Schlagwort: LGBT

  • Intersektionalität: Was bedeutet das?

    Intersektionalität: Was bedeutet das?

    Die Geschichte des Begriffs „Intersektionalität“ beginnt in den 1980er Jahren. Ende dieses Jahrzehnts sah sich die afro-amerikanische Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw Rechtssprechungen nach Diskriminierungsklagen vor Gericht an. Dabei bemerkte sie, dass das Rechtssystem einige Lücken aufwies. Als beispielhaft gilt hier wohl der Fall DeGraffenreid v. General Motors. Der Autohersteller General Motors hatte Ende der 70er Jahre fast alle Schwarzen Arbeiterinnen entlassen. Daraufhin wurde General Motors verklagt. Der Vorwurf: Das Unternehmen handele rassistisch und sexistisch.

    Das Gericht erkannte die Diskriminierung nicht

    Doch das Gericht entschied, dass es sich hier gar nicht um Rassismus handeln kann: Denn schließlich arbeiteten bei der Firma noch immer Schwarze Männer. Auch um Sexismus könnte es sich laut Gericht nicht handeln. Immerhin arbeiteten noch immer viele Frauen in dem Betrieb: weiße Frauen. Das Gericht betrachtete Rassismus und Sexismus als getrennte Phänomene.

    Kimberlé Crenshaw kritisierte, dass Rassismus und Sexismus nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Vielmehr verschränken sich die beiden Diskriminierungsformen hier. Diese Verschränkung nannte sie „Intersektionalität“. Der Begriff kommt vom englischen Wort „intersections“, was so viel wie „Überkreuzungen“ bedeutet. Und damit zeigt sich, wie Intersektionalität oft missverstanden wird: Es handelt sich eben nicht um eine bloße Addierung von Sexismus und Rassismus. Vielmehr entseht bei dieser Überkreuzung eine ganz neue Form der Diskriminierung. Das heißt, dass diese Schwarzen Frauen Erfahrungen gemacht haben, die weder Schwarze Männer, noch weiße Frauen erleben.

    Intersektionalität ist keine Addition von Diskriminierung

    Das gleiche gilt natürlich auch für die Vielfalt schwuler, bisexueller und anderer Männer, die Sex mit Männern haben. Ein Schwarzer schwuler Mann macht Erfahrungen, die weiße schwule Männer nicht machen. Ebenso macht er Erfahrungen, die Schwarze heterosexuelle Männer nicht haben. Genau so macht ein schwuler trans* Mann Erfahrungen, die weder heterosexuelle trans* Männer, noch schwule cis Männer machen. Und ähnlich macht ein schwuler Mann, der einen Rollstuhl benutzt, Diskriminierungserfahrungen, die weder nicht-behinderte schwule Männer machen, noch behinderte heterosexuelle Männer.

    Das ist mit dem Konzept der Intersektionalität gemeint. Er fordert dabei, dass der Blick für Diskriminierungsmechanismen verschärft wird und mehr im Detail hingeschaut wird. Sonst läuft man wiederum Gefahr, Diskriminierung nicht als solche zu erkennen. So wie das vor Gericht bei General Motors der Fall war. Kimberlé Crenshaw selbst meinte dazu:

    „Intersektionalität ist eine Brille, durch die man sehen kann, wo Macht entsteht und kollidiert, wo sie ineinandergreift und sich überkreuzt. Es geht nicht einfach darum, dass es hier ein Race-Problem, hier ein Geschlechterproblem und dort ein Klassen- oder LBGTQ-Problem gibt. In diesem Rahmen wird oft ausgeblendet, was mit den Menschen geschieht, die von all diesen Dingen betroffen sind.“

    Kimberlé Crenshaw
  • Queer-Beauftragter der Bundesregierung: „Bei Aufrufen zu Gewalt zeige ich klare Kante!“

    Queer-Beauftragter der Bundesregierung: „Bei Aufrufen zu Gewalt zeige ich klare Kante!“

    Herr Lehmann, 2021 wurden Sie von mehr als 70.000 Kölner*innen direkt in den Bundestag gewählt. Seit November sind Sie parlamentarischer Staatssekretär im Familienministerium und seit Januar auch noch der Queer-Beauftragte der Bundesregierung. Bei all diesen Erfolgen: Erleben Sie persönlich noch Benachteiligungen oder Diskriminierung, weil Sie schwul sind?

    In den 20 Jahren, in denen ich schwul lebe, bin ich natürlich hin und wieder auch diskriminiert worden. Mein Mann und ich wurden beispielsweise auf der Straße beschimpft, weil wir Hand in Hand gingen oder im Internet angefeindet. Dennoch habe ich sicher weniger Alltagsdiskriminierung als andere Menschen erlebt, weil ich als Politiker in einer privilegierten Rolle bin. Meine Partei hat schon immer für die Rechte von LSBTIQ* und anderen Minderheiten gestritten. Da bin ich natürlich von einem sehr sicheren und offenen Umfeld umgeben.

    Vor Kurzem haben Sie einen Hassprediger aus Görlitz angezeigt, der in einem Video gegen queere Menschen gehetzt und Ihnen den Tod gewünscht hat. Wie gehen Sie generell um mit homofeindlichen Attacken? Wann wehren Sie sich – und wann ignorieren Sie sowas, um Extremist*innen keine zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen?

    Wenn es um Aufrufe zu Gewalt oder um einen Mordaufruf wie im Fall dieses Hasspredigers geht, zeige ich klare Kante. Da schalte ich den Staatsschutz ein und erstatte Anzeige. Bei meiner politischen Arbeit muss ich leider mit Hasskommentaren im Netz leben, die sich nun, da ich durch mein neues Amt als Queerbeauftragter noch mehr in der Öffentlichkeit stehe, massiv verstärkt haben. Ich ignoriere da vieles, aber auch hier melde ich Kommentare und blocke die Verfasser*innen, wenn Grenzen überschritten werden.

    Diskriminierung innerhalb der LSBTIQ*-Community: Auch innerhalb der queeren Communitys treffen trans* Personen und nicht-binäre Menschen oft auf Vorbehalte. Wie inklusiv erleben Sie die queere Szene?

    Die LGBTIQ*-Community ist sehr vielfältig – und genau so vielfältig sind die Forderungen, die die unterschiedlichen Gruppen an die Politik stellen. Als Queerbeauftragter bin ich Ansprechperson für alle. Ich versuche zuzuhören und die Bedürfnisse der Community in die Regierungsarbeit einzubringen. Bei aller Unterschiedlichkeit innerhalb der Community sehe ich aber zugleich auch viel Potenzial für Bündnisse. Und ich bin überzeugt: Wenn wir queerpolitisch in dieser Legislatur etwas erreichen wollen, dann brauchen wir dafür gegenseitige Solidarität. Wir müssen gemeinsam für die Rechte der LGBTIQ*-Community eintreten – zum Beispiel aktuell beim geplanten Selbstbestimmungsgesetz, das das sogenannte „Transsexuellengesetz“ ersetzen soll. Da gibt es gerade viel Gegenwind und wir werden noch so manche Diskussion führen und eine Menge Überzeugungsarbeit leisten müssen, bis das Gesetz steht. Aus der Community heraus ist daher Unterstützung wichtig.

    Fühlen Sie sich als Queer-Beauftragter auch zuständig für mehr Toleranz innerhalb der Community – und wie könnten wir sie fördern?

    Auf jeden Fall sehe ich das als eine meiner Aufgaben an. Ich denke, das Wichtigste ist, miteinander im Gespräch zu bleiben und sich bewusst zu machen, dass wir die ambitionierten Ziele, die wir im Koalitionsvertrag verankert haben, nur erreichen, wenn die Community sich einbringt und solidarisch agiert. Dann schaffen wir in dieser Legislatur einen echten Aufbruch für Vielfalt, Selbstbestimmung und gleiche Rechte von LSBTIQ*-Menschen. Noch im Sommer will ich zum Beispiel den Startschuss für den ersten bundesweiten Aktionsplan für Vielfalt und gegen Queerfeindlichkeit geben.

    Die Verbände und Initiativen der queeren Community leisten für diesen Aktionsplan einen sehr wichtigen Beitrag – wir starten einen Dialogprozess darüber, was für sie wichtig und wo weitere Förderung notwendig ist. Auch das Familienrecht soll endlich ein Update bekommen und den gesellschaftlichen Realitäten angepasst werden. Denn Familien sind vielfältig und bestehen nicht immer nur aus Mutter, Vater, Kind. Wir wollen deshalb das Abstammungsrecht reformieren und Mehrelternschaften rechtlich absichern. Bei all diesen Themen gibt es innerhalb der Community verschiedene Interessen, die geäußert und auch gehört werden.

    „Medizinisch ist HIV mittlerweile gut beherrschbar. Diskriminierung hingegen macht krank.“

    Menschen mit HIV können heute fast problemlos mit dem Virus leben – und unter Therapie ist HIV nicht übertragbar. Ein großes Problem hingegen ist für sie die Stigmatisierung von HIV. Über ihre Infektion zu sprechen, erleben fast 80 Prozent als riskant, weil sie oft mit Vorurteilen konfrontiert werden – zum Beispiel bei einem Date. Wie wollen Sie in Ihrem Amt dazu beitragen, dass die Stigmatisierung von Menschen mit HIV weiter abgebaut wird?

    Medizinisch ist HIV mittlerweile gut beherrschbar. Diskriminierung hingegen macht krank. Die Angst vor Zurückweisung und Ausgrenzung wiegt für viele Menschen mit HIV schwerer als die gesundheitlichen Folgen. Ich setze mich deshalb dafür ein, dass der Aktionsplan für Vielfalt und gegen Queerfeindlichkeit auch Maßnahmen wie die Stärkung der Aufklärungsarbeit über HIV umfasst. Hier werde ich das Bundesministerium für Gesundheit und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bitten, sich aktiv einzubringen, um aktuelle Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten bei Ärzt*innen bekannter zu machen und um Stigmatisierung vorzubeugen. Denn niemand mit HIV sollte sich verstecken müssen.

    Laut Umfragen wissen nur ein Fünftel der Deutschen, dass eine HIV-Therapie zuverlässig die Übertragung von HIV verhindert. Wie ist das in Ihrem Bekanntenkreis? Wissen da alle schon vom Schutz durch Therapie?

    In meinem queeren Bekanntenkreis weitgehend ja. Aber einer heterosexuellen Bekannten, die sehr viele Ängste rund um das Thema HIV und Aids hat, habe ich neulich lange erklärt was PrEP ist und dass eine HIV-Therapie die Übertragung des Virus verhindern kann. Das wusste sie alles nicht und war danach erleichtert und dankbar für die Informationen.

    „Die PrEP hat sich in den vergangenen Jahren als hoch effektiver Schutz erwiesen (…). Nun geht es darum, die Versorgung auch auf dem Land sicherzustellen.“

    Seit mehr als zwei Jahren gibt es die PrEP als Kassenleistung, unter anderem für schwule Männer. Welche Bilanz ziehen Sie nach zwei Jahren PrEP auf Rezept?

    Heutzutage gibt es mit Kondomen, PrEP und Therapie drei gute und wirksame Methoden der Prävention. Die PrEP hat sich in den vergangenen Jahren als hoch effektiver Schutz erwiesen – das zeigen Forschungen des RKI, mit denen die Einführung der PrEP begleitet und evaluiert wurde. Demnach nutzten schon 2020 geschätzt bis zu 21.600 Menschen in Deutschland PrEP, fast überwiegend Männer. Wir wissen auch, dass es sehr große regionale Unterschiede beim PrEP-Gebrauch gibt – insbesondere in Großstädten wie Berlin ist die Nutzung stark verbreitet. Nun geht es darum, die Versorgung auch auf dem Land sicherzustellen und in Regionen, in denen es weniger Ärzt*innen gibt, die PrEP verordnen – und gleichzeitig darum, Infos zur PrEP noch weiter in die Community hineinzutragen.

    Wie stark hat die PrEP das schwule (Sex-)Leben verändert?

    Ich glaube, fast jeder schwule Mann kennt das Gefühl, in regelmäßigen Abständen auf das Ergebnis eines HIV-Tests zu warten und zu hoffen, dass der Test negativ ist. Diese ständige Angst vor der Ansteckung kann zermürben und war als Belastung oft im Hinterkopf – obwohl Sexualität ja eigentlich befreiend und angstfrei sein sollte. Mit PrEP haben schwule Männer zusätzliche Sicherheit erhalten – für viele ist PrEP eine Befreiung, auch wenn sie natürlich nicht vor anderen STIs schützt.

    „Diese ständige Angst vor der Ansteckung kann zermürben und war als Belastung oft im Hinterkopf – obwohl Sexualität ja eigentlich befreiend und angstfrei sein sollte.“

    Ihr Partner Arndt Klocke hat sich schon 2017 in einem Interview als PrEP-Nutzer geoutet und auch sein Gesicht im Rahmen von Social Media bei ICH WEISS WAS ICH TU für die PrEP gezeigt. Jetzt interessiert uns natürlich sehr: Welche der drei Safer-Sex-Methoden zum Schutz vor HIV nutzen Sie und warum?

    Ich bin bisher beim guten alten Kondom geblieben. (lacht)

    Arndt Klocke und Sie sind seit 20 Jahren ein Paar. Deshalb zum Abschluss bitte noch ein Beziehungstipp: Wie gelingt eine glückliche Beziehung – trotz Karriere und viel Pendelei zwischen NRW und Berlin?

    Mein Mann und ich achten sehr darauf, dass wir gemeinsame Zeit haben – unser Privatleben ist uns beiden heilig. Die Wochenenden verbringen wir so oft wie möglich zusammen entweder in Köln oder Berlin. Wir gehen dann viel ins Kino, wir interessieren uns für Kultur, Sport und Reisen. Und irgendwie ist die Pendelei zwar anstrengend, aber auch ein guter Beitrag für die Beziehung, weil wir uns dann immer wieder aufeinander freuen.

    Vor Kurzem waren Sie und Herr Klocke beim Podcast Queerkram zu Gast. Dort sprachen Sie auch über Sex außerhalb der Beziehung. Sie sagten, offene Beziehungen würden sie auch den Heteros „gönnen und wünschen.“ Warum können Sie eine offene Beziehung empfehlen?

    Empfehlen möchte ich gar kein bestimmtes Beziehungsmodell. Denn wie Beziehungen gelebt werden, was glücklich macht und was erfüllte Sexualität bedeutet, das muss jede*r für sich selbst entscheiden und mit anderen Menschen aushandeln. Was ich aber unbedingt empfehlen möchte, ist Offenheit – in den Partnerschaften, aber auch nach außen. Denn das macht frei und schafft auch neue Räume für andere Menschen, sich auch zu trauen. Selbstbestimmte Sexualität mit wechselnden Partner*innen, verbindliche monogame Partnerschaften und alle Varianten dazwischen: Darüber selber ohne Stigma entscheiden zu können ist Kern einer liberalen Gesellschaft. Und dazu gehört auch eine sex-positive Politik.

  • Mr. Gay Germany: „Stolz darauf, am Leben zu sein!“

    Mr. Gay Germany: „Stolz darauf, am Leben zu sein!“

    Zum ersten Mal wurde mit Max Appenroth eine offen lebende trans* Person zum Mr. Gay Germany gewählt. Wir sprachen mit Max über den Contest, über Trans*feindlichkeit in der schwulen Community und Max‘ Kampagne #ProudToBeAlive.

    Trigger Warnung: In diesem Interview geht es u.a. um Trans*feindlichkeit, psychisches Wohlbefinden und Suizid.


    Max, du hast mehrere Coming-outs hinter dir, magst du uns davon erzählen?

    Als ich 13 war, outete ich mich als lesbisch. Es war mein erstes Coming-out. Damals fühlte es sich für mich als „Frau“ mit Männern falsch an. Irgendwann merkte ich dann, dass ich keine Frau bin und hatte ein weiteres Coming-out als trans*. Dazu auch mehr oder weniger als schwule Person, weil ich durch meine Identität und mein verändertes Erscheinungsbild Zugang zu anderen Räumen wie schwulen Bars und Saunas hatte und meine Sexualität anders leben konnte. Dann hatte ich vor zwei Jahren eine andere Art von Coming-out als nicht-binäre trans* Person. Also ich fühle mich im männlichen Spektrum wohl, bin aber deutlich mehr als „nur“ ein Mann.

    Was bedeutet der Begriff „nicht-binäre Menschen“?
    Nicht-binäre Menschen können sich als „sowohl männlich als auch weiblich“ oder als „weder männlich noch weiblich“ verstehen oder das zweigeschlechtliche Konstrukt gänzlich ablehnen.

    Wann hast du dich während dieser Zeit in deinem Körper am wohlsten gefühlt?

    Jetzt fühle ich mich sehr wohl in meinem Körper. Die Narrative, dass trans* Menschen im falschen Körper geboren sind, mag ich nicht. Ich bin im perfekten Körper geboren! Es gab nur eine Zeit, in der ich mich mit einzelnen Teilen meines Körpers nicht wohl fühlte und sie modifizieren wollte, um mich in diesem Körper 100% wohl zu fühlen. Das war vor zehn Jahren, als ich eine Operation hatte, um mir die Brüste entfernen zu lassen. Seit dem Moment ist mein Körper einfach perfekt, so wie er ist.

    Was bedeutet der Begriff „Transition“?
    Transition beschreibt den (medizinischen, rechtlichen, sozialen, körperlichen) Prozess von Menschen, die sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifizieren, ihre Geschlechtsidentität und ihr körperliches Erleben zum Ausdruck zu bringen und anzunähern.

    Wie war der Weg zur OP?

    Schwierig! Fachlich kompetente Informationen zum Thema Transition zu finden ist nicht einfach. Man muss alles selbst herausfinden: Was will ich? Welche Möglichkeiten habe ich? Außerdem dauert es in Deutschland in der Regel ein bis zwei Jahre vom Antrag bei der Krankenkasse bis zur OP. Und die Anträge werden oft auch abgelehnt. Dann geht man in Berufung und wartet dann wieder auf die Bearbeitung, bis man endlich das OK bekommt. Ich hätte das psychisch und physisch nicht länger ausgehalten, weil ich die Brüste abgebunden und alles ganz platt gedrückt hatte. Das heißt, dein Brustkörper ist permanent komprimiert, du kannst nicht atmen, nicht wirklich aufrecht gehen, du hast Rückenschmerzen. Also habe ich meine Brustoperation in den USA machen lassen. Ich musste zwar selbst viel bezahlen, aber so konnte ich einen ganz schlimmen Prozess mit der Krankenkasse umgehen und schneller an mein Ziel kommen.

    Was bedeutet der Begriff „cis Männer“?
    Cis Männern wurde bei der Geburt das Geschlecht „männlich“ zugeschrieben und sie identifizieren sich auch zum jetzigen Zeitpunkt noch damit.

    Fehlen der Infrastruktur der queeren Szene Deutschlands Präventionsbotschaften und Organisationen für trans* Personen?

    Absolut! Auch wenn Deutschland generell bei der Gesundheitsversorgung ein großartiges Land ist, gilt das jedoch nicht für trans* Personen, weil es viel zu wenig Wissen über unsere Körper und Bedürfnisse gibt. Selbst in den queeren Initiativen, die sich für die Gesundheitsversorgung einsetzen, muss einfach auch viel mehr getan werden, damit wir auch gesehen werden und wirklich mitagieren dürfen. Also dass nicht irgendetwas für uns von irgendwem gemacht wird, sondern dass wir es als Community selbst für uns machen dürfen.

    Zum Beispiel Präventionskampagnen: Wenn keine trans* Personen mitarbeiten, wie weiß man dann, wie man die Community am Besten adressiert? Wenn auf allen Plakaten nur schwule cis Männer zu sehen sind, aber keine trans* Personen, fühle ich mich nicht angesprochen. Da muss man einfach hinschauen, wie man die Communities repräsentiert, wie man mit ihnen zusammenarbeitet, um wirklich die bestmögliche Arbeit zu machen, die auch die Bedürfnisse der Community widerspiegelt. Ich arbeite vornehmlich im Bereich der HIV-Prävention, speziell für trans* Personen, und sehe, wie viel Arbeit jetzt noch getan werden muss.

    Schwul. Trans*. Teil der Szene!
    Unsere Broschüre „Schwul. Trans*. Teil der Szene!“ bietet schwulen trans* und cis Männern, gender-nonconforming und nicht-binären Menschen, die sich der schwulen Community zugehörig fühlen unter anderem alle Infos zum respektvollen Umgang innerhalb unserer vielfältigen Szene, zu schwulem Sex sowie zum Schutz vor HIV (Safer Sex). Kurze Infos zur Trans*-History und bedeutenden Aktivist*innen sowie Links zu mehr Infos runden die Broschüre ab. Du findest sie unter iwwit.de/trans!
    Max lächelt in die Kamera.
    Max möchte sich verstärkt mit der hohen Selbstmordrate unter queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen befassen.

    Wie kann deine Arbeit und die Community von deinem Sieg als Mr. Gay Germany profitieren?

    Durch die gesteigerte Sichtbarkeit, die ich nun bekomme, folgen mir mehr Menschen in den sozialen Medien, oder ich werde zu verschiedenen Veranstaltungen eingeladen. Das gibt mir mehr Reichweite und wirkt sich natürlich auch auf meine Arbeit aus, weil mehr Menschen die Problematik und die schwierige Situation mitbekommen und hellhörig werden.

    Was war deine Motivation, an dem Wettbewerb teilzunehmen?

    In den sozialen Medien bin ich durch Zufall darüber gestolpert und habe gesehen, dass es nicht nur ein Schönheitswettbewerb ist, sondern Inhalte im Vordergrund stehen. Jede Person muss sich für ein bestimmtes Thema einsetzen und eine Kampagne dafür ins Leben rufen. Ich fand das ziemlich cool und hab mich damit auseinandergesetzt. Da ich als trans* Person immer wieder Anfeindungen aus der schwulen Community bekomme, dachte ich mir außerdem, dass ich bei so einem Contest den Leuten zeigen möchte, dass wir trans* Personen sehr wohl Teil der Community sind.

    „Nur weil sie sich nicht vorstellen können, mit einer trans* Person Sex zu haben, heißt das nicht, dass das für alle in der schwulen Community gelten muss.“

    Du erlebst also Diskriminierung aus der schwulen Community?

    Die schwule Community ist eine meiner Communities und ich fühle mich da zu Hause. Teilweise erlebe ich aber Dinge wie „Du hast hier nichts zu suchen“ oder „Das ist kein „richtiger“ Mann, also kannst du nicht in der schwulen Community sein”. Vielleicht fehlt es hier ein wenig an Aufklärung: Nicht jeder muss mich attraktiv finden oder sich vorstellen, mit mir ins Bett zu gehen. Ich will auch nicht mit jedem Menschen ins Bett. Aber nur weil ich mir persönlich etwas nicht vorstellen kann, oder etwas nicht mag, heißt das nicht, dass andere das nicht mögen könnten. Nur weil sie sich nicht vorstellen können, mit einer trans* Person Sex zu haben, heißt das also nicht, dass das für alle in der schwulen Community gelten muss.

    „Man muss meine Identität nicht nachvollziehen können, um mich zu akzeptieren.“

    Was würdest du diesen Leuten sagen?

    Wir als trans* Personen nehmen niemandem irgendetwas weg. Ich will kein Geschlecht abschaffen. Ich möchte einfach nur mit Respekt und Würde leben dürfen, wie alle Menschen auch. Man muss meine Identität nicht nachvollziehen können, um mich zu akzeptieren. Ich kann auch vieles nicht nachvollziehen. Aber das heißt nicht, es darf nicht existierten, nur weil ich es nicht verstehe. Dennoch ist dies der beste Beweis dafür, dass meine Arbeit für mehr Trans*-Sichtbarkeit immer noch gebraucht wird, und in der Tat wirken solche Kommentare für mich wie Benzin in meinem Motor. Das ist genau der Grund, warum ich mehr tue.

    „Solche Kommentare wirken für mich wie Benzin in meinem Motor.“

    Zurück zum Wettbewerb: Wie lief er ab?

    Es ging alles relativ zügig. Ich bewarb mich Ende Oktober online, eine Woche später hatte ich mein erstes Telefoninterview. Dann musste ich in den nächsten drei Tagen eine Community-Kampagne entwickeln. Ich überlegte mir eine Kampagne und stellte sie vor. Kurze Zeit danach erfuhr ich, dass ich im Halbfinale bin. Zwischen Halbfinale und Finale muss man die Kampagne weiter aufbauen, um der Jury im Finale zu zeigen, wie man weiter daran arbeitet. Genau sechs Wochen nach dem ersten Telefonat kam dann das Finale.
    Die anderen Mitstreiter waren unterschiedlichen Alters und Herkunfte. Auch nicht alle waren total schlank und nur muskulös, sondern hatten einfach auch unterschiedliche Körperformen. Ich fand es schön zu sehen, dass es nicht nur um muskelbepackte cis Männer geht. Es war eine kurze intensive Zeit, aber als ich meinen Namen im Finale hörte, war das ein unbeschreiblicher Moment. Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen.

    Worum geht es in deiner Kampagne?

    Sie nennt sich #ProudToBeAlive (stolz darauf, am Leben zu sein) und befasst sich mit der hohen Selbstmordrate unter queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Denn leider ist dies ein Thema, über das wir selten sprechen. Ich möchte diese Situation auf zwei Schienen verbessern: Zum einen durch die Schaffung einer professionellen Krisenhilfestruktur für junge LSBTQIA+ in Form einer Online-Beratung parallel zu einer Telefonberatung, durch die Hilfe in akuten Situationen angeboten wird.

    Und auf lange Sicht möchte ich die Sichtbarkeit von queeren Menschen in der Kinder- und Jugendliteratur erhöhen. Wenn queere Kinder und Jugendliche in Kinderbüchern sehen, dass es andere Menschen gibt, die genauso sind wie sie – wenn sie sich selbst also immer wiederfinden – bekommen sie das Gefühl, dass sie nicht allein sind. Und dass man so, wie man ist, in Ordnung ist. Ich glaube, wenn sie das von klein auf mitbekommen, könnten sie ein ganz anderes Leben führen, als wenn sie allein damit zurechtkommen müssen. Anfang April kommt mein erstes trans*-empowerndes Kinderbuch auf Deutsch und Englisch heraus, es heißt „Egal was sich ändert, das Herz bleibt genau dasselbe“.

    Max, viel Erfolg damit und vielen Dank für das Interview!

    Trans* Männer, nicht-binäre und gender non-conforming Personen sind Teil der schwulen Szene! Erfahre jetzt mehr über unsere Kampagne „Schwul. Trans*. Teil der Szene!“ Klicke auf neu.iwwit.de/trans!

    Gay Health Chat
    Du suchst jemandem zum Reden? Jemanden, der dir zuhört und eventuell Rat hat? Dann chatte mit Beratern aus der Community unter www.gayhealthchat.de!
    Hinweis
    Es gibt Situationen, die sind alles andere als leicht. Hier gibt es Hilfe:
    – Telefonseelsorge: 0800-1110111 und 0800-1110222
    Stiftung Deutsche Depressionshilfe

  • „Bisexuelle stellen Schubladen in Frage“

    „Bisexuelle stellen Schubladen in Frage“

    Im September gibt es in Hamburg erstmals einen eigenen Pride für bi+sexuelle Menschen. Miterfinder Frank Thies erzählt uns im Interview, warum die Demo wichtig ist – und warum er sich als Bisexueller oft unsichtbar fühlt.

    Frank, beim Bi+Pride sollen mal Bisexuelle wie du im Mittelpunkt stehen. Warum?

    Weil Bisexualität oft unsichtbar ist. Wenn man zwei Männer auf der Straße Händchen halten sieht, denkt man: „Ach, die sind schwul.“ Wenn sich zwei Frauen küssen, denkt man: „Ah, die sind lesbisch.“ Wenn man einen Mann und eine Frau so sieht, denkt man erstmal gar nix. Vielleicht aber: „Die sind hetero, logisch!“ Aber alle sechs beobachteten Menschen könnten bisexuell sein. Das hat man oft nicht im Kopf.

    Warum ist das so?

    So funktioniert unsere Gesellschaft: Wir stecken Leute gern in Schubladen. Und wenn jemand einen gleichgeschlechtlichen Menschen liebt, packen wir das in die Schublade „schwul“ oder „lesbisch“. Das ist dann wie hetero – nur ein bisschen anders. Dann passt das wieder. Aber wenn jemand die Schubladen wechselt, haut es einem diese schöne Ordnung um die Ohren, und das will man nicht. Bisexuelle stellen Schubladen in Frage!

    Was fordert ihr beim Bi+Pride?

    Viele unserer Forderungen decken sich mit denen der CSDs. Wir demonstrieren zum Beispiel für eine Reform des Transsexuellengesetzes und für eine Aufhebung des Blutspendenverbots für Männer, die Sex mit Männern haben. Spezifisch ist die Forderung nach mehr Sichtbarkeit und die, dass in der Schule auch über Bi- und Pansexualität aufgeklärt wird. Weitere wichtige Punkte: Bisexualität soll wissenschaftlich besser erforscht, und Projekte für Bisexuelle sollen gefördert werden.

    Was wünscht ihr euch von euren Verbündeten in der queeren Community?

    Es wäre toll, wenn das „B“ in LGBTIQ immer mitgedacht würde. Oft kommt es unter die Räder. Zum Beispiel am Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Trans*, Inter*- und Asexuellen-Feindlichkeit, der hieß anfangs IDAHO, dann IDAHOT, später IDAHOBIT. Aber dann taucht plötzlich ein Begriff auf wie IDAHIT – und das B ist wieder rausgefallen. Viele Organisationen reagieren sehr konstruktiv, wenn man sie darauf hinweist. Aber in diesem Jahr habe ich auch schon gehört: „Das ändern wir jetzt nicht mehr!“

    Vielleicht halten euch Homos für Fast-Heteros, die weniger diskriminiert werden…

    Ja, tatsächlich höre ich öfter: „Ihr gehört ja nicht richtig zur Community. Wenn’s schwierig wird, flüchtet ihr euch wieder auf die Hetero-Insel.“ Es gibt immer solche und solche. Es geht zwar nicht um einen Wettbewerb, wer am meisten diskriminiert wird, aber Bisexuelle und Pansexuelle bekommen es gleich von zwei Seiten ab: Ablehnung von Heterosexuellen, aber auch aus der eigenen queeren Community. Nicht ohne Grund sagen Statistiken, dass Bisexuelle noch mehr gesundheitliche Belastungen haben. Viele haben Angst, sich zu outen.

    Du selbst bist nicht nur privat out, sondern auch als Lehrer an deiner Schule. Wie kam es dazu?

    Vor einigen Jahren hat mich eine Schülerin der 6. Klasse auf einer Klassenfahrt direkt gefragt: „Sind Sie schwul?“ Als ich sie fragte, wo sie die Info her habe, antwortete sie: „Das sagen alle hinter Ihrem Rücken.“ In der Situation hab ich erstmal nein gesagt. Das stimmte zwar, war aber nur die halbe Wahrheit. Nach Beratung mit einigen Menschen habe ich mich ein paar Wochen später offiziell vor dieser Klasse als bisexuell geoutet.

    Wie hast du das in Worte gefasst?

    „Ich habe gehört, dass hinter meinem Rücken getuschelt wird. Das ist nicht in Ordnung. Ich kann mich zwar in verschiedene Geschlechter verlieben – aber mit euch hat das nichts zu tun. Damit ist das Thema für mich beendet.“

    Wie ist deine Klasse mit der Info umgegangen?

    Eine Schülerin hat sehr hart reagiert. Sie rief: „Das ist ja eklig!“ und wollte die Klasse verlassen. Das war gut, denn so konnte ich direkt darauf reagieren und allen eine Grenze aufzeigen. Ich habe ihr gesagt, dass ich sowas nicht noch einmal erleben möchte. Das Gute an diesem Eklat: Seit der deutlichen Aussprache hatte ich mit der Schülerin ein besseres Verhältnis als je zuvor.

    Woran machst du das fest?

    Nur ein Beispiel: Ein halbes Jahr nach meinem Coming-out lagen wüste Beleidigungen gegen mich im Kummerkasten. Als ich das öffentlich gemacht hatte, kam diese Schülerin mit einigen Freundinnen zu mir, um sich zu distanzieren. Sie wollten mir von sich aus sagen, dass sie auf meiner Seite stehen.

    Halten auch deine Kolleg*innen an der Schule zu dir?

    Lange Zeit war es mir nicht ganz klar, da ich mich ja nicht auf einer Konferenz vor allen geoutet habe. Ich weiß nicht, ob sich die Nachricht damals aus meiner Klasse wie ein Lauffeuer verbreitet hat. Da ich dann irgendwann mit meiner Frau verheiratet war und mit ihr zwei Kinder habe, wurde ich lange nicht als queer wahrgenommen. Aber nachdem ich mich in einem Beitrag für Die Zeit als bisexuell geoutet habe, haben mir diverse Kolleg*innen gesagt, wie toll sie es finden, dass ich diesen Schritt gemacht habe. Auch die Schulleitung steht hinter mir und hat mich zum Diversitätsbeauftragten befördert.

    Die Kampagne #teachout will Lehrer*innen Mut machen, sich ebenfalls zu outen. Auch da engagierst du dich. Wieso?

    Je mehr Lehrkräfte selbstbewusst out sind, desto einfacher wird das Coming-out für all jene, die noch große Angst davor haben. Jede Person muss es für sich selbst entscheiden – das ist ganz klar. Aber Lehrkräfte haben auch eine Vorbildfunktion und einen Bildungsauftrag. Deshalb ist es wichtig, dass sie out sind. Zudem ist nachgewiesen, dass Leute, die – in einem sicheren Umfeld – geoutet sind, gesünder und zufriedener sind, weil sie sich nicht mehr verstecken müssen.

    Wie kam #teachout zustande?

    Alles begann mit der Aktion #actout, mit der sich viele Schauspieler*innen geoutet haben. Ein Grundschullehrer hat darauf reagiert und sich auf Instagram mit dem Hashtag #teachout als schwul geoutet. Zwei Lehrerinnen haben das Wort aufgegriffen. Als ich davon las, hab ich sie angeschrieben, ob wir daraus nicht was Größeres machen sollten. Mit dabei waren die lesbischen Lehrerinnen Gun und Annika sowie die asexuelle, non-binäre, bisexuelle Lehrkraft Julia. So wurden wir vier zum Gründungsteam. Der Erfinder des Hashtags ist einverstanden, will aber nicht mehr in der ersten Reihe mitmischen. Mittlerweile ist eine Gruppe von über 20 Leuten aktiv.

    Wie ist die Resonanz bisher? 

    Nach #actout war die Medienresonanz natürlich groß. Bekannte Schauspieler*innen reizen die Medien. NDR, ZDF und Zeit haben über uns berichtet. Es wäre natürlich schön, wenn das in den nächsten Schuljahren noch weitergedeiht. Wir sind ja erst am Anfang.

    Zurück zu dir: War es gut, dass du dich geoutet hast?

    Ja, auf jeden Fall. Seitdem hat sich an unserer Schule einiges entwickelt. Wir haben eine Arbeitsgruppe „Vielfalt“ gegründet und halten „Respektwochen“ ab. Da geht es nicht nur um die Rechte von LGBTIQ, sondern auch gegen Rassismus und die Feindlichkeit gegenüber Frauen und Menschen mit Behinderung. Am 17. Mai war ich mit Schüler*innen der Vielfalts-AG beim Rainbowflash vorm Hamburger Rathaus. Die queeren Aufklärungsprojekte soorum und Team Plietsch haben in mehreren Jahrgängen Workshops angeboten. Inzwischen ist die Nachfrage größer als das Angebot. Und ich selbst mache Workshops und Fortbildungen zum Thema LGBTIQ für andere Lehrkräfte.

    Beeindruckend. Hast du Schule früher als queerfeindlichen Ort erlebt?

    Ja, natürlich. Schule ist für LGBTIQ ein Krisenort, weil dort viele Vorurteile zum ersten Mal auftauchen. In der Oberstufe finden sich die Leute zum Glück selbst und werden toleranter. Aber in den unteren Klassen nehmen die Kinder oft Vorurteile unreflektiert mit in die Klasse, zum Beispiel die ihrer Eltern.

    Halten die Lehrer*innen nicht dagegen? Zum Beispiel im Aufklärungsunterricht?

    Ja, schon. Aber im klassischen Aufklärungsunterricht geht es vor allem um Hormone, Fortpflanzung und heteronormative Lebensweisen. Und selbst das geht manchen gut organisierten Aufklärungsgegner*innen zu weit. Sie machen Stimmung gegen Aufklärung an der Schule und behaupten, Kinder würden dadurch sexualisiert. So ein Quatsch! Es geht nicht darum, Kinder und Jugendliche zu etwas zu drängen, im Gegenteil! Es geht darum, sie zu informieren, sie selbstbestimmt und stark zu machen, damit sie auch nein sagen können! Manche gucken ab der 6. Klasse ungefiltert Hardcore-Pornos auf ihren Handys an. Und dazu soll die Schule schweigen? Das sehe ich anders! Wir müssen die jungen Menschen altersgerecht aufklären. Dazu gehört auch, wie sie Grenzen einhalten – die eigenen, aber auch die von anderen! Es gibt aber auch schon gute, inklusive Aufklärung, teilweise fächerübergreifend.

    Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Hast du sexuelle Erfahrungen mit Männern? Oder ist das nur Theorie? Was sagt deine Frau dazu?

    Meine Frau akzeptiert mich voll und ganz, wie ich bin – von Anfang an, denn ich hatte es ihr sofort erzählt. Vertrauen und Ehrlichkeit sind mir sehr wichtig. Grundsätzlich finde ich persönlich, dass man etwas verpasst, wenn man in seinem ganzen Leben nur mit einem Geschlecht Erfahrungen sammelt. Aber das muss jede Person selbst wissen. Ich selbst finde auch beim Sex Vielfalt schön.


    Frank Thies ist Bi-Aktivist, Mit-Initiator der Aktion #teachout und Sprecher des ersten Bi+Pride, der vom 23.-25. September 2021 stattfindet – mit Workshops und einer Demonstration in Hamburg und Bi-Flaggenhissungen in ganz Deutschland. Der 46-Jährige unterrichtet an einer Hamburger Stadtteilschule Mathematik, Physik und Theater. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern im Umland der Hansestadt. Mehr zu Frank gibt es auf seiner Website.

  • Vom Leben eines jungen arabischen Schwulen – Der Roman „Guapa“

    Vom Leben eines jungen arabischen Schwulen – Der Roman „Guapa“

    In seinem Roman „Guapa“ erzählt Saleem Haddad vom Leben eines jungen arabischen Schwulen zwischen Revolution und Resignation, Scham und Selbstbehauptung.

    Aus einer anderen, selektiven Perspektive betrachtet, müsste Rasa ein glücklicher Mensch sein.

    Er hat sich mit Studienkollegen beruflich selbstständig gemacht und dolmetscht für amerikanische Auslandsreporter_innen; er hat einen verlässlichen Freundeskreis, mit dem er nicht nur feiern und trinken kann, sondern in dem man auch in Notzeiten füreinander da ist. Und er hat einen Mann in seinem Leben, mit dem er die Nächte, die Liebe und Sehnsüchte teilt.

    Doch aus der Warte des jungen Ich-Erzählers Rasa gerät das Leben zunehmend zur Hölle. Das, was als Arabischer Frühling begann, die Auf- und Umbruchstimmung, die Hoffnung auf ein freieres Leben, hat sich längst wieder ins Gegenteil verkehrt.

    Das – nie namentlich genannte ­– Land im Nahen Osten versinkt in Chaos und Gewalt. Und schlimm genug, dass die Beziehung zu seinem Geliebten Taymour geheim gehalten werden muss, es scheint für sie keine Zukunft mehr zu geben.

    Der Roman „Guapa“ bietet ein komplexes Panorama der arabischen Welt

    „Der Morgen beginnt mit Scham.“ Saleem Haddad hat gleich im ersten Satz das wohl wichtigste Wort seines Debütromans untergebracht. Die deutschen Begriffe Scham, Schmach und Schande umreißen nur dürftig, was das arabische Wort „eib“ an komplexen und deshalb auch so dehnbaren gesellschaftlichen Regeln, Verboten und Erwartungen umfasst.

    Der Roman „Guapa“

    Dass ein Mann bei einem anderen Mann liegt, ist für Rasas traditionell eingestellte Großmutter Teta eindeutig eib. Und an diesem Morgen hat sie ihren Enkel durchs Schlüsselloch in flagranti mit seinem Geliebten erwischt und lauthals schreiend gegen die Tür gehämmert.

    Auf den nachfolgenden knapp 400 Seiten schildert Haddad nun den darauffolgenden Tag in seiner Heimatstadt, die gleichermaßen Amman, Algier oder auch Damaskus sein könnte. 24 Stunden, in denen sich nicht nur die Ereignisse in seinem eigenen Leben, sondern auch im Leben seiner Freunde und nicht zuletzt die Situation in seinem Land zuspitzen.

    Saleem Haddad, 1983 in Kuwait-Stadt geboren und in Jordanien und auf Zypern aufgewachsen, studierte in Kanada und lebt heute mit seinem Lebensgefährten in London. In seinem Erstlingsroman „Guapa“ verarbeitet er nicht nur seine eigenen Coming-out-Erfahrungen und den Umgang der Familie sowie der Gesellschaft mit Homosexualität. Er entwirft vielmehr ein komplexes Panorama der arabischen Welt, die durch die Revolte und Freiheitsbewegungen, aber auch durch den wachsenden religiösen Fanatismus erschüttert wird.

    Selbsthass, Selbstzweifel und der Wunsch nach einem freieren Leben

    In gekonnt einmontierten Rückblenden enthüllt Haddad nicht nur einige, wie sich zeigt, aus Scham verschwiegene Geheimnisse in Rasas Familie, er entfaltet auch die von Selbsthass, Selbstzweifeln und dem Wunsch nach einem anderen, freieren Leben getriebene Suche nach einer eigenen Identität.

    Ein Poster von George Michael, Popmusik und amerikanische TV-Soaps werden so zu Chiffren für ein solches Leben außerhalb dieses inneren Gefängnisses, in dem sich Rasa befindet.

    Doch der Beginn seines Auslandstudiums in den USA fällt zusammen mit den Anschlägen des 11. September. Mit einem Male war es „nicht mein Schwulsein, sondern meine arabische Herkunft, die verächtlich erschien”, und Rasa fühlt sich „einer anonymen Masse zugeordnet: Araber. Muslim“.

    Er war nun wieder einer von „denen“ und per se verdächtig. „Ich wollte mir die Haut abschaben, meinen Namen, meinen Akzent, alles, nur um diese argwöhnischen Blicke abzuwenden.“ Welche Folgen solche Pauschalisierungen wie auch das Festhalten an den eigenen Wurzeln haben können – bis hin zur Radikalisierung –, Saleem Haddad gelingt es, diesen Zwiespalt plausibel und eindrücklich zu schildern.

    Als Sohn einer deutsch-irakischen Mutter und eines libanesisch-palästinensischen Vaters verknüpft Haddad in seinem Roman so viele Perspektiven und Konfliktthemen, dass er manchmal an seine erzählerischen Grenzen zu geraten droht. Die Fülle aber ist auch das große Plus dieses Buchs: Sie ermöglicht einer ebenso breiten Leserschaft den Zugang zu diesen Lebenswelten.

    „Guapa“ ist Coming-out-Story, Liebesgeschichte und Familienroman und hinterfragt zudem mit gleichermaßen kritischem wie feinfühligem Blick die arabischen sowie westlichen (amerikanischen) Gesellschaftsstrukturen. Es sind freilich ernüchternde, desillusionierende Aussichten, die Haddad für seine Hauptfigur und deren Heimatland bieten kann.

    Der Roman „Guapa“

    Bedrohte Freiräume der LGBT-Community

    Und dennoch ist „Guapa“ kein deprimierender oder gar entmutigender Roman. Die Freiräume, die sich die LGBT-Community geschaffen hat – im Roman steht dafür die titelgebende Bar Guapa – mögen zwar bedroht sein, dennoch herrscht das Prinzip Hoffnung. Und der Wille, sich nicht mehr unterkriegen zu lassen. Wenn man ihr die Bar zumacht, sagt die lesbische Besitzern Nora, dann eröffnet sie eben woanders wieder neu.

    Maj, die toughe Hobby-Dragqueen (mit Niqab im Marylin-Monroe-Design), wurde von der Polizei zusammen mit anderen beim Cruisen in einem Kino festgenommen, zusammengeschlagen und erniedrigt.

    Die Prügel haben Maj zwar blaue Flecken beschert, aber nicht brechen können, im Gegenteil. Am Ende ist Maj so selbstbewusst queer – die blauen Veilchen mit Kajal verdeckt, die Lippen rot geschminkt – wie es ein junger schwuler Araber nur sein kann.

    Aus dem Englischen von Andreas Diesel. Albino Verlag, 392 Seiten, 16,99 Euro

    Website des Autors: www.saleemhaddad.com

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