Autor: admin

  • Tipps und Hilfestellungen: Wenn der Pornokonsum problematisch wird …

    Tipps und Hilfestellungen: Wenn der Pornokonsum problematisch wird …

    Pornografie ist eine uralte Kulturtechnik. Aber noch nie war sie so leicht zu haben wie heute. Dank W-LAN und Smartphone muss kein Schwuler mehr ins schmuddelige Bahnhofskino, wenn er Sexfilme sehen will. Das ist geil. Nun stellt sich die Frage: Wie viel Porno tut uns gut? Ist das schon Pornosucht?

    Checkliste: Wie viel Porno ist zu viel?

    „Das ist die falsche Frage“, sagte Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie an der Hamburger Uniklinik. Entscheidend ist nicht, wie häufig ein Mann masturbiert, sondern wie sehr es ihn stört. „Wenn der Patient nicht unter seinem Verlangen leidet, sollte man als Arzt auch keine Diagnose stellen“, betont Briken in der Süddeutschen Zeitung. Porno- oder Sexgewohnheiten werden erst dann zum Problem, wenn sie deinen Alltag und dein soziales Umfeld stark beeinträchtigen: den Partner, die Freunde, die Arbeitskollegen. Aber wo genau verläuft die Grenze? Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Die folgenden Fragen können dir helfen, deinen Pornokonsum auf den Prüfstand stellen:

    • Ohne Porno bekomme ich nur noch selten einen hoch.
    • Ich gucke auch am Büro-Rechner öfter mal einen Porno.
    • Ich komme öfter zu spät zur Arbeit, weil ich davor die ganze Nacht am Rechner war.
    • Wenn ich Stress oder Langeweile habe, lenke ich mich mit einem Porno ab.
    • Ich kümmere mich nicht mehr um mein Hobby. Alles dreht sich nur noch um Sexualität.
    • Mein Smartphone liegt immer neben meinem Bett. Ich will nicht verpassen, falls mich bei Gayromeo ein netter Kerl anschreibt.
    • Vor dem Ficken muss ich mir erst einmal ordentlich einen antütern – um dann Sex zu haben, den ich hinterher furchtbar finde.

    Zu viel Porno: So kontrollierst du deinen Konsum

    Ehrlich machen. Das Schwierige an Sucht ist: Sie verletzt das Ego. Denn sie bedeutet: Ich habe die Kontrolle verloren. Und das gestehen sich gerade Männer nur ungerne ein. Das Leugnen der Probleme ist Teil der Krankheit.

    Logbuch führen. Überprüfe einmal, wann du wie lange Pornos guckst. Notiere es am besten über einen längeren Zeitraum in einem Logbuch. Diese Aufmerksamkeit führt häufig schon zu ersten Verbesserungen. Denn dann fragst du dich automatisch: Muss ich jetzt unbedingt gucken, oder halte ich noch länger ohne aus?

    Ziele festlegen. Entwickle einen persönlichen Ausstiegsplan, um Pornos und Sex so zu genießen, dass sie nicht mehr deine ganze Zeit und Energie fressen. Wichtig ist dabei:

    • Wann fange ich mit dem Verzicht an?
    • Wie schnell reduziere ich meinen Konsum?
    • Was ist erlaubt? Was nicht? Klare Grenzen sind sehr wichtig.
    • Will ich völlig abstinent sein, oder sind Ausnahmen drin („Samstags ein Porno ist okay“)? Bei Suchtverhalten sind Ausnahmen heikel. Denn sie erfordern extreme Disziplin.

    Mit Rückfällen rechnen. Zu jeder Suchttherapie gehören Rückfälle. Du musst lernen, mit diesen Enttäuschungen umzugehen und danach neu anzusetzen.

    Hypersexualität – eine echte Krankheit?

    Die Sucht nach Pornos ist es aber oft nicht alleine. Meist mischen sich verschiedene Arten von Suchtverhalten: Häufiges Pornogucken. Zwanghaftes Masturbieren. Viele Sexdates, die nach dem Sex ein schales Gefühl hinterlassen, oft in Verbindung mit anderen Suchtstoffen wie Alkohol, Poppers oder Methamphetaminen. Die große Gemeinsamkeit: Die betroffenen Männer empfinden ihr Sexleben als Belastung. Die medizinische Diagnose lautet Hypersexualität. Studien schätzen, dass bis zu sechs Prozent der Bevölkerung phasenweise an ihr leiden. Drei Viertel der Betroffenen sind Männer. Aber das Phänomen ist umstritten. Bisher hat die Weltgesundheitsorganisation die Hypersexualität noch nicht in ihren Katalog der Impulskontrollstörungen (ICD) aufgenommen. Deshalb übernehmen Krankenkassen nicht immer die Behandlungskosten.

    Selbsthilfe: die anonymen Sexsüchtigen

    Selbsthilfegruppen sind eine gute Unterstützung bei allen Suchtproblemen. Die Besucher teilen ihre Erfahrungen und unterstützen sich gegenseitig dabei „sexuell nüchtern“ zu werden. Das Gute daran: Die ehrenamtlich organisierten Meetings kosten nichts, und es gibt sie in allen Metropolen. Eher schwierig: Die Gruppen sind autonom. Mit welchen Methoden sie arbeiten und ob sie Schwule herzlich aufnehmen, weiß man vorher nicht. Einfach hingehen und ausprobieren, ob es passt.

    Die meisten Angebote basieren auf den zwölf Grundsätzen der Anonymen Alkoholiker. Der wichtigste lautet: Nichts dringt nach draußen! Die Teilnehmer können ganz offen über ihre Pronosucht sprechen. Ein weiteres Prinzip ist das Vertrauen auf „eine höhere Macht“. Mit diesem transzendenten, oft religiös verstandenen Ansatz solltest du etwas anfangen können. Hier findest du weitere Selbsthilfe-Informationen:

    Vorsicht vor Scharlatanen

    Pornografie ist ein moralisch explosives Thema. Einige Hilfsangebote in Sachen Pornosucht führen geradewegs zu Organisationen wie dem DIJG. Das hält Homosexualität per se für eine psychische Krankheit und verspricht, nicht nur deine Pornosucht, sondern auch deine Homosexualität zu kurieren. Das ist pseudo-wissenschaftlicher Humbug, der psychische Probleme sogar noch verstärken kann.

    Therapiemöglichkeiten bei Pornosucht
    Pornos und Sex sind so geil, dass sie – ähnlich wie Drogen – einen Kick verleihen. In seltenen Fällen führen sie zu Abhängigkeit. Dann sollte man sie so behandeln wie andere Abhängigkeiten auch. Medikamente werden selten eingesetzt. Besonders erfolgsversprechend sind Psychotherapien. Dabei gibt es mehrere Behandlungsphasen.

    Kontrolle zurückgewinnen. Am Anfang steht meist eine praxisorientiere Verhaltenstherapie. Patient und Therapeut besprechen, wie dieser seinen Sex- oder Pornokonsum besser steuern kann. Die Maßnahmen sind oft simpel, zum Beispiel indem der User eine Filter-Software installiert, die seine Lieblingsseiten im Netz stoppt.

    Alternativen finden. Der Patient lernt zudem, anders auf negative Gefühle wie Angst oder Einsamkeit zu reagieren. Sport ist ein bewährter „Ersatzstoff“. Entlastend sind auch Atem- und Achtsamkeitsübungen.

    Ursachen ergründen. Eine Psychotherapie zieht sich oft über Jahre hin, dafür sind die Erfolgsaussichten gut. Die Patienten finden dabei heraus, wie sich problematische Verhaltensmuster aus der eigenen Lebensgeschichte erklären lassen – und wie man gut mit ihnen leben kann.

    Psychotherapeutische Unterstützung bei Pornosucht oder Sexsucht:

    • Bundesweit: Einen auf Sexualität spezialisierten Therapeuten in deiner Nähe findest du über die Website der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft (DGSMTW): www.dgsmtw.de
    • Hannover: Sexualmedizinisches Kompetenzzentrum: www.smk-hannover.de
    • Hamburg: Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie: www.uke.de
    • Berlin: Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité: sexualmedizin.charite.de

    Porno- oder Sexgewohnheiten werden erst dann zum Problem, wenn sie deinen Alltag und dein soziales Umfeld stark beeinträchtigen: den Partner, die Freunde, die Arbeitskollegen.

    Mehr zum Thema:

    Wieviel Porno ist ungesund?

    MeinSchwulerSex: Sieben Merksätze fürs Pornogucken

  • „Nicht viel überlegt, sondern einfach gemacht“

    Begleitdienst für Senioren mit Nico Woche (Foto: Guido Woller )
    Begleitdienst für Senioren mit Nico Woche (Foto: Guido Woller )

    Nico Woche (33) arbeitet freiberuflich als Drehbuchautor. Seit Ende 2010 engagiert er sich beim „Mobilen Salon“, einem Angebot der Schwulenberatung Berlin.

    Der kostenlose Besuchsdienst soll verhindern, dass schwule Senioren vereinsamen. Ein Interview über schwule Gemeinsamkeiten in allen Generationen und die Motive für ein Ehrenamt.

    Nico, du engagierst dich bei einem „Besuchsdienst für ältere schwule Männer“ – was macht man da so?

    Die Vereinbarung ist: Ich treffe mich einmal in der Woche mit Rainer*. Manchmal gehen wir was Essen, aber oft laufen wir einfach nur so durch Berlin und unterhalten uns.

    Über was sprecht ihr dann?

    Rainer geht gern ins Theater. Also geht es oft mit Kultur los, und dann kommen wir ins Reden. Manchmal besprechen wir auch sehr Persönliches, was eben gerade so anliegt.

    Klingt nach Smalltalk. Die Kultur ist ja oft auch nur ein Spiel. Erst mal unterhalten wir uns über ein Theaterstück, das Rainer gesehen hat. Man kann nicht sofort darüber sprechen, was einen innerlich bewegt. Das hielte man ja gar nicht aus! Oft sind die persönlichen Sachen auch nur Beiwerk, Inspirationen, die man gar nicht bewusst wahrnimmt. Allein schon mit einem älteren Menschen zusammen zu sein, gibt mir eine andere Zeitperspektive auf mein Leben. Das ist schwer in Worte zu fassen. Aber ich denke mir dann: So alt wirst du auch mal, und zwar bald. Das hilft mir beim Nachdenken, wie ich später mal leben will.

    Ihr seht euch mittlerweile seit fast drei Jahren. Wie würdest du euer Verhältnis beschreiben? Seid ihr Bekannte? Salon-kollegen?

    Inzwischen sind wir längst Freunde geworden. Wir treffen uns circa einmal pro Woche. Manchmal öfter, manchmal seltener, aber immer freiwillig. (lacht)

    Zwischen dir und Rainer liegen fast vier Jahrzehnte. Wo fallen euch Unterschiede auf?

    So groß sind die Unterschiede gar nicht. Wir kommen immer wieder drauf, dass vieles in unseren Leben sogar sehr ähnlich läuft. Rainer hat vielleicht andere Hosen an als ich, aber beim Einkaufen kann er mir mehr Tipps geben als ich ihm. (lacht) Und ob man sich wie heute im Internet verabredet oder wie früher in der Bar – am Ende macht man doch das Gleiche.

    Aber als schwuler Mann lebt es sich heute leichter, oder? Als Rainer so alt war wie du, war Homosexualität gerade erst legalisiert.

    Das schon. Aber im Alltag hat sich so viel nicht verändert. Heute ist es leichter, sich zu outen und trotzdem erfolgreich zu sein. Aber für die Schule gilt das schon nicht mehr. Und die neue Freiheit macht ja auch Druck: Warum outest du dich nicht? Warum sitzt du noch so alleine rum? Es ist doch so einfach, jemanden zu finden! Ich kann mir vorstellen, dass ein Coming-out früher ein ganz anderes Zugehörigkeitsgefühl geschaffen hat. Heute interessiert das keine Sau mehr. Du musst alleine damit klarkommen.

    Warum besuchst du einen älteren schwulen Herrn? Du könntest ja zum Beispiel auch Lesepate einer Grundschülerin sein?

    Ich habe eine Anzeige vom Mobilen Salon in der Siegessäule gesehen. Manchmal hat man ja so ein Gefühl: Da musst du dich jetzt melden! Ich habe nicht viel überlegt, sondern es einfach gemacht. Bei uns ging das dann recht schnell. Rainer war mein erster Salonpartner und ist es bis heute geblieben. Ich finde es schöner, es bei dieser Erklärung zu belassen. Wenn ich jetzt meine Motive durchleuchten wollte, würde ich nur Gründe erfinden. Es funktioniert ja oft so mit Sachen: Man macht sie einfach. Da sollte man hinterher nicht so tun, als hätte es genaue Gründe dafür gegeben.

    www.siegessaeule.de

    Du hast offenbar keine Berührungsängste gegenüber älteren Menschen.

    Ich habe schon neben dem Studium soziale Sachen gemacht, aber damals für Geld. Ich habe als Nachtwache in einer Demenz-WG in Berlin gearbeitet und in Norwegen als ambulanter Altenpfleger. Auch dort war das nicht so sehr Pflege, sondern schon an der Grenze zum Besuchsdienst: Ich habe regelmäßig vorbeigeschaut, Kaffee gekocht und Medikamente kontrolliert. Auch meinen Zivildienst habe ich in Norwegen gemacht, in einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für geistig behinderte Menschen.

    Woher kommt dein Interesse fürs Soziale?

    Beim Zivildienst ist das einfach so passiert. Später war das auch eine praktische Sache: Man hat ja dann Berufserfahrung und bekommt die entsprechenden Jobs. Mir hat das nichts ausgemacht. Es war sogar ein schöner Ausgleich zu meiner Drehbucharbeit, wo ich viele Stunden alleine hinter dem Computer verbringe. Auf der anderen Seite ist so ein Ehrenamt ja nicht nur ein großes Opfer, sondern man tut sich auch selbst etwas Gutes. Dinge zu tun, weil man sie für sinnvoll hält und nicht, weil man dafür bezahlt wird, ist nicht nur sinnstiftend, sondern gibt einem auf merkwürdige Art auch ein Gefühl der Freiheit.

    Beim Mobilen Salon geht es auch darum, die schwule Community zu fördern. Seid ihr beide, Rainer und du, Pioniere der alternden schwulen Gesellschaft?

    Das sind ja nicht nur wir beide. Auch viele andere engagieren sich. Das ist das Gute an der Schwulenberatung Berlin: Sie bietet einen Treffpunkt für die vielen Leute, die hier in Berlin in ihren Wohnungen nebeneinander her leben. Der Mobile Salon ist ja nur ein Anfang, eine Art Kennenlern-Portal. Von da ab sollte man das dann wieder selber organisieren. Ich bin ja nicht angestellt bei der Schwulenberatung. Wenn mir das keinen Spaß mehr macht, kann ich jederzeit raus. Das find ich gut.

    *Name geändert

    Besuchsdienste für schwule Senioren in Deutschland:

    Berlin: Mobiler Salon

    Schwulenberatung Berlin, Ansprechpartner: Oliver Sechting (o.sechting@schwulenberatungberlin.de) und Marco Pulver (m.pulver@schwulenberatungberlin.de), Telefon: (030) 23 36 90 70

    http://www.schwulenberatungberlin.de/

    Frankfurt am Main: Rosa Paten

    Aidshilfe Frankfurt, Ansprechpartner: Norbert Dräger (norbert.draeger@frankfurt.aidshilfe.de), Telefon: (069) 13 38 79 30

    http://www.frankfurt-aidshilfe.de/content/rosa-paten

    München: Das Patenprojekt

    SUB München, Ansprechpartner: Ulrich Fuchshuber, Telefon: (089) 856 34 64 24

    https://www.subonline.org/

  • Marsha wer?! – Na Marsha P. Johnson!

    Marsha wer?! – Na Marsha P. Johnson!

    Eine der wichtigsten Pionier_innen der queeren Bewegung Marsha P. Johnson wäre im August 2020 75 Jahre alt geworden. Wir feiern sie und erklären, warum das wichtig ist. Und nötig.

    (mehr …)
  • „Die PrEP ist nur ein Werkzeug, und man muss lernen, damit umzugehen“

    „Die PrEP ist nur ein Werkzeug, und man muss lernen, damit umzugehen“

    Milan (26) nimmt an der PrEP-Studie DISCOVER teil. Sie soll herausfinden, ob das Kombinationsmedikament Descovy genauso gut für die HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe eingesetzt werden kann wie der Vorgänger Truvada. Im IWWIT-Blog berichtet Milan von seiner Motivation und seinen Erfahrungen.

    Foto: Symbolbild

    Für den Pharmahersteller Gilead geht es um viel Geld. Sein HIV-Medikament Truvada war lange Zeit als einziges auch für die PrEP zugelassen – in den USA seit 2012, in Europa seit dem Sommer 2016. Mittlerweile sind auch in Deutschland gleichwertige Nachahmerprodukte auf dem Markt , auch wenn Gilead das für nicht rechtmäßig hält . Wenn sich aber Descovy als auch oder sogar besser (weil nebenwirkungsärmer) zur PrEP geeignet herausstellt und dafür zugelassen wird, hätte Gilead wieder einen Marktvorteil.

    Um die PrEP-Eignung von Descovy zu belegen, wurde Anfang dieses Jahres die groß angelegte Vergleichsstudie DISCOVER gestartet, an der in den USA und Europa zusammen rund 5.000 HIV-negative Männer und Trans*-Frauen mit erhöhtem Infektionsrisiko teilnehmen. Für die Teilnehmer_innen sind die Medikamente kostenfrei, ebenso die studienbezogenen Untersuchungen und Labortests.

    Damit besteht zum ersten Mal in Deutschland für einige wenige Interessent_innen kostenloser Zugang zu Truvada. Die Teilnehmer_innen wissen allerdings nicht, ob sie das erwiesenermaßen vor HIV schützende Präparat oder seinen Nachfolger Descovy bekommen.

    Einer von 5.000 Teilnehmer_innen der PrEP-Studie DISCOVER

    Milan hat auf einem eher ungewöhnlichen Weg von der Studie erfahren: Ein Bekannter von ihm arbeitet zufällig in einer der fünf HIV-Schwerpunktpraxen, die in Deutschland bei der Studie mitmachen und die Teilnehmer_innen mindestens 48 Wochen lang mit Medikamenten versorgen und medizinisch begleiten.

    Von der Möglichkeit, sich durch die PrEP vor HIV zu schützen, hat Milan vor rund zwei Jahren zum ersten Mal gehört: bei einem Arztbesuch.

    „Allein die Medikamente hätten mich 800 Euro pro Monat gekostet“

    „Ich hatte damals Sex, bei dem das Risiko bestand, dass ich mich infiziert haben könnte“, erzählt Milan. Der behandelnde Arzt verordnete ihm eine vorsorgliche HIV-Behandlung, die sogenannte PEP (Post-Expositions-Prophylaxe), und informierte ihn in diesem Zusammenhang auch gleich über die PrEP.

    So ideal diese Variante der HIV-Prävention für Milan auch schien: „Allein die Medikamente hätten mich etwa 800 Euro pro Monat gekostet, das wollte und konnte ich nicht zahlen.“ Die Teilnahme an der DISCOVER-Studie bot dagegen die Aussicht, PrEP-Medikamente für ein, vielleicht sogar zwei Jahre kostenfrei zu erhalten. Kurz entschlossen bewarb er sich.

    Ein Jahr Warten auf den Studienstart

    Seine Freunde, denen er von seiner Bewerbung erzählte hatte, drückten ihm die Daumen  und mussten nun bisweilen seine Ungeduld ertragen. Denn Geduld war im Vorfeld der Studie in besonderem Maße gefordert.

    Der Start und damit auch die Auswahl der Teilnehmer_innen wurde mehrere Male verschoben, die Bewerber_innen wurden immer wieder vertröstet. Fast ein Jahr hörte Milan nichts mehr von der Praxis, bei der er sich als Interessent gemeldet hatte. Dann fragte er endlich telefonisch nach.

    Wie sich herausstellte, war das gerade noch rechtzeitig, denn nur wenige Tage danach wurde die Liste bereits geschlossen. Milan ergatterte einen der letzten Plätze.

    Heimliche Hoffnung auf Sex ohne Kondom

    Und wenn es nicht geklappt hätte? „Keine Ahnung, was ich dann gemacht hätte“, sagt Milan.

    „Als ich sexuell noch nicht so erfahren war, habe ich immer ein Gummi benutzt, aber es dann immer häufiger weggelassen. In meinem Dating-Profil hatte ich zwar ‚Safer Sex immer‘ angeklickt, aber mich immer mit der heimlichen Hoffnung verabredet, dass der Sex vielleicht doch ohne Kondom sein würde. Es war irgendwie aufregend, dass man bis zum letzten Moment nicht wusste, ob sich dieser Wunsch erfüllten würde.“

    Immer ein schlechtes Gewissen

    Milan versuchte, Infektionsrisiken so weit wie möglich auszuschließen. „Am sichersten war es, Sex ohne Kondom mit HIV-positiven Männern unter der Nachweisgrenze zu haben. Aber es gab eben auch immer wieder Situationen, nach denen man später ein schlechte Gewissen hat.“

    Ein Beispiel? Milan lacht verlegen. „Man ist ein bisschen high, geht mit jemandem nach Hause, und sobald man wieder nüchtern ist, fragt man sich: ‚Was ist eigentlich passiert?‘ Und dann hat man guten Grund, sich Sorgen zu machen.“

    „Wie lange sollte ich noch so weitermachen?“

    Dreimal innerhalb von zwei Jahren hat Milan solche Situationen erlebt und sich danach sicherheitshalber eine PEP verschreiben lassen. „Das ist verrückt, oder? Wie lange sollte ich noch so weitermachen? Deshalb musste ich die PrEP auch unbedingt bekommen.“

    Bevor es mit der PrEP dann tatsächlich losgehen konnte, wurde Milan medizinisch umfangreich untersucht, auf sexuell übertragbare Infektionen samt HIV gecheckt und über die Studie aufgeklärt. Eine Woche danach folgte noch einmal ein HIV-Schnelltest, und bei diesem Termin bekam er dann auch schon die erste Monatsration Tabletten ausgehändigt.

    Zwei Pillen am Tag, eine davon ist ein Placebo

    Zwei Pillen muss Milan nun täglich nehmen. Die eine sieht aus wie Truvada, die andere wie Descovy. Doch eine der beiden Tabletten ist ein Placebo. Welches Medikament Milan also tatsächlich einnimmt, wird er erst am Ende der Studie erfahren. Macht ihm dies etwas aus?

    „Überhaupt nicht. Man hat uns gesagt, dass beide Medikamente effektiven Schutz bieten. Solange ich geschützt bin, muss ich auch nicht beunruhigt sein.“

    „Ich war mir bewusst: Das ist ein Einschnitt in meinem Leben.“

    Und dann war es also soweit. Seine Entscheidung für die PrEP hat Milan nicht mehr in Frage gestellt. Kein Zurückzucken, kein Zögern, keine Unsicherheit.

    „Natürlich war klar, dass ich sie nehmen würde, schließlich habe ich über ein Jahr darauf gewartet. Aber es war durchaus ein besonderer Moment. Ich war mir bewusst: Dies ist ein Einschnitt in meinem Leben. Ich werde jetzt für vielleicht mehrere Jahre jeden Tag zwei Tabletten nehmen und das Medikament in meinem Körper haben.“

    Wichtig ist, dass die Medikamente möglichst zur gleichen Zeit eingenommen werden. Bei Milan ist täglich um 18 Uhr Pillenzeit, und bis auf einmal im Urlaub hat es bislang auch immer geklappt.

    Körperliche Nebenwirkungen: keine

    Und wie sieht’s mit den Nebenwirkungen aus? Schließlich stehen diese im Zentrum des Interesses der PrEP-Studie DISCOVER.

    Milan weiß nicht so recht, wie er diese Frage beantworten soll. Körperliche Probleme wie sie bei Truvada beispielsweise im Beipackzettel gelistet sind – Durchfall, Übelkeit und Erbrechen, Hautausschlag und Juckreiz – hatte er keine. Auch früher nicht, als er Truvada in Rahmen der PEP eingenommen hat.

    „Die ersten beiden Wochen aber fühlte ich mich etwas depressiv. Ob es wegen der Tabletten war, kann ich nicht sagen. Vielleicht war ich auch einfach nur schlecht drauf?“.

    Nach zwei Wochen, sagt Milan, war diese Phase dann auch schon vorbei Und nach 14 Tagen regelmäßiger Tabletteneinnahme galt er auch ganz offiziell als geschützt.

    Sex ohne Psychostress und die Reue danach

    Bis dahin galt: kein Sex ohne Kondom. „Das hatte ich meinem Arzt versprechen müssen. Aber ich hatte zu der Zeit ohnehin keine Lust auf Sex, weder mit noch ohne. Das Timing war also perfekt“, sagt Milan. „Direkt danach ging’s in den Urlaub: nach Tel Aviv zum Gay Pride.“

    Ab jetzt war also Sex ohne Kondom möglich, ohne die Angst, sich vielleicht einem HIV-Risiko ausgesetzt zu haben. Ohne den Psychostress und die Reue danach.

    „Es gibt dir etwas, aber es nimmt dir auch etwas weg.“

    Und wie war’s nun, endlich am Ziel zu sein? Milan schweigt, sucht nach den passenden Worten und wird dann wider Erwarten sehr ernst. „Es gibt dir etwas, aber es nimmt dir auch was weg“.

    Er versucht es zu erklären: „Ich kann nun so viel Sex haben, wie ich möchte, ohne darüber nachdenken zu müssen, und das mache ich jetzt auch. Ohne schlechtes Gewissen. Mein Sexleben ist seither wilder, aber andererseits habe ich das Gefühl, dass ich nicht mehr so einfach befriedigt bin. Ich erlebe mich als ziemlich wählerisch und verwöhnt, um nicht zu sagen: arrogant.“

    Mit der PrEP-Freiheit umgehen lernen

    So richtig kann er sich diese Entwicklung nicht erklären, nur vermuten „Ich glaube, dass mich die Freiheit, die mir die PrEP gibt, dahin gebracht hat. Das ist jedoch nicht die Schuld der PrEP, sondern meine eigene Unfähigkeit, mit dieser Freiheit umzugehen. Die PrEP ist nur ein Werkzeug, und man muss lernen, damit umzugehen. Und das umfasst mehr, als regelmäßig die Tabletten einzunehmen.“

    Dass die PrEP und die damit verbundenen Möglichkeiten des sexuellen Erlebens nachhaltige Wirkung haben würden, hat Milan nicht überrascht. Genau genommen war dies sogar einer der Gründe, warum er an der Studie teilnehmen wollte.

    „Ich bin neugierig darauf, was das mit mir macht.“

    „Ich wollte Sex ohne Gummi haben, ohne die Angst vor lebenslangen Konsequenzen einer HIV-Infektion. Und ich wollte am eigenen Leib erfahren, wie es für HIV-Positive ist, jeden Tag Tabletten einnehmen zu müssen. Ich bin neugierig darauf, was diese sexuellen Erfahrungen mit mir machen. Ob diese Zeit auf PrEP mich in meiner persönlichen Entwicklung weiterbringt, ob sich meine Lebenseinstellung und meine Haltung zur Sexualität verändern.“

    Hoffnung auf Veränderungen

    Milan ist nicht nur neugierig darauf, sondern er erhofft sich diese Veränderungen. Momentan nehme die Sexualität sehr großen Raum in seinem Leben ein, sagt er offen. Mehr sogar, als ihm eigentlich lieb ist.

    „Eigentlich möchte ich mich nicht immer nur mit Sex beschäftigen, sondern mich auf ernstere Dinge konzentrieren. Manche werden darüber sicherlich lachen, und vielleicht bin ich auch nur naiv. Mal sehen, wie ich in vielleicht einem Jahr darüber denke.“

    Vorerst aber nutzt Milan die neuen sexuellen Freiheiten in vollen Zügen. Online ist er kaum mehr unterwegs. „In einen Sexclub zu gehen ist wesentlich effektiver“, scherzt Milan. „Ich will nicht so viel Zeit mit Chatten verschwenden, um flachgelegt zu werden.“

    Regelmäßige Check-ups

    In regelmäßigen Abständen muss Milan im Rahmen der Studie zu einem Check-up. Dabei wird er zum einen wieder auf HIV und andere Geschlechtskrankheiten getestet. Zum anderen wird überprüft, ob es auffällige Veränderungen der Nierenwerte und der Knochendichte gibt – beides sind mögliche Nebenwirkungen der PrEP. Dass jemand die Behandlung die Behandlung abbrechen muss, weil er die Medikamente nicht vertrug, hat Milan mittlerweile sogar im engen Freundeskreis schon erlebt.

    „Ich hoffe, dass ich nicht mit der Studie aufhören muss.“

    Eigentlich ist Milans nächster Praxisbesuch auch erst in knapp vier Wochen, nun soll er aber schon früher vorbeikommen. Die Ergebnisse des letzten Check-ups liegen vor, da gebe es was zu klären. Was das nun bedeutet, weiß Milan nicht.

    Ob er sich was eingefangen hat und behandelt werden muss? Oder wurden etwa nachhaltige Nebenwirkungen der Medikamente diagnostiziert? „Ich hoffe nur, dass ich deshalb nicht mit der Studie aufhören muss“, sagt Milan. „Aber ich will mich jetzt nicht unnötig verrückt machen. Wird schon nichts Schlimmes sein.“

    Weiterführende Beiträge zum Thema:

    „Pillen zum Schutz vor HIV“: DISCOVER-Studie jetzt auch in Deutschland“ (magazin.hiv, 10.4.2017)

    Interview: „Seit ich die PrEP nehme, ist mein Sex viel entspannter“ (IWWIT-Blog, 3.7.2017)

    „PrEP? So was machen wir hier nicht!“ (magazin.hiv, 1.8.2017)

  • „Die Scham ist immer noch groß“ – Ben über seinen Aufklärungsunterricht an Schulen

    „Die Scham ist immer noch groß“ – Ben über seinen Aufklärungsunterricht an Schulen

    Ben Scholz besucht Schulklassen, um ehrenamtlich über Sex zu sprechen. Als der Kölner in seinem Aufklärungsunterricht irgendwann feststellte, dass er von den Schülern immer wieder die gleichen Fragen gestellt bekommt, startete er 2014 mit seinem Portal jungsfragen.de. In eigens produzierten Videos beantwortet Ben dort sowie über einen eigenen Youtube-Channel alles, was seine Kernzielgruppe, Jungs zwischen 12 und 16 Jahren, interessieren könnte.

    Ben, beobachtest du bei den Jungs in den Schulen ein Schamgefühl, wenn es darum geht, über HIV, andere STIs und entsprechende Tests beim Arzt zu sprechen?
    So richtig kann ich das eigentlich nicht bestätigen. Wenn ich in den Klassen über diese Themen spreche, merke ich eher, dass die Schüler hellhörig werden und dann alles ganz genau wissen wollen. Mein Eindruck ist, dass das Bewusstsein für die gesundheitlichen Risiken beim Sex durchaus vorhanden ist bzw. dann zum Vorschein kommt, wenn man es erst einmal wachgerüttelt hat und ihnen sagt: HIV und Aids gibt es leider immer noch. Oft werde ich direkt gefragt, wo man denn noch heute einen HIV-Schnelltest in der Stadt machen kann, sobald ich davon berichtet habe.

    Sind in den Klassen auch schwule Jungs, die dazu ganz normal stehen oder tun sich Schüler auch heute noch schwer, ihren Kumpels in der Klasse zu sagen: „Ich bin anders als ihr, ich bin schwul“?
    So schade es ist, aber wir befinden uns auch im Jahr 2016 noch lange nicht in einer Lage, in der man sich in der Schule einfach mal eben outen kann. Schwule Jungs beschäftigen sich deshalb auch meistens weniger mit klassischen Sex-Themen, sondern in erster Linie mit sich selbst und ihrer Identität, der viele eben doch auch skeptisch gegenüber stehen. Die Scham ist da noch ziemlich groß.

    Merkst du das auch direkt im Aufklärungsunterricht?
    Ja, mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass manche Jungs beim Thema Homosexualität mega in sich gekehrt sind und alles tun, damit kein Blickkontakt zu mir entsteht. All das geschieht aus Angst, dass es jetzt doch jemand „herauskriegen“ könnte. Dasselbe passiert übrigens auch dann, wenn ich über das Thema Vorhautverengung spreche. Wenn einer von den Jungs feststellt „Ohje, das ist bei mir genau so“, dann merkt man schnell, wie sie den Unterricht mental verlassen. Es gibt also doch ein paar Themen, bei dem die Scham richtig groß ist. Wobei das natürlich auch immer etwas mit der Klassengemeinschaft zu tun hat.

    Du bist nicht nur in Klassen unterwegs, sondern auch Betreiber des Portals jungsfragen.de. Suchen dort auch viele schwule Jungs Rat?
    Ja, sehr viele sogar. Gerade bei den schwulen Kids geht es dabei sehr oft um eine große Frage: „Wie kann ich mich outen?“. Bis es dann zum ersten Sex kommt, ist es oft noch ein längerer Weg. Trotzdem ist es natürlich wichtig, schon davor über Safer Sex und konkret über sexuelle Praktiken zu sprechen. So wie das bei Heteros oft viel selbstverständlicher passiert – und zwar auch mal auf dem Schulhof.

    Besteht dadurch auch das Risiko, dass schwule Jungs ihre ersten sexuellen Erfahrungen viel „heimlicher“ machen, eben, weil sie sich nicht trauen, mit Freunden darüber zu sprechen?
    Auf jeden Fall. Sie können in der Regel leider nicht, wie die Hetero-Kumpels, damit prahlen, dass man die Nacht zuvor entjungfert wurde. All das läuft ganz anders ab. Auch wenn es um die Frage nach einem Arztbesuch geht, etwa nach einem Risikokontakt, spielt das eine große Rolle. Wie sag ich es dem Arzt? Wie wird er auf den schwulen Kontakt reagieren? Bis zur Erkenntnis, dass sie das Normalste der Welt machen, vergeht oft mehr Zeit als bei Heteros.

    Hast du allgemeine Tipps und Tricks für Jungs parat, die noch am Anfang ihres Sexlebens stehen?
    Zunächst sage ich klipp und klar: Sex ist toll, Sex macht Spaß und ist das Beste der Welt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass man sich beim Sex mit irgendetwas anstecken kann. Aber natürlich beschwichtige ich auch. Denn zum Glück ist ja das meiste gut behandelbar. Selbst bei HIV gibt es bekanntlich sehr gute Therapiemöglichkeiten. Grobe Faustregel meinerseits ist: „Wer ein lustvolles Sexleben mit unterschiedlichen Leuten hat, sollte regelmäßig, zirka einmal jährlich, alle gängigen Tests und Untersuchungen machen.“

    Bei der Gelegenheit ist dann auch immer noch ein Tipp, am besten sofort einen Arzt aufzusuchen, sobald man einen Risikokontakt hatte, oder eine Veränderung am eigenen Körper beobachtet. Denn je schneller die Diagnose, desto besser und einfacher die Behandlung. Wenn mir zum Beispiel ein Junge schreibt, dass er einen Pickel am Penis hat, aber nicht zum Arzt will, dann werde ich manchmal auch ziemlich direkt und sag: Ja gut, dann musst du jetzt eben damit leben, dass dir der Pimmel abfällt. So verstehen sie es direkt, denn in Watte packen bringt bei denen nichts.

    Letzte Frage: Wie kam es, dass du selbst heute so locker mit all diesen Sex-Themen umgehst und eben keine Scham verspürst?
    Ich habe einfach irgendwann gemerkt, dass Sex das Normalste der Welt ist. Einfach jeder tut es, jeder masturbiert und warum sollte man nicht über etwas reden, das uns doch alle so sehr eint?

    Wie die Testhelden zum Thema „Scham“ stehen, erfährt ihr im Testhelden-Clip.

    Alle Jungfragen findet ihr hier: www.jungsfragen.de

    Benjamin Scholz-Blog
    „Sex ist toll, Sex macht Spaß und ist das Beste der Welt“, findet Ben. Er weiß aber auch, wie wichtig Schutz ist. Nicht zuletzt deswegen geht er in Schulklassen und gibt Aufklärungsunterricht.
  • Verpeilt – und sonst? Ergebnisse der Chemsex-Studie aus England

    Verpeilt – und sonst? Ergebnisse der Chemsex-Studie aus England

    GHB/GBL, Kokain, Ketamin, Crystal Meth und Mephedron – das Angebot an Sexdrogen, sprich Chems [‚K:ems‘], ist nicht klein. Chems verstärken die Geilheit und steigern Glückgefühle. Sie können aber auch zu Folgeschäden führen.

    Chems2
    GHB/GBL, Kokain, Ketamin, Crystal Meth und Mephedron – das Angebot an Chems ist nicht klein. (Foto: iwwit.de)

    Um mehr über den Drogenkonsum schwuler Männer zu erfahren, haben britische Forscher in drei Londoner Bezirken mit überdurchschnittlich hohem schwulen Bevölkerungsanteil eine Studie durchgeführt. Dazu gehörte auch eine Befragung von 30 Männern, die im Jahr zuvor Chems beim Sex konsumiert hatten. Die vor Kurzem veröffentlichten Ergebnisse der Chemsex-Studie sind also nicht repräsentativ, erlauben aber trotzdem Rückschlüsse auf den Drogengebrauch auch in deutschen Großstädten. Hier das Wichtigste zusammengefasst:

    Auswirkungen auf das sexuelle Empfinden und die sexuelle Leistungsfähigkeit:

    Ein Großteil der 30 Befragten …

    • steigert mit Chems die Geilheit und hat längeren, vielseitigeren und gewagteren Sex, zum Teil auch mit mehreren Männern.
    • nimmt Chems, um Schwierigkeiten mit dem eigenen Selbstwertgefühl/dem sexuellen Selbstvertrauen zu überwinden.
    • ist trotz der Steigerung des sexuellen Erlebens mit seinem Sexleben nicht zufrieden.

    Einige der Befragten sagten, dass sie …

    • ohne Chems gar keinen Sex mehr haben können.
    • darüber besorgt waren, mit Chems die eigenen sexuellen Grenzen überschritten zu haben, was sie wiederum bereuten.
    Alt-Sucht+Drogenbericht
    Am 2. Juli 2014 ist der 1. Alternative Drogen- und Suchtbericht erschienen. (Foto: DAH)

    Was noch?
    „Slamming“, das heißt das Spritzen von Drogen – insbesondere von Crystal Meth – kommt insgesamt deutlich seltener vor als gedacht, nämlich bei 3,5 Prozent der gut 1.100 schwulen Männer aus den drei untersuchten Londoner Stadtteilen, zu denen es aktuelle Daten gibt. Von den 30 Befragten dagegen hatte ein Drittel kürzlich Crystal Meth oder Mephedron gespritzt. Sie erklärten, dann noch extremeren Sex zu haben als bei anderen Formen der Einnahme.
     

    Drogen und HIV-Risikoverhalten:

    Etwa ein Viertel der Teilnehmer …

    • hatte das Gefühl, sein Handeln kontrollieren zu können, und hatte Sex mit begrenzter Wahrscheinlichkeit einer Übertragung von HIV oder einer anderen sexuell übertragbaren Infektion.
    • war selbst HIV-positiv und hatte bewusst ungeschützten Analverkehr mit Männern, von denen sie glaubten, sie seien ebenfalls HIV-positiv.

    Aber: Knapp ein Drittel fand es schwierig, sich unter Drogen zu kontrollieren, und ging das Risiko einer Übertragung von HIV oder anderer sexuell übertragbarer Infektionen ein.

    Was noch?
    Nur ein kleiner Teil der Männer suchte nach risikohaftem Sex und fühlte sich durch die Einnahme von Drogen noch risikobereiter, überschritten sexuelle Grenzen und lebten Fantasien aus.
     

    Negative Erfahrungen und Folgeschäden:

    Immer wieder erklärten die Männer, dass …

    • Chems negative Einflüsse auf soziale Bindungen, Karriere und auf Beziehungen haben.  
    • sie nach dem Gebrauch viel Zeit für eine Erholung benötigten.
    • sie Angst vor einer Überdosierung (besonders von GHB/GBL) hatten.
    • sie eigene Erfahrungen hatten bzw. von Dritten wussten, die wegen Überdosierungen unter Panikattacken und Krämpfen ins Krankenhaus eingeliefert wurden.
    Chems3
    Die Angst vor einer Überdosierung – besonders von GHB/GBL – ist bei einigen Männern vorhanden. (Foto: iwwit.de)

    Was noch?
    Einige Männer berichteten über Verfolgungswahn, Angstzustände oder Aggressionen, akute manische Schübe oder psychotische Episoden, die behandelt werden mussten.
    Trotz des eigenen Konsums zeigten sich die meisten Männer besorgt über mögliche Auswirkungen von Chemsex auf die schwule Szene.

    Eine deutsche Kurzfassung mit mehr Infos gibt’s hier: https://www.hivreport.de/

    Weitere Ergebnisse sowie Details zur Untersuchung findet ihr in Englisch unter: http://www.lambeth.gov.uk/sites/default/files/ssh-chemsex-study-final-main-report.pdf.

    Wer grundsätzlich mehr über das Thema erfahren möchte, findet auf der ICH WEISS WAS ICH TU-Website unter https://neu.iwwit.de/themen/drogen die wichtigsten Infos.

    Am 2. Juli 2014 wurde der 1. Alternative Drogen- und Suchtbericht veröffentlicht, dessen Mitherausgeber die Deutsche AIDS-Hilfe ist. Er soll dazu beitragen, das vorhandene Wissen über Prävention und Drogenhilfe in eine dauerhaft erfolgreiche Drogenpolitik zu übersetzen. Zum vollständigen Bericht: http://www.aidshilfe.de/sites/default/files/Alternativer%20Sucht%20und%20Drogenbericht%202014.pdf

  • „Die Veränderung hat im Kopf stattgefunden und nicht zwischen den Beinen.“ – Gespräch mit einem PrEP-Aktivisten

    „Die Veränderung hat im Kopf stattgefunden und nicht zwischen den Beinen.“ – Gespräch mit einem PrEP-Aktivisten

    „Ficken nur mit Gummi!“. Diese Regel war über viele Jahre gesetzt. Seit einiger Zeit jedoch zeigt die Wissenschaft: Safer Sex ist auch ohne Gummi möglich – wie es Schutz durch Therapie oder die PrEP (Präexpositionsprophylaxe) zeigen. Gerade die letztgenannte Präventionsmöglichkeit sorgt derzeit für Furore. Das Prinzip: HIV-Negative nehmen eine Tablette täglich ein, um sich vor HIV zu schützen. Was in den USA schon seit 2012 offiziell empfohlen wird, ist in der EU aktuell jedoch nur über Umwege möglich. Ein Skandal, findet unter anderem Emmanuel. Der 30-Jährige Berliner PrEP-Aktivist mit französisch-israelischen Wurzeln kann sich ein Leben ohne den Schutz durch die Tablette kaum mehr vorstellen.

    Emmanuel, du bist vor fünf Jahren nach Berlin gezogen. Wie dachtest du früher über Safer Sex?
    Meine Weltsicht war bis dahin ganz einfach: Wir benutzen fast alle Gummis. Manchmal passiert zwar ein Unfall, dann kann es zu einer Infektion kommen, aber letztendlich kennen ja alle die Risiken und lassen sich regelmäßig testen. Die einzige Möglichkeit ohne Gummi ficken zu können, ist in einer monogamen Partnerschaft, nachdem man vorher gemeinsam zum Test gegangen ist. Nur dann gibt es den offiziellen „Stempel“ mit der Erlaubnis zum kondomlosen Ficken.

    Aber so einfach war die Welt dann doch nicht.
    Ja, denn es wurde immer deutlicher, dass das althergebrachte Schwarz-Weiß-Denken nicht mehr funktioniert: „Positiv“ und „Negativ“ oder „Safe“ und „Unsafe“ – was sagt das heute aus? Wir wissen inzwischen ja, dass man sich bei einem HIV-Positiven in erfolgreicher HIV-Therapie nicht infizieren kann. Dagegen gibt es viele vermeintlich HIV-Negative, die von ihrer Infektion nichts wissen, und ohne Gummi unterwegs sind…

    Emmanuel_3
    Weil er es untragbar findet, dass in Deutschland der Zugang zur PrEP fast unmöglich ist, ist Emmanuel PrEP-Aktivist geworden. (Foto: iwwit.de)

    Zeit und Erfahrung haben mir gezeigt, dass sehr viele Typen doch keine Gummis benutzen, oder nur unter Druck. Ich wurde oft abgelehnt, weil ich nicht bare ficken wollte. Dann gab es auch zwei Fälle, wo das Gummi „verschwunden“ bzw. “weggerutscht“ ist. – Das hat mein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle zerbrochen.

    Und was hat dich zur PrEP geführt?
    Ich kam ich zu einem Punkt wo ich entscheiden musste, entweder lebe ich mit ständiger Angst vor HIV, weswegen ich Sex auch nicht uneingeschränkt genießen kann. Oder ich gebe auf und akzeptiere, dass HIV kein „wenn“ sondern ein „wann“ ist. Ich habe immer wieder junge Männer mit dieser Einstellung getroffen: „Ich werde sowieso irgendwann HIV bekommen. Wenn es passiert, dann lasse ich mich einfach behandeln.“ Diese Einstellung kam für mich aber nicht in Frage.

    Glücklicherweise habe ich an diesem Zeitpunkt von der PrEP erfahren, und wusste sofort, das ist genau die dritte Option die ich brauche.

    Was hat dein Umfeld gesagt, als du mit der PrEP begonnen hast? Wie waren die Reaktionen?
    Das war sehr unterschiedlich. Bei Heteros kam das eigentlich sehr gut an. Die Schwulen dagegen hatten schon Probleme damit und waren teils ziemlich moralisch. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass es manchen Schwulen nach 30 Jahren „Condom only“-Botschaft schwerfällt, diese fast schon heilige Botschaft aufzugeben. Immerhin haben wir ja alle gelernt: Analverkehr ohne Gummi ist eine „Sünde“. Und jetzt kommt jemand, der meint, Sex ohne Gummi sei nicht mehr unsafe?!

    Hat sich dein Sexleben mit der PrEP verändert?
    Ich hatte mit der PrEP anfangs eine ziemlich wilde Zeit, und habe einiges ausprobiert (lacht)… Und jetzt weiß ich besser, wo meine Grenzen liegen. Die viel größere Veränderung hat letztlich im Kopf stattgefunden und nicht zwischen den Beinen. Plötzlich war es mir möglich, eine Nähe und Intimität zuzulassen und zu fühlen, die ich bisher nicht von mir kannte. Auch mein Alltag ist seitdem anders. Die Angst vor HIV war bei mir oft im Hinterkopf – diese ständige Rechnungen, mit wem habe ich was getan und wo könnte ein Risiko bestehen, haben mit der PrEP aufgehört. Vor der PrEP hatte ich gar keine Ahnung, wie viel Einfluss die Angst auf mein ganzes Leben hat – und eben nicht nur auf mein Sex-Leben.

    Was sagst du zu den Gegnern, die behaupten, PrEP würde ein Tor zu anderen sexuell übertragbaren Infektionen öffnen?
    Jeder der PrEP unter ärztlichen Aufsicht nimmt wird alle 3 Monaten auf STI untersucht und falls nötig auch behandelt. Ja, es gibt genug anderen Mist. Das sind meistens Schmierinfektionen gegen die Kondome nur teilweise schützen, und die Hälfte der Fälle ist oft symptomlos. Wer behauptet, er brauche nicht regelmäßig beim Arzt Abstriche machen zu lassen, weil er immer mit Gummi fickt und keine Symptome hat, wiegt sich und seine Partner in einer falschen Sicherheit.

    PrEP könnte die Lage ändern – endlich würden sich genau die Männer, die davon am meisten profitieren könnten, häufig vom Arzt beraten und auf STI testen lassen! Könnte das nicht sogar zu einem Rücktritt der Tripper-Epidemie führen?

    Du hast angefangen, dich als Aktivist für die PrEP einzusetzen. Warum?
    Weil ich es traurig finde, dass junge Schwule das Risiko einer Infektion bewusst eingehen, während es schon seit 4 Jahren eine neue, zusätzliche Schutzmöglichkeit gibt! Und auch weil ich es untragbar finde, dass in Deutschland der Zugang zur PrEP fast unmöglich ist. Wenn das Thema nicht so moralistisch geladen wäre, oder wenn HIV ein Problem der Heterogesellschaft wäre, wäre PrEP schon längst verfügbar. Ich will anderen in der Community den Zugang zur PrEP einfacher machen.

    Wie setzt du dich für die PrEP konkret ein?
    Ich habe erstmal einen Planetromeo-Club gegründet, um Information zu verbreiten über wie man in Deutschland an die PrEP kommen kann („PrEP-info-DE“). Aber das reicht natürlich nicht. Als nächsten Schritt hoffen wir, bald eine eigene Website und eine Facebook-Gruppe zu haben. Es gibt andere Aktivisten, die viel machen – zum Beispiel die LoveLazers, oder PANSY, die ab dem 28.04.2016 einen monatlichen Abend rund um Sex und Drogen organisiert: https://www.facebook.com/LetsTalkAboutSexAndDrugs 

    PrEP ist schon eine Realität. Las uns die Chance nicht verpassen, es richtig einzusetzen. Nur so haben wir eine Chance, die HIV-Neuinfektionsrate zu senken!

    Emmanuel_2
    Emmanuel ist seit Sommer 2015 „PrEPster“. (Foto: iwwit.de)
  • Volle Dröhnung – Die Kinodokumentation „Chemsex“

    Volle Dröhnung – Die Kinodokumentation „Chemsex“

     

    „Chemsex“ taucht tief in die schwule Drogen- und Sexparty-Szene Londons ein. Die Bilder und Geschichten lassen niemanden kalt – und stehen beispielhaft für ein internationales Phänomen.

    Es gibt hier keine langen erklärenden Vorreden, sondern es geht gleich zur Sache. Die Filmemacher William Fairman und Max Gogarty beginnen ihre Dokumentation mit einer authentischen Szene aus dem schwulen Alltag in London. Ein junger Typ sitzt auf seinem heimischen Sofa, plaudert und setzt sich währenddessen einen Schuss. So würde man dass bei einem Heroinjunkie formulieren. Schwule aber, die sich Crystal Meth spritzen, haben dafür den schickeren Begriff „Slamming“ gefunden. Klingt einfach cooler und nicht so abgerockt , wie ein Protagonist später erklären wird. Zunächst aber ist erst einmal die Wirkung der Droge zu beobachten. Während der Typ sich weiter mit den Filmemachern unterhält, die Augen dabei immer weiter aufreißt, beginnt er unruhig auf Grindr nach einem Sexpartner zu suchen.

    „Chemsex“, eine Produktion des Onlinemagazins VICE, ist nichts für Zartbesaitete. Ein gutes Dutzend schwuler Männer erzählt in diesem 80-Minuten Film ihre Geschichten. Geschichten von tagelange Sexsession unter Crystal Meth, GHB, Ketamin und andere chemischen Drogen, von grenzenloser Geilheit und völliger Entgrenzung beim Sex. Dank der Drogen, sagt einer der Interviewten, konnte er sich „wie ein Pornostar fühlen“. Doch auch die Schattenseiten bleiben nicht unerwähnt, und so berichten die Männer gleichermaßen von den Folgen ihrer Abhängigkeit: zum Beispiel vom Verlust des Jobs, der Wohnung dem damit verbundenen sozialen Absturz und immer wieder auch von den gesundheitlichen Folgen. Fast alle der Interviewpartner haben sich im Laufe ihrer Chemsex-Karriere mit HIV, Syphilis und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten infiziert, vielen ist der Drogenkonsum deutlich ins Gesicht geschrieben.

    In „Chemsex“ erzählen sie nicht nur offen über ihre Erfahrungen, sie lassen das Filmteam auch an ihrem Leben teilhaben –und damit sind Besuche in Sexclubs ebenso gemeint wie Chemsessions zuhause, auf privat organisierten Partys, aber auch der Gang zur Beratung in die 56 Dean Street. Die dort ansässige Klinik für Sexualkrankheiten des staatlichen Gesundheitssystems NHS ist die größte in Großbritannien und die einzige, die sich speziell auch an Chemsex-Konsumenten richtet. Rund 7000 schwule Männer nutzen das Angebot jährlich, die Hälfte von ihnen hat Erfahrungen mit harten Drogen und Chemsex-Partys.

    Dass der Dokumentarfilm „Chemsex“ viele Zuschauer emotional nicht kalt lassen dürfte, liegt an zweierlei: Zum einen, weil die Protagonisten – allesamt auf ihre Art attraktive, sympathische und zumeist noch recht junge Männer – ungemein offen, direkt und ehrlich über ihr Sucht bzw. ihr Sex- und Drogenleben Auskunft geben. Zum anderen, weil die Filmemacher diese Form des schwulen Lebensstils weder verurteilen noch als reißerische Sensationsgeschichte aufbauen. Im Gegenteil, ihre Doku bleibt angesichts der vielen Drogen, die im Laufe dieser 80 Minuten konsumiert werden, auffallend nüchtern und wertfrei.

    Chemsex-pro-fun2-Blog
    Szene aus „Chemsex“

    Diese Haltung war sicherlich auch ausschlaggebend, um eine Vertrauensgrundlage für die Interviewpartner und damit die Voraussetzung für diese im besten Sinne intimen Einblicke zu schaffen. Deutlich wird aber auch, dass diese endlosen Orgien bleiben für die meisten letztlich unbefriedigend bleiben. 5 bis 15 Sexpartner, so David Stewart von Sexualgesundheitsklinik, haben schwule Männer laut einer Erhebung während eines Chemsex-Wochenendes. Wirklich erfüllend aber sind diese Erlebnisse offenbar nicht. Zurück bleibt eine Leere, die man dann mit noch mehr Sex und noch mehr Drogen auszufüllen versucht. „Chemsex gab mir das Selbstvertrauen, das ich sonst nicht hatte“, sagt einer der Interviewpartner.

    Verinnerlichte Scham über die eigene Sexualität, das Gefühl sich nicht begehrt und nicht geliebt, zurückgewiesen sowie in der Familie und der Gesellschaft als schwuler Mann nicht selbstverständlich angenommen zu fühlen – dies sind nur einige Aspekte dieser komplexen Zusammenhänge, die zu dieser in vielen internationalen schwulen Metropolen wachsenden Chemsex-Subkultur führten, erklärt David Stewart. Er unterstützt in seinen Beratungen schwule Männer dabei, aus diesem “teuflischen Kreislauf aus Sex, Sucht und Abhängigkeit“ herauszufinden.

    „Chemsex“ kann das Phänomen nicht abschließend erklären, diese Dokumentation hilft aber definitiv dabei, es besser zu verstehen – nicht mehr und nicht weniger. Chemsex, sagt Ko-Regisseur William Fairman, sei ein kontroverses Thema und zugleich ein großes Tabu innerhalb der schwulen Szene. „Wir wollten mit diesem Film eine längst überfällige Debatte anstoßen und hoffen, dass nun endlich offen darüber gesprochen wird.“

    „Chemsex“. Regie William Fairman, Max Gogarty. Großbritannien 2015, 83 min., OmU. (Pro-fun; erhältlich als DVD, Video on Demand und Download)

    Chemsex-pro-fun-Blog
    „Chemsex“ lässt sicherlich niemanden kalt. „Wir wollten mit diesem Film eine längst überfällige Debatte anstoßen und hoffen, dass nun endlich offen darüber gesprochen wird,“ so die Macher des Filmes.
  • Im Fummel in die Schule – Die Drag-Queen Betty BBQ an einer Realschule in Baden-Württemberg

    Im Fummel in die Schule – Die Drag-Queen Betty BBQ an einer Realschule in Baden-Württemberg

    Stell dir vor, du gehst in Baden-Württemberg zur Schule. Würdest du erwarten, eines Tages in die Klasse zu kommen und von einer Drag Queen über Schwule, Lesben, Bisexuelle und Trans*-Menschen aufgeklärt zu werden? Betty BBQ hat genau das gemacht. Wir haben mit ihr und dem Lehrer Daniel Hey gesprochen.

    Betty BBQ  an einer Realschule in Baden-W (Foto: Betty BBQ)
    Betty BBQ klärte an einer Realschule in Baden-Württemberg über Schwule und Lesben auf. (Foto: Betty BBQ)

    Betty, du hast an einer Realschule in Baden-Württemberg Aufklärungsunterricht im Fummel gegeben. Wie kam es dazu?

    (Betty BBQ) Ganz einfach, ich wurde darum gebeten. Der Lehrer Daniel Hey kam auf mich zu und hat mich gefragt. Und letzten Endes hat er mich auch überzeugt.

    Du wolltest also eigentlich nicht. Warum nicht? Welche Erwartungen hattest du?

    (Betty) Wir wissen ja alle, in der Schule wird nicht viel über „Anderssein“ gesprochen. Und manche Vorbilder junger Menschen verteufeln das „Anderssein“ oder sind direkt homophob, wie es im Hip Hop oft der Fall ist. Deshalb hatte ich ehrlich gesagt nicht viele Erwartungen und hatte auch ein bisschen Schiss.

    Daniel, warum wolltest du, dass Betty im Fummel in die Schule kommt?

    (Daniel Hey) Zwei Aspekte waren für mich wichtig: Zum einen wollte ich den Schülern eine Blick in eine Lebenswelt ermöglichen, die sie bisher noch nicht kannten. Zum anderen fungiert Betty als „Queer“-Spezialistin, die den Jugendlichen all das erklären kann, was ihnen rund um die Themen LGBT und Queer noch unbekannt war.

    Wie ist es gelaufen?

    (Betty) Sehr gut, ich habe eine sehr interessierte Klasse vorgefunden und meine Bedenken waren schnell verflogen.

    Was hast du konkret gemacht?

    (Betty) Ich hab über meine Aktivitäten als Drag Queen und über meine ehrenamtliche Arbeit bei GenTLe Man, dem Präventionsprojekt der Aids-Hilfe Baden-Württemberg gesprochen. Danach habe ich die Fragen der Jugendlichen beantwortet.

    Drag-Queen Betty BBQ  war froh, dass ihr schlaue und interessierte Fragen gestellt wurden. (Foto: Betty BBQ)
    Betty war überrascht über die schlauen und interessierten Fragen. (Foto: Betty BBQ)

    Welche Fragen haben sie dir gestellt?

    (Betty) Wie schon erwähnt, hab ich mit kaum was Gutem gerechnet. Ich wurde allerdings von schlauen und ehrlich interessierten Fragen überrascht. Es gab Fragen zu Queer-Themen, direkt zu Homophobie oder die Standardfrage wie lange ich zum Schminken brauche (lacht). Und das Tollste: Es gab keine einzige Frage unterhalb der Gürtellinie.  

    Wie hast du die Stunde empfunden, Daniel?

    (Daniel) Ich fand’s auch toll. Ich bin davon überzeugt, dass mangelnde Toleranz auf Angst vor dem Unbekannten beruht. Mit dem Besuch von Betty wollte ich erreichen, dass die Jugendlichen in einem für sie sicheren Rahmen Berührungspunkte zu jemandem bekommen, die sie sonst nicht erfahren würden. Als „Botschafterin für Toleranz“ hat Betty dazu beigetragen, andere Lebensformen aus der „Freak-Ecke“ zu holen.

    Was hat eigentlich das Kollegium oder der Direktor zu Betty Besuch gesagt?

    (Daniel) Das Kollegium war größtenteils von der Idee angetan und zeigte sich interessiert an dem Unterrichtsvorhaben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass einige Lehrer ebenfalls an Besuchen von Betty interessiert sind und kann diese auch nur wärmstens empfehlen. Meine Schule hat das Glück, einen sehr offenen Rektor zu haben, der mir die für den Besuch nötigen Freiheiten überließ. Kritische Stimmen hingegen gibt es immer, was auch berechtigt ist, da nur im gemeinsamen Dialog Entwicklungen stattfinden können, die für alle Seiten tragbar sind.

    Die Debatte über den Bildungsplan in Baden-Württemberg schlug bundesweit hohe Wellen. War der Bildungsplan Thema bei deiner Unterrichtsstunde?

    (Betty) Die Stunde war ja quasi Bildungsplan, wie er idealerweise sein sollte (lacht). Als solcher war er aber kein Thema.

    Deine Sicht Daniel: Ist die Bildungsplanreform an eurer Schule ein großes Thema?

    (Daniel) Das war es, ja. Kollegen zeigten sich schockiert von der Petition, die sexuelle Vielfalt aus dem neuen Bildungsplan verbannen wollte. Sie verwiesen per Mail und Aushang auf die Gegenpetition und zeigten also ihre Unterstützung für das Vorhaben der Landesregierung. Dies führte in den darauffolgenden Tagen zu kontroversen Diskussionen im Lehrerzimmer, die ich als gewinnbringend betrachte.

    Homophobe Menschen haben eine anti-homosexuelle Einstellung. (Foto: DAH)
    Homophobe Menschen haben eine anti-homosexuelle Einstellung. (Foto: DAH)

    Grundsätzlich: Hast du das Gefühl, dass ihr in Baden-Württemberg homophober seid als anderswo?

    (Betty) Das möchte so nicht sagen, aber ich glaube durchaus, dass eher ländliche Regionen größere Probleme haben. Auch meine Heimatstadt, die Schwarzwald-Metropole Freiburg, hat noch großen Nachholbedarf. Deshalb ist es ja wichtig an Schulen zu gehen. Wenn abends dann am Esstisch mal nicht über Schwule oder andere Minderheiten geschimpft wird, sondern ernsthaft über Toleranz diskutiert wird, habe ich schon was erreicht.

    Am Samstag, 17. Mai ist Internationaler Tag gegen Homophobie. Wie sieht es bei dir aus: Wurdest du schon diskriminiert?

    (Betty) Natürlich! Als Drag Queen stehe ich ja quasi an der Front. Wenn ich direkt angesprochen oder angepöbelt werde, kann ich das mit der Schlagfertigkeit einer Drag Queen regeln. Von körperlichen Angriffen wurde ich bis jetzt zum Glück verschont.
    Aber solche Vorfälle geben mir Kraft, weiterzumachen. Ich habe den Vorteil, dass all das mit der Kunstfigur Betty BBQ nach einem langen Tag in der Dusche im Abfluss weggespült wird. Das kann nicht jeder und diese Schwulen und Lesben, Bisexuellen und Trans*-Menschen brauchen unsere Solidarität und Unterstützung im Kampf für Gleichstellung und Akzeptanz.

    Hier findet ihr eine Übersicht, in welchen Städten es am 17. Mai Aktionen gegen Homophobie gibt: http://de.rainbowflash.info/

  • Sicherheitsgefühl im Arsch?

    Sicherheitsgefühl im Arsch?

    Im „Präejakulat“ spiegelt sich das ganze Drama um Safer Sex, für Aidshilfe-Berater ist der stete Lusttropfen die Königsdisziplin. Denn wer glaubt schon, was er weiß? Eine Glosse von Holger Wicht

    So nett sehen sie aus, bevor sie feucht werden!

    Wahrscheinlich ist es noch niemandem aufgefallen, aber das männliche Glied erinnert in gewisser Weise an Gremlins: Wenn es feucht wird, wird’s ernst.

    Man muss das vielleicht erklären: Der Film „Gremlins – Kleine Monster“ drehte sich 1984 um hinreißende Kuscheltiere, die sich aber rasch zu bissigen Bestien wandeln konnten. Wenn Sie mit Flüssigkeit in Berührung kamen, nahm das Unheil seinen Lauf.

    Nun wird ein Penis bekanntlich nicht bissig, wenn er mit … sagen wir mal … Speichel in Berührung kommt. Sobald aber beim Oralverkehr Flüssigkeit aus dem Penis heraus kommt, zieht sich der Bläser nicht selten erschrocken zurück, denn der Tropfen verheißt Unheil. Das liegt an 30 Jahren HIV-Prävention: „Raus bevor es kommt!“ – diese Botschaft haben die meisten Menschen zutiefst verinnerlicht. Wer Sperma in den Mund bekommt, so haben wir’s gelernt, riskiert eine HIV-Infektion.

    Nun kann der Lusttropfen zwar laut Dr. Sommer dann und wann schwanger machen, ist aber kein Sperma. Wissenschaft und Prävention haben für die – wie es so unschön heißt – Vorflüssigkeit von Anfang an eine eindeutige Sondergenehmigung ausgestellt:  Die Viruskonzentration darin reiche für eine HIV-Übertragung beim Oralverkehr nicht aus. Etwas lyrischer formuliert: Von den ersten Frühlingsboten bekommt man keinen Sonnenbrand.

    Sperma nee, Lusttropfen okay? Wer hat diese Botschaft je so einfach geschluckt?

    So einfach könnte es also sein: Sperma nee, Lusttropfen okay. Aber mal ehrlich, diese  Botschaft wie auch den edlen Tropfen selbst haben die meisten von uns doch nie ohne weiteres geschluckt. Für viele Menschen ist der Lusttropfen ein Liebestöter. Und von Anbeginn bis heute ist er die Königsdisziplin des Beratungsgesprächs. Denn in diesem Tröpfchen Körperflüssigkeit spiegelt sich das ganze Universum von Safer Sex, all das Wissen von Übertragungswahrscheinlichkeiten wie all die Ängste und Eventualitäten, die Menschen keine Ruhe lassen.

    … aber dann!

    Anders formuliert: Wir wissen, dass nichts passieren kann – aber lässt uns das ruhig blasen?

    In der Realität sieht’s doch so aus: Solange wir nix sehen und schmecken, ist alles okay, dann wird uns das bisschen Flüssigkeit nicht umbringen. Sobald der Lusttropfen sich aber in die Wahrnehmung drängt, kann er, so klein er ist, erdrutschartige Sorgen ausschwemmen.

    Es geht ja schon damit los, dass es sich nicht immer nur um einen Tropfen handelt; man wird mit sehr verschiedenen Mengen konfrontiert. Und wenn es sich eben mal nicht um einen Lusttropfen, sondern um ein Lustrinnsal oder gar einen Luststrom handelt – ist das nicht vielleicht gerade die Ausnahme von der Safer-Sex-Regel? Summieren sich dann nicht die extrem wenigen Viren pro Mikroliter und überschreiten die gefährliche Grenze?

    Ist das überhaupt noch Vorflüssigkeit? Oder nicht vielleicht doch schon Sperma? Es gibt Männer mit viel Vorflüssigkeit und Männer mit spärlichem Sperma. Konsistenzen variieren. Beide Flüssigkeiten kommen kurz nacheinander aus derselben Öffnung. Lusttropfen und Ejakulat – das sind für den Praktiker Begriffe mit geringer Trennschärfe!

    Und mal ehrlich: Dass eine „geringe Viruskonzentration“ für eine Infektion nicht ausreicht, das ist doch eh ein arg wackliges Konstrukt. Jetzt hört man auch noch, im Rektum sei der Lusttropfen sehr wohl gefährlich. Da ist doch das Sicherheitsgefühl endgültig im Arsch!

    Und überhaupt: Heute Nacht habe ich mir auf die Zunge gebissen, nach dem Abendessen mein Zahnfleisch mit Zahnseide aufgesäbelt und Schleimhäuten ist eh nicht zu trauen. Ist da dem Virus nicht jetzt, in diesem konkreten Fall, doch Tür und Tor geöffnet?

    Mit dem Lusttropfen Freundschaft schließen?

    Es ist ein Reigen irrationaler Ängste, die der Lusttropfen nährt, und sie sind umso schwerer handhabbar, weil ein paar berechtigte Zweifel mitschwingen. So ist das beim Safer Sex: Während wir nach voller Hingabe streben, rechnen wir heimlich in Wahrscheinlichkeiten – und stets mit dem Schlimmsten. Restrisiken sind in Kauf zu nehmen – schummeln sich aber aufgeblasen in den Vordergrund, weil Angst eine der geschicktesten Illusionistinnen unter der Sonne ist.

    Mit Informationen kann man sie nicht immer aus dem Feld schlagen, die Angst, aber immerhin in ihre Grenzen weisen. Zum Glück wissen wir heute, dass selbst die volle Ladung Sperma im Mund im Vergleich zum ungeschützten Analverkehr nur ein geringes Risiko bedeutet. Vielleicht hilft uns das, mit dem Lusttropfen Freundschaft zu schließen?

    Wenn nicht, empfehle ich die Beratungsangebote der Deutschen AIDS-Hilfe. Dort kennt man das Thema schon.

    Die Wahrheit über den Lusttrofen aus der Forschung