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  • Trans, Macht und Hoffnung – Das letzte Aufbäumen der alten weißen Zweigeschlechtler

    Trans, Macht und Hoffnung – Das letzte Aufbäumen der alten weißen Zweigeschlechtler

    Ich komme aus einer Zeit, in der wir Transaktivist*innen nicht gesucht wurden. Im Gegenteil: Wir mussten mit massivem Nachdruck den Fuß in die Tür bekommen, um mitspielen zu dürfen. Geschweige denn, dass wir für unsere Arbeit bezahlt wurden – die Ressourcen waren nicht für uns gedacht. Das Maß an Beleidigungen und Gewalt, das wir über uns ergehen lassen mussten, anstelle von Unterstützung, ist unvorstellbar. Unsere Geschichte und unsere Beiträge in der queeren Community wurden immer wieder ausgelöscht – vor allem die von Trans* of Color-Aktivist*innen.

    Die aktuelle Lage für Trans*Menschen – und warum Ignoranz gefährlich ist

    TransPerson trotzt den Wellen des Widerstands
    Standhaft gegen Trans*Feindlichkeit und Diskriminierung – Bild: Noah Elio Weinmann – https://noah-elio.com/

    Die momentane Situation für Trans*Personen ist dramatisch. Wer immer noch glaubt, die USA sei weit weg und das passiere bei uns in Europa nicht, liefert genau den Grund für die ansteigende Trans*Feindlichkeit: Ignoranz – oder, um es beschönigend auszudrücken, eine gute Abgrenzungsfähigkeit uns gegenüber. Ich bin Trans*Aktivist seit 22 Jahren. Das heißt, ich arbeite schon sehr lange daran, überwiegend die queere Community international trans*inklusiver zu gestalten. Dazu haben wir unzählige Vorträge, Workshops und Veranstaltungen angeboten – neben zahllosen ermüdenden Einzelgesprächen mit cis Menschen bis hin zu heftigen Diskussionen und unschönen, manchmal gewalttätigen Auseinandersetzungen. Dabei ging es vermeintlich um Meinungsverschiedenheiten, in der Realität aber schlichtweg um Diskriminierung – was nichts mit Meinungsfreiheit zu tun hat. Darum geht es.

    An dieser Stelle muss ich einen kleinen Exkurs machen.

    Woher kommt Trans*Feindlichkeit?

    Hier sind wir geprägt von der christlichen Ideologie mit der Zweigeschlechtergesellschaft von Mann und Frau, in welcher Frauen unterdrückt und benachteiligt werden. Das sitzt tief in uns. Alles wird unternommen, um dieses System aufrechtzuerhalten. Daraus entstand ein kollektives Gefühl, dass die Leben von Trans*Menschen und anderen marginalisierten Gruppen weniger wert seien – gestützt auf Biologie, Naturgesetz und Religion. Wichtig ist zu verstehen: Niemand kann sich davon einfach abwählen. Zu sagen „Ich bin Feministin“ genügt nicht. Die einzige Möglichkeit besteht darin, sich der eigenen Trans*Feindlichkeit bewusst zu werden und aktiv daran zu arbeiten. Das ist ein Prozess, eine Lebensentscheidung, die nur von wenigen getroffen wird, weil es weh tut, sich mit Schuld, Unterdrückung, Privilegien und Scham auseinanderzusetzen. Es ist einfacher, die Empathielücke gegenüber Trans*Menschen und anderen marginalisierten Menschen nicht zu schließen.

    Diskriminierung im queeren Raum – wenn Trans*Menschen ausgeschlossen werden

    In der queeren Community stellen die weißen cis Lesben und Schwulen die Dominanzgesellschaft dar. Trans*Feindlichkeit wurzelt in Frauenfeindlichkeit, denn der Kern und die zwei Säulen der Männlichkeit sind die Abwehr des Weiblichen und die Abwehr des Homosexuellen – nichts bedroht Männlichkeit mehr. Zusätzlich zu dieser Ideologie verschärften die Nazis den Paragrafen 175. Und auch danach, in den Anfängen der Bundesrepublik, war es für homosexuelle Menschen katastrophal – es war tatsächlich lebensgefährlich für Männer, feminin zu sein, und die Lust am „Nicht-Männlichen“ konnte nicht gelebt werden.

    Hinzu kommt die enorme Übermacht des Biologischen, des Körpers. Das geht so weit, dass zum Beispiel die Genitalien von Trans*Personen oft als Grund für Ausschlüsse genannt werden – und wir werden genötigt, uns zwangszuouten. Manche Menschen fühlen sich getriggert durch die Genitalien von Trans*Personen, und nicht selten werden Missbrauchstraumata auf uns projiziert. Es finden auch emotionale Erpressungen durch Partner*innen statt, nicht medizinisch zu transitionieren oder keine (Genital-)Operation zu machen. Das ist Gewalt. Dazu gehört auch die leidige Diskussion über die angeblichen Präferenzen.

    Trans*Inklusion: Eine Aufgabe für cis Menschen

    Im Moment wird viel Energie aufgebracht – wie wir jetzt zum Beispiel in den USA sehen –, das alte System wiederherzustellen. Dabei wird mit enormer Gewalt gegen Trans*Menschen vorgegangen, unsere Erfolge werden vernichtet. Ich spüre, wie so manche Personen jetzt fast erleichtert mitmachen – jetzt, wo es quasi wieder legitimer wird, transfeindlich zu sein. Endlich lässt der Druck bei ihnen nach. Die letzten Jahre müssen anstrengend für sie gewesen sein, wenn Menschen sich zum Beispiel wünschten, für sich ein bestimmtes, viele oder kein Pronomen zu verwenden. Aber was genau war denn so anstrengend?

    Ich wurde oft eingeladen, die Frage, wie man die Community trans*inklusiver gestalten kann, zu erörtern. Ich habe das jahrelang gemacht. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob das der richtige Ansatz war. Ich bin eine Trans*Person – ich weiß nicht, was cis Menschen benötigen, um trans*inklusiver zu werden. Das ist eine Aufgabe, die wir cis Menschen stellen müssten. Es wäre also vielleicht sinnvoller gewesen, diesen Artikel von ihnen schreiben zu lassen – die zur Abwechslung mal sehr ehrlich sagen könnten, warum es ihnen so schwergefallen ist, all die Jahre inklusiver zu werden.

    Was in den USA passiert, ist erschreckend und trifft Trans*Menschen besonders hart. Für mich als Trans*Person of Color mit Familie in Mexiko, nahe der Grenze zu den USA, ist es aber auch verletzend zu sehen, wie die Community hier aufschreit, wenn plötzlich auch weiße Trans*Menschen betroffen sind. Wo war der Aufschrei, als wir hier versuchten, zum Beispiel auf die Situation in Honduras aufmerksam zu machen, wo trans Frauen auf der Straße erschossen wurden? Um nur ein Beispiel zu nennen. Trans*Menschen of Color waren immer einer großen Brutalität ausgesetzt – auch in Europa. Das ist ganz und gar nichts Neues.

    Intersektionalität und Trans*Feindlichkeit – die Empathielücke verstehen

    An dieser Stelle möchte ich die Intersektionalität erwähnen – ein Wort, das in den letzten Jahren so inflationär verwendet wurde, dass es für mich fast zu einer Floskel wurde. Wenn man Dinge nur oft genug hört, neigen wir dazu, sie zu überhören – es fängt an zu nerven. Ich glaube, ich habe die Menschen auch schrecklich genervt – immer kritisierte ich rum. Wie anstrengend. Die enorme Abgrenzungsfähigkeit davon ist aber genau das Problem.

    Wenn wir anfangen zu verstehen, dass diese Empathielücke das Ergebnis von Kolonialismus und – in unserer Gegend – dem Christentum ist: Gäbe es dann eine Möglichkeit, es zu überwinden?

    In meiner langjährigen Arbeit mit cis schwulen Männern habe ich viel gelernt. Es besteht ein großes Angebot von ihnen, uns zu assimilieren – für viele Trans*Menschen verlockend. Für mich fühlte es sich immer ein bisschen an wie eine Geheimgesellschaft mit vielen Regeln und stereotypen Vorstellungen, die es einzuhalten gilt. Es ist spannend, aufregend – es kann auch wirklich sehr schön sein. Halte ich mich an die Regeln, erfülle ich Stereotype, darf ich mitspielen. Selbst für schwule cis Männer ist das eine große Herausforderung. Ich habe viele kennengelernt, die unter großem Druck standen, das zu erfüllen. Das sind Männer, die von unserem Trans*Aktivismus profitieren könnten – er kann für alle ein Empowerment und befreiend sein.

    Passing, Anpassungsdruck und der Weg zu Trans*Empowerment

    Mittlerweile schmücken sich einige mit unserem Trans-Sternchen – aber nur, wenn das mit dem Abbau von Trans*Feindlichkeit einhergeht, finde ich das in Ordnung.

    Unser Trans*Aktivismus war lange davon geprägt, dazuzugehören. Wir hatten alles daran gesetzt, zu passen – nicht aufzufallen als trans:. Das war lange Zeit überlebensnotwendig, denn die Ausgrenzung und Gewalt ohne Passing war groß. Der Wunsch, dass ein Passing uns Verletzungen ersparen würde, hat sich leider nie erfüllt. Spätestens wenn es um Sexualität oder romantische Beziehungen ging, kam es zu einem (Zwangs-)Outing – und dann brach auch das vermeintliche Privileg des Passings in sich zusammen.

    An dieser Stelle kann es sehr leicht zu Verletzungen kommen – bis hin zu sehr gewaltvollen Erlebnissen, wenn unser Gegenüber sich betrogen fühlte, enttäuscht war oder schlichtweg spontan das Interesse von 100 auf 0 gesunken ist. Autsch – es war doch gerade noch so schön.

    Selbstbestimmtes Trans*Sein

    Aber jetzt sind wir weiter. Nicht alle von uns wollen passen – und verstecken wollen wir uns auch nicht mehr. Es ist nicht mehr unser Ziel, möglichst nahe an das cis Vorbild zu kommen. Wir sind empowert. Deshalb ist es auch kein Kompliment, wenn mir nach dem Sex gesagt wird: „Ich habe gar keinen Unterschied gemerkt.“ Das war nicht mein Ziel!

    Natürlich gibt es auch schöne Erlebnisse. Diese zuzulassen, benötigt allerdings den Mut der Trans*Person, sich dem potenziellen Risiko der Verletzung auszusetzen. Das ist eine große Herausforderung – und viele Trans*Menschen haben nicht die Kraft dafür. Ich sehe bis heute kaum ernstzunehmende Aktivitäten von cis schwulen Räumen, uns Trans*Menschen herzlicher willkommen zu heißen.

    Überhaupt ist das Thema Einladungspolitik so groß, dass ich darüber einen eigenen Artikel schreiben könnte. Aber glaubt mir, wenn ich euch sage: Für uns Trans*Menschen passt es meistens nicht. Verletzungen sind oft vorprogrammiert. Zu denken: „Naja gut, es passt halt nicht für alle“, ist lazy. Denn für die eine Person, für die es nicht passt, passt es andauernd nicht – und ist eine stetige Verletzung bis hin zur Kapitulation: „Gut, dann gehe ich eben nicht mehr in die Community.“ Problem gelöst – jedenfalls für die cis Menschen.

    Wenn Schutzräume Trans* und BIPoC ausschließen

    Das Wohlbefinden einer cis Person darf nicht über das einer Trans*Person gestellt werden, denn es handelt sich eben nicht um Meinungsfragen, sondern um strukturelle Diskriminierung.

    Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass jeder Versuch, Safer Spaces zu erschaffen, immer daran scheitert, dass Menschen aufgrund ihres Aussehens beurteilt werden – zu viel Policing. Spätestens wenn ich das kritisiere, werde ich aufgefordert, eine Lösung zu finden – schließlich sei das ein Schutzraum für bestimmte Personen. Als könnte ich jetzt das Problem von Trans*Feindlichkeit und Rassismus lösen.

    Und das wird seit Jahren in der Community gelassen in Kauf genommen. Solange Trans*Menschen, besonders of Color, derartig unter den Bus geworfen werden, um die eigenen Privilegien zu schützen, müssen wir uns nicht wundern, dass Trans*Feindlichkeit zunimmt.

    Es ist nicht der Präsident der USA, der mich verletzt – von ihm erwarte ich nichts. Auch nicht der weiße schwule cis Mann und die lesbische cis Frau, um deren Support ich seit über 20 Jahren kämpfe.

    Was cis Menschen von Trans*Menschen lernen können

    Und wenn cis Menschen nicht so sehr von ihrer in die Wiege gelegten Power überzeugt wären – wenn sie ihre Arbeit machen würden –, würden sie vielleicht merken, dass sie von uns Trans*Menschen so viel lernen könnten. Wie sehr wir ihr Leben bereichern würden. Wie schön es mit uns sein kann.

    All diese verpassten Chancen in so vielen Jahrzehnten – ein Jammer.

    Ich weiß, dass wir einige sehr schlimme Jahre vor uns haben. Die Trans*Feindlichkeit wird noch sehr schmerzhafte Spitzen erreichen. Aber es gibt einen Teil in mir, der daran glauben muss, dass es das letzte Aufbäumen eines längst veralteten Systems ist – das dem Tod geweiht sein muss.

    Dass dieses Aufbäumen insbesondere von alten weißen cis Männern in der Politik kommt, ist eher eine logische Konsequenz – denn sie waren ja diejenigen, die in den letzten Jahren massiv von uns kritisiert wurden. Erstaunlich zu sehen, wie sehr es sie getroffen hat – they lost their cool!

    So ging es mir aber leider auch mit vielen lesbischen und schwulen cis Menschen, die sich so hart gewehrt haben. Gegen Veränderungen – um nicht unterzugehen mit ihren alten Kämpfen, die sie mal geführt haben. Irgendwie wollten sie wenigstens in der queeren Community die Dominanten bleiben – und nix teilen.

    Es tut mir leid – ihr müsst jetzt trotzdem Platz machen. Denn egal, wie viel Druck wieder mal aufgebaut wird gegen uns, wie viel Gewalt wir noch erleben müssen: Es wird uns nicht auslöschen.

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    Lizzys Coming Out als trans* Frau

  • trans* Coming-out-Erfahrungen: Drei Berichte aus verschiedenen Perspektiven

    trans* Coming-out-Erfahrungen: Drei Berichte aus verschiedenen Perspektiven

    Coming-out ist auch für trans* Menschen eine wichtige Erfahrung. So vielfältig trans* Biografien sind, so vielfältig sind auch die damit verbundenen Coming-out-Erlebnisse. Mit den folgenden drei Kurzreportagen wollen wir die verschiedenen Perspektiven darstellen.

    „Dieses ‚anders‘ konnte ich nie benennen …“

    Inneres trans* Coming-out von KAy

    Wenn man schwul ist, sind die Coming-out-Möglichkeiten vielfältiger: man kann sich ganz, teilweise oder gar nicht outen. Als trans* Person ist es etwas komplizierter. Ich habe immer gewusst, dass ich anders bin. Dieses „anders“ konnte ich aber nie benennen, da ich damals nur „Mann“ und „Frau“ kannte.

    Klar hatte ich von trans* gehört, aber was ich finden konnte war: „Ich bin im falschen Körper geboren“. Ich hatte aber kein Problem mit meinen Genitalien. Mit 30 fand ich endlich meine Identität. Vorher habe ich als Lesbe gelebt. Dieses Coming-out hatte ich schon hinter mir. Jetzt musste ich „nur“ noch ein weiteres haben! Nach neun Monaten Testosteron sah ich schon wie ein junger Kerl aus. Da hatte ich keine Wahl mehr, ob ich mich als trans* outen möchte oder nicht. Dazu kam noch, dass sich meine Sexualität erweitert hat. Bis dahin hatte ich nur Sex mit Frauen. Nun entwickelte es sich immer mehr in Richtung schwuler Sex, auch wenn ich mich als pansexuell sehe.

    Da habe ich noch einmal die Wahl gehabt, mich zu outen oder nicht. Meine Familie weiß bisher nur, dass ich trans* bin. Mein Freundeskreis weiß aber Bescheid. Sie haben es im Paket mit der Transition mitbekommen. Falls ich aber irgendwann einen männlichen Partner habe, werde ich auch meiner Familie Bescheid sagen. Ich bin gespannt, wie sie reagieren werden…!

    Till
    Till: ‚Ich stehe total auf Direktheit und da ich den Typen heiß fand, landeten wir bald bei ihm zuhause.‘

    „Lust zu knutschen?“

    Wie cis Mann Till ein trans* Coming-out erlebt

    Den anstrengenden Tag bei einem Bier ausklingen lassen – das war der Plan nach einer Fachtagung in Berlin. Ich saß mit einem Teilnehmer, den ich auf der Veranstaltung kennengelernt hatte, in einer Bar. Plötzlich platzte ein sehr attraktiver, sehr wütender Mann in unsere Unterhaltung hinein – offensichtlich ein Bekannter meines Gesprächspartners. Er regte sich furchtbar über das Date auf, von dem er gerade kam. „Der Idiot hat mich rausgeschmissen, weil ich trans* bin“, polterte er. „Dabei steht doch eindeutig in meinem Datingprofil, was Sache ist.“

    Die Situation beruhigte sich schnell, wir verstanden uns gut und als mein Gesprächspartnereine rauchen ging, drehte sich der sexy Fremde zu mir und fragte: „Lust zu knutschen?“ Ich stehe total auf Direktheit und da ich den Typen heiß fand, landeten wir bald bei ihm zuhause. Wir haben vier Tage gevögelt, gelabert, gegessen und wieder gevögelt. Und danach waren wir ein dreiviertel Jahr ein Paar.

    Von „cis“ spricht man, wenn sich eine Person mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifiziert.

    In der ersten Zeit hat sich mein Freund regelrecht gewundert, dass ich so gar keine Gewöhnungsphase brauchte. Seiner Erfahrung nach haben schwule cis Männer eingeübte Sexpraktiken, die sich nicht immer eins zu eins mit trans* Männern umsetzen lassen. Aber genau das machte es so schön: Wir hatten keinen Sex nach Drehbuch, sondern ließen uns aufeinander ein.  Alles war neu, alles war geil. Zwar sind wir schon lange nicht mehr zusammen, aber wir verstehen uns weiterhin blendend.

    „Nach dem Coming-out leuchteten seine Augen … “

    trans* Coming-out-Erfahrungen von Alexander

    Viele trans* Menschen ernten Ratlosigkeit, wenn sie sich gegenüber nahestehenden Personen outen. Bei mir waren es ein breites Lächeln, leuchtende Augen und Dankbarkeit. Und das kam so: Im Mai 2012 ging ich mit einem Freund durch die Hamburger Innenstadt zum Rainbowflash. In unserem bunten Bekanntenkreis gibt es zahlreiche Homosexuelle und trans* Menschen, die wir bei dieser Veranstaltung unterstützen wollten. Da wir zum wiederholten Mal über Transidentität sprachen, hielt ich den Moment für gekommen. Ich sagte meinem Freund, dass ich mich als Mann fühle und künftig Alexander genannt werden möchte, inklusive männlichem Pronomen. Er strahlte mich an und bedankte sich dafür, einer der ersten gewesen zu sein, dem ich meine Transidentität offenbarte.

    Zitat

    Vielleicht habe ich mir unbewusst jemanden ausgesucht, der ganz sicher emphatisch und offen reagieren würde. Vielleicht verlief mein trans* Coming-out aber auch deshalb so harmonisch, weil nicht Vater, Mutter oder Geschwister die ersten waren, denen ich von meiner Transidentität erzählte. Meine Freunde jedenfalls gewöhnten sich schnell an die neue Situation.

    Kollegen komplett überfordert
    Weniger glatt verlief mein Coming-out auf der Arbeit. Meine Kolleginnen und Kollegen waren gescheite und verständige Leute, überwiegend Ingenieure. Bloß hatte keiner von denen mit Lebenswirklichkeiten zu tun, die so weit von den eigenen abwichen. Zwar gaben sich alle wohlwollend. Auch mein Chef sicherte mir seine Unterstützung zu. Tatsächlich aber waren meine Kollegen komplett überfordert. Mein Chef schaffte es nicht einmal, mich als Mann anzusprechen. In mehreren Gesprächen erläuterte ich ihm, wie wichtig es für trans* Menschen ist, in ihrer Identität ernst genommen zu werden. Aber da führte kein Weg rein. In der Firma arbeite ich nicht mehr.

    Quasi ein Geburtstag
    Seit einiger Zeit fällt es anderen Menschen leichter, in mir das Geschlecht zu sehen, mit dem ich mich identifiziere. Eine gewisse Rolle spielen dabei das Testosteron und meine Operationen. Meine erste Spritze bekam ich vor ziemlich genau drei Jahren. Letzten Samstag war quasi mein dritter Geburtstag. 2015 ließ ich mir dann die Brust angleichen und die Gebärmutter entfernen. Meine Stimme ist tiefer als die vieler anderer Männer und meine Züge werden kantiger. Wer mich noch nicht kennt, lernt mich also automatisch als Alexander kennen. Auch Mitarbeiterinnen in Behörden oder Klamottenverkäufer reagieren nicht mehr verkrampft. Das einzig Ärgerliche ist: Viele trans* Männer sehen nach der Angleichung zehn Jahre jünger aus als sie sind. Ich fühle mich oft nicht wie ein 30-Jähriger behandelt, sondern wie ein Studienanfänger.

    Großartige Reaktion
    Während ich mich in Alltagssituationen nicht mehr erklären muss, gilt für Flirts das Gegenteil. Ich muss mir jedes Mal die Frage stellen: Sage ich es ihm und warte ab, wie er reagiert? Und wann sage ich es? Wirklich toll war die Reaktion eines Mannes, den ich in einer Münchener Bar kennen gelernt habe. Wir hatten immer wieder Blickkontakt und ich hätte es mir übel genommen, ihn nicht anzusprechen. Also bin ich hin und wir haben uns super verstanden. Ich erzählte, dass ich eine Transtagung besucht habe. Meine eigene Transidentität thematisierte ich vorerst nicht. Erst als wir uns näher kamen, weihte ich ihn ein. Er erwiderte, dass er das schon geahnt habe – und wir machten da weiter, wo wir stehen geblieben waren.

    Irritationen
    Manchmal habe ich den richtigen Moment schlicht verpasst. Es zerstört ja doch immer ein wenig von der Atmosphäre, wenn man unterbricht und sagt: Du, ich bin übrigens trans. Einmal kam ein Typ, den ich rasend attraktiv fand, so schnell zur Sache, dass mir keine Zeit zum Outen blieb. Er war nach dem Griff in meinen Schritt sichtlich irritiert. Wir haben noch ein paar Sätze gewechselt, dann ist er „mal eine rauchen“ gegangen. Das fand ich zwar schade, aber ich muss das akzeptieren.

    KAy: ‚Mit 30 fand ich endlich meine Identität.‘