaft stark nationalistisch und konservativ geprägt, was mit der imperialen und militaristischen Grundausrichtung des Staates einherging, schließlich waren es auch die europäischen Nationalismen, die zum Ersten Weltkrieg führten.

    In der Weimarer Republik spielten zudem weit verbreitete nationale Ressentiments, die Demütigung des Verlorenen und die Sehnsucht nach der alten Ordnung eine Rolle. Hinzu kam, dass queere Menschen, denen immer wieder das Bürgerrecht abgesprochen und verräterische Tendenzen unterstellt wurden, um ihre Anerkennung als respektable, pflichtbewusste und loyale Staatsbürger*innen kämpften. Eine ähnliche Motivation – wenn auch in einem ganz anderen, weitgehend einfacheren soziopolitischen und rechtlichen Kontext – treibt viele LGBTQIA+ im heutigen Polen an.

    Bezeichnenderweise sind es vorwiegend cisgeschlechtliche Männer, die nach wie vor die politische Avantgarde des Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Nationalismus bilden. Wundern dürfte es kaum, schließlich wird ihnen seit jeher Männlichkeit und die damit assoziierten Eigenschaften wie Stärke, Entschlossenheit und Tüchtigkeit abgesprochen. Sich als Patriot oder gar Nationalist zu bekennen, bedeutet häufig, sich als „richtiger“ Mann zu behaupten.

    Wie gezeigt wurde, ist ein gemeinsamer Nenner der verschiedenen Formen und nationalen Variationen des heutigen Homonationalismus häufig die Islamophobie. Rechtsextreme Parteien nutzen die Ängste einiger LGBTQIA+ Personen zynisch aus, um damit Stimmen zu gewinnen und gegen die Zuwanderung von Menschen – darunter auch queeren, die in Deutschland Zuflucht finden könnten – aus muslimisch geprägten Ländern zu plädieren.

    Und was nun? Konsequenzen für die Politik

    Der Homonationalismus verdeutlicht, dass die heutzutage – aus gutem Grund – hinterfragten gesellschaftlichen Konzepte wie Geschlecht oder Nation(alität) auch für viele LGBTQIA+ Menschen immer noch eine nicht zu unterschätzende Bedeutung haben. Das von Teilen der Gesellschaft erwünschte Loswerden dieser Kategorien wird damit zu einer größeren Herausforderung als gedacht und erfordert kreative Ansätze.

    Außerdem zeigt der Homonationalismus die Wichtigkeit der Einbindung von Antirassismus in queere, emanzipatorische Politik und Bildung. Auch in der LGBTQIA+ Gemeinschaft sind Stereotype und Vorurteile gegenüber „Fremden“ weit verbreitet. Geflüchtete, aber auch Queers of Colour sind von dem Rechtstruck der letzten Jahre besonders betroffen, weshalb gerade ihnen die Solidarität der gesamten Community gehört.

    Die Widersprüchlichkeit und der Zynismus rechtsextremer Parteien im Umgang mit Homosexualität und geschlechtlicher Vielfalt liegt auf der Hand. Was sich viele queere Menschen als eine Verbesserung erhoffen, kann nur wie vor fast einhundert Jahren enden – mit Enttäuschung und Elend.


    Mehr zum Thema gibt es auch im Artikel „Queere Nazis“ des Siegessäule-Magazins.

    Bibliographie

    • Bauer, Heike.The Hirschfeld Archives: Violence, Death, and Modern Queer Culture.” Philadelphia, Pennsylvania: Temple UP, 2017.
    • Bruns, Claudia. „Politik des Eros: Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880–1934).“ Köln: Böhlau Verlag, 2008.
    • Foit, Mathias. “Queer Urbanisms in Wilhelmine and Weimar Germany: Of Towns and Villages.” Cham, Schweiz: Palgrave Macmillan, 2023.
    • Marhoefer, Laurie. “Sex and the Weimar Republic: German Homosexual Emancipation and the Rise of the Nazis.” Toronto: University of Toronto Press, 2015.
    • Micheler, Stefan. “Zeitschriften, Verbände und Lokale gleichgeschlechtlich begehrender Menschen in der Weimarer Republik.” Stefan Micheler Homepage. August 1, 2008. www.StefanMicheler.de/zvlggbm/stm_zvlggbm.pdf.
    • Vendrell, Javier Samper. “The Seduction of Youth: Print Culture and Homosexual Rights in the Weimar Republic.” Toronto: University of Toronto Press, 2020.
    • Wolfert, Raimund. “Auf den Spuren der ‘Invertierten’ im Breslau der zwanziger und dreißiger Jahre.Invertito– Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten 9 (2007): 93–135.
    • Zinn, Alexander. „Aus dem Volkskörper entfernt? Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus.“ Frankfurt: Campus Verlag, 2018.