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  • Trans, Macht und Hoffnung – Das letzte Aufbäumen der alten weißen Zweigeschlechtler

    Trans, Macht und Hoffnung – Das letzte Aufbäumen der alten weißen Zweigeschlechtler

    Ich komme aus einer Zeit, in der wir Transaktivist*innen nicht gesucht wurden. Im Gegenteil: Wir mussten mit massivem Nachdruck den Fuß in die Tür bekommen, um mitspielen zu dürfen. Geschweige denn, dass wir für unsere Arbeit bezahlt wurden – die Ressourcen waren nicht für uns gedacht. Das Maß an Beleidigungen und Gewalt, das wir über uns ergehen lassen mussten, anstelle von Unterstützung, ist unvorstellbar. Unsere Geschichte und unsere Beiträge in der queeren Community wurden immer wieder ausgelöscht – vor allem die von Trans* of Color-Aktivist*innen.

    Die aktuelle Lage für Trans*Menschen – und warum Ignoranz gefährlich ist

    TransPerson trotzt den Wellen des Widerstands
    Standhaft gegen Trans*Feindlichkeit und Diskriminierung – Bild: Noah Elio Weinmann – https://noah-elio.com/

    Die momentane Situation für Trans*Personen ist dramatisch. Wer immer noch glaubt, die USA sei weit weg und das passiere bei uns in Europa nicht, liefert genau den Grund für die ansteigende Trans*Feindlichkeit: Ignoranz – oder, um es beschönigend auszudrücken, eine gute Abgrenzungsfähigkeit uns gegenüber. Ich bin Trans*Aktivist seit 22 Jahren. Das heißt, ich arbeite schon sehr lange daran, überwiegend die queere Community international trans*inklusiver zu gestalten. Dazu haben wir unzählige Vorträge, Workshops und Veranstaltungen angeboten – neben zahllosen ermüdenden Einzelgesprächen mit cis Menschen bis hin zu heftigen Diskussionen und unschönen, manchmal gewalttätigen Auseinandersetzungen. Dabei ging es vermeintlich um Meinungsverschiedenheiten, in der Realität aber schlichtweg um Diskriminierung – was nichts mit Meinungsfreiheit zu tun hat. Darum geht es.

    An dieser Stelle muss ich einen kleinen Exkurs machen.

    Woher kommt Trans*Feindlichkeit?

    Hier sind wir geprägt von der christlichen Ideologie mit der Zweigeschlechtergesellschaft von Mann und Frau, in welcher Frauen unterdrückt und benachteiligt werden. Das sitzt tief in uns. Alles wird unternommen, um dieses System aufrechtzuerhalten. Daraus entstand ein kollektives Gefühl, dass die Leben von Trans*Menschen und anderen marginalisierten Gruppen weniger wert seien – gestützt auf Biologie, Naturgesetz und Religion. Wichtig ist zu verstehen: Niemand kann sich davon einfach abwählen. Zu sagen „Ich bin Feministin“ genügt nicht. Die einzige Möglichkeit besteht darin, sich der eigenen Trans*Feindlichkeit bewusst zu werden und aktiv daran zu arbeiten. Das ist ein Prozess, eine Lebensentscheidung, die nur von wenigen getroffen wird, weil es weh tut, sich mit Schuld, Unterdrückung, Privilegien und Scham auseinanderzusetzen. Es ist einfacher, die Empathielücke gegenüber Trans*Menschen und anderen marginalisierten Menschen nicht zu schließen.

    Diskriminierung im queeren Raum – wenn Trans*Menschen ausgeschlossen werden

    In der queeren Community stellen die weißen cis Lesben und Schwulen die Dominanzgesellschaft dar. Trans*Feindlichkeit wurzelt in Frauenfeindlichkeit, denn der Kern und die zwei Säulen der Männlichkeit sind die Abwehr des Weiblichen und die Abwehr des Homosexuellen – nichts bedroht Männlichkeit mehr. Zusätzlich zu dieser Ideologie verschärften die Nazis den Paragrafen 175. Und auch danach, in den Anfängen der Bundesrepublik, war es für homosexuelle Menschen katastrophal – es war tatsächlich lebensgefährlich für Männer, feminin zu sein, und die Lust am „Nicht-Männlichen“ konnte nicht gelebt werden.

    Hinzu kommt die enorme Übermacht des Biologischen, des Körpers. Das geht so weit, dass zum Beispiel die Genitalien von Trans*Personen oft als Grund für Ausschlüsse genannt werden – und wir werden genötigt, uns zwangszuouten. Manche Menschen fühlen sich getriggert durch die Genitalien von Trans*Personen, und nicht selten werden Missbrauchstraumata auf uns projiziert. Es finden auch emotionale Erpressungen durch Partner*innen statt, nicht medizinisch zu transitionieren oder keine (Genital-)Operation zu machen. Das ist Gewalt. Dazu gehört auch die leidige Diskussion über die angeblichen Präferenzen.

    Trans*Inklusion: Eine Aufgabe für cis Menschen

    Im Moment wird viel Energie aufgebracht – wie wir jetzt zum Beispiel in den USA sehen –, das alte System wiederherzustellen. Dabei wird mit enormer Gewalt gegen Trans*Menschen vorgegangen, unsere Erfolge werden vernichtet. Ich spüre, wie so manche Personen jetzt fast erleichtert mitmachen – jetzt, wo es quasi wieder legitimer wird, transfeindlich zu sein. Endlich lässt der Druck bei ihnen nach. Die letzten Jahre müssen anstrengend für sie gewesen sein, wenn Menschen sich zum Beispiel wünschten, für sich ein bestimmtes, viele oder kein Pronomen zu verwenden. Aber was genau war denn so anstrengend?

    Ich wurde oft eingeladen, die Frage, wie man die Community trans*inklusiver gestalten kann, zu erörtern. Ich habe das jahrelang gemacht. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob das der richtige Ansatz war. Ich bin eine Trans*Person – ich weiß nicht, was cis Menschen benötigen, um trans*inklusiver zu werden. Das ist eine Aufgabe, die wir cis Menschen stellen müssten. Es wäre also vielleicht sinnvoller gewesen, diesen Artikel von ihnen schreiben zu lassen – die zur Abwechslung mal sehr ehrlich sagen könnten, warum es ihnen so schwergefallen ist, all die Jahre inklusiver zu werden.

    Was in den USA passiert, ist erschreckend und trifft Trans*Menschen besonders hart. Für mich als Trans*Person of Color mit Familie in Mexiko, nahe der Grenze zu den USA, ist es aber auch verletzend zu sehen, wie die Community hier aufschreit, wenn plötzlich auch weiße Trans*Menschen betroffen sind. Wo war der Aufschrei, als wir hier versuchten, zum Beispiel auf die Situation in Honduras aufmerksam zu machen, wo trans Frauen auf der Straße erschossen wurden? Um nur ein Beispiel zu nennen. Trans*Menschen of Color waren immer einer großen Brutalität ausgesetzt – auch in Europa. Das ist ganz und gar nichts Neues.

    Intersektionalität und Trans*Feindlichkeit – die Empathielücke verstehen

    An dieser Stelle möchte ich die Intersektionalität erwähnen – ein Wort, das in den letzten Jahren so inflationär verwendet wurde, dass es für mich fast zu einer Floskel wurde. Wenn man Dinge nur oft genug hört, neigen wir dazu, sie zu überhören – es fängt an zu nerven. Ich glaube, ich habe die Menschen auch schrecklich genervt – immer kritisierte ich rum. Wie anstrengend. Die enorme Abgrenzungsfähigkeit davon ist aber genau das Problem.

    Wenn wir anfangen zu verstehen, dass diese Empathielücke das Ergebnis von Kolonialismus und – in unserer Gegend – dem Christentum ist: Gäbe es dann eine Möglichkeit, es zu überwinden?

    In meiner langjährigen Arbeit mit cis schwulen Männern habe ich viel gelernt. Es besteht ein großes Angebot von ihnen, uns zu assimilieren – für viele Trans*Menschen verlockend. Für mich fühlte es sich immer ein bisschen an wie eine Geheimgesellschaft mit vielen Regeln und stereotypen Vorstellungen, die es einzuhalten gilt. Es ist spannend, aufregend – es kann auch wirklich sehr schön sein. Halte ich mich an die Regeln, erfülle ich Stereotype, darf ich mitspielen. Selbst für schwule cis Männer ist das eine große Herausforderung. Ich habe viele kennengelernt, die unter großem Druck standen, das zu erfüllen. Das sind Männer, die von unserem Trans*Aktivismus profitieren könnten – er kann für alle ein Empowerment und befreiend sein.

    Passing, Anpassungsdruck und der Weg zu Trans*Empowerment

    Mittlerweile schmücken sich einige mit unserem Trans-Sternchen – aber nur, wenn das mit dem Abbau von Trans*Feindlichkeit einhergeht, finde ich das in Ordnung.

    Unser Trans*Aktivismus war lange davon geprägt, dazuzugehören. Wir hatten alles daran gesetzt, zu passen – nicht aufzufallen als trans:. Das war lange Zeit überlebensnotwendig, denn die Ausgrenzung und Gewalt ohne Passing war groß. Der Wunsch, dass ein Passing uns Verletzungen ersparen würde, hat sich leider nie erfüllt. Spätestens wenn es um Sexualität oder romantische Beziehungen ging, kam es zu einem (Zwangs-)Outing – und dann brach auch das vermeintliche Privileg des Passings in sich zusammen.

    An dieser Stelle kann es sehr leicht zu Verletzungen kommen – bis hin zu sehr gewaltvollen Erlebnissen, wenn unser Gegenüber sich betrogen fühlte, enttäuscht war oder schlichtweg spontan das Interesse von 100 auf 0 gesunken ist. Autsch – es war doch gerade noch so schön.

    Selbstbestimmtes Trans*Sein

    Aber jetzt sind wir weiter. Nicht alle von uns wollen passen – und verstecken wollen wir uns auch nicht mehr. Es ist nicht mehr unser Ziel, möglichst nahe an das cis Vorbild zu kommen. Wir sind empowert. Deshalb ist es auch kein Kompliment, wenn mir nach dem Sex gesagt wird: „Ich habe gar keinen Unterschied gemerkt.“ Das war nicht mein Ziel!

    Natürlich gibt es auch schöne Erlebnisse. Diese zuzulassen, benötigt allerdings den Mut der Trans*Person, sich dem potenziellen Risiko der Verletzung auszusetzen. Das ist eine große Herausforderung – und viele Trans*Menschen haben nicht die Kraft dafür. Ich sehe bis heute kaum ernstzunehmende Aktivitäten von cis schwulen Räumen, uns Trans*Menschen herzlicher willkommen zu heißen.

    Überhaupt ist das Thema Einladungspolitik so groß, dass ich darüber einen eigenen Artikel schreiben könnte. Aber glaubt mir, wenn ich euch sage: Für uns Trans*Menschen passt es meistens nicht. Verletzungen sind oft vorprogrammiert. Zu denken: „Naja gut, es passt halt nicht für alle“, ist lazy. Denn für die eine Person, für die es nicht passt, passt es andauernd nicht – und ist eine stetige Verletzung bis hin zur Kapitulation: „Gut, dann gehe ich eben nicht mehr in die Community.“ Problem gelöst – jedenfalls für die cis Menschen.

    Wenn Schutzräume Trans* und BIPoC ausschließen

    Das Wohlbefinden einer cis Person darf nicht über das einer Trans*Person gestellt werden, denn es handelt sich eben nicht um Meinungsfragen, sondern um strukturelle Diskriminierung.

    Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass jeder Versuch, Safer Spaces zu erschaffen, immer daran scheitert, dass Menschen aufgrund ihres Aussehens beurteilt werden – zu viel Policing. Spätestens wenn ich das kritisiere, werde ich aufgefordert, eine Lösung zu finden – schließlich sei das ein Schutzraum für bestimmte Personen. Als könnte ich jetzt das Problem von Trans*Feindlichkeit und Rassismus lösen.

    Und das wird seit Jahren in der Community gelassen in Kauf genommen. Solange Trans*Menschen, besonders of Color, derartig unter den Bus geworfen werden, um die eigenen Privilegien zu schützen, müssen wir uns nicht wundern, dass Trans*Feindlichkeit zunimmt.

    Es ist nicht der Präsident der USA, der mich verletzt – von ihm erwarte ich nichts. Auch nicht der weiße schwule cis Mann und die lesbische cis Frau, um deren Support ich seit über 20 Jahren kämpfe.

    Was cis Menschen von Trans*Menschen lernen können

    Und wenn cis Menschen nicht so sehr von ihrer in die Wiege gelegten Power überzeugt wären – wenn sie ihre Arbeit machen würden –, würden sie vielleicht merken, dass sie von uns Trans*Menschen so viel lernen könnten. Wie sehr wir ihr Leben bereichern würden. Wie schön es mit uns sein kann.

    All diese verpassten Chancen in so vielen Jahrzehnten – ein Jammer.

    Ich weiß, dass wir einige sehr schlimme Jahre vor uns haben. Die Trans*Feindlichkeit wird noch sehr schmerzhafte Spitzen erreichen. Aber es gibt einen Teil in mir, der daran glauben muss, dass es das letzte Aufbäumen eines längst veralteten Systems ist – das dem Tod geweiht sein muss.

    Dass dieses Aufbäumen insbesondere von alten weißen cis Männern in der Politik kommt, ist eher eine logische Konsequenz – denn sie waren ja diejenigen, die in den letzten Jahren massiv von uns kritisiert wurden. Erstaunlich zu sehen, wie sehr es sie getroffen hat – they lost their cool!

    So ging es mir aber leider auch mit vielen lesbischen und schwulen cis Menschen, die sich so hart gewehrt haben. Gegen Veränderungen – um nicht unterzugehen mit ihren alten Kämpfen, die sie mal geführt haben. Irgendwie wollten sie wenigstens in der queeren Community die Dominanten bleiben – und nix teilen.

    Es tut mir leid – ihr müsst jetzt trotzdem Platz machen. Denn egal, wie viel Druck wieder mal aufgebaut wird gegen uns, wie viel Gewalt wir noch erleben müssen: Es wird uns nicht auslöschen.

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    Lizzys Coming Out als trans* Frau

  • Mr. Gay Germany: „Stolz darauf, am Leben zu sein!“

    Mr. Gay Germany: „Stolz darauf, am Leben zu sein!“

    Zum ersten Mal wurde mit Max Appenroth eine offen lebende trans* Person zum Mr. Gay Germany gewählt. Wir sprachen mit Max über den Contest, über Trans*feindlichkeit in der schwulen Community und Max‘ Kampagne #ProudToBeAlive.

    Trigger Warnung: In diesem Interview geht es u.a. um Trans*feindlichkeit, psychisches Wohlbefinden und Suizid.


    Max, du hast mehrere Coming-outs hinter dir, magst du uns davon erzählen?

    Als ich 13 war, outete ich mich als lesbisch. Es war mein erstes Coming-out. Damals fühlte es sich für mich als „Frau“ mit Männern falsch an. Irgendwann merkte ich dann, dass ich keine Frau bin und hatte ein weiteres Coming-out als trans*. Dazu auch mehr oder weniger als schwule Person, weil ich durch meine Identität und mein verändertes Erscheinungsbild Zugang zu anderen Räumen wie schwulen Bars und Saunas hatte und meine Sexualität anders leben konnte. Dann hatte ich vor zwei Jahren eine andere Art von Coming-out als nicht-binäre trans* Person. Also ich fühle mich im männlichen Spektrum wohl, bin aber deutlich mehr als „nur“ ein Mann.

    Was bedeutet der Begriff „nicht-binäre Menschen“?
    Nicht-binäre Menschen können sich als „sowohl männlich als auch weiblich“ oder als „weder männlich noch weiblich“ verstehen oder das zweigeschlechtliche Konstrukt gänzlich ablehnen.

    Wann hast du dich während dieser Zeit in deinem Körper am wohlsten gefühlt?

    Jetzt fühle ich mich sehr wohl in meinem Körper. Die Narrative, dass trans* Menschen im falschen Körper geboren sind, mag ich nicht. Ich bin im perfekten Körper geboren! Es gab nur eine Zeit, in der ich mich mit einzelnen Teilen meines Körpers nicht wohl fühlte und sie modifizieren wollte, um mich in diesem Körper 100% wohl zu fühlen. Das war vor zehn Jahren, als ich eine Operation hatte, um mir die Brüste entfernen zu lassen. Seit dem Moment ist mein Körper einfach perfekt, so wie er ist.

    Was bedeutet der Begriff „Transition“?
    Transition beschreibt den (medizinischen, rechtlichen, sozialen, körperlichen) Prozess von Menschen, die sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifizieren, ihre Geschlechtsidentität und ihr körperliches Erleben zum Ausdruck zu bringen und anzunähern.

    Wie war der Weg zur OP?

    Schwierig! Fachlich kompetente Informationen zum Thema Transition zu finden ist nicht einfach. Man muss alles selbst herausfinden: Was will ich? Welche Möglichkeiten habe ich? Außerdem dauert es in Deutschland in der Regel ein bis zwei Jahre vom Antrag bei der Krankenkasse bis zur OP. Und die Anträge werden oft auch abgelehnt. Dann geht man in Berufung und wartet dann wieder auf die Bearbeitung, bis man endlich das OK bekommt. Ich hätte das psychisch und physisch nicht länger ausgehalten, weil ich die Brüste abgebunden und alles ganz platt gedrückt hatte. Das heißt, dein Brustkörper ist permanent komprimiert, du kannst nicht atmen, nicht wirklich aufrecht gehen, du hast Rückenschmerzen. Also habe ich meine Brustoperation in den USA machen lassen. Ich musste zwar selbst viel bezahlen, aber so konnte ich einen ganz schlimmen Prozess mit der Krankenkasse umgehen und schneller an mein Ziel kommen.

    Was bedeutet der Begriff „cis Männer“?
    Cis Männern wurde bei der Geburt das Geschlecht „männlich“ zugeschrieben und sie identifizieren sich auch zum jetzigen Zeitpunkt noch damit.

    Fehlen der Infrastruktur der queeren Szene Deutschlands Präventionsbotschaften und Organisationen für trans* Personen?

    Absolut! Auch wenn Deutschland generell bei der Gesundheitsversorgung ein großartiges Land ist, gilt das jedoch nicht für trans* Personen, weil es viel zu wenig Wissen über unsere Körper und Bedürfnisse gibt. Selbst in den queeren Initiativen, die sich für die Gesundheitsversorgung einsetzen, muss einfach auch viel mehr getan werden, damit wir auch gesehen werden und wirklich mitagieren dürfen. Also dass nicht irgendetwas für uns von irgendwem gemacht wird, sondern dass wir es als Community selbst für uns machen dürfen.

    Zum Beispiel Präventionskampagnen: Wenn keine trans* Personen mitarbeiten, wie weiß man dann, wie man die Community am Besten adressiert? Wenn auf allen Plakaten nur schwule cis Männer zu sehen sind, aber keine trans* Personen, fühle ich mich nicht angesprochen. Da muss man einfach hinschauen, wie man die Communities repräsentiert, wie man mit ihnen zusammenarbeitet, um wirklich die bestmögliche Arbeit zu machen, die auch die Bedürfnisse der Community widerspiegelt. Ich arbeite vornehmlich im Bereich der HIV-Prävention, speziell für trans* Personen, und sehe, wie viel Arbeit jetzt noch getan werden muss.

    Schwul. Trans*. Teil der Szene!
    Unsere Broschüre „Schwul. Trans*. Teil der Szene!“ bietet schwulen trans* und cis Männern, gender-nonconforming und nicht-binären Menschen, die sich der schwulen Community zugehörig fühlen unter anderem alle Infos zum respektvollen Umgang innerhalb unserer vielfältigen Szene, zu schwulem Sex sowie zum Schutz vor HIV (Safer Sex). Kurze Infos zur Trans*-History und bedeutenden Aktivist*innen sowie Links zu mehr Infos runden die Broschüre ab. Du findest sie unter iwwit.de/trans!
    Max lächelt in die Kamera.
    Max möchte sich verstärkt mit der hohen Selbstmordrate unter queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen befassen.

    Wie kann deine Arbeit und die Community von deinem Sieg als Mr. Gay Germany profitieren?

    Durch die gesteigerte Sichtbarkeit, die ich nun bekomme, folgen mir mehr Menschen in den sozialen Medien, oder ich werde zu verschiedenen Veranstaltungen eingeladen. Das gibt mir mehr Reichweite und wirkt sich natürlich auch auf meine Arbeit aus, weil mehr Menschen die Problematik und die schwierige Situation mitbekommen und hellhörig werden.

    Was war deine Motivation, an dem Wettbewerb teilzunehmen?

    In den sozialen Medien bin ich durch Zufall darüber gestolpert und habe gesehen, dass es nicht nur ein Schönheitswettbewerb ist, sondern Inhalte im Vordergrund stehen. Jede Person muss sich für ein bestimmtes Thema einsetzen und eine Kampagne dafür ins Leben rufen. Ich fand das ziemlich cool und hab mich damit auseinandergesetzt. Da ich als trans* Person immer wieder Anfeindungen aus der schwulen Community bekomme, dachte ich mir außerdem, dass ich bei so einem Contest den Leuten zeigen möchte, dass wir trans* Personen sehr wohl Teil der Community sind.

    „Nur weil sie sich nicht vorstellen können, mit einer trans* Person Sex zu haben, heißt das nicht, dass das für alle in der schwulen Community gelten muss.“

    Du erlebst also Diskriminierung aus der schwulen Community?

    Die schwule Community ist eine meiner Communities und ich fühle mich da zu Hause. Teilweise erlebe ich aber Dinge wie „Du hast hier nichts zu suchen“ oder „Das ist kein „richtiger“ Mann, also kannst du nicht in der schwulen Community sein”. Vielleicht fehlt es hier ein wenig an Aufklärung: Nicht jeder muss mich attraktiv finden oder sich vorstellen, mit mir ins Bett zu gehen. Ich will auch nicht mit jedem Menschen ins Bett. Aber nur weil ich mir persönlich etwas nicht vorstellen kann, oder etwas nicht mag, heißt das nicht, dass andere das nicht mögen könnten. Nur weil sie sich nicht vorstellen können, mit einer trans* Person Sex zu haben, heißt das also nicht, dass das für alle in der schwulen Community gelten muss.

    „Man muss meine Identität nicht nachvollziehen können, um mich zu akzeptieren.“

    Was würdest du diesen Leuten sagen?

    Wir als trans* Personen nehmen niemandem irgendetwas weg. Ich will kein Geschlecht abschaffen. Ich möchte einfach nur mit Respekt und Würde leben dürfen, wie alle Menschen auch. Man muss meine Identität nicht nachvollziehen können, um mich zu akzeptieren. Ich kann auch vieles nicht nachvollziehen. Aber das heißt nicht, es darf nicht existierten, nur weil ich es nicht verstehe. Dennoch ist dies der beste Beweis dafür, dass meine Arbeit für mehr Trans*-Sichtbarkeit immer noch gebraucht wird, und in der Tat wirken solche Kommentare für mich wie Benzin in meinem Motor. Das ist genau der Grund, warum ich mehr tue.

    „Solche Kommentare wirken für mich wie Benzin in meinem Motor.“

    Zurück zum Wettbewerb: Wie lief er ab?

    Es ging alles relativ zügig. Ich bewarb mich Ende Oktober online, eine Woche später hatte ich mein erstes Telefoninterview. Dann musste ich in den nächsten drei Tagen eine Community-Kampagne entwickeln. Ich überlegte mir eine Kampagne und stellte sie vor. Kurze Zeit danach erfuhr ich, dass ich im Halbfinale bin. Zwischen Halbfinale und Finale muss man die Kampagne weiter aufbauen, um der Jury im Finale zu zeigen, wie man weiter daran arbeitet. Genau sechs Wochen nach dem ersten Telefonat kam dann das Finale.
    Die anderen Mitstreiter waren unterschiedlichen Alters und Herkunfte. Auch nicht alle waren total schlank und nur muskulös, sondern hatten einfach auch unterschiedliche Körperformen. Ich fand es schön zu sehen, dass es nicht nur um muskelbepackte cis Männer geht. Es war eine kurze intensive Zeit, aber als ich meinen Namen im Finale hörte, war das ein unbeschreiblicher Moment. Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen.

    Worum geht es in deiner Kampagne?

    Sie nennt sich #ProudToBeAlive (stolz darauf, am Leben zu sein) und befasst sich mit der hohen Selbstmordrate unter queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Denn leider ist dies ein Thema, über das wir selten sprechen. Ich möchte diese Situation auf zwei Schienen verbessern: Zum einen durch die Schaffung einer professionellen Krisenhilfestruktur für junge LSBTQIA+ in Form einer Online-Beratung parallel zu einer Telefonberatung, durch die Hilfe in akuten Situationen angeboten wird.

    Und auf lange Sicht möchte ich die Sichtbarkeit von queeren Menschen in der Kinder- und Jugendliteratur erhöhen. Wenn queere Kinder und Jugendliche in Kinderbüchern sehen, dass es andere Menschen gibt, die genauso sind wie sie – wenn sie sich selbst also immer wiederfinden – bekommen sie das Gefühl, dass sie nicht allein sind. Und dass man so, wie man ist, in Ordnung ist. Ich glaube, wenn sie das von klein auf mitbekommen, könnten sie ein ganz anderes Leben führen, als wenn sie allein damit zurechtkommen müssen. Anfang April kommt mein erstes trans*-empowerndes Kinderbuch auf Deutsch und Englisch heraus, es heißt „Egal was sich ändert, das Herz bleibt genau dasselbe“.

    Max, viel Erfolg damit und vielen Dank für das Interview!

    Trans* Männer, nicht-binäre und gender non-conforming Personen sind Teil der schwulen Szene! Erfahre jetzt mehr über unsere Kampagne „Schwul. Trans*. Teil der Szene!“ Klicke auf neu.iwwit.de/trans!

    Gay Health Chat
    Du suchst jemandem zum Reden? Jemanden, der dir zuhört und eventuell Rat hat? Dann chatte mit Beratern aus der Community unter www.gayhealthchat.de!
    Hinweis
    Es gibt Situationen, die sind alles andere als leicht. Hier gibt es Hilfe:
    – Telefonseelsorge: 0800-1110111 und 0800-1110222
    Stiftung Deutsche Depressionshilfe

  • Transition: Die drei typischen Ebenen der Angleichung

    Transition: Die drei typischen Ebenen der Angleichung

    Transition meint die Angleichung von trans* Personen an ihr tatsächliches Geschlecht. Etwas salopp meint es: nach außen sichtbar machen, was nach innen schon lange klar ist. Die Transition ist in der Regel ein jahrelanger Prozess – der für die trans* Person sehr herausfordernd sein kann. Im Folgenden werden die drei typische Ebenen kurz skizziert.

    Soziale Transition: Vom trans* Coming-out bis zum Erscheinen in der Öffentlichkeit
    Coming-out als trans* Person – wie geht das? Ob als Kind, als Jugendliche_r oder Erwachsene_r, der Mensch stellt irgendwann für sich fest: „Irgendwas stimmt nicht mit mir, alle halten mich für ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘, aber ich weiß es besser.“ Dieses innere Coming-Out ist oft nicht leicht, weil Vorbilder fehlen, kaum ein Kinder- oder Schulbuch davon erzählt, und nur wenige Rollenmodelle da sind. Kommt ein Mensch dann dahinter („ich bin trans*“), steht meist das äußere Coming-Out an, nämlich anderen Menschen davon zu berichten, was los ist: in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Schule… Das Feedback daraufhin ist in der Regel unterschiedlich. Auf eine positive Erfahrung kann immer auch ein negatives Erleben durch Abwertung, nicht ernst genommen werden oder auch leider durch Diskriminierung folgen …

    Mit dem äußeren Coming-Out wird nach außen sichtbar gemacht, was nach innen meist schon klar ist, unterstützt zum Beispiel durch andere („geschlechtstypische“) Kleidung, anderes Auftreten, Accessoires wie Basecaps, Binder (Stoff am Oberkörper, der den Brustbereich flacher erscheinen lässt) oder Packer (von der Socke bis zum Dildo, alles was nach „etwas in der Hose“ aussieht). Im öffentlichen Raum ändert sich einiges für die trans* Person: von der Anrede mit dem neuen Vornamen (oder auch eben nicht), über Blicke auf der Straße oder im Job bis hin zum Aufsuchen einer öffentlichen Toilette und damit verbundenen möglichen Anfeindungen.

    Medizinische Transition: Von Testo bis zu geschlechtsangleichenden OPs
    Wer krankenversichert ist, bekommt die Kosten für Hormone und geschlechtsangleichende Operationen von den Krankenkassen übernommen. Die Auflagen bis zur Bewilligung sind aber hoch: ein Jahr begleitende Psychotherapie bis zur Gewährung von Hormonen, eineinhalb Jahre bis zur Übernahme  von OPs (z.B. die Mastektomie, d.h. der Aufbau einer männlichen Brust oder die Gebärmutterentfernung oder ein Penoid-Aufbau). Mit der Diagnose F.64.0. der begleitenden Psychotherapie, wird bescheinigt, „transsexuell“ zu sein.

    Mit dem verschreibungspflichtigen Testosteron (z.B. als Gel, dass täglich aufgetragen wird, oder als Spritze, die je nach Testosteron-Präparat etwa alle 14 Tage oder alle drei Monate gegeben wird), verändert sich der Körper: die Stimme wird tiefer inkl. Stimmbruch, Bartwuchs kommt, Muskulatur und Fett verteilen sich um.

    In Beratungsstellen von und für trans* Menschen gibt es mehr Informationen: wie man eine gute Begleittherapie findet, wie die Hormone wirken oder auch wo es kompetente Operateur_innen gibt sowie Antworten auf alle medizinischen Fragen.

    Rechtliche Transition: … auf zum neuen Vornamen
    Den Vornamen zu ändern von Susanne zu Michael, vom Staat bewilligt den Personenstand im  Melderegister zu ändern von „W“ (wie weiblich) zu „M“ (wie männlich) oder umgekehrt– beides ist in Deutschland seit 1981 durch das Transsexuellengesetz (TSG) möglich. Es steht bei Menschenrechts- und Trans*-Organisationen mächtig in der Kritik, denn: der Weg zum neuen Vornamen ist zu lange (bis zu eineinhalb Jahre), zu teuer (bis zu paar tausend Euro), läuft nur über das örtliche Amtsgericht und umfasst nicht ein sondern gleich zwei Begutachtungen meist durch Psychotherapeut_innen, die vom Gericht beauftragt werden.

    In Regionen, wo es keine große Auswahl trans*-freundlicher Begutachter_innen gibt, kommt es immer mal wieder vor, dass der trans* Mann oder die trans* Frau das Portemonnaie, den Gürtel oder die Strümpfe herzeigen muss, um zu überprüfen, ob die Person „männlich“ oder „weiblich“ genug seien. Klingt absurd? Ist es auch. Im Anschluss an das Gerichtsverfahren wird der neue Vorname rechtskräftig, und alle wichtigen Dokumente müssen geändert werden, ob Führerschein, Zeugnisse oder Personalausweis. Erst seit 2011 ist keine Sterilisation mehr erforderlich, um den Personenstand zu ändern, als das Bundesverfassungsgericht diese OP endlich als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit von trans* Menschen erachtet hat.

    Du willst mehr wissen? Hier geht’s zu weiterführenden Informationen.

    Transiton
    Transition meint die Angleichung von trans* Personen an ihr tatsächliches Geschlecht. Dies ist in der Regel ein jahrelanger Prozess.