Schlagwort: schwule Männer

  • Mpox-Eindämmung: Erfolg der Community?

    Mpox-Eindämmung: Erfolg der Community?

    Es waren Schlagzeilen, die wohl niemand lesen wollte: Im Mai 2022 berichteten Medien inmitten der Corona-Pandemie von einem “Affenpocken-Ausbruch” in Europa. Das Virus verbreitete sich alsbald auf dem ganzen Kontinent mit einer Geschwindigkeit, die Expert*innen Sorgen bereitete.

    Doch die Mehrheitsbevölkerung schien schon bald aufzuatmen. Zwar handelt es sich bei den “Affenpocken” nicht um eine Geschlechtskrankheit im engeren Sinne, das Virus kann bereits über engen Hautkontakt weitergegeben werden. Doch die überwiegende Mehrheit der Infizierten waren, und sind noch immer Männer, die Sex mit Männern haben. Laut dem Robert Koch-Institut sind von landesweit insgesamt 3.670 Fällen (Stand: 6. Dezember) bislang nur 19 weibliche Fälle, vier Fälle bei männlichen Jugendlichen und zwei Fälle bei Kindern unter 14 Jahren übermittelt worden.

    Dieser Umstand führte in der internationalen Berichterstattung dazu, dass “Affenpocken” von einigen Medien bald schon fälschlicherweise als “Schwulenkrankheit” betitelt wurden. Das weckte bei so manchem dunkle Erinnerungen an den diskriminierenden und fehlerhaften Umgang der Medien mit der Aids-Krise der 1980er Jahre. Auch damals wurden HIV und Aids als Angelegenheit abgetan, die nur schwule Männer betrifft. 

    Stigmatisierung der Communitys

    “Dadurch, dass die Gruppe von schwulen und bisexuellen Männern die meisten Fälle ausgemacht hat, klang es in der Berichterstattung zum Teil so, als wäre es eine Krankheit, die nur schwule Männer betrifft” erzählt Timo. Der 27-jährige Studierende lebt in Berlin und heißt eigentlich anders. Doch weil das Thema immer noch mit Stigmata belastet ist, möchte er lieber anonym bleiben. “Verbunden mit dem Namen ‚Affenpocken‘ hat sich das sehr diskriminierend angefühlt”, sagte er weiter. 

    Dass der Name “Affenpocken” für Betroffene stigmatisierend wirkt, hat auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkannt. “Nach Beratungen mit globalen Experten wird die WHO damit beginnen, die neue bevorzugte Bezeichnung Mpox als Synonym für Affenpocken zu verwenden.” So steht es in einer Erklärung der Organisation.

    “In Clubs haben Frauen zu mir gesagt, dass sie nicht aus meiner Flasche trinken wollen, weil wir Gays mit den Affenpocken zu tun haben”

    Timo

    Doch nicht nur die Berichterstattung empfand Timo als problematisch. Ebenso sei es schwierig für ihn gewesen, wie Menschen außerhalb der Communitys mit dem Ausbruch umgegangen seien: “In Clubs haben Frauen zu mir gesagt, dass sie nicht aus meiner Flasche trinken wollen, weil wir Gays mit den Affenpocken zu tun haben”, berichtet der Wahlberliner. 

    Doch die wohl unrühmlichste Rolle während des Mpox-Ausbruchs hat der Staat eingenommen. Sein Agieren bzw. Nicht-Agieren während der Hochphase ließ viele ratlos und wütend zurück. Denn die Impfkampagne gegen das Virus verlief vielerorts verspätet – selbst als der Impfstoff teilweise schon zur Verfügung stand. Es schien fast so, als hätte man nichts aus der Corona-Pandemie gelernt.

    Das misslungene Impfmanagement und seine weitreichenden Folgen

    Ausgerechnet Berlin fiel mit seinem konsequent misslungenen Impfmanagement negativ auf. Dabei war die Stadt der Mpox-Hotspot Deutschlands, nirgends infizierten ich so viele Menschen mit dem Virus wie in Berlin. Laut dem Tagesspiegel lagerte die Metropole zwischenzeitlich rund 8.000 Impfdosen, die aufgrund bürokratischer Hindernisse nicht verabreicht werden konnten.

    Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe, sagte zu dieser Zeit gegenüber dem rbb: “Da müssen sich die Verantwortlichen die Frage gefallen lassen, ob sie den Schutz der Betroffenen, also vor allem von Männern, die Sex mit Männern haben, wirklich ernst nehmen.”

    “Da müssen sich die Verantwortlichen die Frage gefallen lassen, ob sie den Schutz der Betroffenen, also vor allem von Männern, die Sex mit Männern haben, wirklich ernst nehmen.”

    Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe

    Das misslungene Impfmanagement führte nicht nur dazu, dass Impfwillige nicht an das Vakzin kamen und die Gefahr, sich anzustecken, somit hoch blieb – sondern hatte laut Dirk Sander, ebenfalls von der Deutschen Aidshilfe, viel weitreichendere Folgen: “Es war auch Wut und Trauer in den Communitys zu verspüren, weil man sich schon auf einen relativ Corona-freien Sommer gefreut hatte. Die Psyche war bei einigen nicht die Beste. Ich hörte auch aus der Szene, dass der Konsum von Alkohol und anderen Drogen in dieser Zeit ‚teilweise suizidal‘ gewesen sei.”

    Viele schwule und bisexuelle Männer fühlten sich laut Sander schlichtweg im Stich gelassen: “Besonders Aussagen, wie: ‚Die sollen mal die Füße stillhalten, dann braucht es auch keine Impfung‘ haben zu diesem Gefühl beigetragen”, erklärt er. 

    Wie schwer es zu Beginn war, an eine Impfung zu kommen, weiß auch Timo: “Ich habe versucht, bei meinem Hausarzt einen Impftermin zu bekommen.” Doch ihm wurde gesagt, er solle es in vier bis sechs Wochen noch mal versuchen. Auch bei der eigens eingerichteten Impf-Hotline wurde der Studierende vertröstet. Schnell machte sich deshalb ein Gefühl der  Ernüchterung bei ihm breit – und das Gefühl, auf sich alleine gestellt zu sein. 

    Eindämmung des Virus dank der Communitys

    Deshalb beschloss er, sein Sexualverhalten proaktiv einzuschränken. “Freunde haben mir berichtet, wie schmerzhaft eine Infektion sein kann. Das hat mich einfach zu sehr beunruhigt”, erklärt er. Auch vor der dreiwöchigen Isolation fürchtete er sich. “Mitten im Sommer drei Wochen lang alleine in meiner Wohnung verbringen zu müssen – davor hatte ich einfach zu viel Angst.” 

    Auch Maurice, der eigentlich anders heißt, und sein Partner, mit dem der 29-Jährige in einer offenen Beziehung lebt, entschlossen sich dazu, selbst aktiv zu werden: “Wir haben radikal auf jegliche sexuelle Abenteuer verzichtet”, berichtet er. Und auch er musste lange auf eine Impfung warten: “Ich habe 25 Praxen angeschrieben, bis ich nach ungefähr drei Wochen einen Termin bekommen habe”, so Maurice. 

    “Es ist schon belegt, dass schwule und bisexuelle Männer schon nach den ersten Medienberichten ihr Verhalten angepasst haben. Ansonsten wäre der Verlauf der Epidemie gar nicht erklärbar.”

    Dirk Sander, Deutsche Aidshilfe

    So wie Timo und Maurice schränkten auch viele andere Männer, die Sex mit Männern haben, ihr Sexualverhalten ein. Sander sagt dazu: “Es ist schon belegt, dass schwule und bisexuelle Männer schon nach den ersten Medienberichten ihr Verhalten angepasst haben. Ansonsten wäre der Verlauf der Epidemie gar nicht erklärbar. Die Impfungen kamen ja recht spät und dann häppchenweise.” Laut dem RKI ist die Zahl der Mpox-Fälle seit August rückläufig, seit Mitte Oktober wurden nur noch Fallzahlen im einstelligen Bereich berichtet. Während der Hochphase seien es 420 Fälle pro Woche gewesen.  

    Ein Erfolg, den sich also wohl nicht der Staat, sondern die Communitys auf die Fahne schreiben dürfen. Aber hat der Mpox-Ausbruch doch langfristige Folgen? Ist schwulen und bisexuellen Männern womöglich der Spaß und die Lust am Sex vergangen? Dazu sagt Sander: “Anhand interner Statistiken aus dem Freizeitbereich schwuler Männer, konnte man deutlich sehen, dass sich die Stimmung wieder drehte: nachdem zunehmend mehr Leute geimpft, und die Zahlen zurückgingen, hat sich das Verhalten wieder normalisiert. Zum Glück!”

    Mittlerweile ist der Impfstoff laut der Ständigen Impfkommission (STIKO) in ganz Deutschland verfügbar. Wer bisher nur eine Dosis oder noch gar keine erhalten hat, sollte mittlerweile also einfach und zügig an einen Termin kommen. Die Exptert*innen-Gruppe rät allen, die das Vakzin bisher nur einmal verabreicht bekommen haben, zu einer zweiten Dosis. Wer sich noch nicht hat impfen lassen, sollte dies laut der STIKO nachholen. “Der Ausbruch ist noch nicht beendet…” 

    Weitere Infos zu Mpox
    Mpox heilen zum Glück in der Regel von alleine wieder aus, können aber sehr unangenehme und schmerzhafte Symptome haben. Der beste Schutz ist die Impfung. Sie ist kostenlos und auch für Menschen ohne Versichertenkarte möglich.

    Alle Infos findest du auf Deutsch, Englisch, Ukrainisch und Russisch unter neu.iwwit.de/mpox.
  • Wider die Scham und die Sünde

    Wider die Scham und die Sünde

    Die TV-Serie „It’s a Sin“ zeigt LIEBE IN ZEITEN VON AIDS

    Das Gegenstück zu „Queer as Folk“: Die TV-Serie „It’s a Sin“ blickt ins London der 1980er-Jahre zurück, als auch dort die schwule Szene von Aids überrollt wurde. Ein Meisterwerk, das nicht nur von der Vergangenheit erzählt, sondern auch vom Hier und Heute.

    (Spoilerwarnung: Dieser Artikel enthält Spoiler zu der Serie „It’s a Sin“)

    Es bedarf keiner prophetischen Fähigkeiten, um die Zukunft dieser Serie vorherzusagen: Sie wird bald zum festen kulturellen Gedächtnis der schwulen Community gehören, wie schon „Pose“ oder „Queer als Folk“. TV-Serien also, die ebenfalls queere Geschichten und die Geschichte auf eine Art und Weise erzählen, dass sie selbst bleibende Erinnerungen schaffen.

    Szene aus Episode 2 der TV-Serie Gregory, Colin, Richie, Jill and Ash (von links nach rechts) (© RED Production Company & All3Media International)
    Szene aus Episode 2 Gregory, Colin, Richie, Jill and Ash (von links nach rechts) (© RED Production Company & All3Media International)

    Queere Geschichte als TV-Serie

    Denn mit den Figuren in „It’s a Sin“ fiebert man hautnah mit. Bei ihrem Aufbruch in die Erwachsenenwelt und der Euphorie der sexuellen Befreiung und Selbsterfahrung. Man kommt ihnen in den fünf Episoden so nahe! Wir begleiten sie so intensiv durch Höhen und Tiefen, dass man sich dieser queeren Wahlfamilie fast zwangsläufig zugehörig fühlt.

    Und vor allem gelingen Russel T Davies, dem Schöpfer dieser TV-Miniserie, immer wieder Szenen und Bilder, die sich förmlich einbrennen und die Zuschauer*innen auf lange Zeit unweigerlich begleiten werden.

    Innere Widersprüche aushalten

    Auch, weil oft in einem einzigen Bild die sich überlagernden Gefühle wie Aufbegehren und Glück bis hin zu Verzweiflung, Unverständnis und Hoffnung festgehalten sind. Etwa, wenn die Eltern des partyfreudigen Fahrkartenkontrolleurs Gregory nach dessen Tod im Garten einen Scheiterhaufen errichten. Und sie dort sein Bett und alle persönlichen Gegenstände ihres Sohnes verbrennen, die Kinderfotos ebenso wie die Schnappschüsse mit seinen Freunden im fernen London. Als könnten sie damit sein Schwulsein und seine Aidserkrankung auslöschen.

    Oder Ritchie, der sich nicht getraut hatte, sein Testergebnis abzuholen, und alle Anzeichen ignorierte. Erst jetzt, da die Krankheit ausgebrochen ist, bringt er den Mut auf, sich – auf seine sehr eigene Weise – seinen engsten Freunden zu offenbaren: „Ich wollte, dass ihr es als erstes erfahrt: Ich werde leben!“

    „Ich wollte, dass ihr es als erstes erfahrt: Ich werde leben!“

    Olly Alexander (den viele als Frontman der Band Years & Years kennen dürften) legt in diesen kurzen Satz alles hinein, was seine Figur gerade an inneren Widersprüchen auszuhalten hat. Die Erleichterung, sich endlich den wichtigsten Menschen anvertrauen zu können, die Scham, sie so lange angelogen zu haben, und die Angst, dass seine Zukunft nur noch sehr kurz sein könnte. Und dann spricht da auch noch der Trotz aus ihm, sich nicht unterkriegen und nicht die Lebensfreude rauben lassen zu wollen.

    Schwule Fernsehgeschichte für ein breites Publikum

    Und weil das die Zuschauer*innen nicht unberührt lässt, wird auch diese Szene zu einem unvergesslichen Moment. Russel T Davies versteht nicht nur sein Handwerk, er weiß es vor allem auch meisterhaft einzusetzen – und das heißt für ein breites Publikum zu schreiben, ohne deshalb inhaltliche Kompromisse einzugehen.

    Schwules Leben und Lieben bewusst nicht auf HIV und Aids reduzieren

    Das war ihm auch schon mit Serien wie „Cucumber“, „A Very English Scandal“ und „Years and Years“ und vor allem natürlich mit „Queer as Folk“ gelungen. Mit letzterer Serie hatte der britische Regisseur und Drehbuchautor vor über 20 Jahren schwule Fernsehgeschichte geschrieben. Sie war so erfolgreich, dass einige Jahre später – ein international noch erfolgreicheres – US-Remake entstand.

    Davies hatte seinerzeit bewusst darauf verzichtete, HIV und Aids zu thematisieren, sondern wollte schwules Leben und Lieben feiern, ohne es zugleich durch die Krankheit zu definieren.

    Eine neue Welt im London der 80er-Jahre

    Für ihn war es nun aber an der Zeit, auch an diese Jahre zu erinnern und sich dabei zugleich auch mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. In Ritchtie, dem smarten gutaussehenden 18-Jährigen, dem sich in der schwulen Szene Londons des Jahres 1981 eine neue Welt eröffnet und der die sich ihm bietenden sexuellen Möglichkeiten ausgiebig genießt, hat Davies offenbar viel seiner eigenen Geschichte hineingepackt. Und auch Jill (Lydia West), Ritchies beste Freundin, die wie er ebenfalls Schauspiel studiert, hat eine reale Entsprechung.

    Szene aus Episode 2 der Tv-Serie Roscoe © RED Production Company & All3Media International
    Szene aus Episode 2 Roscoe © RED Production Company & All3Media International

    Jill wird Mitbewohnerin der ansonsten komplett schwulen WG, die von allen liebevoll „Pink Palace“ genannt wird. Es ist ein kleiner verschworener, bunter Haufen. Neben Ritchie gehört auch Roscoe (Omar Douglas) dazu. Er hat seiner aus Nigeria stammenden, streng religiösen Familie den Rücken gekehrt, als diese Pläne schmiedete, ihn von seiner Homosexualität „heilen“ zu wollen.

    Davies zeigt den Umgang mit der Angst vor Aids, mit Homosexualität und Homosexuellenfeindlichkeit

    Der blasse Waliser Collin (Callum Scott Howells) beginnt in London eine Ausbildung zum Herrenschneider, gilt als verklemmt und schüchtern, aber hat, wie sich im Laufe der Zeit zeigt, mehr erlebt, als seine Freund*innen ahnen.

    Rund um die Clique scharrt Russel T Davies noch eine ganze Reihe von Nebenfiguren. Unter anderem prominent besetzt mit Stephen Fry und Neil Patrick Harris („How I Met Your Mother“). Dadurch eröffnet sich Davies jede Menge Möglichkeiten, den Umgang mit der Angst vor Aids, mit einer Infektion, mit der eigenen Homosexualität sowie der Homosexuellenfeindlichkeit der anderen – wie auch die Reaktionen darauf – zu zeigen.

    Mehr als nur ein zeitgeschichtliches Panorama der Aids-Ära

    Diese TV-Serie mag dafür viel zu kurz erscheinen – immerhin sind es „nur“ fünf Folgen je 45 Minuten – doch Russel T Davies genügt diese Zeit für ein unglaublich breites, keineswegs nur zeitgeschichtlich Panorama. Denn „It’s a Sin“ (benannt nach dem Hit der Pet Shop Boys) fokussiert sich nicht ausschließlich auf die verheerende Auswirkung der Aidspandemie im London zwischen 1981 und 1991.

    „Ich wollte kein Drama über Sterbebetten schreiben“

    „Ich wollte kein Drama über Sterbebetten schreiben“, erklärte Davies in einem Interview, „sondern ich wollte diese Ära wieder für mich zurückgewinnen und mich mit Freude an diese Leben erinnern.“

    So geht es in „It’s a Sin“ einerseits beispielsweise um die berechtige Angst vor der Ausgrenzung – selbst durch Kolleg*innen und die Familie oder um Angst vor dem Sterben. Die Serie erzählt aber auch auf vielen verschiedenen Ebenen davon, wie Homosexuellenhass funktioniert und wirkt. Aber auch wie man sich verbünden und stärken kann. Sie zeigt, was es braucht, um die eigene Sexualität positiv annehmen und leben zu können. Und welchen Wert Freund*innenschaft und Mitmenschlichkeit haben. Und das alles mit jeder Menge Empathie und Humor.

    Szenenbild aus Episode 1 der TV-Serie „It’s a Sin“
    Szenenbild aus Episode 1 der TV-Serie „Richie“

    TV-Serie bringt Themen wie Coming-out, HIV und PrEP in die Medien

    Und so ist „It’s a Sin“ zwar eine Serie, die in einem lange zurückliegenden Jahrzehnt spielt. Aber weil sie überzeitliche Themen verhandelt, kann die Serie doch im Hier und Heute andocken. Dazu trägt bei, dass die Serienmacher*innen darauf verzichtet haben, penetrant und überdeutlich typische Alltagsgegenstände jener Ära zu platzieren.

    Großer Erfolg unter jungen Zuschauer*innen

    Breite Schulterpolster, New-Wave-Outfits und Walkman sucht man hier also fast vergebens. Das erleichtert auch dem jungen Publikum von heute, sich mit ihren Altersgenoss*innen der 80er- und 90er-Jahren zu identifizieren.

    In Großbritannien hatte die Serie gerade unter jungen Zuschauer*innen einen enormen Erfolg. Und hatte einen nicht gering zu schätzenden Nebeneffekt: Themen wie Coming-out, HIV, heutige Behandlungsmöglichkeiten und PrEP wurden breit in den Medien diskutiert – und die HIV-Test-Zahlen stiegen nach der Ausstrahlung um mehr als 400 Prozent.

    Eine der eindrücklichsten und unvergesslichsten Szenen der ganzen TV-Serie hat sich Davies übrigens für den Schluss aufbewahrt. Jill trifft auf einer Hafenpromenade auf der Isle of Wight mit Ritchies Mutter zusammen. Den Freund*innen war bislang verwehrt worden, ihren Freund noch einmal zu sehen.

    Lebensbejahende Feier des queeren Selbstbewusstseins

    Nun erfährt Jill, dass Ritchie bereits gestorben ist – einsam und abgeschirmt im Schoße der Familie. Russel T Davies hat für Jill hier einen Monolog geschrieben, der es in sich hat. Er kommt einer Generalabrechnung gleich. Er formuliert vor allem aber eine der zentralen Botschaften, die Davies mit dieser TV-Serie vermitteln will. Es ist ein Plädoyer gegen die Scham und zugleich eine Anklage all jener, die Menschen dazu bringen, sich für ihre Sexualität oder für eine HIV-Infektion zu schämen.

    Ein Plädoyer gegen Scham

    Denn erst „die Scham macht das Gefühl, es verdient zu haben“, sagt Jill. Ohne die Scham wäre ein freierer Umgang mit der sexuellen Identität wie auch mit einer Infektion möglich. So aber kommt zur Scham vielleicht sogar noch die Schuld hinzu, weil man das Virus womöglich an andere weitergegeben hat.

    Das macht „It’s a Sin“ zu einem ebenbürtigen Gegenstück zu „Queer als Folk“. „It’s a Sin“ ist aber auch eine ungemein lebensbejahende Feier der Selbstermächtigung und des queeren Selbstbewusstseins.


    „It’s a Sin“ (Starzplay), Video-on-Demand bei Amazon Prime Video

    Alles zum Leben mit HIV findet ihr bei uns unter iwwit.de/leben-mit-hiv!

  • Queeres Leben nach einem Jahr Pandemie: “Wir sind systemrelevant”

    Queeres Leben nach einem Jahr Pandemie: “Wir sind systemrelevant”

    Covid-19 bestimmt seit mittlerweile mehr als einem Jahr unseren Alltag und verändert subkukturelle Räume und Safer Spaces. Wie sieht queeres Leben während der Pandemie in Deutschland aus? Eine Zwischenbilanz.

    Nichts beschäftigt uns seit letztem Jahr so sehr wie die Corona-Pandemie und die darauf folgenden Einschränkungen. Ob Lockdown Light, Wellenbrecher-Lockdown oder Harter Lockdown, fest steht, dass Einrichtungen des öffentlichen Lebens seither als Gesundheitsrisiko gelten, darunter auch Safe Spaces für queere Menschen. Die Be­trei­be­r*in­nen von Darkrooms, Bars oder Clubs haben mit kurzer Unterbrechung seither quasi Berufsverbot, die Mitarbeiter*innen sind in Kurzarbeit oder ohne Aufträge. 

    In der Krise schränken auch viele Hilfseinrichtungen ihr Angebot ein oder bieten ihre Beratungsgespräche nun lediglich online oder telefonisch an. Die Fachstelle für queere Geflüchtete der Schwulenberatung Berlin geht dabei anders vor. Hans Kalben ist Sozialpädagoge und seit 2015 Teamleiter der Fachstelle. “Die Hürden für digitale Termine sind für unsere Zielgruppe oftmals zu hoch”, sagt Kalben. Zwar arbeite Kalben mittlerweile häufiger aus dem Homeoffice, ein großer Teil der Beratungsgespräche finde aber noch immer vor Ort statt: “Viele Geflüchtete haben kein Endgerät oder W-Lan oder finden in der Gemeinschaftsunterkunft einfach keine Privatsphäre.”

    In der Krise schränken viele Hilfseinrichtungen ihr Angebot ein.

    Vor Ausbruch der Pandemie fand jeden Dienstag und Freitag ein Treffen im Café Kuchus in Berlin-Kreuzberg statt, zu dem sich niemand anmelden musste. Zwar kommuniziere die Beratungsstelle aktuell, dass die Treffen coronabedingt ausfallen, inoffiziel stehen aber immer Mitarbeitende für Beratungsgespräche bereit: “Wir haben die Erfahrung gemacht, dass trotzdem immer viele Menschen kommen, die Hilfe brauchen.” Seit letztem März gebe es einen verstärkten Bedarf an Beratungsgesprächen und das obwohl weniger Menschen neu in Deutschland ankommen als vor Ausbruch der Krise. “Menschen, die schon länger illegalisiert im Land leben und die sich sonst mit Sexarbeit oder anderen prekären Beschäftigungsverhältnissen über Wasser halten, haben verstärk Hilfe in Anspruch genommen”, sagt Kalben. Durch den Lockdown sei ein Asylverfahren für viele dieser Menschen die letzte Chance. 

    Negative Asylbescheide und Abschiebungen trotz Corona

    Was Kalben und seinem Team seit einem Jahr immer wieder schwerfalle, sei die richtige Kommunikation der Corona-Schutzmaßnahmen. “Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften haben gar nicht die Möglichkeit sich zu schützen oder alle Corona-Hygienemaßnahmen einzuhalten”, sagt er. Belastend sei auch die Sorge, Geflüchtete in den Beratungsgesprächen mit Covid-19 zu infizieren. Um dies zu verhindern, arbeite die Beratungsstelle mit Spuckschutztrennwänden, Aerosolgeräten, Masken und Abstandsregeln: “Es ist eine tägliche Herausforderung, bestmöglich zu beraten und gesundheitliche Risiken dabei zu vermeiden.” 

    Abschiebungen finden weiterhin statt, obwohl sich die Situation in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten dramatisch verschlechterte.

    Trotz Lockdown und Krisenlage laufe die Arbeit in den Behörden und beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge weiter. So erhalten Geflüchtete trotz Pandemie, laut Kalben, weiterhin negative Asylbescheide ohne dass die Fristen dabei der besonderen Situation angepasst seien. Selbst Abschiebungen finden weiterhin statt, obwohl sich die Situation in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten dramatisch verschlechterte. “Ein Asylverfahren ist immer schwierig, die Pandemie macht es aber noch komplizierter, alle Fristen pünktlich einzuhalten”, sagt Kalben.

    Aufgrund des weltweiten Gesundheitsnotstandes gab es in Krankenhäusern immer wieder die Anweisung, planbare Operationen zu verschieben. Betroffen waren davon auch geschlechtsangleichende Operationen bei trans Menschen, die, sofern es dabei nicht um die Behandlung von Komplikationen ging, nicht als medizinisch notwendig galten. Krankenhäuser arbeiten seit mehr als einem Jahr am Limit, weshalb Kundgebungen und Pride-Paraden mittlerweile online statt auf der Straße veranstaltet werden. DJ-Sets queerer Clubs finden derzeit nur noch als Livestream statt. 

    Digitales Queeres Leben

    Das Pornfilmfestival Berlin, das engen Körperkontakt eigentlich voraussetzt, fand letztes Jahr lediglich vor einer kleinen Anzahl von Gästen statt. “Es war teilweise frustrierend an einem Festival zu arbeiten, das nicht so werden kann und darf, wie man es sich eigentlich wünscht”, sagt Kuratorin Paulita Pappel. Die wenigen Tickets, die es zur Verfügung gab, waren nach kurzer Zeit ausverkauft. “Das war bei der reduzierten Anzahl an Kinoplätzen aber auch nicht schwer”, sagt Paulita Pappel. Neben ihrer Tätigkeit für das Festival besitzt sie die Online-Plattform „Lustery, auf der privat gefilmte Videos von Paaren zu sehen sind. Während viele Pornoproduktionen aufgrund des Lockdowns gestoppt wurden, stellte sich die Plattform als pandemiesicheres Modell heraus: “Wir haben während der Krise mehr Einreichungen erhalten und hatten eine größere Anzahl an Zuschauer*innen.” 

    Durch den Verlust vieler Veranstaltungen sorgt die Pandemie dafür, dass die Sichtbarkeit queeren Lebens in deutschen Städten seit mehr als einem Jahr stark eingeschränkt ist. Die Einweihungsfeier eines Projekts in Mainz fiel der Pandemie zum Opfer. Die Eröffnung des queeren Wohnprojekts Queer im Quatier, das letzten Februar in der Mainzer Neustadt eröffnet wurde, fiel auf den Beginn des ersten Lockdowns in Deutschland. Joachim Schulte, 67, plante das Wohnprojekt in den letzten Jahren und musste die Einweihungsparty auf Zoom veranstalten. Kurz vor der Pandemie bezogen 32 queere Menschen unterschiedlichen Alters 21 Wohnungen in Mainz. Das Wohnprojekt, das als Safe Space gedacht war, funktioniere während der Krise aber nur sehr eingeschränkt. “Wir hätten uns alle in der Einstiegsphase des Projekts gerne besser kennengelernt”, sagt Schulte.

    Grafik von 6 Personen, die eine Corona-Maske tragen, wobei jede Person in einer Farbe der Regenbogenfahne eingefärbt ist.

    Likes und ein “Yaas” statt Umarmungen und Küsse

    So treffe man sich derzeit meist am Müllcontainer oder wenn jemand vom Einkaufen komme. Das Herzstück des Wohnprojekts könne aufgrund der geltenden Hygienemaßnahmen aktuell nicht genutzt werden: “Die Gemeinschaftswohnung, die wir als Treffpunkt für alle nutzen wollten, steht leer.” Da viele Bewohner*innen  zur Risikogruppe gehören, sei man besonders vorsichtig: “Im Sommer haben wir uns zwar auf Abstand im Park getroffen, dabei konnten wir uns aber nicht wirklich kennenlernen.” Abseits der Zoom-Konferenzen plane die Gruppe aber kleinere coronakonforme Aktionen. So backen manche Bewohner*innen Kuchen, legen ihn in die Gemeinschaftswohnung und geben allen Bescheid, dass sie sich nacheinander ein Stück abholen können. All die verpasste Zeit zusammen, wolle man nach der Krise nachholen. “Es herrscht große Enttäuschung, dass wir die Gemeinschaft nur begrenzt genießen können.”

    Im Corona-Jahr 2020 gab es nur wenige Gelegenheit sich als queere Gemeinschaft zusammenzufinden und sichtbar zu sein. Dragqueen Pansy aus Berlin arbeitet mittlerweile im Impfzentrum und verlegt ihre Drag-Shows ins Netz. Umarmungen und Küsse wurden zu Likes und einem “Yaas” in den Kommentarspalten. Zwar zogen vereinzelt kleinere Demonstrationen wie der “Dyke March” in Berlin durch die Straßen, dabei sollten jedoch alle wenn möglich auf den Mindestabstand achten und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Selbst das zweite Jahr der Pandemie scheint von Lockdowns bestimmt, Großveranstaltungen sind noch immer in weiter Ferne. 

    Abseits privater Wohnräume

    Abseits privater Wohnräume gibt es also seit Ausbruch der Krise nur wenig Gelegenheiten, sich in queeren Einrichtungen zu treffen. Zwar wurden bereits viele Wirtschaftshilfen verabschiedet, viele Betriebe und Menschen, die diese besuchen, leiden nach einem Jahr Pandemie und Dauerlockdown aber an den Folgen der Krise. Lokale mit Darkrooms sind mit kurzen Unterbrechungen im Sommer letzten Jahres deutschlandweit geschlossen. Thomas Pfizenmaier, der die Fetisch- und Cruising-Bar New Action in Berlin-Schöneberg und eine weitere Fetischbar in Hamburg betreibt, fand zwischen den Lockdowns eine andere Möglichkeit, Umsatz für seinen Betrieb zu generieren. Gleich nachdem seine Bar nach dem ersten Lockdown wieder öffnen durfte, beantrage Pfizenmaier eine Nutzungserlaubnis zur Außengastronomie. 

    Kaffee und Kuchen statt Fetisch und Sex

    „Mein Lebenspartner hat sich dann in die Küche gestellt und Kuchen gebacken“, sagt er. Er wolle nicht auf Spenden setzen und so servierte er zwischenzeitlich in seinem Pop-Up-Café “Corinna” tagsüber Kaffee und Kuchen, obwohl die Fetischbar sonst immer nur nachts geöffnet war. Eine Zwischenlösung für den Sommer, die aber nicht mehr viel mit Fetisch, Darkroom oder Sex zu tun hat. Da die beantragten Coronahilfen lediglich für betriebliche Kosten genutzt werden dürfen, lebe er als Barbetreiber schon seit März von seinen Ersparnissen: „Ich brauche mittlerweile seit fast einem Jahr meine selbstersparte Rente auf.“ Derzeit denke er aber noch nicht ans Aufgeben, obwohl die Verluste immer größer werden und seine Ver­mie­te­r*in­nen ihm anscheinend nicht entgegenkommen: „In Hamburg gab es während der Krise sogar eine Mieterhöhung.“ 

    „Ich brauche mittlerweile seit fast einem Jahr meine selbstersparte Rente auf.“

    Pfizenmaier denkt, dass sich viele schwule Männer während der Pandemie Schutzräume im Privaten suchen. Dort werden aber, anders als im New Action, weder Namen, Meldeadressen oder Ankunfts- und Ausgangszeit vermerkt. „Wenn sich zig Männer über Online-Plattformen zu Hause verabreden und etwas passiert, kann dieses potentielle Infektionsgeschehen weder kontrolliert noch nachverfolgt werden.“

    „Wir sind systemrelevant für den Erhalt schwuler Kultur, Lebensformen und alternativer familiärer Verhältnisse.”

    Zumindest aktuell geht Pfizenmaier davon aus, dass das “New Action” nach der Krise wieder für seine Kunden öffnen wird. „Ich hoffe, dass sich die schwule Community nach der Pandemie darauf besinnt, wer ihnen über das Jahr hinweg die Stange gehalten hat“, sagt er. Seine Bar sei nicht einfach nur ein gastronomischer Betrieb, sondern diene wie alle anderen queeren Lokale als wichtiger Schutzraum für schwule Subkulturen: „Wir sind systemrelevant für den Erhalt schwuler Kultur, Lebensformen und alternativer familiärer Verhältnisse.”

    Eine Einwegmaske in Herzform auf rotem Hintergrund. Daneben 6 Personen, wobei jede Person in einer Farbe des Regenbogens dargestellt ist.

    IWWIT ist für euch da! 

    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit in der Isolation oder durch finanzielle Schwierigkeiten.

    Doch wir lassen euch nicht hängen! Deswegen haben wir unsere Kampagne #WirFürQueer ins Leben gerufen: Ihr seid nicht allein! Wir helfen uns gegenseitig! Gemeinsam schaffen wir es durch diese harten Zeiten! Mehr Infos findet ihr auf iwwit.de/wir-fuer-queer.

    Auf gayhealthchat.de beraten wir dich zudem täglich zwischen 17 und 20 Uhr – schnell, vertraulich und kostenlos.

  • Schwule Männer in der Corona-Pandemie: „Es herrscht große Verunsicherung“

    Schwule Männer in der Corona-Pandemie: „Es herrscht große Verunsicherung“

    Die Corona-Krise bestimmt seit mehr als einem Jahr unseren Alltag. Hygiene-Maßnahmen, Kontaktbeschränkungen und die Schließung von Safe Spaces können für schwule Männer besonders belastend sein. Das spürt auch Stefan Meier, der als Berater beim schwulen Checkpoints Mann-O-Meter in Berlin-Schöneberg arbeitet. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

    IWWIT: Stefan, du führst im Jahr durchschnittlich 150 Beratungsgespräche. Welche Anliegen haben die Männer, die zu dir kommen?

    Stefan Meier: Wir sind eine der wenigen Einrichtungen, die sich explizit an schwule Männer richtet. Die Gründe für einen Besuch bei uns sind dabei so vielfältig wie das schwule Leben selbst. Manche Männer kommen mit Fragen, die sich um das Coming Out drehen, über den Umgang mit Ängsten und Depressionen bis hin zu allem, was sich rund um die sexuelle Gesundheit dreht. Wir verstehen uns als eine Art Erste Hilfe für die Ratsuchenden. Oft kommen sie zwei-, dreimal zu uns. Wenn sich ihr Anliegen in dieser Zeit nicht klären lässt, vermitteln wir sie gezielt an Beratungsstellen oder Therapeut*innen. Es kommen aber auch ab und zu Mütter zu uns, deren Kinder sich im Coming-out befinden.

    Sexuelle Gesundheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krankheit.

    Ein Mann steht während der Corona-Pandemie in seiner Wohnung beim Fenster. Er trägt eine Maske und schaut sehnsüchtig nach draußen.

    Was verstehst du unter sexueller Gesundheit?

    Das wird ja jetzt fast philosophisch. Sexuelle Gesundheit bedeutet für mich auf jeden Fall mehr als die Abwesenheit von Krankheit im Sinne von viralen oder bakteriellen Infekten. Sexuell gesund zu sein, heißt auch, dass ich Freude an meiner Sexualität habe und mich und meinen Körper kenne und weiß, was mir Lust bereitet oder was eben nicht. Das bedeutet auch, dass man die Möglichkeit wahrnehmen kann, seine Fetische selbstbestimmt auszuleben.

    Was meinst Du mit „selbstbestimmt ausleben“?

    Damit meine ich genau das: deutlich machen, was ich mag und was ich nicht mag, aber eben auch zu wissen, was meinen Sexpartner geil macht und was ich ihm davon geben kann oder will. Wenn sich jemand auf eine Sexpraktik wie Fisting einlässt, sollte diese Person wissen, ob sie das auch wirklich will und geil findet. Es kommt häufig vor, dass wir Dinge tun, weil wir Angst vor Ablehnung haben und nicht wissen, wie die gegenüberliegende Person auf eine Absage reagieren würde. Wenn jemand keinen Analverkehr mag, ist das vollkommen OK. Gleiches gilt auch für den Konsum von Substanzen beim Sex.

    Es kommt häufig vor, dass wir Dinge tun, weil wir Angst vor Ablehnung haben und nicht wissen, wie die gegenüberliegende Person auf eine Absage reagieren würde.

    Nimmst Du seit dem ersten Corona-Lockdown eine Veränderung innerhalb der Community wahr?

    Es herrscht große Verunsicherung, die sich ganz unterschiedlich zeigt. Menschen, die depressiv sind und immer gesagt bekommen, sie sollen in Kontakt mit anderen Menschen sein, und auch gelernt haben, dass ihnen das hilft, nehmen die Einschränkungen als sehr bedrückend wahr. Ihnen fehlt die Nähe und der Austausch mit anderen. Ängstliche Menschen sind durch die Flut an Nachrichten über Corona verunsichert. Viele schwule Männer werden aktuell auf sich selbst zurückgeworfen, da ihnen die Anbindung an ein familiäres Umfeld fehlt – durch die Schließung von Bars, Clubs, Saunen und anderen queeren Einrichtungen fallen Orte weg, die wichtig für ihre seelische Gesundheit sind.

    Durch die Schließung von Bars, Clubs, Saunen und anderen queeren Einrichtungen fallen Orte weg, die wichtig für die seelische Gesundheit schwuler Männer sind.

    Wieso sind diese Orte besonders für schwule Männer so wichtig?

    Ein junger schwuler Mann, der noch zu Hause bei einer Familie lebt, in der sein Schwulsein nicht akzeptiert wird, muss jetzt mehr Zeit mit seiner homofeindlichen Familie verbringen. Dabei sind Konflikte vorprogrammiert, denn ihm fehlt Unterstützung und ein Safe Space, wo er so sein kann, wie er ist. Die sogenannte „Szene“ wird ja oft kritisiert, weil sie kommerzialisiert sei. Im Moment spüren wir aber, wie wichtig ihre soziale Funktion ist.

    Was rätst Du deinen Klienten, die sich aufgrund der Krise einsam fühlen, um gut durch diese schwierige Zeit zu kommen?

    Es ist erst einmal wichtig anzuerkennen, dass es schwierige Zeiten sind. Es hilft auch, sich zu verinnerlichen, dass es vielen Menschen gerade schlecht geht und dass sich viele einsam fühlen. Ich rate meinen Klienten auch, dass sie sich bewusst machen sollen, dass sie wenig an der Situation ändern können. Sie können nicht viel mehr tun, als Abstand halten, eine Maske tragen und ihre Hände waschen. Hilfreicher ist es aktuell, seine Aufmerksamkeit auf Dinge zu richten, die man kontrollieren und verändern kann.  

    Gibt es noch andere Tipps, als positiv zu denken?

    Wenn mir meine Freunde wichtig sind und ich sie nicht sehen kann, lade ich eben zu einem Cocktail via Zoom ein. Wenn ich gerne Wellness mache, dann kann es vielleicht schön sein, öfter zu Baden und ich kann vielleicht mein Badezimmer etwas pimpen und mir so meine eigene Wellnessoase schaffen. Es hilft auch oft schon, Routinen bewusst zu schaffen, die helfen, den Alltag zu strukturieren. 

    Es hilft oft schon, Routinen bewusst zu schaffen, die helfen, den Alltag zu strukturieren.

    Geht es Paaren im Moment besser als Singles?

    Jein. Paare haben im Moment die Herausforderung, dass sie vielleicht mehr Zeit miteinander verbringen als vorher. Wenn beide im Home-Office sind und die Wohnung zu einem Büro verschmilzt, kann das auch schwierig sein und zu Konflikten führen.

    Wie können Paare diese Situation meistern?

    Eine Möglichkeit ist es, zu schauen, wie ich meinen Partner unterstützen kann – beruflich oder bei anderen belastenden Situationen. Eine andere Möglichkeit ist es, sich als Paar neu zu entdecken und zu schauen, was man zusammen machen kann. Es ist aber auch wichtig, dem anderen Raum zu lassen und sich gegenseitig Rückzugsmöglichkeiten zu gönnen. Es kann auch hilfreich sein, zu versuchen, etwas großzügiger mit dem eigenen Partner umzugehen und nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Man sollte manchmal auch versuchen, sich immer wieder klarzumachen, dass hinter Vorwürfen oftmals das Kommunizieren von Bedürfnissen steckt.

    Was ist dein Tipp an Menschen, die den nächsten Lockdown als Singles verbringen?

    Singles sollten sich überlegen, was ihnen guttut und das verstärkt tun. Es ist ja auch jetzt immer noch möglich, sich mit einem Freund oder einer Freundin zu treffen, spazieren zu gehen oder sich zuhause zum Kochen zu verabreden. Oder Mann findet, wenn Mann möchte eben einen Fuckbuddy, mit dem man Sex haben kann und so sein Bedürfnis nach Sex und Nähe befriedigen kann. Das Corona-Testangebot is in deutschen Städten ja mittlerweile auch ausgeweitet, das dazu genutzt werden kann.

    Ein Mann steht während der Corona-Pandemie in seiner Wohnung beim Fenster. Er trägt eine Maske und schaut sehnsüchtig nach draußen.

    IWWIT ist für euch da! Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit in der Isolation oder durch finanzielle Schwierigkeiten.

    Doch wir lassen euch nicht hängen! Deswegen haben wir unsere Kampagne #WirFürQueer ins Leben gerufen: Ihr seid nicht allein! Wir helfen uns gegenseitig! Gemeinsam schaffen wir es durch diese harten Zeiten! Mehr Infos findet ihr auf iwwit.de/wir-fuer-queer.

    Auf gayhealthchat.de beraten wir dich zudem täglich zwischen 17 und 20 Uhr – schnell, vertraulich und kostenlos.

  • Edward: „Keine_r übersteht das hier allein, das geht nur zusammen!“

    Edward: „Keine_r übersteht das hier allein, das geht nur zusammen!“

    Edward Mutebi, B. A. Organisations- und Kommunikationsmanagement, Aktivist aus Uganda, der zur Zeit in Berlin lebt. Er ist 28 Jahre alt und ich habe ihn zu einem Telefoninterview an die Strippe bekommen. Da das Interview auf Englisch geführt wurde, habe ich es ins Deutsche übersetzt.

    Edward lacht
    Edward hat die Menschenrechtsorganisation LET‘S WALK UGANDA mitbegründet.

    Hallo Edward! Danke, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Erzähl doch mal, wie warst du in Uganda aktiv?

    Ich möchte gar nicht so viel von mir, sondern mehr von uns erzählen, uns, der Gruppe der queeren Geflüchteten. – In Uganda war ich Aktivist für LGBTIQ-Rechte. Wir haben die Menschenrechtsorganisation LET‘S WALK UGANDA gegründet. 2016 kam das Wohnprojekt für LGBTIQ und HIV+ Personen dazu, das LET‘S WALK UGANDA SHELTER. Dort können Menschen unterkommen, die aufgrund ihrer Queerness oder ihres HIV-Status‘ ihre Bleibe verlassen mussten. Ehrenamtliche sorgen dafür, dass diese Menschen durch Kooperation mit medizinischen Versorgungszentren Zugang zu medizinischer Behandlung und Versorgung bekommen. Safer Sex Aufklärung, Empowerment und Verteilung von bspw. Kondomen sind weitere Aktivitäten, die das SHELTER abdeckt, wobei der Fokus auf Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), liegt. Ich unterstütze es noch immer von Berlin aus und verfolge natürlich die aktuellen Aktivitäten und Entwicklungen.

    Edward (oben Mitte) ist derzeit mit 5 anderen queeren Personen in unserer bundesweiten Printanzeige in schwulen und queeren Magazinen zu sehen.

    Wie hast du in diesem Jahr die Corona-Zeit erlebt?

    Anfangs war ich in München. Ein zentrales Problem in München ist die Verfügbarkeit von Wohnraum für Refugees, also haben wir eine Kampagne gestartet. Durch Corona hat sich die Situation enorm verschlechtert, viele Refugees leben in Obdachlosigkeit: bei Freund_innen, auf der Straße oder in Camps.

    Außerdem ist der Zugang zu medizinischer Versorgung schwieriger geworden. Ärzt_innen wurden durch die anfängliche Ungewissheit der Lage noch ungeduldiger, als sie es ohnehin waren. Terminanfragen wurden entweder komplett abgelehnt oder du hast einen in fünf Monaten angeboten bekommen für etwas, was eigentlich nicht so lange warten kann. Auch die PrEP war schwerer zu bekommen. Ich habe da auch viel Mitgefühl für die Ärzt_innen dieser Tage, klar. Viele von uns kämpfen ja mit Sprachbarrieren; wenn sie dann auf erschöpftes und überreiztes medizinisches Personal treffen, strapaziert das alle Beteiligten noch mehr.

    In Bayern hat sich während Corona der Umgang mit Geflüchteten schon auch verändert: Es werden jetzt Strafen für Menschen verhängt, die mit einem Touristenvisum nach Deutschland einreisen und dann hier Asyl beantragen. Das ist ein neues Verfahren, eine neue Policy, die unter Corona-Bedingungen den Druck auf die Geflüchteten noch erhöht.

    Hast Du dafür vielleicht ein Beispiel aus Deiner aktivistischen Arbeit?

    „Unter Corona-Bedingungen haben juristische Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung von Geflüchteten zugenommen.“

    Ich möchte dir dazu gerne die Geschichte eines jungen Mannes erzählen, der leider vergeblich für eine gerechte Behandlung innerhalb seines Asylverfahrens gekämpft hat. Er ist genau mit einem solchen Touristenvisum eingereist und hat dann in Bayern Asyl beantragt. Da er in einem Camp untergebracht war, wo viele Corona-Fälle aufgetreten sind, musste er für zehn Tage in Quarantäne. In dieser Zeit bekam er Post vom Gericht und als er aus der Quarantäne raus kam, hatte er nur noch zwei Tage Zeit, sich auf die Anhörung vorzubereiten! Er wollte dem Gericht erklären, dass er ganz frisch aus dem Lockdown käme und um mehr Zeit bitten, um sich anwaltliche Unterstützung zu organisieren. Aber er hat eine komplette Abfuhr bekommen und musste auch die Strafe bezahlen. Das ist nur ein Beispiel, wie unter Corona-Bedingungen juristische Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung von Geflüchteten zugenommen haben.

    queere solidarität: Edward schaut ernst
    Edward beklagt, dass sich unter Corona-Bedingungen der Druck auf Geflüchtete erhöht hat.

    Viele Geflüchtete bekommen z.B. verspätete Asylbescheide, zu wenige Gesprächstermine mit Anwält_innen und bleiben zu lange in den Camps. Und das teilweise mit hohen Covid19-Raten. Das und die vielen schnellen Veränderungen während der letzten Monate können mental enorm belastend sein. Wer eine Wohnung hat, leidet oft schwer unter der Isolation, der Einsamkeit und auch die Armut, in der viele von uns leben, wiegt schwerer, unsere Probleme nehmen zu, weil Hilfestrukturen in der Krise und im Lockdown weggefallen sind.

    Mir hat es geholfen, schnell raus aus meiner Bude zu kommen, meinen Nachbarn Hilfe anzubieten, wieder in Kontakt zu gehen, damit ich nicht verrückt werde. Ich habe mir selbst geholfen, indem ich anderen geholfen habe.

    Was bedeutet für dich queere Solidarität?

    Zusammenhalten, füreinander einstehen, zusammenarbeiten, füreinander sorgen, einander unterstützen, niemanden vergessen, niemanden zurücklassen!

    Was wünschst du dir für die Zukunft?

    Ich wünsche mir mehr Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen und ein Bewusstsein für die zusätzlichen Risiken, denen queere Geflüchtete ausgesetzt sind. Ich habe den Eindruck, dass queere Menschen in der Politik betrachtet werden, als wären wir alle gleich. Die Unterschiede in unseren Lebensrealitäten werden nicht besonders gut reflektiert. Wir brauchen Unterstützungsangebote und -strukturen wie beispielsweise eine Telefonhotline zur Orientierung, wie was läuft in diesem Land, wo ich wann was beantragen muss und wie das geht.

    Allgemein wünsche ich mir mehr queere Solidarität, Liebe und dass eins allen klar ist: Keine_r übersteht das hier allein, das geht nur zusammen!

    Gibt es ein Projekt, das aus deiner Sicht besonders Unterstützung benötigt?

    In dieser Corona-Zeit wird die Menschlichkeit schnell vernachlässigt, jeder kümmert sich um sich. Das ist zwar nachvollziehbar, aber dieser Egoismus hat auch dazu geführt, dass Verletzungen der Menschenrechte stark zugenommen haben. In Uganda wurden zwanzig queere Refugees in einem vermeintlich sicheren Haus angegriffen und landeten für fünfzig Tage im Gefängnis, ohne ein Verfahren und ohne überhaupt einen Anwalt zu sehen!

    Unsere Organisation hat viele in Uganda gerettet und es wird deutlich, dass unser sicheres Wohnprojekt größer werden muss und wir dringend Ressourcen brauchen für ein Informationszentrum, das Zugang zum Internet und damit zu Vernetzung ermöglicht. Auch eine Bibliothek soll aufgebaut werden.

    In München gründen wir grade „Plus“, die erste Organisation in Bayern von und für Refugees. Denn die Maßnahmen der bestehenden Strukturen gehen oft an unseren Bedürfnissen vorbei. Die Leute sitzen hinter ihren Schreibtischen und planen etwas, mit dem wir gar nichts anfangen können. Deswegen machen wir als erstes eine Problem- und Bedarfserhebung möglichst vieler queerer Geflüchteter in Bayern, um daraus dann Projekte zu entwickeln. Auf jeden Fall brauchen wir jetzt schon einen Treffpunkt, also Räume, Infrastruktur usw. Es soll Beratung geben, die Website ist in Arbeit, aber leider noch nicht online, weil wir auf die Kapazitäten von Ehrenamtlichen angewiesen sind und na ja, du weißt ja, da kann man schlecht sagen, wann etwas fertig wird! (lacht) Wir sind im offiziellen Registrierungsprozess und wenn ihr etwas tun wollt, dann unterstützt diese Organisation!

    Alles klar! Das war wirklich spannend, danke! Bitte halte uns auf dem Laufenden, wie es mit „Plus“ weitergeht – wann wir euch hier verlinken können, damit euch möglichst viele Menschen finden, die Unterstützung brauchen oder geben wollen!

    Leave no one behind!


    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!