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  • Trans, Macht und Hoffnung – Das letzte Aufbäumen der alten weißen Zweigeschlechtler

    Trans, Macht und Hoffnung – Das letzte Aufbäumen der alten weißen Zweigeschlechtler

    Ich komme aus einer Zeit, in der wir Transaktivist*innen nicht gesucht wurden. Im Gegenteil: Wir mussten mit massivem Nachdruck den Fuß in die Tür bekommen, um mitspielen zu dürfen. Geschweige denn, dass wir für unsere Arbeit bezahlt wurden – die Ressourcen waren nicht für uns gedacht. Das Maß an Beleidigungen und Gewalt, das wir über uns ergehen lassen mussten, anstelle von Unterstützung, ist unvorstellbar. Unsere Geschichte und unsere Beiträge in der queeren Community wurden immer wieder ausgelöscht – vor allem die von Trans* of Color-Aktivist*innen.

    Die aktuelle Lage für Trans*Menschen – und warum Ignoranz gefährlich ist

    TransPerson trotzt den Wellen des Widerstands
    Standhaft gegen Trans*Feindlichkeit und Diskriminierung – Bild: Noah Elio Weinmann – https://noah-elio.com/

    Die momentane Situation für Trans*Personen ist dramatisch. Wer immer noch glaubt, die USA sei weit weg und das passiere bei uns in Europa nicht, liefert genau den Grund für die ansteigende Trans*Feindlichkeit: Ignoranz – oder, um es beschönigend auszudrücken, eine gute Abgrenzungsfähigkeit uns gegenüber. Ich bin Trans*Aktivist seit 22 Jahren. Das heißt, ich arbeite schon sehr lange daran, überwiegend die queere Community international trans*inklusiver zu gestalten. Dazu haben wir unzählige Vorträge, Workshops und Veranstaltungen angeboten – neben zahllosen ermüdenden Einzelgesprächen mit cis Menschen bis hin zu heftigen Diskussionen und unschönen, manchmal gewalttätigen Auseinandersetzungen. Dabei ging es vermeintlich um Meinungsverschiedenheiten, in der Realität aber schlichtweg um Diskriminierung – was nichts mit Meinungsfreiheit zu tun hat. Darum geht es.

    An dieser Stelle muss ich einen kleinen Exkurs machen.

    Woher kommt Trans*Feindlichkeit?

    Hier sind wir geprägt von der christlichen Ideologie mit der Zweigeschlechtergesellschaft von Mann und Frau, in welcher Frauen unterdrückt und benachteiligt werden. Das sitzt tief in uns. Alles wird unternommen, um dieses System aufrechtzuerhalten. Daraus entstand ein kollektives Gefühl, dass die Leben von Trans*Menschen und anderen marginalisierten Gruppen weniger wert seien – gestützt auf Biologie, Naturgesetz und Religion. Wichtig ist zu verstehen: Niemand kann sich davon einfach abwählen. Zu sagen „Ich bin Feministin“ genügt nicht. Die einzige Möglichkeit besteht darin, sich der eigenen Trans*Feindlichkeit bewusst zu werden und aktiv daran zu arbeiten. Das ist ein Prozess, eine Lebensentscheidung, die nur von wenigen getroffen wird, weil es weh tut, sich mit Schuld, Unterdrückung, Privilegien und Scham auseinanderzusetzen. Es ist einfacher, die Empathielücke gegenüber Trans*Menschen und anderen marginalisierten Menschen nicht zu schließen.

    Diskriminierung im queeren Raum – wenn Trans*Menschen ausgeschlossen werden

    In der queeren Community stellen die weißen cis Lesben und Schwulen die Dominanzgesellschaft dar. Trans*Feindlichkeit wurzelt in Frauenfeindlichkeit, denn der Kern und die zwei Säulen der Männlichkeit sind die Abwehr des Weiblichen und die Abwehr des Homosexuellen – nichts bedroht Männlichkeit mehr. Zusätzlich zu dieser Ideologie verschärften die Nazis den Paragrafen 175. Und auch danach, in den Anfängen der Bundesrepublik, war es für homosexuelle Menschen katastrophal – es war tatsächlich lebensgefährlich für Männer, feminin zu sein, und die Lust am „Nicht-Männlichen“ konnte nicht gelebt werden.

    Hinzu kommt die enorme Übermacht des Biologischen, des Körpers. Das geht so weit, dass zum Beispiel die Genitalien von Trans*Personen oft als Grund für Ausschlüsse genannt werden – und wir werden genötigt, uns zwangszuouten. Manche Menschen fühlen sich getriggert durch die Genitalien von Trans*Personen, und nicht selten werden Missbrauchstraumata auf uns projiziert. Es finden auch emotionale Erpressungen durch Partner*innen statt, nicht medizinisch zu transitionieren oder keine (Genital-)Operation zu machen. Das ist Gewalt. Dazu gehört auch die leidige Diskussion über die angeblichen Präferenzen.

    Trans*Inklusion: Eine Aufgabe für cis Menschen

    Im Moment wird viel Energie aufgebracht – wie wir jetzt zum Beispiel in den USA sehen –, das alte System wiederherzustellen. Dabei wird mit enormer Gewalt gegen Trans*Menschen vorgegangen, unsere Erfolge werden vernichtet. Ich spüre, wie so manche Personen jetzt fast erleichtert mitmachen – jetzt, wo es quasi wieder legitimer wird, transfeindlich zu sein. Endlich lässt der Druck bei ihnen nach. Die letzten Jahre müssen anstrengend für sie gewesen sein, wenn Menschen sich zum Beispiel wünschten, für sich ein bestimmtes, viele oder kein Pronomen zu verwenden. Aber was genau war denn so anstrengend?

    Ich wurde oft eingeladen, die Frage, wie man die Community trans*inklusiver gestalten kann, zu erörtern. Ich habe das jahrelang gemacht. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob das der richtige Ansatz war. Ich bin eine Trans*Person – ich weiß nicht, was cis Menschen benötigen, um trans*inklusiver zu werden. Das ist eine Aufgabe, die wir cis Menschen stellen müssten. Es wäre also vielleicht sinnvoller gewesen, diesen Artikel von ihnen schreiben zu lassen – die zur Abwechslung mal sehr ehrlich sagen könnten, warum es ihnen so schwergefallen ist, all die Jahre inklusiver zu werden.

    Was in den USA passiert, ist erschreckend und trifft Trans*Menschen besonders hart. Für mich als Trans*Person of Color mit Familie in Mexiko, nahe der Grenze zu den USA, ist es aber auch verletzend zu sehen, wie die Community hier aufschreit, wenn plötzlich auch weiße Trans*Menschen betroffen sind. Wo war der Aufschrei, als wir hier versuchten, zum Beispiel auf die Situation in Honduras aufmerksam zu machen, wo trans Frauen auf der Straße erschossen wurden? Um nur ein Beispiel zu nennen. Trans*Menschen of Color waren immer einer großen Brutalität ausgesetzt – auch in Europa. Das ist ganz und gar nichts Neues.

    Intersektionalität und Trans*Feindlichkeit – die Empathielücke verstehen

    An dieser Stelle möchte ich die Intersektionalität erwähnen – ein Wort, das in den letzten Jahren so inflationär verwendet wurde, dass es für mich fast zu einer Floskel wurde. Wenn man Dinge nur oft genug hört, neigen wir dazu, sie zu überhören – es fängt an zu nerven. Ich glaube, ich habe die Menschen auch schrecklich genervt – immer kritisierte ich rum. Wie anstrengend. Die enorme Abgrenzungsfähigkeit davon ist aber genau das Problem.

    Wenn wir anfangen zu verstehen, dass diese Empathielücke das Ergebnis von Kolonialismus und – in unserer Gegend – dem Christentum ist: Gäbe es dann eine Möglichkeit, es zu überwinden?

    In meiner langjährigen Arbeit mit cis schwulen Männern habe ich viel gelernt. Es besteht ein großes Angebot von ihnen, uns zu assimilieren – für viele Trans*Menschen verlockend. Für mich fühlte es sich immer ein bisschen an wie eine Geheimgesellschaft mit vielen Regeln und stereotypen Vorstellungen, die es einzuhalten gilt. Es ist spannend, aufregend – es kann auch wirklich sehr schön sein. Halte ich mich an die Regeln, erfülle ich Stereotype, darf ich mitspielen. Selbst für schwule cis Männer ist das eine große Herausforderung. Ich habe viele kennengelernt, die unter großem Druck standen, das zu erfüllen. Das sind Männer, die von unserem Trans*Aktivismus profitieren könnten – er kann für alle ein Empowerment und befreiend sein.

    Passing, Anpassungsdruck und der Weg zu Trans*Empowerment

    Mittlerweile schmücken sich einige mit unserem Trans-Sternchen – aber nur, wenn das mit dem Abbau von Trans*Feindlichkeit einhergeht, finde ich das in Ordnung.

    Unser Trans*Aktivismus war lange davon geprägt, dazuzugehören. Wir hatten alles daran gesetzt, zu passen – nicht aufzufallen als trans:. Das war lange Zeit überlebensnotwendig, denn die Ausgrenzung und Gewalt ohne Passing war groß. Der Wunsch, dass ein Passing uns Verletzungen ersparen würde, hat sich leider nie erfüllt. Spätestens wenn es um Sexualität oder romantische Beziehungen ging, kam es zu einem (Zwangs-)Outing – und dann brach auch das vermeintliche Privileg des Passings in sich zusammen.

    An dieser Stelle kann es sehr leicht zu Verletzungen kommen – bis hin zu sehr gewaltvollen Erlebnissen, wenn unser Gegenüber sich betrogen fühlte, enttäuscht war oder schlichtweg spontan das Interesse von 100 auf 0 gesunken ist. Autsch – es war doch gerade noch so schön.

    Selbstbestimmtes Trans*Sein

    Aber jetzt sind wir weiter. Nicht alle von uns wollen passen – und verstecken wollen wir uns auch nicht mehr. Es ist nicht mehr unser Ziel, möglichst nahe an das cis Vorbild zu kommen. Wir sind empowert. Deshalb ist es auch kein Kompliment, wenn mir nach dem Sex gesagt wird: „Ich habe gar keinen Unterschied gemerkt.“ Das war nicht mein Ziel!

    Natürlich gibt es auch schöne Erlebnisse. Diese zuzulassen, benötigt allerdings den Mut der Trans*Person, sich dem potenziellen Risiko der Verletzung auszusetzen. Das ist eine große Herausforderung – und viele Trans*Menschen haben nicht die Kraft dafür. Ich sehe bis heute kaum ernstzunehmende Aktivitäten von cis schwulen Räumen, uns Trans*Menschen herzlicher willkommen zu heißen.

    Überhaupt ist das Thema Einladungspolitik so groß, dass ich darüber einen eigenen Artikel schreiben könnte. Aber glaubt mir, wenn ich euch sage: Für uns Trans*Menschen passt es meistens nicht. Verletzungen sind oft vorprogrammiert. Zu denken: „Naja gut, es passt halt nicht für alle“, ist lazy. Denn für die eine Person, für die es nicht passt, passt es andauernd nicht – und ist eine stetige Verletzung bis hin zur Kapitulation: „Gut, dann gehe ich eben nicht mehr in die Community.“ Problem gelöst – jedenfalls für die cis Menschen.

    Wenn Schutzräume Trans* und BIPoC ausschließen

    Das Wohlbefinden einer cis Person darf nicht über das einer Trans*Person gestellt werden, denn es handelt sich eben nicht um Meinungsfragen, sondern um strukturelle Diskriminierung.

    Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass jeder Versuch, Safer Spaces zu erschaffen, immer daran scheitert, dass Menschen aufgrund ihres Aussehens beurteilt werden – zu viel Policing. Spätestens wenn ich das kritisiere, werde ich aufgefordert, eine Lösung zu finden – schließlich sei das ein Schutzraum für bestimmte Personen. Als könnte ich jetzt das Problem von Trans*Feindlichkeit und Rassismus lösen.

    Und das wird seit Jahren in der Community gelassen in Kauf genommen. Solange Trans*Menschen, besonders of Color, derartig unter den Bus geworfen werden, um die eigenen Privilegien zu schützen, müssen wir uns nicht wundern, dass Trans*Feindlichkeit zunimmt.

    Es ist nicht der Präsident der USA, der mich verletzt – von ihm erwarte ich nichts. Auch nicht der weiße schwule cis Mann und die lesbische cis Frau, um deren Support ich seit über 20 Jahren kämpfe.

    Was cis Menschen von Trans*Menschen lernen können

    Und wenn cis Menschen nicht so sehr von ihrer in die Wiege gelegten Power überzeugt wären – wenn sie ihre Arbeit machen würden –, würden sie vielleicht merken, dass sie von uns Trans*Menschen so viel lernen könnten. Wie sehr wir ihr Leben bereichern würden. Wie schön es mit uns sein kann.

    All diese verpassten Chancen in so vielen Jahrzehnten – ein Jammer.

    Ich weiß, dass wir einige sehr schlimme Jahre vor uns haben. Die Trans*Feindlichkeit wird noch sehr schmerzhafte Spitzen erreichen. Aber es gibt einen Teil in mir, der daran glauben muss, dass es das letzte Aufbäumen eines längst veralteten Systems ist – das dem Tod geweiht sein muss.

    Dass dieses Aufbäumen insbesondere von alten weißen cis Männern in der Politik kommt, ist eher eine logische Konsequenz – denn sie waren ja diejenigen, die in den letzten Jahren massiv von uns kritisiert wurden. Erstaunlich zu sehen, wie sehr es sie getroffen hat – they lost their cool!

    So ging es mir aber leider auch mit vielen lesbischen und schwulen cis Menschen, die sich so hart gewehrt haben. Gegen Veränderungen – um nicht unterzugehen mit ihren alten Kämpfen, die sie mal geführt haben. Irgendwie wollten sie wenigstens in der queeren Community die Dominanten bleiben – und nix teilen.

    Es tut mir leid – ihr müsst jetzt trotzdem Platz machen. Denn egal, wie viel Druck wieder mal aufgebaut wird gegen uns, wie viel Gewalt wir noch erleben müssen: Es wird uns nicht auslöschen.

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  • Queerfeindliche Übergriffe: Interview mit MANEO

    Queerfeindliche Übergriffe: Interview mit MANEO

    Bastian, könntest du uns bitte das Ergebnis des MANEO-Reports näher bringen?

    Im Berichtsjahr 2022 konnten wir in Berlin etwas mehr Fälle als im Vorjahr erfassen (2022: 760, 2021: 731). Von diesen Fällen wiesen 557 Fälle LGBTIQ*-feindliche Bezüge auf (2021: 527). Dies ist für uns auch bedeutsam, da wir dadurch in unserer Beratung deutlich stärker gefordert waren, als im Vorjahr. Einerseits haben wir es geschafft, etwa 50% der Fälle, die bei uns gemeldet wurden, aus dem Dunkelfeld herauszuholen – also das, was der Polizei nicht bekannt ist. Dunkelfeld bezeichnet sowohl Fälle, die bei uns eingegangen sind, aber nicht bei der Polizei angezeigt wurden, als auch Fälle, die nirgendwo gemeldet wurden. In anderen Fällen haben uns die Betroffene berichtet, dass sie die Fälle bereits bei der Polizei zur Anzeige gebracht haben. Zudem konnten wir in einem weiteren Teil unserer Arbeit über Medien recherchieren, da die Polizei regelmäßig Fallbeispiele über ihre polizeiliche Pressestelle veröffentlicht.

    Wie vergleichbar sind die Ergebnisse mit anderen Städten oder Bundesländern?

    Das Bundeskriminalamt veröffentlicht eine bundesweite Statistik über die von der Polizei erfassten LGBTIQ*-feindlichen Übergriffe, jedoch werden die Zahlen nicht nach Städten sondern Bundesländer ausgewiesen. Insofern können wir hier zumindest für das Land Berlin auf Zahlen zurückgreifen, die es in dieser Menge und Anzahl weder in Hamburg noch in Bremen als Stadtstaaten gibt, geschweige denn in ganz Nordrhein-Westfalen oder Bayern. 

    Ja, wir haben hier in Berlin viel mehr Zahlen! Das liegt aber nicht daran , dass Berlin besonders homo-, trans*- oder LGBTIQ*-feindlich sei, sondern dass wir hier sehr gute Instrumente geschaffen haben, damit Menschen auch schneller einen Fall melden und die Strafverfolgungsbehörden effektiv die Fälle verfolgen können. Das ist hier in Berlin zwar sehr gut ausgebaut, aber noch nicht so, wie es sein soll. Es sind einerseits schon sehr gute Voraussetzungen geschaffen worden. Andererseits müssen die jetzt aber noch weiter verbessert werden.

    Im aktuellen Report werden im Vergleich zum Vorjahr mehr Fälle festgestellt, die nicht bei der Polizei gemeldet wurden. Woran liegt das?

    Das hat viele Gründe. Entweder schaffen wir es durch unsere Arbeit, mehr Menschen dazu zu bringen, mit uns zu sprechen, die vorher weder mit uns, noch der Polizei gesprochen haben. Oder wir haben es geschafft, dazu beizutragen, dass die Menschen zu uns wiederkommen, wenn wieder was passiert ist. 

    Es gibt auch noch viele andere Argumente. Wir haben zum Beispiel auch Betroffene, denen das schon mehrfach passiert ist. Irgendwann haben sie keine Lust mehr, Anzeige zu erstatten, weil denen das zu viel Stress macht. Zum Beispiel hat mir eine trans* Person mal gesagt: „Ich kann nicht jeden Tag drei, vier Strafanzeigen erstatten, das schaffe ich nie.“ 

    „Ich kann nicht jeden Tag drei, vier Strafanzeigen erstatten.“

    Das hat etwas mit den Bedingungen zu tun und nicht mit der Polizei. Wir versuchen aber weiterhin die Türen zur Polizei zu öffnen, aber ich kann auch verstehen, wenn manche sagen, das sei ihnen zu viel.

    Warum hat die Zusammenarbeit zwischen MANEO und der Polizei in diesem Jahr nicht stattgefunden?

    Seit 2021 hat die Generalstaatsanwaltschaft der Polizei untersagt, einen Austausch über statistische Informationen fortzusetzen. Es ging um anonymisierte statistische Daten, die wir zuvor mit der Polizei ausgetauscht hatten, um unsere Präventionsarbeit zu verbessern. Die Polizei hat uns bis dahin stets ein paar wenige anonymisierte Informationen gegeben: Datum Uhrzeit, Ort des Vorfalls. 

    Beispielsweise, wenn wir festgestellt hatten, dass es seit zwei oder drei Wochen mehr Überfälle im Tiergarten gibt, dann hatten wir sofort reagiert und unsere Vorort-Mitarbeiter*innen in den Tiergarten geschickt, so wie die Polizei auch. Wir boten vor Ort eine Infostelle an oder sind mit den Menschen dort ins Gespräch gekommen. Wir konnten reagieren. Oder wenn es irgendwo gehäuft Vorfälle gab, dann konnten wir in den sozialen Medien auf eine erfhöhte Gefährdung aufmerksam machen.

    Diesen Austausch gibt es leider nicht mehr, weil die Polizei aus Datenschutzgründen noch nicht einmal über anonymisierte Eck-Informationen mit uns sprechen darf nachdem der Datenschutzbeauftragte der Generalstaatsanwaltschaft rechtliche Probleme festgestellt hatte.

    Wir haben diesen Austausch jahrelang machen können – ohne Probleme. Dadurch konnten wir unsere Präventionsarbeit jedes Jahr verbessern, da wir viel miteinander kommuniziert haben, immer unter Einhaltung des Datenschutzes. Das war für uns völlig selbstverständlich.

    Die Kommunikation mit der Polizei bzw. unsere Vermittlung zwischen den Opfern und der Polizei ist selbstverständlich noch immer da, aber sie ist sehr erschwert worden.

    Welche Arten von Übergriffen werden im Report erfasst?

    Die Mehrheit der Fälle, die wir hier erfasst haben, finden in den Straßen und in der Öffentlichkeit statt – einschließlich Übergriffe in den öffentlichen Verkehrsmitteln, hier haben wir besonders viele Fälle erfasst. Darüber hinaus haben wir auch Fälle erfasst, die sich in sozialen Medien oder im Internet ereignet haben, wie beispielsweise Hass im Netz. Es gibt auch andere Regionen, in denen Übergriffe auftreten. z.B. in Schulen und Bildungseinrichtungen.

    Ist euch ein Muster aufgefallen, wo und wann die Übergriffe am häufigsten auftreten?

    Das ist schwer zu erfassen! Es ist ein bisschen mehr am Wochenende, aber vor allem an Orten oder in Momenten, in denen LGBTIQ* öffentlich sichtbar sind: Cafés, Bars, Clubs und Events. Sobald sie in der Öffentlichkeit sichtbar sind, besteht da immer eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es zu Provokationen, Beleidigungen oder Belästigungen kommt, sowohl tagsüber als auch nachts. Eine große Vielzahl der von uns erfassten Übergriffen findet in Schöneberg statt, aber auch in Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln und Mitte. Dies sind die Schwerpunktorte, die wir auch im letzten Jahr wieder erfasst haben.

    Kürzlich wurden mein Freund und ich als schwules Paar auf der Straße von einer Gruppe junger Männer angespuckt, was in mir sowohl Wut als auch Angst auslöste. Nun frage ich mich, wie ich am besten mit dieser Situation umgehen sollte?

    Keine Konfrontation! Wenn die Situation schon so aggressiv ist, sollte man nicht zu der Aggression beitragen, sondern sofort die Polizei anrufen und sagen: „Ich bin gerade an diesem Ort und wurde als schwuler Mann von Leuten angespuckt. Bitte kommen Sie schnell, die Täter sind jetzt noch gerade hier, oder ich beobachte, wo sie hingehen.“ Dann kommt die Polizei und stellt die Identität der Täter*innen fest und dann kann ein Strafantrag erstattet und eine Strafverfolgung gegen die Täter*innen eingeleitet werden. Das ist eine sehr effektive Maßnahme, um etwas zu bewirken und sich wehrhaft zu zeigen.

    Gleichzeitig: Wer sich hilflos in diesen Situationen fühlt, kann mit uns darüber reden, um sich zu stärken, Handlungsoptionen zu verbessern, oder diese Übergriffe zu verarbeiten. Wenn weitere Hilfe erforderlich wäre, können wir auch vermitteln und Kontakte herstellen. 

    Wichtig ist nur, sich nicht hängen zu lassen, nicht zu akzeptieren, dass das angeblich normal wäre. Das ist nicht normal. Wir müssen alle auch eine Haltung einnehmen und deutlich machen, das akzeptieren wir nicht. Und das fängt bei uns allen an. Auch bei Zeug*innen, die Übergriffe beobachtet haben. Sie haben die Täter*innen gesehen, oder sie können bestätigen, dass das passiert ist. Es ist deshalb wichtig, dass auch Zeug*innen sich bei uns melden. Vor wenigen Tagen haben wir eine Pressemeldung der Polizei über die sozialen Medien weiter kommuniziert. Eine Stunde später hat sich bei uns ein Zeuge gemeldet und gesagt: „Ich war dabei und habe das gesehen. Wenn das Opfer Hilfe braucht, stehe ich zur Verfügung.“ Dann haben wir auch wieder den Kontakt mit der Polizei hergestellt.

    Wichtig ist, sich nicht hängen zu lassen, nicht zu akzeptieren, dass das angeblich normal wäre. Das ist nicht normal.

    Wie trägt MANEO zur Gewaltprävention bei, welche Arbeit wird hier geleistet? 

    Die Gewaltpräventionsarbeit, die wir in erster Linie leisten, besteht darin, schwule, bisexuelle und andere MSM über Gefährdungen und Gefahren zu informieren. Eine unserer Hauptaufgaben ist, uns an die Szenen zu wenden und sie anhand unterschiedlichen Informationen und Materialien zu sensibilisieren. Wir haben verschiedene Themen, mit denen wir uns mit Infomaterial an die Öffentlichkeit wenden, auch über soziale Medien. Unsere Schwerpunktthemen, zu denen wir bislang gearbeitet haben, sind homofeindliche Beleidigungen, homofeindliche Raubstraftaten, sexuelle Übergriffe, häusliche Gewalt, Zwangsverheiratung und KO-Tropfen. Dazu haben wir Material und bieten viele Informationen an, auf die die Menschen zurückgreifen und sich informieren können. Außerdem sind wir vor Ort und in den sozialen Medien unterwegs. Wir haben eine aktive Vorortarbeit, das heißt: Mitarbeiter*innen von uns sind mit Infoständen jede Woche in der Szene unterwegs: in Crusing-Gebieten, in Kneipen oder stehen vor und in Clubs. Das können wir aber nur mit den Ressourcen machen, die uns zur Verfügung stehen. 

    Und wie kann ein Gewaltopfer bei euch einen Übergriff melden? 

    Wir haben verschiedene Zugangswege, die man bei uns melden kann. Erstens kann man jeden Tag – auch am Wochenende – zwischen 17 und 19 Uhr bei uns anrufen. Darüber hinaus sind wir an Werktagen von Montag bis Freitag in der Bülowstraße 106 zwischen 17-19 Uhr persönlich erreichbar. Oder man kann uns eine E-mail schicken, bzw. über die sozialen Medien mit uns Kontakt aufnehmen. Es gibt auch auf unserer Homepage einen online Fragebogen, den man ausfüllen kann.

    Wir sind permanent im Terminproblem, weil wir völlig überlastet sind. Da muss sich was ändern.

    Was kommt jetzt? Arbeitet ihr mit der Politik zusammen, um Maßnahmen zu ergreifen?

    Wir gehen anhand des Reports in Gespräche mit der Politik und der Stadtverwaltung. Eine ganz große Baustelle spielt die Opferhilfe. Anhand unserer Zahlen können wir belegen, wie viel Arbeit wir haben. Aber auch gleichzeitig belegen, wie wenige Ressource zu unserer Verfügung stehen, um diese Arbeit zu machen. Wir sind permanent im Terminproblem, weil wir völlig überlastet sind. Da muss sich was ändern, wir brauchen mehr Ressourcen. Viele Menschen brauchen Hilfe, und diese Hilfe wird nicht geboten. Die psychische und auch die körperliche Gesundheit von LGBTIQ*-Menschen ist belastet. Das führt dann auch zu Erkrankungen, wenn die Menschen die Hilfe und Unterstützung, die sie brauchen, nicht bekommen. 

    Das andere ist präventionistische Strategien zu entwickeln und Maßnahmen zu verstärken: Nicht aufzuhören, Aufklärung an Schulen zu betreiben und Aufklärungsarbeit in Jugendeinrichtungen zu fördern. Das muss weiterlaufen und darf nicht gekürzt werden.

    Das sind alles wichtige Argumente, die wir vielen Einrichtungen und Organisationen mit unserem Bericht an die Hand geben können. Die Politik und die Verwaltung muss immer wieder gefördert werden, ihre Bemühungen im Kampf gegen LGBTIQ*-Feindlichkeit und Menschenfeindlichkeit nicht zu vernachlässigen, sondern fortzusetzen.