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  • Bezugsperson und Vertrauter

    Bezugsperson und Vertrauter

    Ehrenamt: Bezugsperson und Vertrauter
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    Theo (Name geändert) ist 42 Jahre alt. Seit neun Jahren engagiert er sich ehrenamtlich bei der Berliner Aids-Hilfe als emotionaler Begleiter von Menschen mit HIV. Ein Porträt von Moritz Krehl

    1998 bekommt Theo die Diagnose „HIV-positiv“ – ein Schock.

    Fünf Jahre später tritt er freiwillig aus dem kirchlichen Dienst aus und geht nach Berlin, um dort sein Glück zu finden. Die Trennung von seinem damaligen Freund, berufliche Turbulenzen und nur wenige soziale Kontakte  führen ihn allerdings zunächst in die Einsamkeit. So schwer hatte Theo sich den Start nicht vorgestellt. Aber anstatt zu resignieren und zu Hause zu sitzen, bis er depressiv wird, geht er zur Berliner Aids-Hilfe, kurz BAH, um sich ehrenamtlich zu engagieren – für ihn ein Weg aus der Isolation.

    Die BAH hat zehn bis fünfzehn Bereiche, in denen ehrenamtliches Engagement möglich ist.

    Theo entscheidet sich für die „Begleitung“. Dort gibt es drei Gruppen: Die Ehrenamtler von „Freunde im Krankenhaus“, kurz die FRIKS, begleiten Aids-Patienten, die langfristig im Krankenhaus liegen müssen. Die in der „emotionalen Begleitung in Haft“ Engagierten treffen sich regelmäßig mit HIV-infizierten oder aidskranken Häftlingen. Theo arbeitet in der dritten Gruppe, der „emotionalen Begleitung“. Auch hier geht es darum, Menschen mit HIV auf ihrem Weg aus der Krise zu begleiten, ihnen ein Stück Lebensqualität zurückzugeben, Bezugsperson und Vertrauter zu sein.

    Die „Begleitung“ wurde in den 1980er Jahren ins Leben gerufen, in den schlimmsten Zeiten der Aidskrise.

    Schon damals haben die Ehrenamtlichen HIV-Positive, aber vor allem Aidspatienten begleitet –bis zu deren Tod. Damals war das also oft Sterbebegleitung, das Ende des begleiteten Wegs war von Anfang an vorbestimmt.

    Auch heute nehmen Begleiter wie Theo HIV-Positive und Aidskranke an die Hand und schenken ihnen ein Stück Geborgenheit und Vertrautheit. Anders als früher ist das Ende aber nicht mehr vordefiniert, dank der modernen Medikamente. Heute entscheidet sich in intensiven Gesprächen zwischen Begleiter, Begleitetem und Aidshilfe-Mitarbeiter sowie in der Supervision, wann die Begleitung sinnvoll beendet wird. Meistens ist das ein Zeitpunkt, an dem die Krise des Begleiteten überwunden ist oder an dem deutlich wird, dass die Begleitung die angestrebten Ziele nicht erreichen kann. So kann der gemeinsame Weg kurz sein, sich aber auch über viele Jahre erstrecken.

    Nicht geändert hat sich hingegen, dass Aids oft ins soziale Abseits führt.

    Die Krankheit isoliert die Patienten, sie vereinsamen. Resignation, Depressionen und Lethargie sind häufige Folgen, wobei Theo davon überzeugt ist, dass eine HIV-Diagnose selten neue Probleme schafft, sondern eher psychische Veranlagungen verstärkt – so wie es bei kritischen Lebenssituationen vorkommen kann.

    Um der Isolation entgegenzuwirken, haben die Begleiter mindestens einmal pro Woche mit ihren Klienten Kontakt; bevorzugt persönlich, manchmal aber auch nur am Telefon. Und obwohl Theo wie die meisten Begleiter berufstätig ist und wenig Zeit hat, verbringt er alle zwei Wochen sogar den ganzen Samstag mit seinem aktuellen Klienten Benjamin (Name geändert), um mit ihm einen Ausflug zu machen, einen Kaffee trinken zu gehen oder einfach nur mit ihm zu reden und ihm zuzuhören.

    Der aidskranke Mann ist ungefähr so alt wie Theo selbst – und erst sein zweiter Klient in neun Jahren. Theo begleitet Benjamin seit mittlerweile vier Jahren. Man merkt, dass Theo Benjamins Schicksal nahegeht, aber auch, dass es ihm egal ist, woher er kommt und wie er in diese Lage gekommen ist. Theo urteilt nicht, ihm geht es um den Menschen und den Weg, der vor ihm liegt. „Ich will ihm helfen, sein Leben zu erleben.“

    Was hat Theo das Engagement in der Berliner Aids-Hilfe gebracht, und warum engagiert er sich nach wie vor?

    Er hat Anschluss gesucht und gefunden, sagt er. Die Supervisionsgruppe gab ihm Halt. Und er hat in der BAH Freunde gefunden, ein gutes Netzwerk, auf das er nicht mehr verzichten will. Außerdem bietet ihm die Arbeit „eine soziale Alternative zum verkopften Schreibtischleben“ und gibt ihm das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Und nicht zuletzt lernt er viel über sich selbst. In gemeinsamen Supervisions-Sitzungen spricht Theo mit den anderen über seine persönlichen Probleme und über schwierige Momente in der Begleitung. „Oft kommt dann ein Feedback, das mich nachdenklich macht und wodurch ich mich persönlich weiterentwickeln kann.“

  • positive stimmen 2.0

    positive stimmen 2.0

    „Vorurteile gegenüber Menschen mit #HIV beeinträchtigen mein Leben“

    Auf die Hälfte der Menschen mit HIV, die bei der Studie „positive stimmen 2.0“ befragt wurden, trifft diese Aussage zu. Heute haben wir die Ergebnisse des partizipativen Forschungsprojekts vorgestellt. Deutlich wird, dass Leben und Alltag von Menschen mit HIV viel mehr von Diskriminierungserfahrungen eingeschränkt werden als von den gesundheitlichen Aspekten der Infektion. Fazit: Ein gutes Leben mit HIV ist medizinisch möglich – der gesellschaftliche Umgang hinkt hinterher.

    💡 Weitere Infos, die Ergebnisse und darauf aufbauende Handlungsempfehlungen findet ihr auf

    www.positive-stimmen.de

    ➡ Die Pressemitteilung findet ihr unter https://www.aidshilfe.de/…/leben-hiv-heute-vorurteile…

    Menschen mit HIV sind häufig von Stigmatisierung und Diskriminierung betroffen.

    Bei ihnen kann die wahrgenommene und verinnerlichte Stigmatisierung sowie die erlebte Diskriminierung zu erheblichen Auswirkungen in Bezug auf die Lebensqualität und Gesundheit führen – die Ergebnisse von „positive stimmen 2.0“ untermauern dies.

    Stigmatisierung und Diskriminierung

    Gleichzeitig stellt Stigmatisierung das größte Hindernis für die HIV- Prävention dar. Denn (befürchtete) Ausgrenzung und stigmabedingte Krankheitstheorien (bspw. Annahmen über sogenannte Risikogruppen
    und Übertragungswege) wirken sich zum einen auf die Bereitschaft aus, sich auf HIV testen zu lassen und zum anderen wird der HIV-Test Personen, denen kein Risiko zugeschrieben wird – insbesondere Frauen
    über 40 Jahre – nicht aktiv angeboten. Somit tragen Stigmatisierung und Diskriminierung dazu bei, dass auch heute noch in Deutschland ca. 1/ 3 der HIV-Infektionen erst in einem späten Stadium festgestellt werden und die Menschen hierdurch deutliche gesundheitliche Nachteile in Kauf nehmen müssen, da sie nicht von einer rechtzeitigen HIV -Therapie profitieren können.

    Intersektionale Aspekte

    Intersektionale Aspekte spielen auch in Bezug auf HIV eine große Rolle. Von Beginn an wurde HIV zu einer Infektion der „Anderen“ gemacht. So wird HIV – unabhängig von statistischen Tatsachen – vor allem Gruppen zugeschrieben, die auch schon vor Beginn der HIV-Pandemie stigmatisierte Gruppen waren wie „promiskuitive“ schwule Männer, Sexarbeiter*innen, Drogengebrauchende oder Schwarze Menschen. Zudem erleben viele Menschen mit HIV Stigmatisie-
    rung nicht nur aufgrund ihrer HIV-Infektion, sondern auch aufgrund anderer Stigmatisierungsmerkmale, z. B. als schwuler Mann, als trans*-Person, als Black or Person of Color, als Frau, drogengebrauchende
    Person oder Sexarbeiter*in.

    Diese Stigmata überlagern sich nicht nur, indem sie zu „mehr“ Stigma-
    tisierung und Diskriminierung führen, sondern sie sind miteinander verwoben und führen zu spezifischen Stigmatisierungserfahrungen und Benachteiligungen. So unterscheidet sich das Leben eines HIV-positiven schwulen jungen cis-Mannes, der aus der Mittelschicht kommt und einen Hochschulabschluss hat, möglicherweise weniger von dem eines
    HIV- negativen Mannes, während eine HIV-positive Schwarze Frau ohne Aufenthaltsgenehmigung und Krankenversicherung wahrscheinlich Schwierigkeiten haben wird, an die lebenswichtigen Medikamente zu kommen und für ihre Gesundheit zu sorgen.

    www.positive-stimmen.de

  • Wider die Scham und die Sünde

    Wider die Scham und die Sünde

    Die TV-Serie „It’s a Sin“ zeigt LIEBE IN ZEITEN VON AIDS

    Das Gegenstück zu „Queer as Folk“: Die TV-Serie „It’s a Sin“ blickt ins London der 1980er-Jahre zurück, als auch dort die schwule Szene von Aids überrollt wurde. Ein Meisterwerk, das nicht nur von der Vergangenheit erzählt, sondern auch vom Hier und Heute.

    (Spoilerwarnung: Dieser Artikel enthält Spoiler zu der Serie „It’s a Sin“)

    Es bedarf keiner prophetischen Fähigkeiten, um die Zukunft dieser Serie vorherzusagen: Sie wird bald zum festen kulturellen Gedächtnis der schwulen Community gehören, wie schon „Pose“ oder „Queer als Folk“. TV-Serien also, die ebenfalls queere Geschichten und die Geschichte auf eine Art und Weise erzählen, dass sie selbst bleibende Erinnerungen schaffen.

    Szene aus Episode 2 der TV-Serie Gregory, Colin, Richie, Jill and Ash (von links nach rechts) (© RED Production Company & All3Media International)
    Szene aus Episode 2 Gregory, Colin, Richie, Jill and Ash (von links nach rechts) (© RED Production Company & All3Media International)

    Queere Geschichte als TV-Serie

    Denn mit den Figuren in „It’s a Sin“ fiebert man hautnah mit. Bei ihrem Aufbruch in die Erwachsenenwelt und der Euphorie der sexuellen Befreiung und Selbsterfahrung. Man kommt ihnen in den fünf Episoden so nahe! Wir begleiten sie so intensiv durch Höhen und Tiefen, dass man sich dieser queeren Wahlfamilie fast zwangsläufig zugehörig fühlt.

    Und vor allem gelingen Russel T Davies, dem Schöpfer dieser TV-Miniserie, immer wieder Szenen und Bilder, die sich förmlich einbrennen und die Zuschauer*innen auf lange Zeit unweigerlich begleiten werden.

    Innere Widersprüche aushalten

    Auch, weil oft in einem einzigen Bild die sich überlagernden Gefühle wie Aufbegehren und Glück bis hin zu Verzweiflung, Unverständnis und Hoffnung festgehalten sind. Etwa, wenn die Eltern des partyfreudigen Fahrkartenkontrolleurs Gregory nach dessen Tod im Garten einen Scheiterhaufen errichten. Und sie dort sein Bett und alle persönlichen Gegenstände ihres Sohnes verbrennen, die Kinderfotos ebenso wie die Schnappschüsse mit seinen Freunden im fernen London. Als könnten sie damit sein Schwulsein und seine Aidserkrankung auslöschen.

    Oder Ritchie, der sich nicht getraut hatte, sein Testergebnis abzuholen, und alle Anzeichen ignorierte. Erst jetzt, da die Krankheit ausgebrochen ist, bringt er den Mut auf, sich – auf seine sehr eigene Weise – seinen engsten Freunden zu offenbaren: „Ich wollte, dass ihr es als erstes erfahrt: Ich werde leben!“

    „Ich wollte, dass ihr es als erstes erfahrt: Ich werde leben!“

    Olly Alexander (den viele als Frontman der Band Years & Years kennen dürften) legt in diesen kurzen Satz alles hinein, was seine Figur gerade an inneren Widersprüchen auszuhalten hat. Die Erleichterung, sich endlich den wichtigsten Menschen anvertrauen zu können, die Scham, sie so lange angelogen zu haben, und die Angst, dass seine Zukunft nur noch sehr kurz sein könnte. Und dann spricht da auch noch der Trotz aus ihm, sich nicht unterkriegen und nicht die Lebensfreude rauben lassen zu wollen.

    Schwule Fernsehgeschichte für ein breites Publikum

    Und weil das die Zuschauer*innen nicht unberührt lässt, wird auch diese Szene zu einem unvergesslichen Moment. Russel T Davies versteht nicht nur sein Handwerk, er weiß es vor allem auch meisterhaft einzusetzen – und das heißt für ein breites Publikum zu schreiben, ohne deshalb inhaltliche Kompromisse einzugehen.

    Schwules Leben und Lieben bewusst nicht auf HIV und Aids reduzieren

    Das war ihm auch schon mit Serien wie „Cucumber“, „A Very English Scandal“ und „Years and Years“ und vor allem natürlich mit „Queer as Folk“ gelungen. Mit letzterer Serie hatte der britische Regisseur und Drehbuchautor vor über 20 Jahren schwule Fernsehgeschichte geschrieben. Sie war so erfolgreich, dass einige Jahre später – ein international noch erfolgreicheres – US-Remake entstand.

    Davies hatte seinerzeit bewusst darauf verzichtete, HIV und Aids zu thematisieren, sondern wollte schwules Leben und Lieben feiern, ohne es zugleich durch die Krankheit zu definieren.

    Eine neue Welt im London der 80er-Jahre

    Für ihn war es nun aber an der Zeit, auch an diese Jahre zu erinnern und sich dabei zugleich auch mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. In Ritchtie, dem smarten gutaussehenden 18-Jährigen, dem sich in der schwulen Szene Londons des Jahres 1981 eine neue Welt eröffnet und der die sich ihm bietenden sexuellen Möglichkeiten ausgiebig genießt, hat Davies offenbar viel seiner eigenen Geschichte hineingepackt. Und auch Jill (Lydia West), Ritchies beste Freundin, die wie er ebenfalls Schauspiel studiert, hat eine reale Entsprechung.

    Szene aus Episode 2 der Tv-Serie Roscoe © RED Production Company & All3Media International
    Szene aus Episode 2 Roscoe © RED Production Company & All3Media International

    Jill wird Mitbewohnerin der ansonsten komplett schwulen WG, die von allen liebevoll „Pink Palace“ genannt wird. Es ist ein kleiner verschworener, bunter Haufen. Neben Ritchie gehört auch Roscoe (Omar Douglas) dazu. Er hat seiner aus Nigeria stammenden, streng religiösen Familie den Rücken gekehrt, als diese Pläne schmiedete, ihn von seiner Homosexualität „heilen“ zu wollen.

    Davies zeigt den Umgang mit der Angst vor Aids, mit Homosexualität und Homosexuellenfeindlichkeit

    Der blasse Waliser Collin (Callum Scott Howells) beginnt in London eine Ausbildung zum Herrenschneider, gilt als verklemmt und schüchtern, aber hat, wie sich im Laufe der Zeit zeigt, mehr erlebt, als seine Freund*innen ahnen.

    Rund um die Clique scharrt Russel T Davies noch eine ganze Reihe von Nebenfiguren. Unter anderem prominent besetzt mit Stephen Fry und Neil Patrick Harris („How I Met Your Mother“). Dadurch eröffnet sich Davies jede Menge Möglichkeiten, den Umgang mit der Angst vor Aids, mit einer Infektion, mit der eigenen Homosexualität sowie der Homosexuellenfeindlichkeit der anderen – wie auch die Reaktionen darauf – zu zeigen.

    Mehr als nur ein zeitgeschichtliches Panorama der Aids-Ära

    Diese TV-Serie mag dafür viel zu kurz erscheinen – immerhin sind es „nur“ fünf Folgen je 45 Minuten – doch Russel T Davies genügt diese Zeit für ein unglaublich breites, keineswegs nur zeitgeschichtlich Panorama. Denn „It’s a Sin“ (benannt nach dem Hit der Pet Shop Boys) fokussiert sich nicht ausschließlich auf die verheerende Auswirkung der Aidspandemie im London zwischen 1981 und 1991.

    „Ich wollte kein Drama über Sterbebetten schreiben“

    „Ich wollte kein Drama über Sterbebetten schreiben“, erklärte Davies in einem Interview, „sondern ich wollte diese Ära wieder für mich zurückgewinnen und mich mit Freude an diese Leben erinnern.“

    So geht es in „It’s a Sin“ einerseits beispielsweise um die berechtige Angst vor der Ausgrenzung – selbst durch Kolleg*innen und die Familie oder um Angst vor dem Sterben. Die Serie erzählt aber auch auf vielen verschiedenen Ebenen davon, wie Homosexuellenhass funktioniert und wirkt. Aber auch wie man sich verbünden und stärken kann. Sie zeigt, was es braucht, um die eigene Sexualität positiv annehmen und leben zu können. Und welchen Wert Freund*innenschaft und Mitmenschlichkeit haben. Und das alles mit jeder Menge Empathie und Humor.

    Szenenbild aus Episode 1 der TV-Serie „It’s a Sin“
    Szenenbild aus Episode 1 der TV-Serie „Richie“

    TV-Serie bringt Themen wie Coming-out, HIV und PrEP in die Medien

    Und so ist „It’s a Sin“ zwar eine Serie, die in einem lange zurückliegenden Jahrzehnt spielt. Aber weil sie überzeitliche Themen verhandelt, kann die Serie doch im Hier und Heute andocken. Dazu trägt bei, dass die Serienmacher*innen darauf verzichtet haben, penetrant und überdeutlich typische Alltagsgegenstände jener Ära zu platzieren.

    Großer Erfolg unter jungen Zuschauer*innen

    Breite Schulterpolster, New-Wave-Outfits und Walkman sucht man hier also fast vergebens. Das erleichtert auch dem jungen Publikum von heute, sich mit ihren Altersgenoss*innen der 80er- und 90er-Jahren zu identifizieren.

    In Großbritannien hatte die Serie gerade unter jungen Zuschauer*innen einen enormen Erfolg. Und hatte einen nicht gering zu schätzenden Nebeneffekt: Themen wie Coming-out, HIV, heutige Behandlungsmöglichkeiten und PrEP wurden breit in den Medien diskutiert – und die HIV-Test-Zahlen stiegen nach der Ausstrahlung um mehr als 400 Prozent.

    Eine der eindrücklichsten und unvergesslichsten Szenen der ganzen TV-Serie hat sich Davies übrigens für den Schluss aufbewahrt. Jill trifft auf einer Hafenpromenade auf der Isle of Wight mit Ritchies Mutter zusammen. Den Freund*innen war bislang verwehrt worden, ihren Freund noch einmal zu sehen.

    Lebensbejahende Feier des queeren Selbstbewusstseins

    Nun erfährt Jill, dass Ritchie bereits gestorben ist – einsam und abgeschirmt im Schoße der Familie. Russel T Davies hat für Jill hier einen Monolog geschrieben, der es in sich hat. Er kommt einer Generalabrechnung gleich. Er formuliert vor allem aber eine der zentralen Botschaften, die Davies mit dieser TV-Serie vermitteln will. Es ist ein Plädoyer gegen die Scham und zugleich eine Anklage all jener, die Menschen dazu bringen, sich für ihre Sexualität oder für eine HIV-Infektion zu schämen.

    Ein Plädoyer gegen Scham

    Denn erst „die Scham macht das Gefühl, es verdient zu haben“, sagt Jill. Ohne die Scham wäre ein freierer Umgang mit der sexuellen Identität wie auch mit einer Infektion möglich. So aber kommt zur Scham vielleicht sogar noch die Schuld hinzu, weil man das Virus womöglich an andere weitergegeben hat.

    Das macht „It’s a Sin“ zu einem ebenbürtigen Gegenstück zu „Queer als Folk“. „It’s a Sin“ ist aber auch eine ungemein lebensbejahende Feier der Selbstermächtigung und des queeren Selbstbewusstseins.


    „It’s a Sin“ (Starzplay), Video-on-Demand bei Amazon Prime Video

    Alles zum Leben mit HIV findet ihr bei uns unter iwwit.de/leben-mit-hiv!

  • Tod eines Porno-Darstellers

    Tod eines Porno-Darstellers

    Im Jahr 2004 beginnt ein 19-jähriger New Yorker eine Karriere als Pornodarsteller. Sechs Jahre später ist er tot. Chad Noel starb am 17. März 2010, möglicherweise „nach kurzer Krankheit im Zusammenhang mit Komplikationen, die durch HIV ausgelöst wurden“. So jedenfalls heißt es in einer Mitteilung eines Freundes auf einer Website für Nachrufe. Er und auch die Familie des Verstorbenen fragen sich: Wie kam es dazu?   

    Ein junger Pornodarsteller und sein früher Tod

    Unter dem Pseudonym Donny Price machte Chad Noel seine ersten Erfahrungen als Hardcore-Darsteller. Seinen ersten Auftrag erhielt er beim Label Cobra Video, bei dem 2004 “Every Poolboy’s Dream” veröffentlicht wurde. Ein Film, der später noch für einen Skandal sorgte: Chad Noel agierte gemeinsam mit dem damals noch minderjährigen Pornostar Brent Corrigan, der sich durch einen gefälschten Ausweis als Volljähriger ausgegeben hatte.   

    Chad wechselte zu den Helix-Studios und wurde dort als Craven Cox bekannt, später machte er bei diversen Fetischvideos als Kyle Young mit.   

    Chad Noel, ehemaliger Pornodarsteller, verstorben 2010
    Chad Noel wurde unter dem Namen Donny Price bekannt und verstarb mit 25 Jahren.

    HIV-Verdacht und Risiken in der Pornobranche

    Die Website “Gay Porn Gossip”, die als erstes den Tod des 25-jährigen vermeldete, spekuliert nun über die Möglichkeit, dass sich Chad während seiner Arbeit für die Helix-Studios infiziert haben könnte. Dort werden so genannte „Bareback“-Filme produziert. Freunde von Chad hegen diese Vermutung, eine Bestätigung dafür gäbe es aber nicht. Allerdings hätten bereits öfters junge Helix-Darsteller gegenüber Gay Porn Gossip geäußert, bei ihnen sei eine HIV-Infektion festgestellt worden.   

    Wer trägt Verantwortung für die Gesundheit der Pornodarstellern?

    Sie selbst? Die Produzenten? Die Konsumenten der Filme?   

    In der US-Hardcore-Branche tobt bereits seit längerem eine heftige Diskussion. Darin steht die Frage nach der Verantwortung der Filmemacher im Vordergrund. Produzent Chi Chi LaRue apellierte in einem Kampagnenvideo an Akteure wie Konsumenten, das Kondom nicht zu vergessen.   

    In Kalifornien gab es zudem einen Vorstoß, über das Arbeitsrecht die Regeln für mögliche gesundheitliche Gefährdungen auszuweiten und eine Kondompflicht in Pornos einzuführen.   

  • Hepatitis C in der (Sexparty-)Szene

    Hepatitis C in der (Sexparty-)Szene

    Franz und Manuel fisten gerne. Ist die Hand im Arsch, haben sie oft Hepatitis C im Kopf. Denn als HIV-Positive können sie sich leichter eine Ko-Infektion holen. Hier erzählen sie, wie sie ihre Sex-Sessions mit Vorsicht genießen.

    Franz mag es nicht, wenn es beim Sex ganz dunkel ist. „Ich möchte noch genug Licht haben, um zu sehen, ob auf meinem Handschuh eine auffällige Blutspur ist.“ Franz ist 56 Jahre alt, HIV-positiv, Leder-Fan, und Franz fistet gerne. „In letzter Zeit bin ich noch ein paar Prozente vorsichtiger geworden“, erzählt der Augsburger. Binnen drei Monaten hat er von vier guten Bekannten erfahren, dass sie sich mit Hepatitis C angesteckt haben. „Danach bin ich vorsichtshalber auch zum Check gegangen – außer der Reihe.“ Zweimal im Jahr lässt sich Franz sowieso auf sexuell übertragbare Krankheiten testen, auch ein Hepatitis-C-Test ist dabei. „War aber nix“, sagt Franz erleichtert.

    Schwule Männer mit HIV infizieren sich häufiger mit Hepatitis C als HIV-negative Männer. Ein möglicher Übertragungsweg: Sexpartys, auf denen die Partner häufig wechseln. Franz‘ Eindruck: „Das ist so eine Mischung aus Fist- und Fick-Szene. Wenn das die ganze Nacht durchgeht, bleibt es ja oft nicht bei einer Faust. Und kleinere Verletzungen passieren beim Fisten allemal.“

    Sicherheitsgurt bei der Fist-Session

    Auch Manuel (30) aus Berlin fistet gerne. Meist trifft er sich mit drei Fuckbuddys zu einer „Session“. 2011 hat es ihn erwischt: Hepatitis C – eine typische Ko-Infektion, denn auch Manuel ist HIV-positiv. Ein Jahr lang dauerte die Therapie. Sie hatte heftige Nebenwirkungen, aber war wirkungsvoll: Die Viren sind weg, Manuels Arzt bestätigte ihm gerade erst wieder „Leberwerte zum Vorzeigen“. Die heftige Erfahrung aber bleibt im Kopf. „Der Sex nach der Hep ist schon ein anderer als davor“, sagt der Journalist. „Wenn ich jetzt mit neuen Leuten anfange zu spielen, schaue ich erst mal, wie die agieren“, berichtet er.

    „Fisten ist nun mal eine sexuelle Spielart, wo Entspannung im Kopf wichtig ist“, sagt Manuel. „Beim Fisten geht es um das tiefe Vordringen des Partners und das Ausgefüllt-Sein im Inneren“, erklärt Manuel. „Ob die Hand in mir einen Handschuh anhat oder nicht, ist da nicht so wichtig.“ Der Handschuh schaffe sogar einen kleinen zusätzlichen Moment der Sicherheit – und hilft so beim Entspannen.

    „Von Hepatitis C fühlt sich kaum jemand betroffen“

    Aus seiner Hepatitis-C-Infektion hat Manuel kein Geheimnis gemacht. Die Information stand damals sogar in seinem Gayromeo-Profil. „Die Reaktionen waren neutral“, erinnert er sich. „Im schlimmsten Fall wurden meine Anfragen freundlich abmoderiert.“ Nur einmal gab es einen User, der ihn mit Nachrichten beschoss: Ihr seid unverantwortlich! Ihr schädigt das Solidarsystem! „Da war ich aber nicht das einzige Opfer“, sagt Manuel. „Online hat man immer ein paar Verrückte.“

    Insgesamt reagiert die schwule Fetisch-Community eher gleichgültig auf das gestiegene Hepatitis-C-Risiko, das hat auch Franz beobachtet. „Von Hepatitis C fühlt sich kaum jemand betroffen. Die Leute sagen sich: Mit Fisten hab ich eh nichts am Hut“, erzählt Franz. Und im Gegensatz zu HIV könne Hepatitis C geheilt werden. „Mit HIV hast du halt dein Lebtag zu tun“, sagt Franz, der seit über 20 Jahren mit HIV lebt. „Als HIV-Träger wirst du deshalb in der Szene nach wie vor mehr diskriminiert.“

    Keine offene Diskriminierung, sondern höfliche Distanzierung – so reagieren die meisten Männer, wenn sie von Hepatitis C erfahren. Doch der Rückzug sei ein entscheidender Fehler, findet Manuel. „So erfährt man nie, wie die Infektion passiert ist und wie man sich schützen kann.“ Und dem Gegenüber entgeht die Chance, mal zu erzählen, was er gerade durchmacht. „So eine Hepatitis-C-Therapie ist halt kein Spaziergang“, betont Manuel. „Jeder hat da Momente, wo er am Hadern ist und wo er eine Umarmung oder einen Zuhörer braucht.“ Deshalb fordert Manuel: „Entspannt euch! Redet miteinander. Macht euch kundig.“ Der Austausch kann beide Seiten bereichern. „Bescheid zu wissen gibt dir ein Gefühl von Sicherheit. Und dieses gute Gefühl hilft dir auch dabei, besseren Sex zu haben.“

    Wenn du sonst noch wissen möchtest, worauf beim Fisten zu achten ist, damit es „safer“ bleibt, dann kanns du dich auf der ICH WEISS WAS ICH TU-Kampagnenwebsite informieren. Hier findest du auch Infos zu BDSM, Gruppensex und Pissen: neu.iwwit.de/fetisch

    Hep C Sexparty: Sling-Blog
    Schwule Männer mit HIV infizieren sich häufiger mit Hepatitis C als HIV-negative Männer. Ein möglicher Übertragungsweg: Sexpartys, auf denen die Partner häufig wechseln.

    Mehr zu Hepatitis C auf ICH WEISS WAS ICH TU.

  • HIV-Test: Früher Bescheid wissen

    HIV-Test: Früher Bescheid wissen

    Hab ich mich mit HIV angesteckt? Bislang musste man nach einer Risikosituation drei Monate mit einem HIV-Test warten, um das auszuschließen. Martin Obermeier erklärt im Interview, warum es bei modernen Labortests nur noch sechs Wochen sind.

    Herr Obermeier, Sie arbeiten in einem Berliner Labor, in dem auch Blutproben auf HIV untersucht werden. Um mal eine Vorstellung zu bekommen: Wie viele Tests sind das so im Monat? Und wie viele Infektionen werden dabei festgestellt?
    Im Jahr machen wir etwa 6.600 Tests, das sind rund 550 Tests pro Monat. Und von diesen 550 sind durchschnittlich vielleicht 15, 16 reaktiv, also rund drei Prozent. Die meisten der Blutproben, die von uns untersucht werden, stammen aus HIV-Schwerpunktpraxen, was die hohe Rate von reaktiven Untersuchungen erklärt, denn da hat ja schon eine gewisse Vorauswahl stattgefunden, wenn die Leute sich dort testen lassen.

    Sieht man sich alle HIV-Suchtests an, die in Deutschland durchgeführt werden, erfolgt die Mehrzahl der Untersuchungen im Rahmen von Blutspenden und vor Operationen.

    Wir haben ja Folgendes gelernt: Wenn man nach einer HIV-Risikosituation sicher sein will, dass man sich nicht infiziert hat, muss man drei Monate mit einem HIV-Test warten. Warum gerade drei Monate?
    Diese drei Monate beruhen auf Empfehlungen, die Anfang der 1990er-Jahre verabschiedet wurden: Während der Entwicklung der HIV-Antikörper-Tests hatte man damals gesehen, dass es bei einzelnen Patienten bis zu acht Wochen dauerte, bis das Immunsystem genügend Antikörper für den Nachweis durch den Test gebildet hatte. Und um möglichst große Sicherheit zu haben, vor allem für Blutspenden, einigte man sich auf die Empfehlung, den Test frühestens drei Monate nach der letzten Risikosituation zu machen.

    Die sogenannte diagnostische Lücke – das heißt, die Zeit in der ein Antikörpertest nicht anschlagen würde, obwohl in Wirklichkeit eine Infektion vorliegt – bei den heutzutage eingesetzten Labortests hat sich auf sechs Wochen halbiert. Warum das?
    Schon seit 2002, 2003 gibt es die Labortests der vierten Generation, und seit 2006, 2007 werden die fast flächendeckend eingesetzt. Diese Kombinationstests suchen nicht nur nach Antikörpern, sondern auch nach dem Antigen p24. Dieser Virusbestandteil ist schon früher im Blut nachweisbar, denn der p24-Spiegel steigt in der Regel ab dem 14. Tag nach der Infektion in einen messbaren Bereich.

    Ausschließen kann man eine Infektion dann nach sechs Wochen – wenn der Antigen-Antikörper-Test dann nicht „anschlägt“, sind weder p24-Antigen noch Antikörper im Blut, und man ist mit hoher Sicherheit nicht infiziert.

    Was heißt „mit hoher Sicherheit“?
    Mit hoher Sicherheit bedeutet, dass es seltene Ausnahmen gibt, die aufgrund ihres geringen Vorkommens keine echte Relevanz haben, beziehungsweise dass bestimmte Konstellationen besonders bewertet werden müssen.

    Zumindest für die Post-Expositions-Prophylaxe nach HIV-Kontakt gilt, dass das Zeitfenster bis zu einem sicheren Ausschluss einer HIV-Infektion erst nach Beendigung der Prophylaxe beginnt. Keine Daten liegen aber vor bei Durchführung einer Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP). Hier kann man sich, falls es tatsächlich trotz der Vorbeugung zu einer Infektion kommen sollte, auch eine Verlängerung des diagnostischen Fensters vorstellen.

    Wer ganz sicher gehen will, wartet nach einem HIV-Risiko weiterhin zwölf Wochen bis zum Test.

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    Für die meisten ist diese Info zur verkürzten diagnostischen Lücke neu. Kann man das irgendwo nachlesen?
    Ja, die aktuellen europäischen Leitlinien zur HIV-Testung wurden 2014 veröffentlicht, da findet sich diese Info auf Seite 5. Die deutschen Empfehlungen werden gerade überarbeitet. Daran bin auch ich beteiligt, nämlich als Mitglied im Writing Committee, und ich bin guter Dinge, dass wir die Empfehlungen noch im ersten Quartal 2015 veröffentlichen können.

    Okay, frühestens drei Monate nach der letzten HIV-Risikosituation zum Test, das konnte man sich leicht merken. Nun sind es also sechs Wochen – aber nur beim Labortest. Bei HIV-Schnelltests, bei denen man das Ergebnis schon nach spätestens 30 Minuten bekommt, gilt weiterhin die Drei-Monats-Regel. Warum das?
    Die Schnelltests, die in manchen Gesundheitsämtern und Testprojekten eingesetzt werden, sind reine Antikörpertests, reagieren also nicht auf p24. Schnelltests, die sowohl Antikörper als auch p24 nachweisen können, wären derzeit einfach zu teuer.

    Eine Frage zum Schluss: Hat denn diese Verkürzung der diagnostischen Lücke überhaupt einen Vorteil?
    Nun, aus Gesprächen mit Testkandidaten weiß ich, dass es für viele ein großes Anliegen ist, die Zeit der Unsicherheit zu verkürzen. Es macht eben schon etwas aus, ob ich drei Monate oder nur sechs Wochen warten muss, bis ich mit einem Test eine Infektion ausschließen kann, zum Beispiel nach einer Nadelstichverletzung. Oder nach einem HIV-Risikokontakt außerhalb meiner Partnerschaft – wenn ich sonst mit meinem Partner auf Kondome verzichte, ist es leichter, sechs Wochen wieder zum Gummi zu greifen oder auf Sex zu verzichten als drei Monate …

    Vielen Dank für das Gespräch.

  • „Die Scham ist immer noch groß“ – Ben über seinen Aufklärungsunterricht an Schulen

    „Die Scham ist immer noch groß“ – Ben über seinen Aufklärungsunterricht an Schulen

    Ben Scholz besucht Schulklassen, um ehrenamtlich über Sex zu sprechen. Als der Kölner in seinem Aufklärungsunterricht irgendwann feststellte, dass er von den Schülern immer wieder die gleichen Fragen gestellt bekommt, startete er 2014 mit seinem Portal jungsfragen.de. In eigens produzierten Videos beantwortet Ben dort sowie über einen eigenen Youtube-Channel alles, was seine Kernzielgruppe, Jungs zwischen 12 und 16 Jahren, interessieren könnte.

    Ben, beobachtest du bei den Jungs in den Schulen ein Schamgefühl, wenn es darum geht, über HIV, andere STIs und entsprechende Tests beim Arzt zu sprechen?
    So richtig kann ich das eigentlich nicht bestätigen. Wenn ich in den Klassen über diese Themen spreche, merke ich eher, dass die Schüler hellhörig werden und dann alles ganz genau wissen wollen. Mein Eindruck ist, dass das Bewusstsein für die gesundheitlichen Risiken beim Sex durchaus vorhanden ist bzw. dann zum Vorschein kommt, wenn man es erst einmal wachgerüttelt hat und ihnen sagt: HIV und Aids gibt es leider immer noch. Oft werde ich direkt gefragt, wo man denn noch heute einen HIV-Schnelltest in der Stadt machen kann, sobald ich davon berichtet habe.

    Sind in den Klassen auch schwule Jungs, die dazu ganz normal stehen oder tun sich Schüler auch heute noch schwer, ihren Kumpels in der Klasse zu sagen: „Ich bin anders als ihr, ich bin schwul“?
    So schade es ist, aber wir befinden uns auch im Jahr 2016 noch lange nicht in einer Lage, in der man sich in der Schule einfach mal eben outen kann. Schwule Jungs beschäftigen sich deshalb auch meistens weniger mit klassischen Sex-Themen, sondern in erster Linie mit sich selbst und ihrer Identität, der viele eben doch auch skeptisch gegenüber stehen. Die Scham ist da noch ziemlich groß.

    Merkst du das auch direkt im Aufklärungsunterricht?
    Ja, mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass manche Jungs beim Thema Homosexualität mega in sich gekehrt sind und alles tun, damit kein Blickkontakt zu mir entsteht. All das geschieht aus Angst, dass es jetzt doch jemand „herauskriegen“ könnte. Dasselbe passiert übrigens auch dann, wenn ich über das Thema Vorhautverengung spreche. Wenn einer von den Jungs feststellt „Ohje, das ist bei mir genau so“, dann merkt man schnell, wie sie den Unterricht mental verlassen. Es gibt also doch ein paar Themen, bei dem die Scham richtig groß ist. Wobei das natürlich auch immer etwas mit der Klassengemeinschaft zu tun hat.

    Du bist nicht nur in Klassen unterwegs, sondern auch Betreiber des Portals jungsfragen.de. Suchen dort auch viele schwule Jungs Rat?
    Ja, sehr viele sogar. Gerade bei den schwulen Kids geht es dabei sehr oft um eine große Frage: „Wie kann ich mich outen?“. Bis es dann zum ersten Sex kommt, ist es oft noch ein längerer Weg. Trotzdem ist es natürlich wichtig, schon davor über Safer Sex und konkret über sexuelle Praktiken zu sprechen. So wie das bei Heteros oft viel selbstverständlicher passiert – und zwar auch mal auf dem Schulhof.

    Besteht dadurch auch das Risiko, dass schwule Jungs ihre ersten sexuellen Erfahrungen viel „heimlicher“ machen, eben, weil sie sich nicht trauen, mit Freunden darüber zu sprechen?
    Auf jeden Fall. Sie können in der Regel leider nicht, wie die Hetero-Kumpels, damit prahlen, dass man die Nacht zuvor entjungfert wurde. All das läuft ganz anders ab. Auch wenn es um die Frage nach einem Arztbesuch geht, etwa nach einem Risikokontakt, spielt das eine große Rolle. Wie sag ich es dem Arzt? Wie wird er auf den schwulen Kontakt reagieren? Bis zur Erkenntnis, dass sie das Normalste der Welt machen, vergeht oft mehr Zeit als bei Heteros.

    Hast du allgemeine Tipps und Tricks für Jungs parat, die noch am Anfang ihres Sexlebens stehen?
    Zunächst sage ich klipp und klar: Sex ist toll, Sex macht Spaß und ist das Beste der Welt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass man sich beim Sex mit irgendetwas anstecken kann. Aber natürlich beschwichtige ich auch. Denn zum Glück ist ja das meiste gut behandelbar. Selbst bei HIV gibt es bekanntlich sehr gute Therapiemöglichkeiten. Grobe Faustregel meinerseits ist: „Wer ein lustvolles Sexleben mit unterschiedlichen Leuten hat, sollte regelmäßig, zirka einmal jährlich, alle gängigen Tests und Untersuchungen machen.“

    Bei der Gelegenheit ist dann auch immer noch ein Tipp, am besten sofort einen Arzt aufzusuchen, sobald man einen Risikokontakt hatte, oder eine Veränderung am eigenen Körper beobachtet. Denn je schneller die Diagnose, desto besser und einfacher die Behandlung. Wenn mir zum Beispiel ein Junge schreibt, dass er einen Pickel am Penis hat, aber nicht zum Arzt will, dann werde ich manchmal auch ziemlich direkt und sag: Ja gut, dann musst du jetzt eben damit leben, dass dir der Pimmel abfällt. So verstehen sie es direkt, denn in Watte packen bringt bei denen nichts.

    Letzte Frage: Wie kam es, dass du selbst heute so locker mit all diesen Sex-Themen umgehst und eben keine Scham verspürst?
    Ich habe einfach irgendwann gemerkt, dass Sex das Normalste der Welt ist. Einfach jeder tut es, jeder masturbiert und warum sollte man nicht über etwas reden, das uns doch alle so sehr eint?

    Wie die Testhelden zum Thema „Scham“ stehen, erfährt ihr im Testhelden-Clip.

    Alle Jungfragen findet ihr hier: www.jungsfragen.de

    Benjamin Scholz-Blog
    „Sex ist toll, Sex macht Spaß und ist das Beste der Welt“, findet Ben. Er weiß aber auch, wie wichtig Schutz ist. Nicht zuletzt deswegen geht er in Schulklassen und gibt Aufklärungsunterricht.
  • „Die Veränderung hat im Kopf stattgefunden und nicht zwischen den Beinen.“ – Gespräch mit einem PrEP-Aktivisten

    „Die Veränderung hat im Kopf stattgefunden und nicht zwischen den Beinen.“ – Gespräch mit einem PrEP-Aktivisten

    „Ficken nur mit Gummi!“. Diese Regel war über viele Jahre gesetzt. Seit einiger Zeit jedoch zeigt die Wissenschaft: Safer Sex ist auch ohne Gummi möglich – wie es Schutz durch Therapie oder die PrEP (Präexpositionsprophylaxe) zeigen. Gerade die letztgenannte Präventionsmöglichkeit sorgt derzeit für Furore. Das Prinzip: HIV-Negative nehmen eine Tablette täglich ein, um sich vor HIV zu schützen. Was in den USA schon seit 2012 offiziell empfohlen wird, ist in der EU aktuell jedoch nur über Umwege möglich. Ein Skandal, findet unter anderem Emmanuel. Der 30-Jährige Berliner PrEP-Aktivist mit französisch-israelischen Wurzeln kann sich ein Leben ohne den Schutz durch die Tablette kaum mehr vorstellen.

    Emmanuel, du bist vor fünf Jahren nach Berlin gezogen. Wie dachtest du früher über Safer Sex?
    Meine Weltsicht war bis dahin ganz einfach: Wir benutzen fast alle Gummis. Manchmal passiert zwar ein Unfall, dann kann es zu einer Infektion kommen, aber letztendlich kennen ja alle die Risiken und lassen sich regelmäßig testen. Die einzige Möglichkeit ohne Gummi ficken zu können, ist in einer monogamen Partnerschaft, nachdem man vorher gemeinsam zum Test gegangen ist. Nur dann gibt es den offiziellen „Stempel“ mit der Erlaubnis zum kondomlosen Ficken.

    Aber so einfach war die Welt dann doch nicht.
    Ja, denn es wurde immer deutlicher, dass das althergebrachte Schwarz-Weiß-Denken nicht mehr funktioniert: „Positiv“ und „Negativ“ oder „Safe“ und „Unsafe“ – was sagt das heute aus? Wir wissen inzwischen ja, dass man sich bei einem HIV-Positiven in erfolgreicher HIV-Therapie nicht infizieren kann. Dagegen gibt es viele vermeintlich HIV-Negative, die von ihrer Infektion nichts wissen, und ohne Gummi unterwegs sind…

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    Weil er es untragbar findet, dass in Deutschland der Zugang zur PrEP fast unmöglich ist, ist Emmanuel PrEP-Aktivist geworden. (Foto: iwwit.de)

    Zeit und Erfahrung haben mir gezeigt, dass sehr viele Typen doch keine Gummis benutzen, oder nur unter Druck. Ich wurde oft abgelehnt, weil ich nicht bare ficken wollte. Dann gab es auch zwei Fälle, wo das Gummi „verschwunden“ bzw. “weggerutscht“ ist. – Das hat mein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle zerbrochen.

    Und was hat dich zur PrEP geführt?
    Ich kam ich zu einem Punkt wo ich entscheiden musste, entweder lebe ich mit ständiger Angst vor HIV, weswegen ich Sex auch nicht uneingeschränkt genießen kann. Oder ich gebe auf und akzeptiere, dass HIV kein „wenn“ sondern ein „wann“ ist. Ich habe immer wieder junge Männer mit dieser Einstellung getroffen: „Ich werde sowieso irgendwann HIV bekommen. Wenn es passiert, dann lasse ich mich einfach behandeln.“ Diese Einstellung kam für mich aber nicht in Frage.

    Glücklicherweise habe ich an diesem Zeitpunkt von der PrEP erfahren, und wusste sofort, das ist genau die dritte Option die ich brauche.

    Was hat dein Umfeld gesagt, als du mit der PrEP begonnen hast? Wie waren die Reaktionen?
    Das war sehr unterschiedlich. Bei Heteros kam das eigentlich sehr gut an. Die Schwulen dagegen hatten schon Probleme damit und waren teils ziemlich moralisch. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass es manchen Schwulen nach 30 Jahren „Condom only“-Botschaft schwerfällt, diese fast schon heilige Botschaft aufzugeben. Immerhin haben wir ja alle gelernt: Analverkehr ohne Gummi ist eine „Sünde“. Und jetzt kommt jemand, der meint, Sex ohne Gummi sei nicht mehr unsafe?!

    Hat sich dein Sexleben mit der PrEP verändert?
    Ich hatte mit der PrEP anfangs eine ziemlich wilde Zeit, und habe einiges ausprobiert (lacht)… Und jetzt weiß ich besser, wo meine Grenzen liegen. Die viel größere Veränderung hat letztlich im Kopf stattgefunden und nicht zwischen den Beinen. Plötzlich war es mir möglich, eine Nähe und Intimität zuzulassen und zu fühlen, die ich bisher nicht von mir kannte. Auch mein Alltag ist seitdem anders. Die Angst vor HIV war bei mir oft im Hinterkopf – diese ständige Rechnungen, mit wem habe ich was getan und wo könnte ein Risiko bestehen, haben mit der PrEP aufgehört. Vor der PrEP hatte ich gar keine Ahnung, wie viel Einfluss die Angst auf mein ganzes Leben hat – und eben nicht nur auf mein Sex-Leben.

    Was sagst du zu den Gegnern, die behaupten, PrEP würde ein Tor zu anderen sexuell übertragbaren Infektionen öffnen?
    Jeder der PrEP unter ärztlichen Aufsicht nimmt wird alle 3 Monaten auf STI untersucht und falls nötig auch behandelt. Ja, es gibt genug anderen Mist. Das sind meistens Schmierinfektionen gegen die Kondome nur teilweise schützen, und die Hälfte der Fälle ist oft symptomlos. Wer behauptet, er brauche nicht regelmäßig beim Arzt Abstriche machen zu lassen, weil er immer mit Gummi fickt und keine Symptome hat, wiegt sich und seine Partner in einer falschen Sicherheit.

    PrEP könnte die Lage ändern – endlich würden sich genau die Männer, die davon am meisten profitieren könnten, häufig vom Arzt beraten und auf STI testen lassen! Könnte das nicht sogar zu einem Rücktritt der Tripper-Epidemie führen?

    Du hast angefangen, dich als Aktivist für die PrEP einzusetzen. Warum?
    Weil ich es traurig finde, dass junge Schwule das Risiko einer Infektion bewusst eingehen, während es schon seit 4 Jahren eine neue, zusätzliche Schutzmöglichkeit gibt! Und auch weil ich es untragbar finde, dass in Deutschland der Zugang zur PrEP fast unmöglich ist. Wenn das Thema nicht so moralistisch geladen wäre, oder wenn HIV ein Problem der Heterogesellschaft wäre, wäre PrEP schon längst verfügbar. Ich will anderen in der Community den Zugang zur PrEP einfacher machen.

    Wie setzt du dich für die PrEP konkret ein?
    Ich habe erstmal einen Planetromeo-Club gegründet, um Information zu verbreiten über wie man in Deutschland an die PrEP kommen kann („PrEP-info-DE“). Aber das reicht natürlich nicht. Als nächsten Schritt hoffen wir, bald eine eigene Website und eine Facebook-Gruppe zu haben. Es gibt andere Aktivisten, die viel machen – zum Beispiel die LoveLazers, oder PANSY, die ab dem 28.04.2016 einen monatlichen Abend rund um Sex und Drogen organisiert: https://www.facebook.com/LetsTalkAboutSexAndDrugs 

    PrEP ist schon eine Realität. Las uns die Chance nicht verpassen, es richtig einzusetzen. Nur so haben wir eine Chance, die HIV-Neuinfektionsrate zu senken!

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    Emmanuel ist seit Sommer 2015 „PrEPster“. (Foto: iwwit.de)
  • Volle Dröhnung – Die Kinodokumentation „Chemsex“

    Volle Dröhnung – Die Kinodokumentation „Chemsex“

     

    „Chemsex“ taucht tief in die schwule Drogen- und Sexparty-Szene Londons ein. Die Bilder und Geschichten lassen niemanden kalt – und stehen beispielhaft für ein internationales Phänomen.

    Es gibt hier keine langen erklärenden Vorreden, sondern es geht gleich zur Sache. Die Filmemacher William Fairman und Max Gogarty beginnen ihre Dokumentation mit einer authentischen Szene aus dem schwulen Alltag in London. Ein junger Typ sitzt auf seinem heimischen Sofa, plaudert und setzt sich währenddessen einen Schuss. So würde man dass bei einem Heroinjunkie formulieren. Schwule aber, die sich Crystal Meth spritzen, haben dafür den schickeren Begriff „Slamming“ gefunden. Klingt einfach cooler und nicht so abgerockt , wie ein Protagonist später erklären wird. Zunächst aber ist erst einmal die Wirkung der Droge zu beobachten. Während der Typ sich weiter mit den Filmemachern unterhält, die Augen dabei immer weiter aufreißt, beginnt er unruhig auf Grindr nach einem Sexpartner zu suchen.

    „Chemsex“, eine Produktion des Onlinemagazins VICE, ist nichts für Zartbesaitete. Ein gutes Dutzend schwuler Männer erzählt in diesem 80-Minuten Film ihre Geschichten. Geschichten von tagelange Sexsession unter Crystal Meth, GHB, Ketamin und andere chemischen Drogen, von grenzenloser Geilheit und völliger Entgrenzung beim Sex. Dank der Drogen, sagt einer der Interviewten, konnte er sich „wie ein Pornostar fühlen“. Doch auch die Schattenseiten bleiben nicht unerwähnt, und so berichten die Männer gleichermaßen von den Folgen ihrer Abhängigkeit: zum Beispiel vom Verlust des Jobs, der Wohnung dem damit verbundenen sozialen Absturz und immer wieder auch von den gesundheitlichen Folgen. Fast alle der Interviewpartner haben sich im Laufe ihrer Chemsex-Karriere mit HIV, Syphilis und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten infiziert, vielen ist der Drogenkonsum deutlich ins Gesicht geschrieben.

    In „Chemsex“ erzählen sie nicht nur offen über ihre Erfahrungen, sie lassen das Filmteam auch an ihrem Leben teilhaben –und damit sind Besuche in Sexclubs ebenso gemeint wie Chemsessions zuhause, auf privat organisierten Partys, aber auch der Gang zur Beratung in die 56 Dean Street. Die dort ansässige Klinik für Sexualkrankheiten des staatlichen Gesundheitssystems NHS ist die größte in Großbritannien und die einzige, die sich speziell auch an Chemsex-Konsumenten richtet. Rund 7000 schwule Männer nutzen das Angebot jährlich, die Hälfte von ihnen hat Erfahrungen mit harten Drogen und Chemsex-Partys.

    Dass der Dokumentarfilm „Chemsex“ viele Zuschauer emotional nicht kalt lassen dürfte, liegt an zweierlei: Zum einen, weil die Protagonisten – allesamt auf ihre Art attraktive, sympathische und zumeist noch recht junge Männer – ungemein offen, direkt und ehrlich über ihr Sucht bzw. ihr Sex- und Drogenleben Auskunft geben. Zum anderen, weil die Filmemacher diese Form des schwulen Lebensstils weder verurteilen noch als reißerische Sensationsgeschichte aufbauen. Im Gegenteil, ihre Doku bleibt angesichts der vielen Drogen, die im Laufe dieser 80 Minuten konsumiert werden, auffallend nüchtern und wertfrei.

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    Szene aus „Chemsex“

    Diese Haltung war sicherlich auch ausschlaggebend, um eine Vertrauensgrundlage für die Interviewpartner und damit die Voraussetzung für diese im besten Sinne intimen Einblicke zu schaffen. Deutlich wird aber auch, dass diese endlosen Orgien bleiben für die meisten letztlich unbefriedigend bleiben. 5 bis 15 Sexpartner, so David Stewart von Sexualgesundheitsklinik, haben schwule Männer laut einer Erhebung während eines Chemsex-Wochenendes. Wirklich erfüllend aber sind diese Erlebnisse offenbar nicht. Zurück bleibt eine Leere, die man dann mit noch mehr Sex und noch mehr Drogen auszufüllen versucht. „Chemsex gab mir das Selbstvertrauen, das ich sonst nicht hatte“, sagt einer der Interviewpartner.

    Verinnerlichte Scham über die eigene Sexualität, das Gefühl sich nicht begehrt und nicht geliebt, zurückgewiesen sowie in der Familie und der Gesellschaft als schwuler Mann nicht selbstverständlich angenommen zu fühlen – dies sind nur einige Aspekte dieser komplexen Zusammenhänge, die zu dieser in vielen internationalen schwulen Metropolen wachsenden Chemsex-Subkultur führten, erklärt David Stewart. Er unterstützt in seinen Beratungen schwule Männer dabei, aus diesem “teuflischen Kreislauf aus Sex, Sucht und Abhängigkeit“ herauszufinden.

    „Chemsex“ kann das Phänomen nicht abschließend erklären, diese Dokumentation hilft aber definitiv dabei, es besser zu verstehen – nicht mehr und nicht weniger. Chemsex, sagt Ko-Regisseur William Fairman, sei ein kontroverses Thema und zugleich ein großes Tabu innerhalb der schwulen Szene. „Wir wollten mit diesem Film eine längst überfällige Debatte anstoßen und hoffen, dass nun endlich offen darüber gesprochen wird.“

    „Chemsex“. Regie William Fairman, Max Gogarty. Großbritannien 2015, 83 min., OmU. (Pro-fun; erhältlich als DVD, Video on Demand und Download)

    Chemsex-pro-fun-Blog
    „Chemsex“ lässt sicherlich niemanden kalt. „Wir wollten mit diesem Film eine längst überfällige Debatte anstoßen und hoffen, dass nun endlich offen darüber gesprochen wird,“ so die Macher des Filmes.
  • Du Schlampe! – Gibt es ein „zu viel“ an Sexpartnern?

    Du Schlampe! – Gibt es ein „zu viel“ an Sexpartnern?

    Mit wie vielen Männern hattest du in den vergangenen 12 Monaten Sex: 3? 15? 50? Mehr als 100? Sagt die Anzahl etwas über dich aus – und wenn ja was?

    Was bedeutet das Wort „Schlampe“? Wir haben uns ein wenig umgehört und unter anderen folgenden Erklärungen erhalten.

    „Die einen sagen Schlampe – ich sage dazu: sexuell besonders erfolgreich.“

    (Jörg, 36 Jahre aus Leipzig)

    „Die einen sagen Schlampe – ich sage dazu: „sexuell besonders erfolgreich“.
    (Jörg, 36 Jahre aus Leipzig)

    „Eine Schlampe ist für mich jemand, der jeden fickt, der nicht bei drei auf dem Baum ist.“
    (Ben, 24 aus Essen)

    „Wer andere eine Schlampe nennt, ist selbst nur neidisch und sexuell unbefriedigt.“
    (Frank, 31 Jahre aus Berlin)

    Es gab aber auch etliche Stimmen, wie die von Daniel (28 aus Bremen):
    „Es steht mir nicht zu, über das Sexleben anderer zu urteilen. Das betrifft nicht nur das ‚Was man macht‘ sondern auch das ‚Mit wie vielen man’s macht‘.“

    „Es steht mir nicht zu, über das Sexleben anderer zu urteilen. Das betrifft nicht nur das ‚Was man macht‘ sondern auch das ‚Mit wie vielen man’s macht‘.

    Daniel (28 aus Bremen)

    Wenn man die gleichen Leute fragt, ab wann man(n) denn eine Schlampe sei, sind die Befragten deutlich unsicherer in ihrer Einschätzung. Hier schwankt die Zahl zwischen 5 und 50 Sexpartner – innerhalb eines Jahres wohlgemerkt.

    Und auch bei der Frage wie viele „schwule Schlampen“ es denn gebe, gingen die Meinungen in unserer nicht repräsentativen Umfrage auseinander: Mit „jeder 2. Schwule fickt nur rum“ hatte einer der Befragten eine deutliche Ansicht. Aber stimmt das? Ein Blick in die aktuelle Studie „Schwule Männer und HIV/Aids“, die von der Freien Universität Berlin durchgeführt wurde und im Frühjahr 2016 veröffentlicht wird, gibt ein anderes Bild:

    Von knapp 13.500 Befragten hatten 2 Prozent (d.h. also rund 270 Männer) innerhalb der vergangenen zwölf Monate mehr als 50 verschiedene Sexpartner. Die Mehrzahl der Studienteilnehmer – nämlich 36 Prozent – hatten innerhalb des besagten Zeitraums 2 bis 5 Sexpartner. Für einen Teil unserer Befragten war ja schon 5 Sexpartner zu viel. Damit würde bei etwa 4.860 Männern die „Lebensführung als unmoralisch angesehen“ (wie Wikipedia „Schlampe“ es definiert. Interessanterweise benutzt Wikipedia diesen Begriff nur in Bezug auf Frauen …) Aber das ist natürlich nur ein Teil der Wahrheit: Die gleiche Studie stellt nämlich auch fest, dass sich mehr als 80 Prozent der Befragten eine feste Beziehung wünschen. Was heißt hier also Schlampe?

    Um es auf den Punkt zu bringen: Niemand hat das Recht, einen anderen als Schlampe zu bezeichnen, nur weil er vermeintlich (zu) viele Sexpartner hat – oder weil vermutet wird, durch eine besonders hohe sexuelle Aktivität anfälliger zu sein für HIV oder andere Geschlechtskrankheiten.

    Denn – direkt oder indirekt – ist die eine Behauptung oft mit der anderen verbunden. Aber auch das stimmt nicht: Denn es ist ein Fakt, dass nicht die Anzahl an Sexkontakten entscheidend ist, um sich zu infizieren. Deshalb sagen ja auch Präventionskampagnen wie ICH WEISS WAS ICH TU, dass man(n) sich mindestens einmal im Jahr auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen testen lassen sollte – ganz gleich, ob jemand im Jahr nur mit seinem Freund Sex hat oder als Single mit zwei, fünf oder mehr als zehn Partnern. Und wo? Bei diesen Teststellen zum Beispiel neu.iwwit.de/teststellen oder beim Hausarzt.

    Die schwule Szene ist bekanntermaßen ja nicht zimperlich, wenn es darum geht, andere zu beschimpfen: Beleidigungen wie „Du Schlampe!“ ist da nur eine von vielen. Wir halten es da mit dem eben zitierten Daniel aus Bremen, der nicht über das Sexleben Dritter urteilen wollte. Findet er doch: „Letztlich sollte sich jeder auf sich und sein Leben konzentrieren und mit sich im Reinen sein. Denn schließlich zählt nur eins: zufrieden und glücklich zu sein – ganz gleich ob mit einem oder 50 Sexpartner.“

    Die schwule Szene ist bekanntermaßen ja nicht zimperlich. „Du Schlampe!“ ist da nur eine Beleidigung von vielen.