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  • Schwuler Sex in Zeiten von Corona

    Schwuler Sex in Zeiten von Corona

    Ist ein erstes Date also nur noch mit Mund-Nasen-Bedeckung und promisker, schwuler Sex wegen Corona vorerst gar nicht mehr denkbar? Schwuler Sex wurde durch Corona stark eingeschränkt. Die Corona-Abstandsregeln haben unsere Möglichkeiten der körperlichen Nähe stark eingeschränkt. Wir haben mit drei schwulen Männern über Ihre Erfahrungen gesprochen und den Experten Marco Kammholz gefragt, welche Auswirkungen der Corona Pandemie er auf schwulen Sex sieht. Um die eigenen Bedürfnisse mit den Schutzmaßnahmen in Einklang zu bringen, haben schwule Männer bereits kreative Lösungen entwickelt.

    Stefans Selbstdiagnose ist klar und unmissverständlich: „Chronisch untervögelt“ knallt es den Besuchern seines Datingprofils auf Planetromeo entgegen. Normalerweise würden sie dort „Auf der Suche nach Sex“ lesen. Denn Sex, sagt Stefan, „ist für mich keine Freizeitbeschäftigung am Wochenende, sondern mein täglicher Spaß. Der gehört dazu wie morgens meine Tasse Kaffee.“

    Von der „kleinen Schlampe“ zur „keuschen Nonne“

    Dass ihn seine engsten Freunde liebevoll „kleine Schlampe“ nennen, ist für den Mittzwanziger kein Problem. Stefan steht dazu, dass ihm Sex wichtig ist, und am liebsten mit immer wieder neuen Männern.

    Seit Ende März hat Stefan von seinen Freunden nun einen neuen Kosenamen bekommen: „keusche Nonne“. Stefan seufzt betont melodramatisch und sagt dann ganz ernst: „Ich mag zwar eine promiske Schlampe sein, aber ich bin auch nicht blöd. Man muss einfach realistisch sein: Rumvögeln geht derzeit einfach nicht.“

    Nackter Mann liegt allein im Bett.
Schwuler Sex in Zeiten von Corona.
    Die Corona-Pandemie hat das Sexleben mancher schwuler Männer zum Stillstand gebracht.
    Symbolfoto – Foto: Lichtsucht photocase.de

    Die Corona-Pandemie hat nicht nur Stefans Sexleben zum Stillstand gebracht. Während der angespannten Wochen ab März und den damit verbundenen Kontaktbeschränkungen und Schließungen von Geschäften war auch das Szeneleben über Nacht auf Eis gelegt. Cafés, Bars und Clubs waren dicht, und damit nicht nur Orte, wo man sich mit anderen LSBTIQ treffen kann. Geschlossen waren auch solche Orte, wo Männer, Sex mit Männern haben können, etwa Saunen oder Darkrooms.

    Bisweilen hat Corona das ganze schwule (Sex-)Leben auf den Kopf gestellt.

    Tom war gerade in Argentinien, als rund um den Globus die Infektionszahlen zu steigen begannen. Das Praktikum weswegen er nach Südamerika gereist war, musste er abbrechen. Als es kurzfristig die Möglichkeit für einen Rückflug gab, ergriff er die Chance. Es war keine leichte Entscheidung, hatte er sich doch kurz zuvor in einen Argentinier verliebt. Die noch junge Liebe hat über die Entfernung hinweg nicht gehalten. Deshalb war Tom auch nicht der Sinn danach, sich gleich nach anderen Sexpartnern umzuschauen.

    Er hat seitdem sehr viel Zeit mit sich allein und ohne Dating-Apps verbracht – und mit sich selbst auseinandergesetzt.

    „Mir ist dadurch klar geworden, dass ein Großteil meines Drangs nach Sexualität aus der Notwendigkeit gekommen ist, mir zu beweisen ‚Ich kann es!‘. Man versucht verzweifelt das eigene Ego aufzubauen und Selbstbestätigung zu bekommen, indem man viele Sexpartner hat. Doch anstatt das Selbstbewusstsein aufzubauen, wird es nur noch mehr untergegraben.“

    Tom war, wie er sagt, „spät dran mit allem“. Sein erstes Mal hatte er mit 20, „und ich habe mir selbst Druck gemacht, als müsste ich etwas aufholen und damit kompensieren.“ Im Rückblick sieht Tom da einige Entscheidungen, die nicht gut für ihn waren.

    Wie Tom geht es gerade vielen schwulen Männern.

    Tom ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall, weiß Sexualpädagoge Marco Kammholz. Er hat im Rahmen von Workshops in den Sommermonaten mit vielen schwulen, bisexuellen und queeren Männer über die Auswirkungen der Pandemie auf ihre Sexualität gesprochen. „Corona fordert nicht wenigen Schwulen viel ab, gerade auch was die Erfüllung ihrer sexuellen Bedürfnisse angeht“, sagt Marco Kammholz. „Ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die in jeder Krise auch gleich eine Chance sehen.“ Gleichwohl beobachtet er immer wieder, dass Teilnehmer seiner Workshops die jetzige Situation nutzen, um mit etwas Abstand zu betrachten, wie sie ihr sexuelles Leben bisher gestaltet haben. „Es zeigt sich dann vielleicht deutlicher, welche Funktion und Bedeutung die eigene Sexualität besitzt. Und wie wichtig oder unwichtig einem Häufigkeit, Partnerwechsel oder eine feste Beziehung sind.“

    Weniger ist also unter Umständen mehr; vor allem aber bedeuten weniger Sexpartner – zumindest theoretisch – weniger Risiken, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Corona hat die Menschen auf die Zweierbeziehung zurückgeworfen. Und Sex am besten mit dem festen Partner, der festen Partner_in – wenn es diesen Menschen im eigenen Leben denn gibt. Singles haben daher nun eine besonders schwere Zeit. Und Menschen, die ihre Sexualität promisk leben, sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, „unverantwortlich“ zu sein.

    Und Singles, die nach einem festen Partner suchen, stecken derzeit genauso in der Bredouille. Wie viel Nähe im wahrsten Sinne des Wortes lässt man zu? Wie romantisch oder geil kann ein Date mit Mund-Nasen-Schutz oder mit mindestens 1,50 Meter Abstand denn sein?

    Totale lsolation ist für Armin auch keine Lösung

    „Bei mir gibt’s keine Abstandsregel“, sagt Armin grinsend. „Mir kann jeder so nahekommen, wie er das möchte.“ So arglos allerdings, wie das vielleicht klingen mag, ist Armin keineswegs. Die ersten Wochen hat der Schüler komplett auf Dates verzichtet. In seiner Familie gibt es Menschen, die zur Risikogruppe zählen. Zeitweilig musste er mit seinen Eltern auch in Quarantäne.

    Danach hatte er sich aber recht schnell wieder mit Freunden getroffen, um nicht zu vereinsamen oder gar depressiv zu werden, erzählt Armin. „Jeden Tag Krisennachrichten zu lesen, mit so vielen Problemen beschäftigt zu sein und nur allein zuhause zu hocken: Das ist für die Psyche nicht gut.“ Armin hat einen solchen Fall in seinem Freundeskreis erlebt. So schnell wird die Corona-Pandemie nicht vorbei sein, selbst wenn es eine Impfung geben wird, ist sich Armin sicher. „Deshalb ist es wichtig einen Weg zu finden, damit umzugehen. Der Alltag muss ja irgendwie weitergehen“.

    Seit die Corona-Maßnahmen gelockert wurden, lernt Armin andere Jungs nun nicht mehr nur virtuell auf dbna, dem Internetportal für LGBT-Jugendliche, kennen, sondern auch in real life.

    Wunsch nach Vorsichtsmaßnahmen offen ansprechen

    „Ich vermeide bei Dates aber geschlossene Räume, sondern treffe mich lieber im Freien, weil ich nicht nur mich, sondern auch die anderen Personen schützen will. Mir liegt ja schließlich etwas an ihnen.“

    Vor allem hat Armin für sich entschieden, Corona und die damit verbundenen Ängste und Vorsichtsmaßnahmen nicht zu überspielen, sondern einfach offen und ehrlich anzusprechen.

    „Wenn ich jemanden gar nicht kenne, frage ich, wie es ihm geht und ob alles ok ist. Ich versuche ihm das Gefühl zu geben, alles aussprechen zu können – egal, ob es eine aktuelle Erkältung oder beispielsweise HIV ist. Dann lässt sich auch ganz unaufgeregt besprechen, wie wie wir uns dazu verhalten wollen.“ Armin ist auch vor Corona schon vorgegangen und hat damit nur gute Erfahrungen gemacht. „Und wenn jetzt jemand hustet, dann gehe ich auf Abstand, aber erkläre das auch, warum ich das mache. Ich habe einfach keinen Bock, wieder in Quarantäne zu kommen.“

    Schwuler Sex wurde durch Corona stark eingeschränkt.

    Nach Dates ist Tom aktuell zwar noch nicht zumute, dafür trauert er noch zu sehr um seine zerbrochene Beziehung. Doch wenn es so weit ist, will es Tom langsam angehen lassen. Also nicht gleich mit dem anderen ins Bett gehen, sondern sich erst ein paarmal zum Kaffeetrinken und Spazierengehen verabreden. Und das auch deshalb, erklärt Tom, um bei diesen Gesprächen ein Gefühl zu bekommen, ob die andere Person sich als so verantwortungsvoll erweist, um dann auch körperliche Nähe wagen zu können.

    „Körperliche Nähe wie auch Sexualität sind menschliche Grundbedürfnisse.“

    Marco Kammholz, Sexualpädagoge

    Die Wochen und Monate, in denen Social oder besser Physical Distancing das absolute Gebot der Stunde war, liegen zum Glück hinter uns. Menschliche Begegnungen sind wieder möglich – wenn auch nach wie vor mit mancher Einschränkung. Seien es Spaziergänge oder Café-Besuche. Doch wie stillt man das Bedürfnis nach Berührung und Zärtlichkeit wie das Verlangen nach Sex, wenn es diesen einen – festen – Partner eben (noch) nicht gibt?

    Menschen in dieser Situation können da schnell in einen Strudel sich widerstreitender Emotionen und Gedanken geraten, wenn Lust mit Infektionsängste kollidieren und unerfüllte Sehnsucht und Begehren zu Wut, Trauer und vielleicht gar Verzweiflung führen.

    „Körperliche Nähe wie auch Sexualität sind menschliche Grundbedürfnisse“, sagt Marco Kammholz. Deshalb kann es auch moralisch nicht prinzipiell verwerflich sein, wenn Menschen einen Weg suchen, die Bedürfnisse zu erfüllen – zumal das keineswegs automatisch bedeuten muss, unvernünftig oder gedankenlos zu sein.

    lst ein „Corona-Fuckbuddy“ die Lösung?

    So mancher hat sich zu einer ganz pragmatischen Lösung entschlossen, mit der sich Schutz und Sex auch ohne feste Beziehung realisieren lassen: durch einen exklusiven „Fuckbuddy“. Ein Kerl also, mit dem man im Zweifelsfalle schon das eine oder andere Mal Sex hatte und dem man vertraut. Der wechselseitige Deal: Wir achten im Alltag auf uns, halten uns an die Corona-Schutzbestimmungen und Sex gibt’s nur mit dem anderen.

    Marco Kammholz sieht bei diesem Modell der „Corona-Sexpartner“ zudem noch eine besondere Gelegenheit zur Selbstbeobachtung: „Wer aufgrund der Pandemie die Anzahl seiner Sexpartner reduziert, auf weniger oder nur einen, kann sich die Frage stellen: Wer bleibt eigentlich übrig und was zeichnet diese Männer aus? Also: Was passiert mit dem eigenen sexuellen Leben in der Pandemie?“

    Schwuler Sex
    Corona-Fuckbuddy? Experte Marco Kammholz erklärt, was damit gemeint ist.
    © DAH | Bild: Renata Chueire

    Wie schwule, bisexuelle und queere Männer angesichts von Corona ihre sexuellen Bedürfnisse mit den möglichen Infektionsrisiken abwägen, zeigt sich für Kammholz aber auch in anderer Sicht. „So wie der wöchentliche Einkauf stehen für manche ab und an Sexdates oder Cruising im Park an. Beides ist mit Restrisiko verbunden. Warum sollte man sich das eine weniger als das andere erlauben? Ich finde das ist eine gesunde Einstellung“, sagt der Sexualpädagoge.

    Fortschrittliche Sexualkultur

    Um das Restrisiko noch weiter zu reduzieren, lassen viele bei flüchtigen Kontakten das Küssen und Kuscheln aus und kommen umso schneller zu Sache. Man geht auf die Knie oder bückt sich und gibt dem Coronavirus weniger Chancen. Aber auch Glory Holes erleben gerade eine Renaissance und finden sich neuerdings sogar in manchen Wohnungen – mal als Pappwand oder Loch in einem Vorhang.

    „Ich bin mir recht sicher, dass der Eigensinn und die Kreativität der Schwulen ihnen auch in dieser Pandemie dabei hilft (…) diese fortschrittliche Sexualkultur zu bewahren.“

    Marco Kammholz

    „Schwule Männer haben über die Jahrzehnte eine Sexualkultur entwickelt, in der es möglich ist, freier und ungehinderter mit Sex umzugehen.“, stellt Marco Kammholz fest. „Das ist nicht so leicht zu erschüttern. Ich bin mir recht sicher, dass der Eigensinn und die Kreativität der Schwulen ihnen auch in dieser Pandemie dabei hilft mit den Einschränkungen umzugehen und zugleich diese fortschrittliche Sexualkultur zu bewahren.“

    Auch Online-Sex kann geil sein…

    Und ja, die Jungs und Kerle sind durchaus kreativ. „Kleine Schlampe“ Stefan mag in den vergangenen Wochen zwar objektiv betrachtet keusch gewesen sein, aber er war deshalb keineswegs artig. „Ich hatte viel Spaß mit meinen Freunden“, sagt Stefan im Gespräch – ganz zeitgemäß via Zoom-Video-Konferenz – und lacht. Dann hält er eine Pappkiste vor die Kamera und präsentiert seine stattliche Sammlung von Dildos. Die kommen ab und an auch vor der Kamera zum Einsatz. „Warum soll ich mich allein damit vergnügen, wenn mir andere dabei zuschauen können?“.

    Wann, wenn nicht jetzt, ist also die ideale Gelegenheit, um sich mit Cam-Sex zu versuchen oder die eigenen erogenen Zonen auszukundschaften und neue Möglichkeiten probieren, sich selbst zum Höhepunkt zu bringen.

    [Anmerkung der Redaktion: Die Interviews wurden im September vor dem Anstieg der Coronavirus-Neuinfektionen im Oktober 2020 geführt.]

    Schwuler Sex in Zeiten von Corona

    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!

  • Kaey for Solidarity: „Wonder Woman“ will wieder singen

    Kaey for Solidarity: „Wonder Woman“ will wieder singen

    Seit September fühlt sich Kaey wie Wonder Woman: unbesiegbar! Zumindest das Coronavirus kann der Berlinerin wohl so schnell nichts mehr anhaben. Sie hat die Infektion gerade überstanden. „Für mich ist der Spuk erstmal vorbei“, sagt die 40-Jährige und lacht. Noch ist unklar, wie lange man nach einer Covid-19-Infektion immun ist. Fachleute vermuten, dass der körpereigene Schutz bis zu drei Jahre anhalten könnte. So ist das zumindest bei anderen Coronavirus-Erkrankungen wie SARS. Aber genau weiß das noch niemand. Deshalb bleibt Kaey weiterhin vorsichtig und hält sich an alle Schutzregeln.

    #WirFürQueer Printanzeige: 6 Queers unter einem Regenbogenschirm. Text: Gegenseitig helfen unter iwwit.de
Kaey for Solidarity
    Kaey (oben rechts) ist eine von sechs queeren Personen, die wir auf unserer Anzeige #WirFürQueer im Oktober 2020 zeigen. Alle sechs porträtieren wir hier im Blog.

    „Als mir mein Arzt das Testergebnis gesagt hat, war ich schon nervös“, erinnert sich Kaey. „Übergewichtige Menschen zählen zur Risikogruppe. Aber zum Glück hab ich ein gutes Immunsystem. Ich hatte nur leichtes Fieber und eine Woche Husten. Wie bei einer leichten Erkältung.“ Noch besser: Auch die Spätfolgen einer Covid-19-Infektion, unter denen einige leiden, bleiben ihr erspart. Die leidenschaftliche Sängerin kann wieder frei atmen. Normal riechen und schmecken konnte sie immer.

    Die Leere nach dem Lockdown

    „Das sorgt bei mir für eine gewisse Leere, den ganzen Tag über – und im Portemonnaie.“

    Nicht nur das neue Virus hat Kaey am eigenen Leib erfahren, auch die Maßnahmen dagegen haben sie persönlich getroffen: „Als Sängerin und Performerin will ich vor Menschen auftreten. Aber seit einem halben Jahr darf ich das nicht mehr.“ Sonst steht die gebürtige Hallenserin jeden Monat zwei- bis dreimal auf der Bühne, in einer Dragshow oder bei einem Konzert. Obwohl sie durch ihren Hauptjob als Redakteurin abgesichert ist, fehlen ihr diese regelmäßigen Nebenverdienste – vor allem aber die Möglichkeiten, sich künstlerisch auszudrücken. „Das sorgt bei mir für eine gewisse Leere, den ganzen Tag über – und im Portemonnaie.“ Die Sache ist ernst, aber die Entertainerin setzt trotzdem eine Schlusspointe. Lachen hilft ihr durch die Krise.

    Kaey for Solidarity
    Normalerweise steht Kaey jeden Monat zwei- bis dreimal auf der Bühne.

    Immerhin gab es im Sommer wieder ein paar Outdoor-Veranstaltungen, mit viel Abstand und an der frischen Luft. Doch gerade sie ließen Kaey die Krise in der Showbranche besonders spüren. „Die wenigen Möglichkeiten aufzutreten waren entsprechend begehrt“, erzählt Kaey. „Das hat den Konkurrenzkampf verschärft und die Unterschiede zwischen den Leuten noch verstärkt.“

    Entertainment schafft Community

    Nun kommt der kalte Herbst und treibt die Leute in geschlossene Räume, aber viele Veranstaltungsorte sind noch immer geschlossen. „Ich habe echt Angst um meine Clubs“, gesteht Kaey. Für Institutionen des Berliner Nachtlebens wie Schwuz oder SO36 sei die Corona-Krise fatal. „Wenn die verschwinden, würde uns was fehlen“, betont Kaey und erklärt warum: „Die queere Community entsteht zu einem großen Teil durch Entertainment: beim Tanzen, in der Dragshow… Diese Kulturlandschaft ist in Gefahr.“

    „Die Politik muss jetzt effektivere Lösungen finden.“

    Zwar unterstützt das Land Berlin seine Diskos und Konzerthallen mit Finanzspritzen – so wie andere Großstädte auch. „Bisher gab es nur Nothilfen, aber keine wirklich tragende Idee, wie das Kulturleben trotz Corona weitergehen könnte“, kritisiert Kaey. „Die Politik muss jetzt effektivere Lösungen finden, wie man die wirtschaftlichen Folgen abfedern kann. Sonst verschwinden viele dieser wichtigen Orte.“

    Am meisten vermisst Kaey klare Regeln, wie Partys und Shows weitergehen könnten – möglichst einheitliche fürs ganze Land. „Bisher wird noch mit zweierlei Maß gemessen: Im Zug und im Flugzeug durften die Leute mit Masken schon wieder nebeneinander sitzen, aber im Theater noch nicht. Wieso das denn?“

    Zumindest Theater dürfen in Berlin bald wieder öffnen, wenn auch mit hohen Auflagen und deutlich weniger Publikum als vor der Pandemie. Mit den entsprechenden technischen Voraussetzungen sollen zumindest wieder bis zu 60 Prozent der Sitze belegt werden können, mit Sicherheitsabstand und Maske tragen während der Vorstellung. Kaey ist dennoch skeptisch: „Es ist ein schlechtes Zeichen, dass sogar die Hochkultur monatelang als verzichtbar galt. Wenn schon die so nachrangig behandelt wird – was bleibt dann noch für unsere Subkultur übrig?“

    Kaey for Solidarity
    Beim SIEGESSÄULE Magazin ist Kaey die Fachfrau für Mode und Beauty!
    (© Foto: Alexander Heigl)

    Gemeinsam Druck machen

    „Aber es gibt schon eine Solidarität unter Queers.“

    Umso wichtiger findet Kaey, dass sich die queere Community ihre – zumeist nächtlichen – Treffpunkte nicht wegnehmen lässt: „Clubs wie das Schwuz sind Safe Spaces, wo sich Schwule, Lesben, Trans* und andere Queers treffen können, wo sie gemeinsam Spaß haben können.“ Am besten fände sie es, wenn nun alle gemeinsam Druck machten: „Ich kenne viele, die enttäuscht sagen: ,Welche Community?! Es kämpft doch jeder nur für sich!‘ Aber es gibt schon eine Solidarität unter Queers. Zumindest in Berlin sind viele verschiedene Subkulturen präsent, sie haben ihre Sprachrohre, um sich Gehör zu verschaffen – und sie sind gut vernetzt.“

    Kaey engagiert sich besonders in der Trans*community. Die sei sehr aktiv und melde sich oft zu Wort, versichert sie. Über ihren Hauptjob beim queeren Stadtmagazin Siegessäule kennt sie zudem viele lesbische Aktivistinnen. „Viele queere Gruppen arbeiten regelmäßig zusammen – trotz der Grabenkämpfe, die es manchmal gibt.“ Diesen Zusammenhalt findet Kaey wichtig, gerade in Zeiten einer Pandemie. „Wir in der Community nutzen ja oft dieselben Räume. Da wäre es fatal, wenn wir nicht gemeinsam für sie kämpfen würden.“


    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!