Schlagwort: Stricher

  • Noch mehr von Escorts, Strichern und Jungs, die anschaffen gehen (Teil 2 von 2)

    Noch mehr von Escorts, Strichern und Jungs, die anschaffen gehen (Teil 2 von 2)

    Am Dienstag, 8. April haben wir euch in einem ersten Teil von den vielfältigen Gründen berichtet, warum Männer käuflichen Sex anbieten und welche Arbeitsbedingungen es gibt. Im heutigen zweiten Teil informiert Manuel Hurschmann, Diplom-Sozialpädagoge und Leiter beim Stricherprojekt „Nachtfalke“ der Essener Aidshilfe, einführend über Armutsprostitution. Diesen Aspekt werden wir in den kommenden Woche noch einmal aufführlicher thematisieren.

    Sex4Cash:
    Sex4Cash: ‚Lieber gehe ich anschaffen, als das ich einen Bruch machen muss.‘ (Foto: Fotolia)

    Bei der anderen Seite beim käuflichen Sex – der Armutsprostitution – werden auch die Angebote unserer Einrichtung „Nachtfalke“ besonders häufig in Anspruch genommen: Da sind die ohne geregelten Aufenthaltsstatus in Deutschland. Sie haben keinen Anspruch auf Sozialleistungen und für sie gibt es nur wenige Möglichkeiten, an Geld zu kommen. Oder Männer mit einer Suchtproblematik: So sagte mal einer zu mir „lieber gehe ich anschaffen, als das ich einen Bruch machen muss“ – hier wird der verkaufte Sex zu einer legalen Alternative der Geldbeschaffung. Dann sind da diejenigen, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben und sich für einen Schlafplatz prostituieren. Im Bereich der sogenannten Armutsprostitution treffen wir oft die Menschen an, die mit ihren Problemlagen durch alle Netze fallen – entweder weil sie aufgrund ihrer Herkunft keinen Anspruch darauf haben oder weil sie in bestehende Angebote nicht rein passen. Letzteres ist besonders oft dann der Fall, wenn sich Problemlagen wie eine Sucht und eine psychische Erkrankung addieren. Und wer auf der Straße lebt, für den ist es oft naheliegender anschaffen zu gehen, als morgens um acht Uhr mit perfekt ausgefüllten Antragsformularen beim JobCenter vorzusprechen und Sozialleistungen zu beantragen. Angebahnt wird vielfach in Kneipen oder auf der Straße, wobei nicht immer der Anbieter den ersten Schritt macht und potenzielle Kunden anspricht, sondern auch mal umgekehrt. So kann es dann auch mal zu Missverständnissen kommen, wenn jemanden Geld angeboten wird, obwohl er gar kein Sex für Geld anbietet. Die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich der Prostitution sind in der Regel mäßig bis schlecht, der Sex findet nur im Idealfall in den vier Wänden einer Wohnung oder eines Hotelzimmers

    Auch eine Motivation: 'Ich habe Spass am Sex, warum sollte ich nicht auch Geld damit verdienen?'
    Auch eine Motivation: ‚Ich habe Spass am Sex, warum sollte ich nicht auch Geld damit verdienen?‘ (Foto: Fotolia)

    statt, ansonsten passiert es auf dem Klo einer Stricherkneipe, im Auto oder sonst wo. Sexarbeit kann folglich mit schlechten Arbeitsbedingungen einhergehen und aus einem Mangel an geeigneten Alternativen erfolgen – was übrigens auch auf viele andere Arbeitsfelder zutrifft.

    Neben dem Geldverdienen gibt noch ganz andere Anreize, käuflichen Sex anzubieten. Zunächst bedeutet für viele Sexarbeit einen Zugewinn an Selbstwert. Es gibt auch Anbieter, die sich ihre homosexuellen Gefühlsanteile nicht eingestehen können und dann sagen: „Das mache ich gegen Geld, das ist was anderes.“ Andere hingegen sagen: „Lieber gehe ich in Deutschland anschaffen, als dass ich in meinem Heimatland aufgrund meiner Homosexualität diskriminiert werde.“ Aber auch Aussagen wie „Ich habe Spaß am Sex, warum sollte ich nicht auch Geld damit verdienen?“ stellen Motive dar. Zu dem Statement eines jungen Mannes „Ich habe keinen Spaß mehr am Sex, wenn ich nicht dafür bezahlt werde“ kann man natürlich die ein oder andere kritische Frage stellen, genauso sollte man sich aber auch überlegen, ob man nicht Menschen kennt, die sagen, dass sie niemals Sexualität genussvoll erleben könnten, wenn Geld im Spiel ist.

    Wir wünschen uns vor allem, dass den Anbietern von käuflichem Sex mit Respekt begegnet wird – ganz gleich aus welchen Gründen sie Sex 4 Cash anbieten.

  • Von Escorts, Strichern und Jungs, die anschaffen gehen – Einblicke in eine (ziemlich) unbekannte Szene

    Von Escorts, Strichern und Jungs, die anschaffen gehen – Einblicke in eine (ziemlich) unbekannte Szene

    Manuel Hurschmann ist Diplom-Sozialpädagoge und leitet das Stricherprojekt „Nachtfalke“ der Essener Aidshilfe. Er erzählt uns von den vielfältigen Gründen, warum Männer käuflichen Sex anbieten sowie von den Arbeitsbedingungen der Anbieter, die sehr unterschiedlich sein können.

    Sex4Cash findet nicht immer im Bett oder in einer Wohnung statt. (Foto: Fotolia)
    Sex4Cash findet nicht immer im Bett oder in einer Wohnung statt. (Foto: Fotolia)

    Wenn es darum geht, dass sich Menschen prostituieren, reagieren viele mit Gefühlen, wie Befangenheit und Ablehnung. Dass es aber auch ein anerkannter Beruf ist, vergessen viele – auch wenn sicherlich nicht jeder Anbieter diese Möglichkeit für sich nutzt. Und genauso wie bei jedem anderen Beruf auch, gibt es eine Vielzahl von höchst individuellen Motiven, die einen Mann dazu bewegen, in der Sexarbeit tätig zu werden. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings nicht, dass auch jeder Anbieter den käuflichen Sex zu seinem Beruf erklärt. Denn es gibt viele, die darin nur eine Form der Überlebensstrategie sehen oder es als Möglichkeit zur Verbesserung ihrer Lebenssituation definieren. Es wird also deutlich, dass es sich beim Thema käuflicher Sex um ein breites Spektrum handelt, das ich nachfolgend darzustellen versuche.

    Der wohl häufigste Ort der Anbahnung ist das Internet. Hierfür braucht es allerdings zwei Voraussetzungen, die erst einmal simpel klingen: Den Zugang zum Netz und die Fähigkeit zur schriftlichen Kommunikation. In einigen Fällen übernehmen aber auch andere die Kommunikation mit dem Kunden, das ist zum Beispiel der Fall, wenn in einer Agentur gearbeitet wird. Manche Agenturen funktionieren wie ein Bordell und haben eigene Zimmer, andere besuchen ihre Kunden nur im Hotel beziehungsweise zuhause. Wer dort arbeitet, macht das schon recht professionell und eher auch regelmäßig.

    Bei den sogenannten Gelegenheitsprostituierten ist das – wie der Name schon sagt – weniger der Fall. Sie nutzen entweder ihr normales User-Profil auf den blauen Seiten oder haben ein Escortprofil, reagieren auf Anfragen von Kunden oder schreiben selber welche an. Sie nutzen das oft, um sich etwas dazu zu verdienen. Das so verdiente Geld wird für vielfältige Zwecke genutzt: das reicht vom Kauf von Suchtmitteln, geht über das Anschaffen der neuesten Designerklamotte und geht bis hin zur Optimierung des BAföG.

    Prostitution ist in Deutschland legal. (Foto: Fotolia)
    Prostitution ist in Deutschland legal. (Foto: Fotolia)

    Und natürlich gibt es eine Vielzahl von sehr professionell arbeitenden Anbietern, die sich nie als Stricher, sondern immer als Escort bezeichnen würden und nicht an eine Agentur angebunden sind. Einige sind haupt- andere nebenberuflich tätig. Sie verfügen in der Regel ebenfalls über ein entsprechendes „Anbahnungs-Profil“. Unter ihnen findet man auch oft Anbieter im fortgeschrittenen Alter. Gerade die älteren Anbieter spezialisieren sich häufig auf spezifische Sexpraktiken. Manche bezeichnen genau das als ihren Traumberuf. Sie arbeiten entweder in eigenen Studios oder suchen die Kunden zuhause beziehungsweise im Hotel auf. Professionalisierung kann soweit reichen, die eigene Steuernummer in seinem Profiltext anzugeben. Ein professioneller Escort zeichnet sich dadurch aus, dass er sehr genaue Vorstellungen vom Umfang und den Grenzen seiner Angebote hat – eben das, was eine echte Dienstleistung ausmacht.

    Es gibt aber auch noch eine andere Seite beim käuflichen Sex: die Armutsprostitution. Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag, in den kommenden Tagen.

  • Sexarbeit und Corona: Wider die Ausweitung der Verbotszone

    Sexarbeit und Corona: Wider die Ausweitung der Verbotszone

    Gegner_innen der Sexarbeit instrumentalisieren die Corona-Krise und werben für ein bundesweites Sexkaufverbot. Dabei gehören Sexarbeiter_innen eh schon zu den besonders hart Getroffenen.

    In der Corona-Krise wittern die Befürworter_innen eines Sexkaufverbots Morgenluft. Ende September trafen sich darum nicht zufällig über hundert Aktivist_innen vom „Bündnis Nordisches Modell“ zum großen Ratschlag in Bonn. Zu den Redner_innen gehörten die wichtigsten Akteur_innen der Bewegung: Alice Schwarzer (Herausgeberin und Geschäftsführerin der EMMA), Inge Bell von „Terre des Femmes“ oder Sabine Constabel vom Verein „Sisters“.

    „Die hoffen alle, die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie instrumentalisieren zu können, um ein Sexkaufverbot durchzusetzen“, sagt Daria, Sprecherin des Berufsverbands für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) in Baden-Württemberg und seit Ende Oktober 2020 Mitglied im Vorstand der AIDS-Hilfe Stuttgart ist.

    Vor allem der Südwesten hat sich zum Kampfplatz der „Abolitionist_innen“ entwickelt, wie die Aktiven der Bewegung sich in Anlehnung an die Sklavenbefreiung in den USA gerne nennen. Das liegt entscheidend an der baden-württembergischen SPD-Bundestagsabgeordneten Leni Breymaier, die als ihre politische Speerspitze agiert. In langer Kärrnerarbeit hat Breymaier sowohl ihren SPD-Landesverband als auch die Stadt Stuttgart hinter sich gebracht.

    Stigmatisierung von Sexarbeiter_innen schadet der Prävention

    Inhaltlich bewegen sich die Befürworter_innen eines Sexkaufverbots auf überraschend dünnem Eis. Vordergründig geht es ihnen um hehre Ziele: Frauenrechte und die Bekämpfung des Menschenhandels. Ob das Sexkaufverbot aber tatsächlich die Sexarbeit und den Menschenhandel eindämmt, ist nicht ausgemacht. Die Methodik vieler Studien ist angreifbar, Daten lassen sich unterschiedlich interpretieren.

    Die Frage aber, wie Stigmatisierung von Sexarbeit ohne gleichzeitige Stigmatisierung der in ihr Tätigen in einer Gesellschaft funktionieren soll, die Sexarbeiter_innen bis heute diskriminiert und marginalisiert, lassen die Befürworter_innen offen.

    Auf der anderen Seite kämpft derweil ein breites Bündnis für Verbesserungen im Lebensalltag von Sexarbeitenden, wenigstens aber für den Erhalt des Status quo. Es reicht vom Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) über die Deutsche Aidshilfe, den Deutschen Frauenrat und den Deutschen Juristinnenbund bis hin zur evangelischen Diakonie. Sie alle befürchten, dass mit einem Sexkaufverbot vor allem die gesellschaftliche Diskriminierung von Prostituierten zunimmt und Gesundheitsprävention erschwert wird.

    Situation bei mann-männlicher Sexarbeit

    Auch die cis, trans* und queere Sexarbeiter_innen waren und sind von den Corona-Maßnahmen besonders betroffen. In einem gemeinsamen Positionspapier haben Stricherprojekte schon im Frühsommer für den Bereich „junger sexarbeitender Cis-Männer und Queers*“ während der Einschränkungen durch Corona festgestellt: „Zum Teil haben Sexarbeitende keine Alternative, ihre Arbeit auszusetzen. Zu ihrer Überlebenssicherung müssen sie situativ und selbstbestimmt in Kauf nehmen, sich gesundheitlichen Gefahren und Risiken auszusetzen, sowie den Bußgeldern. Dies trifft auch insbesondere auf die sexuelle Arbeit von Cis-Männer*, Queers* und trans*-Menschen in Szenekontexten zu. […] Aktuell wird die Bedrohung von Obdachlosigkeit durch die ausfallenden Einnahmen noch verstärkt. Da die Belegung von Notunterkünften allgemein reglementiert ist und zu Zeiten von Covid-19 stark eingeschränkt wird, bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als auf der Straße zu bleiben.“

    Viele seien durch das Prostitutionsverbot und den damit einhergehenden Verlust ihrer Einnahmequellen in frühere Gewaltsituationen zurückkatapultiert worden: „Das Zurückdrängen in die Kernfamilie, in gewaltvolle Abhängigkeitsbeziehungen, in Flüchtlingsunterkünfte und auf die Straße ist in der aktuellen Situation eine noch größere Herausforderung.“

    Die Notlage führt zu größerer Gefährdung von Sexarbeiter_innen

    Ähnliches gilt auch für cis-weibliche und trans* Sexarbeitende. „Die Freier werden krasser“, sagt Daria Oniér, „denn wer treibt sich schon im Dunkelfeld herum: Leute, die nix ausgeben wollen, Leute mit hohem Druck oder Gewalttätige.“

    BesD-Pressesprecher André Nolte beschreibt die Situation so: „Vereinbarungen werden gebrochen. Das Drücken der Preise kommt häufig vor, ist dabei aber nicht einmal das größte aller Probleme. Gerade als Frau passiert es dir – wenn du nicht mehr im Bordell tätig sein kannst, sondern in eine Wohnung musst –, dass da auf einmal zwei Typen statt einem sitzen.“

    Viele Sexarbeiter_innen wurden in frühere Gewaltsituationen zurückkatapultiert

    Auch der Menschenhandel machte unter Corona-Bedingungen keine Pause, wohl aber seine Bekämpfung. So gab der Berliner Senat in seiner Antwort vom 17. September auf eine Kleine Anfrage der FDP im Berliner Abgeordnetenhaus zu, dass „verdachtsunabhängige Kontrollen … nicht durchgeführt“ wurden, weil „die auf der gezielten und einvernehmlichen Ansprache der Sexarbeitenden basierende Vorgehensweise in einer Zeit, in der die Prostitution nach der SARS-CoV-2-Infektionsschutzverordnung verboten war, praktisch nicht durchführbar“ gewesen sei. Auf gut Deutsch: Wer Bordelle schließt und Sexarbeit verbietet, vergibt eine wesentliche Chance, Menschenhandel und Zwangsprostitution effektiv zu bekämpfen.

    Sexarbeit: Kurzer Herbst der Verbotsaufhebungen

    In Berlin war, wie in den meisten Bundesländern, Sexarbeit nach dem Verbot im Frühjahr und Sommer im Herbst unter vielfältigen Auflagen wieder erlaubt. Die Veränderung hat auch Ralf Rötten von „Hilfe für Jungs e.V.“ gespürt. Das ist ein Berliner Projekt für junge Männer, die anschaffen gehen. Er sagt: „Viele unserer Klienten, die zu Anfang der Corona-Krise weg waren, sind aus den Heimatländern zurückgekehrt.“

    Eine Normalität hat sich dennoch nicht eingestellt. Durch die strengen Hygienekonzepte kamen weniger Besucher in die Anlaufstelle des Vereins am Rande des Schwulenkiezes in Berlin. Es durfte nicht mehr übernachtet werden, außerdem mussten Besucherlisten geführt werden – was natürlich im Widerspruch zu anonymer Beratung steht, aber verpflichtend war, weil die Einrichtung als gastronomieartiger Betrieb gilt.

    „Sexarbeitende sind doch nicht erst seit Corona mit dem Thema Gesundheit konfrontiert“

    Auch Rötten beobachtet, wie sehr die Sexkaufverbots-Lobby in der Krise Oberwasser bekommen hat, und warnt: „Wenn es eine Illegalisierung von Freiern gibt, dann betrifft das alle Freier, was in der schwulen Szene offensichtlich noch nicht angekommen ist. Wir müssen uns aktiv für den Erhalt einer vielfältigen, aber gleichzeitig auch fairen Landschaft der sexuellen Dienstleistungen einsetzen.“

    In den meisten Bundesländern blieb, wie in Berlin, ein generelles Prostitutionsverbot bis Anfang September bestehen. Länger als in vergleichbaren Branchen körpernaher Dienstleistungen und dies, obwohl der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen ein detailliertes Hygienekonzept vorgelegt hatte. Dieses reichte vom Kund_innengespräch mit Mund-Nasen-Schutz über Corona-kompatible Stellungen bis zum Lüften danach. „Sexarbeitende sind doch nicht erst seit Corona mit dem Thema Gesundheit konfrontiert“, sagt BesD-Spreche André Nolte. „Wieso müssen in vielen Bundeländern die Gerichte das der Politik erklären?“

    Der November-Lockdown trifft wieder einmal auch Sexarbeiter_innen besonders hart

    Mitte Oktober waren nur noch Hessen und Mecklenburg-Vorpommern Verbotszonen für Sexarbeit, doch mit dem zweiten „Lockdown“ ab dem 2. November sind Sexarbeit und die meisten „körpernahen Dienstleistungen“ wieder verboten. In der Berliner Infektionsschutzverordnung heißt es zum Beispiel, die „Erbringung und Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen mit Körperkontakt und erotische Massagen“ seien untersagt, in Nordrhein-Westfalen ist der „Betrieb von Bordellen, Prostitutionsstätten und ähnlichen Einrichtungen untersagt“.

    Die Lage für Sexarbeiter_innen ist also wieder düster, die Zukunft ungewiss. Die letzten Wochen haben aber eines gezeigt: Wer in Baden-Württemberg und anderswo in Deutschland Sexarbeitende vor Diskriminierung und der Illegalisierung ihrer Arbeitsumstände schützen will, braucht in diesen Zeiten mehr als je zuvor einen langen Atem

    Sexwork is real work
    Foto: DAH | Renata Chueire

    Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erscheint bei uns in einer gekürzten Version. Die Langversion ist bei den Kolleg_innen von magazin.hiv erschienen.

  • Wo schlafe ich heute Nacht?

    Wo schlafe ich heute Nacht?

    Das „BASIS-Projekt“ in Hamburg unterstützt Stricher. Dabei geht es oft um grundlegende Bedürfnisse wie schlafen, essen und Wäsche waschen. Eine Reportage von Philip Eicker

    Das Herzsück des BASIS-Projektes: die Waschmaschine (Foto: BASIS-Projekt)
    Das Herzsück des BASIS-Projektes: die Waschmaschine (Foto: BASIS-Projekt)

    Waschmaschinen murmeln, ein Trockner rumpelt. So klingt es im Herzstück des Hamburger „BASIS-Projekts“, einer fensterlosen Kammer in einer ehemaligen Schwulendisko. Die Luft ist saunawarm und trocken, es duftet nach Waschmittel und Tabak. Auf dem Boden etwa drei Dutzend Reisetaschen, Rucksäcke und Plastiktüten, dazwischen ein zusammengeknäultes T-Shirt, ein einzelner Turnschuh. All das gehört jungen Männern, die hier in St. Georg auf den Strich gehen. Die meisten haben keine feste Unterkunft, geschweige denn eine Waschmaschine. Das BASIS-Projekt will ihre grundlegenden Bedürfnisse stillen: essen, trinken, duschen, ein paar Stunden schlafen, Wäsche waschen.

    „Was für die meisten Deutschen zur Grundversorgung gehört, ist für unsere Klienten keine Selbstverständlichkeit“, sagt Gerhard Schlagheck. Der 45-jährige Mann mit den markanten blonden Koteletten ist Sozialarbeiter bei BASIS. Seit 1986 kümmert sich das Hamburger Projekt um männliche Prostituierte, die vor allem in St. Georg anschaffen gehen. Das angesagte Bahnhofsviertel ist auch Zentrum der schwulen Szene. Hier sind nachts die BASIS-Mitarbeiter wie Gerhard Schlagheck unterwegs. Sie tragen eine große Umhängetasche mit der Aufschrift „Streetworker“, verteilen Infomaterialien in mehreren Sprachen – und Cruising-Packs, bestehend aus Kondom und einem Tütchen Gleitgel. „Ein guter Anknüpfungspunkt“, sagt Schlagheck. „Zur Not kann ich auch ein Beratungsgespräch am Tresen improvisieren.“ Vor allem aber lädt er die jungen Männer ein, beim BASIS-Projekt vorbeizuschauen. Der Großteil der Stricher ist zwischen 18 und 22 Jahre alt, nur ein Fünftel hat die deutsche Staatsbürgerschaft.

    Gerhard Schlagheck ist seit 1996 Sozialarbeiter beim BASIS-Projekt. (Bild: privat)
    Gerhard Schlagheck ist seit 1996 Sozialarbeiter beim BASIS-Projekt. (Bild: privat)

    Die wenigsten Stricher haben eine feste Bleibe. Die meisten stehen jeden Abend vor der Frage: Wo schlafe ich? Manche kommen bei Freunden unter, andere bei ihren Freiern. Andere bringen die Nacht im Halbschlaf hinter sich, im Pornokino, auf dem Barhocker, auf einer Parkbank. Hier hilft BASIS mit Ruheräumen: So können die Stricher zumindest ein paar Stunden Mittagschlaf halten. Der Schlafplatz in der Anlaufstelle wirkt auf den ersten Blick nicht einladend: Ein fensterloser Raum mit einem Stockbett aus Metall, Matratzen mit schwarzem Gummibezug. „Den kann man leicht desinfizieren“, erklärt Gerhard Schlagheck. Eine Leselampe spendet etwas Gemütlichkeit. Außen an der Tür klebt eine Liste, auf der sich die Schlafbedürftigen eintragen müssen. Komfortabler ruht man in zwei Wohnungen des Projekts mit jeweils fünf Schlafplätzen. Vor allem Minderjährige finden so kurzfristig eine Unterkunft. „In der Wohnung können sie sich ausschlafen und erholen“, sagt Gerhard Schlagheck, „und nach einer besseren, dauerhaften Wohnform suchen.“

    Haben die Männer erst einmal ihre grundlegenden Bedürfnisse befriedigt, erhalten sie bei BASIS weitergehende Unterstützung. Die Beratungsthemen sind vielfältig: Wohnungslosigkeit, Krankheit, Strafverfolgung wegen Schwarzfahren oder einem fehlenden Ausweis. Auch zwischenmenschliche Probleme kommen zur Sprache. Ein wichtiger Kooperationspartner ist CASA Blanca, die zentrale Hamburger Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten. Für Menschen ohne Krankenversicherung ist sie oft die einzige Möglichkeit, eine rudimentäre Gesundheitsversorgung zu bekommen. Auch bei BASIS hält einmal pro Woche eine Ärztin Sprechstunde. Eine Grundversorgung ist möglich, für eine langfristige Behandlung fehlt das Geld. Das „Dr. Georg“ genannte Angebot wird nur durch Spenden finanziert.

    Das BASIS-Projekt ermöglicht auch eine medizinische Grundversorgung. (Foto: BASIS-Projekt)
    Das BASIS-Projekt ermöglicht auch eine medizinische Grundversorgung. (Foto: BASIS-Projekt)

    Das BASIS-Projekt lindert Not, das Leben seiner Klienten umkrempeln kann es nicht – und will es auch gar nicht: „Meinen Erfolg messe ich, indem ich mir erreichbare Ziele setze“, betont Gerhard Schlagheck. Zum Beispiel, wenn ein Stricher bei BASIS regelmäßig duscht. „Wer sich um seinen Körper sorgt, ist auch in einer sexuellen Risikosituation eher bereit, aufzupassen.“ HIV-Prävention war der Grund, warum die Stadt Hamburg das BASIS-Projekt vor 20 Jahren ins Leben rief. „Die Gesundheitsberatung steht nach wie vor an erster Stelle“, betont Gerhard Schlagheck. „Aber heute setzen wir den Fokus auch auf andere sexuell übertragbare Krankheiten.“ Zur Zielgruppe gehören auch die Kunden der Stricher. „Die gesundheitspräventive Arbeit des BASIS-Projekts soll beide am sexuellen Kontakt Beteiligten erreichen“, so Gerhard Schlagheck.

    Auf die Frage nach Veränderungen erklärt er: „Auf dem Strich ändern sich die Dinge schleichend, zum Beispiel wenn sich die Herkunft unserer Klienten ändert.“ Als Gerhard Schlagheck 1996 beim BASIS-Projekt eingestiegen ist, kamen die meisten Stricher aus Tschechien, später aus Rumänien, heute aus Bulgarien. „Jede dieser Gruppen bringt ihre kulturellen Besonderheiten mit. Auf die müssen wir uns einstellen.“ Und auf die Sprache natürlich. Aber egal, woher die jungen Männer kommen, die ihren Körper verkaufen, ihre Motive und Nöte gleichen sich. Zuerst einmal müssen sie jeden Tag wieder klären: Wo schlafe ich heute Nacht?

    Zur Website des BASIS-Projekts: http://basis-projekt.de.
    Das Projekt freut sich über Geld- und Sachspenden, zum Beispiel in Form von Kleidung. Nähere Informationen bietet der Trägerverein „Basis & Woge“ unter www.basisundwoge.de/spenden