Schlagwort: LGBT-Community

  • Edward: „Keine_r übersteht das hier allein, das geht nur zusammen!“

    Edward: „Keine_r übersteht das hier allein, das geht nur zusammen!“

    Edward Mutebi, B. A. Organisations- und Kommunikationsmanagement, Aktivist aus Uganda, der zur Zeit in Berlin lebt. Er ist 28 Jahre alt und ich habe ihn zu einem Telefoninterview an die Strippe bekommen. Da das Interview auf Englisch geführt wurde, habe ich es ins Deutsche übersetzt.

    Edward lacht
    Edward hat die Menschenrechtsorganisation LET‘S WALK UGANDA mitbegründet.

    Hallo Edward! Danke, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Erzähl doch mal, wie warst du in Uganda aktiv?

    Ich möchte gar nicht so viel von mir, sondern mehr von uns erzählen, uns, der Gruppe der queeren Geflüchteten. – In Uganda war ich Aktivist für LGBTIQ-Rechte. Wir haben die Menschenrechtsorganisation LET‘S WALK UGANDA gegründet. 2016 kam das Wohnprojekt für LGBTIQ und HIV+ Personen dazu, das LET‘S WALK UGANDA SHELTER. Dort können Menschen unterkommen, die aufgrund ihrer Queerness oder ihres HIV-Status‘ ihre Bleibe verlassen mussten. Ehrenamtliche sorgen dafür, dass diese Menschen durch Kooperation mit medizinischen Versorgungszentren Zugang zu medizinischer Behandlung und Versorgung bekommen. Safer Sex Aufklärung, Empowerment und Verteilung von bspw. Kondomen sind weitere Aktivitäten, die das SHELTER abdeckt, wobei der Fokus auf Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), liegt. Ich unterstütze es noch immer von Berlin aus und verfolge natürlich die aktuellen Aktivitäten und Entwicklungen.

    Edward (oben Mitte) ist derzeit mit 5 anderen queeren Personen in unserer bundesweiten Printanzeige in schwulen und queeren Magazinen zu sehen.

    Wie hast du in diesem Jahr die Corona-Zeit erlebt?

    Anfangs war ich in München. Ein zentrales Problem in München ist die Verfügbarkeit von Wohnraum für Refugees, also haben wir eine Kampagne gestartet. Durch Corona hat sich die Situation enorm verschlechtert, viele Refugees leben in Obdachlosigkeit: bei Freund_innen, auf der Straße oder in Camps.

    Außerdem ist der Zugang zu medizinischer Versorgung schwieriger geworden. Ärzt_innen wurden durch die anfängliche Ungewissheit der Lage noch ungeduldiger, als sie es ohnehin waren. Terminanfragen wurden entweder komplett abgelehnt oder du hast einen in fünf Monaten angeboten bekommen für etwas, was eigentlich nicht so lange warten kann. Auch die PrEP war schwerer zu bekommen. Ich habe da auch viel Mitgefühl für die Ärzt_innen dieser Tage, klar. Viele von uns kämpfen ja mit Sprachbarrieren; wenn sie dann auf erschöpftes und überreiztes medizinisches Personal treffen, strapaziert das alle Beteiligten noch mehr.

    In Bayern hat sich während Corona der Umgang mit Geflüchteten schon auch verändert: Es werden jetzt Strafen für Menschen verhängt, die mit einem Touristenvisum nach Deutschland einreisen und dann hier Asyl beantragen. Das ist ein neues Verfahren, eine neue Policy, die unter Corona-Bedingungen den Druck auf die Geflüchteten noch erhöht.

    Hast Du dafür vielleicht ein Beispiel aus Deiner aktivistischen Arbeit?

    „Unter Corona-Bedingungen haben juristische Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung von Geflüchteten zugenommen.“

    Ich möchte dir dazu gerne die Geschichte eines jungen Mannes erzählen, der leider vergeblich für eine gerechte Behandlung innerhalb seines Asylverfahrens gekämpft hat. Er ist genau mit einem solchen Touristenvisum eingereist und hat dann in Bayern Asyl beantragt. Da er in einem Camp untergebracht war, wo viele Corona-Fälle aufgetreten sind, musste er für zehn Tage in Quarantäne. In dieser Zeit bekam er Post vom Gericht und als er aus der Quarantäne raus kam, hatte er nur noch zwei Tage Zeit, sich auf die Anhörung vorzubereiten! Er wollte dem Gericht erklären, dass er ganz frisch aus dem Lockdown käme und um mehr Zeit bitten, um sich anwaltliche Unterstützung zu organisieren. Aber er hat eine komplette Abfuhr bekommen und musste auch die Strafe bezahlen. Das ist nur ein Beispiel, wie unter Corona-Bedingungen juristische Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung von Geflüchteten zugenommen haben.

    queere solidarität: Edward schaut ernst
    Edward beklagt, dass sich unter Corona-Bedingungen der Druck auf Geflüchtete erhöht hat.

    Viele Geflüchtete bekommen z.B. verspätete Asylbescheide, zu wenige Gesprächstermine mit Anwält_innen und bleiben zu lange in den Camps. Und das teilweise mit hohen Covid19-Raten. Das und die vielen schnellen Veränderungen während der letzten Monate können mental enorm belastend sein. Wer eine Wohnung hat, leidet oft schwer unter der Isolation, der Einsamkeit und auch die Armut, in der viele von uns leben, wiegt schwerer, unsere Probleme nehmen zu, weil Hilfestrukturen in der Krise und im Lockdown weggefallen sind.

    Mir hat es geholfen, schnell raus aus meiner Bude zu kommen, meinen Nachbarn Hilfe anzubieten, wieder in Kontakt zu gehen, damit ich nicht verrückt werde. Ich habe mir selbst geholfen, indem ich anderen geholfen habe.

    Was bedeutet für dich queere Solidarität?

    Zusammenhalten, füreinander einstehen, zusammenarbeiten, füreinander sorgen, einander unterstützen, niemanden vergessen, niemanden zurücklassen!

    Was wünschst du dir für die Zukunft?

    Ich wünsche mir mehr Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen und ein Bewusstsein für die zusätzlichen Risiken, denen queere Geflüchtete ausgesetzt sind. Ich habe den Eindruck, dass queere Menschen in der Politik betrachtet werden, als wären wir alle gleich. Die Unterschiede in unseren Lebensrealitäten werden nicht besonders gut reflektiert. Wir brauchen Unterstützungsangebote und -strukturen wie beispielsweise eine Telefonhotline zur Orientierung, wie was läuft in diesem Land, wo ich wann was beantragen muss und wie das geht.

    Allgemein wünsche ich mir mehr queere Solidarität, Liebe und dass eins allen klar ist: Keine_r übersteht das hier allein, das geht nur zusammen!

    Gibt es ein Projekt, das aus deiner Sicht besonders Unterstützung benötigt?

    In dieser Corona-Zeit wird die Menschlichkeit schnell vernachlässigt, jeder kümmert sich um sich. Das ist zwar nachvollziehbar, aber dieser Egoismus hat auch dazu geführt, dass Verletzungen der Menschenrechte stark zugenommen haben. In Uganda wurden zwanzig queere Refugees in einem vermeintlich sicheren Haus angegriffen und landeten für fünfzig Tage im Gefängnis, ohne ein Verfahren und ohne überhaupt einen Anwalt zu sehen!

    Unsere Organisation hat viele in Uganda gerettet und es wird deutlich, dass unser sicheres Wohnprojekt größer werden muss und wir dringend Ressourcen brauchen für ein Informationszentrum, das Zugang zum Internet und damit zu Vernetzung ermöglicht. Auch eine Bibliothek soll aufgebaut werden.

    In München gründen wir grade „Plus“, die erste Organisation in Bayern von und für Refugees. Denn die Maßnahmen der bestehenden Strukturen gehen oft an unseren Bedürfnissen vorbei. Die Leute sitzen hinter ihren Schreibtischen und planen etwas, mit dem wir gar nichts anfangen können. Deswegen machen wir als erstes eine Problem- und Bedarfserhebung möglichst vieler queerer Geflüchteter in Bayern, um daraus dann Projekte zu entwickeln. Auf jeden Fall brauchen wir jetzt schon einen Treffpunkt, also Räume, Infrastruktur usw. Es soll Beratung geben, die Website ist in Arbeit, aber leider noch nicht online, weil wir auf die Kapazitäten von Ehrenamtlichen angewiesen sind und na ja, du weißt ja, da kann man schlecht sagen, wann etwas fertig wird! (lacht) Wir sind im offiziellen Registrierungsprozess und wenn ihr etwas tun wollt, dann unterstützt diese Organisation!

    Alles klar! Das war wirklich spannend, danke! Bitte halte uns auf dem Laufenden, wie es mit „Plus“ weitergeht – wann wir euch hier verlinken können, damit euch möglichst viele Menschen finden, die Unterstützung brauchen oder geben wollen!

    Leave no one behind!


    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!

  • Robi: Gemeinsam kämpfen – geht auch mit Maske

    Robi: Gemeinsam kämpfen – geht auch mit Maske

    Triggerwarnung: In diesem Artikel wird an einer Stelle über Gewalt gegen queere Menschen berichtet.

    Im Shutdown auf Spurensuche

    Auch in einer Pandemie kommt’s auf die Perspektive an. Robi hat einige Jahre in Mexiko-Stadt gearbeitet, auch bei einem Projekt für Straßenkinder. „Als der Shutdown kam, musste ich oft an meine Freund_innen dort denken“, erzählt er. „Corona trifft sie noch viel härter als uns in Deutschland. Ohne genügend Geld bekommt man dort nur die nötigste medizinische Hilfe, wenn überhaupt.“. Aber auch in Städten wie Berlin hätten die Anti-Corona-Maßnahmen „ganz schön reingehauen“, sagt der 33-Jährige. „Die Clubs haben zu, und viele meiner Leute machen sich große Sorgen, ihre Arbeit zu verlieren.“

    „Die Corona-Zeit war eine Zäsur.“

    „Dagegen hab ich’s gerade gut“, gesteht Robi. Er arbeitet im sozialen Bereich bei einer LSBTIQ-Organisation. „Ich habe das Privileg, dass ich gerade nicht nur ein sicheres Einkommen, sondern durchs Homeoffice sogar etwas mehr Zeit für mich habe. Ich konnte auch Sachen angehen, die ich bis dahin vor mir hergeschoben hatte.“

    Für Robi war die verordnete Corona-Ruhe eine Zäsur. Gut ein Jahr nach seinem Coming-out als intergeschlechtlich, setzte er die begonnene Spurensuche intensiv fort, forderte bei seiner Geburtsklinik medizinische Unterlagen ein und kontaktierte das Standesamt, das seine Geburt erfasst hat.

    Als intergeschlechtlich geborenes Kind wurde Robi ohne seine Einwilligung mehrfach operiert. Sein Körper sollte dem entsprechen, was sich Gesellschaft und Medizin unter „männlich“ vorstellen. „Früher hab ich da viel verdrängt“, erzählt Robi, „es war eine große Sache, mir das bewusst zu machen und Intergeschlechtlichkeit bei mir zu entdecken.“

    Robi lacht
    In der schwulen und in der trans* Community Berlins hat Robi Verbündete gefunden.

    Queer bedeutet: das Recht anders zu sein!

    Sehr geholfen haben ihm bei seinem Coming-out Freund_innen und Bekannte, die sich genauso wenig ins starre Mann-Frau-Schema pressen lassen möchten. In der schwulen und in der trans* Community Berlins hat Robi viel Solidarität bekommen und Verbündete gefunden. Obwohl die Erfahrungen von inter* und trans* Menschen sehr unterschiedlich seien, gebe es viele Überschneidungen, erläutert er: die vielfältigen Körperlichkeiten, die geschlechtsverändernden Operationen. „Für mich waren die OPs jedoch erzwungene Eingriffe während meiner Kindheit, die eine Verletzung meiner körperlichen Unversehrtheit und meiner geschlechtlichen Selbstbestimmung bedeuten. Diese medizinischen Eingriffe habe ich ja nicht für mich selbst entschieden“.

    Trans* und Inter* haben „viel mehr Gemeinsamkeiten“ als Unterschiede.

    Trotz dieser Unterschiede zu trans*: Es gibt viel mehr Gemeinsamkeiten! Davon ist Robi überzeugt. Darum unterstützt der gebürtige Potsdamer auch die Kampagne #WirFürQueer von ICH WEISS WAS ICH TU. „Ich bin der queeren Community sehr dankbar, weil sie die heteronormative Gesellschaft kritisiert. Queer bedeutet für mich das Recht, körperlich nicht Mann oder Frau zu sein, sondern intergeschlechtlich.“

    „Für mich bedeutet Solidarität, zu verstehen, was andere Menschen bewegt, nach Gemeinsamkeiten zu schauen – und dann in unserer Differenz gemeinsam zu kämpfen!“ Und deshalb zeigt Robi derzeit auch besonders oft Regenbogenflagge, natürlich mit Schutzmaske und Abstand. So protestierte er z.B. im März und August vor dem Polnischen Institut gegen die „LGBT-freien Zonen“ in unserem Nachbarland. Ende Juni war er auf der Berliner Demo von „Black Lives Matter“.

    Robi (rechts, 2. von oben) geht auch in Coronazeiten auf die Straße und kämpft mit Regenbogenflagge für die Rechte von queeren Menschen.

    Stresstest für unsere Demokratie

    „Zum Slubice-Frankfurt-Pride hab ich es leider nicht geschafft“, bedauert Robi. [Slubice ist die polnische Nachbarstadt von Frankfurt/Oder. Im September 2020 fand erstmals eine gemeinsame CSD-Demo in beiden Städten statt. Anm. d. Red.] Aber Robi stellt klar: „Trans*-, inter*- und homofeindliche Angriffe gibt es leider auch in Berlin.“ Das mussten er und sein Freund am eigenen Leib erfahren. Im Mai attackierte sie ein Mann am S-Bahnhof, brüllte: „Du schwule Sau! Raus aus Deutschland!“. Der Mensch sprang sogar ins Gleisbett, um die beiden mit Schottersteinen zu bewerfen. „Wir blieben physisch unverletzt; aber es war ein großer Schock.“ Ein Mitarbeiter der Bahn half ihnen vor dem Täter zu fliehen. „Dumme Sprüche habe ich schon öfter gehört, aber so ein Angriff ist krasser“, betont Robi. „Ich habe das Gefühl, dass unser gesellschaftliches Klima gerade sehr gereizt ist. In der Öffentlichkeit wird ein Hass sichtbarer, den ich – zumindest persönlich – so noch nie erlebt hatte.“ Seitdem macht sich Robi vermehrt Sorgen um unsere demokratischen Institutionen: „Corona ist auch ein Stresstest für Demokratie, Rechtsstaat und Minderheitenschutz.“

    Robi schaut ernst
    Robi macht sich zunehmend Sorgen um das gesellschaftliche Klima.

    Kritisch sein, nicht empathielos!

    Dabei sieht Robi unseren Staat keineswegs durch die rosarote Brille. Kritik an gesellschaftlichen Normen findet er wichtig: „Queer zu sein, bedeutet ja, die normativen Geschlechterverhältnisse in Frage zu stellen.“ Natürlich gehöre dazu auch, staatliche Maßnahmen mit einem kritischen Auge zu sehen – auch die Pandemie-Verordnungen. „Auf der anderen Seite finde ich es erschreckend, dass Corona offen geleugnet wird. Auch ein paar Leute in der queeren Szene tun das. Das find ich empathielos!“

    Robi versucht eine Infektion mit Covid-19 zu vermeiden, so gut es eben geht. Sein Freund gehört zur Risikogruppe. „Wenn er oder ich Corona bekämen, wäre das doof.“ Manchmal sind seine Freund_innen erstaunt, wenn sich Robi lieber im Freien treffen möchte, statt ins Café zu gehen. Dann erklärt er geduldig, warum er vorsichtig ist. „Diese Diskussionen müssen wir führen. Auch das gehört zum Queersein: Für die eigenen Haltungen und Werte einzustehen. Natürlich macht das Mühe.“

    Mit Masken und Abstandsregeln demonstrieren: Z.B. am 26. Oktober 2020 zum Intersex Awareness Day!

    Und Demos funktionieren auch mit Masken und Abstandsregeln. Die nächste steht bei Robi schon im Kalender: Am 26. Oktober ist Intersex Awareness Day, der Welttag der intergeschlechtlichen Menschen. „Letztes Jahr gab’s eine Demo vor dem Gesundheitsministerium“, berichtet Robi und lacht. „Ich habe für dieses Jahr eine Kundgebung vorm Bundestag ab 15 Uhr angemeldet und organisiere gerade die Veranstaltung in Kooperation mit TrIQ e.V. (zum Facebook-Event). Es wäre toll, wenn dann alle unsere Verbündeten auch dort sind!“

    Mehr Infos zum Intersex Awareness Day am 26. Oktober:

    www.intersexday.org


    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!