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  • Mpox-Eindämmung: Erfolg der Community?

    Mpox-Eindämmung: Erfolg der Community?

    Es waren Schlagzeilen, die wohl niemand lesen wollte: Im Mai 2022 berichteten Medien inmitten der Corona-Pandemie von einem “Affenpocken-Ausbruch” in Europa. Das Virus verbreitete sich alsbald auf dem ganzen Kontinent mit einer Geschwindigkeit, die Expert*innen Sorgen bereitete.

    Doch die Mehrheitsbevölkerung schien schon bald aufzuatmen. Zwar handelt es sich bei den “Affenpocken” nicht um eine Geschlechtskrankheit im engeren Sinne, das Virus kann bereits über engen Hautkontakt weitergegeben werden. Doch die überwiegende Mehrheit der Infizierten waren, und sind noch immer Männer, die Sex mit Männern haben. Laut dem Robert Koch-Institut sind von landesweit insgesamt 3.670 Fällen (Stand: 6. Dezember) bislang nur 19 weibliche Fälle, vier Fälle bei männlichen Jugendlichen und zwei Fälle bei Kindern unter 14 Jahren übermittelt worden.

    Dieser Umstand führte in der internationalen Berichterstattung dazu, dass “Affenpocken” von einigen Medien bald schon fälschlicherweise als “Schwulenkrankheit” betitelt wurden. Das weckte bei so manchem dunkle Erinnerungen an den diskriminierenden und fehlerhaften Umgang der Medien mit der Aids-Krise der 1980er Jahre. Auch damals wurden HIV und Aids als Angelegenheit abgetan, die nur schwule Männer betrifft. 

    Stigmatisierung der Communitys

    “Dadurch, dass die Gruppe von schwulen und bisexuellen Männern die meisten Fälle ausgemacht hat, klang es in der Berichterstattung zum Teil so, als wäre es eine Krankheit, die nur schwule Männer betrifft” erzählt Timo. Der 27-jährige Studierende lebt in Berlin und heißt eigentlich anders. Doch weil das Thema immer noch mit Stigmata belastet ist, möchte er lieber anonym bleiben. “Verbunden mit dem Namen ‚Affenpocken‘ hat sich das sehr diskriminierend angefühlt”, sagte er weiter. 

    Dass der Name “Affenpocken” für Betroffene stigmatisierend wirkt, hat auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkannt. “Nach Beratungen mit globalen Experten wird die WHO damit beginnen, die neue bevorzugte Bezeichnung Mpox als Synonym für Affenpocken zu verwenden.” So steht es in einer Erklärung der Organisation.

    “In Clubs haben Frauen zu mir gesagt, dass sie nicht aus meiner Flasche trinken wollen, weil wir Gays mit den Affenpocken zu tun haben”

    Timo

    Doch nicht nur die Berichterstattung empfand Timo als problematisch. Ebenso sei es schwierig für ihn gewesen, wie Menschen außerhalb der Communitys mit dem Ausbruch umgegangen seien: “In Clubs haben Frauen zu mir gesagt, dass sie nicht aus meiner Flasche trinken wollen, weil wir Gays mit den Affenpocken zu tun haben”, berichtet der Wahlberliner. 

    Doch die wohl unrühmlichste Rolle während des Mpox-Ausbruchs hat der Staat eingenommen. Sein Agieren bzw. Nicht-Agieren während der Hochphase ließ viele ratlos und wütend zurück. Denn die Impfkampagne gegen das Virus verlief vielerorts verspätet – selbst als der Impfstoff teilweise schon zur Verfügung stand. Es schien fast so, als hätte man nichts aus der Corona-Pandemie gelernt.

    Das misslungene Impfmanagement und seine weitreichenden Folgen

    Ausgerechnet Berlin fiel mit seinem konsequent misslungenen Impfmanagement negativ auf. Dabei war die Stadt der Mpox-Hotspot Deutschlands, nirgends infizierten ich so viele Menschen mit dem Virus wie in Berlin. Laut dem Tagesspiegel lagerte die Metropole zwischenzeitlich rund 8.000 Impfdosen, die aufgrund bürokratischer Hindernisse nicht verabreicht werden konnten.

    Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe, sagte zu dieser Zeit gegenüber dem rbb: “Da müssen sich die Verantwortlichen die Frage gefallen lassen, ob sie den Schutz der Betroffenen, also vor allem von Männern, die Sex mit Männern haben, wirklich ernst nehmen.”

    “Da müssen sich die Verantwortlichen die Frage gefallen lassen, ob sie den Schutz der Betroffenen, also vor allem von Männern, die Sex mit Männern haben, wirklich ernst nehmen.”

    Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe

    Das misslungene Impfmanagement führte nicht nur dazu, dass Impfwillige nicht an das Vakzin kamen und die Gefahr, sich anzustecken, somit hoch blieb – sondern hatte laut Dirk Sander, ebenfalls von der Deutschen Aidshilfe, viel weitreichendere Folgen: “Es war auch Wut und Trauer in den Communitys zu verspüren, weil man sich schon auf einen relativ Corona-freien Sommer gefreut hatte. Die Psyche war bei einigen nicht die Beste. Ich hörte auch aus der Szene, dass der Konsum von Alkohol und anderen Drogen in dieser Zeit ‚teilweise suizidal‘ gewesen sei.”

    Viele schwule und bisexuelle Männer fühlten sich laut Sander schlichtweg im Stich gelassen: “Besonders Aussagen, wie: ‚Die sollen mal die Füße stillhalten, dann braucht es auch keine Impfung‘ haben zu diesem Gefühl beigetragen”, erklärt er. 

    Wie schwer es zu Beginn war, an eine Impfung zu kommen, weiß auch Timo: “Ich habe versucht, bei meinem Hausarzt einen Impftermin zu bekommen.” Doch ihm wurde gesagt, er solle es in vier bis sechs Wochen noch mal versuchen. Auch bei der eigens eingerichteten Impf-Hotline wurde der Studierende vertröstet. Schnell machte sich deshalb ein Gefühl der  Ernüchterung bei ihm breit – und das Gefühl, auf sich alleine gestellt zu sein. 

    Eindämmung des Virus dank der Communitys

    Deshalb beschloss er, sein Sexualverhalten proaktiv einzuschränken. “Freunde haben mir berichtet, wie schmerzhaft eine Infektion sein kann. Das hat mich einfach zu sehr beunruhigt”, erklärt er. Auch vor der dreiwöchigen Isolation fürchtete er sich. “Mitten im Sommer drei Wochen lang alleine in meiner Wohnung verbringen zu müssen – davor hatte ich einfach zu viel Angst.” 

    Auch Maurice, der eigentlich anders heißt, und sein Partner, mit dem der 29-Jährige in einer offenen Beziehung lebt, entschlossen sich dazu, selbst aktiv zu werden: “Wir haben radikal auf jegliche sexuelle Abenteuer verzichtet”, berichtet er. Und auch er musste lange auf eine Impfung warten: “Ich habe 25 Praxen angeschrieben, bis ich nach ungefähr drei Wochen einen Termin bekommen habe”, so Maurice. 

    “Es ist schon belegt, dass schwule und bisexuelle Männer schon nach den ersten Medienberichten ihr Verhalten angepasst haben. Ansonsten wäre der Verlauf der Epidemie gar nicht erklärbar.”

    Dirk Sander, Deutsche Aidshilfe

    So wie Timo und Maurice schränkten auch viele andere Männer, die Sex mit Männern haben, ihr Sexualverhalten ein. Sander sagt dazu: “Es ist schon belegt, dass schwule und bisexuelle Männer schon nach den ersten Medienberichten ihr Verhalten angepasst haben. Ansonsten wäre der Verlauf der Epidemie gar nicht erklärbar. Die Impfungen kamen ja recht spät und dann häppchenweise.” Laut dem RKI ist die Zahl der Mpox-Fälle seit August rückläufig, seit Mitte Oktober wurden nur noch Fallzahlen im einstelligen Bereich berichtet. Während der Hochphase seien es 420 Fälle pro Woche gewesen.  

    Ein Erfolg, den sich also wohl nicht der Staat, sondern die Communitys auf die Fahne schreiben dürfen. Aber hat der Mpox-Ausbruch doch langfristige Folgen? Ist schwulen und bisexuellen Männern womöglich der Spaß und die Lust am Sex vergangen? Dazu sagt Sander: “Anhand interner Statistiken aus dem Freizeitbereich schwuler Männer, konnte man deutlich sehen, dass sich die Stimmung wieder drehte: nachdem zunehmend mehr Leute geimpft, und die Zahlen zurückgingen, hat sich das Verhalten wieder normalisiert. Zum Glück!”

    Mittlerweile ist der Impfstoff laut der Ständigen Impfkommission (STIKO) in ganz Deutschland verfügbar. Wer bisher nur eine Dosis oder noch gar keine erhalten hat, sollte mittlerweile also einfach und zügig an einen Termin kommen. Die Exptert*innen-Gruppe rät allen, die das Vakzin bisher nur einmal verabreicht bekommen haben, zu einer zweiten Dosis. Wer sich noch nicht hat impfen lassen, sollte dies laut der STIKO nachholen. “Der Ausbruch ist noch nicht beendet…” 

    Weitere Infos zu Mpox
    Mpox heilen zum Glück in der Regel von alleine wieder aus, können aber sehr unangenehme und schmerzhafte Symptome haben. Der beste Schutz ist die Impfung. Sie ist kostenlos und auch für Menschen ohne Versichertenkarte möglich.

    Alle Infos findest du auf Deutsch, Englisch, Ukrainisch und Russisch unter neu.iwwit.de/mpox.
  • Slamming und Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Slamming und Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Immer mehr Schwule greifen zur Nadel, um sich Drogen und Potenzmittel zu spritzen (Slamming). Dass sie dabei auch ein hohes HIV- und Hepatitis-Risiko eingehen, ist vielen nicht klar. Höchste Zeit also, die Safer-Use-Regeln einzuüben, um die Risiken beim Spritzen zu senken. Von Florian Winkler-Ohm

    Slamming & Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Alkohol und andere Drogen gehören für viele schwule Männer seit je zu (Sex-)Partys dazu. In der letzten Zeit aber findet man an Orten, an denen Männer Sex mit Männern haben, immer häufiger auch Nadeln und Kanülen – die „traditionell“ wohl eher mit Heroinabhängigen in Verbindung gebracht werden.

    Spritzen heißt jetzt Slamming

    Beim Slamming spritzen sich viele Konsumierende Methamphetamin – auch bekannt als Crystal Meth, Tina, Ice oder Tweak. Die Droge wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Japan entwickelt. Im Zweiten Weltkrieg nutzten deutsche Soldaten sie massenhaft unter dem Namen Pervitin. Sie sollte wach machen und Ängste im Gefecht unterdrücken – bekannt wurde sie als „Panzerschokolade“ oder „Stuka-Tablette“.

    Seit etwa zwei Jahren ist Crystal Meth in der Partyszene wieder auf dem Vormarsch – zumindest laut Medienberichten. Immer mehr konsumieren es per Spritze, also intravenös. Früher wurde es meist geraucht, geschluckt oder gezogen. Der Grund: mehr Lust, intensiverer Sex, länger „fit“ bleiben. Doch das führt oft zu tagelanger Schlaflosigkeit.

    Eine Studie des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung der Uni Hamburg untersucht derzeit im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums die Verbreitung und Folgen von Meth-Konsum.

    Crystal macht schnell abhängig. Es kann Körper und Psyche langfristig stark schädigen. Doch auch abseits der direkten Wirkungen gibt es Risiken. Die Droge senkt Schmerzgrenzen und steigert Risikobereitschaft. Das führt zu langen, harten Sessions – oft ohne Kondome. Schleimhäute werden stark belastet. So steigt das Risiko für HIV, Hepatitis und andere Infektionen.

    Laut Studien sind bis zu 75 % der Crystal-Konsumenten HIV-positiv. Bei langen Sessions werden HIV-Medikamente oft vergessen. Das kann zu Resistenzen führen und eine neue Therapie nötig machen.

    Wenn die Spritze günstiger als Viagra ist

    Doch nicht nur bei Drogen sind vermehrt Spritzen im Spiel. Auch um eine verlässliche Potenz zu haben, injizieren sich immer mehr Schwule Mittel wie Caverject oder Androskat in den Penis-Schwellkörper; das ist mittlerweile billiger als Viagra und vergleichbare Substanzen. Die Wirkung ist eine ein- bis zweistündige Erektion – bei korrekter Handhabung und richtiger Dosierung. Bei Überdosierung und Überempfindlichkeit gegenüber den erektionsfördernden Wirkstoffen kann es zu einer schmerzhaften Dauererektion kommen. Sollte diese länger als vier Stunden anhalten, droht eine Schädigung des Penisgewebes, die unter anderem zum dauerhaften Verlust der Erektionsfähigkeit führen kann.

    Slamming & Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Doch das sind nicht die einzigen Risiken der Potenzspritzen. Da der Inhalt für bis zu drei Anwendungen reicht, werden Spritzen bei einer Sexsession nicht selten an den oder die Partner weitergegeben. Tibor Harrach, Pharmazeut und Drogenexperte, warnt eindringlich vor diesem „Needle-Sharing“: „Bei der Injektion kann es zu einer kleinen Blutung an der Einstichstelle kommen. Dadurch kann sich bei Patienten, die an einer durch Blut übertragbaren Infektionskrankheit leiden, das Risiko einer Übertragung der Infektion auf den Partner erhöhen. Insbesondere bei Hepatitis B und C reicht für eine Infektion bereits eine unsichtbar kleine Blutmenge aus.“

    Teile niemals deine Spritze mit jemand anderem

    Harrach fordert klare Präventionsbotschaften – so wie sie seit Jahren für Heroin-Konsumierende gelten. Der wichtigste Satz für ihn: „Teile niemals deine Spritze mit jemand anderem.“

    Statt auf Anklage und moralische Verurteilung zu setzen, plädiert er für Aufklärung, Beratung und akzeptierende Ansprache der Szene.

    Zudem rät er zu Impfungen gegen Hepatitis A und B sowie zu regelmäßigen Tests auf Hepatitis C. Denn: Wird Hepatitis C früh erkannt, lässt sich eine Chronifizierung meist verhindern – und auch die Ansteckung weiterer Personen vermeiden.

    Informationen zur Risikominimierung beim Drogengebrauch und wichtige Regeln im Umgang mit verschiedensten Substanzen findest du auf unserer Themenseite Drogen. Eine Anleitung dazu gibt es in der Broschüre „Safer Use“. Diese kannst du hier downloaden.

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  • Schwule Männer in der Corona-Pandemie: „Es herrscht große Verunsicherung“

    Schwule Männer in der Corona-Pandemie: „Es herrscht große Verunsicherung“

    Die Corona-Krise bestimmt seit mehr als einem Jahr unseren Alltag. Hygiene-Maßnahmen, Kontaktbeschränkungen und die Schließung von Safe Spaces können für schwule Männer besonders belastend sein. Das spürt auch Stefan Meier, der als Berater beim schwulen Checkpoints Mann-O-Meter in Berlin-Schöneberg arbeitet. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

    IWWIT: Stefan, du führst im Jahr durchschnittlich 150 Beratungsgespräche. Welche Anliegen haben die Männer, die zu dir kommen?

    Stefan Meier: Wir sind eine der wenigen Einrichtungen, die sich explizit an schwule Männer richtet. Die Gründe für einen Besuch bei uns sind dabei so vielfältig wie das schwule Leben selbst. Manche Männer kommen mit Fragen, die sich um das Coming Out drehen, über den Umgang mit Ängsten und Depressionen bis hin zu allem, was sich rund um die sexuelle Gesundheit dreht. Wir verstehen uns als eine Art Erste Hilfe für die Ratsuchenden. Oft kommen sie zwei-, dreimal zu uns. Wenn sich ihr Anliegen in dieser Zeit nicht klären lässt, vermitteln wir sie gezielt an Beratungsstellen oder Therapeut*innen. Es kommen aber auch ab und zu Mütter zu uns, deren Kinder sich im Coming-out befinden.

    Sexuelle Gesundheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krankheit.

    Ein Mann steht während der Corona-Pandemie in seiner Wohnung beim Fenster. Er trägt eine Maske und schaut sehnsüchtig nach draußen.

    Was verstehst du unter sexueller Gesundheit?

    Das wird ja jetzt fast philosophisch. Sexuelle Gesundheit bedeutet für mich auf jeden Fall mehr als die Abwesenheit von Krankheit im Sinne von viralen oder bakteriellen Infekten. Sexuell gesund zu sein, heißt auch, dass ich Freude an meiner Sexualität habe und mich und meinen Körper kenne und weiß, was mir Lust bereitet oder was eben nicht. Das bedeutet auch, dass man die Möglichkeit wahrnehmen kann, seine Fetische selbstbestimmt auszuleben.

    Was meinst Du mit „selbstbestimmt ausleben“?

    Damit meine ich genau das: deutlich machen, was ich mag und was ich nicht mag, aber eben auch zu wissen, was meinen Sexpartner geil macht und was ich ihm davon geben kann oder will. Wenn sich jemand auf eine Sexpraktik wie Fisting einlässt, sollte diese Person wissen, ob sie das auch wirklich will und geil findet. Es kommt häufig vor, dass wir Dinge tun, weil wir Angst vor Ablehnung haben und nicht wissen, wie die gegenüberliegende Person auf eine Absage reagieren würde. Wenn jemand keinen Analverkehr mag, ist das vollkommen OK. Gleiches gilt auch für den Konsum von Substanzen beim Sex.

    Es kommt häufig vor, dass wir Dinge tun, weil wir Angst vor Ablehnung haben und nicht wissen, wie die gegenüberliegende Person auf eine Absage reagieren würde.

    Nimmst Du seit dem ersten Corona-Lockdown eine Veränderung innerhalb der Community wahr?

    Es herrscht große Verunsicherung, die sich ganz unterschiedlich zeigt. Menschen, die depressiv sind und immer gesagt bekommen, sie sollen in Kontakt mit anderen Menschen sein, und auch gelernt haben, dass ihnen das hilft, nehmen die Einschränkungen als sehr bedrückend wahr. Ihnen fehlt die Nähe und der Austausch mit anderen. Ängstliche Menschen sind durch die Flut an Nachrichten über Corona verunsichert. Viele schwule Männer werden aktuell auf sich selbst zurückgeworfen, da ihnen die Anbindung an ein familiäres Umfeld fehlt – durch die Schließung von Bars, Clubs, Saunen und anderen queeren Einrichtungen fallen Orte weg, die wichtig für ihre seelische Gesundheit sind.

    Durch die Schließung von Bars, Clubs, Saunen und anderen queeren Einrichtungen fallen Orte weg, die wichtig für die seelische Gesundheit schwuler Männer sind.

    Wieso sind diese Orte besonders für schwule Männer so wichtig?

    Ein junger schwuler Mann, der noch zu Hause bei einer Familie lebt, in der sein Schwulsein nicht akzeptiert wird, muss jetzt mehr Zeit mit seiner homofeindlichen Familie verbringen. Dabei sind Konflikte vorprogrammiert, denn ihm fehlt Unterstützung und ein Safe Space, wo er so sein kann, wie er ist. Die sogenannte „Szene“ wird ja oft kritisiert, weil sie kommerzialisiert sei. Im Moment spüren wir aber, wie wichtig ihre soziale Funktion ist.

    Was rätst Du deinen Klienten, die sich aufgrund der Krise einsam fühlen, um gut durch diese schwierige Zeit zu kommen?

    Es ist erst einmal wichtig anzuerkennen, dass es schwierige Zeiten sind. Es hilft auch, sich zu verinnerlichen, dass es vielen Menschen gerade schlecht geht und dass sich viele einsam fühlen. Ich rate meinen Klienten auch, dass sie sich bewusst machen sollen, dass sie wenig an der Situation ändern können. Sie können nicht viel mehr tun, als Abstand halten, eine Maske tragen und ihre Hände waschen. Hilfreicher ist es aktuell, seine Aufmerksamkeit auf Dinge zu richten, die man kontrollieren und verändern kann.  

    Gibt es noch andere Tipps, als positiv zu denken?

    Wenn mir meine Freunde wichtig sind und ich sie nicht sehen kann, lade ich eben zu einem Cocktail via Zoom ein. Wenn ich gerne Wellness mache, dann kann es vielleicht schön sein, öfter zu Baden und ich kann vielleicht mein Badezimmer etwas pimpen und mir so meine eigene Wellnessoase schaffen. Es hilft auch oft schon, Routinen bewusst zu schaffen, die helfen, den Alltag zu strukturieren. 

    Es hilft oft schon, Routinen bewusst zu schaffen, die helfen, den Alltag zu strukturieren.

    Geht es Paaren im Moment besser als Singles?

    Jein. Paare haben im Moment die Herausforderung, dass sie vielleicht mehr Zeit miteinander verbringen als vorher. Wenn beide im Home-Office sind und die Wohnung zu einem Büro verschmilzt, kann das auch schwierig sein und zu Konflikten führen.

    Wie können Paare diese Situation meistern?

    Eine Möglichkeit ist es, zu schauen, wie ich meinen Partner unterstützen kann – beruflich oder bei anderen belastenden Situationen. Eine andere Möglichkeit ist es, sich als Paar neu zu entdecken und zu schauen, was man zusammen machen kann. Es ist aber auch wichtig, dem anderen Raum zu lassen und sich gegenseitig Rückzugsmöglichkeiten zu gönnen. Es kann auch hilfreich sein, zu versuchen, etwas großzügiger mit dem eigenen Partner umzugehen und nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Man sollte manchmal auch versuchen, sich immer wieder klarzumachen, dass hinter Vorwürfen oftmals das Kommunizieren von Bedürfnissen steckt.

    Was ist dein Tipp an Menschen, die den nächsten Lockdown als Singles verbringen?

    Singles sollten sich überlegen, was ihnen guttut und das verstärkt tun. Es ist ja auch jetzt immer noch möglich, sich mit einem Freund oder einer Freundin zu treffen, spazieren zu gehen oder sich zuhause zum Kochen zu verabreden. Oder Mann findet, wenn Mann möchte eben einen Fuckbuddy, mit dem man Sex haben kann und so sein Bedürfnis nach Sex und Nähe befriedigen kann. Das Corona-Testangebot is in deutschen Städten ja mittlerweile auch ausgeweitet, das dazu genutzt werden kann.

    Ein Mann steht während der Corona-Pandemie in seiner Wohnung beim Fenster. Er trägt eine Maske und schaut sehnsüchtig nach draußen.

    IWWIT ist für euch da! Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit in der Isolation oder durch finanzielle Schwierigkeiten.

    Doch wir lassen euch nicht hängen! Deswegen haben wir unsere Kampagne #WirFürQueer ins Leben gerufen: Ihr seid nicht allein! Wir helfen uns gegenseitig! Gemeinsam schaffen wir es durch diese harten Zeiten! Mehr Infos findet ihr auf iwwit.de/wir-fuer-queer.

    Auf gayhealthchat.de beraten wir dich zudem täglich zwischen 17 und 20 Uhr – schnell, vertraulich und kostenlos.

  • „Nicht viel überlegt, sondern einfach gemacht“

    Begleitdienst für Senioren mit Nico Woche (Foto: Guido Woller )
    Begleitdienst für Senioren mit Nico Woche (Foto: Guido Woller )

    Nico Woche (33) arbeitet freiberuflich als Drehbuchautor. Seit Ende 2010 engagiert er sich beim „Mobilen Salon“, einem Angebot der Schwulenberatung Berlin.

    Der kostenlose Besuchsdienst soll verhindern, dass schwule Senioren vereinsamen. Ein Interview über schwule Gemeinsamkeiten in allen Generationen und die Motive für ein Ehrenamt.

    Nico, du engagierst dich bei einem „Besuchsdienst für ältere schwule Männer“ – was macht man da so?

    Die Vereinbarung ist: Ich treffe mich einmal in der Woche mit Rainer*. Manchmal gehen wir was Essen, aber oft laufen wir einfach nur so durch Berlin und unterhalten uns.

    Über was sprecht ihr dann?

    Rainer geht gern ins Theater. Also geht es oft mit Kultur los, und dann kommen wir ins Reden. Manchmal besprechen wir auch sehr Persönliches, was eben gerade so anliegt.

    Klingt nach Smalltalk. Die Kultur ist ja oft auch nur ein Spiel. Erst mal unterhalten wir uns über ein Theaterstück, das Rainer gesehen hat. Man kann nicht sofort darüber sprechen, was einen innerlich bewegt. Das hielte man ja gar nicht aus! Oft sind die persönlichen Sachen auch nur Beiwerk, Inspirationen, die man gar nicht bewusst wahrnimmt. Allein schon mit einem älteren Menschen zusammen zu sein, gibt mir eine andere Zeitperspektive auf mein Leben. Das ist schwer in Worte zu fassen. Aber ich denke mir dann: So alt wirst du auch mal, und zwar bald. Das hilft mir beim Nachdenken, wie ich später mal leben will.

    Ihr seht euch mittlerweile seit fast drei Jahren. Wie würdest du euer Verhältnis beschreiben? Seid ihr Bekannte? Salon-kollegen?

    Inzwischen sind wir längst Freunde geworden. Wir treffen uns circa einmal pro Woche. Manchmal öfter, manchmal seltener, aber immer freiwillig. (lacht)

    Zwischen dir und Rainer liegen fast vier Jahrzehnte. Wo fallen euch Unterschiede auf?

    So groß sind die Unterschiede gar nicht. Wir kommen immer wieder drauf, dass vieles in unseren Leben sogar sehr ähnlich läuft. Rainer hat vielleicht andere Hosen an als ich, aber beim Einkaufen kann er mir mehr Tipps geben als ich ihm. (lacht) Und ob man sich wie heute im Internet verabredet oder wie früher in der Bar – am Ende macht man doch das Gleiche.

    Aber als schwuler Mann lebt es sich heute leichter, oder? Als Rainer so alt war wie du, war Homosexualität gerade erst legalisiert.

    Das schon. Aber im Alltag hat sich so viel nicht verändert. Heute ist es leichter, sich zu outen und trotzdem erfolgreich zu sein. Aber für die Schule gilt das schon nicht mehr. Und die neue Freiheit macht ja auch Druck: Warum outest du dich nicht? Warum sitzt du noch so alleine rum? Es ist doch so einfach, jemanden zu finden! Ich kann mir vorstellen, dass ein Coming-out früher ein ganz anderes Zugehörigkeitsgefühl geschaffen hat. Heute interessiert das keine Sau mehr. Du musst alleine damit klarkommen.

    Warum besuchst du einen älteren schwulen Herrn? Du könntest ja zum Beispiel auch Lesepate einer Grundschülerin sein?

    Ich habe eine Anzeige vom Mobilen Salon in der Siegessäule gesehen. Manchmal hat man ja so ein Gefühl: Da musst du dich jetzt melden! Ich habe nicht viel überlegt, sondern es einfach gemacht. Bei uns ging das dann recht schnell. Rainer war mein erster Salonpartner und ist es bis heute geblieben. Ich finde es schöner, es bei dieser Erklärung zu belassen. Wenn ich jetzt meine Motive durchleuchten wollte, würde ich nur Gründe erfinden. Es funktioniert ja oft so mit Sachen: Man macht sie einfach. Da sollte man hinterher nicht so tun, als hätte es genaue Gründe dafür gegeben.

    www.siegessaeule.de

    Du hast offenbar keine Berührungsängste gegenüber älteren Menschen.

    Ich habe schon neben dem Studium soziale Sachen gemacht, aber damals für Geld. Ich habe als Nachtwache in einer Demenz-WG in Berlin gearbeitet und in Norwegen als ambulanter Altenpfleger. Auch dort war das nicht so sehr Pflege, sondern schon an der Grenze zum Besuchsdienst: Ich habe regelmäßig vorbeigeschaut, Kaffee gekocht und Medikamente kontrolliert. Auch meinen Zivildienst habe ich in Norwegen gemacht, in einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für geistig behinderte Menschen.

    Woher kommt dein Interesse fürs Soziale?

    Beim Zivildienst ist das einfach so passiert. Später war das auch eine praktische Sache: Man hat ja dann Berufserfahrung und bekommt die entsprechenden Jobs. Mir hat das nichts ausgemacht. Es war sogar ein schöner Ausgleich zu meiner Drehbucharbeit, wo ich viele Stunden alleine hinter dem Computer verbringe. Auf der anderen Seite ist so ein Ehrenamt ja nicht nur ein großes Opfer, sondern man tut sich auch selbst etwas Gutes. Dinge zu tun, weil man sie für sinnvoll hält und nicht, weil man dafür bezahlt wird, ist nicht nur sinnstiftend, sondern gibt einem auf merkwürdige Art auch ein Gefühl der Freiheit.

    Beim Mobilen Salon geht es auch darum, die schwule Community zu fördern. Seid ihr beide, Rainer und du, Pioniere der alternden schwulen Gesellschaft?

    Das sind ja nicht nur wir beide. Auch viele andere engagieren sich. Das ist das Gute an der Schwulenberatung Berlin: Sie bietet einen Treffpunkt für die vielen Leute, die hier in Berlin in ihren Wohnungen nebeneinander her leben. Der Mobile Salon ist ja nur ein Anfang, eine Art Kennenlern-Portal. Von da ab sollte man das dann wieder selber organisieren. Ich bin ja nicht angestellt bei der Schwulenberatung. Wenn mir das keinen Spaß mehr macht, kann ich jederzeit raus. Das find ich gut.

    *Name geändert

    Besuchsdienste für schwule Senioren in Deutschland:

    Berlin: Mobiler Salon

    Schwulenberatung Berlin, Ansprechpartner: Oliver Sechting (o.sechting@schwulenberatungberlin.de) und Marco Pulver (m.pulver@schwulenberatungberlin.de), Telefon: (030) 23 36 90 70

    http://www.schwulenberatungberlin.de/

    Frankfurt am Main: Rosa Paten

    Aidshilfe Frankfurt, Ansprechpartner: Norbert Dräger (norbert.draeger@frankfurt.aidshilfe.de), Telefon: (069) 13 38 79 30

    http://www.frankfurt-aidshilfe.de/content/rosa-paten

    München: Das Patenprojekt

    SUB München, Ansprechpartner: Ulrich Fuchshuber, Telefon: (089) 856 34 64 24

    https://www.subonline.org/