Stefan ist HIV-positiv. Ficken mit Kondom ist nichts für den 46-jährigen Journalisten aus Saarbrücken. Zum Glück kann er dank erfolgreicher HIV-Therapie auf den Gummi verzichten. Ein Gespräch über Schutz durch Therapie und Sex ohne Sorgen.
Stefan, was bedeutet „Schutz durch Therapie“? Dank der erfolgreichen HIV-Therapie sind in meinem Blut keine Viren mehr nachweisbar– deswegen kann ich beim Sex keine mehr übertragen.
Kaum zu glauben. Ich erkläre es immer an meinem Fall: Als ich mit der Therapie angefangen habe, hatte ich 93.000 HIV-Viren pro Mikroliter Blut. Nach einem Monat waren es nur noch 20.000. Zwei Monate später lag der Wert unter 2.000. Heute ist meine Viruslast nicht mehr nachweisbar. Wenn ich dann noch Zettel und Stift dabei habe, male ich dazu eine schöne Kurve auf. Dann checken die Leute plötzlich: Wo keine Viren sind, können auch keine übertragen werden.
Schutz durch Kondom oder Schutz durch Therapie – was ist dir lieber? Ich muss ehrlich sagen: Ich finde Sex mit Kondom scheiße! In dem Moment, wo du weißt „Ich bin unter der Nachweisgrenze!“, bist du total entspannt, weil du weißt: Es kann praktisch nichts mehr passieren. Wenn man nachts aufwacht und geil ist, sucht man nicht lange nach Kondomen, sondern fängt einfach an zu vögeln.
Dein Freund ist negativ. Habt ihr von Anfang an auf Kondome verzichtet? Nein. Die ersten zwei, drei Monate haben wir Kondome verwendet. Mein Freund wusste über das Prinzip „Schutz durch Therapie“ Bescheid. Aber es hat gebraucht, bis die Info vom Kopf im Bauch und dann im Schwanz angekommen ist. Wir sind nun seit gut zwei Jahren zusammen, haben Sex ohne Kondom – und er ist immer noch HIV-negativ. Logischerweise.
Wie schützt du dich beim Sex mit anderen Männern? Bei uns gilt die Regel: Außerhalb der Beziehung benutzen wir Kondome, damit wir keine Krankheiten wie Syphilis in die Beziehung schleppen. Gegen Hepatitis A und B sind wir geimpft. Mir war die offene Beziehung gar nicht so wichtig. Ich bin ja nun in einem Alter, wo ich nicht mehr ständig Sex haben muss. (lacht) Aber mein Freund meinte, das wäre gut.
Als Rollenmodell für ICH WEISS WAS ICH TU bist du oft in Deutschland unterwegs und triffst viele schwule Männer. Wissen die, dass eine Therapie so gut schützt wie ein Kondom? Nach meiner Erfahrung weiß ein Drittel gut Bescheid, ein Drittel hat mal was davon gehört – und ein Drittel ist ahnungslos. Vielleicht sind die Fakten in großen Städten etwas präsenter als in kleineren, aber der Unterschied ist nicht riesig.
Ist das Thema damit gegessen? Nein, die Message ist noch nicht bei allen angekommen. In den letzten 20 Jahren gab es medizinisch einen Riesensprung nach vorne. Das Allgemeinwissen hinkt dieser Realität hinterher. Das ist schade, weil so eine normale, angstfreie Sexualität verhindert wird. Diese Message muss raus, weil das eine enorme Entlastung ist. Vor allem für Paare, bei denen der eine positiv und der andere negativ ist. Deshalb bin ich Rollenmodell, weil dann andere sehen: Ach, die machen das auch so – und es funktioniert.
Was ist deine Botschaft an die schwule Community? Fürchtet euch nicht davor, Schutz durch Therapie zu praktizieren! Es ist eine enorme Entlastung. Manchmal hört man ja das Argument: Schutz durch Therapie fördert sorglosen Sex. Dann frage ich: Wo ist das Problem, wenn ich sorglos Sex haben kann? Sex ohne Sorgen – das ist doch etwas Schönes!
Kennt die Community ‚Schutz durch Therapie‘? Nach Stefans Erfahrung weiß ein Drittel gut Bescheid, ein Drittel hat mal was davon gehört – und ein Drittel ist ahnungslos. (Foto: iwwit.de)
Das Robert-Koch-Institut verzeichnet seit 2010 einen kontinuierlichen Anstieg von Syphilis-Fällen in Deutschland. Mehr 80 Prozent davon gehen demnach auf sexuelle Kontakte zwischen Männern zurück. Inwieweit spiegelt sich diese Zahlen auch im ärztlichen Alltag wieder? Ein Gespräch mit dem Berliner Allgemeinmediziner und Infektiologen Dr. Christoph Schuler
„Wir sehen jede Woche neue Syphilis-Fälle“ – Dr. Schuler aus Berlin im Interview
Syphilis bei schwulen Männern: Ein Dauerproblem in der Praxis
Christoph Schuler, zum Patientenstamm gehört auch ein großer Prozentsatz an schwulen Männern. Inwieweit spielt Syphilis in Ihrem Praxisalltag eine Rolle? Wir haben sicherlich im Schnitt jede Woche einen neuen Fall in unserer Praxis, und das bereits seit einigen Jahren. Die Zahl der Fälle ist in den letzten Monaten nicht unbedingt gestiegen, aber sie hält sich schon über einen langen Zeitraum sehr konstant auf hohem Niveau.
Können sie aus der Praxiserfahrung bestimmte Patientengruppen ausmachen, die besonders betroffen sind? Wir entdecken sehr viele Syphilisinfektionen bei unseren HIV-Patienten, allein schon deshalb, weil diese regelmäßig auf sexuell übertragbare Krankheiten (STI) gescreent werden.
Wie sich schwule Männer mit Syphilis infizieren können
Das heißt, dadurch werden neue Infektionen automatisch und bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt entdeckt. Richtig. Zum anderen sind da aber viele nicht-positive Patienten, die wegen verdächtiger Symptome zu uns kommen oder die von sich aus einen STI-Routinetest haben machen lassen.
Manche haben sich auch anderswo testen lassen, zum Beispiel bei Testeinrichtungen in schwulen Beratungseinrichtungen und haben uns dann nach der Diagnose aufgesucht. Und nicht zuletzt gibt es auch Männer, die von ihrem Sexpartner erfahren haben, dass bei diesem Syphilis diagnostiziert wurde und sich deshalb nun selbst auch untersuchen lassen.
Kommt es auch vor, dass der gleiche Patient sich immer wieder infiziert? Das gibt es in der Tat, allerdings ist es gerade bei Syphilis sehr schwer zu unterscheiden, ob es sich um eine Neuinfektion oder um das wieder Aufflammen einer unzureichend behandelten Infektion handelt.
Könnte die Tatsache, dass die Zahl der Infektionen so gleichbleibend hoch bzw. sogar steigend ist, womöglich auf ein verändertes Sexualverhalten zurückzuführen sein? Nämlich dass schwule Männer wieder mehr Sex ohne Kondom haben? Ich sehe da keine direkte Verbindung. Natürlich wird häufiger auf das Kondom verzichtet, weil die HIV-Behandlung effektiv ist.
… und deshalb das Virus nicht mehr übertragen werden kann. Zum anderen ist Safer Sex mit Kondom keine Praxis, mit der man eine Syphilis-Infektion gänzlich ausschließen kann. Man kann sich eben auch beim Küssen oder beim Oralverkehr infizieren.
Es gibt aus unserer Erfahrung in der Praxis aber sicherlich Szenen, in denen Syphilisinfektionen eher auftreten, zum Beispiel bei Männern, die sexuell aktiver sind oder auf Sexpartys gehen. Wenn hier neue Infektionen auftreten, werden diese dann auch schnell weitergegeben. Umso wichtiger ist es, dass man seine Sexpartner darüber informiert, wenn bei einem selbst eine Infektion festgestellt wurde, damit eine Partnermitbehandlung erfolgen kann.
Stigmatisierung von Syphilis bei homosexuellen Patienten
Syphilis erscheint moralisch mehr belastend zu sein, als andere sexuell übertragbare Krankheiten. Fällt es den Patienten tatsächlich leichter, zum Beispiel wegen eines Trippers um Arzt zu gehen? Das ist in der Tat so. Gerade Patienten, die zuvor noch nie mit einer STI zu tun hatten und nur gelegentlich sexuelle Kontakte haben, fühlen sich ziemlich vor den Kopf gestoßen und sind manchmal auch ein wenig schockiert. Das ist eindeutig auf den stigmatisierenden Charakter zurückzuführen, den die Syphilis nach wie vor hat. Auch wenn die Syphilis behandelt wird: eine Narbe bleibt im Blut ein Leben lang sichtbar. Aber auch die Behandlung unterscheidet sich von der vieler anderer STIs: Die Spritzen können durchaus schmerzhaft sein und müssen – je nachdem, wie spät die Infektion entdeckt wurde – gegebenenfalls im Wochenabstand wiederholt werden. Wenn man Allergien hat, sind möglicherweise auch tägliche Infusionen oder eine mehrwöchige Tabletteneinnahme notwendig. Die Behandlung eines Trippers oder von Chlamydien ist dagegen weitaus einfacher und unkomplizierter.
Diagnose und Verlauf: So wird Syphilis in der Praxis dokumentiert
Warum Syphilis bei schwulen Männern besonders häufig ist
Anders als etwa bei Hepatitis A ist man nach einer ausgestandenen Syphilis nicht automatisch vor einer neuen Infektion geschützt. Wie gehen Leute damit um, wenn es sie nicht nur einmal erwischt? Ich erlebe in letzter Zeit immer häufiger dann Fall, dass Patienten deshalb sehr frustriert sind und sagen: „Ich mach jetzt nichts mehr“. Denn nicht nur die Zahl der Syphilis-Fälle ist angestiegen, sondern auch Gonorrhö und Chlamydien sind weiter verbreitet. Manchen ist deshalb ganz offensichtlich die Lust am Sex vergangen, zumindest was den Sex in öffentlichen Räumen angeht.
Flo, 40 Jahre, ist HIV-positiv und nimmt seit mehr als 15 Jahren Medikamente. Die Therapie schützt auch seine Sexpartner: HIV ist beim Sex nicht übertragbar. Kaum war in Deutschland die PrEP erhältlich, ließ sich Alex diese Schutzmethode vor HIV verschreiben. Auch nach anderthalb Jahren schwört der 32-Jährige noch auf diese Lösung, sich vor einer Infektion zu schützen. Florian mag den Schutz, den ihm das Kondom bietet – vor HIV und vor anderen Geschlechtskrankheiten. Der 45-Jährige empfindet das Gummi beim Sex sogar als Bereicherung.
Was bedeutet deine Safer-Sex-Methode für dich?
Alex (PrEP): Viele Männer nutzen die PrEP, weil sie grundsätzlich auf Kondome verzichten möchten. Bei mir steht das nicht im Vordergrund. Vielmehr verschafft mir die PrEP Sicherheit in Situationen, die ohne sie riskant wären. Bevor ich mir die Tabletten verschreiben ließ, war ich mehr als einmal kurz davor, ungeschützt zu ficken. Ein Bier zu viel und ich musste mich wirklich zusammenreißen. Jetzt liegt der Schutz in meiner Hand: Mit der PrEP ist eine HIV-Infektion auch dann ausgeschlossen, wenn mein Sexpartner kein Gummi überzieht. Dank der PrEP kann ich Sex viel entspannter genießen.
Flo (Schutz durch Therapie): Vor zehn Jahren bin ich noch meistens auf Partys für HIV-Positive gegangen, wenn ich Sex wollte. Nur im geschützten Raum schien es mir möglich, das Kondom wegzulassen, ohne unter Rechtfertigungsdruck zu geraten. Die Schwulenszene war insgesamt ziemlich gespalten: wir Positiven hier, die Negativen dort. Mittlerweile hat sich das geändert. Mehr und mehr schwule Männer sind über die neueren Safer-Sex-Methoden informiert. Sie wissen: Positive können andere Menschen nicht anstecken, wenn sie regelmäßig ihre Tabletten nehmen. Ich kann in Berlin ins Lab oder ins Kitty gehen und Spaß mit Männern haben, die ihre Sexualität jetzt natürlich und angstfrei ausleben. Für mich fühlt sich das an wie eine Befreiung.
Florian (Kondom): Ich verwende weiterhin das Kondom, auch wenn andere darin eine Art „Ikone der Beschwertheit“ sehen mögen. Diese Safer-Sex-Methode ist für mich so sicher wie einfach: Ich nutze sie genau dann, wenn ich Sex habe. Tabletten hingegen müsste ich jeden Tag nehmen, selbst wenn es wochenlang nicht zu Sex kommt. Für Kondome brauche ich kein Rezept und ich muss mir auch nicht regelmäßig bestätigen lassen, dass meine Niere die PrEP noch verträgt. Ich gehöre auch nicht nicht zu den Männern, die das Kondom beim Sex stört. Im Gegenteil. Ich empfinde es als anregenden Teil des Vorspiels, das Kondom überzustreifen. Dann ist beiden klar, dass der Spaß gleich losgeht.
Florian nutzt das Kondom. Was das für ihn bedeutet, erzählt er hier.
Wie geht ihr mit Nutzern anderer Methoden um?
Florian (Kondom): Jeder und jede hat das Recht, die Methode zu wählen, die zu ihm oder ihr passt. Außerdem verstehe ich, dass viele PrEP-Nutzer und HIV-Positive unter Therapie Sex ohne Gummi haben möchten. Zum Beispiel haben mir etliche HIV-Positive erzählt, dass sie sich von alten Fesseln befreit fühlen, seit die Schutzwirkung der Therapie nachgewiesen ist. Flo sieht das ja auch so. Ich wiederum empfinde es als Freiheit, auf Tabletten verzichten zu können. Deswegen ist nach wie vor für mich das Kondom die erste Wahl. Wenn mir jemand sagt „Ich nehme Tabletten. Wir können auch ohne Gummi ficken“, dann lehne ich freundlich ab. Das persönliche Schutzbedürfnis eines Menschen steht generell über dem Wunsch des Gegenübers, sexuelle Lust zu erleben.
Alex (PrEP): Mich stört das Kondom nicht. Ich überlasse es in der Regel dem anderen, ob er sich eins überzieht.
Flo (Schutz durch Therapie): Kondome benutze ich nur, wenn der andere darauf besteht und zu heiß aussieht, um ihn wegzuschicken. Ansonsten wünscht man einander freundlich einen angenehmen Abend und flirtet einen anderen Typen an.
Alex nutzt die PrEP. Was diese Methode für ihn bedeutet, erfahrt ihr hier.
Welche Fragen kommen im Zusammenhang mit eurer Schutzmethode auf?
Alex (PrEP): Da ich viel reise, bemerke ich im Umgang mit der PrEP regionale Unterschiede. In Berlin, Hamburg oder Köln ist sie etabliert. Viele Schwule gehen genauso offen damit um wie ich. In kleineren Städten dagegen trauen sich bisher wenige, über die PrEP zu reden oder sie in einer App anzugeben. Dort ist die Schutzmethode außerdem erklärungsbedürftiger. Als wir letztens mit „ICH WEISS WAS ICH TU“ in Kassel waren, haben mich jüngere Schwule geradezu gelöchert mit ihren Fragen. Leider gibt es noch nicht überall ausreichend Schwerpunktärzte.
Flo (Schutz durch Therapie): Es ist schon lange nachgewiesen, dass die HIV-Therapie eine Übertragung von HIV verhindert. Die neue Gelassenheit uns Positiven gegenüber kommt aus meiner Sicht aber vor allem durch die PrEP. Erst diese neue Methode hat die Alternativen zum Kondom in den Fokus des Interesses gerückt. Die vielen Negativen, die Kondome als Quälerei empfinden, informieren sich jetzt. Sie nehmen die Botschaft gerne auf, dass Kondome nicht mehr das einzige Mittel der Wahl sind, und erzählen das weiter. Auch die Medien interessieren sich mehr für die PrEP als für Schutz durch Therapie. Das finde ich auch in Ordnung so. Die Zielgruppe ist einfach größer: HIV-negative Menschen, die täglich eine Tablette nehmen und dem Virus so den Zugang versperren.
Florian (Kondom): Ein paar Mal bin ich auf Unverständnis gestoßen. In anderen Situationen erhalte ich wiederum explizit Zuspruch dafür, dass ich Kondome nutze. Das hält sich die Waage.
Flo nutzt Schutz durch Therapie. Wie er das macht, das berichtet er hier.
Alex (PrEP): Auf Facebook und Co. toben manchmal schon heftige Auseinandersetzungen zwischen einigen Kondomanhängern und PrEP-Aktivisten. Ich finde aggressives Missionieren unreif und intolerant. Am Ende bleibt doch jedem erwachsenen Menschen selbst überlassen, wie er seine Sexualität auslebt.
Florian (Kondom): Mehr als enttäuschte Blicke erlebe ich in der realen Welt selten, wenn ich ein Kondom überziehe. Was Alex zu den Facebook-Diskussionen sagt, kann ich aber bestätigen. Unwürdig, was da teilweise abgeht.
Flo (Schutz durch Therapie): Zu Konflikten kommt es wegen meiner Einstellung allenfalls in kleineren Städten. Dort fühle ich mich manchmal schief angeschaut, wenn ich Sex ohne Gummi möchte. Aber beleidigt hat mich im realen Leben noch niemand.
Wie sieht das konkret aus beim Online-Dating?
Flo (Schutz durch Therapie): In den einschlägigen Apps gebe ich an, dass meine Sexpartner durch meine Therapie geschützt sind. Das nehmen wildfremde Menschen zum Anlass, an meiner Redlichkeit zu zweifeln. Es könne niemand sicher sein, dass ich wirklich Tabletten nehme. Einer schrieb sogar mal, ich solle aufhören, mein ‚Aids‘ zu verbreiten. Auf Diskussionen auf so niedrigem Niveau lasse ich mich nicht ein. Ich kläre gern über HIV-Risiken auf, wenn ich für die Aidshilfe unterwegs bin. Auf Dating-Plattformen bewege ich mich aber nicht, um anderer Leute Wissenslücken zu schließen. Ich entgegne dann lediglich, dass es jedem freisteht, auf Sex mit mir zu verzichten. Aber mal ehrlich: Es liegt doch in meinem ureigenen Interesse, dass meine Therapie erfolgreich verläuft. Die Idee, die Tabletten abzusetzen, käme mir gar nicht in den Sinn.
Alex (PrEP): Ich fand es richtig und wichtig, dass die Aidshilfen und andere Organisationen hartnäckig Druck auf die schwulen Dating-Apps ausgeübt haben. Bei diesen Unternehmen galt noch bis vor kurzem allein das Kondom als Safer-Sex-Methode. Jetzt stehen die drei Methoden gleichberechtigt nebeneinander. Das sendet vor allem an jüngere Schwule die klare Botschaft, dass sie sich informieren und dann entscheiden sollten. Ich selbst gebe in Dating-Apps wahrheitsgemäß an, dass ich die PrEP nehme. Potenzielle Sexpartner wissen also von vornherein, woran sie sind. Angepöbelt hat mich dafür noch keiner. Im Gegenteil. Manche Tops melden sich gleich mit der Frage, ob wir ohne Gummi ficken können. Ich finde das ok. Lieber direkt als lange um den heißen Brei.
Florian (Kondom): In Dating-Apps sind Gespräche generell schnell zu Ende, wenn dem Gegenüber bestimmte Details nicht passen. Vermutlich läuft bei vielen im Chat eine Art Kopfkino ab, und wer sich nicht ans Drehbuch des anderen hält, ist raus. Das kann alles Mögliche betreffen, unter anderem auch meine Safer-Sex-Methode. „Ohne Gummi“ ist ein Wunsch, der mir im Internet öfter begegnet.
Im August 2019 werben Florian, Flo und Alex für Safer Sex 3.0 in den großen schwulen Zeitschriften in Deutschland.
Wie steht ihr zu anderen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Chlamydien oder Tripper?
Alex (PrEP): In der Tat ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Risiko des Einzelnen steigt. Ich selbst beispielsweise musste unter PrEP bisher zweimal Antibiotika schlucken. Genauso richtig ist aber, dass sich PrEP-Nutzer zu regelmäßigen Untersuchungen verpflichten. Vier jährliche Routinetests auf Geschlechtskrankheiten – da bleibt nichts unentdeckt.
Flo (Schutz durch Therapie): Zwar fangen sich Männer, die ohne Gummi ficken, statistisch gesehen öfter eine Syphilis oder Chlamydien ein als Kondomnutzer. Ich stehe aber auf dem Standpunkt, dass jeder mit Risiken umgehen muss, wie es seiner Persönlichkeit entspricht. Ich zum Beispiel lasse mich im Rahmen meiner HIV-Therapie alle drei Monate auf alles testen, was man sich beim Sex zuziehen kann. Denn eine rechtzeitige Behandlung bewahrt mich vor den Folgen der Infektion und meine Sexpartner vor Ansteckung.
Florian (Kondom): Klar gibt es gegen Syphilis oder Chlamydien Medikamente. Aber warum soll ich meinem Körper Chemie zumuten, wenn ich das Risiko durch ein Kondom senken kann? Was die Tests anbelangt: Es ist ein Klischee, dass Kondomnutzer Testmuffel seien. Ich selbst absolviere das volle Programm von vier Routinetests im Jahr, genau wie Alex und Flo. Mir ist aber auch klar, dass sich viele Menschen deutlich seltener untersuchen lassen. Ich finde es deshalb richtig, dass die Aidshilfe einen Schwerpunkt ihrer Präventionsarbeit auf die Tests legt. Und dass sie regelmäßige Tests unabhängig von den Safer-Sex-Methoden empfiehlt.
3 Männer, 3 Methoden (v.l.): Florian (Kondom), Flo (Schutz durch Therapie) und Alex (PrEP)
Einfach nur zum Quatschen und Biertrinken geht wohl kaum jemand ins Lab.Oratory. In dem Berliner schwulen Sexclub geht es vor allem um das Eine und dazu lässt man, etwa bei den Naked Partys auch gleich nach dem Betreten die Klamotten fallen. Wer hier den Abend verbringt, will zur Sache kommen. Und welche Rolle spielt dabei Safer Sex? Oder besser: Welche Form des Safer Sex bevorzugen die Besucher? Schließlich gibt es neben dem Kondom mittlerweile auch die PrEP und Schutz durch Therapie, um eine HIV-Übertragung zu verhindern.
ICH WEISS WAS ICH TU hat unter den Gästen einige unterschiedliche Stimmen zum Thema Safer Sex eingefangen, ohne Anspruch auf Repräsentativität.
Dennis* (24) aus Sachsen:
„Ich war erst einmal beim Lab. Freunde hatten mir davon erzählt und das hatte mich total neugierig und geil gemacht. Aber so richtig vorstellen, wie es da zugeht, konnte ich es mir dann doch nicht. Ich hatte Angst, dass mich das vielleicht überfordert, das alles viel zu heftig für mich ist. Und ja, ich hatte auch Bammel, hinterher mit irgendeiner Krankheit nach Hause zu fahren. Man hört ja immer wieder, wie wild die Szene ist, gerade in Berlin.
„Ich fühlte mich dann nicht uncool oder so, nur weil ich Kondome nehme.“
Ich war dann etwas beruhigter, als ich auf der Webseite las, wie es auf der „Naked Party“ zugeht. („Klamotten an der Garderobe abgegeben, Gummis und Gleitcreme in die Socken gesteckt und los geht’s.“, d. R.) Ich habe dann zwar auch welche gesehen, die ohne Gummi Sex hatten, aber es war doch eher die Ausnahme. Mich hat das beruhigt und ich fühlte mich dann nicht uncool oder so, nur weil ich Kondome nehme.“
Marc (38) ist ein Stammbesucher des Clubs:
„Anders als vielleicht bei Grindr oder so checkt man sich ja nicht erst lange aus.“
„Ich komme schon seit ein paar Jahren regelmäßig hierher, weil ich genau weiß, was mich erwartet und dass ich hier Spaß haben kann. Ich habe mittlerweile fast alle verschiedenen Mottopartys durch, nur die ganz extremen Sachen nicht. Was aber auffällig ist: dass man immer häufiger auch Leute ohne Gummi vögeln sieht. Das hat sich schon verändert. Gerade in den letzten Monaten haben die Prepster (Nutzer der PrEP, d. R.) zugenommen. Gerade auch viele, die man ständig hier trifft. Ich habe kein Problem damit, mit Kondom zu ficken oder mich ficken zu lassen. Ohne Kondom aber schon. Anders als vielleicht bei Grindr oder so checkt man sich ja nicht erst lange aus. Wenn mir da einer also signalisiert, dass er ohne Gummi will, irritiert mich das. Ist einfach so. Ich weiß ja nicht, ob der die PrEP wirklich nimmt oder nur Quatsch erzählt, ohne wirklich zu checken, was er da erzählt.“
Ricardo, 31, lebt seit einem Jahr in Berlin:
Man „ist eben nicht immer ein guter, braver Junge. „
„Ich habe eine Weile die PrEP nur am Wochenende oder so genommen, weil die Pillen so teuer waren und es so kompliziert war, an sie ranzukommen. Ich fand das sehr umständlich. Seit die Pillen jetzt preiswerter geworden sind, leiste ich mir, sie jeden Tag zu nehmen. Früher habe ich eigentlich immer darauf geachtet, Gummis zu nehmen. Aber wie es nun mal so ist: man macht Party, wirft auch mal was ein – und ist eben nicht immer ein guter, braver Junge. Bis auf nen Tripper hatte ich aber Glück. Seit ich die PrEP nehme, habe ich fast nur noch Sex ohne Kondom. Ich war überrascht, wie schnell das für mich selbstverständlich geworden ist. Mittlerweile erscheinen mir Kondome etwas oldfashioned und lästig, obwohl das natürlich gar nicht stimmt. Ich finde es ok, wenn andere weiterhin Kondome nehmen. Hauptsache, sie denken überhaupt über Safer Sex nach, bevor sie den Arsch hinhalten.“
Thomas, 35, lebt schon immer in Berlin und hat vor 7 Jahren sein positives Testergebnis bekommen:
„…wobei mir persönlich „mit“ doch lieber ist. Gerade dann, wenn man Sex in Darkrooms oder so hat.“
„Für mich war die Nachricht, unter der Nachweisgrenze zu sein, mindestens so einschneidend wie damals das Testergebnis. Ich hatte in der Folge fast nur Sex mit anderen Positiven, vor allem auch, weil man nicht groß was erklären musste. Mit vielen dann auch ohne Gummi, wobei mir persönlich „mit“ doch lieber ist. Gerade dann, wenn man Sex in Darkrooms oder so hat. Ich hatte mal eine Syphilis und mein damaliger Arzt, aber auch zwei Freunde haben mir dann ziemlich ins Gewissen geredet, besser auf mich zu achten. Also darauf, mir nicht unnötig Geschlechtskrankheiten einzuhandeln. Das versuche ich auch möglichst umzusetzen. Das klappt sicher nicht immer, klar. Aber wenn ich ganz gezielt wohin gehe, wie ins Lab, dann bin ich auch entsprechend ausgerüstet.“
Chris, 27, ist seit zwei Jahren wieder Single und besucht seitdem regelmäßig Darkroomclubs und Sexpartys:
„Bei mir gilt immer noch: ‚Wer Ficken will, muss freundlich sein.‘ „
„Mir ist es in letzter Zeit schon ein paar Mal passiert – nicht nur hier, sondern auch bei anderen Sexpartys – dass mich Typen einfach stehen ließen, als ich mein Gummi ausgepackt habe. Ich bin mir dann nicht sicher, wie ich darüber denken soll. Man ist ja gewohnt, auch mal nicht zu landen, aber das ist ¢ne Art, die ganz schön frustriert. Andererseits: Vielleicht ist es auch besser, dass ich mit solchen Typen gerade keinen Sex habe. Bei mir gilt immer noch: ‚Wer Ficken will, muss freundlich sein‘. Und wer sich so verhält, ist es definitiv nicht. Die wissen nicht, was sie verpasst haben und wer weiß, was ich mir so erspart habe. Ich bin zum Glück alt und selbstbewusst genug, und es sind ausreichend Männer für alle da. Aber wäre ich jetzt ein paar Jahre jünger – keine Ahnung wie ich mich da verhalten hätte?“
Früher lautete die Faustregel: Sex nur mit Gummi! Mittlerweile gibt es weitere Optionen zum Schutz vor HIV. Wir haben uns umgehört, wie Safer Sex heute praktiziert wird
Kondome: bewährt und weit verbreitet
Sex gilt bekanntermaßen als die schönste Nebensache der Welt. Und dass dabei HIV übertragen werden kann, muss niemandem den Spaß verderben. Schließlich gibt es heute eine ganze Reihe von Möglichkeiten, sich zu wappnen. Das gute alte Kondom ist dabei immer noch die bewährteste und am weitesten verbreitete Methode.
„Ohne Gummi – darauf hab ich keinen Bock“
Kathrin hat ihren persönlichen Vorrat immer griffbereit: „Die kleine Box unter meinem Bett finde ich auch im Dunkeln und in fast jeder Körperposition“, verrät die 28-Jährige und lacht verschämt. Und auch in ihrem Rucksack sowie in der Handtasche hat sie jeweils zwei gut verpackte Kondome verstaut. „Für alle Fälle. Man kann ja nie wissen, wer einem begegnet“, sagt sie und grinst verwegen. „Ich will mich einfach nicht darauf verlassen müssen, dass mein One-Night-Stand, dem ich vielleicht im Club begegne, mit Gummis ausgerüstet ist. Und ganz ohne – darauf hab’ ich keinen Bock.“
Die Angst vor einer HIV-Übertragung spielt für Kathrin dabei nur eine untergeordnete Rolle. „Auch auf einen Tripper kann ich gut und gerne verzichten.“
Entspannteres Sexleben dank PrEP
Auch für Matthias* war Sex mit Kondom eigentlich immer eine Selbstverständlichkeit. Und doch ist es ihm schon passiert, dass das Gummi ungeplant weggelassen wurde – zum Beispiel in der schwulen Sauna. „Mit einem Mal ist beim Sex der Kopf ausgeschaltet und nur noch der Schwanz bestimmt, was passiert. Hinterher bereue ich es, und ich werde leicht panisch: Was, wenn jetzt tatsächlich etwas schiefgegangen ist?“
Um solche Situationen zu vermeiden, nimmt Matthias seit einiger Zeit Pillen zum Schutz vor HIV, die sogenannte PrEP. Die regelmäßige Einnahme des HIV-Medikaments verhindert bei HIV-Negativen, dass sich das Virus in den Körperzellen vermehren kann – und schützt so vor einer Infektion.
Sein Sexleben ist mit PrEP deutlich entspannter. Und trotzdem hat das Kondom für ihn nicht ausgedient.
Für Matthias hat sich durch diese Schutzmethode das Sexleben deutlich entspannt. Das klassische Präservativ hat für ihn deshalb aber noch lange nicht ausgedient. „Das Kondom ist für mich ein Must-have, die PrEP hingegen ein Nice-to-have: ein guter Weg, um sich zu schützen, wenn keine Kondome benutzt werden.“ Er findet es deshalb wichtig, sich gut über diese Schutzmethode zu informieren – und sich bei einer PrEP unbedingt ärztlich begleiten zu lassen.
Doppelt abgesichert, dank PrEP und „Schutz durch Therapie“
Für Jutta* bot die PrEP eine Möglichkeit, um mit ihrem HIV-positiven Partner Gerd kondomlosen Sex zu haben – und gleich doppelt abgesichert zu sein. Denn ihr Lebensgefährte nimmt seit längerer Zeit Medikamente gegen HIV. Dadurch ist die Menge der Viren in seinem Blut so gering, dass HIV bei ihm nicht mehr nachweisbar ist: HIV kann deshalb sexuell nicht übertragen werden.
„Mir war es sehr wichtig, meinen Mann so intensiv spüren zu können, wie man sich das idealerweise wünscht. Das Gummi erinnert einen eben auch daran, dass da eine Gefahr besteht – und sei dieser Gedanke noch so irrational. Ich wusste ja, dass Gerd gar nicht mehr infektiös ist, aber in Gefühlsdingen ist der Verstand manchmal einfach unterlegen.“
Schutz durch Therapie funktioniert
Dieses „Bauchgefühl“, das Jutta trotz besseren Wissens daran hinderte, sich ganz fallen lassen zu können, hatte Jeff in seiner Beziehung mit einem HIV-positiven Mann anfangs auch. Doch er informierte sich intensiv über die Nichtinfektiosität bei Menschen mit HIV, die erfolgreich behandelt werden, und war schnell von der Schutzwirkung der HIV-Therapie überzeugt.
„Skeptisch waren vielmehr Freunde, denen wir davon erzählt haben. Denen mussten wir das erst erklären.“
„‚Schutz durch Therapie‘ setzt tiefes Vertrauen voraus“
Als Stefan vor sieben Jahren von seiner HIV-Infektion erfuhr, musste er diese Nachricht zwar erst einmal verarbeiten, er ist aber deshalb keineswegs in eine Schockstarre verfallen. „Mir war klar, dass ich recht zügig mit der HIV-Therapie beginnen will. Auch, damit ich mit meinem Freund Sex ohne Kondom haben kann, nachdem die Viruslast unter die Nachweisgrenze gefallen ist“, erzählt der 45-Jährige. „In allen drei Beziehungen, die ich seitdem hatte, habe ich mit meinen Partnern ohne Kondom geschlafen. Und alle drei sind auch heute noch negativ.“ Für ihn der beste Beweis dafür, dass „Schutz durch Therapie“ funktioniert.
Jeff ist inzwischen wieder Single. Safer Sex handhabt er nun ganz unterschiedlich, je nach Situation. Sex ohne Gummi ist für ihn nur mit HIV-positiven Männern denkbar, die wie sein Ex-Partner unter der Nachweisgrenze sind. „Das setzt voraus, dass man sich sehr gut kennt und ein tiefes Vertrauen besteht“, erklärt Jeff. „Bei One-Night-Stands könnte ich mir nie sicher sein, und deshalb passiert es da auch weiterhin nur mit Kondom.“
Für ihn ist das aber kein großes Problem, eine PrEP ist daher für ihn derzeit kein dringlicher Wunsch. „Aber wer weiß, wie ich in ein paar Monaten darüber denke.“ Allein die Option zu haben, ist für ihn eine Bereicherung. Denn letztlich, sagt Jeff, müsse die HIV-negative Person entscheiden, wie sie sich diesen Status erhalten möchte –ob durch eine PrEP, durch „Schutz durch Therapie“, das Kondom oder eine Kombination: „Safer Sex sind alle diese Wege“, sagt er.
Safer Sex 3.0: Die drei wirksamen Methoden zum Schutz vor HIV
Im Jahr 2004 beginnt ein 19-jähriger New Yorker eine Karriere als Pornodarsteller. Sechs Jahre später ist er tot. Chad Noel starb am 17. März 2010, möglicherweise „nach kurzer Krankheit im Zusammenhang mit Komplikationen, die durch HIV ausgelöst wurden“. So jedenfalls heißt es in einer Mitteilung eines Freundes auf einer Website für Nachrufe. Er und auch die Familie des Verstorbenen fragen sich: Wie kam es dazu?
Ein junger Pornodarsteller und sein früher Tod
Unter dem Pseudonym Donny Price machte Chad Noel seine ersten Erfahrungen als Hardcore-Darsteller. Seinen ersten Auftrag erhielt er beim Label Cobra Video, bei dem 2004 “Every Poolboy’s Dream” veröffentlicht wurde. Ein Film, der später noch für einen Skandal sorgte: Chad Noel agierte gemeinsam mit dem damals noch minderjährigen Pornostar Brent Corrigan, der sich durch einen gefälschten Ausweis als Volljähriger ausgegeben hatte.
Chad wechselte zu den Helix-Studios und wurde dort als Craven Cox bekannt, später machte er bei diversen Fetischvideos als Kyle Young mit.
Chad Noel wurde unter dem Namen Donny Price bekannt und verstarb mit 25 Jahren.
HIV-Verdacht und Risiken in der Pornobranche
Die Website “Gay Porn Gossip”, die als erstes den Tod des 25-jährigen vermeldete, spekuliert nun über die Möglichkeit, dass sich Chad während seiner Arbeit für die Helix-Studios infiziert haben könnte. Dort werden so genannte „Bareback“-Filme produziert. Freunde von Chad hegen diese Vermutung, eine Bestätigung dafür gäbe es aber nicht. Allerdings hätten bereits öfters junge Helix-Darsteller gegenüber Gay Porn Gossip geäußert, bei ihnen sei eine HIV-Infektion festgestellt worden.
Wer trägt Verantwortung für die Gesundheit der Pornodarstellern?
Sie selbst? Die Produzenten? Die Konsumenten der Filme?
In der US-Hardcore-Branche tobt bereits seit längerem eine heftige Diskussion. Darin steht die Frage nach der Verantwortung der Filmemacher im Vordergrund. Produzent Chi Chi LaRue apellierte in einem Kampagnenvideo an Akteure wie Konsumenten, das Kondom nicht zu vergessen.
In Kalifornien gab es zudem einen Vorstoß, über das Arbeitsrecht die Regeln für mögliche gesundheitliche Gefährdungen auszuweiten und eine Kondompflicht in Pornos einzuführen.
„Ficken nur mit Gummi!“. Diese Regel war über viele Jahre gesetzt. Seit einiger Zeit jedoch zeigt die Wissenschaft: Safer Sex ist auch ohne Gummi möglich – wie es Schutz durch Therapie oder die PrEP (Präexpositionsprophylaxe) zeigen. Gerade die letztgenannte Präventionsmöglichkeit sorgt derzeit für Furore. Das Prinzip: HIV-Negative nehmen eine Tablette täglich ein, um sich vor HIV zu schützen. Was in den USA schon seit 2012 offiziell empfohlen wird, ist in der EU aktuell jedoch nur über Umwege möglich. Ein Skandal, findet unter anderem Emmanuel. Der 30-Jährige Berliner PrEP-Aktivist mit französisch-israelischen Wurzeln kann sich ein Leben ohne den Schutz durch die Tablette kaum mehr vorstellen.
Emmanuel, du bist vor fünf Jahren nach Berlin gezogen. Wie dachtest du früher über Safer Sex? Meine Weltsicht war bis dahin ganz einfach: Wir benutzen fast alle Gummis. Manchmal passiert zwar ein Unfall, dann kann es zu einer Infektion kommen, aber letztendlich kennen ja alle die Risiken und lassen sich regelmäßig testen. Die einzige Möglichkeit ohne Gummi ficken zu können, ist in einer monogamen Partnerschaft, nachdem man vorher gemeinsam zum Test gegangen ist. Nur dann gibt es den offiziellen „Stempel“ mit der Erlaubnis zum kondomlosen Ficken.
Aber so einfach war die Welt dann doch nicht. Ja, denn es wurde immer deutlicher, dass das althergebrachte Schwarz-Weiß-Denken nicht mehr funktioniert: „Positiv“ und „Negativ“ oder „Safe“ und „Unsafe“ – was sagt das heute aus? Wir wissen inzwischen ja, dass man sich bei einem HIV-Positiven in erfolgreicher HIV-Therapie nicht infizieren kann. Dagegen gibt es viele vermeintlich HIV-Negative, die von ihrer Infektion nichts wissen, und ohne Gummi unterwegs sind…
Weil er es untragbar findet, dass in Deutschland der Zugang zur PrEP fast unmöglich ist, ist Emmanuel PrEP-Aktivist geworden. (Foto: iwwit.de)
Zeit und Erfahrung haben mir gezeigt, dass sehr viele Typen doch keine Gummis benutzen, oder nur unter Druck. Ich wurde oft abgelehnt, weil ich nicht bare ficken wollte. Dann gab es auch zwei Fälle, wo das Gummi „verschwunden“ bzw. “weggerutscht“ ist. – Das hat mein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle zerbrochen.
Und was hat dich zur PrEP geführt? Ich kam ich zu einem Punkt wo ich entscheiden musste, entweder lebe ich mit ständiger Angst vor HIV, weswegen ich Sex auch nicht uneingeschränkt genießen kann. Oder ich gebe auf und akzeptiere, dass HIV kein „wenn“ sondern ein „wann“ ist. Ich habe immer wieder junge Männer mit dieser Einstellung getroffen: „Ich werde sowieso irgendwann HIV bekommen. Wenn es passiert, dann lasse ich mich einfach behandeln.“ Diese Einstellung kam für mich aber nicht in Frage.
Glücklicherweise habe ich an diesem Zeitpunkt von der PrEP erfahren, und wusste sofort, das ist genau die dritte Option die ich brauche.
Was hat dein Umfeld gesagt, als du mit der PrEP begonnen hast? Wie waren die Reaktionen? Das war sehr unterschiedlich. Bei Heteros kam das eigentlich sehr gut an. Die Schwulen dagegen hatten schon Probleme damit und waren teils ziemlich moralisch. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass es manchen Schwulen nach 30 Jahren „Condom only“-Botschaft schwerfällt, diese fast schon heilige Botschaft aufzugeben. Immerhin haben wir ja alle gelernt: Analverkehr ohne Gummi ist eine „Sünde“. Und jetzt kommt jemand, der meint, Sex ohne Gummi sei nicht mehr unsafe?!
Hat sich dein Sexleben mit der PrEP verändert? Ich hatte mit der PrEP anfangs eine ziemlich wilde Zeit, und habe einiges ausprobiert (lacht)… Und jetzt weiß ich besser, wo meine Grenzen liegen. Die viel größere Veränderung hat letztlich im Kopf stattgefunden und nicht zwischen den Beinen. Plötzlich war es mir möglich, eine Nähe und Intimität zuzulassen und zu fühlen, die ich bisher nicht von mir kannte. Auch mein Alltag ist seitdem anders. Die Angst vor HIV war bei mir oft im Hinterkopf – diese ständige Rechnungen, mit wem habe ich was getan und wo könnte ein Risiko bestehen, haben mit der PrEP aufgehört. Vor der PrEP hatte ich gar keine Ahnung, wie viel Einfluss die Angst auf mein ganzes Leben hat – und eben nicht nur auf mein Sex-Leben.
Was sagst du zu den Gegnern, die behaupten, PrEP würde ein Tor zu anderen sexuell übertragbaren Infektionen öffnen? Jeder der PrEP unter ärztlichen Aufsicht nimmt wird alle 3 Monaten auf STI untersucht und falls nötig auch behandelt. Ja, es gibt genug anderen Mist. Das sind meistens Schmierinfektionen gegen die Kondome nur teilweise schützen, und die Hälfte der Fälle ist oft symptomlos. Wer behauptet, er brauche nicht regelmäßig beim Arzt Abstriche machen zu lassen, weil er immer mit Gummi fickt und keine Symptome hat, wiegt sich und seine Partner in einer falschen Sicherheit.
PrEP könnte die Lage ändern – endlich würden sich genau die Männer, die davon am meisten profitieren könnten, häufig vom Arzt beraten und auf STI testen lassen! Könnte das nicht sogar zu einem Rücktritt der Tripper-Epidemie führen?
Du hast angefangen, dich als Aktivist für die PrEP einzusetzen. Warum? Weil ich es traurig finde, dass junge Schwule das Risiko einer Infektion bewusst eingehen, während es schon seit 4 Jahren eine neue, zusätzliche Schutzmöglichkeit gibt! Und auch weil ich es untragbar finde, dass in Deutschland der Zugang zur PrEP fast unmöglich ist. Wenn das Thema nicht so moralistisch geladen wäre, oder wenn HIV ein Problem der Heterogesellschaft wäre, wäre PrEP schon längst verfügbar. Ich will anderen in der Community den Zugang zur PrEP einfacher machen.
Wie setzt du dich für die PrEP konkret ein? Ich habe erstmal einen Planetromeo-Club gegründet, um Information zu verbreiten über wie man in Deutschland an die PrEP kommen kann („PrEP-info-DE“). Aber das reicht natürlich nicht. Als nächsten Schritt hoffen wir, bald eine eigene Website und eine Facebook-Gruppe zu haben. Es gibt andere Aktivisten, die viel machen – zum Beispiel die LoveLazers, oder PANSY, die ab dem 28.04.2016 einen monatlichen Abend rund um Sex und Drogen organisiert: https://www.facebook.com/LetsTalkAboutSexAndDrugs
PrEP ist schon eine Realität. Las uns die Chance nicht verpassen, es richtig einzusetzen. Nur so haben wir eine Chance, die HIV-Neuinfektionsrate zu senken!
Emmanuel ist seit Sommer 2015 „PrEPster“. (Foto: iwwit.de)