Schlagwort: schwul

  • „Seid ihr nackt beim Sex?“ – Erfahrungen eines schwulen cis Mannes mit einem trans* Partner

    „Seid ihr nackt beim Sex?“ – Erfahrungen eines schwulen cis Mannes mit einem trans* Partner

    Wie zwei Männer eine Partnerschaft führen und Sex haben, ist scheinbar klar. Aber wenn einer trans* ist, tauchen beim anderen manchmal eine Menge Fragen auf. Till (32) kennt das Kopfkino vieler schwuler cis Männer, wenn es um trans* Männer geht. Zwei seiner Ex-Boyfriends sind trans*. Hier erzählt der Wahl-Hamburger, wie seine Freunde reagiert haben und was er aus den Beziehungen mitgenommen hat.

    Till, zwei deiner Ex-Freunde sind trans*. Hat sich dein Selbstverständnis als schwuler Mann durch diese Beziehungen geändert?
    Nein. Wieso? Wir sind Männer, die sich begehrt und einander geliebt haben. Schwuler geht’s nicht.

    Gab es manchmal blöde Reaktionen, wenn ihr draußen unterwegs wart?
    Auf der Straße eigentlich nie. Da wir beide jeweils bruchlos als Männer gelesen wurden, haben wir – wenn überhaupt – nur homofeindliche Sprüche abbekommen. So wie sie andere schwule Paare auch zu hören bekommen.

    Wie haben deine Freunde auf das Coming-out deines jeweiligen Partners reagiert?
    Zunächst mal ist wichtig zu wissen: Nicht alle meine Freunde wussten, dass mein Partner trans* ist. Selbst sehr gute Freunde von mir wissen es zum Teil bis heute nicht. Andere haben es erst nach Monaten mitbekommen.

    Warum?
    Weil meine Ex-Freunde selbst entscheiden, mit wem sie ihre Transitionsgeschichte teilen – und wann. Das führte zum Teil dazu, dass die Freunde, die dann Bescheid wussten, mit Unverständnis reagiert haben. Sie hätten sich die Offenheit meiner Ex-Freunde gleich gewünscht. Bei hetero Freundinnen habe ich leicht gegenhalten können und gesagt „Du hast mir doch auch nicht erzählt, wie lang der Schwanz deines Freundes ist! “ Bei meinen schwulen Freunden war das nicht so einfach, da herrscht ein sehr offenes Gesprächsklima (lacht). Wenn ich dann gesagt habe: „Das ist nicht euer Business!“ musste ich eben aushalten, der blöde Spießer zu sein. Das ist nicht meine Lieblingsrolle, aber es war mir wichtig – aus Respekt vor meinem Geliebten.

    Würdest du sagen, dass es Unterschiede zwischen einem schwulen und einem trans* Coming-out gibt?
    Ja, darüber musste ich mir erst klar werden: schwul Sein bezieht sich in der Regel auf die Sexualität und trans* Sein immer auf das Geschlecht. Wir sprechen also von unterschiedlichen Aspekten. Meinen Partnern und mir war es wichtig, als schwule Männer „out and proud“ zu sein. Auch meine beiden Partner hatten also ein schwules Coming-out und gingen mit ihrer Sexualität offen um. Leider habe ich manchmal erlebt wie schwule Männer, die sich als trans* geoutet haben und dann erfahren mussten, dass ihr Geschlecht und damit auch ihre schwule Identität in Frage gestellt wurden.

    Kannst du das genauer erklären?
    Wenn mein damaliger Partner sich als trans* geoutet hat, wurde seine Männlichkeit oft in Frage gestellt – von denselben Leuten, die ihn vorher schlicht als Mann wahrgenommen haben. Was vorher eindeutig  und klar war, führte dann zu dummen Fragen wie „Fühlt ihr euch wirklich als schwules Paar?“ oder „Wie sieht das bei dir untenrum aus?“

    Wie bist Du als Partner mit solchen Fragen umgegangen?
    Das kam ganz darauf an. Wenn ich das Gefühl hatte, die Frage soll meinen Freund bloßstellen, habe ich meistens eine ebenso intime und übergriffige Gegenfrage gestellt. Auf die entsetzte Reaktion meines Gegenübers konnte ich so knurren „Siehst du, das geht dich gar nix an!“ Wenn die Fragen aber respektvoll gestellt wurden und ehrliches Interesse dahinter stand, hab ich klar gemacht, dass ihre Fragen sehr intim sind und ich Ihnen nichts so persönliches von meinem Freund erzählen werde. Aber ich habe angeboten allgemein über trans* Menschen zu sprechen und versucht auf diesem Weg ihre Fragen zu klären. Manchmal, wenn ich zu genervt von den immer gleichen Fragen war, hab ich aber schon mal schnippisch gesagt: „Google einfach!“

    Woher kamen deiner Meinung nach die dummen Fragen?
    Zunächst mal glauben immer noch viele Menschen, zwischen den Beinen festmachen zu müssen und können, wer ein Mann ist – und wer nicht. Dabei wissen alle, dass so vieles dazu gehört, ein ganzer Mann zu sein! Für viele Schwule kommt dazu, dass in ihrem sexuellen Verlangen der Schwanz des Partners sehr im Focus steht. Die Vorstellung, dass hier etwas anders sein könnte, als sie es gewohnt sind, verunsichert manche. Das habe ich bei einem sehr guten Freund von mir gemerkt, der meinen Ex unglaublich heiß fand. Er war irgendwann so irritiert, dass er mich einmal ernsthaft gefragt hat: „Sag mal, wenn ihr Sex habt – seid ihr dann nackt?“ Da wurde mir erst klar, welches Kopfkino bei ihm abläuft.

    Wo lag sein Problem?
    Viele Schwule fühlen sich wohl in ihrer Komfortzone bedroht, wenn sie glauben, dass ihre  ihre „klassische“ Vorstellung von schwulem Sex nicht mehr gelten. Dabei kann Sex so geil sein, wenn man sich immer wieder neu auf den anderen einlässt! Das gilt für alle Schwulen, egal ob cis oder trans*. Am geilsten wird es – nach meiner Erfahrung –, wenn wir beide in jedem Moment gemeinsam und achtsam herausfinden, was uns gerade scharf und glücklich macht.

    Wie war dein erstes Mal mit einem trans* Mann? Habt ihr vorher ausgehandelt, was passiert?
    Für mich war es eher ein Spüren, Fühlen und Tun als ein Reden. Die Situation war auch so gut, dass ich keine Zeit hatte, mir einen Kopf zu machen. Wir haben vier Tage durchgevögelt und immer nur kurz aufgehört, um Essen zu fassen.

    Wir sprechen hier über deine ganz persönlichen Erfahrungen. Was nimmst du aus den beiden Beziehungen mit?
    Oh, jede Menge! Vor allem dankbar zu sein für viele wundervolle Erlebnisse, so wie bei allen meinen Ex-Freunden, und für sehr vieles, sehr Persönliches … Meine Sexualität ist nicht mehr so genitalfixiert. Es geht so viel! Ich habe nicht nur Mund, Schwanz und Arschloch, sondern auch Arme, Beine, Kniekehlen. Der ganze Körper ist etwas sehr Sexuelles. Entscheidend ist, dass sich die Beteiligten aufeinander einlassen. Seit ich gemerkt habe, dass das Lange nicht immer ins Runde muss, habe ich auch besseren Sex mit cis Männern. (lacht)

    Till-Cis-Partnerschaft
    Zwei Ex-Partner von Till sind trans* Männer. Hier erzählt er von seinen Erfahrungen.
  • Schwule Männer in der Corona-Pandemie: „Es herrscht große Verunsicherung“

    Schwule Männer in der Corona-Pandemie: „Es herrscht große Verunsicherung“

    Die Corona-Krise bestimmt seit mehr als einem Jahr unseren Alltag. Hygiene-Maßnahmen, Kontaktbeschränkungen und die Schließung von Safe Spaces können für schwule Männer besonders belastend sein. Das spürt auch Stefan Meier, der als Berater beim schwulen Checkpoints Mann-O-Meter in Berlin-Schöneberg arbeitet. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

    IWWIT: Stefan, du führst im Jahr durchschnittlich 150 Beratungsgespräche. Welche Anliegen haben die Männer, die zu dir kommen?

    Stefan Meier: Wir sind eine der wenigen Einrichtungen, die sich explizit an schwule Männer richtet. Die Gründe für einen Besuch bei uns sind dabei so vielfältig wie das schwule Leben selbst. Manche Männer kommen mit Fragen, die sich um das Coming Out drehen, über den Umgang mit Ängsten und Depressionen bis hin zu allem, was sich rund um die sexuelle Gesundheit dreht. Wir verstehen uns als eine Art Erste Hilfe für die Ratsuchenden. Oft kommen sie zwei-, dreimal zu uns. Wenn sich ihr Anliegen in dieser Zeit nicht klären lässt, vermitteln wir sie gezielt an Beratungsstellen oder Therapeut*innen. Es kommen aber auch ab und zu Mütter zu uns, deren Kinder sich im Coming-out befinden.

    Sexuelle Gesundheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krankheit.

    Ein Mann steht während der Corona-Pandemie in seiner Wohnung beim Fenster. Er trägt eine Maske und schaut sehnsüchtig nach draußen.

    Was verstehst du unter sexueller Gesundheit?

    Das wird ja jetzt fast philosophisch. Sexuelle Gesundheit bedeutet für mich auf jeden Fall mehr als die Abwesenheit von Krankheit im Sinne von viralen oder bakteriellen Infekten. Sexuell gesund zu sein, heißt auch, dass ich Freude an meiner Sexualität habe und mich und meinen Körper kenne und weiß, was mir Lust bereitet oder was eben nicht. Das bedeutet auch, dass man die Möglichkeit wahrnehmen kann, seine Fetische selbstbestimmt auszuleben.

    Was meinst Du mit „selbstbestimmt ausleben“?

    Damit meine ich genau das: deutlich machen, was ich mag und was ich nicht mag, aber eben auch zu wissen, was meinen Sexpartner geil macht und was ich ihm davon geben kann oder will. Wenn sich jemand auf eine Sexpraktik wie Fisting einlässt, sollte diese Person wissen, ob sie das auch wirklich will und geil findet. Es kommt häufig vor, dass wir Dinge tun, weil wir Angst vor Ablehnung haben und nicht wissen, wie die gegenüberliegende Person auf eine Absage reagieren würde. Wenn jemand keinen Analverkehr mag, ist das vollkommen OK. Gleiches gilt auch für den Konsum von Substanzen beim Sex.

    Es kommt häufig vor, dass wir Dinge tun, weil wir Angst vor Ablehnung haben und nicht wissen, wie die gegenüberliegende Person auf eine Absage reagieren würde.

    Nimmst Du seit dem ersten Corona-Lockdown eine Veränderung innerhalb der Community wahr?

    Es herrscht große Verunsicherung, die sich ganz unterschiedlich zeigt. Menschen, die depressiv sind und immer gesagt bekommen, sie sollen in Kontakt mit anderen Menschen sein, und auch gelernt haben, dass ihnen das hilft, nehmen die Einschränkungen als sehr bedrückend wahr. Ihnen fehlt die Nähe und der Austausch mit anderen. Ängstliche Menschen sind durch die Flut an Nachrichten über Corona verunsichert. Viele schwule Männer werden aktuell auf sich selbst zurückgeworfen, da ihnen die Anbindung an ein familiäres Umfeld fehlt – durch die Schließung von Bars, Clubs, Saunen und anderen queeren Einrichtungen fallen Orte weg, die wichtig für ihre seelische Gesundheit sind.

    Durch die Schließung von Bars, Clubs, Saunen und anderen queeren Einrichtungen fallen Orte weg, die wichtig für die seelische Gesundheit schwuler Männer sind.

    Wieso sind diese Orte besonders für schwule Männer so wichtig?

    Ein junger schwuler Mann, der noch zu Hause bei einer Familie lebt, in der sein Schwulsein nicht akzeptiert wird, muss jetzt mehr Zeit mit seiner homofeindlichen Familie verbringen. Dabei sind Konflikte vorprogrammiert, denn ihm fehlt Unterstützung und ein Safe Space, wo er so sein kann, wie er ist. Die sogenannte „Szene“ wird ja oft kritisiert, weil sie kommerzialisiert sei. Im Moment spüren wir aber, wie wichtig ihre soziale Funktion ist.

    Was rätst Du deinen Klienten, die sich aufgrund der Krise einsam fühlen, um gut durch diese schwierige Zeit zu kommen?

    Es ist erst einmal wichtig anzuerkennen, dass es schwierige Zeiten sind. Es hilft auch, sich zu verinnerlichen, dass es vielen Menschen gerade schlecht geht und dass sich viele einsam fühlen. Ich rate meinen Klienten auch, dass sie sich bewusst machen sollen, dass sie wenig an der Situation ändern können. Sie können nicht viel mehr tun, als Abstand halten, eine Maske tragen und ihre Hände waschen. Hilfreicher ist es aktuell, seine Aufmerksamkeit auf Dinge zu richten, die man kontrollieren und verändern kann.  

    Gibt es noch andere Tipps, als positiv zu denken?

    Wenn mir meine Freunde wichtig sind und ich sie nicht sehen kann, lade ich eben zu einem Cocktail via Zoom ein. Wenn ich gerne Wellness mache, dann kann es vielleicht schön sein, öfter zu Baden und ich kann vielleicht mein Badezimmer etwas pimpen und mir so meine eigene Wellnessoase schaffen. Es hilft auch oft schon, Routinen bewusst zu schaffen, die helfen, den Alltag zu strukturieren. 

    Es hilft oft schon, Routinen bewusst zu schaffen, die helfen, den Alltag zu strukturieren.

    Geht es Paaren im Moment besser als Singles?

    Jein. Paare haben im Moment die Herausforderung, dass sie vielleicht mehr Zeit miteinander verbringen als vorher. Wenn beide im Home-Office sind und die Wohnung zu einem Büro verschmilzt, kann das auch schwierig sein und zu Konflikten führen.

    Wie können Paare diese Situation meistern?

    Eine Möglichkeit ist es, zu schauen, wie ich meinen Partner unterstützen kann – beruflich oder bei anderen belastenden Situationen. Eine andere Möglichkeit ist es, sich als Paar neu zu entdecken und zu schauen, was man zusammen machen kann. Es ist aber auch wichtig, dem anderen Raum zu lassen und sich gegenseitig Rückzugsmöglichkeiten zu gönnen. Es kann auch hilfreich sein, zu versuchen, etwas großzügiger mit dem eigenen Partner umzugehen und nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Man sollte manchmal auch versuchen, sich immer wieder klarzumachen, dass hinter Vorwürfen oftmals das Kommunizieren von Bedürfnissen steckt.

    Was ist dein Tipp an Menschen, die den nächsten Lockdown als Singles verbringen?

    Singles sollten sich überlegen, was ihnen guttut und das verstärkt tun. Es ist ja auch jetzt immer noch möglich, sich mit einem Freund oder einer Freundin zu treffen, spazieren zu gehen oder sich zuhause zum Kochen zu verabreden. Oder Mann findet, wenn Mann möchte eben einen Fuckbuddy, mit dem man Sex haben kann und so sein Bedürfnis nach Sex und Nähe befriedigen kann. Das Corona-Testangebot is in deutschen Städten ja mittlerweile auch ausgeweitet, das dazu genutzt werden kann.

    Ein Mann steht während der Corona-Pandemie in seiner Wohnung beim Fenster. Er trägt eine Maske und schaut sehnsüchtig nach draußen.

    IWWIT ist für euch da! Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit in der Isolation oder durch finanzielle Schwierigkeiten.

    Doch wir lassen euch nicht hängen! Deswegen haben wir unsere Kampagne #WirFürQueer ins Leben gerufen: Ihr seid nicht allein! Wir helfen uns gegenseitig! Gemeinsam schaffen wir es durch diese harten Zeiten! Mehr Infos findet ihr auf iwwit.de/wir-fuer-queer.

    Auf gayhealthchat.de beraten wir dich zudem täglich zwischen 17 und 20 Uhr – schnell, vertraulich und kostenlos.

  • trans* Coming-out-Erfahrungen: Drei Berichte aus verschiedenen Perspektiven

    trans* Coming-out-Erfahrungen: Drei Berichte aus verschiedenen Perspektiven

    Coming-out ist auch für trans* Menschen eine wichtige Erfahrung. So vielfältig trans* Biografien sind, so vielfältig sind auch die damit verbundenen Coming-out-Erlebnisse. Mit den folgenden drei Kurzreportagen wollen wir die verschiedenen Perspektiven darstellen.

    „Dieses ‚anders‘ konnte ich nie benennen …“

    Inneres trans* Coming-out von KAy

    Wenn man schwul ist, sind die Coming-out-Möglichkeiten vielfältiger: man kann sich ganz, teilweise oder gar nicht outen. Als trans* Person ist es etwas komplizierter. Ich habe immer gewusst, dass ich anders bin. Dieses „anders“ konnte ich aber nie benennen, da ich damals nur „Mann“ und „Frau“ kannte.

    Klar hatte ich von trans* gehört, aber was ich finden konnte war: „Ich bin im falschen Körper geboren“. Ich hatte aber kein Problem mit meinen Genitalien. Mit 30 fand ich endlich meine Identität. Vorher habe ich als Lesbe gelebt. Dieses Coming-out hatte ich schon hinter mir. Jetzt musste ich „nur“ noch ein weiteres haben! Nach neun Monaten Testosteron sah ich schon wie ein junger Kerl aus. Da hatte ich keine Wahl mehr, ob ich mich als trans* outen möchte oder nicht. Dazu kam noch, dass sich meine Sexualität erweitert hat. Bis dahin hatte ich nur Sex mit Frauen. Nun entwickelte es sich immer mehr in Richtung schwuler Sex, auch wenn ich mich als pansexuell sehe.

    Da habe ich noch einmal die Wahl gehabt, mich zu outen oder nicht. Meine Familie weiß bisher nur, dass ich trans* bin. Mein Freundeskreis weiß aber Bescheid. Sie haben es im Paket mit der Transition mitbekommen. Falls ich aber irgendwann einen männlichen Partner habe, werde ich auch meiner Familie Bescheid sagen. Ich bin gespannt, wie sie reagieren werden…!

    Till
    Till: ‚Ich stehe total auf Direktheit und da ich den Typen heiß fand, landeten wir bald bei ihm zuhause.‘

    „Lust zu knutschen?“

    Wie cis Mann Till ein trans* Coming-out erlebt

    Den anstrengenden Tag bei einem Bier ausklingen lassen – das war der Plan nach einer Fachtagung in Berlin. Ich saß mit einem Teilnehmer, den ich auf der Veranstaltung kennengelernt hatte, in einer Bar. Plötzlich platzte ein sehr attraktiver, sehr wütender Mann in unsere Unterhaltung hinein – offensichtlich ein Bekannter meines Gesprächspartners. Er regte sich furchtbar über das Date auf, von dem er gerade kam. „Der Idiot hat mich rausgeschmissen, weil ich trans* bin“, polterte er. „Dabei steht doch eindeutig in meinem Datingprofil, was Sache ist.“

    Die Situation beruhigte sich schnell, wir verstanden uns gut und als mein Gesprächspartnereine rauchen ging, drehte sich der sexy Fremde zu mir und fragte: „Lust zu knutschen?“ Ich stehe total auf Direktheit und da ich den Typen heiß fand, landeten wir bald bei ihm zuhause. Wir haben vier Tage gevögelt, gelabert, gegessen und wieder gevögelt. Und danach waren wir ein dreiviertel Jahr ein Paar.

    Von „cis“ spricht man, wenn sich eine Person mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifiziert.

    In der ersten Zeit hat sich mein Freund regelrecht gewundert, dass ich so gar keine Gewöhnungsphase brauchte. Seiner Erfahrung nach haben schwule cis Männer eingeübte Sexpraktiken, die sich nicht immer eins zu eins mit trans* Männern umsetzen lassen. Aber genau das machte es so schön: Wir hatten keinen Sex nach Drehbuch, sondern ließen uns aufeinander ein.  Alles war neu, alles war geil. Zwar sind wir schon lange nicht mehr zusammen, aber wir verstehen uns weiterhin blendend.

    „Nach dem Coming-out leuchteten seine Augen … “

    trans* Coming-out-Erfahrungen von Alexander

    Viele trans* Menschen ernten Ratlosigkeit, wenn sie sich gegenüber nahestehenden Personen outen. Bei mir waren es ein breites Lächeln, leuchtende Augen und Dankbarkeit. Und das kam so: Im Mai 2012 ging ich mit einem Freund durch die Hamburger Innenstadt zum Rainbowflash. In unserem bunten Bekanntenkreis gibt es zahlreiche Homosexuelle und trans* Menschen, die wir bei dieser Veranstaltung unterstützen wollten. Da wir zum wiederholten Mal über Transidentität sprachen, hielt ich den Moment für gekommen. Ich sagte meinem Freund, dass ich mich als Mann fühle und künftig Alexander genannt werden möchte, inklusive männlichem Pronomen. Er strahlte mich an und bedankte sich dafür, einer der ersten gewesen zu sein, dem ich meine Transidentität offenbarte.

    Zitat

    Vielleicht habe ich mir unbewusst jemanden ausgesucht, der ganz sicher emphatisch und offen reagieren würde. Vielleicht verlief mein trans* Coming-out aber auch deshalb so harmonisch, weil nicht Vater, Mutter oder Geschwister die ersten waren, denen ich von meiner Transidentität erzählte. Meine Freunde jedenfalls gewöhnten sich schnell an die neue Situation.

    Kollegen komplett überfordert
    Weniger glatt verlief mein Coming-out auf der Arbeit. Meine Kolleginnen und Kollegen waren gescheite und verständige Leute, überwiegend Ingenieure. Bloß hatte keiner von denen mit Lebenswirklichkeiten zu tun, die so weit von den eigenen abwichen. Zwar gaben sich alle wohlwollend. Auch mein Chef sicherte mir seine Unterstützung zu. Tatsächlich aber waren meine Kollegen komplett überfordert. Mein Chef schaffte es nicht einmal, mich als Mann anzusprechen. In mehreren Gesprächen erläuterte ich ihm, wie wichtig es für trans* Menschen ist, in ihrer Identität ernst genommen zu werden. Aber da führte kein Weg rein. In der Firma arbeite ich nicht mehr.

    Quasi ein Geburtstag
    Seit einiger Zeit fällt es anderen Menschen leichter, in mir das Geschlecht zu sehen, mit dem ich mich identifiziere. Eine gewisse Rolle spielen dabei das Testosteron und meine Operationen. Meine erste Spritze bekam ich vor ziemlich genau drei Jahren. Letzten Samstag war quasi mein dritter Geburtstag. 2015 ließ ich mir dann die Brust angleichen und die Gebärmutter entfernen. Meine Stimme ist tiefer als die vieler anderer Männer und meine Züge werden kantiger. Wer mich noch nicht kennt, lernt mich also automatisch als Alexander kennen. Auch Mitarbeiterinnen in Behörden oder Klamottenverkäufer reagieren nicht mehr verkrampft. Das einzig Ärgerliche ist: Viele trans* Männer sehen nach der Angleichung zehn Jahre jünger aus als sie sind. Ich fühle mich oft nicht wie ein 30-Jähriger behandelt, sondern wie ein Studienanfänger.

    Großartige Reaktion
    Während ich mich in Alltagssituationen nicht mehr erklären muss, gilt für Flirts das Gegenteil. Ich muss mir jedes Mal die Frage stellen: Sage ich es ihm und warte ab, wie er reagiert? Und wann sage ich es? Wirklich toll war die Reaktion eines Mannes, den ich in einer Münchener Bar kennen gelernt habe. Wir hatten immer wieder Blickkontakt und ich hätte es mir übel genommen, ihn nicht anzusprechen. Also bin ich hin und wir haben uns super verstanden. Ich erzählte, dass ich eine Transtagung besucht habe. Meine eigene Transidentität thematisierte ich vorerst nicht. Erst als wir uns näher kamen, weihte ich ihn ein. Er erwiderte, dass er das schon geahnt habe – und wir machten da weiter, wo wir stehen geblieben waren.

    Irritationen
    Manchmal habe ich den richtigen Moment schlicht verpasst. Es zerstört ja doch immer ein wenig von der Atmosphäre, wenn man unterbricht und sagt: Du, ich bin übrigens trans. Einmal kam ein Typ, den ich rasend attraktiv fand, so schnell zur Sache, dass mir keine Zeit zum Outen blieb. Er war nach dem Griff in meinen Schritt sichtlich irritiert. Wir haben noch ein paar Sätze gewechselt, dann ist er „mal eine rauchen“ gegangen. Das fand ich zwar schade, aber ich muss das akzeptieren.

    KAy: ‚Mit 30 fand ich endlich meine Identität.‘
  • Crystal Meth & Sexdates gegen schlimme Gedanken

    Crystal Meth & Sexdates gegen schlimme Gedanken

    Wer traut sich, auf einer Bühne vor Publikum sein Sex- und Liebesleben auszubreiten – seit dem ersten feuchten Traum im Kinderbett bis zu schlechten Erfahrungen mit Crystal Meth? Ben Strothmann hat’s getan – und aktuell kann ihm die Welt online dabei zusehen. In seiner One-Man-Show „Coming Clean“ erzählt der 42-Jährige aus seinem Leben, erst als schwuler Teenager in Milwaukee, dann als drogenabhängiger Escort in New York.

    [Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel enthält Diskussionen über Alkohol- und Drogenkonsum, sowie über sexuelle Grenzüberschreitungen.]

    Ben fasst sich beim Sprechen mit der rechten Hand ans Herz. im Hintergrund ist ein Foto von Ben als kleiner Junge an die Wand projeziert.

    Anfangs ist das lustig: seine erste große Liebe zu einem Zeichentrick-Hahn, seine artistischen Verrenkungen, um sich selbst zu blasen – und seine schwule Neugeburt als Schauspieler in New York. Doch plötzlich wird sein Stück ernster. Das Publikum hat noch immer viel zu lachen, aber Ben berichtet, wie ihn sein früheres Leben allmählich fertiggemacht hat. Aus Neugier und Geldnot beginnt er, als Escort zu arbeiten. Er berichtet, wie er seine Freier ausnutzte und wie die ihn im Gegenzug abservierten. Immer stärker bestimmten Drogen sein Leben. Der Titel deutet es an: „Coming Clean“ endet versöhnlich. Ben hat seine Sucht überwunden, weil er Frieden mit sich selbst geschlossen hat. Ein Gespräch über Drogen, Sex, und die Liebe zu sich selbst.

    Ben, in „Coming Clean“ erzählst du offen aus deinem Leben, auch über Sexarbeit und Drogenkonsum. Hattest du beim Schreiben manchmal Angst, deine Freund*innen zu schockieren?

    Ben Strothmann: Sehr oft sogar! In meiner Show sage ich sogar einmal zum Publikum: „Hört mal, nicht alle wissen davon. Sagt bitte nicht weiter, was ihr heute Nacht hier hört.“ Zuerst dachte ich, dass ich das Stück nur einmal aufführe und dann nie mehr darüber sprechen werde. Das Lustige daran: Diese erste Aufführung war in einer Kirche, die Judson Memorial Church in New York. Die Gemeinde sieht Künstler*innen als Bot*innen Gottes. Deshalb dürfen sie dort auftreten. Sie sagen dir nicht, was du dort machen darfst oder nicht. Ihre einzige Regel ist: Bitte verzichtet auf Hassreden!

    Zu Beginn wirkt dein Stück wie Comedy. Alles ist zum Lachen. Dann wird es ernster und drastischer. Du beschreibst zum Beispiel, wie du als Escort einem deiner Kunden einen bläst und dabei in Tränen ausbrichst. Schon damals ist dir durch den Kopf gegangen: „Some time this will sound funny like a scene of ,Showgirls‘.“ (Anm. der Redaktion – auf deutsch etwa: „Irgendwann wird dies so lustig wie eine Szene aus ,Showgirls‘ klingen.“)

    Als ich mit der Show zum ersten Mal auf die Bühne gegangen bin, hatte ich keine Ahnung, dass es Comedy ist. Ich sprach zum Publikum, die Leute lachten, und ich dachte mir: „Oh, das ist offenbar lustig…“ Dabei war mir schon beim ersten Entwurf von „Coming Clean“ klar, dass es ein Stück über radikale Selbstliebe wird. Akzeptier dich so wie du bist – komme, was da wolle! Ganz ohne Grund. Denn: Was kannst du sonst mit deinem Leben anfangen? Ich wollte den Leuten zeigen, wie ich das geschafft habe.

    Mir war schon beim ersten Entwurf von „Coming Clean“ klar, dass es ein Stück über radikale Selbstliebe wird.

    In einigen krassen Szenen unterbrichst du dein Stück und sprichst zum „kleinen Ben“, dem Kind in dir. Auf einer Leinwand erscheint dann ein Kinderfoto von dir.

    Die Idee, mit meinem inneren Kind zu sprechen und ihm zu sagen „Ich liebe dich, Ben!“, ist organisch entstanden. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Menschen, den ich vor zwölf Jahren gedatet habe. Damals war ich zum ersten Mal auf Entzug. Ich habe ihm am Telefon erzählt, dass ich begonnen habe mit meinem inneren Kind zu sprechen. So als wäre ich sein Vater. Da habe ich gemerkt, dass er am anderen Ende der Leitung geweint hat. Da fiel mir auf: Oh! Ich habe etwas entdeckt, das anderen hilft, zu lernen, sich selbst zu lieben.

    Ben zieht sich das T-Shirt über Mund und Nase und blickt ängstlich nach links in seinem Theaterstück über Crystal Meth Konsum.

    Ist es dir früher schwer gefallen, dich selbst zu lieben?

    Ja, sehr. Als ich das Stück geschrieben habe, hab ich mich sehr dafür interessiert, wie Leute auf den Gedanken kommen: „Wenn irgendwer wüsste, wie ich wirklich bin, dann könnte er oder sie mich nie lieben“. Warum werden Leute so? Und wie kann man jemandem helfen, der oder die sich in diesen Gedanken verrannt hat? Deshalb öffne ich mich in dem Stück so, um den Leuten zu sagen: „Hört mal! Ich steh hier auf der Bühne und rede darüber, wie ich ins Bett mache und andere Dinge tue, für die ich mich geschämt habe. Aber ich bin bestimmt nicht der Einzige hier im Raum, der sowas erlebt hat. Der Unterschied ist nur: Ich bin bereit, darüber zu reden.“ Alle sollen wissen, dass man offen und ehrlich mit der Welt sein kann – und trotzdem noch liebenswert! Ich möchte den Leuten Schritt für Schritt zeigen: So hab ich gelernt, mich selbst zu lieben. Zum Beispiel weil ich richtig gute Geschichten erzählen kann.

    Eine dieser Geschichten ist dein erstes Mal – mit Crystal Meth und „Rich, dem Dealer“. Er hat dich nicht nur mit Drogen versorgt, ihr hattet auch geilen Sex. Warum hast du diese Begegnung so gut in Erinnerung?

    Ich werde hier bestimmt nicht verkünden: „Sex auf Drogen ist so viel besser!“ (lacht) Aber das Gute an dieser Erfahrung war, dass ich es damals geschafft habe, die schlimmen Gedanken abzuschalten, die mir sonst im Kopf rumschwirren. Davor hatte ich noch nie in den Spiegel gesehen und mich als attraktiv empfunden. Diesen besonderen Moment beschreibe ich in meinem Stück: Ich geh ins Bad, schau in den Spiegel und bin begeistert, was ich sehe! Ich denke nur: „Nebenan ist dieser heiße Typ, mit dem ich gleich ins Bett gehe – und er bekommt all das. Nämlich mich! Was für ein Glückspilz!“ Obwohl das Gefühl künstlich erzeugt war, hat es mich befreit. Ich konnte den Sex genießen und fühlte mich mit Rich physisch und spirituell eng verbunden – ohne das blöde Gefühl, dass ich nicht gut genug bin. So wirkt Crystal Meth. Ein Arzt hat mir mal erklärt: „Auf Crystal Meth könntest du Sex mit einem Pferd haben und dabei denken, dass es großen Spaß macht.“ Es beseitigt die Fähigkeit, sich schlecht zu fühlen. Aber nur bis zu dem Punkt, wenn du wieder runterkommst. Dann ist plötzlich alles schrecklich und furchteinflößend.

    Crystal Meth beseitigt die Fähigkeit, sich schlecht zu fühlen. Aber nur bis zu dem Punkt, wenn du wieder runterkommst. Dann ist plötzlich alles schrecklich und furchteinflößend.

    Du hast mehrere Anläufe gebraucht, um wieder ohne Crystal Meth leben zu können. Die „Zwölf Schritte“ haben dir dabei geholfen. Ein Jahr lang hast du auch auf Sex verzichtet. Wie kam das?

    Es gibt ja nicht den einen, richtigen Weg, um clean zu werden. Und in den „Zwölf Schritten“ steht nicht: „Du darfst keinen Sex haben!“ Aber ich hatte einen erfahrenen „Sponsor“, einen Mentor an der Seite. Er war ein kalifornischer Surfer-Dude mit Riesenbart. Einer seiner ersten Ratschläge war: „Kein Dating und keinen Sex für ein Jahr.“ Ich sagte ihm damals: „Ääääh…? Du kennst mich überhaupt nicht. Wie kommst du überhaupt darauf, zu entscheiden, dass ich das nötig hätte?“ Und er so: „Du wirst sehr mit der Beziehung zu dir selbst beschäftigt sein. Du kannst dich nicht drauf konzentrieren, wenn dich andere Beziehungen nebenher ablenken.“

    Am Ende hast du das durchgezogen?

    Ja, weil ich irgendwann im Laufe meiner Entzugsversuche festgestellt habe: Sexdates sind das Einzige, womit ich Alkohol und andere Drogen ersetzen konnte. Es gab Nächte, in denen ich gerade ins Bett wollte und dachte: „Hm. Eigentlich könnte ich noch schnell jemanden einladen.“ Also hab ich ein Date klargemacht, der Typ kam vorbei, wir hatten Sex, und er ging wieder. Danach dachte ich wieder: „Hm. Wenn ich eh gleich ins Bett gehe, kann ich noch schnell einen anderen einladen.“ So hatte ich manchmal drei Männer hintereinander. Ich will mich nicht darüber beschweren, aber ich habe allmählich erkannt: So wie Alkohol und Drogen habe ich einen anderen Menschen als Ausweg benutzt, um nicht mit meinen Gedanken alleine zu sein.

    Ich gehe heute viel einfühlsamer mit meinen Sexpartnern um.

    Was hast du mitgenommen aus deiner sexuellen Fastenzeit?

    Ich glaube, ich gehe heute viel einfühlsamer mit meinen Sexpartnern um. Nach der „#MeToo“-Debatte gebe ich es nur ungern zu, aber viele meiner Sexpartner habe ich nur eingeladen, um sie zu benutzen. So war mein Gehirn damals konditioniert nach sieben Jahren voller Pillen, Alkohol und dem Versuch, vor mir selbst davonzulaufen. Am Ende habe ich erkannt: Ich habe kein Recht, einem Menschen sowas anzutun! Jeder Mensch existiert um seiner selbst willen, jeder Mensch hat seine eigenen Bedürfnisse. Deshalb habe ich mir dann tatsächlich eine sexuelle Auszeit genommen, um mein Verhältnis zu Sex und Intimität zu verändern.

    Eine nützliche Erfahrung, um den Corona-Lockdown zu überstehen…

    Ja, es wirkt so, als hätte ich für die Pandemie trainiert, oder? Lasst uns nochmal 14 Monate dranhängen! (lacht) Aber im Ernst: Das vergangene Jahr im Lockdown war für mich eine großartige Gelegenheit um zu begreifen, dass ich es sogar genießen kann, allein zu sein. Es fühlt sich dann an, als wäre ein guter Freund von mir zu Besuch. Aber bis zu diesem Punkt war’s ein hartes Stück Arbeit.

    Ben kniet und schaut nach rechts oben. Hinter ihm stehen auf einer virtuellen Tafel verschiedene Kritzeleien, wie "BEN + DOUG" in einem Herz, "I LOVE DOUG", "1 + 1 = BEN LOVES DOUG", oder "GURL!" in einem Kreis.

    Was hilft dir denn dabei, dich okay zu finden?

    Nur ein Beispiel. Früher dachte ich oft, dass mein Freundeskreis sich dauernd verändert. Deshalb hab ich mir buchstäblich eine Tabelle gemacht, um meine besten Freunde nicht zu vergessen. Sie erinnert mich daran: Es gibt Leute, die mich lieben und immer geliebt haben! Manchmal fühle ich mich noch einsam, aber nicht mehr auf eine traurige Art. Inzwischen schätze ich meine eigene Gesellschaft.

    Dein Stück ist noch online. Aber können wir dich auch mal live in Deutschland sehen?

    Tja… schwer zu sagen. Eigentlich wollte ich im Juli beim CSD in Konstanz auftreten und davor beim „Animal Pride“, einem Festival für Tierrechte. Danach wollte ich durch Deutschland touren. Ich hab schon meine erste Impfdosis bekommen, aber ich weiß natürlich, dass ich das Coronavirus trotzdem noch weitergeben könnte, auch wenn ich selbst nicht erkranke. Da wäre es verantwortungslos, schon rumzureisen. Der Animal Pride ist am 3. Juli, und wir haben schon März… Ich befürchte, so schnell klappt das nicht mit unserer Immunisierung.


    Ben Strothmann (42) lebt in New York und arbeitet als Theaterfotograf, Schauspieler und Dragqueen. Als Honey LaBronx moderiert er den Podcast „Big Fat Vegan Radio“ und in seiner „Vegan Drag Queen Cooking Show“ auf YouTube kocht er gutes Essen ohne tierische Zutaten. Eine Aufzeichnung seines Theaterstücks „Coming Clean“ ist bis aktuell online verfügbar (Ticket: 18 Dollar) auf:

    www.vegandragqueen.com/coming-clean-a-play-by-ben-strothmann


    Infos zu Drogen und Chemsex findest du bei IWWIT unter iwwit.de/drogen. Im Gay Health Chat beantworten wir dir auch live und anonym alle Fragen.

    Du nimmst Crystal Meth oder andere Chems zum Sex? Wenn du zufrieden bist und alles läuft, wollen wir dir nicht reinquatschen! Wenn’s doch nicht rundläuft, nicht mehr geil ist und du was ändern willst, sind wir für dich da! Klicke einfach auf aidshilfe.de/chemsex-support-quapsss

    Ben verneigt sich auf der Bühne in seinem Theaterstück über Crystal Meth Konsum. vor einem Publikum, das ihm eine Standing Ovation gibt.

  • „Crystal hat mich fast kaputt gemacht“

    „Crystal hat mich fast kaputt gemacht“

    Florian, 37, berichtet seit vier Jahren bei ICH WEISS WAS ICH TU über seine Drogenerfahrungen. Er will damit anderen Drogenkonsumenten helfen, Risiken zu reduzieren. Anlässlich der aktuellen Diskussion sprachen wir mit ihm über Crystal Meth.

    Florian, hast du Erfahrungen mit Crystal?

    Ja, habe ich. Ich bin fast daran kaputt gegangen.

    Du lehnst Drogenkonsum nicht prinzipiell ab, sondern gibst Tipps, wie man seinen Konsum kontrollieren und Risiken reduzieren kann. Das hat offenbar mit Crystal nicht geklappt?

    Nein, überhaupt nicht. Drogenkonsum ist nie ohne Risiko, und man kann prinzipiell von jeder Droge abhängig werden. Aber bei Crystal ist die Schwelle so schnell überschritten, dass ich wirklich nur raten kann, die Finger davon zu lassen.

    Du warst abhängig?

    Ja, die Gefühle auf dieser Droge sind einfach so gut, dass man sie wiederhaben will. Und schon bist du machtlos. Die Falle schnappt verdammt schnell zu.

    Was hast du auf Crystal erlebt?

    Ein nie dagewesenes Glücksgefühl. Die Realität mit all ihren Problemen ist sofort völlig ausgeblendet. Jede Angst ist einfach verschwunden. Leistungsfähigkeit und sexuelles Empfinden werden explosionsartig gesteigert.

    Das klingt gefährlich attraktiv.

    Das ist es leider. Und genau deswegen kann man sich sehr schnell nicht mehr vorstellen, sein Leben ohne diese Droge zu führen. Und dann setzen auch die negativen Wirkungen sehr schnell ein.

    Welche sind das?

    Ich hatte schlimme Depressionen und Wahnvorstellungen. Ich dachte, es sind Menschen im Raum und fühlte mich krass verfolgt. So etwas erleben viele Konsumenten. Ein Freund von mir hat in seiner Paranoia die Wände aufgeschlagen, weil er Kameras dahinter vermutete. Auch Suizidgedanken kommen oft vor.

    Und trotzdem fällt es schwer, wieder aufzuhören?

    Ja, weil du weißt, dass diese Gefühle, die du auf Crystal hast, ohne Droge nicht zu haben sind. So ehrlich muss man sein, das ist so. Trotzdem macht Crystal nicht glücklich. Auf Sexpartys, auf denen Crystal konsumiert wird, sitzen am Schluss meist alle mit ihren Handys rum und suchen nach dem nächsten Date.

    Die Glücksgefühle, die man am Anfang erlebt, halten also nicht vor?

    Nein, die tiefe Erfüllung, die du suchst, bekommst du nicht. Ganz im Gegenteil, du suchst immer hektischer und verzweifelter. Am Ende macht die Droge ziemlich einsam.

    Was hat dich zum Aufhören bewogen?

    Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Es fängt damit an, dass du Montag nicht zur Arbeit gehen kannst, weil du noch total drauf bist. Dann macht die Droge dich allmählich fertig. Du verlierst Freunde, den Anschluss an dein Leben. Ich habe am Schluss alleine zu Hause gesessen und es ging mir einfach nur noch beschissen.

    Und wie bist du da wieder rausgekommen?

    Ich war sehr motiviert, die Kontrolle über mein Leben zurückzugewinnen, auch weil ich ja mit dem Thema Drogen in der Öffentlichkeit stehe. Geholfen haben mir eine Therapie und ein starker Freundeskreis. Ich habe begriffen, dass ich die Kontrolle verloren hatte und konnte das auch vor anderen zugeben. Der Psychologe war anfangs unsicher, ob es ohne stationäre Entgiftung geht, aber das ist mir erspart geblieben.

    Und heute?

    Bin ich mir der Gefahren so bewusst wie nie. Meine Kicks und meine Lust am Leben hole ich mir jetzt auf andere Weise.

    Mehr Informationen zum Thema Drogen und Safer Sex findest du hier.
    Wenn du mit deinem Drogenkonsum nicht mehr klarkommst, lass dich beraten!

    ICH WEISS WAS ICH TU_Florian_Crystal Meth
    ICH WEISS WAS ICH TU Florian über Crystal Meth
  • Konversionstherapien: „Niemand soll das erleben müssen!“

    Konversionstherapien: „Niemand soll das erleben müssen!“

    Klemens Ketelhut kämpft für ein komplettes Verbot von Konversionstherapien, mit denen Schwule angeblich „geheilt“ werden. Dass das nicht klappt, weiß der 45-Jährige aus eigener Erfahrung. Als Teenager geriet er an christliche Fundamentalisten, die ihn von seinem „Dämon“ befreien wollten. Eine wahre Geschichte ohne Happy End.

    Mit der Dating-Show „Prince Charming“ ist schwules Leben im Mainstream angekommen. Doch die selbstbewussten (und hübschen) TV-Homos verstellen den Blick aufs echte Leben. Und da endet nicht jede Coming-out-Story mit einem glücklichen Paar in der Traumvilla.

    Klemens Ketelhut ist zum Beispiel nicht besonders glücklich – und zweifelt, dass er der einzige ist, der „nicht gut in der schwulen Welt angekommen“ ist. „Es gibt viele Coming-out-Geschichten wie meine – nicht alle gehen gut aus.“ Deshalb hat sich der Leipziger entschieden, hier seine zu erzählen, mit all ihren Widersprüchen und einem Kapitel, das ihn bis heute belastet. Als Märchen würde sie so beginnen:

    Es war einmal in den 90er-Jahren, als die meisten Menschen kein Internet hatten und ein bayerischer Innenminister verkündete, über die Homo-Ehe ebenso wenig zu diskutieren wie über „Teufelsanbetung“. Damals war Klemens ein Teenager im Schwäbischen Wald und auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Seine Familie war gläubig, zumindest religiöser als die meisten anderen. Klemens und seine zwei Brüder gingen jede Woche in den Kindergottesdienst, engagierten sich später im Jugendkreis und verbrachten ihre Ferien auf christlichen Jugendfreizeiten.

    Religion als Rebellion

    Klemens suchte Gott noch intensiver als der Rest seiner Familie. Über den Schülerbibelkreis lernte er ein freikirchliches Christentum kennen. Er vertiefte sich in die Heilige Schrift und besuchte Lobpreisgottesdienste. In denen singen und beten die Menschen so intensiv, bis sie das Gefühl haben, vom Heiligen Geist erfüllt zu sein. „Damit habe ich mich gegen meine Eltern und ihre evangelische Landeskirche gestellt“, erinnert sich der heute 45-Jährige. „Wenn man als junger Mensch einen eigenen Zugang zur Welt sucht, ist der charismatische Glaube allemal attraktiver als eine kleine Gemeinde im Schwäbischen Wald.“

    Mit Bekannten aus diesem fundamentalistischen Umfeld fuhr Klemens auf eine Jugendfreizeit, zwei Wochen auf einer Nordseeinsel. Das ehrenamtliche Betreuungsteam kam aus einer evangelikal-charismatischen Gemeinde – und folgte einem bösen Plan. „Die hatten sich offenbar abgesprochen“, urteilt Klemens im Rückblick. Schon kurz nach der Ankunft nahm der Gruppenleiter Klemens erstmals beiseite und eröffnete dem 15-Jährigen, dass er von einem Dämon besessen sei. Schon im Bus habe er einen anderen Jungen „lüstern“ angeschaut. „Sie haben mir immer wieder erklärt, dass ich geheilt werden müsste. Sonst würde ich in die Hölle kommen.“ Bis dahin hatte Klemens nur mit einem einzigen Menschen über seine sexuelle Orientierung gesprochen, ganz vorsichtig. Nun zwang ihn die charismatische Clique zu einer Auseinandersetzung mit seiner Sexualität – noch vor seinem eigenen Coming-out.

    Dämon auf der Nordseeinsel?

    An einem der folgenden Tage muss der Junge als einziger im Ferienheim bleiben, während alle anderen einen Ausflug machen. „Es gab so eine Art Entscheidung, dass ich mit ihrer Hilfe den Dämonen austreiben möchte“, räumt Klemens ein. Aber welche Entscheidungsfreiheit hat ein Teenager, der von erwachsenen Betreuern bedrängt wird? Der zum ersten Mal ohne seine Brüder unterwegs ist, auf einer abgelegenen Insel? „Da hat man keine Wahl mehr, schon gar nicht, wenn du daran glaubst.“

    Also fügt sich Klemens in die Behandlung. Einzelheiten möchte er nicht preisgeben, weil das Ereignis ihn auch drei Jahrzehnte später aufwühlt. „Ich habe auch keine vollständige Erinnerung daran.“ Nur so viel kann Klemens rekonstruieren: Einen ganzen Tag war er eingesperrt, immer umgeben von fünf bis sieben Erwachsenen. „Ich wusste in bestimmten Phasen nicht mehr, ob ich lebend aus diesem Raum rauskomme.“

    „Das war keine Therapie, sondern psychische, physische und sexuelle Gewalt.“

    Nachdem Klemens den Horrortag überstanden hatte, war er euphorisch: Der Dämon war vertrieben und er wieder ein Teil der Gruppe. Erst nach einigen Wochen kommen ihm Zweifel. Noch immer findet er Jungen spannender als Mädchen. Aber er vertraut sich niemandem an. Sein panischer Gedanke: Was würde passieren, wenn sich seine Eltern bei der Reiseorganisation beschweren? „Ich hatte so eine Angst davor, noch einmal in Kontakt mit dem Gruppenleiter zu kommen. Das war ein bedrohlicher Mensch. Heute hoffe ich nur, dass der Alte elendig verreckt ist.“

    Jedes Coming-out eine gute Erfahrung

    So hart formuliert Klemens selten. Als Hochschullehrer ist er geübt darin, Vorträge zu halten. Auch über den Missbrauch, den er ertragen musste, spricht er meist sachlich. Sein Fazit: „Damals wollte ich dazugehören. Heute sage ich: Das war keine Therapie, sondern psychische, physische und sexuelle Gewalt. Es ist krass, einen 15-Jährigen zu isolieren und ihm einzureden, er sei für alle eine Gefahr. Das ist böse!“

    Als Jugendlicher aber hat Klemens das Böse noch nicht so klar erkannt wie heute. Er engagierte sich weiter in seiner Gemeinde: „Das war kein Bruch, sondern ein Ablösungsprozess. Aber heute würde ich sagen: Der Missbrauch war der Anfang vom Ende meiner charismatischen Karriere.“

    Ermutigt durch das Vorbild seines Vorgesetzten outete sich Klemens in seiner damaligen Arbeitsstelle.

    Nachdem Klemens für seine Ausbildung in eine größere Stadt gezogen ist, schloss er allmählich Frieden mit seiner sexuellen Orientierung. Wäre seine Lebensgeschichte ein Märchen, wäre damals eine gute Fee ins Spiel gekommen: sein erster Vorgesetzter. Der hat ihn nicht nur in Heilerziehungspflege ausgebildet, sondern auch vorgelebt, dass man offen schwul und glücklich zugleich sein kann. „Wir waren gemeinsam in einer Mitarbeiter-Theatergruppe und haben dort Musik und Kabarett gemacht“, erinnert sich Klemens. „Das war einfach gut. Er hat mich ein bisschen an die Hand genommen.“ Ermutigt von seinem Vorbild outete sich Klemens in seiner damaligen Arbeitsstelle. Es folgten viele weitere Coming-outs, in der Familie, bei Freunden, und alle verliefen gut: „Ich habe nie die Erfahrung gemacht, dass mich Menschen danach abgelehnt haben.“

    Aktivismus gegen Vorurteile

    So engagiert wie er als Teenager in der Kirchengemeinde war, so legte sich Klemens nun für die queere Community ins Zeug. Mit Anfang 20 organisierte er Sommercamps beim Jugendnetzwerk Lambda. Der große Unterschied: Dort werden junge Menschen nicht manipuliert, sondern darin bestärkt, sich selbst und andere zu respektieren.

    Später, umgezogen nach Leipzig, arbeitete Klemens im Verein „Rosa Linde“ mit, vor allem beim Bildungsprojekt „Liebe bekennt Farbe“. Es hilft Jugendlichen, Vorurteile gegenüber queeren Menschen abzubauen, vor allem durch persönliche Begegnungen mit Gleichaltrigen, die schon out sind.

    Klemens Ketelhut lächelt, im Sakko mit Regenbogenanstecker. Er setzt sich gegen Konversionstherapien ein.

    Heute forscht der promovierte Erziehungswissenschaftler unter anderem zu Gender- und Queerstudies. Gemeinsam mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld entwickelt Klemens ein Beratungsangebot für andere „Überlebende“ von Konversionstherapien, die queere Jugendliche angeblich „heilen“ sollen. „Viele möchten ihre Homosexualität wegmachen, wenn sie jung sind und noch keine positiven Role-Models kennen“, vermutet Klemens. „Unser Ziel ist ein Präventionsangebot, das allen hilft, die aus einer totalen Gemeinschaft aussteigen möchten – egal ob das Evangelikale sind, Salafisten oder Nazis.“

    Bundestag verbietet „Umpolungen“

    Erst vor Kurzem hat Klemens‘ Geschichte wieder eine märchenhafte Wendung genommen. Sein persönlicher Einsatz – und der seiner vielen Verbündeten – führt zu einem wichtigen Sieg im Kampf gegen den Fundamentalismus: Im Mai 2020 verbietet der Bundestag Konversionstherapien und stellt klar, dass solche „Umpolungen“ schweres Leid verursachen, körperlich wie seelisch. Das neue Gesetz soll Minderjährige künftig besser vor dem schützen, was Klemens mit 15 widerfahren ist. „Dieses Teilverbot hätte mir damals wohl geholfen“, vermutet Klemens. „Queere Kinder und Jugendliche von heute sollen so etwas nicht erleben müssen! Deshalb engagiere ich mich.“

    Klemens Ketelhut lächelt vor Waldhintergrund. Er setzt sich gegen Konversionstherapien ein.

    Spätestens nach diesem politischen Erfolg taugt Klemens‘ Lebensgeschichte als Vorlage für eine Streaming-Serie. Der Plot: Ein Teenager wird von bösen Erwachsenen missbraucht. Aber nach seinem Coming-out kämpft er mit Hilfe seiner queeren Community solange, bis ein Gesetz solche Machenschaften verbietet. Währenddessen verliebt er sich in einen Mitstreiter, die beiden heiraten, und wenn sie nicht gestorben sind…

    Eine bessere Welt schaffen

    Doch in so einem modernen Märchen würde sich Klemens nicht wiedererkennen: „Ich habe keinen Freund gefunden, der mir beisteht“, stellt er klar. „Ich bin seit 17 Jahren Single und muss mir aus allem selber raushelfen.“ An mangelnden Kontakten kann es nicht liegen, dass Klemens keinen Mann fürs Leben findet. „Durch mein Engagement lerne ich viele kennen“, berichtet Klemens, „aber wenn es darum geht zu flirten oder Sex zu haben, fühle ich mich oft nicht sicher genug. Für mich bleibt die schwule Community ein gefährlicher Ort.“ So prägt der Missbrauch sein Leben bis heute, obwohl der Evangelikalen-Exorzismus nur ein kurzes Kapitel war.

    „Wir müssen uns auch um die kümmern, die nach einem Coming-out nicht glücklich sind“,

    fordert Klemens Ketelhut.

    „Solche Erfahrungen sind wie Tretminen in der Psyche“, erklärt Klemens, „sie können noch Jahrzehnte später explodieren.“ Vor zwei Jahren wurde bei Klemens eine Posttraumatische Belastungsstörung festgestellt. Inzwischen macht er eine spezielle Psychotherapie – und erzählt erstmals in Interviews von seinen Erfahrungen. Seine ganz und gar nicht märchenhafte Lebensgeschichte soll allen Mut machen, denen es ähnlich geht wie ihm. „Wir müssen uns auch um die kümmern, die nach einem Coming-out nicht glücklich sind“, fordert Klemens. Auch ihre belastenden Geschichten gehören zur Wirklichkeit im freien Europa.

    Sein jüngstes Coming-out ist für Klemens auch ein Appell an alle schwulen Männer, nachsichtiger miteinander umzugehen: „Es wär schön, wenn wir aufhören würden, uns gegenseitig schlechtzumachen, nur weil sich jemand den Sack nicht rasiert“, sagt Klemens. „Stattdessen könnten wir gemeinsam überlegen, wie wir die Welt zu einem besseren Ort machen für unsere jüngeren Brüder und Schwestern.“ Klemens muss lachen, weil das so pathetisch klingt. Aber jede gute Geschichte braucht eine Moral – ein Happy End ist dagegen verzichtbar.

    Philip Eicker

    Klemens Ketelhut vor Waldhintergrund nachdenklich blickend. Er setzt sich gegen Konversionstherapien ein.

    Mehr Infos zu Klemens‘ Geschichte

    Zum Weiterhören: Im Podcast „Y-Kollektiv“ in der ARD Audiothek erzählen Klemens und andere davon, wie sie von ihrer Homosexualität geheilt werden sollten.


    Hintergrund zum Verbot von Konversionsbehandlungen in Deutschland und weltweit

    In Deutschland gilt seit 2020 ein gesetzliches Verbot von Konversionsbehandlungen von Personen unter 18 Jahren. Das Gesetz „gilt für alle am Menschen durchgeführten Behandlungen, die auf die Veränderung oder Unterdrückung der sexuellen Orientierung oder der selbstempfundenen geschlechtlichen Identität gerichtet sind“ (§1, Abs. 1, Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen).
    Verboten ist nicht nur die Durchführung solcher Behandlungen, sondern auch die Werbung, das Anbieten sowie die Vermittlung derartiger Angebote. Zudem soll ein spezielles Beratungsangebot unter dem Dach der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung entstehen.
    Insbesondere die Beschränkung des Verbots auf Unter-18-Jährige wird hierzulande auch kritisiert.

    Deutschland ist damit weltweit erst das vierte Land – nach Brasilien, Ecquador und Malta, das Konversionsbehandlungen landesweit verbietet. In weiteren Ländern gibt es zumindest in bestimmten Regionen ein solches Verbot.
    Eine Übersicht über den aktuellen Stand weltweit findet Ihr bei ILGA World (Informationen auf Englisch und Spanisch).

  • „Vom ersten Tag an führten wir eine offene Beziehung – die immer sehr eng war.“

    „Vom ersten Tag an führten wir eine offene Beziehung – die immer sehr eng war.“

     

    Anderen zu gefallen ist okay, darf aber nicht zum Kompass des eigenen Handelns werden. Fähnchen im Wind haben wir schon genug, findet Björn, der sich zu dem Thema „offene Beziehungen“ seine Gedanken gemacht hat.

    Die meisten Männer haben gerne Sex, und bei schwulen Männern ist das nach meiner Erfahrung nicht anders. Eine Umfrage aus Großbritannien kommt zu dem Ergebnis, dass 41 Prozent von etwa 1.000 befragten schwulen Männern eine offene Beziehung führen, oder geführt haben. 75 Prozent davon finden diese Beziehungsform „großartig“. Auch wenn die Ergebnisse nicht komplett auf Deutschland zu übertragen sind, gibt es doch sicherlich sehr viele bei uns, die das ähnlich sehen. Ich lebe zum Beispiel auch in einer offenen Beziehung, außerdem kenne ich wenige wirklich monogame Schwule. Auf der Facebook-Seite von ICH WEISS WAS ICH TU ergab sich letztens unter einem Post zum Thema „Offene Beziehungen“ eine lebhafte Diskussion, an der ich mich dann beteiligte.

    Ich war ziemlich überrascht wie sehr die Meinungen auseinandergingen und geschockt, wie hart diejenigen kritisiert und angegangen wurden, die in offenen Beziehungen leben. „Wieso denken Schwule eigentlich immer nur an Sex?“ „Man muss doch die Partner nicht wie Unterwäsche wechseln!“, oder „Dann braucht man keine Beziehung; da wird das Klischee über die Schwulen wieder komplett bestätigt“ konnte ich da lesen.

    Es ärgert mich, dass manche Schwule ebenso homophob argumentieren, wie manche Heteros.
    Aufgefallen ist mir dabei, dass es eine Angst gibt, die Klischees zu erfüllen. Scheinbar gibt es eine ganze Reihe schwuler Männer, die sich eher anpassen als die eigene Bedürfnisse zu erkunden und authentisch zu leben. Studien zeigen etwa 57 Prozent der Männer und 47 Prozent der Frauen gehen fremd. Bei schwulen Männern kann man sich die Wahrscheinlichkeit von „echter Treue“ (also auch in den so genannten monogamen Beziehungen, wo dann hinter dem Rücken des anderen fremdgegangen wird) also ausrechnen. Was ich mir allerdings sehr gerne anschauen würde, wäre die Zahl der Kommentatoren, die mich und andere kritisieren, selbst aber nicht anders handeln als ich … Kein Mensch hat das Recht über die Beziehung anderer zu urteilen!

    Ich habe meinen Mann vor knapp fünf Jahren kennengelernt und es ging alles sehr schnell: nach einem Jahr waren wir verlobt, ein Jahr später verheiratet. Vom ersten Tag an führten wir eine offene Beziehung – die immer sehr eng war. Wir gehen in allen Dingen offen und ehrlich miteinander um. Genau das finde ich entscheidend: dem Partner nichts verheimlichen zu müssen. Wir schätzen diese Ehrlichkeit beide sehr, auch wenn das manchmal nicht ganz leicht ist.

    Das Wort „offen“ bezieht sich auch auf unsere Kommunikation.
    Aus meiner Sicht decken sich auch nicht unbedingt die sexuellen Bedürfnisse beider Partner, das müssen sie auch nicht. Es stört mich nicht, wenn mein Mann Dinge, die ich nicht mag, mit anderen macht – im Gegenteil. In offenen Beziehungen wird das jedenfalls thematisiert und das ist schon mal ein wichtiger Schritt. Wenn man sich nicht traut etwas anzusprechen, ist das ein Problem. „Offen“ bezieht sich auch auf unsere Kommunikation.

    Allerdings hat mich die Schärfe der Kritik wirklich überrascht. Ich hatte das Gefühl für das „schlechte Bild“ der Schwulen in der Gesellschaft verantwortlich gemacht zu werden. Scheinbar habe ich einen wunden Punkt getroffen. Mein Mann und ich verstecken uns und unsere Bedürfnisse nicht, sondern leben sie aus und sind damit glücklich!

    Etwas nicht zu tun, weil andere das bewerten, ist nach meiner Überzeugung der falsche Weg. Anderen zu gefallen ist okay, darf aber nicht zum Kompass des eigenen Handelns werden. Fähnchen im Wind haben wir schon genug. Wichtig ist mir dabei nochmal klarzumachen, dass ich nicht über andere urteile. Wer für sich entschieden hat, monogam zu leben, soll das tun. Jeder sollte den Weg gehen, der den eigenen Bedürfnissen entspricht. Kompromisse einzugehen, nur um nicht Single zu sein, oder Moralvorstellungen anderer zu erfüllen: Nein Danke!

    Planetromeo-offeneBeziehung
    Das weiß doch (fast) jeder: In den Datingportalen kann man auch seinen Beziehungsstatus einstellen. (Symbolbild)
  • Schwuler Sex in Zeiten von Corona

    Schwuler Sex in Zeiten von Corona

    Ist ein erstes Date also nur noch mit Mund-Nasen-Bedeckung und promisker, schwuler Sex wegen Corona vorerst gar nicht mehr denkbar? Schwuler Sex wurde durch Corona stark eingeschränkt. Die Corona-Abstandsregeln haben unsere Möglichkeiten der körperlichen Nähe stark eingeschränkt. Wir haben mit drei schwulen Männern über Ihre Erfahrungen gesprochen und den Experten Marco Kammholz gefragt, welche Auswirkungen der Corona Pandemie er auf schwulen Sex sieht. Um die eigenen Bedürfnisse mit den Schutzmaßnahmen in Einklang zu bringen, haben schwule Männer bereits kreative Lösungen entwickelt.

    Stefans Selbstdiagnose ist klar und unmissverständlich: „Chronisch untervögelt“ knallt es den Besuchern seines Datingprofils auf Planetromeo entgegen. Normalerweise würden sie dort „Auf der Suche nach Sex“ lesen. Denn Sex, sagt Stefan, „ist für mich keine Freizeitbeschäftigung am Wochenende, sondern mein täglicher Spaß. Der gehört dazu wie morgens meine Tasse Kaffee.“

    Von der „kleinen Schlampe“ zur „keuschen Nonne“

    Dass ihn seine engsten Freunde liebevoll „kleine Schlampe“ nennen, ist für den Mittzwanziger kein Problem. Stefan steht dazu, dass ihm Sex wichtig ist, und am liebsten mit immer wieder neuen Männern.

    Seit Ende März hat Stefan von seinen Freunden nun einen neuen Kosenamen bekommen: „keusche Nonne“. Stefan seufzt betont melodramatisch und sagt dann ganz ernst: „Ich mag zwar eine promiske Schlampe sein, aber ich bin auch nicht blöd. Man muss einfach realistisch sein: Rumvögeln geht derzeit einfach nicht.“

    Nackter Mann liegt allein im Bett.
Schwuler Sex in Zeiten von Corona.
    Die Corona-Pandemie hat das Sexleben mancher schwuler Männer zum Stillstand gebracht.
    Symbolfoto – Foto: Lichtsucht photocase.de

    Die Corona-Pandemie hat nicht nur Stefans Sexleben zum Stillstand gebracht. Während der angespannten Wochen ab März und den damit verbundenen Kontaktbeschränkungen und Schließungen von Geschäften war auch das Szeneleben über Nacht auf Eis gelegt. Cafés, Bars und Clubs waren dicht, und damit nicht nur Orte, wo man sich mit anderen LSBTIQ treffen kann. Geschlossen waren auch solche Orte, wo Männer, Sex mit Männern haben können, etwa Saunen oder Darkrooms.

    Bisweilen hat Corona das ganze schwule (Sex-)Leben auf den Kopf gestellt.

    Tom war gerade in Argentinien, als rund um den Globus die Infektionszahlen zu steigen begannen. Das Praktikum weswegen er nach Südamerika gereist war, musste er abbrechen. Als es kurzfristig die Möglichkeit für einen Rückflug gab, ergriff er die Chance. Es war keine leichte Entscheidung, hatte er sich doch kurz zuvor in einen Argentinier verliebt. Die noch junge Liebe hat über die Entfernung hinweg nicht gehalten. Deshalb war Tom auch nicht der Sinn danach, sich gleich nach anderen Sexpartnern umzuschauen.

    Er hat seitdem sehr viel Zeit mit sich allein und ohne Dating-Apps verbracht – und mit sich selbst auseinandergesetzt.

    „Mir ist dadurch klar geworden, dass ein Großteil meines Drangs nach Sexualität aus der Notwendigkeit gekommen ist, mir zu beweisen ‚Ich kann es!‘. Man versucht verzweifelt das eigene Ego aufzubauen und Selbstbestätigung zu bekommen, indem man viele Sexpartner hat. Doch anstatt das Selbstbewusstsein aufzubauen, wird es nur noch mehr untergegraben.“

    Tom war, wie er sagt, „spät dran mit allem“. Sein erstes Mal hatte er mit 20, „und ich habe mir selbst Druck gemacht, als müsste ich etwas aufholen und damit kompensieren.“ Im Rückblick sieht Tom da einige Entscheidungen, die nicht gut für ihn waren.

    Wie Tom geht es gerade vielen schwulen Männern.

    Tom ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall, weiß Sexualpädagoge Marco Kammholz. Er hat im Rahmen von Workshops in den Sommermonaten mit vielen schwulen, bisexuellen und queeren Männer über die Auswirkungen der Pandemie auf ihre Sexualität gesprochen. „Corona fordert nicht wenigen Schwulen viel ab, gerade auch was die Erfüllung ihrer sexuellen Bedürfnisse angeht“, sagt Marco Kammholz. „Ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die in jeder Krise auch gleich eine Chance sehen.“ Gleichwohl beobachtet er immer wieder, dass Teilnehmer seiner Workshops die jetzige Situation nutzen, um mit etwas Abstand zu betrachten, wie sie ihr sexuelles Leben bisher gestaltet haben. „Es zeigt sich dann vielleicht deutlicher, welche Funktion und Bedeutung die eigene Sexualität besitzt. Und wie wichtig oder unwichtig einem Häufigkeit, Partnerwechsel oder eine feste Beziehung sind.“

    Weniger ist also unter Umständen mehr; vor allem aber bedeuten weniger Sexpartner – zumindest theoretisch – weniger Risiken, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Corona hat die Menschen auf die Zweierbeziehung zurückgeworfen. Und Sex am besten mit dem festen Partner, der festen Partner_in – wenn es diesen Menschen im eigenen Leben denn gibt. Singles haben daher nun eine besonders schwere Zeit. Und Menschen, die ihre Sexualität promisk leben, sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, „unverantwortlich“ zu sein.

    Und Singles, die nach einem festen Partner suchen, stecken derzeit genauso in der Bredouille. Wie viel Nähe im wahrsten Sinne des Wortes lässt man zu? Wie romantisch oder geil kann ein Date mit Mund-Nasen-Schutz oder mit mindestens 1,50 Meter Abstand denn sein?

    Totale lsolation ist für Armin auch keine Lösung

    „Bei mir gibt’s keine Abstandsregel“, sagt Armin grinsend. „Mir kann jeder so nahekommen, wie er das möchte.“ So arglos allerdings, wie das vielleicht klingen mag, ist Armin keineswegs. Die ersten Wochen hat der Schüler komplett auf Dates verzichtet. In seiner Familie gibt es Menschen, die zur Risikogruppe zählen. Zeitweilig musste er mit seinen Eltern auch in Quarantäne.

    Danach hatte er sich aber recht schnell wieder mit Freunden getroffen, um nicht zu vereinsamen oder gar depressiv zu werden, erzählt Armin. „Jeden Tag Krisennachrichten zu lesen, mit so vielen Problemen beschäftigt zu sein und nur allein zuhause zu hocken: Das ist für die Psyche nicht gut.“ Armin hat einen solchen Fall in seinem Freundeskreis erlebt. So schnell wird die Corona-Pandemie nicht vorbei sein, selbst wenn es eine Impfung geben wird, ist sich Armin sicher. „Deshalb ist es wichtig einen Weg zu finden, damit umzugehen. Der Alltag muss ja irgendwie weitergehen“.

    Seit die Corona-Maßnahmen gelockert wurden, lernt Armin andere Jungs nun nicht mehr nur virtuell auf dbna, dem Internetportal für LGBT-Jugendliche, kennen, sondern auch in real life.

    Wunsch nach Vorsichtsmaßnahmen offen ansprechen

    „Ich vermeide bei Dates aber geschlossene Räume, sondern treffe mich lieber im Freien, weil ich nicht nur mich, sondern auch die anderen Personen schützen will. Mir liegt ja schließlich etwas an ihnen.“

    Vor allem hat Armin für sich entschieden, Corona und die damit verbundenen Ängste und Vorsichtsmaßnahmen nicht zu überspielen, sondern einfach offen und ehrlich anzusprechen.

    „Wenn ich jemanden gar nicht kenne, frage ich, wie es ihm geht und ob alles ok ist. Ich versuche ihm das Gefühl zu geben, alles aussprechen zu können – egal, ob es eine aktuelle Erkältung oder beispielsweise HIV ist. Dann lässt sich auch ganz unaufgeregt besprechen, wie wie wir uns dazu verhalten wollen.“ Armin ist auch vor Corona schon vorgegangen und hat damit nur gute Erfahrungen gemacht. „Und wenn jetzt jemand hustet, dann gehe ich auf Abstand, aber erkläre das auch, warum ich das mache. Ich habe einfach keinen Bock, wieder in Quarantäne zu kommen.“

    Schwuler Sex wurde durch Corona stark eingeschränkt.

    Nach Dates ist Tom aktuell zwar noch nicht zumute, dafür trauert er noch zu sehr um seine zerbrochene Beziehung. Doch wenn es so weit ist, will es Tom langsam angehen lassen. Also nicht gleich mit dem anderen ins Bett gehen, sondern sich erst ein paarmal zum Kaffeetrinken und Spazierengehen verabreden. Und das auch deshalb, erklärt Tom, um bei diesen Gesprächen ein Gefühl zu bekommen, ob die andere Person sich als so verantwortungsvoll erweist, um dann auch körperliche Nähe wagen zu können.

    „Körperliche Nähe wie auch Sexualität sind menschliche Grundbedürfnisse.“

    Marco Kammholz, Sexualpädagoge

    Die Wochen und Monate, in denen Social oder besser Physical Distancing das absolute Gebot der Stunde war, liegen zum Glück hinter uns. Menschliche Begegnungen sind wieder möglich – wenn auch nach wie vor mit mancher Einschränkung. Seien es Spaziergänge oder Café-Besuche. Doch wie stillt man das Bedürfnis nach Berührung und Zärtlichkeit wie das Verlangen nach Sex, wenn es diesen einen – festen – Partner eben (noch) nicht gibt?

    Menschen in dieser Situation können da schnell in einen Strudel sich widerstreitender Emotionen und Gedanken geraten, wenn Lust mit Infektionsängste kollidieren und unerfüllte Sehnsucht und Begehren zu Wut, Trauer und vielleicht gar Verzweiflung führen.

    „Körperliche Nähe wie auch Sexualität sind menschliche Grundbedürfnisse“, sagt Marco Kammholz. Deshalb kann es auch moralisch nicht prinzipiell verwerflich sein, wenn Menschen einen Weg suchen, die Bedürfnisse zu erfüllen – zumal das keineswegs automatisch bedeuten muss, unvernünftig oder gedankenlos zu sein.

    lst ein „Corona-Fuckbuddy“ die Lösung?

    So mancher hat sich zu einer ganz pragmatischen Lösung entschlossen, mit der sich Schutz und Sex auch ohne feste Beziehung realisieren lassen: durch einen exklusiven „Fuckbuddy“. Ein Kerl also, mit dem man im Zweifelsfalle schon das eine oder andere Mal Sex hatte und dem man vertraut. Der wechselseitige Deal: Wir achten im Alltag auf uns, halten uns an die Corona-Schutzbestimmungen und Sex gibt’s nur mit dem anderen.

    Marco Kammholz sieht bei diesem Modell der „Corona-Sexpartner“ zudem noch eine besondere Gelegenheit zur Selbstbeobachtung: „Wer aufgrund der Pandemie die Anzahl seiner Sexpartner reduziert, auf weniger oder nur einen, kann sich die Frage stellen: Wer bleibt eigentlich übrig und was zeichnet diese Männer aus? Also: Was passiert mit dem eigenen sexuellen Leben in der Pandemie?“

    Schwuler Sex
    Corona-Fuckbuddy? Experte Marco Kammholz erklärt, was damit gemeint ist.
    © DAH | Bild: Renata Chueire

    Wie schwule, bisexuelle und queere Männer angesichts von Corona ihre sexuellen Bedürfnisse mit den möglichen Infektionsrisiken abwägen, zeigt sich für Kammholz aber auch in anderer Sicht. „So wie der wöchentliche Einkauf stehen für manche ab und an Sexdates oder Cruising im Park an. Beides ist mit Restrisiko verbunden. Warum sollte man sich das eine weniger als das andere erlauben? Ich finde das ist eine gesunde Einstellung“, sagt der Sexualpädagoge.

    Fortschrittliche Sexualkultur

    Um das Restrisiko noch weiter zu reduzieren, lassen viele bei flüchtigen Kontakten das Küssen und Kuscheln aus und kommen umso schneller zu Sache. Man geht auf die Knie oder bückt sich und gibt dem Coronavirus weniger Chancen. Aber auch Glory Holes erleben gerade eine Renaissance und finden sich neuerdings sogar in manchen Wohnungen – mal als Pappwand oder Loch in einem Vorhang.

    „Ich bin mir recht sicher, dass der Eigensinn und die Kreativität der Schwulen ihnen auch in dieser Pandemie dabei hilft (…) diese fortschrittliche Sexualkultur zu bewahren.“

    Marco Kammholz

    „Schwule Männer haben über die Jahrzehnte eine Sexualkultur entwickelt, in der es möglich ist, freier und ungehinderter mit Sex umzugehen.“, stellt Marco Kammholz fest. „Das ist nicht so leicht zu erschüttern. Ich bin mir recht sicher, dass der Eigensinn und die Kreativität der Schwulen ihnen auch in dieser Pandemie dabei hilft mit den Einschränkungen umzugehen und zugleich diese fortschrittliche Sexualkultur zu bewahren.“

    Auch Online-Sex kann geil sein…

    Und ja, die Jungs und Kerle sind durchaus kreativ. „Kleine Schlampe“ Stefan mag in den vergangenen Wochen zwar objektiv betrachtet keusch gewesen sein, aber er war deshalb keineswegs artig. „Ich hatte viel Spaß mit meinen Freunden“, sagt Stefan im Gespräch – ganz zeitgemäß via Zoom-Video-Konferenz – und lacht. Dann hält er eine Pappkiste vor die Kamera und präsentiert seine stattliche Sammlung von Dildos. Die kommen ab und an auch vor der Kamera zum Einsatz. „Warum soll ich mich allein damit vergnügen, wenn mir andere dabei zuschauen können?“.

    Wann, wenn nicht jetzt, ist also die ideale Gelegenheit, um sich mit Cam-Sex zu versuchen oder die eigenen erogenen Zonen auszukundschaften und neue Möglichkeiten probieren, sich selbst zum Höhepunkt zu bringen.

    [Anmerkung der Redaktion: Die Interviews wurden im September vor dem Anstieg der Coronavirus-Neuinfektionen im Oktober 2020 geführt.]

    Schwuler Sex in Zeiten von Corona

    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!

  • Robi: Gemeinsam kämpfen – geht auch mit Maske

    Robi: Gemeinsam kämpfen – geht auch mit Maske

    Triggerwarnung: In diesem Artikel wird an einer Stelle über Gewalt gegen queere Menschen berichtet.

    Im Shutdown auf Spurensuche

    Auch in einer Pandemie kommt’s auf die Perspektive an. Robi hat einige Jahre in Mexiko-Stadt gearbeitet, auch bei einem Projekt für Straßenkinder. „Als der Shutdown kam, musste ich oft an meine Freund_innen dort denken“, erzählt er. „Corona trifft sie noch viel härter als uns in Deutschland. Ohne genügend Geld bekommt man dort nur die nötigste medizinische Hilfe, wenn überhaupt.“. Aber auch in Städten wie Berlin hätten die Anti-Corona-Maßnahmen „ganz schön reingehauen“, sagt der 33-Jährige. „Die Clubs haben zu, und viele meiner Leute machen sich große Sorgen, ihre Arbeit zu verlieren.“

    „Die Corona-Zeit war eine Zäsur.“

    „Dagegen hab ich’s gerade gut“, gesteht Robi. Er arbeitet im sozialen Bereich bei einer LSBTIQ-Organisation. „Ich habe das Privileg, dass ich gerade nicht nur ein sicheres Einkommen, sondern durchs Homeoffice sogar etwas mehr Zeit für mich habe. Ich konnte auch Sachen angehen, die ich bis dahin vor mir hergeschoben hatte.“

    Für Robi war die verordnete Corona-Ruhe eine Zäsur. Gut ein Jahr nach seinem Coming-out als intergeschlechtlich, setzte er die begonnene Spurensuche intensiv fort, forderte bei seiner Geburtsklinik medizinische Unterlagen ein und kontaktierte das Standesamt, das seine Geburt erfasst hat.

    Als intergeschlechtlich geborenes Kind wurde Robi ohne seine Einwilligung mehrfach operiert. Sein Körper sollte dem entsprechen, was sich Gesellschaft und Medizin unter „männlich“ vorstellen. „Früher hab ich da viel verdrängt“, erzählt Robi, „es war eine große Sache, mir das bewusst zu machen und Intergeschlechtlichkeit bei mir zu entdecken.“

    Robi lacht
    In der schwulen und in der trans* Community Berlins hat Robi Verbündete gefunden.

    Queer bedeutet: das Recht anders zu sein!

    Sehr geholfen haben ihm bei seinem Coming-out Freund_innen und Bekannte, die sich genauso wenig ins starre Mann-Frau-Schema pressen lassen möchten. In der schwulen und in der trans* Community Berlins hat Robi viel Solidarität bekommen und Verbündete gefunden. Obwohl die Erfahrungen von inter* und trans* Menschen sehr unterschiedlich seien, gebe es viele Überschneidungen, erläutert er: die vielfältigen Körperlichkeiten, die geschlechtsverändernden Operationen. „Für mich waren die OPs jedoch erzwungene Eingriffe während meiner Kindheit, die eine Verletzung meiner körperlichen Unversehrtheit und meiner geschlechtlichen Selbstbestimmung bedeuten. Diese medizinischen Eingriffe habe ich ja nicht für mich selbst entschieden“.

    Trans* und Inter* haben „viel mehr Gemeinsamkeiten“ als Unterschiede.

    Trotz dieser Unterschiede zu trans*: Es gibt viel mehr Gemeinsamkeiten! Davon ist Robi überzeugt. Darum unterstützt der gebürtige Potsdamer auch die Kampagne #WirFürQueer von ICH WEISS WAS ICH TU. „Ich bin der queeren Community sehr dankbar, weil sie die heteronormative Gesellschaft kritisiert. Queer bedeutet für mich das Recht, körperlich nicht Mann oder Frau zu sein, sondern intergeschlechtlich.“

    „Für mich bedeutet Solidarität, zu verstehen, was andere Menschen bewegt, nach Gemeinsamkeiten zu schauen – und dann in unserer Differenz gemeinsam zu kämpfen!“ Und deshalb zeigt Robi derzeit auch besonders oft Regenbogenflagge, natürlich mit Schutzmaske und Abstand. So protestierte er z.B. im März und August vor dem Polnischen Institut gegen die „LGBT-freien Zonen“ in unserem Nachbarland. Ende Juni war er auf der Berliner Demo von „Black Lives Matter“.

    Robi (rechts, 2. von oben) geht auch in Coronazeiten auf die Straße und kämpft mit Regenbogenflagge für die Rechte von queeren Menschen.

    Stresstest für unsere Demokratie

    „Zum Slubice-Frankfurt-Pride hab ich es leider nicht geschafft“, bedauert Robi. [Slubice ist die polnische Nachbarstadt von Frankfurt/Oder. Im September 2020 fand erstmals eine gemeinsame CSD-Demo in beiden Städten statt. Anm. d. Red.] Aber Robi stellt klar: „Trans*-, inter*- und homofeindliche Angriffe gibt es leider auch in Berlin.“ Das mussten er und sein Freund am eigenen Leib erfahren. Im Mai attackierte sie ein Mann am S-Bahnhof, brüllte: „Du schwule Sau! Raus aus Deutschland!“. Der Mensch sprang sogar ins Gleisbett, um die beiden mit Schottersteinen zu bewerfen. „Wir blieben physisch unverletzt; aber es war ein großer Schock.“ Ein Mitarbeiter der Bahn half ihnen vor dem Täter zu fliehen. „Dumme Sprüche habe ich schon öfter gehört, aber so ein Angriff ist krasser“, betont Robi. „Ich habe das Gefühl, dass unser gesellschaftliches Klima gerade sehr gereizt ist. In der Öffentlichkeit wird ein Hass sichtbarer, den ich – zumindest persönlich – so noch nie erlebt hatte.“ Seitdem macht sich Robi vermehrt Sorgen um unsere demokratischen Institutionen: „Corona ist auch ein Stresstest für Demokratie, Rechtsstaat und Minderheitenschutz.“

    Robi schaut ernst
    Robi macht sich zunehmend Sorgen um das gesellschaftliche Klima.

    Kritisch sein, nicht empathielos!

    Dabei sieht Robi unseren Staat keineswegs durch die rosarote Brille. Kritik an gesellschaftlichen Normen findet er wichtig: „Queer zu sein, bedeutet ja, die normativen Geschlechterverhältnisse in Frage zu stellen.“ Natürlich gehöre dazu auch, staatliche Maßnahmen mit einem kritischen Auge zu sehen – auch die Pandemie-Verordnungen. „Auf der anderen Seite finde ich es erschreckend, dass Corona offen geleugnet wird. Auch ein paar Leute in der queeren Szene tun das. Das find ich empathielos!“

    Robi versucht eine Infektion mit Covid-19 zu vermeiden, so gut es eben geht. Sein Freund gehört zur Risikogruppe. „Wenn er oder ich Corona bekämen, wäre das doof.“ Manchmal sind seine Freund_innen erstaunt, wenn sich Robi lieber im Freien treffen möchte, statt ins Café zu gehen. Dann erklärt er geduldig, warum er vorsichtig ist. „Diese Diskussionen müssen wir führen. Auch das gehört zum Queersein: Für die eigenen Haltungen und Werte einzustehen. Natürlich macht das Mühe.“

    Mit Masken und Abstandsregeln demonstrieren: Z.B. am 26. Oktober 2020 zum Intersex Awareness Day!

    Und Demos funktionieren auch mit Masken und Abstandsregeln. Die nächste steht bei Robi schon im Kalender: Am 26. Oktober ist Intersex Awareness Day, der Welttag der intergeschlechtlichen Menschen. „Letztes Jahr gab’s eine Demo vor dem Gesundheitsministerium“, berichtet Robi und lacht. „Ich habe für dieses Jahr eine Kundgebung vorm Bundestag ab 15 Uhr angemeldet und organisiere gerade die Veranstaltung in Kooperation mit TrIQ e.V. (zum Facebook-Event). Es wäre toll, wenn dann alle unsere Verbündeten auch dort sind!“

    Mehr Infos zum Intersex Awareness Day am 26. Oktober:

    www.intersexday.org


    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!

  • „Die Scham ist immer noch groß“ – Ben über seinen Aufklärungsunterricht an Schulen

    „Die Scham ist immer noch groß“ – Ben über seinen Aufklärungsunterricht an Schulen

    Ben Scholz besucht Schulklassen, um ehrenamtlich über Sex zu sprechen. Als der Kölner in seinem Aufklärungsunterricht irgendwann feststellte, dass er von den Schülern immer wieder die gleichen Fragen gestellt bekommt, startete er 2014 mit seinem Portal jungsfragen.de. In eigens produzierten Videos beantwortet Ben dort sowie über einen eigenen Youtube-Channel alles, was seine Kernzielgruppe, Jungs zwischen 12 und 16 Jahren, interessieren könnte.

    Ben, beobachtest du bei den Jungs in den Schulen ein Schamgefühl, wenn es darum geht, über HIV, andere STIs und entsprechende Tests beim Arzt zu sprechen?
    So richtig kann ich das eigentlich nicht bestätigen. Wenn ich in den Klassen über diese Themen spreche, merke ich eher, dass die Schüler hellhörig werden und dann alles ganz genau wissen wollen. Mein Eindruck ist, dass das Bewusstsein für die gesundheitlichen Risiken beim Sex durchaus vorhanden ist bzw. dann zum Vorschein kommt, wenn man es erst einmal wachgerüttelt hat und ihnen sagt: HIV und Aids gibt es leider immer noch. Oft werde ich direkt gefragt, wo man denn noch heute einen HIV-Schnelltest in der Stadt machen kann, sobald ich davon berichtet habe.

    Sind in den Klassen auch schwule Jungs, die dazu ganz normal stehen oder tun sich Schüler auch heute noch schwer, ihren Kumpels in der Klasse zu sagen: „Ich bin anders als ihr, ich bin schwul“?
    So schade es ist, aber wir befinden uns auch im Jahr 2016 noch lange nicht in einer Lage, in der man sich in der Schule einfach mal eben outen kann. Schwule Jungs beschäftigen sich deshalb auch meistens weniger mit klassischen Sex-Themen, sondern in erster Linie mit sich selbst und ihrer Identität, der viele eben doch auch skeptisch gegenüber stehen. Die Scham ist da noch ziemlich groß.

    Merkst du das auch direkt im Aufklärungsunterricht?
    Ja, mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass manche Jungs beim Thema Homosexualität mega in sich gekehrt sind und alles tun, damit kein Blickkontakt zu mir entsteht. All das geschieht aus Angst, dass es jetzt doch jemand „herauskriegen“ könnte. Dasselbe passiert übrigens auch dann, wenn ich über das Thema Vorhautverengung spreche. Wenn einer von den Jungs feststellt „Ohje, das ist bei mir genau so“, dann merkt man schnell, wie sie den Unterricht mental verlassen. Es gibt also doch ein paar Themen, bei dem die Scham richtig groß ist. Wobei das natürlich auch immer etwas mit der Klassengemeinschaft zu tun hat.

    Du bist nicht nur in Klassen unterwegs, sondern auch Betreiber des Portals jungsfragen.de. Suchen dort auch viele schwule Jungs Rat?
    Ja, sehr viele sogar. Gerade bei den schwulen Kids geht es dabei sehr oft um eine große Frage: „Wie kann ich mich outen?“. Bis es dann zum ersten Sex kommt, ist es oft noch ein längerer Weg. Trotzdem ist es natürlich wichtig, schon davor über Safer Sex und konkret über sexuelle Praktiken zu sprechen. So wie das bei Heteros oft viel selbstverständlicher passiert – und zwar auch mal auf dem Schulhof.

    Besteht dadurch auch das Risiko, dass schwule Jungs ihre ersten sexuellen Erfahrungen viel „heimlicher“ machen, eben, weil sie sich nicht trauen, mit Freunden darüber zu sprechen?
    Auf jeden Fall. Sie können in der Regel leider nicht, wie die Hetero-Kumpels, damit prahlen, dass man die Nacht zuvor entjungfert wurde. All das läuft ganz anders ab. Auch wenn es um die Frage nach einem Arztbesuch geht, etwa nach einem Risikokontakt, spielt das eine große Rolle. Wie sag ich es dem Arzt? Wie wird er auf den schwulen Kontakt reagieren? Bis zur Erkenntnis, dass sie das Normalste der Welt machen, vergeht oft mehr Zeit als bei Heteros.

    Hast du allgemeine Tipps und Tricks für Jungs parat, die noch am Anfang ihres Sexlebens stehen?
    Zunächst sage ich klipp und klar: Sex ist toll, Sex macht Spaß und ist das Beste der Welt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass man sich beim Sex mit irgendetwas anstecken kann. Aber natürlich beschwichtige ich auch. Denn zum Glück ist ja das meiste gut behandelbar. Selbst bei HIV gibt es bekanntlich sehr gute Therapiemöglichkeiten. Grobe Faustregel meinerseits ist: „Wer ein lustvolles Sexleben mit unterschiedlichen Leuten hat, sollte regelmäßig, zirka einmal jährlich, alle gängigen Tests und Untersuchungen machen.“

    Bei der Gelegenheit ist dann auch immer noch ein Tipp, am besten sofort einen Arzt aufzusuchen, sobald man einen Risikokontakt hatte, oder eine Veränderung am eigenen Körper beobachtet. Denn je schneller die Diagnose, desto besser und einfacher die Behandlung. Wenn mir zum Beispiel ein Junge schreibt, dass er einen Pickel am Penis hat, aber nicht zum Arzt will, dann werde ich manchmal auch ziemlich direkt und sag: Ja gut, dann musst du jetzt eben damit leben, dass dir der Pimmel abfällt. So verstehen sie es direkt, denn in Watte packen bringt bei denen nichts.

    Letzte Frage: Wie kam es, dass du selbst heute so locker mit all diesen Sex-Themen umgehst und eben keine Scham verspürst?
    Ich habe einfach irgendwann gemerkt, dass Sex das Normalste der Welt ist. Einfach jeder tut es, jeder masturbiert und warum sollte man nicht über etwas reden, das uns doch alle so sehr eint?

    Wie die Testhelden zum Thema „Scham“ stehen, erfährt ihr im Testhelden-Clip.

    Alle Jungfragen findet ihr hier: www.jungsfragen.de

    Benjamin Scholz-Blog
    „Sex ist toll, Sex macht Spaß und ist das Beste der Welt“, findet Ben. Er weiß aber auch, wie wichtig Schutz ist. Nicht zuletzt deswegen geht er in Schulklassen und gibt Aufklärungsunterricht.