Illustration: Harjyot Khalsa, www.harjyotkhalsa.com
Von schwulen Darkrooms und sex-positiven FLINTA-Partys
Bestrafen oder lernen?
Konsens als Prozess

Illustration: Harjyot Khalsa, www.harjyotkhalsa.com

Vielen Dank!
Der Gay Health Chat ist eine Internet-Beratung. Er funktioniert ohne Anmeldung und ist kostenlos. Er richtet sich an Schwule und an alle Männer, die Sex mit Männern haben. Dazu gehören auch trans* Männer, sowie nicht-binäre und gender non-konforme Menschen, die sich der schwulen Community zugehörig fühlen.
Kleine Beratungsstellen und Aidshilfen haben einfach nicht immer das Geld oder die Ressourcen, einen Online-Chat auf die Beine zu stellen. Beim Gay Health Chat stellt die Deutsche Aidshilfe die Technik zur Verfügung und sorgt für gute Qualität. Die Berater schalten sich dann aus 46 Beratungsstellen dazu: aus Österreich, Deutschland und aus der Schweiz.
Alle, die bei uns arbeiten, haben eine Ausbildung zum HIV-/STI-Berater bei der Deutschen Aidshilfe gemacht. Und wir schulen alle regelmäßig in Onlinekommunikation, weil es ja viel schwieriger ist, beim Tippen und ohne Sichtkontakt einzuschätzen, wie es dem anderen geht. Dieses Jahr kommt noch eine Zusatzausbildung zum Ersthelfer bei psychischen Gesundheitsproblemen dazu. Unsere Berater sind alle selbst schwul oder queer und arbeiten z.B. bei schwulen Checkpoints, im IWWIT-Team oder bei Aidshilfen – eine ganz bunte Mischung.
Meistens haben die Fragen mit Sex zu tun. Wir sind ja die Aidshilfe und kennen uns da besonders gut aus. Seit Corona gibt es aber auch immer mehr Leute, die uns anchatten, weil sie sich scheiße fühlen, einsam sind, nicht klarkommen. Denen können wir auch helfen.
Wir tauschen uns viel aus und haben in den letzten Jahren viel über Drogen beim Sex gelernt: Warum ist das besonders geil und welche Schritte sind nötig, wenn es nicht mehr lustig ist – da können wir inzwischen gute Hilfe anbieten. Außerdem hat jeder Berater sein Coming-Out als schwuler Mann erlebt und kann deswegen alle anderen gut verstehen, die das Thema gerade umtreibt. Wie werde ich ein selbstbewusster, mutiger Mensch in dieser Welt? Das zu vermitteln ist unser Ziel.
| Ihr erreicht den Gay Health Chat unter gayhealthchat.de. Alles zum schwulen Leben findet ihr unter iwwit.de/schwules-leben! |

In den 20 Jahren, in denen ich schwul lebe, bin ich natürlich hin und wieder auch diskriminiert worden. Mein Mann und ich wurden beispielsweise auf der Straße beschimpft, weil wir Hand in Hand gingen oder im Internet angefeindet. Dennoch habe ich sicher weniger Alltagsdiskriminierung als andere Menschen erlebt, weil ich als Politiker in einer privilegierten Rolle bin. Meine Partei hat schon immer für die Rechte von LSBTIQ* und anderen Minderheiten gestritten. Da bin ich natürlich von einem sehr sicheren und offenen Umfeld umgeben.
Wenn es um Aufrufe zu Gewalt oder um einen Mordaufruf wie im Fall dieses Hasspredigers geht, zeige ich klare Kante. Da schalte ich den Staatsschutz ein und erstatte Anzeige. Bei meiner politischen Arbeit muss ich leider mit Hasskommentaren im Netz leben, die sich nun, da ich durch mein neues Amt als Queerbeauftragter noch mehr in der Öffentlichkeit stehe, massiv verstärkt haben. Ich ignoriere da vieles, aber auch hier melde ich Kommentare und blocke die Verfasser*innen, wenn Grenzen überschritten werden.
Die LGBTIQ*-Community ist sehr vielfältig – und genau so vielfältig sind die Forderungen, die die unterschiedlichen Gruppen an die Politik stellen. Als Queerbeauftragter bin ich Ansprechperson für alle. Ich versuche zuzuhören und die Bedürfnisse der Community in die Regierungsarbeit einzubringen. Bei aller Unterschiedlichkeit innerhalb der Community sehe ich aber zugleich auch viel Potenzial für Bündnisse. Und ich bin überzeugt: Wenn wir queerpolitisch in dieser Legislatur etwas erreichen wollen, dann brauchen wir dafür gegenseitige Solidarität. Wir müssen gemeinsam für die Rechte der LGBTIQ*-Community eintreten – zum Beispiel aktuell beim geplanten Selbstbestimmungsgesetz, das das sogenannte „Transsexuellengesetz“ ersetzen soll. Da gibt es gerade viel Gegenwind und wir werden noch so manche Diskussion führen und eine Menge Überzeugungsarbeit leisten müssen, bis das Gesetz steht. Aus der Community heraus ist daher Unterstützung wichtig.
Auf jeden Fall sehe ich das als eine meiner Aufgaben an. Ich denke, das Wichtigste ist, miteinander im Gespräch zu bleiben und sich bewusst zu machen, dass wir die ambitionierten Ziele, die wir im Koalitionsvertrag verankert haben, nur erreichen, wenn die Community sich einbringt und solidarisch agiert. Dann schaffen wir in dieser Legislatur einen echten Aufbruch für Vielfalt, Selbstbestimmung und gleiche Rechte von LSBTIQ*-Menschen. Noch im Sommer will ich zum Beispiel den Startschuss für den ersten bundesweiten Aktionsplan für Vielfalt und gegen Queerfeindlichkeit geben.
Die Verbände und Initiativen der queeren Community leisten für diesen Aktionsplan einen sehr wichtigen Beitrag – wir starten einen Dialogprozess darüber, was für sie wichtig und wo weitere Förderung notwendig ist. Auch das Familienrecht soll endlich ein Update bekommen und den gesellschaftlichen Realitäten angepasst werden. Denn Familien sind vielfältig und bestehen nicht immer nur aus Mutter, Vater, Kind. Wir wollen deshalb das Abstammungsrecht reformieren und Mehrelternschaften rechtlich absichern. Bei all diesen Themen gibt es innerhalb der Community verschiedene Interessen, die geäußert und auch gehört werden.
„Medizinisch ist HIV mittlerweile gut beherrschbar. Diskriminierung hingegen macht krank.“
Medizinisch ist HIV mittlerweile gut beherrschbar. Diskriminierung hingegen macht krank. Die Angst vor Zurückweisung und Ausgrenzung wiegt für viele Menschen mit HIV schwerer als die gesundheitlichen Folgen. Ich setze mich deshalb dafür ein, dass der Aktionsplan für Vielfalt und gegen Queerfeindlichkeit auch Maßnahmen wie die Stärkung der Aufklärungsarbeit über HIV umfasst. Hier werde ich das Bundesministerium für Gesundheit und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bitten, sich aktiv einzubringen, um aktuelle Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten bei Ärzt*innen bekannter zu machen und um Stigmatisierung vorzubeugen. Denn niemand mit HIV sollte sich verstecken müssen.
In meinem queeren Bekanntenkreis weitgehend ja. Aber einer heterosexuellen Bekannten, die sehr viele Ängste rund um das Thema HIV und Aids hat, habe ich neulich lange erklärt was PrEP ist und dass eine HIV-Therapie die Übertragung des Virus verhindern kann. Das wusste sie alles nicht und war danach erleichtert und dankbar für die Informationen.
„Die PrEP hat sich in den vergangenen Jahren als hoch effektiver Schutz erwiesen (…). Nun geht es darum, die Versorgung auch auf dem Land sicherzustellen.“
Heutzutage gibt es mit Kondomen, PrEP und Therapie drei gute und wirksame Methoden der Prävention. Die PrEP hat sich in den vergangenen Jahren als hoch effektiver Schutz erwiesen – das zeigen Forschungen des RKI, mit denen die Einführung der PrEP begleitet und evaluiert wurde. Demnach nutzten schon 2020 geschätzt bis zu 21.600 Menschen in Deutschland PrEP, fast überwiegend Männer. Wir wissen auch, dass es sehr große regionale Unterschiede beim PrEP-Gebrauch gibt – insbesondere in Großstädten wie Berlin ist die Nutzung stark verbreitet. Nun geht es darum, die Versorgung auch auf dem Land sicherzustellen und in Regionen, in denen es weniger Ärzt*innen gibt, die PrEP verordnen – und gleichzeitig darum, Infos zur PrEP noch weiter in die Community hineinzutragen.
Ich glaube, fast jeder schwule Mann kennt das Gefühl, in regelmäßigen Abständen auf das Ergebnis eines HIV-Tests zu warten und zu hoffen, dass der Test negativ ist. Diese ständige Angst vor der Ansteckung kann zermürben und war als Belastung oft im Hinterkopf – obwohl Sexualität ja eigentlich befreiend und angstfrei sein sollte. Mit PrEP haben schwule Männer zusätzliche Sicherheit erhalten – für viele ist PrEP eine Befreiung, auch wenn sie natürlich nicht vor anderen STIs schützt.
„Diese ständige Angst vor der Ansteckung kann zermürben und war als Belastung oft im Hinterkopf – obwohl Sexualität ja eigentlich befreiend und angstfrei sein sollte.“
Ich bin bisher beim guten alten Kondom geblieben. (lacht)
Mein Mann und ich achten sehr darauf, dass wir gemeinsame Zeit haben – unser Privatleben ist uns beiden heilig. Die Wochenenden verbringen wir so oft wie möglich zusammen entweder in Köln oder Berlin. Wir gehen dann viel ins Kino, wir interessieren uns für Kultur, Sport und Reisen. Und irgendwie ist die Pendelei zwar anstrengend, aber auch ein guter Beitrag für die Beziehung, weil wir uns dann immer wieder aufeinander freuen.
Empfehlen möchte ich gar kein bestimmtes Beziehungsmodell. Denn wie Beziehungen gelebt werden, was glücklich macht und was erfüllte Sexualität bedeutet, das muss jede*r für sich selbst entscheiden und mit anderen Menschen aushandeln. Was ich aber unbedingt empfehlen möchte, ist Offenheit – in den Partnerschaften, aber auch nach außen. Denn das macht frei und schafft auch neue Räume für andere Menschen, sich auch zu trauen. Selbstbestimmte Sexualität mit wechselnden Partner*innen, verbindliche monogame Partnerschaften und alle Varianten dazwischen: Darüber selber ohne Stigma entscheiden zu können ist Kern einer liberalen Gesellschaft. Und dazu gehört auch eine sex-positive Politik.

Die Studie „positive stimmen 2.0“ hat gezeigt: Der Großteil der befragten Menschen mit HIV kann heute gut mit der Infektion leben. Aber: Viele erleben gleichzeitig alltäglich Diskriminierung und Ausgrenzung!
Das alles hat erhebliche negative Auswirkungen auf den Gesundheitszustand, das Wohlbefinden und die sexuelle Zufriedenheit. Hinzu kommen Scham- und Schuldgefühle.
Außerdem zeigt die Studie: Mehr als 50% der Befragten wurden in den zurückliegenden 12 Monaten mindestens einmal beim Sex zurückgewiesen. Und das, obwohl es Schutz durch Therapie gibt.
Schau dir jetzt unser Video dazu an:
Eine gute Nachricht: Seit es Schutz durch Therapie gibt, erleben immerhin 40 Prozent der Befragten weniger Diskriminierung. Die HIV-Medikamente unterdrücken dabei die Vermehrung von HIV im Körper. HIV kann dann beim Sex nicht mehr übertragen werden.
Wenn du dich also schon gefragt hast, was du selbst gegen die Diskriminierung von Menschen mit HIV machen kannst, dann wäre das genau ein erster Schritt. Erzähl es weiter: HIV ist unter Therapie nicht übertragbar. Sag es deinen Freund*innen, deiner Familie oder Arbeitskolleg*innen.
Und es gibt noch mehr, was du tun kannst. Zeig dich außerdem überall solidarisch, wo Menschen mit HIV ausgegrenzt oder diskriminiert werden! Und informier dich auf iwwit.de! Hier findest du viele weitere Infos zum Leben mit HIV. Und du findest Infos dazu, wie du oder andere sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung wehren können.
Außerdem zeigen wir in unserer Kampagne authentische Bilder von Menschen mit HIV, denn sie sind ein unerlässlicher Teil unserer Community.
Du willst mehr? Dann melde dich bei IWWIT – und sag uns deine Meinung! Oder erzähl uns von deinen Ideen oder Wünschen zum Thema Leben mit HIV: Auf Facebook, Instagram oder klassisch per E-Mail. Wir freuen uns auf dich!

Sex hört nicht auf, nur weil wir älter werden – im Gegenteil. Viele Menschen erleben mit den Jahren eine neue Qualität von Intimität und Lust. Doch „Sex im Alter“ ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema, besonders wenn es um schwule Männer geht.
Mit dem Älterwerden verändert sich einiges: Der Körper reagiert anders, die Libido kann schwanken, und manchmal stehen gesundheitliche Aspekte im Vordergrund. Gleichzeitig gewinnt emotionale Nähe an Bedeutung. Statt Leistungsdruck stehen Achtsamkeit, Vertrauen und neue Erfahrungen im Mittelpunkt.
Auch gesellschaftlich gibt es Nachholbedarf: Sexualität älterer Menschen – insbesondere schwuler Männer – wird oft übersehen. Umso wichtiger ist es, offen darüber zu sprechen.

Mit zunehmendem Alter verändert sich der Hormonhaushalt – insbesondere der Testosteronspiegel sinkt. Das kann Auswirkungen auf die Libido, die Erektionsfähigkeit und die sexuelle Leistungsfähigkeit haben. Diese körperlichen Veränderungen sind vollkommen normal und gehören zum natürlichen Älterwerden dazu.
Trotzdem bleibt Sex im Alter für viele Männer erfüllend – häufig sogar intensiver, weil der Fokus sich verschiebt: weniger auf Leistung, mehr auf Nähe, Achtsamkeit und bewussten Genuss. Wer die Signale seines Körpers erkennt und akzeptiert, kann seine Sexualität im Alter gesund und selbstbewusst leben. Bei Bedarf können auch ärztliche Beratung oder unterstützende Hilfsmittel helfen, Unsicherheiten abzubauen.
Sex im Alter ist nicht nur möglich, sondern kann auch gesundheitlich von Vorteil sein. Studien zeigen, dass regelmäßige sexuelle Aktivität positive Effekte auf Kreislauf, Immunsystem und seelisches Wohlbefinden haben kann. Auch die Prostata profitiert – regelmäßige Ejakulationen können laut manchen Untersuchungen das Risiko für Prostatabeschwerden verringern.
Gleichzeitig können hormonelle Veränderungen oder chronische Erkrankungen Herausforderungen mit sich bringen. Wichtig ist deshalb ein bewusster Umgang mit dem eigenen Körper und die Bereitschaft, über Probleme zu sprechen. Auch sexuell übertragbare Krankheiten werden im Alter oft unterschätzt – regelmäßige Tests und Schutz sind ebenso relevant wie in jüngeren Jahren.
Sex im Alter ist nicht nur körperlich, sondern auch emotional eine Herausforderung und Chance zugleich. Viele Männer kämpfen mit Unsicherheiten, etwa durch körperliche Veränderungen, nachlassende Potenz oder gesellschaftliche Vorstellungen davon, wie „männlich“ oder „leistungsfähig“ Sexualität sein sollte.
Das Selbstbild spielt dabei eine zentrale Rolle. Wer sich selbst akzeptiert und liebevoll mit dem eigenen Körper umgeht, kann auch Intimität wieder neu erleben – frei von Druck oder Erwartungen. Gerade im Alter entstehen oft tiefere, ehrliche Verbindungen, weil viele Männer ihre Bedürfnisse besser kennen und offener damit umgehen. Sexualität im Alter bedeutet nicht Rückzug, sondern oft einen neuen Zugang zu Nähe, Lust und Selbstbewusstsein.

Mit zunehmendem Alter verändert sich oft auch die Dynamik in Partnerschaften und damit die Sexualität. Viele Paare erleben weniger sexuelle Aktivität, dafür aber eine tiefere Form der Intimität. Gespräche über Wünsche, Grenzen und neue Bedürfnisse gewinnen an Bedeutung.
Sex im Alter muss nicht wie früher aussehen. Für manche Paare heißt das: mehr Zärtlichkeit, mehr Achtsamkeit, weniger Leistungsdruck. Für andere kann es bedeuten, neue Impulse zuzulassen oder über lange Tabus hinwegzukommen. Gerade langjährige Beziehungen profitieren von ehrlicher Kommunikation und dem Mut, Dinge neu zu entdecken.
In unserer Gesellschaft ist Sex im Alter noch immer ein Tabuthema – besonders, wenn es um schwule Männer geht. Ältere Körper gelten oft als asexuell, unsichtbar oder nicht mehr begehrenswert. Diese Vorurteile können sich tief ins Selbstbild einschreiben und dazu führen, dass Männer sich für ihre sexuellen Wünsche schämen oder sie unterdrücken. Dabei ist das Bedürfnis nach Nähe, Lust und Intimität keine Frage des Alters. Im Gegenteil: Viele Männer entdecken gerade in späteren Lebensjahren neue Facetten ihrer Sexualität. Umso wichtiger ist es, dass diese Erfahrungen gesehen und anerkannt werden. Sex im Alter verdient Sichtbarkeit, Respekt und einen selbstverständlichen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung.
Sex im Alter darf sich verändern und darf auch neu entdeckt werden. Wer offen bleibt und sich auf die eigenen Bedürfnisse einlässt, kann viel erleben. Kleine Hilfsmittel wie Gleitgel, Potenzmittel oder Sexspielzeuge können unterstützen, wenn sich der Körper verändert. Auch eine entspannte Atmosphäre, Zeit und Vertrauen spielen eine wichtige Rolle. Ebenso wichtig ist Kommunikation: Offen über Wünsche, Ängste oder Grenzen zu sprechen, schafft Nähe, vor allem in neuen Beziehungen. Wer Unsicherheiten verspürt, kann sich auch medizinische oder therapeutische Unterstützung holen.
Das Vorurteil hält sich hartnäckig: Wer alt ist, hat keinen Sex. Von wegen! Vielleicht verschieben sich die Prioritäten und Kuscheln wird wichtiger als ein geiler Fick, aber Sex spielt auch in der Generation 60plus eine Rolle, wie diese vier schwulen Männer beispielhaft berichten.
Ich lebe seit acht Jahren mit meinem Partner zusammen. Vor vier Jahren haben wir geheiratet. Viele Paare schlafen nach einer solchen Zeit nur noch im gleichen Bett, aber es passiert nichts mehr. Bei uns dagegen schon.
Wir haben regelmäßig Sex miteinander, aber auch mit anderen Männern – manchmal gemeinsam, manchmal jeder für sich. Das gibt unserem Sexleben die nötige Würze.
„Wenn wir jemanden zu uns einladen, erwarten wir aber mehr, als einfach hinzulegen und das Loch hinzuhalten. Zum Sex gehört für uns Küssen, Zärtlichkeit, Lecken und Rimmen sowie geiles Blasen.“
Warum so viele Schwule ein Problem damit haben, älter zu werden, ist mir ein Rätsel. Ich habe nach wie vor Sex und empfinde ihn als viel intensiver als in meiner Jugend.
Manchmal suche ich aber auch den Kick: Ich fliege regelmäßig zum FKK nach Gran Canaria. In den Dünen von Maspalomas fühle ich mich frei und genieße es, dass es anderen genauso geht.
„In Bars gehe ich schon lange nicht mehr. Da stehen nur Giraffen: erst langen Hals machen, und schaut man hin, stecken sie den Kopf in den Sand.“
Als ich so jung war wie die Männer, die ich schön und anziehend finde, galt Homosexualität noch als krank und widerwärtig. Ich empfinde es als wunderbar, wenn ein junger Mann neben mir liegt und ich ihm die Liebe geben kann, die mir damals gefehlt hat.
Es ist für mich selbstverständlich, dass ich ihnen für ihre Zärtlichkeit und die Zeit, die sie mit mir verbringen, etwas zustecke.
„Einen professionellen Callboy habe ich aber noch nie bestellt. Das wäre mir viel zu geschäftsmäßig. Ich brauche das Gefühl, gemocht zu werden.“
Jeder hat bestimmte Vorstellungen von einem potenziellen Sexpartner. Ich selbst stehe optisch auf jüngere, sportliche Männer. Aber auch zwischenmenschlich muss es passen. Das macht es mir nahezu unmöglich, sexuell aktiv zu bleiben.
Denn für meine Zielgruppe bin ich ein alter Sack, und ich lebe in einem echten Kaff. Käuflicher Sex kommt für mich nicht infrage.
„Der Verzicht auf Sex bedeutet aber nicht, dass ich frustriert wäre. Ich habe vor allem jüngere Freunde. Außerdem ist mir ein bisschen Erotik durchaus geblieben: Ich bin leidenschaftlicher Ringer.“
Ja. Studien zeigen, dass regelmäßiger Sex im Alter sich positiv auf Herz-Kreislauf, Hormone und psychisches Wohlbefinden auswirken kann. Auch die Prostata profitiert von sexueller Aktivität.
Das ist sehr individuell. Manche haben mehr Lust als früher, andere weniger. Wichtig ist nicht die Häufigkeit, sondern dass Sexualität im Alter den eigenen Bedürfnissen entspricht.
Ja. Potenzmittel, Gleitgel oder Sexspielzeuge können unterstützen, wenn sich der Körper verändert. Auch Beratung durch Ärzt*innen oder Sexualtherapie kann helfen.
Erektionsprobleme sind im Alter häufig. Offene Gespräche mit dem Partner und ärztliche Hilfe können Entlastung bringen. Medikamente oder andere Hilfsmittel sind heute gut verträglich.
Viele Paare erleben weniger Sex, dafür aber tiefere Intimität. Kommunikation über Wünsche und Offenheit für Neues sind entscheidend, um auch im Alter Nähe zu erleben.
Sexualität im Alter wird gesellschaftlich oft tabuisiert. Besonders schwule Männer erleben im Alter Unsichtbarkeit oder Vorurteile. Erfahrungsberichte helfen, das zu ändern.
Lust kann mit dem Alter intensiver, langsamer oder auch bewusster werden. Körperliche Veränderungen beeinflussen das Empfinden – aber nicht die Fähigkeit, Lust zu spüren.
Ob akut oder einfach zur Orientierung – manchmal hilft es, mit jemandem vertraulich zu sprechen.
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Die „Generation Schwulenbewegung“ kommt in die Jahre. Selbstbewusst nutzen die über 60-Jährigen die Angebote der Homo-Szene – solange die Gesundheit mitspielt. Ein Stimmungsbericht aus Hamburg.
„Die Szene tue ich mir mit 70 nicht mehr an“, stellt Karl-Heinz klar. Er will nicht mehr in einer Bar auf seinen Traumprinzen warten. „Man muss sich einfach klarmachen: Für die Szene ist man alt, auch wenn man selbst einen ganz anderen Eindruck hat“, erklärt der pensionierte Berufsschullehrer. „Wenn man sich jeden Tag im Spiegel sieht, merkt man nicht, wie man altert.“
Der Verzicht auf Bars fällt dem Single leicht. Sex sucht er eher im Freien, zum Beispiel im Stadtpark. „Mir macht das Jagen Spaß“, sagt Karl-Heinz und lacht. „Die Typen, die ich da abbekomme, würden mich in einer Bar mit dem Arsch nicht anschauen.“
Cruising kann auch sehr gesellig sein. Bei einem Streifzug durch die Dünen von Ibiza hat Karl-Heinz vor bald 20 Jahren einen fast 20 Jahre jüngeren Mann kennengelernt. Sex hatten sie nicht, aber beim Wiedersehen im Strand-Supermarkt haben sie sich zum Essen verabredet. So lernte Karl-Heinz eine schwule Trekking-Gruppe kennen. Mit ihnen wandert er seitdem jedes Jahr mindestens einmal durch die Mittelgebirge, den Harz kennt er fast auswendig.
In Homo-Bars geht Karl-Heinz nicht mehr – und ist trotzdem gut vernetzt mit anderen Schwulen. Derzeit organisiert er mit einem Ehrenamtskollegen vom schwulen Infoladen Hein & Fiete eine „Gay History Tour“ durch St. Pauli. So wie Karl-Heinz sind viele ältere Männer in der Community präsent – sie sind es so gewohnt. „Es gibt ein hohes Interesse an spezifischen Beratungs- und Freizeitangeboten für schwule und bisexuelle Männer über 50“, sagt Heiko Gerlach. Der Diplom-Pflegewirt hat gemeinsam mit Christian Szillat schwule Hamburger befragt und die Antworten im Auftrag der AIDS-Hilfe Hamburg ausgewertet. „Männerliebende Männer 50 plus in Hamburg“ heißt ihre Studie, die sie unter anderem auf Radio Pink Channel vorgestellt haben. Eine besondere Generation, finden die beiden Fachleute: Sie seien die Ersten, die ihre Homosexualität relativ offen gelebt hätten. Es sei nicht verwunderlich, wenn diese nun offensiv die Berücksichtigung ihrer Lebenslagen im Alter einforderten.
Solange der Körper mitmacht, geht das schwule Leben jenseits der Fünfzig also fröhlich weiter. Auch Eckhard ist vor ein paar Jahren noch regelmäßig in die Sauna gegangen. Er weiß noch, welche Angebote es gibt: Partner-Rabatt am Freitag, Wellness am Sonntag und mittwochs „40up“ mit Preisnachlass für über 40-Jährige. „Für mich könnte sie schon einen ,70up‘-Tag machen“, sagt Eckhard und lächelt. Die letzten Jahre hat der gelernte Elektriker mehr Zeit im Krankenhaus als in der Sauna verbracht. Nach einer Herz-Operation ist Eckhard 2013 in ein Altenheim in St. Georg gezogen, Abteilung „Regenbogen“. „Das hat nichts zu bedeuten“, sagt Eckhard, „ich bin hier der einzige Schwule weit und breit.“
Dass er mal Hilfe bräuchte, konnte sich Eckhard lange nicht vorstellen. Sogar seine HIV-Infektion hat er weggesteckt. 1990 bekam Eckhard die Diagnose und hat durchgehalten, bis die ersten Kombinationstherapien verfügbar waren. „Jetzt bin ich seit über zwölf Jahren unter der Nachweisgrenze“, erzählt er stolz. „HIV macht mir keine Probleme – die kamen erst durchs Älterwerden.“ Inzwischen sind einige zusammengekommen. Auf Eckhards Tisch in dem 20 Quadratmeter großen Zimmer liegen akkurat aufgereiht: ein Armband zum Blutdruckmessen, ein Gerät zur Blutzuckerbestimmung, eine Insulinspritze. Des Weiteren ein Asthmaspray und eine Pappschachtel mit Hustenbonbons. „Diese Vielfalt der Beschwerden macht mich kaputt“, sagt Karl-Heinz. „Da habe ich immer im Hinterkopf: Was kommt als nächstes?“

Auch Jibben macht sich manchmal Sorgen, „dass die Knochen nicht mehr so mitmachen“. Aber davon lässt er sich nicht runterziehen. Sein Gegenmittel: viel machen. Der 68-Jährige betreut drei Websites, darunter das schwul-lesbische Portal hamburg.gay-web.info. „Ich hoffe, dass das ein Grund ist, warum ich oben noch fit bin“, sagt der breitschultrige Mann mit dem weißen Kinnbart und tippt sich dabei an den Kopf. „Philipp ist natürlich auch ein Grund“, fügt Jibben sanft hinzu, „als junger Ehemann, der einen manchmal schon auf Trab hält.“
Seit 15 Jahren ist Jibben mit Philipp (41; gemeinsam auf dem Foto zu sehen) zusammen, 2006 haben die beiden geheiratet. Beim Straßenfest zum Hamburg Pride sitzen die beiden jedes Jahr im Orga-Container, nehmen Fundsachen an und sorgen per Funkgerät dafür, dass jeder Stand Strom und Wasser bekommt. Von der Szene hat Jibben noch nicht genug. „Das liegt auch daran, dass ich mit 50 zum ersten Mal in eine schwule Bar gegangen bin“, vermutet Jibben. „Im Nachhinein hätte ich gerne früher damit angefangen“, sagt Jibben, „weil ich bestimmt einiges verpasst habe.“
Beziehungen mit Altersunterschied werfen viele Fragen auf – besonders in der schwulen Community. In dieser FAQ beantworten wir zentrale Fragen zu Partnerschaft, Akzeptanz, Herausforderungen und gesellschaftlicher Wahrnehmung.
Ein großer Altersunterschied in der Beziehung beschreibt Partnerschaften, in denen mehrere Jahrzehnte zwischen den Partnern liegen. In der schwulen Community ist diese Konstellation vergleichsweise häufig und gesellschaftlich oft sichtbarer als in heterosexuellen Beziehungen.
Ja, viele Beziehungen mit Altersunterschied sind stabil und langfristig. Entscheidend sind nicht die Lebensjahre, sondern gemeinsame Werte, gegenseitiger Respekt und ähnliche Vorstellungen vom Zusammenleben. Der Artikel zeigt, dass solche Partnerschaften über viele Jahre funktionieren können.
Historisch bedingt konnten viele schwule Männer ihre Sexualität erst später offen leben. Dadurch entstehen Begegnungen zwischen Generationen häufiger – etwa in der Szene, im Ehrenamt oder über gemeinsame Interessen. Der Altersunterschied in der Beziehung wird dabei oft bewusst akzeptiert.
Unterschiedliche Lebensphasen, gesundheitliche Themen oder gesellschaftliche Erwartungen können Herausforderungen darstellen. Gleichzeitig berichten viele Paare, dass Offenheit und Kommunikation helfen, diese Unterschiede konstruktiv zu überbrücken.
Das Alter spielt weiterhin eine Rolle, etwa bei Zugang zur Szene oder bei körperlichen Erwartungen. Dennoch zeigt sich zunehmend, dass starre Altersgrenzen an Bedeutung verlieren – insbesondere in Beziehungen, in denen Nähe und Vertrauen wichtiger sind als Zahlen.
Die Wahrnehmung ist unterschiedlich. Während manche Paare mit Vorurteilen konfrontiert werden, erleben andere viel Akzeptanz. Der gesellschaftliche Diskurs hat sich geöffnet, und Beziehungen mit Altersunterschied werden heute differenzierter betrachtet als früher.
Berichte, Erfahrungen und Perspektiven rund um Liebe, Älterwerden, Gesundheit und Zusammenhalt in der Community.
Ob akut oder einfach zur Orientierung – manchmal hilft es, mit jemandem vertraulich zu sprechen.
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Wie zwei Männer eine Partnerschaft führen und Sex haben, ist scheinbar klar. Aber wenn einer trans* ist, tauchen beim anderen manchmal eine Menge Fragen auf. Till (32) kennt das Kopfkino vieler schwuler cis Männer, wenn es um trans* Männer geht. Zwei seiner Ex-Boyfriends sind trans*. Hier erzählt der Wahl-Hamburger, wie seine Freunde reagiert haben und was er aus den Beziehungen mitgenommen hat.
Till, zwei deiner Ex-Freunde sind trans*. Hat sich dein Selbstverständnis als schwuler Mann durch diese Beziehungen geändert?
Nein. Wieso? Wir sind Männer, die sich begehrt und einander geliebt haben. Schwuler geht’s nicht.
Gab es manchmal blöde Reaktionen, wenn ihr draußen unterwegs wart?
Auf der Straße eigentlich nie. Da wir beide jeweils bruchlos als Männer gelesen wurden, haben wir – wenn überhaupt – nur homofeindliche Sprüche abbekommen. So wie sie andere schwule Paare auch zu hören bekommen.
Wie haben deine Freunde auf das Coming-out deines jeweiligen Partners reagiert?
Zunächst mal ist wichtig zu wissen: Nicht alle meine Freunde wussten, dass mein Partner trans* ist. Selbst sehr gute Freunde von mir wissen es zum Teil bis heute nicht. Andere haben es erst nach Monaten mitbekommen.
Warum?
Weil meine Ex-Freunde selbst entscheiden, mit wem sie ihre Transitionsgeschichte teilen – und wann. Das führte zum Teil dazu, dass die Freunde, die dann Bescheid wussten, mit Unverständnis reagiert haben. Sie hätten sich die Offenheit meiner Ex-Freunde gleich gewünscht. Bei hetero Freundinnen habe ich leicht gegenhalten können und gesagt „Du hast mir doch auch nicht erzählt, wie lang der Schwanz deines Freundes ist! “ Bei meinen schwulen Freunden war das nicht so einfach, da herrscht ein sehr offenes Gesprächsklima (lacht). Wenn ich dann gesagt habe: „Das ist nicht euer Business!“ musste ich eben aushalten, der blöde Spießer zu sein. Das ist nicht meine Lieblingsrolle, aber es war mir wichtig – aus Respekt vor meinem Geliebten.
Würdest du sagen, dass es Unterschiede zwischen einem schwulen und einem trans* Coming-out gibt?
Ja, darüber musste ich mir erst klar werden: schwul Sein bezieht sich in der Regel auf die Sexualität und trans* Sein immer auf das Geschlecht. Wir sprechen also von unterschiedlichen Aspekten. Meinen Partnern und mir war es wichtig, als schwule Männer „out and proud“ zu sein. Auch meine beiden Partner hatten also ein schwules Coming-out und gingen mit ihrer Sexualität offen um. Leider habe ich manchmal erlebt wie schwule Männer, die sich als trans* geoutet haben und dann erfahren mussten, dass ihr Geschlecht und damit auch ihre schwule Identität in Frage gestellt wurden.
Kannst du das genauer erklären?
Wenn mein damaliger Partner sich als trans* geoutet hat, wurde seine Männlichkeit oft in Frage gestellt – von denselben Leuten, die ihn vorher schlicht als Mann wahrgenommen haben. Was vorher eindeutig und klar war, führte dann zu dummen Fragen wie „Fühlt ihr euch wirklich als schwules Paar?“ oder „Wie sieht das bei dir untenrum aus?“
Wie bist Du als Partner mit solchen Fragen umgegangen?
Das kam ganz darauf an. Wenn ich das Gefühl hatte, die Frage soll meinen Freund bloßstellen, habe ich meistens eine ebenso intime und übergriffige Gegenfrage gestellt. Auf die entsetzte Reaktion meines Gegenübers konnte ich so knurren „Siehst du, das geht dich gar nix an!“ Wenn die Fragen aber respektvoll gestellt wurden und ehrliches Interesse dahinter stand, hab ich klar gemacht, dass ihre Fragen sehr intim sind und ich Ihnen nichts so persönliches von meinem Freund erzählen werde. Aber ich habe angeboten allgemein über trans* Menschen zu sprechen und versucht auf diesem Weg ihre Fragen zu klären. Manchmal, wenn ich zu genervt von den immer gleichen Fragen war, hab ich aber schon mal schnippisch gesagt: „Google einfach!“
Woher kamen deiner Meinung nach die dummen Fragen?
Zunächst mal glauben immer noch viele Menschen, zwischen den Beinen festmachen zu müssen und können, wer ein Mann ist – und wer nicht. Dabei wissen alle, dass so vieles dazu gehört, ein ganzer Mann zu sein! Für viele Schwule kommt dazu, dass in ihrem sexuellen Verlangen der Schwanz des Partners sehr im Focus steht. Die Vorstellung, dass hier etwas anders sein könnte, als sie es gewohnt sind, verunsichert manche. Das habe ich bei einem sehr guten Freund von mir gemerkt, der meinen Ex unglaublich heiß fand. Er war irgendwann so irritiert, dass er mich einmal ernsthaft gefragt hat: „Sag mal, wenn ihr Sex habt – seid ihr dann nackt?“ Da wurde mir erst klar, welches Kopfkino bei ihm abläuft.
Wo lag sein Problem?
Viele Schwule fühlen sich wohl in ihrer Komfortzone bedroht, wenn sie glauben, dass ihre ihre „klassische“ Vorstellung von schwulem Sex nicht mehr gelten. Dabei kann Sex so geil sein, wenn man sich immer wieder neu auf den anderen einlässt! Das gilt für alle Schwulen, egal ob cis oder trans*. Am geilsten wird es – nach meiner Erfahrung –, wenn wir beide in jedem Moment gemeinsam und achtsam herausfinden, was uns gerade scharf und glücklich macht.
Wie war dein erstes Mal mit einem trans* Mann? Habt ihr vorher ausgehandelt, was passiert?
Für mich war es eher ein Spüren, Fühlen und Tun als ein Reden. Die Situation war auch so gut, dass ich keine Zeit hatte, mir einen Kopf zu machen. Wir haben vier Tage durchgevögelt und immer nur kurz aufgehört, um Essen zu fassen.
Wir sprechen hier über deine ganz persönlichen Erfahrungen. Was nimmst du aus den beiden Beziehungen mit?
Oh, jede Menge! Vor allem dankbar zu sein für viele wundervolle Erlebnisse, so wie bei allen meinen Ex-Freunden, und für sehr vieles, sehr Persönliches … Meine Sexualität ist nicht mehr so genitalfixiert. Es geht so viel! Ich habe nicht nur Mund, Schwanz und Arschloch, sondern auch Arme, Beine, Kniekehlen. Der ganze Körper ist etwas sehr Sexuelles. Entscheidend ist, dass sich die Beteiligten aufeinander einlassen. Seit ich gemerkt habe, dass das Lange nicht immer ins Runde muss, habe ich auch besseren Sex mit cis Männern. (lacht)


Wer traut sich, auf einer Bühne vor Publikum sein Sex- und Liebesleben auszubreiten – seit dem ersten feuchten Traum im Kinderbett bis zu schlechten Erfahrungen mit Crystal Meth? Ben Strothmann hat’s getan – und aktuell kann ihm die Welt online dabei zusehen. In seiner One-Man-Show „Coming Clean“ erzählt der 42-Jährige aus seinem Leben, erst als schwuler Teenager in Milwaukee, dann als drogenabhängiger Escort in New York.
[Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel enthält Diskussionen über Alkohol- und Drogenkonsum, sowie über sexuelle Grenzüberschreitungen.]

Anfangs ist das lustig: seine erste große Liebe zu einem Zeichentrick-Hahn, seine artistischen Verrenkungen, um sich selbst zu blasen – und seine schwule Neugeburt als Schauspieler in New York. Doch plötzlich wird sein Stück ernster. Das Publikum hat noch immer viel zu lachen, aber Ben berichtet, wie ihn sein früheres Leben allmählich fertiggemacht hat. Aus Neugier und Geldnot beginnt er, als Escort zu arbeiten. Er berichtet, wie er seine Freier ausnutzte und wie die ihn im Gegenzug abservierten. Immer stärker bestimmten Drogen sein Leben. Der Titel deutet es an: „Coming Clean“ endet versöhnlich. Ben hat seine Sucht überwunden, weil er Frieden mit sich selbst geschlossen hat. Ein Gespräch über Drogen, Sex, und die Liebe zu sich selbst.
Ben Strothmann: Sehr oft sogar! In meiner Show sage ich sogar einmal zum Publikum: „Hört mal, nicht alle wissen davon. Sagt bitte nicht weiter, was ihr heute Nacht hier hört.“ Zuerst dachte ich, dass ich das Stück nur einmal aufführe und dann nie mehr darüber sprechen werde. Das Lustige daran: Diese erste Aufführung war in einer Kirche, die Judson Memorial Church in New York. Die Gemeinde sieht Künstler*innen als Bot*innen Gottes. Deshalb dürfen sie dort auftreten. Sie sagen dir nicht, was du dort machen darfst oder nicht. Ihre einzige Regel ist: Bitte verzichtet auf Hassreden!
Als ich mit der Show zum ersten Mal auf die Bühne gegangen bin, hatte ich keine Ahnung, dass es Comedy ist. Ich sprach zum Publikum, die Leute lachten, und ich dachte mir: „Oh, das ist offenbar lustig…“ Dabei war mir schon beim ersten Entwurf von „Coming Clean“ klar, dass es ein Stück über radikale Selbstliebe wird. Akzeptier dich so wie du bist – komme, was da wolle! Ganz ohne Grund. Denn: Was kannst du sonst mit deinem Leben anfangen? Ich wollte den Leuten zeigen, wie ich das geschafft habe.
Mir war schon beim ersten Entwurf von „Coming Clean“ klar, dass es ein Stück über radikale Selbstliebe wird.
Die Idee, mit meinem inneren Kind zu sprechen und ihm zu sagen „Ich liebe dich, Ben!“, ist organisch entstanden. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Menschen, den ich vor zwölf Jahren gedatet habe. Damals war ich zum ersten Mal auf Entzug. Ich habe ihm am Telefon erzählt, dass ich begonnen habe mit meinem inneren Kind zu sprechen. So als wäre ich sein Vater. Da habe ich gemerkt, dass er am anderen Ende der Leitung geweint hat. Da fiel mir auf: Oh! Ich habe etwas entdeckt, das anderen hilft, zu lernen, sich selbst zu lieben.

Ja, sehr. Als ich das Stück geschrieben habe, hab ich mich sehr dafür interessiert, wie Leute auf den Gedanken kommen: „Wenn irgendwer wüsste, wie ich wirklich bin, dann könnte er oder sie mich nie lieben“. Warum werden Leute so? Und wie kann man jemandem helfen, der oder die sich in diesen Gedanken verrannt hat? Deshalb öffne ich mich in dem Stück so, um den Leuten zu sagen: „Hört mal! Ich steh hier auf der Bühne und rede darüber, wie ich ins Bett mache und andere Dinge tue, für die ich mich geschämt habe. Aber ich bin bestimmt nicht der Einzige hier im Raum, der sowas erlebt hat. Der Unterschied ist nur: Ich bin bereit, darüber zu reden.“ Alle sollen wissen, dass man offen und ehrlich mit der Welt sein kann – und trotzdem noch liebenswert! Ich möchte den Leuten Schritt für Schritt zeigen: So hab ich gelernt, mich selbst zu lieben. Zum Beispiel weil ich richtig gute Geschichten erzählen kann.
Ich werde hier bestimmt nicht verkünden: „Sex auf Drogen ist so viel besser!“ (lacht) Aber das Gute an dieser Erfahrung war, dass ich es damals geschafft habe, die schlimmen Gedanken abzuschalten, die mir sonst im Kopf rumschwirren. Davor hatte ich noch nie in den Spiegel gesehen und mich als attraktiv empfunden. Diesen besonderen Moment beschreibe ich in meinem Stück: Ich geh ins Bad, schau in den Spiegel und bin begeistert, was ich sehe! Ich denke nur: „Nebenan ist dieser heiße Typ, mit dem ich gleich ins Bett gehe – und er bekommt all das. Nämlich mich! Was für ein Glückspilz!“ Obwohl das Gefühl künstlich erzeugt war, hat es mich befreit. Ich konnte den Sex genießen und fühlte mich mit Rich physisch und spirituell eng verbunden – ohne das blöde Gefühl, dass ich nicht gut genug bin. So wirkt Crystal Meth. Ein Arzt hat mir mal erklärt: „Auf Crystal Meth könntest du Sex mit einem Pferd haben und dabei denken, dass es großen Spaß macht.“ Es beseitigt die Fähigkeit, sich schlecht zu fühlen. Aber nur bis zu dem Punkt, wenn du wieder runterkommst. Dann ist plötzlich alles schrecklich und furchteinflößend.
Crystal Meth beseitigt die Fähigkeit, sich schlecht zu fühlen. Aber nur bis zu dem Punkt, wenn du wieder runterkommst. Dann ist plötzlich alles schrecklich und furchteinflößend.
Es gibt ja nicht den einen, richtigen Weg, um clean zu werden. Und in den „Zwölf Schritten“ steht nicht: „Du darfst keinen Sex haben!“ Aber ich hatte einen erfahrenen „Sponsor“, einen Mentor an der Seite. Er war ein kalifornischer Surfer-Dude mit Riesenbart. Einer seiner ersten Ratschläge war: „Kein Dating und keinen Sex für ein Jahr.“ Ich sagte ihm damals: „Ääääh…? Du kennst mich überhaupt nicht. Wie kommst du überhaupt darauf, zu entscheiden, dass ich das nötig hätte?“ Und er so: „Du wirst sehr mit der Beziehung zu dir selbst beschäftigt sein. Du kannst dich nicht drauf konzentrieren, wenn dich andere Beziehungen nebenher ablenken.“
Ja, weil ich irgendwann im Laufe meiner Entzugsversuche festgestellt habe: Sexdates sind das Einzige, womit ich Alkohol und andere Drogen ersetzen konnte. Es gab Nächte, in denen ich gerade ins Bett wollte und dachte: „Hm. Eigentlich könnte ich noch schnell jemanden einladen.“ Also hab ich ein Date klargemacht, der Typ kam vorbei, wir hatten Sex, und er ging wieder. Danach dachte ich wieder: „Hm. Wenn ich eh gleich ins Bett gehe, kann ich noch schnell einen anderen einladen.“ So hatte ich manchmal drei Männer hintereinander. Ich will mich nicht darüber beschweren, aber ich habe allmählich erkannt: So wie Alkohol und Drogen habe ich einen anderen Menschen als Ausweg benutzt, um nicht mit meinen Gedanken alleine zu sein.
Ich gehe heute viel einfühlsamer mit meinen Sexpartnern um.
Ich glaube, ich gehe heute viel einfühlsamer mit meinen Sexpartnern um. Nach der „#MeToo“-Debatte gebe ich es nur ungern zu, aber viele meiner Sexpartner habe ich nur eingeladen, um sie zu benutzen. So war mein Gehirn damals konditioniert nach sieben Jahren voller Pillen, Alkohol und dem Versuch, vor mir selbst davonzulaufen. Am Ende habe ich erkannt: Ich habe kein Recht, einem Menschen sowas anzutun! Jeder Mensch existiert um seiner selbst willen, jeder Mensch hat seine eigenen Bedürfnisse. Deshalb habe ich mir dann tatsächlich eine sexuelle Auszeit genommen, um mein Verhältnis zu Sex und Intimität zu verändern.
Ja, es wirkt so, als hätte ich für die Pandemie trainiert, oder? Lasst uns nochmal 14 Monate dranhängen! (lacht) Aber im Ernst: Das vergangene Jahr im Lockdown war für mich eine großartige Gelegenheit um zu begreifen, dass ich es sogar genießen kann, allein zu sein. Es fühlt sich dann an, als wäre ein guter Freund von mir zu Besuch. Aber bis zu diesem Punkt war’s ein hartes Stück Arbeit.

Nur ein Beispiel. Früher dachte ich oft, dass mein Freundeskreis sich dauernd verändert. Deshalb hab ich mir buchstäblich eine Tabelle gemacht, um meine besten Freunde nicht zu vergessen. Sie erinnert mich daran: Es gibt Leute, die mich lieben und immer geliebt haben! Manchmal fühle ich mich noch einsam, aber nicht mehr auf eine traurige Art. Inzwischen schätze ich meine eigene Gesellschaft.
Tja… schwer zu sagen. Eigentlich wollte ich im Juli beim CSD in Konstanz auftreten und davor beim „Animal Pride“, einem Festival für Tierrechte. Danach wollte ich durch Deutschland touren. Ich hab schon meine erste Impfdosis bekommen, aber ich weiß natürlich, dass ich das Coronavirus trotzdem noch weitergeben könnte, auch wenn ich selbst nicht erkranke. Da wäre es verantwortungslos, schon rumzureisen. Der Animal Pride ist am 3. Juli, und wir haben schon März… Ich befürchte, so schnell klappt das nicht mit unserer Immunisierung.
Ben Strothmann (42) lebt in New York und arbeitet als Theaterfotograf, Schauspieler und Dragqueen. Als Honey LaBronx moderiert er den Podcast „Big Fat Vegan Radio“ und in seiner „Vegan Drag Queen Cooking Show“ auf YouTube kocht er gutes Essen ohne tierische Zutaten. Eine Aufzeichnung seines Theaterstücks „Coming Clean“ ist bis aktuell online verfügbar (Ticket: 18 Dollar) auf:
www.vegandragqueen.com/coming-clean-a-play-by-ben-strothmann
Infos zu Drogen und Chemsex findest du bei IWWIT unter iwwit.de/drogen. Im Gay Health Chat beantworten wir dir auch live und anonym alle Fragen.
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Anderen zu gefallen ist okay, darf aber nicht zum Kompass des eigenen Handelns werden. Fähnchen im Wind haben wir schon genug, findet Björn, der sich zu dem Thema „offene Beziehungen“ seine Gedanken gemacht hat.
Die meisten Männer haben gerne Sex, und bei schwulen Männern ist das nach meiner Erfahrung nicht anders. Eine Umfrage aus Großbritannien kommt zu dem Ergebnis, dass 41 Prozent von etwa 1.000 befragten schwulen Männern eine offene Beziehung führen, oder geführt haben. 75 Prozent davon finden diese Beziehungsform „großartig“. Auch wenn die Ergebnisse nicht komplett auf Deutschland zu übertragen sind, gibt es doch sicherlich sehr viele bei uns, die das ähnlich sehen. Ich lebe zum Beispiel auch in einer offenen Beziehung, außerdem kenne ich wenige wirklich monogame Schwule. Auf der Facebook-Seite von ICH WEISS WAS ICH TU ergab sich letztens unter einem Post zum Thema „Offene Beziehungen“ eine lebhafte Diskussion, an der ich mich dann beteiligte.
Ich war ziemlich überrascht wie sehr die Meinungen auseinandergingen und geschockt, wie hart diejenigen kritisiert und angegangen wurden, die in offenen Beziehungen leben. „Wieso denken Schwule eigentlich immer nur an Sex?“ „Man muss doch die Partner nicht wie Unterwäsche wechseln!“, oder „Dann braucht man keine Beziehung; da wird das Klischee über die Schwulen wieder komplett bestätigt“ konnte ich da lesen.
Es ärgert mich, dass manche Schwule ebenso homophob argumentieren, wie manche Heteros.
Aufgefallen ist mir dabei, dass es eine Angst gibt, die Klischees zu erfüllen. Scheinbar gibt es eine ganze Reihe schwuler Männer, die sich eher anpassen als die eigene Bedürfnisse zu erkunden und authentisch zu leben. Studien zeigen etwa 57 Prozent der Männer und 47 Prozent der Frauen gehen fremd. Bei schwulen Männern kann man sich die Wahrscheinlichkeit von „echter Treue“ (also auch in den so genannten monogamen Beziehungen, wo dann hinter dem Rücken des anderen fremdgegangen wird) also ausrechnen. Was ich mir allerdings sehr gerne anschauen würde, wäre die Zahl der Kommentatoren, die mich und andere kritisieren, selbst aber nicht anders handeln als ich … Kein Mensch hat das Recht über die Beziehung anderer zu urteilen!
Ich habe meinen Mann vor knapp fünf Jahren kennengelernt und es ging alles sehr schnell: nach einem Jahr waren wir verlobt, ein Jahr später verheiratet. Vom ersten Tag an führten wir eine offene Beziehung – die immer sehr eng war. Wir gehen in allen Dingen offen und ehrlich miteinander um. Genau das finde ich entscheidend: dem Partner nichts verheimlichen zu müssen. Wir schätzen diese Ehrlichkeit beide sehr, auch wenn das manchmal nicht ganz leicht ist.
Das Wort „offen“ bezieht sich auch auf unsere Kommunikation.
Aus meiner Sicht decken sich auch nicht unbedingt die sexuellen Bedürfnisse beider Partner, das müssen sie auch nicht. Es stört mich nicht, wenn mein Mann Dinge, die ich nicht mag, mit anderen macht – im Gegenteil. In offenen Beziehungen wird das jedenfalls thematisiert und das ist schon mal ein wichtiger Schritt. Wenn man sich nicht traut etwas anzusprechen, ist das ein Problem. „Offen“ bezieht sich auch auf unsere Kommunikation.
Allerdings hat mich die Schärfe der Kritik wirklich überrascht. Ich hatte das Gefühl für das „schlechte Bild“ der Schwulen in der Gesellschaft verantwortlich gemacht zu werden. Scheinbar habe ich einen wunden Punkt getroffen. Mein Mann und ich verstecken uns und unsere Bedürfnisse nicht, sondern leben sie aus und sind damit glücklich!
Etwas nicht zu tun, weil andere das bewerten, ist nach meiner Überzeugung der falsche Weg. Anderen zu gefallen ist okay, darf aber nicht zum Kompass des eigenen Handelns werden. Fähnchen im Wind haben wir schon genug. Wichtig ist mir dabei nochmal klarzumachen, dass ich nicht über andere urteile. Wer für sich entschieden hat, monogam zu leben, soll das tun. Jeder sollte den Weg gehen, der den eigenen Bedürfnissen entspricht. Kompromisse einzugehen, nur um nicht Single zu sein, oder Moralvorstellungen anderer zu erfüllen: Nein Danke!