Die Studie „positive stimmen 2.0“ hat gezeigt: Der Großteil der befragten Menschen mit HIV kann heute gut mit der Infektion leben. Aber: Viele erleben gleichzeitig alltäglich Diskriminierung und Ausgrenzung!
Das alles hat erhebliche negative Auswirkungen auf den Gesundheitszustand, das Wohlbefinden und die sexuelle Zufriedenheit. Hinzu kommen Scham- und Schuldgefühle.
Außerdem zeigt die Studie: Mehr als 50% der Befragten wurden in den zurückliegenden 12 Monaten mindestens einmal beim Sex zurückgewiesen. Und das, obwohl es Schutz durch Therapie gibt.
Schau dir jetzt unser Video dazu an:
Eine gute Nachricht: Seit es Schutz durch Therapie gibt, erleben immerhin 40 Prozent der Befragten weniger Diskriminierung. Die HIV-Medikamente unterdrücken dabei die Vermehrung von HIV im Körper. HIV kann dann beim Sex nicht mehr übertragen werden.
Wenn du dich also schon gefragt hast, was du selbst gegen die Diskriminierung von Menschen mit HIV machen kannst, dann wäre das genau ein erster Schritt. Erzähl es weiter: HIV ist unter Therapie nicht übertragbar. Sag es deinen Freund*innen, deiner Familie oder Arbeitskolleg*innen.
Und es gibt noch mehr, was du tun kannst.Zeig dich außerdem überall solidarisch, wo Menschen mit HIV ausgegrenzt oder diskriminiert werden! Und informier dich auf iwwit.de! Hier findest du viele weitere Infos zum Leben mit HIV. Und du findest Infos dazu, wie du oder andere sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung wehren können.
Außerdem zeigen wir in unserer Kampagne authentische Bilder von Menschen mit HIV, denn sie sind ein unerlässlicher Teil unserer Community.
Du willst mehr? Dann melde dich bei IWWIT – und sag uns deine Meinung! Oder erzähl uns von deinen Ideen oder Wünschen zum Thema Leben mit HIV: Auf Facebook, Instagram oder klassisch per E-Mail. Wir freuen uns auf dich!
Florian, 37, berichtet seit vier Jahren bei ICH WEISS WAS ICH TU über seine Drogenerfahrungen. Er will damit anderen Drogenkonsumenten helfen, Risiken zu reduzieren. Anlässlich der aktuellen Diskussion sprachen wir mit ihm über Crystal Meth.
Florian, hast du Erfahrungen mit Crystal?
Ja, habe ich. Ich bin fast daran kaputt gegangen.
Du lehnst Drogenkonsum nicht prinzipiell ab, sondern gibst Tipps, wie man seinen Konsum kontrollieren und Risiken reduzieren kann. Das hat offenbar mit Crystal nicht geklappt?
Nein, überhaupt nicht. Drogenkonsum ist nie ohne Risiko, und man kann prinzipiell von jeder Droge abhängig werden. Aber bei Crystal ist die Schwelle so schnell überschritten, dass ich wirklich nur raten kann, die Finger davon zu lassen.
Du warst abhängig?
Ja, die Gefühle auf dieser Droge sind einfach so gut, dass man sie wiederhaben will. Und schon bist du machtlos. Die Falle schnappt verdammt schnell zu.
Was hast du auf Crystal erlebt?
Ein nie dagewesenes Glücksgefühl. Die Realität mit all ihren Problemen ist sofort völlig ausgeblendet. Jede Angst ist einfach verschwunden. Leistungsfähigkeit und sexuelles Empfinden werden explosionsartig gesteigert.
Das klingt gefährlich attraktiv.
Das ist es leider. Und genau deswegen kann man sich sehr schnell nicht mehr vorstellen, sein Leben ohne diese Droge zu führen. Und dann setzen auch die negativen Wirkungen sehr schnell ein.
Welche sind das?
Ich hatte schlimme Depressionen und Wahnvorstellungen. Ich dachte, es sind Menschen im Raum und fühlte mich krass verfolgt. So etwas erleben viele Konsumenten. Ein Freund von mir hat in seiner Paranoia die Wände aufgeschlagen, weil er Kameras dahinter vermutete. Auch Suizidgedanken kommen oft vor.
Und trotzdem fällt es schwer, wieder aufzuhören?
Ja, weil du weißt, dass diese Gefühle, die du auf Crystal hast, ohne Droge nicht zu haben sind. So ehrlich muss man sein, das ist so. Trotzdem macht Crystal nicht glücklich. Auf Sexpartys, auf denen Crystal konsumiert wird, sitzen am Schluss meist alle mit ihren Handys rum und suchen nach dem nächsten Date.
Die Glücksgefühle, die man am Anfang erlebt, halten also nicht vor?
Nein, die tiefe Erfüllung, die du suchst, bekommst du nicht. Ganz im Gegenteil, du suchst immer hektischer und verzweifelter. Am Ende macht die Droge ziemlich einsam.
Was hat dich zum Aufhören bewogen?
Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Es fängt damit an, dass du Montag nicht zur Arbeit gehen kannst, weil du noch total drauf bist. Dann macht die Droge dich allmählich fertig. Du verlierst Freunde, den Anschluss an dein Leben. Ich habe am Schluss alleine zu Hause gesessen und es ging mir einfach nur noch beschissen.
Und wie bist du da wieder rausgekommen?
Ich war sehr motiviert, die Kontrolle über mein Leben zurückzugewinnen, auch weil ich ja mit dem Thema Drogen in der Öffentlichkeit stehe. Geholfen haben mir eine Therapie und ein starker Freundeskreis. Ich habe begriffen, dass ich die Kontrolle verloren hatte und konnte das auch vor anderen zugeben. Der Psychologe war anfangs unsicher, ob es ohne stationäre Entgiftung geht, aber das ist mir erspart geblieben.
Und heute?
Bin ich mir der Gefahren so bewusst wie nie. Meine Kicks und meine Lust am Leben hole ich mir jetzt auf andere Weise.
Mehr Informationen zum Thema Drogen und Safer Sex findest du hier. Wenn du mit deinem Drogenkonsum nicht mehr klarkommst, lass dich beraten!
Ein Beitrag von Dr. Dirk Sander, Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe. (Redaktion: Tim Schomann)
Durchtrainiert, breites Kreuz, ausgeprägte Bauchmuskeln, starke Schultern: So wird uns in der Regel „der Mann“ in schwulen Magazinen gezeigt. Ganz gleich, ob es sich dabei um redaktionelle Beiträge oder Werbeanzeigen handelt. Diese Männer – meist in ihren Zwanzigern – sind erst mal schön anzusehen, sie vermitteln ein idealisierendes Bild von Männlichkeit, Kraft und Stärke. Warum ist dieses Bild von Männlichkeit so dominant? Was steckt dahinter und was können diese Bilder auslösen?
Das hat auf den ersten Blick scheinbar nichts mit einer Präventionskampagne wie ICH WEISS WAS ICH TU zu tun. Doch wenn man genau hinsieht, dann stellen sich einige Fragen zu unseren Haltungen und den Respekt untereinander in der so genannten schwulen oder queeren Community. Welche Auswirkungen können gegenseitige Ausgrenzung und Stigmatisierung auf unser gesundheitliches Wohlbefinden und unser sexuelles Schutzverhalten haben? Darüber wollen wir mit Euch ins Gespräch kommen!
„Tunten zwecklos“
Obwohl das Männerbild in schwulen Magazinen, aber auch auf so manchem CSD-Truck recht einheitlich daherkommt, geht es in der „queeren“ Szene bei Körperlichkeiten wesentlich vielfältiger zu: Dick und dünn, lang und kurz, alt und jung, behaarte Bären, proppere Kerle und schmale Hemdchen, mal mit eher weichlichen, mal mit markanten Zügen. Trotzdem scheinen die einer bestimmten Vorstellung von Männlichkeit entsprechenden Männerkörper viele zu faszinieren, sie sind Objekte des Begehrens. Männer, die eher effeminiert sind, also vermeintlich „weiblich“ daher kommen, werden auch schon mal gnadenlos als „zu schwul“ verspottet, oder mit dem Hinweis „Tunten zwecklos“ als Sexpartner auf Dating-Portalen im Internet abgelehnt. Ein von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im letzten Jahr in einer Präventionskampagne eingeführtes „weibliches“ Männermodell führte zu einem Entrüstungssturm in den schwulen sozialen Medien, das Modell wurde als „zu klischeehaft“ abgelehnt und letztlich aufgrund des vehementen „öffentlichen Drucks“ aus der Szene von der Gesundheitsagentur zurückgezogen.
„body image stress“: Der Stress mit dem eigenen Körper
Die Sehnsucht nach Männlichkeit ist anscheinend groß, und es wundert deshalb nicht, dass man unterschiedlichste Männertypen findet, die mit ihrem eigenen Körper unzufrieden sind und die viel dafür zu tun bereit sind, dem in den Magazinen dominierenden Bild des schwulen Archetypen zu entsprechen. Und es ist ja auch erst mal nichts Schlechtes dabei, auf seinen Körper zu achten, etwas Sport zu treiben, sich ausgewogen zu ernähren, um sich fit und attraktiv zu fühlen. Wissenschaftliche Studien aus den letzten Jahren stellen allerdings fest, dass Homosexuelle im Vergleich zu Heterosexuellen stärker unter einer Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Körper leiden. In einer britischen Studie zur Gesundheit von schwulen und bisexuellen Männern aus dem Jahr 2011 wurde hervorgehoben, dass fast die Hälfte der schwulen und bisexuellen Männer sich Sorgen um ihr Aussehen machen und sich darüber hinaus wünscht, sich weniger damit beschäftigen zu müssen. Zwanzig Prozent der Befragten störten sich an ihrem Gewicht oder ihrem Essverhalten. In einer weiteren aktuellen Studie stellt Christopher J. Hunt von der Universität Sydney fest, dass schwule Männer teilweise geradezu „aufgerieben“ werden zwischen den widersprüchlichen Vorstellungen von einem auf der einen Seite muskulösen und auf der anderen Seite schlanken Erscheinungsbild. Psychologen sprechen bei diesem Phänomen von „body image stress“ (Körperbildstress): Es bestehe ein Unterschied zwischen „normalem“ Körperbewusstsein und stresshaft erlebter Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Es lohne sich jedenfalls darüber nachzudenken, wie viel Sport und Ernährungskontrolle noch „gesund“ sei, und wann die Anstrengungen zur Erreichung eines fitten und attraktiven Körpers zu einer stresshaften und damit eher abträglichen Belastung wird.
In der Literatur lässt sich eine Reihe von theoretischen Überlegungen finden, warum gerade bei schwulen Männern die Sehnsucht nach einem männlich gestählten Körper so übermächtig werden kann. Zum einen seien es bestimmte Ängste von anderen als (zu) schwul ausgegrenzt zu werden, deshalb versuche man gerade besonders „männlich“ im herkömmlichen Sinn zu wirken; hier könnten auch gemachte negative Erfahrungen als Verstärker wirken. Auch die „Scham“ über die eigene Sexualität, die nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht, könne hier eine Rolle spielen. Vermutet wird auch, dass bei einigen die Vorstellung leitend sein könnte, mit einem besonders kraftvollen männlichen Körper gegen antischwule Gewaltattacken besser vorbereitet und geschützt zu sein; hier könnten auch gemachte Gewalterfahrungen verstärkend auf den Wunsch nach „Männlichkeit“ wirken. Solche Gewalterfahrungen sind im Übrigen ja nicht selten. Aus einer gerade veröffentlichten bundesdeutschen Erhebung von Michael Bochow und Kollegen geht hervor, dass ca. die Hälfte der Befragten schwulen und bisexuellen Männer Erfahrungen von verbaler und physischer Gewalt gemacht haben. Ein statistischer Wert, der sich übrigens in den letzten zwanzig Jahren nicht verändert hat!
Kaum emotionale Unterstützung und Geborgenheit in schwulen Szenen?
Eine weitere Vermutung für die Entstehung von „Körperbildstress“ ist, dass schwule Männer aufgrund von Ausgrenzungs- und Stigmatisierungserfahrungen in der Gesellschaft zu einem geringeren Selbstwertgefühl tendieren könnten, der Wunsch nach Formung eines „männlichen“ Körpers diene der Selbstwertstärkung. Weitere Überlegungen gehen davon aus, dass die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper auch, vielleicht als Wechselwirkung, aus den Erwartungen an bestimmte Körperideale aus den schwulen Szenen selber herrühren könnte. Phil Langer, Sozialpsychologe an der Universität Frankfurt, stellte in seiner Interviewstudie von 2009 fest, dass eine nennenswerte Unterstützung, die emotionale und physische Sicherheit bieten könnte, in den schwulen Szenen kaum zu finden sei. Er schreibt, dass im Gegenteil Erwartungen in Bezug auf Ideale jugendlichen Alters, maskuliner Männlichkeit und sexuell-körperlicher Schönheit innerhalb der schwulen Szenen(n) deutlich formuliert würden, diese könnten individuell zu Stressoren werden.
Einige Autoren fordern deshalb, dass in den schwulen und queeren Szenen über diese Hintergründe mehr diskutiert werden müsste, z.B. über Gewalterfahrungen und den Umgang damit, über Idealvorstellungen und Erwartungen an bestimmte Formen der „Männlichkeit“, aber auch über die Bedeutung eines szeneinternen Respekts und Zusammenhalt. Nicht zuletzt scheint diese Diskussion bedeutsam auf dem Hintergrund, dass einige Autoren es für wahrscheinlich halten, dass Risikoverhalten beim Sex durch den Konflikt zwischen dem mangelnden Selbstwertgefühl und dem Wunsch nach besonders männlichem Auftreten begünstigt werden könnte.
Das Geschäft mit der Unzufriedenheit
Eine Reflektion über solche Zusammenhänge ist aber nur in wenigen schwulen und queeren Zirkeln zu finden. Währenddessen hat die Industrie, die angetreten ist, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, schon längst unser Dilemma erkannt und ein Riesengeschäft daraus entwickelt. Nicht nur die in den USA entstandene und auch bei uns mittlerweile weit verbreitete schwule „Gym Culture“ ist hier zu nennen. In schwulen Lifestyle-Magazinen, die (teils aus Unwissenheit, teils aus reinem Zynismus) verkaufsfördernd gerade dieses genannte normative Männerbild transportieren und zementieren, wird allerlei feil gehalten für diejenigen, die mit ihrem Körperbild unzufrieden sind. Und das geht weit über Fitnessangebote hinaus: Angeboten werden neben Botox und anderen Faltenkillern, Tinkturen für besseren Haarwuchs; sogar „Pflegelinien“ für Männer, die „effektive Lösungen“ zur Festigung des Bindegewebes und zur „langfristigen“ Verbesserung der „Körperkonturen“ versprechen, scheinen ihren Absatz zu finden. Selbst chirurgische Eingriffe werden neuerdings empfohlen. Solche radikalen Methoden der Körperformung sind allerdings, zum Glück, nur für einige von uns erschwinglich.
Wie gesagt, es spricht gar nichts dagegen, etwas für die Fitness und das Äußere zu tun, sich Gedanken um eine ausgewogene und gesunde Ernährung zu machen, es liegt aber auch an uns, die Mechanismen und Hintergründe für darüber hinaus gehende und belastende Anstrengungen zu reflektieren, mehr Zusammenhalt in den „queeren“ Szenen zu etablieren und Gelassenheit bei vermeintlichen „Schönheitsfehlern“ zu entwickeln.
Darum wollen wir uns diesem Thema stellen und mit euch darüber diskutieren? Welche Ideale und Ziele sind euch wirklich wichtig? Wo spürt ihr selber Druck, einem bestimmten (Männlichkeits-) Bild in der Szene entsprechen zu müssen? Wie geht ihr damit um? Was erwartet ihr von einer schwulen Szene, die sich oft selbst als Community bezeichnet? Gibt es die Community und den Zusammenhalt (noch)? Oder ist das alles eine Illusion?
Diskutiert mit uns auf facebook! Wir freuen uns auf eure Anregungen, Kritik und Denkanstöße.
Literatur
Bochow, M., Lenuweit, St., Sekuler, T., Schmidt, A. J. (2012): Schwule Männer und HIV/AIDS: Lebensstile, Sex, Schutz- und Risikoverhalten 2010. Forumsband Deutsche Aidshilfe e.V., Berlin
Hunt, Ch. J. et al. (2012): “Links between psychosocial variables and body dissatisfaction in homosexual men: Different relations with the drive for muscularity and the drive for thinness.” In: International journal of Men´s health, vol. 11, no. 2, pp. 127 – 136
Pretzel, A./Weiß, V. (Hrsg.): Rosa Radikale. Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Edition Waldschlösschen, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2012
Langer, Ph. C. (2009): Beschädigte Identität. Dynamiken des sexuellen Risikoverhaltens schwuler und bisexueller Männer. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden
Halperin, D. M./ Traub, V. (Hrsg.): Gay Shame. Chicago/London: university press 2009