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  • Sexarbeit in Berlin: Raus aus dem Schatten

    Sexarbeit in Berlin: Raus aus dem Schatten

    Welche Idee steckt hinter SMART Berlin – wen beratet ihr und wie läuft eine Beratung üblicherweise ab? 

    SMART Berlin ist eine Beratungsstelle und ein Infoprojekt für (cis und trans) männliche, nicht-binäre und trans weibliche Sexarbeitende. Unser Ziel ist es, den Sexarbeiter*innen vielseitigen Support anzubieten – sei es beim Einstieg, Ausstieg oder einer Umorientierung oder Professionalisierung. Wir bieten Beratung und Informationen zu allen möglichen Themen dieser Arbeit entsprechend: sexuelle Gesundheit, Rechte, Gesetze, Umgang mit Kund*innen und Kolleg*innen, benötigte Ressourcen usw. Sexarbeiter*innen können zu unseren regelmäßigen, wöchentlichen Beratungen kommen. Oder sie kontaktieren uns via Email, Telefon oder Social Media.

    In welcher Lebenssituation stehen die Menschen, die zu Euch kommen? 

    Die Menschen die zu uns kommen, stehen oft an unterschiedlichen Punkten in ihrer Karriere, aber haben alle den Wunsch, ihre Arbeit irgendwie professioneller, erfolgreicher und auch weniger prekär zu gestalten. Manche fangen gerade erst an, andere sind bereits lange dabei. Häufig haben die Leute ein konkretes Bedürfnis, wie bspw. einen STI-Test oder sind auf der Suche nach bestimmten Ressourcen. Oder sie sind sich unsicher, wie sie mit einem bestimmten Gesetz das ihre Arbeit betrifft, umgehen sollen. Da die Lebenswelten von Sexarbeitenden sich häufig ändern, sind viele oft auch nur zu Besuch in Berlin und wir sehen sie dann wieder, wenn sie wieder mal in der Stadt sind.

    Smart Berlin findet ihr unter www.smart-berlin.org

    Welche Fragen tauchen häufig auf?  

    Oft gestellte Fragen betreffen bspw. die sexuelle Gesundheit, welchen wir mit Aufklärung und der Möglichkeit, einen mit uns zusammenarbeitenden Arzt zu besuchen, begegnen. Auch gibt es häufig Unsicherheiten mit dem sogenannten ProstituiertenSchutzGesetz, welches bspw. eine Zwangsregistrierung von Sexarbeitenden vorsieht. Auch hier versuchen wir, möglichst gut über Risiken und auch Rechte aufzuklären. Ansonsten spielt natürlich der Arbeitsalltag eine große Rolle, der Umgang mit Kund*innen, das Bewerben der eigenen Dienstleistungen etc. Nicht selten haben die Menschen auch sehr persönliche Bedürfnisse auszuloten, wie sie mit anderen Lebensfaktoren, wie bspw. Migration oder Transidentität im Bezug auf ihre Arbeit umgehen können.

    Menschen in der Sexarbeit leben und arbeiten leider in einem Schattendasein, teilweise in regelrechten Doppelleben. Dies ist zurückzuführen auf die noch immer anhaltende soziale Stigmatisierung, institutionelle Diskriminierung, sowie gesetzliche Benachteiligung.

    Sex- Arbeit ist sicher weniger tabuisiert als früher – dennoch arbeiten die Menschen in einem Bereich, der gesellschaftlich wenig oder gar nicht anerkannt ist. Wie berührt das die Escorts, mit denen ihr sprecht? 

    Menschen in der Sexarbeit leben und arbeiten leider in einem Schattendasein, teilweise in regelrechten Doppelleben. Dies ist zurückzuführen auf die noch immer anhaltende soziale Stigmatisierung (bspw. mangelnde Akzeptanz von Familie und Freund*innen, mangelnde Wertschätzung der Arbeit und allgemein verbreitete Vorurteile), institutionelle Diskriminierung (wie bspw. auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder im Bankwesen), sowie gesetzliche Benachteiligung (bspw. durch die Pflicht zur Anmeldung oder das Überschneiden mit Migrationsauflagen).

    Bei vielen sorgt dies natürlich für Unsicherheiten und auch (existenzielle) Ängste. Manche verinnerlichen Gefühle von Scham, andere wiederum sind sehr stolz auf sich selbst und ihre Arbeit und fordern die ihnen zustehenden Rechte und Anerkennung. Die Reaktionen auf diese komplexen Probleme sind also sehr verschieden, aber alle sind sich einig, dass ihnen eine bessere Behandlung durch die Gesellschaft aber auch den Staat und die Politik zusteht. 

    An der Stelle sehen wir auch eine gesellschaftliche Verantwortung: In Diskussionen werden Begrifflichkeiten wie (Zwangs-)Prostitution, Menschenhandel und Sexarbeit immer wieder vermischt, was letztendlich allen Betroffenen schadet und ihnen nicht die entsprechend notwendige Unterstützung bietet. Wir sollten den betroffenen Menschen zuhören und sowohl Zwang in den Ursachen abwenden, als auch Sexarbeitende in ihren Bedürfnissen entgegenkommen und sie in ihren Lebenslagen unterstützen.

    In Diskussionen werden Begrifflichkeiten wie (Zwangs-)Prostitution, Menschenhandel und Sexarbeit immer wieder vermischt, was letztendlich allen Betroffenen schadet.

    Nun hatten wir zwei bis drei Jahre Pandemie, wie hat das denn die Sex-Arbeit insgesamt verändert?  

    Während der Pandemie haben die bereits bestehenden Probleme stark zugenommen. Einnahmen gingen den Bach herunter, die Obdachlosigkeit nahm zu. Viele mussten irgendwie weiter arbeiten aber wollten gleichzeitig gesund bleiben. Zeitweise gab es das Verbot zur Sexarbeit, welches als eine der letzten COVID-Maßnahmen gelockert wurde – zu einer Zeit als Clubs, Restaurant und Massagesalons bereits lange wieder offen hatten. Die ohnehin schwierige Situation wurde ausgenutzt, um Forderungen vom Verbot der Sexarbeit salonfähiger zu machen, Sexarbeiter*innen wurden teilweise in alter Manier als Gesundheitsrisiko angekreidet. Natürlich geht da bei den Betroffenen auch Vertrauen verloren, wenn solche diskriminierenden Äußerungen fallen. Wir haben bemerkt, dass das Klima gegen Sexarbeitende teilweise rauer und auch aggressiver wurde, sowohl politisch als auch auf der Straße.

    Gleichzeitig wurden natürlich auch Beratungsstellen wie unsere durch COVID in ihrer Arbeit beeinträchtigt, weswegen wir Unterstützung nicht in einem Ausmaß anbieten konnten wie wir gerne hätten oder wie sie gebraucht gewesen wäre. Wir bemerken, dass die psychische Gesundheit, soziale Isolation, der Verlust von Kontakten und auch der Konsum von Drogen seit der Pandemie vermehrt aufkommende Themen sind.

    Sexarbeiter*innen haben aber unglaublich viel Geduld und Raffinesse, sich an wechselnde Bedingungen anzupassen und einen eigenen Umgang mit diesen zu finden. Gerade der Zugang zu Resourcen und der Austausch mit Kolleg*innen sind hier entscheidende Kriterien, um einen Unterschied zu machen.

    Wir leben in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, beeinflusst das eurer Ansicht nach auch die Sexarbeit?  Können Sexarbeiter*innen noch von ihrer Arbeit leben?

    Natürlich beeinflusst die schwierige Wirtschaftslage auch Sexarbeitende. Nicht nur, dass weniger Geld für sexuelle Dienstleistungen ausgegeben wird und somit weniger Einkommen vorhanden ist, auch sind die Lebenserhaltungskosten gestiegen und mehr Geld geht für Miete, Essen, Kleidung usw. drauf. Wie in allen selbstständigen Berufen, ist es häufig unklar, wieviel Geld man tatsächlich verdienen wird. Mal gibt es einen guten Monat der Rücklagen erlaubt, mal gibt es einen schlechten Monat bei welchem man ans eigene Ersparte muss. Eine Zukunftsplanung ist dadurch nochmal weitaus schwieriger. Viele Sexarbeiter*innen sind daher auch oft in anderen Jobs tätig oder nutzen ihre Skills für andere Berufe, und sorgen somit für eine Art Grundsicherung. Nichtsdestotrotz schätzen viele die Sexarbeit als eine zeitlich relativ flexible und eigenständige Arbeit, um Einkommen zu erzielen. Die ökonomischen Umstände sind für alle Sexarbeitenden sehr verschieden und individuell geprägt. Es gibt Menschen, die mittels Sexarbeit der Armut entkommen wollen und dennoch prekär leben und arbeiten und es gibt genauso Menschen, die sexuelle Dienste sehr erfolgreich anbieten und dies als Vollzeitjob und einzige Verdienstquelle betreiben. In beiden Fällen muss die Tätigkeit als Arbeit verstanden und respektiert werden und der Fokus sollte darauf liegen, wie die Menschen besser, sicherer und selbstbestimmter arbeiten und leben können. Was den Unterschied macht und die Erfahrungen beeinflusst sind häufig sich überschneidende Formen von Diskriminierung oder Privilegien: Sprachkenntnisse, Migrationsstatus, Gender, unterschiedlicher Zugang zu Ressourcen oder Communities etc. Dies alles macht leider einen Unterschied auch im Verdienst und Arbeitsalltag.

    PrEP ist in der Szene ein großes Thema.  Wie geht ihr damit um, was ratet ihr?  Auch im Hinblick auf Geschlechtskrankheiten und sexuelle Gesundheit insgesamt? 

    Unsere Gesundheitsberatung beinhaltet natürlich auch das Thema PrEP und wir raten zur Einnahme von PrEP und vermitteln an Stellen um diese zu erhalten. Gleichzeitig klären wir auch auf, dass PrEP eben nur vor HIV schützt, aber nicht vor anderen, teils sogar häufiger vorkommenden Geschlechtskrankheiten. Daher raten wir zur gleichzeitigen Verwendung von Kondomen – zumal die Nutzung von Kondomen auch im sog. ProstituiertenSchutzGesetz vorgeschrieben ist. [Anmerkung der Redaktion: Kondome schützen vor einer HIV-Übertragung. Sie senken außerdem auch das Risiko, sich mit anderen Geschlechtskrankheiten anzustecken. Einen vollständigen Schutz bieten sie gegen Geschlechtskrankheiten jedoch nicht. Deswegen sind regelmäßige Tests wichtig. Mehr Infos unter neu.iwwit.de/kondome.] Viele Sexarbeitende sind daran interessiert sich nicht mit Geschlechtskrankheiten anzustecken, schließlich ist der eigene Körper auch irgendwo ein Arbeitsmittel und bei einem Ausfall gäbe es keine bezahlte Krankschreibung. Daher stoßen wir auf Interesse und Eigeninitiative bei diesem Thema und merken, dass viele Sexarbeitende bereits mindestens ein gewisses Grundwissen zu dem Thema haben und sich weiter informieren möchten.

    Caspar ist Sexarbeiter. Und er ist trans*männlich. Caspar mag seinen Beruf. Für ihn ist Sexarbeit ein Job, wie jeder andere auch, den er mal toll, mal scheiße findet. Um sich vor HIV zu schützen, nimmt Caspar die PrEP.

    Sex unter Drogeneinfluss, bzw. Substanzen ist ja auch ein Thema, das die Szene beschäftigt.  Was ratet ihr Leuten, die zu euch kommen?  

    Unser Ansatz ist derjenige der sogenannten „Harm Reduction“, also der Reduzierung von Gefahren. Wir klären auf zum sichereren Gebrauch von Drogen oder vermitteln bei Bedarf an medizinisches Personal und Suchthilfen. Bzgl. der Arbeit denken wir, dass es am Besten ist, nüchtern zu arbeiten, auch um möglichen Gefahrensituationen besser begegnen zu können. Doch der Bedarf an Chemsex von Seiten der Kundschaft ist teilweise hoch. Daher appellieren wir auch an die Kundschaft, fair und verantwortungsbewusst beim Buchen sexueller Dienstleistungen zu handeln.

    Aktuell wird das sog. „ProstituiertenSchutzGesetz“ eher als Schikane, Diskriminierung und (Teil-)Kriminalisierung wahrgenommen, denn als Schutz. Was es wirklich bräuchte, wäre eine gesetzliche Gleichbehandlung und die Festschreibung von tatsächlichen (Arbeits-)Rechten – unter Beteiligung und Anhörung von den Sexarbeitenden selbst.

    Ihr seid ja kein aktivistisches Bündnis, aber dennoch die Frage: Habt ihr Forderungen an die Politik, etwa an den Senat, was sich beim Thema Sexarbeit verändern müsste?  Was wünschen sich die Escorts? 

    Als geförderte Beratungsstelle stehen wir im Austausch mit dem Senat und versuchen in verschiedenen Arbeitskreisen unsere Expertise einzubringen. Wir sehen uns dabei klar an der Seite von Sexarbeitenden und versuchen ihre Lage wo möglich zu verbessern. Da die Sexarbeit ein zutiefst politisiertes und reguliertes Berufsfeld ist, haben wir natürlich auch Perspektiven auf die Politik, die vom Kontakt mit unserem Klientel beeinflusst werden. In Berlin haben wir an dem „Runden Tisch Sexarbeit“ mit Senat, Behörden, Betreiber*innen und Sexarbeitenden teilgenommen. Dabei wurden sehr gute Handlungsempfehlungen erarbeitet, welche bisher jedoch nur unzureichend umgesetzt werden. Wir wünschen uns, dass diese Ideen schneller und besser umgesetzt werden. Gleichzeitig müssen Projekte, die Sexarbeitende unterstützen oder sogar von diesen selbst angeführt werden, weiter gefördert und ausgebaut werden.

    Was wir von Sexarbeitenden oft hören, ist dass sie sich eine Überarbeitung der aktuellen Gesetzeslage wünschen. Aktuell wird das sog. „ProstituiertenSchutzGesetz“ eher als Schikane, Diskriminierung und (Teil-)Kriminalisierung wahrgenommen, denn als Schutz. Was es wirklich bräuchte, wäre eine gesetzliche Gleichbehandlung und die Festschreibung von tatsächlichen (Arbeits-)Rechten – unter Beteiligung und Anhörung von den Sexarbeitenden selbst. Solch ein Gesetzestext wäre auch eine wichtige Voraussetzung um der anhalten Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeitenden zu begegnen. Wir müssen hier zum einen bessere Aufklärung in der Gesellschaft leisten, aber auch Gleichbehandlung und eine Verbesserung der Lebenslagen gesetzlich verankern. Wenn aktuell Sexarbeit haufenweise Sonderregelungen unterzogen wird, sie als unmoralisch oder als Gesundheitsrisiko dargestellt werden, dann ist es nicht verwunderlich wenn Diskriminierung gegen Sexarbeitende anhält und sogar existenzielle Probleme durch Institutionen verursacht, bspw. wenn sich jemand nicht für eine Wohnung bewerben kann, weil der Job nicht angegeben werden kann oder wenn eine Bank mal wieder das Konto einer Person in der Sexarbeit sperrt. Wir wünschen uns daher, dass unsere und die wichtige Arbeit anderer Kolleg*innen weiter fortgesetzt und gefördert wird, dass Betroffene selbst mehr Unterstützung erhalten, dass ihre Bedürfnisse auch durch gesetzliche Rechte Antwort erhalten und dass der vielseitigen Diskriminierung und Stigmatisierung durch Aufklärung und Gleichbehandlung begegnet wird.


    HIV-Schutz in der Sexarbeit? Trans* Mann Caspar setzt auf die PrEP! Schau dir hier das Video dazu an: https://www.youtube.com/watch?v=Vxwz_OHgwEU
  • Crystal Meth & Sexdates gegen schlimme Gedanken

    Crystal Meth & Sexdates gegen schlimme Gedanken

    Wer traut sich, auf einer Bühne vor Publikum sein Sex- und Liebesleben auszubreiten – seit dem ersten feuchten Traum im Kinderbett bis zu schlechten Erfahrungen mit Crystal Meth? Ben Strothmann hat’s getan – und aktuell kann ihm die Welt online dabei zusehen. In seiner One-Man-Show „Coming Clean“ erzählt der 42-Jährige aus seinem Leben, erst als schwuler Teenager in Milwaukee, dann als drogenabhängiger Escort in New York.

    [Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel enthält Diskussionen über Alkohol- und Drogenkonsum, sowie über sexuelle Grenzüberschreitungen.]

    Ben fasst sich beim Sprechen mit der rechten Hand ans Herz. im Hintergrund ist ein Foto von Ben als kleiner Junge an die Wand projeziert.

    Anfangs ist das lustig: seine erste große Liebe zu einem Zeichentrick-Hahn, seine artistischen Verrenkungen, um sich selbst zu blasen – und seine schwule Neugeburt als Schauspieler in New York. Doch plötzlich wird sein Stück ernster. Das Publikum hat noch immer viel zu lachen, aber Ben berichtet, wie ihn sein früheres Leben allmählich fertiggemacht hat. Aus Neugier und Geldnot beginnt er, als Escort zu arbeiten. Er berichtet, wie er seine Freier ausnutzte und wie die ihn im Gegenzug abservierten. Immer stärker bestimmten Drogen sein Leben. Der Titel deutet es an: „Coming Clean“ endet versöhnlich. Ben hat seine Sucht überwunden, weil er Frieden mit sich selbst geschlossen hat. Ein Gespräch über Drogen, Sex, und die Liebe zu sich selbst.

    Ben, in „Coming Clean“ erzählst du offen aus deinem Leben, auch über Sexarbeit und Drogenkonsum. Hattest du beim Schreiben manchmal Angst, deine Freund*innen zu schockieren?

    Ben Strothmann: Sehr oft sogar! In meiner Show sage ich sogar einmal zum Publikum: „Hört mal, nicht alle wissen davon. Sagt bitte nicht weiter, was ihr heute Nacht hier hört.“ Zuerst dachte ich, dass ich das Stück nur einmal aufführe und dann nie mehr darüber sprechen werde. Das Lustige daran: Diese erste Aufführung war in einer Kirche, die Judson Memorial Church in New York. Die Gemeinde sieht Künstler*innen als Bot*innen Gottes. Deshalb dürfen sie dort auftreten. Sie sagen dir nicht, was du dort machen darfst oder nicht. Ihre einzige Regel ist: Bitte verzichtet auf Hassreden!

    Zu Beginn wirkt dein Stück wie Comedy. Alles ist zum Lachen. Dann wird es ernster und drastischer. Du beschreibst zum Beispiel, wie du als Escort einem deiner Kunden einen bläst und dabei in Tränen ausbrichst. Schon damals ist dir durch den Kopf gegangen: „Some time this will sound funny like a scene of ,Showgirls‘.“ (Anm. der Redaktion – auf deutsch etwa: „Irgendwann wird dies so lustig wie eine Szene aus ,Showgirls‘ klingen.“)

    Als ich mit der Show zum ersten Mal auf die Bühne gegangen bin, hatte ich keine Ahnung, dass es Comedy ist. Ich sprach zum Publikum, die Leute lachten, und ich dachte mir: „Oh, das ist offenbar lustig…“ Dabei war mir schon beim ersten Entwurf von „Coming Clean“ klar, dass es ein Stück über radikale Selbstliebe wird. Akzeptier dich so wie du bist – komme, was da wolle! Ganz ohne Grund. Denn: Was kannst du sonst mit deinem Leben anfangen? Ich wollte den Leuten zeigen, wie ich das geschafft habe.

    Mir war schon beim ersten Entwurf von „Coming Clean“ klar, dass es ein Stück über radikale Selbstliebe wird.

    In einigen krassen Szenen unterbrichst du dein Stück und sprichst zum „kleinen Ben“, dem Kind in dir. Auf einer Leinwand erscheint dann ein Kinderfoto von dir.

    Die Idee, mit meinem inneren Kind zu sprechen und ihm zu sagen „Ich liebe dich, Ben!“, ist organisch entstanden. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Menschen, den ich vor zwölf Jahren gedatet habe. Damals war ich zum ersten Mal auf Entzug. Ich habe ihm am Telefon erzählt, dass ich begonnen habe mit meinem inneren Kind zu sprechen. So als wäre ich sein Vater. Da habe ich gemerkt, dass er am anderen Ende der Leitung geweint hat. Da fiel mir auf: Oh! Ich habe etwas entdeckt, das anderen hilft, zu lernen, sich selbst zu lieben.

    Ben zieht sich das T-Shirt über Mund und Nase und blickt ängstlich nach links in seinem Theaterstück über Crystal Meth Konsum.

    Ist es dir früher schwer gefallen, dich selbst zu lieben?

    Ja, sehr. Als ich das Stück geschrieben habe, hab ich mich sehr dafür interessiert, wie Leute auf den Gedanken kommen: „Wenn irgendwer wüsste, wie ich wirklich bin, dann könnte er oder sie mich nie lieben“. Warum werden Leute so? Und wie kann man jemandem helfen, der oder die sich in diesen Gedanken verrannt hat? Deshalb öffne ich mich in dem Stück so, um den Leuten zu sagen: „Hört mal! Ich steh hier auf der Bühne und rede darüber, wie ich ins Bett mache und andere Dinge tue, für die ich mich geschämt habe. Aber ich bin bestimmt nicht der Einzige hier im Raum, der sowas erlebt hat. Der Unterschied ist nur: Ich bin bereit, darüber zu reden.“ Alle sollen wissen, dass man offen und ehrlich mit der Welt sein kann – und trotzdem noch liebenswert! Ich möchte den Leuten Schritt für Schritt zeigen: So hab ich gelernt, mich selbst zu lieben. Zum Beispiel weil ich richtig gute Geschichten erzählen kann.

    Eine dieser Geschichten ist dein erstes Mal – mit Crystal Meth und „Rich, dem Dealer“. Er hat dich nicht nur mit Drogen versorgt, ihr hattet auch geilen Sex. Warum hast du diese Begegnung so gut in Erinnerung?

    Ich werde hier bestimmt nicht verkünden: „Sex auf Drogen ist so viel besser!“ (lacht) Aber das Gute an dieser Erfahrung war, dass ich es damals geschafft habe, die schlimmen Gedanken abzuschalten, die mir sonst im Kopf rumschwirren. Davor hatte ich noch nie in den Spiegel gesehen und mich als attraktiv empfunden. Diesen besonderen Moment beschreibe ich in meinem Stück: Ich geh ins Bad, schau in den Spiegel und bin begeistert, was ich sehe! Ich denke nur: „Nebenan ist dieser heiße Typ, mit dem ich gleich ins Bett gehe – und er bekommt all das. Nämlich mich! Was für ein Glückspilz!“ Obwohl das Gefühl künstlich erzeugt war, hat es mich befreit. Ich konnte den Sex genießen und fühlte mich mit Rich physisch und spirituell eng verbunden – ohne das blöde Gefühl, dass ich nicht gut genug bin. So wirkt Crystal Meth. Ein Arzt hat mir mal erklärt: „Auf Crystal Meth könntest du Sex mit einem Pferd haben und dabei denken, dass es großen Spaß macht.“ Es beseitigt die Fähigkeit, sich schlecht zu fühlen. Aber nur bis zu dem Punkt, wenn du wieder runterkommst. Dann ist plötzlich alles schrecklich und furchteinflößend.

    Crystal Meth beseitigt die Fähigkeit, sich schlecht zu fühlen. Aber nur bis zu dem Punkt, wenn du wieder runterkommst. Dann ist plötzlich alles schrecklich und furchteinflößend.

    Du hast mehrere Anläufe gebraucht, um wieder ohne Crystal Meth leben zu können. Die „Zwölf Schritte“ haben dir dabei geholfen. Ein Jahr lang hast du auch auf Sex verzichtet. Wie kam das?

    Es gibt ja nicht den einen, richtigen Weg, um clean zu werden. Und in den „Zwölf Schritten“ steht nicht: „Du darfst keinen Sex haben!“ Aber ich hatte einen erfahrenen „Sponsor“, einen Mentor an der Seite. Er war ein kalifornischer Surfer-Dude mit Riesenbart. Einer seiner ersten Ratschläge war: „Kein Dating und keinen Sex für ein Jahr.“ Ich sagte ihm damals: „Ääääh…? Du kennst mich überhaupt nicht. Wie kommst du überhaupt darauf, zu entscheiden, dass ich das nötig hätte?“ Und er so: „Du wirst sehr mit der Beziehung zu dir selbst beschäftigt sein. Du kannst dich nicht drauf konzentrieren, wenn dich andere Beziehungen nebenher ablenken.“

    Am Ende hast du das durchgezogen?

    Ja, weil ich irgendwann im Laufe meiner Entzugsversuche festgestellt habe: Sexdates sind das Einzige, womit ich Alkohol und andere Drogen ersetzen konnte. Es gab Nächte, in denen ich gerade ins Bett wollte und dachte: „Hm. Eigentlich könnte ich noch schnell jemanden einladen.“ Also hab ich ein Date klargemacht, der Typ kam vorbei, wir hatten Sex, und er ging wieder. Danach dachte ich wieder: „Hm. Wenn ich eh gleich ins Bett gehe, kann ich noch schnell einen anderen einladen.“ So hatte ich manchmal drei Männer hintereinander. Ich will mich nicht darüber beschweren, aber ich habe allmählich erkannt: So wie Alkohol und Drogen habe ich einen anderen Menschen als Ausweg benutzt, um nicht mit meinen Gedanken alleine zu sein.

    Ich gehe heute viel einfühlsamer mit meinen Sexpartnern um.

    Was hast du mitgenommen aus deiner sexuellen Fastenzeit?

    Ich glaube, ich gehe heute viel einfühlsamer mit meinen Sexpartnern um. Nach der „#MeToo“-Debatte gebe ich es nur ungern zu, aber viele meiner Sexpartner habe ich nur eingeladen, um sie zu benutzen. So war mein Gehirn damals konditioniert nach sieben Jahren voller Pillen, Alkohol und dem Versuch, vor mir selbst davonzulaufen. Am Ende habe ich erkannt: Ich habe kein Recht, einem Menschen sowas anzutun! Jeder Mensch existiert um seiner selbst willen, jeder Mensch hat seine eigenen Bedürfnisse. Deshalb habe ich mir dann tatsächlich eine sexuelle Auszeit genommen, um mein Verhältnis zu Sex und Intimität zu verändern.

    Eine nützliche Erfahrung, um den Corona-Lockdown zu überstehen…

    Ja, es wirkt so, als hätte ich für die Pandemie trainiert, oder? Lasst uns nochmal 14 Monate dranhängen! (lacht) Aber im Ernst: Das vergangene Jahr im Lockdown war für mich eine großartige Gelegenheit um zu begreifen, dass ich es sogar genießen kann, allein zu sein. Es fühlt sich dann an, als wäre ein guter Freund von mir zu Besuch. Aber bis zu diesem Punkt war’s ein hartes Stück Arbeit.

    Ben kniet und schaut nach rechts oben. Hinter ihm stehen auf einer virtuellen Tafel verschiedene Kritzeleien, wie "BEN + DOUG" in einem Herz, "I LOVE DOUG", "1 + 1 = BEN LOVES DOUG", oder "GURL!" in einem Kreis.

    Was hilft dir denn dabei, dich okay zu finden?

    Nur ein Beispiel. Früher dachte ich oft, dass mein Freundeskreis sich dauernd verändert. Deshalb hab ich mir buchstäblich eine Tabelle gemacht, um meine besten Freunde nicht zu vergessen. Sie erinnert mich daran: Es gibt Leute, die mich lieben und immer geliebt haben! Manchmal fühle ich mich noch einsam, aber nicht mehr auf eine traurige Art. Inzwischen schätze ich meine eigene Gesellschaft.

    Dein Stück ist noch online. Aber können wir dich auch mal live in Deutschland sehen?

    Tja… schwer zu sagen. Eigentlich wollte ich im Juli beim CSD in Konstanz auftreten und davor beim „Animal Pride“, einem Festival für Tierrechte. Danach wollte ich durch Deutschland touren. Ich hab schon meine erste Impfdosis bekommen, aber ich weiß natürlich, dass ich das Coronavirus trotzdem noch weitergeben könnte, auch wenn ich selbst nicht erkranke. Da wäre es verantwortungslos, schon rumzureisen. Der Animal Pride ist am 3. Juli, und wir haben schon März… Ich befürchte, so schnell klappt das nicht mit unserer Immunisierung.


    Ben Strothmann (42) lebt in New York und arbeitet als Theaterfotograf, Schauspieler und Dragqueen. Als Honey LaBronx moderiert er den Podcast „Big Fat Vegan Radio“ und in seiner „Vegan Drag Queen Cooking Show“ auf YouTube kocht er gutes Essen ohne tierische Zutaten. Eine Aufzeichnung seines Theaterstücks „Coming Clean“ ist bis aktuell online verfügbar (Ticket: 18 Dollar) auf:

    www.vegandragqueen.com/coming-clean-a-play-by-ben-strothmann


    Infos zu Drogen und Chemsex findest du bei IWWIT unter iwwit.de/drogen. Im Gay Health Chat beantworten wir dir auch live und anonym alle Fragen.

    Du nimmst Crystal Meth oder andere Chems zum Sex? Wenn du zufrieden bist und alles läuft, wollen wir dir nicht reinquatschen! Wenn’s doch nicht rundläuft, nicht mehr geil ist und du was ändern willst, sind wir für dich da! Klicke einfach auf aidshilfe.de/chemsex-support-quapsss

    Ben verneigt sich auf der Bühne in seinem Theaterstück über Crystal Meth Konsum. vor einem Publikum, das ihm eine Standing Ovation gibt.