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  • Crystal Meth & Sexdates gegen schlimme Gedanken

    Crystal Meth & Sexdates gegen schlimme Gedanken

    Wer traut sich, auf einer Bühne vor Publikum sein Sex- und Liebesleben auszubreiten – seit dem ersten feuchten Traum im Kinderbett bis zu schlechten Erfahrungen mit Crystal Meth? Ben Strothmann hat’s getan – und aktuell kann ihm die Welt online dabei zusehen. In seiner One-Man-Show „Coming Clean“ erzählt der 42-Jährige aus seinem Leben, erst als schwuler Teenager in Milwaukee, dann als drogenabhängiger Escort in New York.

    [Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel enthält Diskussionen über Alkohol- und Drogenkonsum, sowie über sexuelle Grenzüberschreitungen.]

    Ben fasst sich beim Sprechen mit der rechten Hand ans Herz. im Hintergrund ist ein Foto von Ben als kleiner Junge an die Wand projeziert.

    Anfangs ist das lustig: seine erste große Liebe zu einem Zeichentrick-Hahn, seine artistischen Verrenkungen, um sich selbst zu blasen – und seine schwule Neugeburt als Schauspieler in New York. Doch plötzlich wird sein Stück ernster. Das Publikum hat noch immer viel zu lachen, aber Ben berichtet, wie ihn sein früheres Leben allmählich fertiggemacht hat. Aus Neugier und Geldnot beginnt er, als Escort zu arbeiten. Er berichtet, wie er seine Freier ausnutzte und wie die ihn im Gegenzug abservierten. Immer stärker bestimmten Drogen sein Leben. Der Titel deutet es an: „Coming Clean“ endet versöhnlich. Ben hat seine Sucht überwunden, weil er Frieden mit sich selbst geschlossen hat. Ein Gespräch über Drogen, Sex, und die Liebe zu sich selbst.

    Ben, in „Coming Clean“ erzählst du offen aus deinem Leben, auch über Sexarbeit und Drogenkonsum. Hattest du beim Schreiben manchmal Angst, deine Freund*innen zu schockieren?

    Ben Strothmann: Sehr oft sogar! In meiner Show sage ich sogar einmal zum Publikum: „Hört mal, nicht alle wissen davon. Sagt bitte nicht weiter, was ihr heute Nacht hier hört.“ Zuerst dachte ich, dass ich das Stück nur einmal aufführe und dann nie mehr darüber sprechen werde. Das Lustige daran: Diese erste Aufführung war in einer Kirche, die Judson Memorial Church in New York. Die Gemeinde sieht Künstler*innen als Bot*innen Gottes. Deshalb dürfen sie dort auftreten. Sie sagen dir nicht, was du dort machen darfst oder nicht. Ihre einzige Regel ist: Bitte verzichtet auf Hassreden!

    Zu Beginn wirkt dein Stück wie Comedy. Alles ist zum Lachen. Dann wird es ernster und drastischer. Du beschreibst zum Beispiel, wie du als Escort einem deiner Kunden einen bläst und dabei in Tränen ausbrichst. Schon damals ist dir durch den Kopf gegangen: „Some time this will sound funny like a scene of ,Showgirls‘.“ (Anm. der Redaktion – auf deutsch etwa: „Irgendwann wird dies so lustig wie eine Szene aus ,Showgirls‘ klingen.“)

    Als ich mit der Show zum ersten Mal auf die Bühne gegangen bin, hatte ich keine Ahnung, dass es Comedy ist. Ich sprach zum Publikum, die Leute lachten, und ich dachte mir: „Oh, das ist offenbar lustig…“ Dabei war mir schon beim ersten Entwurf von „Coming Clean“ klar, dass es ein Stück über radikale Selbstliebe wird. Akzeptier dich so wie du bist – komme, was da wolle! Ganz ohne Grund. Denn: Was kannst du sonst mit deinem Leben anfangen? Ich wollte den Leuten zeigen, wie ich das geschafft habe.

    Mir war schon beim ersten Entwurf von „Coming Clean“ klar, dass es ein Stück über radikale Selbstliebe wird.

    In einigen krassen Szenen unterbrichst du dein Stück und sprichst zum „kleinen Ben“, dem Kind in dir. Auf einer Leinwand erscheint dann ein Kinderfoto von dir.

    Die Idee, mit meinem inneren Kind zu sprechen und ihm zu sagen „Ich liebe dich, Ben!“, ist organisch entstanden. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Menschen, den ich vor zwölf Jahren gedatet habe. Damals war ich zum ersten Mal auf Entzug. Ich habe ihm am Telefon erzählt, dass ich begonnen habe mit meinem inneren Kind zu sprechen. So als wäre ich sein Vater. Da habe ich gemerkt, dass er am anderen Ende der Leitung geweint hat. Da fiel mir auf: Oh! Ich habe etwas entdeckt, das anderen hilft, zu lernen, sich selbst zu lieben.

    Ben zieht sich das T-Shirt über Mund und Nase und blickt ängstlich nach links in seinem Theaterstück über Crystal Meth Konsum.

    Ist es dir früher schwer gefallen, dich selbst zu lieben?

    Ja, sehr. Als ich das Stück geschrieben habe, hab ich mich sehr dafür interessiert, wie Leute auf den Gedanken kommen: „Wenn irgendwer wüsste, wie ich wirklich bin, dann könnte er oder sie mich nie lieben“. Warum werden Leute so? Und wie kann man jemandem helfen, der oder die sich in diesen Gedanken verrannt hat? Deshalb öffne ich mich in dem Stück so, um den Leuten zu sagen: „Hört mal! Ich steh hier auf der Bühne und rede darüber, wie ich ins Bett mache und andere Dinge tue, für die ich mich geschämt habe. Aber ich bin bestimmt nicht der Einzige hier im Raum, der sowas erlebt hat. Der Unterschied ist nur: Ich bin bereit, darüber zu reden.“ Alle sollen wissen, dass man offen und ehrlich mit der Welt sein kann – und trotzdem noch liebenswert! Ich möchte den Leuten Schritt für Schritt zeigen: So hab ich gelernt, mich selbst zu lieben. Zum Beispiel weil ich richtig gute Geschichten erzählen kann.

    Eine dieser Geschichten ist dein erstes Mal – mit Crystal Meth und „Rich, dem Dealer“. Er hat dich nicht nur mit Drogen versorgt, ihr hattet auch geilen Sex. Warum hast du diese Begegnung so gut in Erinnerung?

    Ich werde hier bestimmt nicht verkünden: „Sex auf Drogen ist so viel besser!“ (lacht) Aber das Gute an dieser Erfahrung war, dass ich es damals geschafft habe, die schlimmen Gedanken abzuschalten, die mir sonst im Kopf rumschwirren. Davor hatte ich noch nie in den Spiegel gesehen und mich als attraktiv empfunden. Diesen besonderen Moment beschreibe ich in meinem Stück: Ich geh ins Bad, schau in den Spiegel und bin begeistert, was ich sehe! Ich denke nur: „Nebenan ist dieser heiße Typ, mit dem ich gleich ins Bett gehe – und er bekommt all das. Nämlich mich! Was für ein Glückspilz!“ Obwohl das Gefühl künstlich erzeugt war, hat es mich befreit. Ich konnte den Sex genießen und fühlte mich mit Rich physisch und spirituell eng verbunden – ohne das blöde Gefühl, dass ich nicht gut genug bin. So wirkt Crystal Meth. Ein Arzt hat mir mal erklärt: „Auf Crystal Meth könntest du Sex mit einem Pferd haben und dabei denken, dass es großen Spaß macht.“ Es beseitigt die Fähigkeit, sich schlecht zu fühlen. Aber nur bis zu dem Punkt, wenn du wieder runterkommst. Dann ist plötzlich alles schrecklich und furchteinflößend.

    Crystal Meth beseitigt die Fähigkeit, sich schlecht zu fühlen. Aber nur bis zu dem Punkt, wenn du wieder runterkommst. Dann ist plötzlich alles schrecklich und furchteinflößend.

    Du hast mehrere Anläufe gebraucht, um wieder ohne Crystal Meth leben zu können. Die „Zwölf Schritte“ haben dir dabei geholfen. Ein Jahr lang hast du auch auf Sex verzichtet. Wie kam das?

    Es gibt ja nicht den einen, richtigen Weg, um clean zu werden. Und in den „Zwölf Schritten“ steht nicht: „Du darfst keinen Sex haben!“ Aber ich hatte einen erfahrenen „Sponsor“, einen Mentor an der Seite. Er war ein kalifornischer Surfer-Dude mit Riesenbart. Einer seiner ersten Ratschläge war: „Kein Dating und keinen Sex für ein Jahr.“ Ich sagte ihm damals: „Ääääh…? Du kennst mich überhaupt nicht. Wie kommst du überhaupt darauf, zu entscheiden, dass ich das nötig hätte?“ Und er so: „Du wirst sehr mit der Beziehung zu dir selbst beschäftigt sein. Du kannst dich nicht drauf konzentrieren, wenn dich andere Beziehungen nebenher ablenken.“

    Am Ende hast du das durchgezogen?

    Ja, weil ich irgendwann im Laufe meiner Entzugsversuche festgestellt habe: Sexdates sind das Einzige, womit ich Alkohol und andere Drogen ersetzen konnte. Es gab Nächte, in denen ich gerade ins Bett wollte und dachte: „Hm. Eigentlich könnte ich noch schnell jemanden einladen.“ Also hab ich ein Date klargemacht, der Typ kam vorbei, wir hatten Sex, und er ging wieder. Danach dachte ich wieder: „Hm. Wenn ich eh gleich ins Bett gehe, kann ich noch schnell einen anderen einladen.“ So hatte ich manchmal drei Männer hintereinander. Ich will mich nicht darüber beschweren, aber ich habe allmählich erkannt: So wie Alkohol und Drogen habe ich einen anderen Menschen als Ausweg benutzt, um nicht mit meinen Gedanken alleine zu sein.

    Ich gehe heute viel einfühlsamer mit meinen Sexpartnern um.

    Was hast du mitgenommen aus deiner sexuellen Fastenzeit?

    Ich glaube, ich gehe heute viel einfühlsamer mit meinen Sexpartnern um. Nach der „#MeToo“-Debatte gebe ich es nur ungern zu, aber viele meiner Sexpartner habe ich nur eingeladen, um sie zu benutzen. So war mein Gehirn damals konditioniert nach sieben Jahren voller Pillen, Alkohol und dem Versuch, vor mir selbst davonzulaufen. Am Ende habe ich erkannt: Ich habe kein Recht, einem Menschen sowas anzutun! Jeder Mensch existiert um seiner selbst willen, jeder Mensch hat seine eigenen Bedürfnisse. Deshalb habe ich mir dann tatsächlich eine sexuelle Auszeit genommen, um mein Verhältnis zu Sex und Intimität zu verändern.

    Eine nützliche Erfahrung, um den Corona-Lockdown zu überstehen…

    Ja, es wirkt so, als hätte ich für die Pandemie trainiert, oder? Lasst uns nochmal 14 Monate dranhängen! (lacht) Aber im Ernst: Das vergangene Jahr im Lockdown war für mich eine großartige Gelegenheit um zu begreifen, dass ich es sogar genießen kann, allein zu sein. Es fühlt sich dann an, als wäre ein guter Freund von mir zu Besuch. Aber bis zu diesem Punkt war’s ein hartes Stück Arbeit.

    Ben kniet und schaut nach rechts oben. Hinter ihm stehen auf einer virtuellen Tafel verschiedene Kritzeleien, wie "BEN + DOUG" in einem Herz, "I LOVE DOUG", "1 + 1 = BEN LOVES DOUG", oder "GURL!" in einem Kreis.

    Was hilft dir denn dabei, dich okay zu finden?

    Nur ein Beispiel. Früher dachte ich oft, dass mein Freundeskreis sich dauernd verändert. Deshalb hab ich mir buchstäblich eine Tabelle gemacht, um meine besten Freunde nicht zu vergessen. Sie erinnert mich daran: Es gibt Leute, die mich lieben und immer geliebt haben! Manchmal fühle ich mich noch einsam, aber nicht mehr auf eine traurige Art. Inzwischen schätze ich meine eigene Gesellschaft.

    Dein Stück ist noch online. Aber können wir dich auch mal live in Deutschland sehen?

    Tja… schwer zu sagen. Eigentlich wollte ich im Juli beim CSD in Konstanz auftreten und davor beim „Animal Pride“, einem Festival für Tierrechte. Danach wollte ich durch Deutschland touren. Ich hab schon meine erste Impfdosis bekommen, aber ich weiß natürlich, dass ich das Coronavirus trotzdem noch weitergeben könnte, auch wenn ich selbst nicht erkranke. Da wäre es verantwortungslos, schon rumzureisen. Der Animal Pride ist am 3. Juli, und wir haben schon März… Ich befürchte, so schnell klappt das nicht mit unserer Immunisierung.


    Ben Strothmann (42) lebt in New York und arbeitet als Theaterfotograf, Schauspieler und Dragqueen. Als Honey LaBronx moderiert er den Podcast „Big Fat Vegan Radio“ und in seiner „Vegan Drag Queen Cooking Show“ auf YouTube kocht er gutes Essen ohne tierische Zutaten. Eine Aufzeichnung seines Theaterstücks „Coming Clean“ ist bis aktuell online verfügbar (Ticket: 18 Dollar) auf:

    www.vegandragqueen.com/coming-clean-a-play-by-ben-strothmann


    Infos zu Drogen und Chemsex findest du bei IWWIT unter iwwit.de/drogen. Im Gay Health Chat beantworten wir dir auch live und anonym alle Fragen.

    Du nimmst Crystal Meth oder andere Chems zum Sex? Wenn du zufrieden bist und alles läuft, wollen wir dir nicht reinquatschen! Wenn’s doch nicht rundläuft, nicht mehr geil ist und du was ändern willst, sind wir für dich da! Klicke einfach auf aidshilfe.de/chemsex-support-quapsss

    Ben verneigt sich auf der Bühne in seinem Theaterstück über Crystal Meth Konsum. vor einem Publikum, das ihm eine Standing Ovation gibt.

  • Sexarbeit und Corona: Wider die Ausweitung der Verbotszone

    Sexarbeit und Corona: Wider die Ausweitung der Verbotszone

    Gegner_innen der Sexarbeit instrumentalisieren die Corona-Krise und werben für ein bundesweites Sexkaufverbot. Dabei gehören Sexarbeiter_innen eh schon zu den besonders hart Getroffenen.

    In der Corona-Krise wittern die Befürworter_innen eines Sexkaufverbots Morgenluft. Ende September trafen sich darum nicht zufällig über hundert Aktivist_innen vom „Bündnis Nordisches Modell“ zum großen Ratschlag in Bonn. Zu den Redner_innen gehörten die wichtigsten Akteur_innen der Bewegung: Alice Schwarzer (Herausgeberin und Geschäftsführerin der EMMA), Inge Bell von „Terre des Femmes“ oder Sabine Constabel vom Verein „Sisters“.

    „Die hoffen alle, die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie instrumentalisieren zu können, um ein Sexkaufverbot durchzusetzen“, sagt Daria, Sprecherin des Berufsverbands für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) in Baden-Württemberg und seit Ende Oktober 2020 Mitglied im Vorstand der AIDS-Hilfe Stuttgart ist.

    Vor allem der Südwesten hat sich zum Kampfplatz der „Abolitionist_innen“ entwickelt, wie die Aktiven der Bewegung sich in Anlehnung an die Sklavenbefreiung in den USA gerne nennen. Das liegt entscheidend an der baden-württembergischen SPD-Bundestagsabgeordneten Leni Breymaier, die als ihre politische Speerspitze agiert. In langer Kärrnerarbeit hat Breymaier sowohl ihren SPD-Landesverband als auch die Stadt Stuttgart hinter sich gebracht.

    Stigmatisierung von Sexarbeiter_innen schadet der Prävention

    Inhaltlich bewegen sich die Befürworter_innen eines Sexkaufverbots auf überraschend dünnem Eis. Vordergründig geht es ihnen um hehre Ziele: Frauenrechte und die Bekämpfung des Menschenhandels. Ob das Sexkaufverbot aber tatsächlich die Sexarbeit und den Menschenhandel eindämmt, ist nicht ausgemacht. Die Methodik vieler Studien ist angreifbar, Daten lassen sich unterschiedlich interpretieren.

    Die Frage aber, wie Stigmatisierung von Sexarbeit ohne gleichzeitige Stigmatisierung der in ihr Tätigen in einer Gesellschaft funktionieren soll, die Sexarbeiter_innen bis heute diskriminiert und marginalisiert, lassen die Befürworter_innen offen.

    Auf der anderen Seite kämpft derweil ein breites Bündnis für Verbesserungen im Lebensalltag von Sexarbeitenden, wenigstens aber für den Erhalt des Status quo. Es reicht vom Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) über die Deutsche Aidshilfe, den Deutschen Frauenrat und den Deutschen Juristinnenbund bis hin zur evangelischen Diakonie. Sie alle befürchten, dass mit einem Sexkaufverbot vor allem die gesellschaftliche Diskriminierung von Prostituierten zunimmt und Gesundheitsprävention erschwert wird.

    Situation bei mann-männlicher Sexarbeit

    Auch die cis, trans* und queere Sexarbeiter_innen waren und sind von den Corona-Maßnahmen besonders betroffen. In einem gemeinsamen Positionspapier haben Stricherprojekte schon im Frühsommer für den Bereich „junger sexarbeitender Cis-Männer und Queers*“ während der Einschränkungen durch Corona festgestellt: „Zum Teil haben Sexarbeitende keine Alternative, ihre Arbeit auszusetzen. Zu ihrer Überlebenssicherung müssen sie situativ und selbstbestimmt in Kauf nehmen, sich gesundheitlichen Gefahren und Risiken auszusetzen, sowie den Bußgeldern. Dies trifft auch insbesondere auf die sexuelle Arbeit von Cis-Männer*, Queers* und trans*-Menschen in Szenekontexten zu. […] Aktuell wird die Bedrohung von Obdachlosigkeit durch die ausfallenden Einnahmen noch verstärkt. Da die Belegung von Notunterkünften allgemein reglementiert ist und zu Zeiten von Covid-19 stark eingeschränkt wird, bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als auf der Straße zu bleiben.“

    Viele seien durch das Prostitutionsverbot und den damit einhergehenden Verlust ihrer Einnahmequellen in frühere Gewaltsituationen zurückkatapultiert worden: „Das Zurückdrängen in die Kernfamilie, in gewaltvolle Abhängigkeitsbeziehungen, in Flüchtlingsunterkünfte und auf die Straße ist in der aktuellen Situation eine noch größere Herausforderung.“

    Die Notlage führt zu größerer Gefährdung von Sexarbeiter_innen

    Ähnliches gilt auch für cis-weibliche und trans* Sexarbeitende. „Die Freier werden krasser“, sagt Daria Oniér, „denn wer treibt sich schon im Dunkelfeld herum: Leute, die nix ausgeben wollen, Leute mit hohem Druck oder Gewalttätige.“

    BesD-Pressesprecher André Nolte beschreibt die Situation so: „Vereinbarungen werden gebrochen. Das Drücken der Preise kommt häufig vor, ist dabei aber nicht einmal das größte aller Probleme. Gerade als Frau passiert es dir – wenn du nicht mehr im Bordell tätig sein kannst, sondern in eine Wohnung musst –, dass da auf einmal zwei Typen statt einem sitzen.“

    Viele Sexarbeiter_innen wurden in frühere Gewaltsituationen zurückkatapultiert

    Auch der Menschenhandel machte unter Corona-Bedingungen keine Pause, wohl aber seine Bekämpfung. So gab der Berliner Senat in seiner Antwort vom 17. September auf eine Kleine Anfrage der FDP im Berliner Abgeordnetenhaus zu, dass „verdachtsunabhängige Kontrollen … nicht durchgeführt“ wurden, weil „die auf der gezielten und einvernehmlichen Ansprache der Sexarbeitenden basierende Vorgehensweise in einer Zeit, in der die Prostitution nach der SARS-CoV-2-Infektionsschutzverordnung verboten war, praktisch nicht durchführbar“ gewesen sei. Auf gut Deutsch: Wer Bordelle schließt und Sexarbeit verbietet, vergibt eine wesentliche Chance, Menschenhandel und Zwangsprostitution effektiv zu bekämpfen.

    Sexarbeit: Kurzer Herbst der Verbotsaufhebungen

    In Berlin war, wie in den meisten Bundesländern, Sexarbeit nach dem Verbot im Frühjahr und Sommer im Herbst unter vielfältigen Auflagen wieder erlaubt. Die Veränderung hat auch Ralf Rötten von „Hilfe für Jungs e.V.“ gespürt. Das ist ein Berliner Projekt für junge Männer, die anschaffen gehen. Er sagt: „Viele unserer Klienten, die zu Anfang der Corona-Krise weg waren, sind aus den Heimatländern zurückgekehrt.“

    Eine Normalität hat sich dennoch nicht eingestellt. Durch die strengen Hygienekonzepte kamen weniger Besucher in die Anlaufstelle des Vereins am Rande des Schwulenkiezes in Berlin. Es durfte nicht mehr übernachtet werden, außerdem mussten Besucherlisten geführt werden – was natürlich im Widerspruch zu anonymer Beratung steht, aber verpflichtend war, weil die Einrichtung als gastronomieartiger Betrieb gilt.

    „Sexarbeitende sind doch nicht erst seit Corona mit dem Thema Gesundheit konfrontiert“

    Auch Rötten beobachtet, wie sehr die Sexkaufverbots-Lobby in der Krise Oberwasser bekommen hat, und warnt: „Wenn es eine Illegalisierung von Freiern gibt, dann betrifft das alle Freier, was in der schwulen Szene offensichtlich noch nicht angekommen ist. Wir müssen uns aktiv für den Erhalt einer vielfältigen, aber gleichzeitig auch fairen Landschaft der sexuellen Dienstleistungen einsetzen.“

    In den meisten Bundesländern blieb, wie in Berlin, ein generelles Prostitutionsverbot bis Anfang September bestehen. Länger als in vergleichbaren Branchen körpernaher Dienstleistungen und dies, obwohl der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen ein detailliertes Hygienekonzept vorgelegt hatte. Dieses reichte vom Kund_innengespräch mit Mund-Nasen-Schutz über Corona-kompatible Stellungen bis zum Lüften danach. „Sexarbeitende sind doch nicht erst seit Corona mit dem Thema Gesundheit konfrontiert“, sagt BesD-Spreche André Nolte. „Wieso müssen in vielen Bundeländern die Gerichte das der Politik erklären?“

    Der November-Lockdown trifft wieder einmal auch Sexarbeiter_innen besonders hart

    Mitte Oktober waren nur noch Hessen und Mecklenburg-Vorpommern Verbotszonen für Sexarbeit, doch mit dem zweiten „Lockdown“ ab dem 2. November sind Sexarbeit und die meisten „körpernahen Dienstleistungen“ wieder verboten. In der Berliner Infektionsschutzverordnung heißt es zum Beispiel, die „Erbringung und Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen mit Körperkontakt und erotische Massagen“ seien untersagt, in Nordrhein-Westfalen ist der „Betrieb von Bordellen, Prostitutionsstätten und ähnlichen Einrichtungen untersagt“.

    Die Lage für Sexarbeiter_innen ist also wieder düster, die Zukunft ungewiss. Die letzten Wochen haben aber eines gezeigt: Wer in Baden-Württemberg und anderswo in Deutschland Sexarbeitende vor Diskriminierung und der Illegalisierung ihrer Arbeitsumstände schützen will, braucht in diesen Zeiten mehr als je zuvor einen langen Atem

    Sexwork is real work
    Foto: DAH | Renata Chueire

    Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erscheint bei uns in einer gekürzten Version. Die Langversion ist bei den Kolleg_innen von magazin.hiv erschienen.