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  • So funktioniert die Entschädigung für §175- und §151-Urteile

    So funktioniert die Entschädigung für §175- und §151-Urteile

    Wer wurde durch die Paragraphen 175 und 151 kriminalisiert?
    §175 trat 1872, ein Jahr nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches, in Kraft und kriminalisierte „widernatürliche Unzucht zwischen Personen männlichen Geschlechts“. 1935 verschärften die Nazis den Paragraphen. Jetzt galten sämtliche Handlungen mit „wolllüstiger Absicht“ als Straftat. Bloßes Berühren konnte bereits belangt werden.

    Nach dem Krieg blieb der §175 in der Bundesrepublik unverändert in der Nazi-Fassung für mehr als zwei Jahrzehnte bestehen. 1969 wurde er dann ein erstes Mal und 1973 ein zweites Mal entschärft. Nun konnten Männer über 18 Jahre bestraft werden, wenn sie Sex mit unter 18-jährigen Jungen hatten, während das Schutzalter bei Mädchen bei 14 Jahren lag (wobei das Gericht bei Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren von einer Strafe für den Mann absehen konnte, wenn dieser jünger als 21 Jahre alt war.) Der Grund für diese Ungleichbehandlung lag in der homofeindlichen sogennanten „Verführungstheorie“, also der Idee, dass junge Menschen zur Homosexualität „verführt“ werden könnten.

    In der DDR kehrte man 1950 zur ursprünglichen Fassung des §175 (vor dem Nationalsozialismus) zurück, wobei ab Ende der 50er Jahre kaum noch Menschen nach diesem Paragraphen verurteilt wurde. 1968 führte die DDR dann ein eigenes Strafgesetzbuch ein. In ihm wurde der §151 eingeführt. Dieser kriminalisierte sexuelle Handlungen von allen Menschen mit Jugendlichen unter 18 Jahren des gleichen Geschlechts. Hier wurden also auch lesbische und bisexuelle Frauen kriminalisiert. 1988 wurde §151 ersatzlos gestrichen.

    Nach einer kurzen Phase der Legalisierung war mit der Wiedervereinigung männliche Homosexualität in Ostdeutschland wieder kriminalisiert, da hier der §175 (auch auf Druck aus dem Osten) erst 1994 gestrichen wurde.

    Die beiden Paragraphen kriminalisierten im damaligen juristischen Sinne gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen. Aus heutiger Sicht ist aber anzunehmen, dass dadurch nicht nur schwule und bisexuelle cis Männer (bzw. in der DDR auch cis Frauen) kriminalisiert wurden. Vielmehr wurden in der Bundesrepublik alle Menschen kriminalisiert, die bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden und Sex mit Menschen hatten, die ebenfalls dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden. Der Paragraph 175 kriminalisierte also zum Beispiel auch trans* Frauen, die Sex mit Menschen hatten, die dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden. In der DDR wurden folglich durch den §151 alle Menschen kriminalisiert, die mit anderen Menschen Sex hatten, wenn beiden bei der Geburt das gleiche Geschlecht zugewiesen wurde. Dies betraf also zum Beispiel auch trans* Männer.

    Wichtig ist zu wissen: Der Anspruch auf Entschädigung gilt unabhängig deiner jetzigen und damaligen geschlechtlichen oder sexuellen Identität.

    Jan, wer hat einen Anspruch auf Entschädigung?

    Alle Menschen, die aufgrund des § 175 StGB nach dem 8. Mai 1945 verurteilt worden sind oder auf Grund des § 151, der in der damaligen DDR gültig war. Zu beachten ist allerdings, dass nur dann ein Anspruch auf Entschädigung besteht, wenn der Partner, mit dem man zusammen verhaftet wurde, älter als 16 Jahre alt war. Bei Sex mit Minderjährigen besteht kein Anspruch auf Entschädigung. Das Entschädigungsgesetz wurde 2019 noch um eine Richtlinie erweitertet. Jetzt haben auch Männer Anspruch auf eine Entschädigung, die nicht verurteilt worden sind, aber aufgrund des Gesetzes außerordentliche negative Beeinträchtigungen erlitten haben.

    Was ist darunter zu verstehen?

    Ich mache ein Beispiel: die Polizei oder die Staatsanwaltschaft waren bei ihren Ermittlungen nicht diskret. Betroffene wurden dadurch zum Beispiel unfreiwillig am Arbeitsplatz geoutet und haben ihren Job verloren oder es wurde ihnen die Wohnung gekündigt. Die Strafverfolgung oder die erlittene Untersuchungshaft muss aber aufgrund eines Verdachts in Zusammenhang mit einem Tatvorwurf nach § 175 stehen. Auch diese Männer haben einen Anspruch auf Entschädigung.

    Jetzt haben auch Männer Anspruch auf eine Entschädigung, die nicht verurteilt worden sind, aber aufgrund des Gesetzes außerordentliche negative Beeinträchtigungen erlitten haben.
    Jan Bockemühl berät bei BISS e.v. Männer, die eine Antrag auf Entschädigung für Verurteilungen nach § 175 (BRD) und § 151 (DDR) stellen wollen.

    Wo und bis wann kann der Antrag gestellt werden?

    Hier ist Eile geboten. Anträge können nur noch bis zum 21. Juli 2022 beim Bundesamt der Justiz in Bonn gestellt werden.

    Welche Unterlagen müssen eingereicht werden?

    Im besten Fall liegt eine Abschrift des Urteils oder Unterlagen zu erlittenen Haftzeiten vor, die dem formlosen Antrag beigefügt werden. Andern Falls muss zuerst eine Rehabilitierungsbescheinigung bei der Staatsanwaltschaft beantragt werden. Für Entschädigungen nach der Richtlinie gibt es ein Antragsformular auf der Internetseite des Bundesamts für Justiz. Wir unterstützen Betroffene gerne bei den Antragsverfahren über unsere kostenlose Hotline 0800 175 2017.

    Wie hoch sind die zu erwartenden Entschädigungen?

    Auch das variiert von Fall zu Fall. Festgelegt sind laut Gesetz 3.000 Euro für jede Verurteilung 1.500 Euro für jedes angefangene Jahr Freiheitsentziehung und 500 Euro für ein eingeleitetes Ermittlungsverfahren. Außerdem sind noch 1.500 Euro einmalig für außergewöhnlich negative Beeinträchtigungen möglich.

    Du kennst eine Person, die auch nach §175 (BRD) oder §151 (DDR) verurteilt wurde? Dann ermutige sie dazu, einen Antrag auf Entschädigung zu stellen. Alle Informationen findet ihr beim Bundesjustizamt, sowie unter www.schwuleundalter.de/entschaedigung-und-rehabilitierung/
    Alles zum schwulen Leben im Alter findest du unter neu.iwwit.de/schwules-leben/alter.
    Nachtrag: Nach Fertigstellung dieses Artikels wurde bekannt, dass die aktuelle Regierung plant, Ansprüche auf Entschädigung möglicherweise doch über den 22. Juli hinaus aufrechtzuerhalten. Trotzdem könnte es ratsam sein, einen Antrag rasch zu stellen. Kompetente Beratung erhältst du auch hier bei BISS e. V..
  • „Mit Syphilis kann man sich auch beim Küssen oder beim Oralverkehr infizieren.“ – Im Gespräch mit einem Allgemeinmediziner

    „Mit Syphilis kann man sich auch beim Küssen oder beim Oralverkehr infizieren.“ – Im Gespräch mit einem Allgemeinmediziner

    Das Robert-Koch-Institut verzeichnet seit 2010 einen kontinuierlichen Anstieg von Syphilis-Fällen in Deutschland. Mehr 80 Prozent davon gehen demnach auf sexuelle Kontakte zwischen Männern zurück. Inwieweit spiegelt sich diese Zahlen auch im ärztlichen Alltag wieder? Ein Gespräch mit dem Berliner Allgemeinmediziner und Infektiologen Dr. Christoph Schuler

    Dr. Christoph Schuler – Erfahrungsbericht zu Syphilis bei schwulen Männern
    „Wir sehen jede Woche neue Syphilis-Fälle“ – Dr. Schuler aus Berlin im Interview

    Syphilis bei schwulen Männern: Ein Dauerproblem in der Praxis

    Christoph Schuler, zum Patientenstamm gehört auch ein großer Prozentsatz an schwulen Männern. Inwieweit spielt Syphilis in Ihrem Praxisalltag eine Rolle?
    Wir haben sicherlich im Schnitt jede Woche einen neuen Fall in unserer Praxis, und das bereits seit einigen Jahren. Die Zahl der Fälle ist in den letzten Monaten nicht unbedingt gestiegen, aber sie hält sich schon über einen langen Zeitraum sehr konstant auf hohem Niveau.

    Können sie aus der Praxiserfahrung bestimmte Patientengruppen ausmachen, die besonders betroffen sind?
    Wir entdecken sehr viele Syphilisinfektionen bei unseren HIV-Patienten, allein schon deshalb, weil diese regelmäßig auf sexuell übertragbare Krankheiten (STI) gescreent werden.

    Wie sich schwule Männer mit Syphilis infizieren können

    Das heißt, dadurch werden neue Infektionen automatisch und bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt entdeckt.
    Richtig. Zum anderen sind da aber viele nicht-positive Patienten, die wegen verdächtiger Symptome zu uns kommen oder die von sich aus einen STI-Routinetest haben machen lassen.

    Manche haben sich auch anderswo testen lassen, zum Beispiel bei Testeinrichtungen in schwulen Beratungseinrichtungen und haben uns dann nach der Diagnose aufgesucht. Und nicht zuletzt gibt es auch Männer, die von ihrem Sexpartner erfahren haben, dass bei diesem Syphilis diagnostiziert wurde und sich deshalb nun selbst auch untersuchen lassen.

    Kommt es auch vor, dass der gleiche Patient sich immer wieder infiziert?
    Das gibt es in der Tat, allerdings ist es gerade bei Syphilis sehr schwer zu unterscheiden, ob es sich um eine Neuinfektion oder um das wieder Aufflammen einer unzureichend behandelten Infektion handelt.

    Könnte die Tatsache, dass die Zahl der Infektionen so gleichbleibend hoch bzw. sogar steigend ist, womöglich auf ein verändertes Sexualverhalten zurückzuführen sein? Nämlich dass schwule Männer wieder mehr Sex ohne Kondom haben?
    Ich sehe da keine direkte Verbindung. Natürlich wird häufiger auf das Kondom verzichtet, weil die HIV-Behandlung effektiv ist.

    … und deshalb das Virus nicht mehr übertragen werden kann.
    Zum anderen ist Safer Sex mit Kondom keine Praxis, mit der man eine Syphilis-Infektion gänzlich ausschließen kann. Man kann sich eben auch beim Küssen oder beim Oralverkehr infizieren.

    Es gibt aus unserer Erfahrung in der Praxis aber sicherlich Szenen, in denen Syphilisinfektionen eher auftreten, zum Beispiel bei Männern, die sexuell aktiver sind oder auf Sexpartys gehen. Wenn hier neue Infektionen auftreten, werden diese dann auch schnell weitergegeben. Umso wichtiger ist es, dass man seine Sexpartner darüber informiert, wenn bei einem selbst eine Infektion festgestellt wurde, damit eine Partnermitbehandlung erfolgen kann.

    Stigmatisierung von Syphilis bei homosexuellen Patienten

    Syphilis erscheint moralisch mehr belastend zu sein, als andere sexuell übertragbare Krankheiten. Fällt es den Patienten tatsächlich leichter, zum Beispiel wegen eines Trippers um Arzt zu gehen?
    Das ist in der Tat so. Gerade Patienten, die zuvor noch nie mit einer STI zu tun hatten und nur gelegentlich sexuelle Kontakte haben, fühlen sich ziemlich vor den Kopf gestoßen und sind manchmal auch ein wenig schockiert. Das ist eindeutig auf den stigmatisierenden Charakter zurückzuführen, den die Syphilis nach wie vor hat. Auch wenn die Syphilis behandelt wird: eine Narbe bleibt im Blut ein Leben lang sichtbar. Aber auch die Behandlung unterscheidet sich von der vieler anderer STIs: Die Spritzen können durchaus schmerzhaft sein und müssen – je nachdem, wie spät die Infektion entdeckt wurde – gegebenenfalls im Wochenabstand wiederholt werden. Wenn man Allergien hat, sind möglicherweise auch tägliche Infusionen oder eine mehrwöchige Tabletteneinnahme notwendig. Die Behandlung eines Trippers oder von Chlamydien ist dagegen weitaus einfacher und unkomplizierter.

    Der Alt-Text beschreibt den Bildinhalt sachlich und barrierefrei, inklusive Fokusphrase.
    Diagnose und Verlauf: So wird Syphilis in der Praxis dokumentiert

    Warum Syphilis bei schwulen Männern besonders häufig ist

    Anders als etwa bei Hepatitis A ist man nach einer ausgestandenen Syphilis nicht automatisch vor einer neuen Infektion geschützt. Wie gehen Leute damit um, wenn es sie nicht nur einmal erwischt?
    Ich erlebe in letzter Zeit immer häufiger dann Fall, dass Patienten deshalb sehr frustriert sind und sagen: „Ich mach jetzt nichts mehr“. Denn nicht nur die Zahl der Syphilis-Fälle ist angestiegen, sondern auch Gonorrhö und Chlamydien sind weiter verbreitet. Manchen ist deshalb ganz offensichtlich die Lust am Sex vergangen, zumindest was den Sex in öffentlichen Räumen angeht.

    Vielen Dank für das Gespräch!

    Mehr über die Syphilis mit Übertragung, Behandlung und Schutz erfährst du hier im Clip

  • Mr. Gay Germany: „Stolz darauf, am Leben zu sein!“

    Mr. Gay Germany: „Stolz darauf, am Leben zu sein!“

    Zum ersten Mal wurde mit Max Appenroth eine offen lebende trans* Person zum Mr. Gay Germany gewählt. Wir sprachen mit Max über den Contest, über Trans*feindlichkeit in der schwulen Community und Max‘ Kampagne #ProudToBeAlive.

    Trigger Warnung: In diesem Interview geht es u.a. um Trans*feindlichkeit, psychisches Wohlbefinden und Suizid.


    Max, du hast mehrere Coming-outs hinter dir, magst du uns davon erzählen?

    Als ich 13 war, outete ich mich als lesbisch. Es war mein erstes Coming-out. Damals fühlte es sich für mich als „Frau“ mit Männern falsch an. Irgendwann merkte ich dann, dass ich keine Frau bin und hatte ein weiteres Coming-out als trans*. Dazu auch mehr oder weniger als schwule Person, weil ich durch meine Identität und mein verändertes Erscheinungsbild Zugang zu anderen Räumen wie schwulen Bars und Saunas hatte und meine Sexualität anders leben konnte. Dann hatte ich vor zwei Jahren eine andere Art von Coming-out als nicht-binäre trans* Person. Also ich fühle mich im männlichen Spektrum wohl, bin aber deutlich mehr als „nur“ ein Mann.

    Was bedeutet der Begriff „nicht-binäre Menschen“?
    Nicht-binäre Menschen können sich als „sowohl männlich als auch weiblich“ oder als „weder männlich noch weiblich“ verstehen oder das zweigeschlechtliche Konstrukt gänzlich ablehnen.

    Wann hast du dich während dieser Zeit in deinem Körper am wohlsten gefühlt?

    Jetzt fühle ich mich sehr wohl in meinem Körper. Die Narrative, dass trans* Menschen im falschen Körper geboren sind, mag ich nicht. Ich bin im perfekten Körper geboren! Es gab nur eine Zeit, in der ich mich mit einzelnen Teilen meines Körpers nicht wohl fühlte und sie modifizieren wollte, um mich in diesem Körper 100% wohl zu fühlen. Das war vor zehn Jahren, als ich eine Operation hatte, um mir die Brüste entfernen zu lassen. Seit dem Moment ist mein Körper einfach perfekt, so wie er ist.

    Was bedeutet der Begriff „Transition“?
    Transition beschreibt den (medizinischen, rechtlichen, sozialen, körperlichen) Prozess von Menschen, die sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifizieren, ihre Geschlechtsidentität und ihr körperliches Erleben zum Ausdruck zu bringen und anzunähern.

    Wie war der Weg zur OP?

    Schwierig! Fachlich kompetente Informationen zum Thema Transition zu finden ist nicht einfach. Man muss alles selbst herausfinden: Was will ich? Welche Möglichkeiten habe ich? Außerdem dauert es in Deutschland in der Regel ein bis zwei Jahre vom Antrag bei der Krankenkasse bis zur OP. Und die Anträge werden oft auch abgelehnt. Dann geht man in Berufung und wartet dann wieder auf die Bearbeitung, bis man endlich das OK bekommt. Ich hätte das psychisch und physisch nicht länger ausgehalten, weil ich die Brüste abgebunden und alles ganz platt gedrückt hatte. Das heißt, dein Brustkörper ist permanent komprimiert, du kannst nicht atmen, nicht wirklich aufrecht gehen, du hast Rückenschmerzen. Also habe ich meine Brustoperation in den USA machen lassen. Ich musste zwar selbst viel bezahlen, aber so konnte ich einen ganz schlimmen Prozess mit der Krankenkasse umgehen und schneller an mein Ziel kommen.

    Was bedeutet der Begriff „cis Männer“?
    Cis Männern wurde bei der Geburt das Geschlecht „männlich“ zugeschrieben und sie identifizieren sich auch zum jetzigen Zeitpunkt noch damit.

    Fehlen der Infrastruktur der queeren Szene Deutschlands Präventionsbotschaften und Organisationen für trans* Personen?

    Absolut! Auch wenn Deutschland generell bei der Gesundheitsversorgung ein großartiges Land ist, gilt das jedoch nicht für trans* Personen, weil es viel zu wenig Wissen über unsere Körper und Bedürfnisse gibt. Selbst in den queeren Initiativen, die sich für die Gesundheitsversorgung einsetzen, muss einfach auch viel mehr getan werden, damit wir auch gesehen werden und wirklich mitagieren dürfen. Also dass nicht irgendetwas für uns von irgendwem gemacht wird, sondern dass wir es als Community selbst für uns machen dürfen.

    Zum Beispiel Präventionskampagnen: Wenn keine trans* Personen mitarbeiten, wie weiß man dann, wie man die Community am Besten adressiert? Wenn auf allen Plakaten nur schwule cis Männer zu sehen sind, aber keine trans* Personen, fühle ich mich nicht angesprochen. Da muss man einfach hinschauen, wie man die Communities repräsentiert, wie man mit ihnen zusammenarbeitet, um wirklich die bestmögliche Arbeit zu machen, die auch die Bedürfnisse der Community widerspiegelt. Ich arbeite vornehmlich im Bereich der HIV-Prävention, speziell für trans* Personen, und sehe, wie viel Arbeit jetzt noch getan werden muss.

    Schwul. Trans*. Teil der Szene!
    Unsere Broschüre „Schwul. Trans*. Teil der Szene!“ bietet schwulen trans* und cis Männern, gender-nonconforming und nicht-binären Menschen, die sich der schwulen Community zugehörig fühlen unter anderem alle Infos zum respektvollen Umgang innerhalb unserer vielfältigen Szene, zu schwulem Sex sowie zum Schutz vor HIV (Safer Sex). Kurze Infos zur Trans*-History und bedeutenden Aktivist*innen sowie Links zu mehr Infos runden die Broschüre ab. Du findest sie unter iwwit.de/trans!
    Max lächelt in die Kamera.
    Max möchte sich verstärkt mit der hohen Selbstmordrate unter queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen befassen.

    Wie kann deine Arbeit und die Community von deinem Sieg als Mr. Gay Germany profitieren?

    Durch die gesteigerte Sichtbarkeit, die ich nun bekomme, folgen mir mehr Menschen in den sozialen Medien, oder ich werde zu verschiedenen Veranstaltungen eingeladen. Das gibt mir mehr Reichweite und wirkt sich natürlich auch auf meine Arbeit aus, weil mehr Menschen die Problematik und die schwierige Situation mitbekommen und hellhörig werden.

    Was war deine Motivation, an dem Wettbewerb teilzunehmen?

    In den sozialen Medien bin ich durch Zufall darüber gestolpert und habe gesehen, dass es nicht nur ein Schönheitswettbewerb ist, sondern Inhalte im Vordergrund stehen. Jede Person muss sich für ein bestimmtes Thema einsetzen und eine Kampagne dafür ins Leben rufen. Ich fand das ziemlich cool und hab mich damit auseinandergesetzt. Da ich als trans* Person immer wieder Anfeindungen aus der schwulen Community bekomme, dachte ich mir außerdem, dass ich bei so einem Contest den Leuten zeigen möchte, dass wir trans* Personen sehr wohl Teil der Community sind.

    „Nur weil sie sich nicht vorstellen können, mit einer trans* Person Sex zu haben, heißt das nicht, dass das für alle in der schwulen Community gelten muss.“

    Du erlebst also Diskriminierung aus der schwulen Community?

    Die schwule Community ist eine meiner Communities und ich fühle mich da zu Hause. Teilweise erlebe ich aber Dinge wie „Du hast hier nichts zu suchen“ oder „Das ist kein „richtiger“ Mann, also kannst du nicht in der schwulen Community sein”. Vielleicht fehlt es hier ein wenig an Aufklärung: Nicht jeder muss mich attraktiv finden oder sich vorstellen, mit mir ins Bett zu gehen. Ich will auch nicht mit jedem Menschen ins Bett. Aber nur weil ich mir persönlich etwas nicht vorstellen kann, oder etwas nicht mag, heißt das nicht, dass andere das nicht mögen könnten. Nur weil sie sich nicht vorstellen können, mit einer trans* Person Sex zu haben, heißt das also nicht, dass das für alle in der schwulen Community gelten muss.

    „Man muss meine Identität nicht nachvollziehen können, um mich zu akzeptieren.“

    Was würdest du diesen Leuten sagen?

    Wir als trans* Personen nehmen niemandem irgendetwas weg. Ich will kein Geschlecht abschaffen. Ich möchte einfach nur mit Respekt und Würde leben dürfen, wie alle Menschen auch. Man muss meine Identität nicht nachvollziehen können, um mich zu akzeptieren. Ich kann auch vieles nicht nachvollziehen. Aber das heißt nicht, es darf nicht existierten, nur weil ich es nicht verstehe. Dennoch ist dies der beste Beweis dafür, dass meine Arbeit für mehr Trans*-Sichtbarkeit immer noch gebraucht wird, und in der Tat wirken solche Kommentare für mich wie Benzin in meinem Motor. Das ist genau der Grund, warum ich mehr tue.

    „Solche Kommentare wirken für mich wie Benzin in meinem Motor.“

    Zurück zum Wettbewerb: Wie lief er ab?

    Es ging alles relativ zügig. Ich bewarb mich Ende Oktober online, eine Woche später hatte ich mein erstes Telefoninterview. Dann musste ich in den nächsten drei Tagen eine Community-Kampagne entwickeln. Ich überlegte mir eine Kampagne und stellte sie vor. Kurze Zeit danach erfuhr ich, dass ich im Halbfinale bin. Zwischen Halbfinale und Finale muss man die Kampagne weiter aufbauen, um der Jury im Finale zu zeigen, wie man weiter daran arbeitet. Genau sechs Wochen nach dem ersten Telefonat kam dann das Finale.
    Die anderen Mitstreiter waren unterschiedlichen Alters und Herkunfte. Auch nicht alle waren total schlank und nur muskulös, sondern hatten einfach auch unterschiedliche Körperformen. Ich fand es schön zu sehen, dass es nicht nur um muskelbepackte cis Männer geht. Es war eine kurze intensive Zeit, aber als ich meinen Namen im Finale hörte, war das ein unbeschreiblicher Moment. Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen.

    Worum geht es in deiner Kampagne?

    Sie nennt sich #ProudToBeAlive (stolz darauf, am Leben zu sein) und befasst sich mit der hohen Selbstmordrate unter queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Denn leider ist dies ein Thema, über das wir selten sprechen. Ich möchte diese Situation auf zwei Schienen verbessern: Zum einen durch die Schaffung einer professionellen Krisenhilfestruktur für junge LSBTQIA+ in Form einer Online-Beratung parallel zu einer Telefonberatung, durch die Hilfe in akuten Situationen angeboten wird.

    Und auf lange Sicht möchte ich die Sichtbarkeit von queeren Menschen in der Kinder- und Jugendliteratur erhöhen. Wenn queere Kinder und Jugendliche in Kinderbüchern sehen, dass es andere Menschen gibt, die genauso sind wie sie – wenn sie sich selbst also immer wiederfinden – bekommen sie das Gefühl, dass sie nicht allein sind. Und dass man so, wie man ist, in Ordnung ist. Ich glaube, wenn sie das von klein auf mitbekommen, könnten sie ein ganz anderes Leben führen, als wenn sie allein damit zurechtkommen müssen. Anfang April kommt mein erstes trans*-empowerndes Kinderbuch auf Deutsch und Englisch heraus, es heißt „Egal was sich ändert, das Herz bleibt genau dasselbe“.

    Max, viel Erfolg damit und vielen Dank für das Interview!

    Trans* Männer, nicht-binäre und gender non-conforming Personen sind Teil der schwulen Szene! Erfahre jetzt mehr über unsere Kampagne „Schwul. Trans*. Teil der Szene!“ Klicke auf neu.iwwit.de/trans!

    Gay Health Chat
    Du suchst jemandem zum Reden? Jemanden, der dir zuhört und eventuell Rat hat? Dann chatte mit Beratern aus der Community unter www.gayhealthchat.de!
    Hinweis
    Es gibt Situationen, die sind alles andere als leicht. Hier gibt es Hilfe:
    – Telefonseelsorge: 0800-1110111 und 0800-1110222
    Stiftung Deutsche Depressionshilfe

  • „Can I just be human? / Can I just be me?“

    „Can I just be human? / Can I just be me?“

    Auf seinem neuen Album „Boyology“ plädiert der dänische Popsänger Asbjørn für ein anderes Verständnis von Männlichkeit – und ermutigt insbesondere schwule Männer zu ihrer Verletzlichkeit zu stehen.

    Bereits 1984 fragte Herbert Grönemeyer „Wann ist ein Mann ein Mann?“. Nach fast vier Jahrzehnten, die seither vergangen sind, steht die Frage immer noch im Raum. Auch den dänischen Popsänger Asbjørn treibt sie um. So geht es bei dieser Frage letztlich doch auch um die eigene Identität als queerer Mann und ein neues Selbstverständnis von Männlichkeit.

    Emanzipation vom traditionellen männlichen Ideal

    Wie ein roter Faden zieht sich diese Auseinandersetzung durch sein neues, inzwischen drittes Album. Es ist, wie der 29-Jährige sagt, seine „Emanzipation vom traditionellen männlichen Ideal und den unsichtbaren Erwartungen in der Gesellschaft und an uns selbst, wie ein Mann sein oder nicht sein sollte“. Am Deutlichsten packt das Asbjørn in seinem melancholisch-nachdenklichen Song „Be Human“ in prägnante Verszeilen: “I don’t wanna be a man/ If man means power, to not empower others”. Und “I don’t wanna be a man/ If man means violence instead of showing kindness.”

    Das Albumcover von „Boyology“ von Asbjørn. (Artwork by Max Binski)

    Mit wehmütig klingendem Falsett singt Asbjørn von verlogenen, veralteten und toxischen Vorstellungen der Männlichkeit. So fragt er schließlich zu fragen: „Can I just be human? / Can I just be me?“ Einfach sich selbst sein, sich auch Verletzlichkeit zuzugestehen, ist eine der Messages, die Asbjørn in klugen und zugleich tanzbaren Pop verpackt hat. Ebenso wie die Botschaft: vor allem an sich selbst glauben und sich nicht zu verstellen, auch wenn’s um Liebesdinge geht.

    Ein gesungenes „Ihr könnt mich mal…“ an seine alte Plattenfirma

    Der in der Nähe von Aarhus aufgewachsene Sänger, Musiker und Produzent scheint aus eigener Erfahrung zu sprechen. Gleich mehrere Songs erzählen von zerbrochenen Beziehungen sowie gleichzeitig von der Angst vor festen Bindungen. „Remember my Name“ ist einer davon, auch dies ein sehr emotionaler, von elektronischen Beats getriebener Track. Die Verszeilen „Rember my name, the boy that got away“ kann als Nachricht an einen Ex verstanden werden, der von der Trennung kalt erwischt wurde. Für Asbjørn hat der Song aber auch noch eine ganz andere, sehr persönliche Lesart. Genaugenommen ist er ein „Ich schaff’s auch ohne euch“-Gruß an seine alte Plattenfirma. Allerdings war das Material, das er in seiner Wahlheimat Berlin für sein dritten Album erarbeitet hatte, dieser nicht kommerziell genug.

    „Ich war zutiefst verletzt vom Zynismus der Branche“, gesteht Asbjørn. Deshalb verzog er sich in ein Sommerhaus in Dänemark, „wo ich das Meer anschreien konnte, um den letzten Rest meiner Resilienz zu entfachen und ihnen das Gegenteil zu beweisen.“

    Inspiriert von Lyykie Li, Robyn und anderen großen Künstler*innen

    In den elf Songs von „Boylogica“ zeigt Asbjørn, was er von seinen musikalischen Vorbildern wie Lyykie Li, Timbaland, Robyn und Missy Elliott gelernt hat. Vor allem aber zeigt er, dass auch in dancefloor- und radiotauglichen Liedern eine intime und intensive Auseinandersetzung möglich ist – mit den eigenen und mit gesellschaftlichen Erwartungen an zwischenmenschliche Bindungen und vermeintlich geschlechtertypisches Verhalten.

    „wie ein queerer Coming-of-Age-Kurzfilm“

    Asbjørn über seine „The Boyology Series“ auf Youtube

    Asbjørn glaubte diese Erwartungen längst überwunden zu haben, aber musste dann zu seiner eigenen Überraschung feststellen, dass er seinen Liebesschmerz „auf diese super stereotypische Art und Weise unterdrückte“. Für ihn war diese Erkenntnis ein Ausschlag für dieses Album. Und dass es ihm in Sachen Liebe zu Männern zieht, steht bei ihm außer Zweifel. Seine Videos, wie auch jene zu den beiden ersten Alben, sind unmissverständlich und offenherzig. Aus dem neuen Album hat Asbjørn drei Songs ausgewählt und dazu Videos produziert, die sich, wie er selbst sagt, „wie ein queerer Coming-of-Age-Kurzfilm“ anfühlen sollen. Diese „The Boyology Series“ ist auf YouTube zu sehen.

    https://www.youtube.com/playlist?list=PLP46yV9_YdrQtSI7tny9JGfJVi0Lrwrie

     

    Das neue Album von Asbjørn: „Boyology“ ist erschienen bei Embassy of Music.

    Offizielle Webseite von Asbjørn:

    https://www.asbjornmusic.com/

     

    Asbjørn live am 8. April 2022 im Lido Berlin

  • Sex im Alter – Information und 4 Erfahrungsberichte

    Sex im Alter – Information und 4 Erfahrungsberichte

    Sex im Alter: Zwischen Veränderung, Nähe und neuer Lust

    Sex hört nicht auf, nur weil wir älter werden – im Gegenteil. Viele Menschen erleben mit den Jahren eine neue Qualität von Intimität und Lust. Doch „Sex im Alter“ ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema, besonders wenn es um schwule Männer geht.

    Mit dem Älterwerden verändert sich einiges: Der Körper reagiert anders, die Libido kann schwanken, und manchmal stehen gesundheitliche Aspekte im Vordergrund. Gleichzeitig gewinnt emotionale Nähe an Bedeutung. Statt Leistungsdruck stehen Achtsamkeit, Vertrauen und neue Erfahrungen im Mittelpunkt.

    Auch gesellschaftlich gibt es Nachholbedarf: Sexualität älterer Menschen – insbesondere schwuler Männer – wird oft übersehen. Umso wichtiger ist es, offen darüber zu sprechen.

    Zwei ältere Männer begrüßen sich herzlich bei einem Spaziergang im Park.
    Offenheit und Lebensfreude auch jenseits der 60

    Körperliche Veränderungen

    Mit zunehmendem Alter verändert sich der Hormonhaushalt – insbesondere der Testosteronspiegel sinkt. Das kann Auswirkungen auf die Libido, die Erektionsfähigkeit und die sexuelle Leistungsfähigkeit haben. Diese körperlichen Veränderungen sind vollkommen normal und gehören zum natürlichen Älterwerden dazu.

    Trotzdem bleibt Sex im Alter für viele Männer erfüllend – häufig sogar intensiver, weil der Fokus sich verschiebt: weniger auf Leistung, mehr auf Nähe, Achtsamkeit und bewussten Genuss. Wer die Signale seines Körpers erkennt und akzeptiert, kann seine Sexualität im Alter gesund und selbstbewusst leben. Bei Bedarf können auch ärztliche Beratung oder unterstützende Hilfsmittel helfen, Unsicherheiten abzubauen.

    Sexuelle Gesundheit im Alter

    Sex im Alter ist nicht nur möglich, sondern kann auch gesundheitlich von Vorteil sein. Studien zeigen, dass regelmäßige sexuelle Aktivität positive Effekte auf Kreislauf, Immunsystem und seelisches Wohlbefinden haben kann. Auch die Prostata profitiert – regelmäßige Ejakulationen können laut manchen Untersuchungen das Risiko für Prostatabeschwerden verringern.

    Gleichzeitig können hormonelle Veränderungen oder chronische Erkrankungen Herausforderungen mit sich bringen. Wichtig ist deshalb ein bewusster Umgang mit dem eigenen Körper und die Bereitschaft, über Probleme zu sprechen. Auch sexuell übertragbare Krankheiten werden im Alter oft unterschätzt – regelmäßige Tests und Schutz sind ebenso relevant wie in jüngeren Jahren.

    Psychologische Aspekte von Sex im Alter

    Sex im Alter ist nicht nur körperlich, sondern auch emotional eine Herausforderung und Chance zugleich. Viele Männer kämpfen mit Unsicherheiten, etwa durch körperliche Veränderungen, nachlassende Potenz oder gesellschaftliche Vorstellungen davon, wie „männlich“ oder „leistungsfähig“ Sexualität sein sollte.

    Das Selbstbild spielt dabei eine zentrale Rolle. Wer sich selbst akzeptiert und liebevoll mit dem eigenen Körper umgeht, kann auch Intimität wieder neu erleben – frei von Druck oder Erwartungen. Gerade im Alter entstehen oft tiefere, ehrliche Verbindungen, weil viele Männer ihre Bedürfnisse besser kennen und offener damit umgehen. Sexualität im Alter bedeutet nicht Rückzug, sondern oft einen neuen Zugang zu Nähe, Lust und Selbstbewusstsein.

    Ältere Männer spielen Schach im Park und genießen die gemeinsame Zeit.
    Offene Gespräche, Nähe und Gemeinschaft im Alter

    Partnerschaft und Beziehung

    Mit zunehmendem Alter verändert sich oft auch die Dynamik in Partnerschaften und damit die Sexualität. Viele Paare erleben weniger sexuelle Aktivität, dafür aber eine tiefere Form der Intimität. Gespräche über Wünsche, Grenzen und neue Bedürfnisse gewinnen an Bedeutung.

    Sex im Alter muss nicht wie früher aussehen. Für manche Paare heißt das: mehr Zärtlichkeit, mehr Achtsamkeit, weniger Leistungsdruck. Für andere kann es bedeuten, neue Impulse zuzulassen oder über lange Tabus hinwegzukommen. Gerade langjährige Beziehungen profitieren von ehrlicher Kommunikation und dem Mut, Dinge neu zu entdecken.

    Gesellschaftliche Sichtweisen

    In unserer Gesellschaft ist Sex im Alter noch immer ein Tabuthema – besonders, wenn es um schwule Männer geht. Ältere Körper gelten oft als asexuell, unsichtbar oder nicht mehr begehrenswert. Diese Vorurteile können sich tief ins Selbstbild einschreiben und dazu führen, dass Männer sich für ihre sexuellen Wünsche schämen oder sie unterdrücken. Dabei ist das Bedürfnis nach Nähe, Lust und Intimität keine Frage des Alters. Im Gegenteil: Viele Männer entdecken gerade in späteren Lebensjahren neue Facetten ihrer Sexualität. Umso wichtiger ist es, dass diese Erfahrungen gesehen und anerkannt werden. Sex im Alter verdient Sichtbarkeit, Respekt und einen selbstverständlichen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung.

    Praktische Tipps für erfüllten Sex im Alter

    Sex im Alter darf sich verändern und darf auch neu entdeckt werden. Wer offen bleibt und sich auf die eigenen Bedürfnisse einlässt, kann viel erleben. Kleine Hilfsmittel wie Gleitgel, Potenzmittel oder Sexspielzeuge können unterstützen, wenn sich der Körper verändert. Auch eine entspannte Atmosphäre, Zeit und Vertrauen spielen eine wichtige Rolle. Ebenso wichtig ist Kommunikation: Offen über Wünsche, Ängste oder Grenzen zu sprechen, schafft Nähe, vor allem in neuen Beziehungen. Wer Unsicherheiten verspürt, kann sich auch medizinische oder therapeutische Unterstützung holen.

    Sex im Alter – 4 Erfahrungsberichte

    Das Vorurteil hält sich hartnäckig: Wer alt ist, hat keinen Sex. Von wegen! Vielleicht verschieben sich die Prioritäten und Kuscheln wird wichtiger als ein geiler Fick, aber Sex spielt auch in der Generation 60plus eine Rolle, wie diese vier schwulen Männer beispielhaft berichten.

    Sex im Alter – 4 Erfahrungsberichte
    Sex mit dem Partner
    K

    Kurt (62)

    aus Zeitz

    Ich lebe seit acht Jahren mit meinem Partner zusammen. Vor vier Jahren haben wir geheiratet. Viele Paare schlafen nach einer solchen Zeit nur noch im gleichen Bett, aber es passiert nichts mehr. Bei uns dagegen schon.

    Wir haben regelmäßig Sex miteinander, aber auch mit anderen Männern – manchmal gemeinsam, manchmal jeder für sich. Das gibt unserem Sexleben die nötige Würze.

    „Wenn wir jemanden zu uns einladen, erwarten wir aber mehr, als einfach hinzulegen und das Loch hinzuhalten. Zum Sex gehört für uns Küssen, Zärtlichkeit, Lecken und Rimmen sowie geiles Blasen.“
    Sex als Single
    J

    Julio (66)

    aus Köln

    Warum so viele Schwule ein Problem damit haben, älter zu werden, ist mir ein Rätsel. Ich habe nach wie vor Sex und empfinde ihn als viel intensiver als in meiner Jugend.

    Manchmal suche ich aber auch den Kick: Ich fliege regelmäßig zum FKK nach Gran Canaria. In den Dünen von Maspalomas fühle ich mich frei und genieße es, dass es anderen genauso geht.

    „In Bars gehe ich schon lange nicht mehr. Da stehen nur Giraffen: erst langen Hals machen, und schaut man hin, stecken sie den Kopf in den Sand.“
    Sex gegen Geld
    JC

    Jean-Claude (66)

    aus Karlsruhe

    Als ich so jung war wie die Männer, die ich schön und anziehend finde, galt Homosexualität noch als krank und widerwärtig. Ich empfinde es als wunderbar, wenn ein junger Mann neben mir liegt und ich ihm die Liebe geben kann, die mir damals gefehlt hat.

    Es ist für mich selbstverständlich, dass ich ihnen für ihre Zärtlichkeit und die Zeit, die sie mit mir verbringen, etwas zustecke.

    „Einen professionellen Callboy habe ich aber noch nie bestellt. Das wäre mir viel zu geschäftsmäßig. Ich brauche das Gefühl, gemocht zu werden.“
    Kaum noch Sex
    K

    Karl (60)

    aus Dillenburg

    Jeder hat bestimmte Vorstellungen von einem potenziellen Sexpartner. Ich selbst stehe optisch auf jüngere, sportliche Männer. Aber auch zwischenmenschlich muss es passen. Das macht es mir nahezu unmöglich, sexuell aktiv zu bleiben.

    Denn für meine Zielgruppe bin ich ein alter Sack, und ich lebe in einem echten Kaff. Käuflicher Sex kommt für mich nicht infrage.

    „Der Verzicht auf Sex bedeutet aber nicht, dass ich frustriert wäre. Ich habe vor allem jüngere Freunde. Außerdem ist mir ein bisschen Erotik durchaus geblieben: Ich bin leidenschaftlicher Ringer.“

    FAQ: Häufige Fragen zu Sex im Alter

    Ist Sex im Alter noch gesund?

    Ja. Studien zeigen, dass regelmäßiger Sex im Alter sich positiv auf Herz-Kreislauf, Hormone und psychisches Wohlbefinden auswirken kann. Auch die Prostata profitiert von sexueller Aktivität.

    Wie oft haben Männer im Alter noch Sex?

    Das ist sehr individuell. Manche haben mehr Lust als früher, andere weniger. Wichtig ist nicht die Häufigkeit, sondern dass Sexualität im Alter den eigenen Bedürfnissen entspricht.

    Gibt es Hilfsmittel für erfüllten Sex im Alter?

    Ja. Potenzmittel, Gleitgel oder Sexspielzeuge können unterstützen, wenn sich der Körper verändert. Auch Beratung durch Ärzt*innen oder Sexualtherapie kann helfen.

    Was tun bei Erektionsproblemen im Alter?

    Erektionsprobleme sind im Alter häufig. Offene Gespräche mit dem Partner und ärztliche Hilfe können Entlastung bringen. Medikamente oder andere Hilfsmittel sind heute gut verträglich.

    Wie verändert sich Sexualität in langjährigen Beziehungen?

    Viele Paare erleben weniger Sex, dafür aber tiefere Intimität. Kommunikation über Wünsche und Offenheit für Neues sind entscheidend, um auch im Alter Nähe zu erleben.

    Warum wird über Sex im Alter so wenig gesprochen?

    Sexualität im Alter wird gesellschaftlich oft tabuisiert. Besonders schwule Männer erleben im Alter Unsichtbarkeit oder Vorurteile. Erfahrungsberichte helfen, das zu ändern.

    Wie verändert sich das Lustempfinden im Alter?

    Lust kann mit dem Alter intensiver, langsamer oder auch bewusster werden. Körperliche Veränderungen beeinflussen das Empfinden – aber nicht die Fähigkeit, Lust zu spüren.

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  • Altersunterschied Beziehung: Wenn Liebe kein Alter kennt

    Altersunterschied Beziehung: Wenn Liebe kein Alter kennt

    Die „Generation Schwulenbewegung“ kommt in die Jahre. Selbstbewusst nutzen die über 60-Jährigen die Angebote der Homo-Szene – solange die Gesundheit mitspielt. Ein Stimmungsbericht aus Hamburg.

    Altersunterschied Beziehung: Älterwerden in der Schwulenszene

    „Die Szene tue ich mir mit 70 nicht mehr an“, stellt Karl-Heinz klar. Er will nicht mehr in einer Bar auf seinen Traumprinzen warten. „Man muss sich einfach klarmachen: Für die Szene ist man alt, auch wenn man selbst einen ganz anderen Eindruck hat“, erklärt der pensionierte Berufsschullehrer. „Wenn man sich jeden Tag im Spiegel sieht, merkt man nicht, wie man altert.“

    Der Verzicht auf Bars fällt dem Single leicht. Sex sucht er eher im Freien, zum Beispiel im Stadtpark. „Mir macht das Jagen Spaß“, sagt Karl-Heinz und lacht. „Die Typen, die ich da abbekomme, würden mich in einer Bar mit dem Arsch nicht anschauen.“

    Neue Wege der Begegnung im Alter

    Cruising kann auch sehr gesellig sein. Bei einem Streifzug durch die Dünen von Ibiza hat Karl-Heinz vor bald 20 Jahren einen fast 20 Jahre jüngeren Mann kennengelernt. Sex hatten sie nicht, aber beim Wiedersehen im Strand-Supermarkt haben sie sich zum Essen verabredet. So lernte Karl-Heinz eine schwule Trekking-Gruppe kennen. Mit ihnen wandert er seitdem jedes Jahr mindestens einmal durch die Mittelgebirge, den Harz kennt er fast auswendig.

    In Homo-Bars geht Karl-Heinz nicht mehr – und ist trotzdem gut vernetzt mit anderen Schwulen. Derzeit organisiert er mit einem Ehrenamtskollegen vom schwulen Infoladen Hein & Fiete eine „Gay History Tour“ durch St. Pauli. So wie Karl-Heinz sind viele ältere Männer in der Community präsent – sie sind es so gewohnt. „Es gibt ein hohes Interesse an spezifischen Beratungs- und Freizeitangeboten für schwule und bisexuelle Männer über 50“, sagt Heiko Gerlach. Der Diplom-Pflegewirt hat gemeinsam mit Christian Szillat schwule Hamburger befragt und die Antworten im Auftrag der AIDS-Hilfe Hamburg ausgewertet. „Männerliebende Männer 50 plus in Hamburg“ heißt ihre Studie, die sie unter anderem auf Radio Pink Channel vorgestellt haben. Eine besondere Generation, finden die beiden Fachleute: Sie seien die Ersten, die ihre Homosexualität relativ offen gelebt hätten. Es sei nicht verwunderlich, wenn diese nun offensiv die Berücksichtigung ihrer Lebenslagen im Alter einforderten.

    Wenn Gesundheit den Alltag bestimmt

    Solange der Körper mitmacht, geht das schwule Leben jenseits der Fünfzig also fröhlich weiter. Auch Eckhard ist vor ein paar Jahren noch regelmäßig in die Sauna gegangen. Er weiß noch, welche Angebote es gibt: Partner-Rabatt am Freitag, Wellness am Sonntag und mittwochs „40up“ mit Preisnachlass für über 40-Jährige. „Für mich könnte sie schon einen ,70up‘-Tag machen“, sagt Eckhard und lächelt. Die letzten Jahre hat der gelernte Elektriker mehr Zeit im Krankenhaus als in der Sauna verbracht. Nach einer Herz-Operation ist Eckhard 2013 in ein Altenheim in St. Georg gezogen, Abteilung „Regenbogen“. „Das hat nichts zu bedeuten“, sagt Eckhard, „ich bin hier der einzige Schwule weit und breit.“

    Dass er mal Hilfe bräuchte, konnte sich Eckhard lange nicht vorstellen. Sogar seine HIV-Infektion hat er weggesteckt. 1990 bekam Eckhard die Diagnose und hat durchgehalten, bis die ersten Kombinationstherapien verfügbar waren. „Jetzt bin ich seit über zwölf Jahren unter der Nachweisgrenze“, erzählt er stolz. „HIV macht mir keine Probleme – die kamen erst durchs Älterwerden.“ Inzwischen sind einige zusammengekommen. Auf Eckhards Tisch in dem 20 Quadratmeter großen Zimmer liegen akkurat aufgereiht: ein Armband zum Blutdruckmessen, ein Gerät zur Blutzuckerbestimmung, eine Insulinspritze. Des Weiteren ein Asthmaspray und eine Pappschachtel mit Hustenbonbons. „Diese Vielfalt der Beschwerden macht mich kaputt“, sagt Karl-Heinz. „Da habe ich immer im Hinterkopf: Was kommt als nächstes?“

    Schwules Paar mit Altersunterschied: Jibben (68) und Philipp (41) in Hamburg
    Seit 15 Jahren ist Jibben (68) mit Philipp (41) zusammen, 2006 haben die beiden geheiratet. „Philipp ist natürlich auch ein Grund, dass ich fit bleibe“, sagt Jibben.

    Altersunterschied Beziehung: Zwei Generationen, ein Alltag

    Auch Jibben macht sich manchmal Sorgen, „dass die Knochen nicht mehr so mitmachen“. Aber davon lässt er sich nicht runterziehen. Sein Gegenmittel: viel machen. Der 68-Jährige betreut drei Websites, darunter das schwul-lesbische Portal hamburg.gay-web.info. „Ich hoffe, dass das ein Grund ist, warum ich oben noch fit bin“, sagt der breitschultrige Mann mit dem weißen Kinnbart und tippt sich dabei an den Kopf. „Philipp ist natürlich auch ein Grund“, fügt Jibben sanft hinzu, „als junger Ehemann, der einen manchmal schon auf Trab hält.“

    Partnerschaft über Altersgrenzen hinweg

    Seit 15 Jahren ist Jibben mit Philipp (41; gemeinsam auf dem Foto zu sehen) zusammen, 2006 haben die beiden geheiratet. Beim Straßenfest zum Hamburg Pride sitzen die beiden jedes Jahr im Orga-Container, nehmen Fundsachen an und sorgen per Funkgerät dafür, dass jeder Stand Strom und Wasser bekommt. Von der Szene hat Jibben noch nicht genug. „Das liegt auch daran, dass ich mit 50 zum ersten Mal in eine schwule Bar gegangen bin“, vermutet Jibben. „Im Nachhinein hätte ich gerne früher damit angefangen“, sagt Jibben, „weil ich bestimmt einiges verpasst habe.“

    FAQ: Altersunterschied Beziehung in der schwulen Community

    Beziehungen mit Altersunterschied werfen viele Fragen auf – besonders in der schwulen Community. In dieser FAQ beantworten wir zentrale Fragen zu Partnerschaft, Akzeptanz, Herausforderungen und gesellschaftlicher Wahrnehmung.

    Was bedeutet ein großer Altersunterschied in einer Beziehung?

    Ein großer Altersunterschied in der Beziehung beschreibt Partnerschaften, in denen mehrere Jahrzehnte zwischen den Partnern liegen. In der schwulen Community ist diese Konstellation vergleichsweise häufig und gesellschaftlich oft sichtbarer als in heterosexuellen Beziehungen.

    Sind Beziehungen mit Altersunterschied langfristig stabil?

    Ja, viele Beziehungen mit Altersunterschied sind stabil und langfristig. Entscheidend sind nicht die Lebensjahre, sondern gemeinsame Werte, gegenseitiger Respekt und ähnliche Vorstellungen vom Zusammenleben. Der Artikel zeigt, dass solche Partnerschaften über viele Jahre funktionieren können.

    Warum sind Altersunterschiede in der schwulen Szene häufiger sichtbar?

    Historisch bedingt konnten viele schwule Männer ihre Sexualität erst später offen leben. Dadurch entstehen Begegnungen zwischen Generationen häufiger – etwa in der Szene, im Ehrenamt oder über gemeinsame Interessen. Der Altersunterschied in der Beziehung wird dabei oft bewusst akzeptiert.

    Welche Herausforderungen bringt eine Beziehung mit Altersunterschied mit sich?

    Unterschiedliche Lebensphasen, gesundheitliche Themen oder gesellschaftliche Erwartungen können Herausforderungen darstellen. Gleichzeitig berichten viele Paare, dass Offenheit und Kommunikation helfen, diese Unterschiede konstruktiv zu überbrücken.

    Spielt das Alter in der schwulen Community heute noch eine große Rolle?

    Das Alter spielt weiterhin eine Rolle, etwa bei Zugang zur Szene oder bei körperlichen Erwartungen. Dennoch zeigt sich zunehmend, dass starre Altersgrenzen an Bedeutung verlieren – insbesondere in Beziehungen, in denen Nähe und Vertrauen wichtiger sind als Zahlen.

    Wie wird der Altersunterschied in der Beziehung von außen wahrgenommen?

    Die Wahrnehmung ist unterschiedlich. Während manche Paare mit Vorurteilen konfrontiert werden, erleben andere viel Akzeptanz. Der gesellschaftliche Diskurs hat sich geöffnet, und Beziehungen mit Altersunterschied werden heute differenzierter betrachtet als früher.

    Stimmen aus der Community

    Berichte, Erfahrungen und Perspektiven rund um Liebe, Älterwerden, Gesundheit und Zusammenhalt in der Community.

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  • Max (21): „lch bin nicht anders als andere schwule Jungs“

    Max (21): „lch bin nicht anders als andere schwule Jungs“

    Max (21) über sein Leben mit der HIV-Infektion
    Foto: Privat

    Max ist 21 Jahre alt, studiert in Jena und hat sich vor mehr als einem Jahr als HIV-positiv geoutet. Er ist froh über diese Entscheidung und würde sich wünschen, dass noch mehr positive Jungs sagen, dass sie HIV haben. Ein Gespräch über unbegründete Sorgen, den Punkt an dem Internet-Dating unsexy wird und was ein Bericht über die „Testhelden“-Kampagne von ICH WEISS WAS ICH TU bei ihm auslöste

    Wie offen lebst du in der schwulen Szene mit HIV?
    Ziemlich offen. Das hier ist nicht das erste Interview, das ich darüber gebe und die allermeisten Menschen in meinem direkten Umfeld wissen Bescheid. Wenn Datingportale die Möglichkeit anbieten, den HIV-Status anzugeben, dann mache ich das auch. Oder ich spreche es an, wenn es nötig wird. Aber, es ist auch nicht das Erste, was ich Menschen über mich erzähle. Obwohl es inzwischen schon merkwürdig ist, wenn es Leute nicht wissen.

    Was meinst Du damit?
    Ein offener Umgang damit, dass ich positiv bin, macht Sachen, Gespräche und den generellen Umgang mit Anderen einfach unkomplizierter. Die Hürde ist weg, alle wissen Bescheid und damit ist es auch gut. Wenn dann einer dazu kommt, der es nicht weiß, entsteht oft Erklärungsbedarf. Das verkompliziert dann die Situation wieder und das Thema rückt in den Vordergrund. Und das löst dann Unbehagen aus, was eigentlich gar nicht notwendig ist.

    „Wenn ich anderen so helfen kann, sich zu schützen, ist das doch super.“

    Ist es dir leichtgefallen, dich auch öffentlich zu outen?
    Mein öffentliches Outing kam so zustande: Ich habe einen Bericht auf einer Website über diese Kampagne „Testhelden“ gelesen, der mich beeindruckt hat. Daraufhin hab ich den Autor kontaktiert, um ihm das zu sagen. Der hat dann gemeint: „Könntest Du dir vorstellen, selbst öffentlich über deine Infektion zu sprechen?“ Und das konnte ich. Ich hatte gar nicht so viel Angst davor. Es gibt viel zu wenig Menschen, die das tun. Und deswegen wissen viele andere Menschen nicht, dass das Leben der meisten Positiven auch nicht großartig anders ist, als das von Negativen. Und ich bin immer noch froh, es getan zu haben. Wenn ich anderen so helfen kann, sich zu schützen, ist das doch super.

    „Da muss ich dann erklären, dass Schutz durch Therapie funktioniert und ich nicht infektiös bin.“

    Wie reagieren andere Menschen darauf, wenn Du ihnen sagst, dass du positiv bist?
    Gerade heute, wo mein HIV-Status für mich selbst schon ganz normal geworden ist, bin ich immer wieder überrascht davon, wieviel Sorgen sich manche machen. Nicht davor, sich bei mir zu infizieren. Darüber wissen die Allermeisten ganz gut Bescheid. Aber viele denken immer noch, ich würde jetzt ja wohl irgendwann krank werden und dann viel zu früh sterben, oder sowas. Und denen dann klar zu machen, dass es mir echt gut geht und ich durch HIV eigentlich überhaupt nicht beeinträchtigt bin, ist nicht immer einfach. Das nervt ab und zu dann doch. Beim Dating im Internet kommt die Sache auch irgendwann zur Sprache, und viele reagieren mit großer Selbstverständlichkeit. Aber einige auch nicht. Da muss ich dann erklären, dass Schutz durch Therapie funktioniert und ich nicht infektiös bin. Das macht die Sache dann aber schnell unsexy, leider.

    Angst vor Stigmatisierung unter jungen Positiven

    Kennst du andere junge Positive? Wie gehen die mit ihrer Infektion um?
    Ich studiere in einer kleineren Stadt, die Szene hier ist nicht riesig. Nach meinem öffentlichen Outing haben sich einige Bekannte dann bei mir geoutet. Und was ich generell so mitbekomme, ist, dass es inzwischen einige junge Positive gibt, die ganz offen sind. Aber viele andere wollen nicht, dass das an die große Glocke gehängt wird und sprechen nur mit wenigen anderen Menschen darüber.

    „Nach einem Outing wird man definitiv zum Gesprächsthema.“

    Woran liegt das deiner Meinung nach?
    Naja, die haben Angst vor Stigmatisierung. Und die ist ja auch nicht ganz unberechtigt. Nach einem Outing wird man definitiv zum Gesprächsthema. Der allgemeine Informationsstand zum Leben von HIV-Positiven ist nicht berauschend und da entstehen leicht Vorurteile und Gerüchte, die einem das Leben schwerer machen. Viele haben auch Angst, sich ihre berufliche Zukunft zu verbauen, wenn bekannt wird, dass sie positiv sind.

     

    Max (21), Student in Jena, Thüringen
    Foto: Privat

    „Und einige Negative könnten sich im Umgang mit Positiven mal entspannen.“

    Und was können wir alle gemeinsam dagegen tun?
    Gute Frage. Wenn Positive offen mit ihrer Infektion umgehen, haben Negative eine Chance, aus erster Hand zu erfahren, dass ein Leben mit HIV 2017 nicht mehr bedeutet, dass man krank ist. Wir leben völlig normal und es gibt keine sichtbaren Unterschiede zwischen Positiven und Negativen mehr. Und einige Negative könnten sich im Umgang mit Positiven mal entspannen. (lacht) Und sich besser informieren, damit Stigma vorgebeugt wird, bevor es passiert.

    Wie wirkt sich HIV heute auf dein Leben aus?
    Ich nehme jeden Tag zwei Tabletten, das war’s. Das ist inzwischen aber auch automatisiert, wie Zähneputzen, und nichts, worüber ich noch nachdenke. Abgesehen davon bin ich wahrscheinlich auch nicht anders als viele 21-Jährige schwule Jungs überall auf der Welt.

     

     

    Mehr zum Leben mit HIV findet Ihr übrigens auf iwwit.de!

  • Bezugsperson und Vertrauter

    Bezugsperson und Vertrauter

    Ehrenamt: Bezugsperson und Vertrauter
    © SP-PIC – Fotolia.com

    Theo (Name geändert) ist 42 Jahre alt. Seit neun Jahren engagiert er sich ehrenamtlich bei der Berliner Aids-Hilfe als emotionaler Begleiter von Menschen mit HIV. Ein Porträt von Moritz Krehl

    1998 bekommt Theo die Diagnose „HIV-positiv“ – ein Schock.

    Fünf Jahre später tritt er freiwillig aus dem kirchlichen Dienst aus und geht nach Berlin, um dort sein Glück zu finden. Die Trennung von seinem damaligen Freund, berufliche Turbulenzen und nur wenige soziale Kontakte  führen ihn allerdings zunächst in die Einsamkeit. So schwer hatte Theo sich den Start nicht vorgestellt. Aber anstatt zu resignieren und zu Hause zu sitzen, bis er depressiv wird, geht er zur Berliner Aids-Hilfe, kurz BAH, um sich ehrenamtlich zu engagieren – für ihn ein Weg aus der Isolation.

    Die BAH hat zehn bis fünfzehn Bereiche, in denen ehrenamtliches Engagement möglich ist.

    Theo entscheidet sich für die „Begleitung“. Dort gibt es drei Gruppen: Die Ehrenamtler von „Freunde im Krankenhaus“, kurz die FRIKS, begleiten Aids-Patienten, die langfristig im Krankenhaus liegen müssen. Die in der „emotionalen Begleitung in Haft“ Engagierten treffen sich regelmäßig mit HIV-infizierten oder aidskranken Häftlingen. Theo arbeitet in der dritten Gruppe, der „emotionalen Begleitung“. Auch hier geht es darum, Menschen mit HIV auf ihrem Weg aus der Krise zu begleiten, ihnen ein Stück Lebensqualität zurückzugeben, Bezugsperson und Vertrauter zu sein.

    Die „Begleitung“ wurde in den 1980er Jahren ins Leben gerufen, in den schlimmsten Zeiten der Aidskrise.

    Schon damals haben die Ehrenamtlichen HIV-Positive, aber vor allem Aidspatienten begleitet –bis zu deren Tod. Damals war das also oft Sterbebegleitung, das Ende des begleiteten Wegs war von Anfang an vorbestimmt.

    Auch heute nehmen Begleiter wie Theo HIV-Positive und Aidskranke an die Hand und schenken ihnen ein Stück Geborgenheit und Vertrautheit. Anders als früher ist das Ende aber nicht mehr vordefiniert, dank der modernen Medikamente. Heute entscheidet sich in intensiven Gesprächen zwischen Begleiter, Begleitetem und Aidshilfe-Mitarbeiter sowie in der Supervision, wann die Begleitung sinnvoll beendet wird. Meistens ist das ein Zeitpunkt, an dem die Krise des Begleiteten überwunden ist oder an dem deutlich wird, dass die Begleitung die angestrebten Ziele nicht erreichen kann. So kann der gemeinsame Weg kurz sein, sich aber auch über viele Jahre erstrecken.

    Nicht geändert hat sich hingegen, dass Aids oft ins soziale Abseits führt.

    Die Krankheit isoliert die Patienten, sie vereinsamen. Resignation, Depressionen und Lethargie sind häufige Folgen, wobei Theo davon überzeugt ist, dass eine HIV-Diagnose selten neue Probleme schafft, sondern eher psychische Veranlagungen verstärkt – so wie es bei kritischen Lebenssituationen vorkommen kann.

    Um der Isolation entgegenzuwirken, haben die Begleiter mindestens einmal pro Woche mit ihren Klienten Kontakt; bevorzugt persönlich, manchmal aber auch nur am Telefon. Und obwohl Theo wie die meisten Begleiter berufstätig ist und wenig Zeit hat, verbringt er alle zwei Wochen sogar den ganzen Samstag mit seinem aktuellen Klienten Benjamin (Name geändert), um mit ihm einen Ausflug zu machen, einen Kaffee trinken zu gehen oder einfach nur mit ihm zu reden und ihm zuzuhören.

    Der aidskranke Mann ist ungefähr so alt wie Theo selbst – und erst sein zweiter Klient in neun Jahren. Theo begleitet Benjamin seit mittlerweile vier Jahren. Man merkt, dass Theo Benjamins Schicksal nahegeht, aber auch, dass es ihm egal ist, woher er kommt und wie er in diese Lage gekommen ist. Theo urteilt nicht, ihm geht es um den Menschen und den Weg, der vor ihm liegt. „Ich will ihm helfen, sein Leben zu erleben.“

    Was hat Theo das Engagement in der Berliner Aids-Hilfe gebracht, und warum engagiert er sich nach wie vor?

    Er hat Anschluss gesucht und gefunden, sagt er. Die Supervisionsgruppe gab ihm Halt. Und er hat in der BAH Freunde gefunden, ein gutes Netzwerk, auf das er nicht mehr verzichten will. Außerdem bietet ihm die Arbeit „eine soziale Alternative zum verkopften Schreibtischleben“ und gibt ihm das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Und nicht zuletzt lernt er viel über sich selbst. In gemeinsamen Supervisions-Sitzungen spricht Theo mit den anderen über seine persönlichen Probleme und über schwierige Momente in der Begleitung. „Oft kommt dann ein Feedback, das mich nachdenklich macht und wodurch ich mich persönlich weiterentwickeln kann.“

  • Wider die Scham und die Sünde

    Wider die Scham und die Sünde

    Die TV-Serie „It’s a Sin“ zeigt LIEBE IN ZEITEN VON AIDS

    Das Gegenstück zu „Queer as Folk“: Die TV-Serie „It’s a Sin“ blickt ins London der 1980er-Jahre zurück, als auch dort die schwule Szene von Aids überrollt wurde. Ein Meisterwerk, das nicht nur von der Vergangenheit erzählt, sondern auch vom Hier und Heute.

    (Spoilerwarnung: Dieser Artikel enthält Spoiler zu der Serie „It’s a Sin“)

    Es bedarf keiner prophetischen Fähigkeiten, um die Zukunft dieser Serie vorherzusagen: Sie wird bald zum festen kulturellen Gedächtnis der schwulen Community gehören, wie schon „Pose“ oder „Queer als Folk“. TV-Serien also, die ebenfalls queere Geschichten und die Geschichte auf eine Art und Weise erzählen, dass sie selbst bleibende Erinnerungen schaffen.

    Szene aus Episode 2 der TV-Serie Gregory, Colin, Richie, Jill and Ash (von links nach rechts) (© RED Production Company & All3Media International)
    Szene aus Episode 2 Gregory, Colin, Richie, Jill and Ash (von links nach rechts) (© RED Production Company & All3Media International)

    Queere Geschichte als TV-Serie

    Denn mit den Figuren in „It’s a Sin“ fiebert man hautnah mit. Bei ihrem Aufbruch in die Erwachsenenwelt und der Euphorie der sexuellen Befreiung und Selbsterfahrung. Man kommt ihnen in den fünf Episoden so nahe! Wir begleiten sie so intensiv durch Höhen und Tiefen, dass man sich dieser queeren Wahlfamilie fast zwangsläufig zugehörig fühlt.

    Und vor allem gelingen Russel T Davies, dem Schöpfer dieser TV-Miniserie, immer wieder Szenen und Bilder, die sich förmlich einbrennen und die Zuschauer*innen auf lange Zeit unweigerlich begleiten werden.

    Innere Widersprüche aushalten

    Auch, weil oft in einem einzigen Bild die sich überlagernden Gefühle wie Aufbegehren und Glück bis hin zu Verzweiflung, Unverständnis und Hoffnung festgehalten sind. Etwa, wenn die Eltern des partyfreudigen Fahrkartenkontrolleurs Gregory nach dessen Tod im Garten einen Scheiterhaufen errichten. Und sie dort sein Bett und alle persönlichen Gegenstände ihres Sohnes verbrennen, die Kinderfotos ebenso wie die Schnappschüsse mit seinen Freunden im fernen London. Als könnten sie damit sein Schwulsein und seine Aidserkrankung auslöschen.

    Oder Ritchie, der sich nicht getraut hatte, sein Testergebnis abzuholen, und alle Anzeichen ignorierte. Erst jetzt, da die Krankheit ausgebrochen ist, bringt er den Mut auf, sich – auf seine sehr eigene Weise – seinen engsten Freunden zu offenbaren: „Ich wollte, dass ihr es als erstes erfahrt: Ich werde leben!“

    „Ich wollte, dass ihr es als erstes erfahrt: Ich werde leben!“

    Olly Alexander (den viele als Frontman der Band Years & Years kennen dürften) legt in diesen kurzen Satz alles hinein, was seine Figur gerade an inneren Widersprüchen auszuhalten hat. Die Erleichterung, sich endlich den wichtigsten Menschen anvertrauen zu können, die Scham, sie so lange angelogen zu haben, und die Angst, dass seine Zukunft nur noch sehr kurz sein könnte. Und dann spricht da auch noch der Trotz aus ihm, sich nicht unterkriegen und nicht die Lebensfreude rauben lassen zu wollen.

    Schwule Fernsehgeschichte für ein breites Publikum

    Und weil das die Zuschauer*innen nicht unberührt lässt, wird auch diese Szene zu einem unvergesslichen Moment. Russel T Davies versteht nicht nur sein Handwerk, er weiß es vor allem auch meisterhaft einzusetzen – und das heißt für ein breites Publikum zu schreiben, ohne deshalb inhaltliche Kompromisse einzugehen.

    Schwules Leben und Lieben bewusst nicht auf HIV und Aids reduzieren

    Das war ihm auch schon mit Serien wie „Cucumber“, „A Very English Scandal“ und „Years and Years“ und vor allem natürlich mit „Queer as Folk“ gelungen. Mit letzterer Serie hatte der britische Regisseur und Drehbuchautor vor über 20 Jahren schwule Fernsehgeschichte geschrieben. Sie war so erfolgreich, dass einige Jahre später – ein international noch erfolgreicheres – US-Remake entstand.

    Davies hatte seinerzeit bewusst darauf verzichtete, HIV und Aids zu thematisieren, sondern wollte schwules Leben und Lieben feiern, ohne es zugleich durch die Krankheit zu definieren.

    Eine neue Welt im London der 80er-Jahre

    Für ihn war es nun aber an der Zeit, auch an diese Jahre zu erinnern und sich dabei zugleich auch mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. In Ritchtie, dem smarten gutaussehenden 18-Jährigen, dem sich in der schwulen Szene Londons des Jahres 1981 eine neue Welt eröffnet und der die sich ihm bietenden sexuellen Möglichkeiten ausgiebig genießt, hat Davies offenbar viel seiner eigenen Geschichte hineingepackt. Und auch Jill (Lydia West), Ritchies beste Freundin, die wie er ebenfalls Schauspiel studiert, hat eine reale Entsprechung.

    Szene aus Episode 2 der Tv-Serie Roscoe © RED Production Company & All3Media International
    Szene aus Episode 2 Roscoe © RED Production Company & All3Media International

    Jill wird Mitbewohnerin der ansonsten komplett schwulen WG, die von allen liebevoll „Pink Palace“ genannt wird. Es ist ein kleiner verschworener, bunter Haufen. Neben Ritchie gehört auch Roscoe (Omar Douglas) dazu. Er hat seiner aus Nigeria stammenden, streng religiösen Familie den Rücken gekehrt, als diese Pläne schmiedete, ihn von seiner Homosexualität „heilen“ zu wollen.

    Davies zeigt den Umgang mit der Angst vor Aids, mit Homosexualität und Homosexuellenfeindlichkeit

    Der blasse Waliser Collin (Callum Scott Howells) beginnt in London eine Ausbildung zum Herrenschneider, gilt als verklemmt und schüchtern, aber hat, wie sich im Laufe der Zeit zeigt, mehr erlebt, als seine Freund*innen ahnen.

    Rund um die Clique scharrt Russel T Davies noch eine ganze Reihe von Nebenfiguren. Unter anderem prominent besetzt mit Stephen Fry und Neil Patrick Harris („How I Met Your Mother“). Dadurch eröffnet sich Davies jede Menge Möglichkeiten, den Umgang mit der Angst vor Aids, mit einer Infektion, mit der eigenen Homosexualität sowie der Homosexuellenfeindlichkeit der anderen – wie auch die Reaktionen darauf – zu zeigen.

    Mehr als nur ein zeitgeschichtliches Panorama der Aids-Ära

    Diese TV-Serie mag dafür viel zu kurz erscheinen – immerhin sind es „nur“ fünf Folgen je 45 Minuten – doch Russel T Davies genügt diese Zeit für ein unglaublich breites, keineswegs nur zeitgeschichtlich Panorama. Denn „It’s a Sin“ (benannt nach dem Hit der Pet Shop Boys) fokussiert sich nicht ausschließlich auf die verheerende Auswirkung der Aidspandemie im London zwischen 1981 und 1991.

    „Ich wollte kein Drama über Sterbebetten schreiben“

    „Ich wollte kein Drama über Sterbebetten schreiben“, erklärte Davies in einem Interview, „sondern ich wollte diese Ära wieder für mich zurückgewinnen und mich mit Freude an diese Leben erinnern.“

    So geht es in „It’s a Sin“ einerseits beispielsweise um die berechtige Angst vor der Ausgrenzung – selbst durch Kolleg*innen und die Familie oder um Angst vor dem Sterben. Die Serie erzählt aber auch auf vielen verschiedenen Ebenen davon, wie Homosexuellenhass funktioniert und wirkt. Aber auch wie man sich verbünden und stärken kann. Sie zeigt, was es braucht, um die eigene Sexualität positiv annehmen und leben zu können. Und welchen Wert Freund*innenschaft und Mitmenschlichkeit haben. Und das alles mit jeder Menge Empathie und Humor.

    Szenenbild aus Episode 1 der TV-Serie „It’s a Sin“
    Szenenbild aus Episode 1 der TV-Serie „Richie“

    TV-Serie bringt Themen wie Coming-out, HIV und PrEP in die Medien

    Und so ist „It’s a Sin“ zwar eine Serie, die in einem lange zurückliegenden Jahrzehnt spielt. Aber weil sie überzeitliche Themen verhandelt, kann die Serie doch im Hier und Heute andocken. Dazu trägt bei, dass die Serienmacher*innen darauf verzichtet haben, penetrant und überdeutlich typische Alltagsgegenstände jener Ära zu platzieren.

    Großer Erfolg unter jungen Zuschauer*innen

    Breite Schulterpolster, New-Wave-Outfits und Walkman sucht man hier also fast vergebens. Das erleichtert auch dem jungen Publikum von heute, sich mit ihren Altersgenoss*innen der 80er- und 90er-Jahren zu identifizieren.

    In Großbritannien hatte die Serie gerade unter jungen Zuschauer*innen einen enormen Erfolg. Und hatte einen nicht gering zu schätzenden Nebeneffekt: Themen wie Coming-out, HIV, heutige Behandlungsmöglichkeiten und PrEP wurden breit in den Medien diskutiert – und die HIV-Test-Zahlen stiegen nach der Ausstrahlung um mehr als 400 Prozent.

    Eine der eindrücklichsten und unvergesslichsten Szenen der ganzen TV-Serie hat sich Davies übrigens für den Schluss aufbewahrt. Jill trifft auf einer Hafenpromenade auf der Isle of Wight mit Ritchies Mutter zusammen. Den Freund*innen war bislang verwehrt worden, ihren Freund noch einmal zu sehen.

    Lebensbejahende Feier des queeren Selbstbewusstseins

    Nun erfährt Jill, dass Ritchie bereits gestorben ist – einsam und abgeschirmt im Schoße der Familie. Russel T Davies hat für Jill hier einen Monolog geschrieben, der es in sich hat. Er kommt einer Generalabrechnung gleich. Er formuliert vor allem aber eine der zentralen Botschaften, die Davies mit dieser TV-Serie vermitteln will. Es ist ein Plädoyer gegen die Scham und zugleich eine Anklage all jener, die Menschen dazu bringen, sich für ihre Sexualität oder für eine HIV-Infektion zu schämen.

    Ein Plädoyer gegen Scham

    Denn erst „die Scham macht das Gefühl, es verdient zu haben“, sagt Jill. Ohne die Scham wäre ein freierer Umgang mit der sexuellen Identität wie auch mit einer Infektion möglich. So aber kommt zur Scham vielleicht sogar noch die Schuld hinzu, weil man das Virus womöglich an andere weitergegeben hat.

    Das macht „It’s a Sin“ zu einem ebenbürtigen Gegenstück zu „Queer als Folk“. „It’s a Sin“ ist aber auch eine ungemein lebensbejahende Feier der Selbstermächtigung und des queeren Selbstbewusstseins.


    „It’s a Sin“ (Starzplay), Video-on-Demand bei Amazon Prime Video

    Alles zum Leben mit HIV findet ihr bei uns unter iwwit.de/leben-mit-hiv!

  • Queeres Leben nach einem Jahr Pandemie: “Wir sind systemrelevant”

    Queeres Leben nach einem Jahr Pandemie: “Wir sind systemrelevant”

    Covid-19 bestimmt seit mittlerweile mehr als einem Jahr unseren Alltag und verändert subkukturelle Räume und Safer Spaces. Wie sieht queeres Leben während der Pandemie in Deutschland aus? Eine Zwischenbilanz.

    Nichts beschäftigt uns seit letztem Jahr so sehr wie die Corona-Pandemie und die darauf folgenden Einschränkungen. Ob Lockdown Light, Wellenbrecher-Lockdown oder Harter Lockdown, fest steht, dass Einrichtungen des öffentlichen Lebens seither als Gesundheitsrisiko gelten, darunter auch Safe Spaces für queere Menschen. Die Be­trei­be­r*in­nen von Darkrooms, Bars oder Clubs haben mit kurzer Unterbrechung seither quasi Berufsverbot, die Mitarbeiter*innen sind in Kurzarbeit oder ohne Aufträge. 

    In der Krise schränken auch viele Hilfseinrichtungen ihr Angebot ein oder bieten ihre Beratungsgespräche nun lediglich online oder telefonisch an. Die Fachstelle für queere Geflüchtete der Schwulenberatung Berlin geht dabei anders vor. Hans Kalben ist Sozialpädagoge und seit 2015 Teamleiter der Fachstelle. “Die Hürden für digitale Termine sind für unsere Zielgruppe oftmals zu hoch”, sagt Kalben. Zwar arbeite Kalben mittlerweile häufiger aus dem Homeoffice, ein großer Teil der Beratungsgespräche finde aber noch immer vor Ort statt: “Viele Geflüchtete haben kein Endgerät oder W-Lan oder finden in der Gemeinschaftsunterkunft einfach keine Privatsphäre.”

    In der Krise schränken viele Hilfseinrichtungen ihr Angebot ein.

    Vor Ausbruch der Pandemie fand jeden Dienstag und Freitag ein Treffen im Café Kuchus in Berlin-Kreuzberg statt, zu dem sich niemand anmelden musste. Zwar kommuniziere die Beratungsstelle aktuell, dass die Treffen coronabedingt ausfallen, inoffiziel stehen aber immer Mitarbeitende für Beratungsgespräche bereit: “Wir haben die Erfahrung gemacht, dass trotzdem immer viele Menschen kommen, die Hilfe brauchen.” Seit letztem März gebe es einen verstärkten Bedarf an Beratungsgesprächen und das obwohl weniger Menschen neu in Deutschland ankommen als vor Ausbruch der Krise. “Menschen, die schon länger illegalisiert im Land leben und die sich sonst mit Sexarbeit oder anderen prekären Beschäftigungsverhältnissen über Wasser halten, haben verstärk Hilfe in Anspruch genommen”, sagt Kalben. Durch den Lockdown sei ein Asylverfahren für viele dieser Menschen die letzte Chance. 

    Negative Asylbescheide und Abschiebungen trotz Corona

    Was Kalben und seinem Team seit einem Jahr immer wieder schwerfalle, sei die richtige Kommunikation der Corona-Schutzmaßnahmen. “Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften haben gar nicht die Möglichkeit sich zu schützen oder alle Corona-Hygienemaßnahmen einzuhalten”, sagt er. Belastend sei auch die Sorge, Geflüchtete in den Beratungsgesprächen mit Covid-19 zu infizieren. Um dies zu verhindern, arbeite die Beratungsstelle mit Spuckschutztrennwänden, Aerosolgeräten, Masken und Abstandsregeln: “Es ist eine tägliche Herausforderung, bestmöglich zu beraten und gesundheitliche Risiken dabei zu vermeiden.” 

    Abschiebungen finden weiterhin statt, obwohl sich die Situation in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten dramatisch verschlechterte.

    Trotz Lockdown und Krisenlage laufe die Arbeit in den Behörden und beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge weiter. So erhalten Geflüchtete trotz Pandemie, laut Kalben, weiterhin negative Asylbescheide ohne dass die Fristen dabei der besonderen Situation angepasst seien. Selbst Abschiebungen finden weiterhin statt, obwohl sich die Situation in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten dramatisch verschlechterte. “Ein Asylverfahren ist immer schwierig, die Pandemie macht es aber noch komplizierter, alle Fristen pünktlich einzuhalten”, sagt Kalben.

    Aufgrund des weltweiten Gesundheitsnotstandes gab es in Krankenhäusern immer wieder die Anweisung, planbare Operationen zu verschieben. Betroffen waren davon auch geschlechtsangleichende Operationen bei trans Menschen, die, sofern es dabei nicht um die Behandlung von Komplikationen ging, nicht als medizinisch notwendig galten. Krankenhäuser arbeiten seit mehr als einem Jahr am Limit, weshalb Kundgebungen und Pride-Paraden mittlerweile online statt auf der Straße veranstaltet werden. DJ-Sets queerer Clubs finden derzeit nur noch als Livestream statt. 

    Digitales Queeres Leben

    Das Pornfilmfestival Berlin, das engen Körperkontakt eigentlich voraussetzt, fand letztes Jahr lediglich vor einer kleinen Anzahl von Gästen statt. “Es war teilweise frustrierend an einem Festival zu arbeiten, das nicht so werden kann und darf, wie man es sich eigentlich wünscht”, sagt Kuratorin Paulita Pappel. Die wenigen Tickets, die es zur Verfügung gab, waren nach kurzer Zeit ausverkauft. “Das war bei der reduzierten Anzahl an Kinoplätzen aber auch nicht schwer”, sagt Paulita Pappel. Neben ihrer Tätigkeit für das Festival besitzt sie die Online-Plattform „Lustery, auf der privat gefilmte Videos von Paaren zu sehen sind. Während viele Pornoproduktionen aufgrund des Lockdowns gestoppt wurden, stellte sich die Plattform als pandemiesicheres Modell heraus: “Wir haben während der Krise mehr Einreichungen erhalten und hatten eine größere Anzahl an Zuschauer*innen.” 

    Durch den Verlust vieler Veranstaltungen sorgt die Pandemie dafür, dass die Sichtbarkeit queeren Lebens in deutschen Städten seit mehr als einem Jahr stark eingeschränkt ist. Die Einweihungsfeier eines Projekts in Mainz fiel der Pandemie zum Opfer. Die Eröffnung des queeren Wohnprojekts Queer im Quatier, das letzten Februar in der Mainzer Neustadt eröffnet wurde, fiel auf den Beginn des ersten Lockdowns in Deutschland. Joachim Schulte, 67, plante das Wohnprojekt in den letzten Jahren und musste die Einweihungsparty auf Zoom veranstalten. Kurz vor der Pandemie bezogen 32 queere Menschen unterschiedlichen Alters 21 Wohnungen in Mainz. Das Wohnprojekt, das als Safe Space gedacht war, funktioniere während der Krise aber nur sehr eingeschränkt. “Wir hätten uns alle in der Einstiegsphase des Projekts gerne besser kennengelernt”, sagt Schulte.

    Grafik von 6 Personen, die eine Corona-Maske tragen, wobei jede Person in einer Farbe der Regenbogenfahne eingefärbt ist.

    Likes und ein “Yaas” statt Umarmungen und Küsse

    So treffe man sich derzeit meist am Müllcontainer oder wenn jemand vom Einkaufen komme. Das Herzstück des Wohnprojekts könne aufgrund der geltenden Hygienemaßnahmen aktuell nicht genutzt werden: “Die Gemeinschaftswohnung, die wir als Treffpunkt für alle nutzen wollten, steht leer.” Da viele Bewohner*innen  zur Risikogruppe gehören, sei man besonders vorsichtig: “Im Sommer haben wir uns zwar auf Abstand im Park getroffen, dabei konnten wir uns aber nicht wirklich kennenlernen.” Abseits der Zoom-Konferenzen plane die Gruppe aber kleinere coronakonforme Aktionen. So backen manche Bewohner*innen Kuchen, legen ihn in die Gemeinschaftswohnung und geben allen Bescheid, dass sie sich nacheinander ein Stück abholen können. All die verpasste Zeit zusammen, wolle man nach der Krise nachholen. “Es herrscht große Enttäuschung, dass wir die Gemeinschaft nur begrenzt genießen können.”

    Im Corona-Jahr 2020 gab es nur wenige Gelegenheit sich als queere Gemeinschaft zusammenzufinden und sichtbar zu sein. Dragqueen Pansy aus Berlin arbeitet mittlerweile im Impfzentrum und verlegt ihre Drag-Shows ins Netz. Umarmungen und Küsse wurden zu Likes und einem “Yaas” in den Kommentarspalten. Zwar zogen vereinzelt kleinere Demonstrationen wie der “Dyke March” in Berlin durch die Straßen, dabei sollten jedoch alle wenn möglich auf den Mindestabstand achten und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Selbst das zweite Jahr der Pandemie scheint von Lockdowns bestimmt, Großveranstaltungen sind noch immer in weiter Ferne. 

    Abseits privater Wohnräume

    Abseits privater Wohnräume gibt es also seit Ausbruch der Krise nur wenig Gelegenheiten, sich in queeren Einrichtungen zu treffen. Zwar wurden bereits viele Wirtschaftshilfen verabschiedet, viele Betriebe und Menschen, die diese besuchen, leiden nach einem Jahr Pandemie und Dauerlockdown aber an den Folgen der Krise. Lokale mit Darkrooms sind mit kurzen Unterbrechungen im Sommer letzten Jahres deutschlandweit geschlossen. Thomas Pfizenmaier, der die Fetisch- und Cruising-Bar New Action in Berlin-Schöneberg und eine weitere Fetischbar in Hamburg betreibt, fand zwischen den Lockdowns eine andere Möglichkeit, Umsatz für seinen Betrieb zu generieren. Gleich nachdem seine Bar nach dem ersten Lockdown wieder öffnen durfte, beantrage Pfizenmaier eine Nutzungserlaubnis zur Außengastronomie. 

    Kaffee und Kuchen statt Fetisch und Sex

    „Mein Lebenspartner hat sich dann in die Küche gestellt und Kuchen gebacken“, sagt er. Er wolle nicht auf Spenden setzen und so servierte er zwischenzeitlich in seinem Pop-Up-Café “Corinna” tagsüber Kaffee und Kuchen, obwohl die Fetischbar sonst immer nur nachts geöffnet war. Eine Zwischenlösung für den Sommer, die aber nicht mehr viel mit Fetisch, Darkroom oder Sex zu tun hat. Da die beantragten Coronahilfen lediglich für betriebliche Kosten genutzt werden dürfen, lebe er als Barbetreiber schon seit März von seinen Ersparnissen: „Ich brauche mittlerweile seit fast einem Jahr meine selbstersparte Rente auf.“ Derzeit denke er aber noch nicht ans Aufgeben, obwohl die Verluste immer größer werden und seine Ver­mie­te­r*in­nen ihm anscheinend nicht entgegenkommen: „In Hamburg gab es während der Krise sogar eine Mieterhöhung.“ 

    „Ich brauche mittlerweile seit fast einem Jahr meine selbstersparte Rente auf.“

    Pfizenmaier denkt, dass sich viele schwule Männer während der Pandemie Schutzräume im Privaten suchen. Dort werden aber, anders als im New Action, weder Namen, Meldeadressen oder Ankunfts- und Ausgangszeit vermerkt. „Wenn sich zig Männer über Online-Plattformen zu Hause verabreden und etwas passiert, kann dieses potentielle Infektionsgeschehen weder kontrolliert noch nachverfolgt werden.“

    „Wir sind systemrelevant für den Erhalt schwuler Kultur, Lebensformen und alternativer familiärer Verhältnisse.”

    Zumindest aktuell geht Pfizenmaier davon aus, dass das “New Action” nach der Krise wieder für seine Kunden öffnen wird. „Ich hoffe, dass sich die schwule Community nach der Pandemie darauf besinnt, wer ihnen über das Jahr hinweg die Stange gehalten hat“, sagt er. Seine Bar sei nicht einfach nur ein gastronomischer Betrieb, sondern diene wie alle anderen queeren Lokale als wichtiger Schutzraum für schwule Subkulturen: „Wir sind systemrelevant für den Erhalt schwuler Kultur, Lebensformen und alternativer familiärer Verhältnisse.”

    Eine Einwegmaske in Herzform auf rotem Hintergrund. Daneben 6 Personen, wobei jede Person in einer Farbe des Regenbogens dargestellt ist.

    IWWIT ist für euch da! 

    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit in der Isolation oder durch finanzielle Schwierigkeiten.

    Doch wir lassen euch nicht hängen! Deswegen haben wir unsere Kampagne #WirFürQueer ins Leben gerufen: Ihr seid nicht allein! Wir helfen uns gegenseitig! Gemeinsam schaffen wir es durch diese harten Zeiten! Mehr Infos findet ihr auf iwwit.de/wir-fuer-queer.

    Auf gayhealthchat.de beraten wir dich zudem täglich zwischen 17 und 20 Uhr – schnell, vertraulich und kostenlos.