Autor: admin

  • Hepatitis C in der (Sexparty-)Szene

    Hepatitis C in der (Sexparty-)Szene

    Franz und Manuel fisten gerne. Ist die Hand im Arsch, haben sie oft Hepatitis C im Kopf. Denn als HIV-Positive können sie sich leichter eine Ko-Infektion holen. Hier erzählen sie, wie sie ihre Sex-Sessions mit Vorsicht genießen.

    Franz mag es nicht, wenn es beim Sex ganz dunkel ist. „Ich möchte noch genug Licht haben, um zu sehen, ob auf meinem Handschuh eine auffällige Blutspur ist.“ Franz ist 56 Jahre alt, HIV-positiv, Leder-Fan, und Franz fistet gerne. „In letzter Zeit bin ich noch ein paar Prozente vorsichtiger geworden“, erzählt der Augsburger. Binnen drei Monaten hat er von vier guten Bekannten erfahren, dass sie sich mit Hepatitis C angesteckt haben. „Danach bin ich vorsichtshalber auch zum Check gegangen – außer der Reihe.“ Zweimal im Jahr lässt sich Franz sowieso auf sexuell übertragbare Krankheiten testen, auch ein Hepatitis-C-Test ist dabei. „War aber nix“, sagt Franz erleichtert.

    Schwule Männer mit HIV infizieren sich häufiger mit Hepatitis C als HIV-negative Männer. Ein möglicher Übertragungsweg: Sexpartys, auf denen die Partner häufig wechseln. Franz‘ Eindruck: „Das ist so eine Mischung aus Fist- und Fick-Szene. Wenn das die ganze Nacht durchgeht, bleibt es ja oft nicht bei einer Faust. Und kleinere Verletzungen passieren beim Fisten allemal.“

    Sicherheitsgurt bei der Fist-Session

    Auch Manuel (30) aus Berlin fistet gerne. Meist trifft er sich mit drei Fuckbuddys zu einer „Session“. 2011 hat es ihn erwischt: Hepatitis C – eine typische Ko-Infektion, denn auch Manuel ist HIV-positiv. Ein Jahr lang dauerte die Therapie. Sie hatte heftige Nebenwirkungen, aber war wirkungsvoll: Die Viren sind weg, Manuels Arzt bestätigte ihm gerade erst wieder „Leberwerte zum Vorzeigen“. Die heftige Erfahrung aber bleibt im Kopf. „Der Sex nach der Hep ist schon ein anderer als davor“, sagt der Journalist. „Wenn ich jetzt mit neuen Leuten anfange zu spielen, schaue ich erst mal, wie die agieren“, berichtet er.

    „Fisten ist nun mal eine sexuelle Spielart, wo Entspannung im Kopf wichtig ist“, sagt Manuel. „Beim Fisten geht es um das tiefe Vordringen des Partners und das Ausgefüllt-Sein im Inneren“, erklärt Manuel. „Ob die Hand in mir einen Handschuh anhat oder nicht, ist da nicht so wichtig.“ Der Handschuh schaffe sogar einen kleinen zusätzlichen Moment der Sicherheit – und hilft so beim Entspannen.

    „Von Hepatitis C fühlt sich kaum jemand betroffen“

    Aus seiner Hepatitis-C-Infektion hat Manuel kein Geheimnis gemacht. Die Information stand damals sogar in seinem Gayromeo-Profil. „Die Reaktionen waren neutral“, erinnert er sich. „Im schlimmsten Fall wurden meine Anfragen freundlich abmoderiert.“ Nur einmal gab es einen User, der ihn mit Nachrichten beschoss: Ihr seid unverantwortlich! Ihr schädigt das Solidarsystem! „Da war ich aber nicht das einzige Opfer“, sagt Manuel. „Online hat man immer ein paar Verrückte.“

    Insgesamt reagiert die schwule Fetisch-Community eher gleichgültig auf das gestiegene Hepatitis-C-Risiko, das hat auch Franz beobachtet. „Von Hepatitis C fühlt sich kaum jemand betroffen. Die Leute sagen sich: Mit Fisten hab ich eh nichts am Hut“, erzählt Franz. Und im Gegensatz zu HIV könne Hepatitis C geheilt werden. „Mit HIV hast du halt dein Lebtag zu tun“, sagt Franz, der seit über 20 Jahren mit HIV lebt. „Als HIV-Träger wirst du deshalb in der Szene nach wie vor mehr diskriminiert.“

    Keine offene Diskriminierung, sondern höfliche Distanzierung – so reagieren die meisten Männer, wenn sie von Hepatitis C erfahren. Doch der Rückzug sei ein entscheidender Fehler, findet Manuel. „So erfährt man nie, wie die Infektion passiert ist und wie man sich schützen kann.“ Und dem Gegenüber entgeht die Chance, mal zu erzählen, was er gerade durchmacht. „So eine Hepatitis-C-Therapie ist halt kein Spaziergang“, betont Manuel. „Jeder hat da Momente, wo er am Hadern ist und wo er eine Umarmung oder einen Zuhörer braucht.“ Deshalb fordert Manuel: „Entspannt euch! Redet miteinander. Macht euch kundig.“ Der Austausch kann beide Seiten bereichern. „Bescheid zu wissen gibt dir ein Gefühl von Sicherheit. Und dieses gute Gefühl hilft dir auch dabei, besseren Sex zu haben.“

    Wenn du sonst noch wissen möchtest, worauf beim Fisten zu achten ist, damit es „safer“ bleibt, dann kanns du dich auf der ICH WEISS WAS ICH TU-Kampagnenwebsite informieren. Hier findest du auch Infos zu BDSM, Gruppensex und Pissen: neu.iwwit.de/fetisch

    Hep C Sexparty: Sling-Blog
    Schwule Männer mit HIV infizieren sich häufiger mit Hepatitis C als HIV-negative Männer. Ein möglicher Übertragungsweg: Sexpartys, auf denen die Partner häufig wechseln.

    Mehr zu Hepatitis C auf ICH WEISS WAS ICH TU.

  • Leben mit HIV. Anders als du denkst?

    Leben mit HIV. Anders als du denkst?

    Für den einen ist es selbstverständlich, HIV-positiv zu sein und mitten im Leben zu stehen. Für den anderen ist es das nicht immer. HIV-Medikamente, die Szene, der Freundeskreis, die eigene Psyche und viele weitere Faktoren können positiven wie negativen Einfluss auf das Leben mit HIV haben. Dass dabei insbesondere Ausgrenzung, Ablehnung und Stigmatisierung einen negativen Einfluss auf das Leben von Menschen mit HIV haben, hat die wissenschaftliche Studie positive stimmen 2.0 deutlich gezeigt.

    Aktuelle Ergebnisse zum Leben mit HIV heute

    „Vorurteile machen mich krank! HIV nicht!“

    Der Großteil der befragten Menschen mit HIV kann heute gut mit der Infektion leben. „Aber gleichzeitig erleben viele alltäglich Diskriminierung und Ausgrenzung“, sagt Projektkoordinator Matthias Kuske. „Vor allem im Gesundheitswesen, aber auch im Privaten, im Sexleben oder in den Medien erleben Menschen mit HIV diskriminierendes Verhalten oder werden mit Vorurteilen konfrontiert“, so Kuske weiter.

    Das alles hat erhebliche Auswirkungen: Infolge der Diskriminierung haben viele Menschen mit HIV einen schlechteren Gesundheitszustand, weniger Wohlbefinden und weniger sexuelle Zufriedenheit. Außerdem werden der Umgang mit der eigenen HIV-Infektion sowie das Selbstwertgefühl durch Ausgrenzung und Diskriminierung negativ beeinflusst. Etwa jede vierte befragte Person schämt sich oder fühlt sich schuldig, dass sie HIV-positiv ist, oder hat das Gefühl, nicht so gut wie andere zu sein. Was das mit Menschen macht, hat ein schwuler Mann in der Studie eindrücklich beschrieben:

    „Das war bei einem Date im Restaurant. Wir haben uns kennengelernt und irgendwann habe ich von meinem HIV-Status erzählt. Und dann ist er einfach aufgestanden und abgehauen. Und ich sitze da und fühle mich schmutzig und wertlos – wie Müll. Beim nächsten Date habe ich es erst beim fünften Treffen gesagt, und er war wütend und meint ‚Warum sagst du es nicht am Anfang?‘ Ich bin einfach nur verwirrt!“

    „Ich habe aber schon schlechte Erfahrungen gemacht, also auch Zurückweisungen. Ein Sexualpartner hatte meine Medikamente gefunden. Dann hat der schnell einen Zettel geschrieben, dass er das gefunden hat und er jetzt deswegen geflohen ist, also eigentlich hat er sich auch noch so ein bisschen entschuldigt. Ich fand das direkt in dem Moment schon schlimm. Ich fand das ein bisschen übertrieben, er hätte ja auch einfach mit mir sprechen können.“ Teilnehmer der Studie positive stimmen 2.0 zum Leben mit HIV in Deutschland

  • Crystal Meth & Sexdates gegen schlimme Gedanken

    Crystal Meth & Sexdates gegen schlimme Gedanken

    Wer traut sich, auf einer Bühne vor Publikum sein Sex- und Liebesleben auszubreiten – seit dem ersten feuchten Traum im Kinderbett bis zu schlechten Erfahrungen mit Crystal Meth? Ben Strothmann hat’s getan – und aktuell kann ihm die Welt online dabei zusehen. In seiner One-Man-Show „Coming Clean“ erzählt der 42-Jährige aus seinem Leben, erst als schwuler Teenager in Milwaukee, dann als drogenabhängiger Escort in New York.

    [Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel enthält Diskussionen über Alkohol- und Drogenkonsum, sowie über sexuelle Grenzüberschreitungen.]

    Ben fasst sich beim Sprechen mit der rechten Hand ans Herz. im Hintergrund ist ein Foto von Ben als kleiner Junge an die Wand projeziert.

    Anfangs ist das lustig: seine erste große Liebe zu einem Zeichentrick-Hahn, seine artistischen Verrenkungen, um sich selbst zu blasen – und seine schwule Neugeburt als Schauspieler in New York. Doch plötzlich wird sein Stück ernster. Das Publikum hat noch immer viel zu lachen, aber Ben berichtet, wie ihn sein früheres Leben allmählich fertiggemacht hat. Aus Neugier und Geldnot beginnt er, als Escort zu arbeiten. Er berichtet, wie er seine Freier ausnutzte und wie die ihn im Gegenzug abservierten. Immer stärker bestimmten Drogen sein Leben. Der Titel deutet es an: „Coming Clean“ endet versöhnlich. Ben hat seine Sucht überwunden, weil er Frieden mit sich selbst geschlossen hat. Ein Gespräch über Drogen, Sex, und die Liebe zu sich selbst.

    Ben, in „Coming Clean“ erzählst du offen aus deinem Leben, auch über Sexarbeit und Drogenkonsum. Hattest du beim Schreiben manchmal Angst, deine Freund*innen zu schockieren?

    Ben Strothmann: Sehr oft sogar! In meiner Show sage ich sogar einmal zum Publikum: „Hört mal, nicht alle wissen davon. Sagt bitte nicht weiter, was ihr heute Nacht hier hört.“ Zuerst dachte ich, dass ich das Stück nur einmal aufführe und dann nie mehr darüber sprechen werde. Das Lustige daran: Diese erste Aufführung war in einer Kirche, die Judson Memorial Church in New York. Die Gemeinde sieht Künstler*innen als Bot*innen Gottes. Deshalb dürfen sie dort auftreten. Sie sagen dir nicht, was du dort machen darfst oder nicht. Ihre einzige Regel ist: Bitte verzichtet auf Hassreden!

    Zu Beginn wirkt dein Stück wie Comedy. Alles ist zum Lachen. Dann wird es ernster und drastischer. Du beschreibst zum Beispiel, wie du als Escort einem deiner Kunden einen bläst und dabei in Tränen ausbrichst. Schon damals ist dir durch den Kopf gegangen: „Some time this will sound funny like a scene of ,Showgirls‘.“ (Anm. der Redaktion – auf deutsch etwa: „Irgendwann wird dies so lustig wie eine Szene aus ,Showgirls‘ klingen.“)

    Als ich mit der Show zum ersten Mal auf die Bühne gegangen bin, hatte ich keine Ahnung, dass es Comedy ist. Ich sprach zum Publikum, die Leute lachten, und ich dachte mir: „Oh, das ist offenbar lustig…“ Dabei war mir schon beim ersten Entwurf von „Coming Clean“ klar, dass es ein Stück über radikale Selbstliebe wird. Akzeptier dich so wie du bist – komme, was da wolle! Ganz ohne Grund. Denn: Was kannst du sonst mit deinem Leben anfangen? Ich wollte den Leuten zeigen, wie ich das geschafft habe.

    Mir war schon beim ersten Entwurf von „Coming Clean“ klar, dass es ein Stück über radikale Selbstliebe wird.

    In einigen krassen Szenen unterbrichst du dein Stück und sprichst zum „kleinen Ben“, dem Kind in dir. Auf einer Leinwand erscheint dann ein Kinderfoto von dir.

    Die Idee, mit meinem inneren Kind zu sprechen und ihm zu sagen „Ich liebe dich, Ben!“, ist organisch entstanden. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Menschen, den ich vor zwölf Jahren gedatet habe. Damals war ich zum ersten Mal auf Entzug. Ich habe ihm am Telefon erzählt, dass ich begonnen habe mit meinem inneren Kind zu sprechen. So als wäre ich sein Vater. Da habe ich gemerkt, dass er am anderen Ende der Leitung geweint hat. Da fiel mir auf: Oh! Ich habe etwas entdeckt, das anderen hilft, zu lernen, sich selbst zu lieben.

    Ben zieht sich das T-Shirt über Mund und Nase und blickt ängstlich nach links in seinem Theaterstück über Crystal Meth Konsum.

    Ist es dir früher schwer gefallen, dich selbst zu lieben?

    Ja, sehr. Als ich das Stück geschrieben habe, hab ich mich sehr dafür interessiert, wie Leute auf den Gedanken kommen: „Wenn irgendwer wüsste, wie ich wirklich bin, dann könnte er oder sie mich nie lieben“. Warum werden Leute so? Und wie kann man jemandem helfen, der oder die sich in diesen Gedanken verrannt hat? Deshalb öffne ich mich in dem Stück so, um den Leuten zu sagen: „Hört mal! Ich steh hier auf der Bühne und rede darüber, wie ich ins Bett mache und andere Dinge tue, für die ich mich geschämt habe. Aber ich bin bestimmt nicht der Einzige hier im Raum, der sowas erlebt hat. Der Unterschied ist nur: Ich bin bereit, darüber zu reden.“ Alle sollen wissen, dass man offen und ehrlich mit der Welt sein kann – und trotzdem noch liebenswert! Ich möchte den Leuten Schritt für Schritt zeigen: So hab ich gelernt, mich selbst zu lieben. Zum Beispiel weil ich richtig gute Geschichten erzählen kann.

    Eine dieser Geschichten ist dein erstes Mal – mit Crystal Meth und „Rich, dem Dealer“. Er hat dich nicht nur mit Drogen versorgt, ihr hattet auch geilen Sex. Warum hast du diese Begegnung so gut in Erinnerung?

    Ich werde hier bestimmt nicht verkünden: „Sex auf Drogen ist so viel besser!“ (lacht) Aber das Gute an dieser Erfahrung war, dass ich es damals geschafft habe, die schlimmen Gedanken abzuschalten, die mir sonst im Kopf rumschwirren. Davor hatte ich noch nie in den Spiegel gesehen und mich als attraktiv empfunden. Diesen besonderen Moment beschreibe ich in meinem Stück: Ich geh ins Bad, schau in den Spiegel und bin begeistert, was ich sehe! Ich denke nur: „Nebenan ist dieser heiße Typ, mit dem ich gleich ins Bett gehe – und er bekommt all das. Nämlich mich! Was für ein Glückspilz!“ Obwohl das Gefühl künstlich erzeugt war, hat es mich befreit. Ich konnte den Sex genießen und fühlte mich mit Rich physisch und spirituell eng verbunden – ohne das blöde Gefühl, dass ich nicht gut genug bin. So wirkt Crystal Meth. Ein Arzt hat mir mal erklärt: „Auf Crystal Meth könntest du Sex mit einem Pferd haben und dabei denken, dass es großen Spaß macht.“ Es beseitigt die Fähigkeit, sich schlecht zu fühlen. Aber nur bis zu dem Punkt, wenn du wieder runterkommst. Dann ist plötzlich alles schrecklich und furchteinflößend.

    Crystal Meth beseitigt die Fähigkeit, sich schlecht zu fühlen. Aber nur bis zu dem Punkt, wenn du wieder runterkommst. Dann ist plötzlich alles schrecklich und furchteinflößend.

    Du hast mehrere Anläufe gebraucht, um wieder ohne Crystal Meth leben zu können. Die „Zwölf Schritte“ haben dir dabei geholfen. Ein Jahr lang hast du auch auf Sex verzichtet. Wie kam das?

    Es gibt ja nicht den einen, richtigen Weg, um clean zu werden. Und in den „Zwölf Schritten“ steht nicht: „Du darfst keinen Sex haben!“ Aber ich hatte einen erfahrenen „Sponsor“, einen Mentor an der Seite. Er war ein kalifornischer Surfer-Dude mit Riesenbart. Einer seiner ersten Ratschläge war: „Kein Dating und keinen Sex für ein Jahr.“ Ich sagte ihm damals: „Ääääh…? Du kennst mich überhaupt nicht. Wie kommst du überhaupt darauf, zu entscheiden, dass ich das nötig hätte?“ Und er so: „Du wirst sehr mit der Beziehung zu dir selbst beschäftigt sein. Du kannst dich nicht drauf konzentrieren, wenn dich andere Beziehungen nebenher ablenken.“

    Am Ende hast du das durchgezogen?

    Ja, weil ich irgendwann im Laufe meiner Entzugsversuche festgestellt habe: Sexdates sind das Einzige, womit ich Alkohol und andere Drogen ersetzen konnte. Es gab Nächte, in denen ich gerade ins Bett wollte und dachte: „Hm. Eigentlich könnte ich noch schnell jemanden einladen.“ Also hab ich ein Date klargemacht, der Typ kam vorbei, wir hatten Sex, und er ging wieder. Danach dachte ich wieder: „Hm. Wenn ich eh gleich ins Bett gehe, kann ich noch schnell einen anderen einladen.“ So hatte ich manchmal drei Männer hintereinander. Ich will mich nicht darüber beschweren, aber ich habe allmählich erkannt: So wie Alkohol und Drogen habe ich einen anderen Menschen als Ausweg benutzt, um nicht mit meinen Gedanken alleine zu sein.

    Ich gehe heute viel einfühlsamer mit meinen Sexpartnern um.

    Was hast du mitgenommen aus deiner sexuellen Fastenzeit?

    Ich glaube, ich gehe heute viel einfühlsamer mit meinen Sexpartnern um. Nach der „#MeToo“-Debatte gebe ich es nur ungern zu, aber viele meiner Sexpartner habe ich nur eingeladen, um sie zu benutzen. So war mein Gehirn damals konditioniert nach sieben Jahren voller Pillen, Alkohol und dem Versuch, vor mir selbst davonzulaufen. Am Ende habe ich erkannt: Ich habe kein Recht, einem Menschen sowas anzutun! Jeder Mensch existiert um seiner selbst willen, jeder Mensch hat seine eigenen Bedürfnisse. Deshalb habe ich mir dann tatsächlich eine sexuelle Auszeit genommen, um mein Verhältnis zu Sex und Intimität zu verändern.

    Eine nützliche Erfahrung, um den Corona-Lockdown zu überstehen…

    Ja, es wirkt so, als hätte ich für die Pandemie trainiert, oder? Lasst uns nochmal 14 Monate dranhängen! (lacht) Aber im Ernst: Das vergangene Jahr im Lockdown war für mich eine großartige Gelegenheit um zu begreifen, dass ich es sogar genießen kann, allein zu sein. Es fühlt sich dann an, als wäre ein guter Freund von mir zu Besuch. Aber bis zu diesem Punkt war’s ein hartes Stück Arbeit.

    Ben kniet und schaut nach rechts oben. Hinter ihm stehen auf einer virtuellen Tafel verschiedene Kritzeleien, wie "BEN + DOUG" in einem Herz, "I LOVE DOUG", "1 + 1 = BEN LOVES DOUG", oder "GURL!" in einem Kreis.

    Was hilft dir denn dabei, dich okay zu finden?

    Nur ein Beispiel. Früher dachte ich oft, dass mein Freundeskreis sich dauernd verändert. Deshalb hab ich mir buchstäblich eine Tabelle gemacht, um meine besten Freunde nicht zu vergessen. Sie erinnert mich daran: Es gibt Leute, die mich lieben und immer geliebt haben! Manchmal fühle ich mich noch einsam, aber nicht mehr auf eine traurige Art. Inzwischen schätze ich meine eigene Gesellschaft.

    Dein Stück ist noch online. Aber können wir dich auch mal live in Deutschland sehen?

    Tja… schwer zu sagen. Eigentlich wollte ich im Juli beim CSD in Konstanz auftreten und davor beim „Animal Pride“, einem Festival für Tierrechte. Danach wollte ich durch Deutschland touren. Ich hab schon meine erste Impfdosis bekommen, aber ich weiß natürlich, dass ich das Coronavirus trotzdem noch weitergeben könnte, auch wenn ich selbst nicht erkranke. Da wäre es verantwortungslos, schon rumzureisen. Der Animal Pride ist am 3. Juli, und wir haben schon März… Ich befürchte, so schnell klappt das nicht mit unserer Immunisierung.


    Ben Strothmann (42) lebt in New York und arbeitet als Theaterfotograf, Schauspieler und Dragqueen. Als Honey LaBronx moderiert er den Podcast „Big Fat Vegan Radio“ und in seiner „Vegan Drag Queen Cooking Show“ auf YouTube kocht er gutes Essen ohne tierische Zutaten. Eine Aufzeichnung seines Theaterstücks „Coming Clean“ ist bis aktuell online verfügbar (Ticket: 18 Dollar) auf:

    www.vegandragqueen.com/coming-clean-a-play-by-ben-strothmann


    Infos zu Drogen und Chemsex findest du bei IWWIT unter iwwit.de/drogen. Im Gay Health Chat beantworten wir dir auch live und anonym alle Fragen.

    Du nimmst Crystal Meth oder andere Chems zum Sex? Wenn du zufrieden bist und alles läuft, wollen wir dir nicht reinquatschen! Wenn’s doch nicht rundläuft, nicht mehr geil ist und du was ändern willst, sind wir für dich da! Klicke einfach auf aidshilfe.de/chemsex-support-quapsss

    Ben verneigt sich auf der Bühne in seinem Theaterstück über Crystal Meth Konsum. vor einem Publikum, das ihm eine Standing Ovation gibt.

  • „Crystal hat mich fast kaputt gemacht“

    „Crystal hat mich fast kaputt gemacht“

    Florian, 37, berichtet seit vier Jahren bei ICH WEISS WAS ICH TU über seine Drogenerfahrungen. Er will damit anderen Drogenkonsumenten helfen, Risiken zu reduzieren. Anlässlich der aktuellen Diskussion sprachen wir mit ihm über Crystal Meth.

    Florian, hast du Erfahrungen mit Crystal?

    Ja, habe ich. Ich bin fast daran kaputt gegangen.

    Du lehnst Drogenkonsum nicht prinzipiell ab, sondern gibst Tipps, wie man seinen Konsum kontrollieren und Risiken reduzieren kann. Das hat offenbar mit Crystal nicht geklappt?

    Nein, überhaupt nicht. Drogenkonsum ist nie ohne Risiko, und man kann prinzipiell von jeder Droge abhängig werden. Aber bei Crystal ist die Schwelle so schnell überschritten, dass ich wirklich nur raten kann, die Finger davon zu lassen.

    Du warst abhängig?

    Ja, die Gefühle auf dieser Droge sind einfach so gut, dass man sie wiederhaben will. Und schon bist du machtlos. Die Falle schnappt verdammt schnell zu.

    Was hast du auf Crystal erlebt?

    Ein nie dagewesenes Glücksgefühl. Die Realität mit all ihren Problemen ist sofort völlig ausgeblendet. Jede Angst ist einfach verschwunden. Leistungsfähigkeit und sexuelles Empfinden werden explosionsartig gesteigert.

    Das klingt gefährlich attraktiv.

    Das ist es leider. Und genau deswegen kann man sich sehr schnell nicht mehr vorstellen, sein Leben ohne diese Droge zu führen. Und dann setzen auch die negativen Wirkungen sehr schnell ein.

    Welche sind das?

    Ich hatte schlimme Depressionen und Wahnvorstellungen. Ich dachte, es sind Menschen im Raum und fühlte mich krass verfolgt. So etwas erleben viele Konsumenten. Ein Freund von mir hat in seiner Paranoia die Wände aufgeschlagen, weil er Kameras dahinter vermutete. Auch Suizidgedanken kommen oft vor.

    Und trotzdem fällt es schwer, wieder aufzuhören?

    Ja, weil du weißt, dass diese Gefühle, die du auf Crystal hast, ohne Droge nicht zu haben sind. So ehrlich muss man sein, das ist so. Trotzdem macht Crystal nicht glücklich. Auf Sexpartys, auf denen Crystal konsumiert wird, sitzen am Schluss meist alle mit ihren Handys rum und suchen nach dem nächsten Date.

    Die Glücksgefühle, die man am Anfang erlebt, halten also nicht vor?

    Nein, die tiefe Erfüllung, die du suchst, bekommst du nicht. Ganz im Gegenteil, du suchst immer hektischer und verzweifelter. Am Ende macht die Droge ziemlich einsam.

    Was hat dich zum Aufhören bewogen?

    Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Es fängt damit an, dass du Montag nicht zur Arbeit gehen kannst, weil du noch total drauf bist. Dann macht die Droge dich allmählich fertig. Du verlierst Freunde, den Anschluss an dein Leben. Ich habe am Schluss alleine zu Hause gesessen und es ging mir einfach nur noch beschissen.

    Und wie bist du da wieder rausgekommen?

    Ich war sehr motiviert, die Kontrolle über mein Leben zurückzugewinnen, auch weil ich ja mit dem Thema Drogen in der Öffentlichkeit stehe. Geholfen haben mir eine Therapie und ein starker Freundeskreis. Ich habe begriffen, dass ich die Kontrolle verloren hatte und konnte das auch vor anderen zugeben. Der Psychologe war anfangs unsicher, ob es ohne stationäre Entgiftung geht, aber das ist mir erspart geblieben.

    Und heute?

    Bin ich mir der Gefahren so bewusst wie nie. Meine Kicks und meine Lust am Leben hole ich mir jetzt auf andere Weise.

    Mehr Informationen zum Thema Drogen und Safer Sex findest du hier.
    Wenn du mit deinem Drogenkonsum nicht mehr klarkommst, lass dich beraten!

    ICH WEISS WAS ICH TU_Florian_Crystal Meth
    ICH WEISS WAS ICH TU Florian über Crystal Meth
  • HIV-Test: Früher Bescheid wissen

    HIV-Test: Früher Bescheid wissen

    Hab ich mich mit HIV angesteckt? Bislang musste man nach einer Risikosituation drei Monate mit einem HIV-Test warten, um das auszuschließen. Martin Obermeier erklärt im Interview, warum es bei modernen Labortests nur noch sechs Wochen sind.

    Herr Obermeier, Sie arbeiten in einem Berliner Labor, in dem auch Blutproben auf HIV untersucht werden. Um mal eine Vorstellung zu bekommen: Wie viele Tests sind das so im Monat? Und wie viele Infektionen werden dabei festgestellt?
    Im Jahr machen wir etwa 6.600 Tests, das sind rund 550 Tests pro Monat. Und von diesen 550 sind durchschnittlich vielleicht 15, 16 reaktiv, also rund drei Prozent. Die meisten der Blutproben, die von uns untersucht werden, stammen aus HIV-Schwerpunktpraxen, was die hohe Rate von reaktiven Untersuchungen erklärt, denn da hat ja schon eine gewisse Vorauswahl stattgefunden, wenn die Leute sich dort testen lassen.

    Sieht man sich alle HIV-Suchtests an, die in Deutschland durchgeführt werden, erfolgt die Mehrzahl der Untersuchungen im Rahmen von Blutspenden und vor Operationen.

    Wir haben ja Folgendes gelernt: Wenn man nach einer HIV-Risikosituation sicher sein will, dass man sich nicht infiziert hat, muss man drei Monate mit einem HIV-Test warten. Warum gerade drei Monate?
    Diese drei Monate beruhen auf Empfehlungen, die Anfang der 1990er-Jahre verabschiedet wurden: Während der Entwicklung der HIV-Antikörper-Tests hatte man damals gesehen, dass es bei einzelnen Patienten bis zu acht Wochen dauerte, bis das Immunsystem genügend Antikörper für den Nachweis durch den Test gebildet hatte. Und um möglichst große Sicherheit zu haben, vor allem für Blutspenden, einigte man sich auf die Empfehlung, den Test frühestens drei Monate nach der letzten Risikosituation zu machen.

    Die sogenannte diagnostische Lücke – das heißt, die Zeit in der ein Antikörpertest nicht anschlagen würde, obwohl in Wirklichkeit eine Infektion vorliegt – bei den heutzutage eingesetzten Labortests hat sich auf sechs Wochen halbiert. Warum das?
    Schon seit 2002, 2003 gibt es die Labortests der vierten Generation, und seit 2006, 2007 werden die fast flächendeckend eingesetzt. Diese Kombinationstests suchen nicht nur nach Antikörpern, sondern auch nach dem Antigen p24. Dieser Virusbestandteil ist schon früher im Blut nachweisbar, denn der p24-Spiegel steigt in der Regel ab dem 14. Tag nach der Infektion in einen messbaren Bereich.

    Ausschließen kann man eine Infektion dann nach sechs Wochen – wenn der Antigen-Antikörper-Test dann nicht „anschlägt“, sind weder p24-Antigen noch Antikörper im Blut, und man ist mit hoher Sicherheit nicht infiziert.

    Was heißt „mit hoher Sicherheit“?
    Mit hoher Sicherheit bedeutet, dass es seltene Ausnahmen gibt, die aufgrund ihres geringen Vorkommens keine echte Relevanz haben, beziehungsweise dass bestimmte Konstellationen besonders bewertet werden müssen.

    Zumindest für die Post-Expositions-Prophylaxe nach HIV-Kontakt gilt, dass das Zeitfenster bis zu einem sicheren Ausschluss einer HIV-Infektion erst nach Beendigung der Prophylaxe beginnt. Keine Daten liegen aber vor bei Durchführung einer Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP). Hier kann man sich, falls es tatsächlich trotz der Vorbeugung zu einer Infektion kommen sollte, auch eine Verlängerung des diagnostischen Fensters vorstellen.

    Wer ganz sicher gehen will, wartet nach einem HIV-Risiko weiterhin zwölf Wochen bis zum Test.

    Fotolia_angellodeco_Blutserum-750x350

    Für die meisten ist diese Info zur verkürzten diagnostischen Lücke neu. Kann man das irgendwo nachlesen?
    Ja, die aktuellen europäischen Leitlinien zur HIV-Testung wurden 2014 veröffentlicht, da findet sich diese Info auf Seite 5. Die deutschen Empfehlungen werden gerade überarbeitet. Daran bin auch ich beteiligt, nämlich als Mitglied im Writing Committee, und ich bin guter Dinge, dass wir die Empfehlungen noch im ersten Quartal 2015 veröffentlichen können.

    Okay, frühestens drei Monate nach der letzten HIV-Risikosituation zum Test, das konnte man sich leicht merken. Nun sind es also sechs Wochen – aber nur beim Labortest. Bei HIV-Schnelltests, bei denen man das Ergebnis schon nach spätestens 30 Minuten bekommt, gilt weiterhin die Drei-Monats-Regel. Warum das?
    Die Schnelltests, die in manchen Gesundheitsämtern und Testprojekten eingesetzt werden, sind reine Antikörpertests, reagieren also nicht auf p24. Schnelltests, die sowohl Antikörper als auch p24 nachweisen können, wären derzeit einfach zu teuer.

    Eine Frage zum Schluss: Hat denn diese Verkürzung der diagnostischen Lücke überhaupt einen Vorteil?
    Nun, aus Gesprächen mit Testkandidaten weiß ich, dass es für viele ein großes Anliegen ist, die Zeit der Unsicherheit zu verkürzen. Es macht eben schon etwas aus, ob ich drei Monate oder nur sechs Wochen warten muss, bis ich mit einem Test eine Infektion ausschließen kann, zum Beispiel nach einer Nadelstichverletzung. Oder nach einem HIV-Risikokontakt außerhalb meiner Partnerschaft – wenn ich sonst mit meinem Partner auf Kondome verzichte, ist es leichter, sechs Wochen wieder zum Gummi zu greifen oder auf Sex zu verzichten als drei Monate …

    Vielen Dank für das Gespräch.

  • Konversionstherapien: „Niemand soll das erleben müssen!“

    Konversionstherapien: „Niemand soll das erleben müssen!“

    Klemens Ketelhut kämpft für ein komplettes Verbot von Konversionstherapien, mit denen Schwule angeblich „geheilt“ werden. Dass das nicht klappt, weiß der 45-Jährige aus eigener Erfahrung. Als Teenager geriet er an christliche Fundamentalisten, die ihn von seinem „Dämon“ befreien wollten. Eine wahre Geschichte ohne Happy End.

    Mit der Dating-Show „Prince Charming“ ist schwules Leben im Mainstream angekommen. Doch die selbstbewussten (und hübschen) TV-Homos verstellen den Blick aufs echte Leben. Und da endet nicht jede Coming-out-Story mit einem glücklichen Paar in der Traumvilla.

    Klemens Ketelhut ist zum Beispiel nicht besonders glücklich – und zweifelt, dass er der einzige ist, der „nicht gut in der schwulen Welt angekommen“ ist. „Es gibt viele Coming-out-Geschichten wie meine – nicht alle gehen gut aus.“ Deshalb hat sich der Leipziger entschieden, hier seine zu erzählen, mit all ihren Widersprüchen und einem Kapitel, das ihn bis heute belastet. Als Märchen würde sie so beginnen:

    Es war einmal in den 90er-Jahren, als die meisten Menschen kein Internet hatten und ein bayerischer Innenminister verkündete, über die Homo-Ehe ebenso wenig zu diskutieren wie über „Teufelsanbetung“. Damals war Klemens ein Teenager im Schwäbischen Wald und auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Seine Familie war gläubig, zumindest religiöser als die meisten anderen. Klemens und seine zwei Brüder gingen jede Woche in den Kindergottesdienst, engagierten sich später im Jugendkreis und verbrachten ihre Ferien auf christlichen Jugendfreizeiten.

    Religion als Rebellion

    Klemens suchte Gott noch intensiver als der Rest seiner Familie. Über den Schülerbibelkreis lernte er ein freikirchliches Christentum kennen. Er vertiefte sich in die Heilige Schrift und besuchte Lobpreisgottesdienste. In denen singen und beten die Menschen so intensiv, bis sie das Gefühl haben, vom Heiligen Geist erfüllt zu sein. „Damit habe ich mich gegen meine Eltern und ihre evangelische Landeskirche gestellt“, erinnert sich der heute 45-Jährige. „Wenn man als junger Mensch einen eigenen Zugang zur Welt sucht, ist der charismatische Glaube allemal attraktiver als eine kleine Gemeinde im Schwäbischen Wald.“

    Mit Bekannten aus diesem fundamentalistischen Umfeld fuhr Klemens auf eine Jugendfreizeit, zwei Wochen auf einer Nordseeinsel. Das ehrenamtliche Betreuungsteam kam aus einer evangelikal-charismatischen Gemeinde – und folgte einem bösen Plan. „Die hatten sich offenbar abgesprochen“, urteilt Klemens im Rückblick. Schon kurz nach der Ankunft nahm der Gruppenleiter Klemens erstmals beiseite und eröffnete dem 15-Jährigen, dass er von einem Dämon besessen sei. Schon im Bus habe er einen anderen Jungen „lüstern“ angeschaut. „Sie haben mir immer wieder erklärt, dass ich geheilt werden müsste. Sonst würde ich in die Hölle kommen.“ Bis dahin hatte Klemens nur mit einem einzigen Menschen über seine sexuelle Orientierung gesprochen, ganz vorsichtig. Nun zwang ihn die charismatische Clique zu einer Auseinandersetzung mit seiner Sexualität – noch vor seinem eigenen Coming-out.

    Dämon auf der Nordseeinsel?

    An einem der folgenden Tage muss der Junge als einziger im Ferienheim bleiben, während alle anderen einen Ausflug machen. „Es gab so eine Art Entscheidung, dass ich mit ihrer Hilfe den Dämonen austreiben möchte“, räumt Klemens ein. Aber welche Entscheidungsfreiheit hat ein Teenager, der von erwachsenen Betreuern bedrängt wird? Der zum ersten Mal ohne seine Brüder unterwegs ist, auf einer abgelegenen Insel? „Da hat man keine Wahl mehr, schon gar nicht, wenn du daran glaubst.“

    Also fügt sich Klemens in die Behandlung. Einzelheiten möchte er nicht preisgeben, weil das Ereignis ihn auch drei Jahrzehnte später aufwühlt. „Ich habe auch keine vollständige Erinnerung daran.“ Nur so viel kann Klemens rekonstruieren: Einen ganzen Tag war er eingesperrt, immer umgeben von fünf bis sieben Erwachsenen. „Ich wusste in bestimmten Phasen nicht mehr, ob ich lebend aus diesem Raum rauskomme.“

    „Das war keine Therapie, sondern psychische, physische und sexuelle Gewalt.“

    Nachdem Klemens den Horrortag überstanden hatte, war er euphorisch: Der Dämon war vertrieben und er wieder ein Teil der Gruppe. Erst nach einigen Wochen kommen ihm Zweifel. Noch immer findet er Jungen spannender als Mädchen. Aber er vertraut sich niemandem an. Sein panischer Gedanke: Was würde passieren, wenn sich seine Eltern bei der Reiseorganisation beschweren? „Ich hatte so eine Angst davor, noch einmal in Kontakt mit dem Gruppenleiter zu kommen. Das war ein bedrohlicher Mensch. Heute hoffe ich nur, dass der Alte elendig verreckt ist.“

    Jedes Coming-out eine gute Erfahrung

    So hart formuliert Klemens selten. Als Hochschullehrer ist er geübt darin, Vorträge zu halten. Auch über den Missbrauch, den er ertragen musste, spricht er meist sachlich. Sein Fazit: „Damals wollte ich dazugehören. Heute sage ich: Das war keine Therapie, sondern psychische, physische und sexuelle Gewalt. Es ist krass, einen 15-Jährigen zu isolieren und ihm einzureden, er sei für alle eine Gefahr. Das ist böse!“

    Als Jugendlicher aber hat Klemens das Böse noch nicht so klar erkannt wie heute. Er engagierte sich weiter in seiner Gemeinde: „Das war kein Bruch, sondern ein Ablösungsprozess. Aber heute würde ich sagen: Der Missbrauch war der Anfang vom Ende meiner charismatischen Karriere.“

    Ermutigt durch das Vorbild seines Vorgesetzten outete sich Klemens in seiner damaligen Arbeitsstelle.

    Nachdem Klemens für seine Ausbildung in eine größere Stadt gezogen ist, schloss er allmählich Frieden mit seiner sexuellen Orientierung. Wäre seine Lebensgeschichte ein Märchen, wäre damals eine gute Fee ins Spiel gekommen: sein erster Vorgesetzter. Der hat ihn nicht nur in Heilerziehungspflege ausgebildet, sondern auch vorgelebt, dass man offen schwul und glücklich zugleich sein kann. „Wir waren gemeinsam in einer Mitarbeiter-Theatergruppe und haben dort Musik und Kabarett gemacht“, erinnert sich Klemens. „Das war einfach gut. Er hat mich ein bisschen an die Hand genommen.“ Ermutigt von seinem Vorbild outete sich Klemens in seiner damaligen Arbeitsstelle. Es folgten viele weitere Coming-outs, in der Familie, bei Freunden, und alle verliefen gut: „Ich habe nie die Erfahrung gemacht, dass mich Menschen danach abgelehnt haben.“

    Aktivismus gegen Vorurteile

    So engagiert wie er als Teenager in der Kirchengemeinde war, so legte sich Klemens nun für die queere Community ins Zeug. Mit Anfang 20 organisierte er Sommercamps beim Jugendnetzwerk Lambda. Der große Unterschied: Dort werden junge Menschen nicht manipuliert, sondern darin bestärkt, sich selbst und andere zu respektieren.

    Später, umgezogen nach Leipzig, arbeitete Klemens im Verein „Rosa Linde“ mit, vor allem beim Bildungsprojekt „Liebe bekennt Farbe“. Es hilft Jugendlichen, Vorurteile gegenüber queeren Menschen abzubauen, vor allem durch persönliche Begegnungen mit Gleichaltrigen, die schon out sind.

    Klemens Ketelhut lächelt, im Sakko mit Regenbogenanstecker. Er setzt sich gegen Konversionstherapien ein.

    Heute forscht der promovierte Erziehungswissenschaftler unter anderem zu Gender- und Queerstudies. Gemeinsam mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld entwickelt Klemens ein Beratungsangebot für andere „Überlebende“ von Konversionstherapien, die queere Jugendliche angeblich „heilen“ sollen. „Viele möchten ihre Homosexualität wegmachen, wenn sie jung sind und noch keine positiven Role-Models kennen“, vermutet Klemens. „Unser Ziel ist ein Präventionsangebot, das allen hilft, die aus einer totalen Gemeinschaft aussteigen möchten – egal ob das Evangelikale sind, Salafisten oder Nazis.“

    Bundestag verbietet „Umpolungen“

    Erst vor Kurzem hat Klemens‘ Geschichte wieder eine märchenhafte Wendung genommen. Sein persönlicher Einsatz – und der seiner vielen Verbündeten – führt zu einem wichtigen Sieg im Kampf gegen den Fundamentalismus: Im Mai 2020 verbietet der Bundestag Konversionstherapien und stellt klar, dass solche „Umpolungen“ schweres Leid verursachen, körperlich wie seelisch. Das neue Gesetz soll Minderjährige künftig besser vor dem schützen, was Klemens mit 15 widerfahren ist. „Dieses Teilverbot hätte mir damals wohl geholfen“, vermutet Klemens. „Queere Kinder und Jugendliche von heute sollen so etwas nicht erleben müssen! Deshalb engagiere ich mich.“

    Klemens Ketelhut lächelt vor Waldhintergrund. Er setzt sich gegen Konversionstherapien ein.

    Spätestens nach diesem politischen Erfolg taugt Klemens‘ Lebensgeschichte als Vorlage für eine Streaming-Serie. Der Plot: Ein Teenager wird von bösen Erwachsenen missbraucht. Aber nach seinem Coming-out kämpft er mit Hilfe seiner queeren Community solange, bis ein Gesetz solche Machenschaften verbietet. Währenddessen verliebt er sich in einen Mitstreiter, die beiden heiraten, und wenn sie nicht gestorben sind…

    Eine bessere Welt schaffen

    Doch in so einem modernen Märchen würde sich Klemens nicht wiedererkennen: „Ich habe keinen Freund gefunden, der mir beisteht“, stellt er klar. „Ich bin seit 17 Jahren Single und muss mir aus allem selber raushelfen.“ An mangelnden Kontakten kann es nicht liegen, dass Klemens keinen Mann fürs Leben findet. „Durch mein Engagement lerne ich viele kennen“, berichtet Klemens, „aber wenn es darum geht zu flirten oder Sex zu haben, fühle ich mich oft nicht sicher genug. Für mich bleibt die schwule Community ein gefährlicher Ort.“ So prägt der Missbrauch sein Leben bis heute, obwohl der Evangelikalen-Exorzismus nur ein kurzes Kapitel war.

    „Wir müssen uns auch um die kümmern, die nach einem Coming-out nicht glücklich sind“,

    fordert Klemens Ketelhut.

    „Solche Erfahrungen sind wie Tretminen in der Psyche“, erklärt Klemens, „sie können noch Jahrzehnte später explodieren.“ Vor zwei Jahren wurde bei Klemens eine Posttraumatische Belastungsstörung festgestellt. Inzwischen macht er eine spezielle Psychotherapie – und erzählt erstmals in Interviews von seinen Erfahrungen. Seine ganz und gar nicht märchenhafte Lebensgeschichte soll allen Mut machen, denen es ähnlich geht wie ihm. „Wir müssen uns auch um die kümmern, die nach einem Coming-out nicht glücklich sind“, fordert Klemens. Auch ihre belastenden Geschichten gehören zur Wirklichkeit im freien Europa.

    Sein jüngstes Coming-out ist für Klemens auch ein Appell an alle schwulen Männer, nachsichtiger miteinander umzugehen: „Es wär schön, wenn wir aufhören würden, uns gegenseitig schlechtzumachen, nur weil sich jemand den Sack nicht rasiert“, sagt Klemens. „Stattdessen könnten wir gemeinsam überlegen, wie wir die Welt zu einem besseren Ort machen für unsere jüngeren Brüder und Schwestern.“ Klemens muss lachen, weil das so pathetisch klingt. Aber jede gute Geschichte braucht eine Moral – ein Happy End ist dagegen verzichtbar.

    Philip Eicker

    Klemens Ketelhut vor Waldhintergrund nachdenklich blickend. Er setzt sich gegen Konversionstherapien ein.

    Mehr Infos zu Klemens‘ Geschichte

    Zum Weiterhören: Im Podcast „Y-Kollektiv“ in der ARD Audiothek erzählen Klemens und andere davon, wie sie von ihrer Homosexualität geheilt werden sollten.


    Hintergrund zum Verbot von Konversionsbehandlungen in Deutschland und weltweit

    In Deutschland gilt seit 2020 ein gesetzliches Verbot von Konversionsbehandlungen von Personen unter 18 Jahren. Das Gesetz „gilt für alle am Menschen durchgeführten Behandlungen, die auf die Veränderung oder Unterdrückung der sexuellen Orientierung oder der selbstempfundenen geschlechtlichen Identität gerichtet sind“ (§1, Abs. 1, Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen).
    Verboten ist nicht nur die Durchführung solcher Behandlungen, sondern auch die Werbung, das Anbieten sowie die Vermittlung derartiger Angebote. Zudem soll ein spezielles Beratungsangebot unter dem Dach der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung entstehen.
    Insbesondere die Beschränkung des Verbots auf Unter-18-Jährige wird hierzulande auch kritisiert.

    Deutschland ist damit weltweit erst das vierte Land – nach Brasilien, Ecquador und Malta, das Konversionsbehandlungen landesweit verbietet. In weiteren Ländern gibt es zumindest in bestimmten Regionen ein solches Verbot.
    Eine Übersicht über den aktuellen Stand weltweit findet Ihr bei ILGA World (Informationen auf Englisch und Spanisch).

  • „Vom ersten Tag an führten wir eine offene Beziehung – die immer sehr eng war.“

    „Vom ersten Tag an führten wir eine offene Beziehung – die immer sehr eng war.“

     

    Anderen zu gefallen ist okay, darf aber nicht zum Kompass des eigenen Handelns werden. Fähnchen im Wind haben wir schon genug, findet Björn, der sich zu dem Thema „offene Beziehungen“ seine Gedanken gemacht hat.

    Die meisten Männer haben gerne Sex, und bei schwulen Männern ist das nach meiner Erfahrung nicht anders. Eine Umfrage aus Großbritannien kommt zu dem Ergebnis, dass 41 Prozent von etwa 1.000 befragten schwulen Männern eine offene Beziehung führen, oder geführt haben. 75 Prozent davon finden diese Beziehungsform „großartig“. Auch wenn die Ergebnisse nicht komplett auf Deutschland zu übertragen sind, gibt es doch sicherlich sehr viele bei uns, die das ähnlich sehen. Ich lebe zum Beispiel auch in einer offenen Beziehung, außerdem kenne ich wenige wirklich monogame Schwule. Auf der Facebook-Seite von ICH WEISS WAS ICH TU ergab sich letztens unter einem Post zum Thema „Offene Beziehungen“ eine lebhafte Diskussion, an der ich mich dann beteiligte.

    Ich war ziemlich überrascht wie sehr die Meinungen auseinandergingen und geschockt, wie hart diejenigen kritisiert und angegangen wurden, die in offenen Beziehungen leben. „Wieso denken Schwule eigentlich immer nur an Sex?“ „Man muss doch die Partner nicht wie Unterwäsche wechseln!“, oder „Dann braucht man keine Beziehung; da wird das Klischee über die Schwulen wieder komplett bestätigt“ konnte ich da lesen.

    Es ärgert mich, dass manche Schwule ebenso homophob argumentieren, wie manche Heteros.
    Aufgefallen ist mir dabei, dass es eine Angst gibt, die Klischees zu erfüllen. Scheinbar gibt es eine ganze Reihe schwuler Männer, die sich eher anpassen als die eigene Bedürfnisse zu erkunden und authentisch zu leben. Studien zeigen etwa 57 Prozent der Männer und 47 Prozent der Frauen gehen fremd. Bei schwulen Männern kann man sich die Wahrscheinlichkeit von „echter Treue“ (also auch in den so genannten monogamen Beziehungen, wo dann hinter dem Rücken des anderen fremdgegangen wird) also ausrechnen. Was ich mir allerdings sehr gerne anschauen würde, wäre die Zahl der Kommentatoren, die mich und andere kritisieren, selbst aber nicht anders handeln als ich … Kein Mensch hat das Recht über die Beziehung anderer zu urteilen!

    Ich habe meinen Mann vor knapp fünf Jahren kennengelernt und es ging alles sehr schnell: nach einem Jahr waren wir verlobt, ein Jahr später verheiratet. Vom ersten Tag an führten wir eine offene Beziehung – die immer sehr eng war. Wir gehen in allen Dingen offen und ehrlich miteinander um. Genau das finde ich entscheidend: dem Partner nichts verheimlichen zu müssen. Wir schätzen diese Ehrlichkeit beide sehr, auch wenn das manchmal nicht ganz leicht ist.

    Das Wort „offen“ bezieht sich auch auf unsere Kommunikation.
    Aus meiner Sicht decken sich auch nicht unbedingt die sexuellen Bedürfnisse beider Partner, das müssen sie auch nicht. Es stört mich nicht, wenn mein Mann Dinge, die ich nicht mag, mit anderen macht – im Gegenteil. In offenen Beziehungen wird das jedenfalls thematisiert und das ist schon mal ein wichtiger Schritt. Wenn man sich nicht traut etwas anzusprechen, ist das ein Problem. „Offen“ bezieht sich auch auf unsere Kommunikation.

    Allerdings hat mich die Schärfe der Kritik wirklich überrascht. Ich hatte das Gefühl für das „schlechte Bild“ der Schwulen in der Gesellschaft verantwortlich gemacht zu werden. Scheinbar habe ich einen wunden Punkt getroffen. Mein Mann und ich verstecken uns und unsere Bedürfnisse nicht, sondern leben sie aus und sind damit glücklich!

    Etwas nicht zu tun, weil andere das bewerten, ist nach meiner Überzeugung der falsche Weg. Anderen zu gefallen ist okay, darf aber nicht zum Kompass des eigenen Handelns werden. Fähnchen im Wind haben wir schon genug. Wichtig ist mir dabei nochmal klarzumachen, dass ich nicht über andere urteile. Wer für sich entschieden hat, monogam zu leben, soll das tun. Jeder sollte den Weg gehen, der den eigenen Bedürfnissen entspricht. Kompromisse einzugehen, nur um nicht Single zu sein, oder Moralvorstellungen anderer zu erfüllen: Nein Danke!

    Planetromeo-offeneBeziehung
    Das weiß doch (fast) jeder: In den Datingportalen kann man auch seinen Beziehungsstatus einstellen. (Symbolbild)
  • Die Sehnsucht nach Männlichkeit

    Der Wunsch nach dem perfekten Body: Sportliches Ziel oder seelischer Stress? (Foto: R. B. / pixelio.de)

    Ein Beitrag von Dr. Dirk Sander, Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe. (Redaktion: Tim Schomann)

    Durchtrainiert, breites Kreuz, ausgeprägte Bauchmuskeln, starke Schultern: So wird uns in der Regel „der Mann“ in schwulen Magazinen gezeigt. Ganz gleich, ob es sich dabei um redaktionelle Beiträge oder Werbeanzeigen handelt. Diese Männer – meist in ihren Zwanzigern – sind erst mal schön anzusehen, sie vermitteln ein idealisierendes Bild von Männlichkeit, Kraft und Stärke. Warum ist dieses Bild von Männlichkeit so dominant? Was steckt dahinter und was können diese Bilder auslösen?

    Das hat auf den ersten Blick scheinbar nichts mit einer Präventionskampagne wie ICH WEISS WAS ICH TU zu tun. Doch wenn man genau hinsieht, dann stellen sich einige Fragen zu unseren Haltungen und den Respekt untereinander in der so genannten schwulen oder queeren Community. Welche Auswirkungen können gegenseitige Ausgrenzung und Stigmatisierung auf unser gesundheitliches Wohlbefinden und unser sexuelles Schutzverhalten haben? Darüber wollen wir mit Euch ins Gespräch kommen!

    „Tunten zwecklos“

    Obwohl das Männerbild in schwulen Magazinen, aber auch auf so manchem CSD-Truck recht einheitlich daherkommt, geht es in der „queeren“ Szene bei Körperlichkeiten wesentlich vielfältiger zu: Dick und dünn, lang und kurz, alt und jung, behaarte Bären, proppere Kerle und schmale Hemdchen, mal mit eher weichlichen, mal mit markanten Zügen. Trotzdem scheinen die einer bestimmten Vorstellung von Männlichkeit entsprechenden Männerkörper viele zu faszinieren, sie sind Objekte des Begehrens. Männer, die eher effeminiert sind, also vermeintlich „weiblich“ daher kommen, werden auch schon mal gnadenlos als „zu schwul“ verspottet, oder mit dem Hinweis „Tunten zwecklos“ als Sexpartner auf Dating-Portalen im Internet abgelehnt. Ein von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im letzten Jahr in einer Präventionskampagne eingeführtes „weibliches“ Männermodell führte zu einem Entrüstungssturm in den schwulen sozialen Medien, das Modell wurde als „zu klischeehaft“ abgelehnt und letztlich aufgrund des vehementen „öffentlichen Drucks“ aus der Szene von der Gesundheitsagentur zurückgezogen.

    „body image stress“: Der Stress mit dem eigenen Körper

    Die Sehnsucht nach Männlichkeit ist anscheinend groß, und es wundert deshalb nicht, dass man unterschiedlichste Männertypen findet, die mit ihrem eigenen Körper unzufrieden sind und die viel dafür zu tun bereit sind, dem in den Magazinen dominierenden Bild des schwulen Archetypen zu entsprechen. Und es ist ja auch erst mal nichts Schlechtes dabei, auf seinen Körper zu achten, etwas Sport zu treiben, sich ausgewogen zu ernähren, um sich fit und attraktiv zu fühlen. Wissenschaftliche Studien aus den letzten Jahren stellen allerdings fest, dass Homosexuelle im Vergleich zu Heterosexuellen stärker unter einer Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Körper leiden. In einer britischen Studie zur Gesundheit von schwulen und bisexuellen Männern aus dem Jahr 2011 wurde hervorgehoben, dass fast die Hälfte der schwulen und bisexuellen Männer sich Sorgen um ihr Aussehen machen und sich darüber hinaus wünscht, sich weniger damit beschäftigen zu müssen. Zwanzig Prozent der Befragten störten sich an ihrem Gewicht oder ihrem Essverhalten. In einer weiteren aktuellen Studie stellt Christopher J. Hunt von der Universität Sydney fest, dass schwule Männer teilweise geradezu „aufgerieben“ werden zwischen den widersprüchlichen Vorstellungen von einem auf der einen Seite muskulösen und auf der anderen Seite schlanken Erscheinungsbild. Psychologen sprechen bei diesem Phänomen von „body image stress“ (Körperbildstress): Es bestehe ein Unterschied zwischen „normalem“ Körperbewusstsein und stresshaft erlebter Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Es lohne sich jedenfalls darüber nachzudenken, wie viel Sport und Ernährungskontrolle noch „gesund“ sei, und wann die Anstrengungen zur Erreichung eines fitten und attraktiven Körpers zu einer stresshaften und damit eher abträglichen Belastung wird.

    In der Literatur lässt sich eine Reihe von theoretischen Überlegungen finden, warum gerade bei schwulen Männern die Sehnsucht nach einem männlich gestählten Körper so übermächtig werden kann. Zum einen seien es bestimmte Ängste von anderen als (zu) schwul ausgegrenzt zu werden, deshalb versuche man gerade besonders „männlich“ im herkömmlichen Sinn zu wirken; hier könnten auch gemachte negative Erfahrungen als Verstärker wirken. Auch die „Scham“ über die eigene Sexualität, die nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht, könne hier eine Rolle spielen. Vermutet wird auch, dass bei einigen die Vorstellung leitend sein könnte, mit einem besonders kraftvollen männlichen Körper gegen antischwule Gewaltattacken besser vorbereitet und geschützt zu sein; hier könnten auch gemachte Gewalterfahrungen verstärkend auf den Wunsch nach „Männlichkeit“ wirken. Solche Gewalterfahrungen sind im Übrigen ja nicht selten. Aus einer gerade veröffentlichten bundesdeutschen Erhebung von Michael Bochow und Kollegen geht hervor, dass ca. die Hälfte der Befragten schwulen und bisexuellen Männer Erfahrungen von verbaler und physischer Gewalt gemacht haben. Ein statistischer Wert, der sich übrigens in den letzten zwanzig Jahren nicht verändert hat!

    Kaum emotionale Unterstützung und Geborgenheit in schwulen Szenen?

    Eine weitere Vermutung für die Entstehung von „Körperbildstress“ ist, dass schwule Männer aufgrund von Ausgrenzungs- und Stigmatisierungserfahrungen in der Gesellschaft zu einem geringeren Selbstwertgefühl tendieren könnten, der Wunsch nach Formung eines „männlichen“ Körpers diene der Selbstwertstärkung. Weitere Überlegungen gehen davon aus, dass die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper auch, vielleicht als Wechselwirkung, aus den Erwartungen an bestimmte Körperideale aus den schwulen Szenen selber herrühren könnte. Phil Langer, Sozialpsychologe an der Universität Frankfurt, stellte in seiner Interviewstudie von 2009 fest, dass eine nennenswerte Unterstützung, die emotionale und physische Sicherheit bieten könnte, in den schwulen Szenen kaum zu finden sei. Er schreibt, dass im Gegenteil Erwartungen in Bezug auf Ideale jugendlichen Alters, maskuliner Männlichkeit und sexuell-körperlicher Schönheit innerhalb der schwulen Szenen(n) deutlich formuliert würden, diese könnten individuell zu Stressoren werden.

    Einige Autoren fordern deshalb, dass in den schwulen und queeren Szenen über diese Hintergründe mehr diskutiert werden müsste, z.B. über Gewalterfahrungen und den Umgang damit, über Idealvorstellungen und Erwartungen an bestimmte Formen der „Männlichkeit“, aber auch über die Bedeutung eines szeneinternen Respekts und Zusammenhalt. Nicht zuletzt scheint diese Diskussion bedeutsam auf dem Hintergrund, dass einige Autoren es für wahrscheinlich halten, dass Risikoverhalten beim Sex durch den Konflikt zwischen dem mangelnden Selbstwertgefühl und dem Wunsch nach besonders männlichem Auftreten begünstigt werden könnte.

    Das Geschäft mit der Unzufriedenheit

    Eine Reflektion über solche Zusammenhänge ist aber nur in wenigen schwulen und queeren Zirkeln zu finden. Währenddessen hat die Industrie, die angetreten ist, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, schon längst unser Dilemma erkannt und ein Riesengeschäft daraus entwickelt. Nicht nur die in den USA entstandene und auch bei uns mittlerweile weit verbreitete schwule „Gym Culture“ ist hier zu nennen. In schwulen Lifestyle-Magazinen, die (teils aus Unwissenheit, teils aus reinem Zynismus) verkaufsfördernd gerade dieses genannte normative Männerbild transportieren und zementieren, wird allerlei feil gehalten für diejenigen, die mit ihrem Körperbild unzufrieden sind. Und das geht weit über Fitnessangebote hinaus: Angeboten werden neben Botox und anderen Faltenkillern, Tinkturen für besseren Haarwuchs; sogar „Pflegelinien“ für Männer, die „effektive Lösungen“ zur Festigung des Bindegewebes und zur „langfristigen“ Verbesserung der „Körperkonturen“ versprechen, scheinen ihren Absatz zu finden. Selbst chirurgische Eingriffe werden neuerdings empfohlen. Solche radikalen Methoden der Körperformung sind allerdings, zum Glück, nur für einige von uns erschwinglich.

    Wie gesagt, es spricht gar nichts dagegen, etwas für die Fitness und das Äußere zu tun, sich Gedanken um eine ausgewogene und gesunde Ernährung zu machen, es liegt aber auch an uns, die Mechanismen und Hintergründe für darüber hinaus gehende und belastende Anstrengungen zu reflektieren, mehr Zusammenhalt in den „queeren“ Szenen zu etablieren und Gelassenheit bei vermeintlichen „Schönheitsfehlern“ zu entwickeln.

    Darum wollen wir uns diesem Thema stellen und mit euch darüber diskutieren? Welche Ideale und Ziele sind euch wirklich wichtig? Wo spürt ihr selber Druck, einem bestimmten (Männlichkeits-) Bild in der Szene entsprechen zu müssen? Wie geht ihr damit um?  Was erwartet ihr von einer schwulen Szene, die sich oft selbst als Community bezeichnet? Gibt es die Community und den Zusammenhalt (noch)? Oder ist das alles eine Illusion?

    Diskutiert mit uns auf facebook! Wir freuen uns auf eure Anregungen, Kritik und Denkanstöße.

     

    Literatur

    Bochow, M., Lenuweit, St., Sekuler, T., Schmidt, A. J. (2012): Schwule Männer und HIV/AIDS: Lebensstile, Sex, Schutz- und Risikoverhalten 2010. Forumsband Deutsche Aidshilfe e.V., Berlin

    Hunt, Ch. J. et al. (2012): “Links between psychosocial variables and body dissatisfaction in homosexual men: Different relations with the drive for muscularity and the drive for thinness.” In: International journal of Men´s health, vol. 11, no. 2, pp. 127 – 136

    Pretzel, A./Weiß, V. (Hrsg.): Rosa Radikale. Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Edition Waldschlösschen, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2012

    Langer, Ph. C. (2009): Beschädigte Identität. Dynamiken des sexuellen Risikoverhaltens schwuler und bisexueller Männer. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden

    Halperin, D. M./ Traub, V. (Hrsg.): Gay Shame. Chicago/London: university press 2009

    Mbody Mai-Juli 2010 www.m-body.de

    Guasp, A. (2012): Gay and bisexual men´s health survey. http://www.stonewall.org.uk/documents/stonewall_gay_mens_health_final_1.pdf

  • Langzeitfolgen von HIV-Therapien

    Langzeitfolgen von HIV-Therapien

    Etwa 20 Prozent der HIV-Infizierten haben Schwierigkeiten mit ihrer HIV-Therapie. Über Risiken und Nebenwirkungen von HIV-Medikamenten hat der Berliner HIV-Schwerpunktarzt Gerd Klausen die Tage im vorigen Blog-Beitrag informiert. Heute berichtet Dr. Gerd Klausen über Langzeitfolgen der HIV-Therapie.

    Unter welchen Folgeschäden haben Patienten heute zu leiden, die schon über viele Jahre HIV-Medikamente einnehmen?

    In den letzten fünf bis zehn Jahren haben wir in Einzelfällen vor allem Schädigungen der Leber und der Niere festgestellt, darüber hinaus auch Veränderungen im Blutfett-Stoffwechsel, also eine Erhöhung des Cholesterinspiegels. Damit geht ein erhöhtes Risiko für einen Herz- oder Schlaganfall einher. Manche Medikamente stehen außerdem im Verdacht, einen vorzeitigen Knochenschwund auszulösen. Diese Dinge müssen die behandelnden Ärzte daher besonders im Blick haben. Andere Langzeitfolgen, wie Fettumverteilungsstörungen, können durch neue Medikamente heute hingegen weitgehend vermieden werden.

    Was genau ist unter Lipoatrophie und Lipohypertrophie, so die medizinischen Fachtermini für diese Fettumverteilungsstörungen, genau zu verstehen?

    Bei der Lipoatrophie handelt es sich um den sehr markanten Verlust von Fettgewebe im Gesicht sowie in den Armen und Beinen. Lipohypertrophie bezeichnet die Zunahme von Fettgewebe, meist im Bauch und am Nacken. Die Medikamente, die diese stark stigmatisierenden Symptome höchst wahrscheinlich verursacht haben, waren aus meiner Sicht trotz dieser Nebenwirkungen damals ein Segen, denn durch sie konnte unmittelbar Leben gerettet werden und es gab keine Alternativen. Heute sind wir auf diese Präparate glücklicherweise nicht mehr angewiesen.

    Zugenommen haben bei Langzeittherapierten in den letzten Jahren auch psychische Probleme. Wie lässt sich das erklären?

    Nicht nur Depressionen und Schlafstörungen sind zu einem großen Thema bei Langzeitinfizierten geworden, sondern auch hirnorganische Veränderungen. Medikamente können hier mit eine Rolle spielen. Es ist daher wichtig, solche Symptome immer näher zu untersuchen, um im Zweifelsfalle rechtzeitig reagieren zu können. Allerdings ist es manchmal gar nicht so einfach, einen Patienten davon zu überzeugen, ein Medikament auszutauschen, das er nach seiner eigenen Wahrnehmung immer gut vertragen und ihm vielleicht das Leben gerettet hat.

    Das heißt, es gibt neben den Medikamenten auch andere potentielle Auslöser für die psychischen Probleme eines HIV-Infizierten?

    Ja, denn auch die Langzeitwirkung der Infektion kann eine Ursache sein. Dies ist auch einer der Gründe, weshalb wir das Virus heute so früh wie möglich behandeln: Denn so erreichen wir, dass es sich nicht so lange ungehindert im Körper vermehren und dadurch Schäden anrichten kann. Auf diese Weise können beispielsweise hirnorganische Veränderungen und Erkrankungen des peripheren Nervensystem weitgehend verhindert werden.

    rezept
    Langzeitfolgen, wie Fettumverteilungsstörungen, können durch neue Medikamente heute hingegen weitgehend vermieden werden. (Foto: fotolia.de)

    Darüber hinaus spielen auch heute noch die psychische Verarbeitung der HIV-Infektion und die krankheitsbedingten Lebensveränderungen eine nicht zu unterschätzende Rolle, etwa was die Sexualität, das Körpergefühl und das Selbstwertgefühl angeht. Auch für Menschen, die vor 10 oder 15 Jahren aufgrund ihrer Infektion frühzeitig berentet wurden oder andere soziale Folgen erlitten, bedeutet die HIV-Erkrankung einen massiven Einschnitt in die Biografie, der verarbeitet und verkraftet werden muss.

    Die medizinische Forschung und damit einhergehend die HIV-Therapie haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten immense Fortschritte gemacht. Können Neuinfizierte, die heute eine HIV-Behandlung beginnen, darauf hoffen, alt zu werden, ohne dass sie unter schweren Neben- und Langzeitwirkungen werden leiden müssen?

    Das glaube ich tatsächlich! Und ich hoffe sehr, dass die Erfahrungen in den nächsten ein, zwei Jahrzehnten dies auch bestätigen wird. Erfreulicherweise hat sich die HIV-Medizin unglaublich verändert. Die Wirksamkeit der Medikamente ist so gut wie noch nie und wir heute kaum mehr Probleme mit Resistenzen. Zugleich aber bleibt das Thema Nebenwirkungen in der ärztlichen Beratung weiterhin sehr wichtig. Um eben zu verhindern, dass die hilfreiche Therapie zugleich Schäden verursacht.

    Vielen Dank für das Gespräch!

    Mehr zu diesem Thema:
    HIV-Therapien heute: Zwischen „sehr gut“ bis „zum Kotzen“

  • Zuher: Es gibt nicht DIE eine queere Community…

    Zuher: Es gibt nicht DIE eine queere Community…

    Zuher Jazmati ist 30 Jahre alt, Sternzeichen Skorpion und lebt in Berlin. Zusätzlich zu seinem Dayjob arbeitet er als Podcaster, DJ und Campaigner und macht politische Bildungsarbeit, wobei er aus einer antirassistischen, intersektionalen Perspektive für verschiedene Auswirkungen von Diskriminierung sensibilisieren will.

    Zuher Jazmati

    Zuher, wie hast du die Corona-Zeit erlebt?

    Unterschiedlich! Ich habe da eine komplexe Perspektive drauf: es war nicht alles super, es war nicht alles mega schlimm… Da ich sehr aktiv bin und viel Energie in meine Projekte investiere, bin ich eben auch oft ziemlich erschöpft und müde. Da kam mir der Lockdown als Zwangspause eher gelegen. Gleichzeitig war die Situation für mich auch belastend, weil da ja Menschen dran sterben. Trotzdem habe ich es als positiv und notwendig erlebt, dass ich mir Zeit für mich, Zeit zum Runterkommen nehmen konnte. Das gilt glaube ich für viele Freiberufliche und Leute aus dem Veranstaltungssektor. – Gigs als DJ und Workshops wurden abgesagt, das war auch schmerzhaft. Das fehlt mir auch am Meisten: Feiern, auflegen, Menschen durch Musik glücklich machen. Ich glaube, auf die Frage gibt es keine einfache Antwort, das war und ist ein Einschnitt in das Leben von jedem Menschen.

    Und wie war es für Dich, als es im Sommer wieder zu Lockerungen gekommen war?

    Da hab ich auch an die Menschen aus Risikogruppen gedacht, die das nicht genießen können. Das betrifft auch Menschen mit denen ich Kontakt habe, wie meine Großmutter und meinen Vater. Oder Menschen mit Behinderung, für die Corona echt nochmal viel gefährlicher ist. Menschen, die eben nicht so jung, nicht so sportlich oder nicht so gesund sind wie ich. Ich bin immer wieder mit der Angst vor dem Virus und den Gedanken daran konfrontiert, was eine Ansteckung zum Beispiel für meine Familie bedeuten würde.

    Jetzt wird es ja auch kälter, da fährt man vielleicht weniger mit dem Fahrrad und benutzt mehr öffentliche Verkehrsmittel. Da sehe ich auch immer mehr rücksichtslose Leute, die ihre Maske nicht tragen und sich nicht an die Regeln halten. Dann habe ich auch mehr Angst vor dem Virus. Denn was heißt diese Gefährdung dann z.B. für meine Großmutter oder für meinen Vater? Dass ich sie noch weniger sehen kann? Die Kontakteinschränkungen, die es gab, waren ja schon echt schmerzhaft. Wenn ich dann fahrlässiges Verhalten beobachte, verstärken sich meine Befürchtungen weiter.

    Printanzeige IWWIT Wir Für Queer
    Zuher (unten, Mitte) ist Teil unserer Printanzeige zum Thema queere Solidarität und #WirFürQueer.

    Was sind für dich wichtige Themen derzeit in der queeren Szene?

    Ich sehe die queere Szene differenzierter: also dass auch und vor allem in der sogenannten ‚queeren Szene‘ viele unterschiedliche Menschen zusammengefasst werden, die alle mit unterschiedlichen Lebensrealitäten und Formen von Diskriminierung konfrontiert sind. Zum Beispiel haben viele Menschen große Probleme an Geld zu kommen. Beispielsweise wenn sie als Künstler_innen oder Sexarbeiter_innen tätig sind. Oder weil Auftritte erschwert oder verboten werden oder sie allgemein illegalisiert sind. Queere Orte, die vor Corona geschaffen wurden, haben Probleme weiter zu existieren. Als Beispiel kann ich die Queer Arab Party nennen, die alle zwei Monate stattgefunden hat. Dort haben sich Menschen mit arabischem Hintergrund zum Feiern getroffen. Aber feiern geht nicht mehr. Wenn solche und auch andere Safer Spaces wegfallen, fehlen auch die Möglichkeiten zur gegenseitigen Unterstützung und Vernetzung. Das kann vor allem für Jüngere bedeuten, dass sie in einem queerfeindlichen Lebensumfeld wie möglicherweise intoleranten Familien bleiben müssen und sich nicht entfalten können.

    Und auf der individuellen Ebene?

    Da sehe ich vor allem die psychische Belastung durch Isolation und Einsamkeit. Die tritt bei queeren Menschen neben den Problemen eines Lebens unter erschwerten Bedingungen noch verstärkt auf. Wer jetzt allein ist, das stelle ich mir schrecklich vor! Besonders dann braucht man ja eigentlich die Nähe, die man in einer Gemeinschaft haben kann. Grade Menschen in marginalisierten Communities brauchen die Nähe, das Zusammenfinden, Vernetzen, den Austausch. Es ist ein großes Problem, dass da viel nicht mehr stattfinden kann.

    Was bedeutet für dich (queere) Solidarität?

    Dass Menschen füreinander einstehen, füreinander da sind bei Problemen. Solidarität fängt für mich vor allem mit der Arbeit an sich selbst an. Dabei meine ich Empathie mit und Sensibilisierung für Marginalisierungsformen, von denen ich nicht betroffen bin. Dass ich mich, wenn ich hetero bin, solidarisch mit Menschen verhalte, die nicht hetero sind. Dass ich mich, wenn ich weiß bin mit Menschen solidarisch verhalte, die nicht weiß sind. Oder dass ich als nicht beeinträchtigte Person solidarisch mit Menschen bin, die nicht abled sind. Es geht mir darum, sich empathisch mit den Lebenswelten anderer auseinander zu setzen, um solidarisch sein zu können. Sein Wissen und seine Vorstellungen von Menschen zu überprüfen und auch mal zu erweitern. Da wünsche ich mir, dass jede_r sich selbstreflektiert und wir unsere Privilegien checken, uns für solidarisches Verhalten einsetzen.

    Was wünschst du dir zukünftig für die queere Coomunity?

    Für mich gibt es nicht DIE queere Community, Einzahl. Sondern es gibt queere Communities in der Mehrzahl, denn wir sind nicht alle gleich. Mir ist es wichtig, die Unterschiedlichkeit der Gruppen anzuerkennen, die in dem Begriff ‚queere Community‘ zusammengefasst werden und vor allem die unterschiedlichen Machtverhältnisse anzuerkennen, die es ja real gibt. Wir sitzen eben nicht alle im selben Boot mit einer queeren Person aus Moria oder einer, die von Abschiebung bedroht ist. Das möchte ich aus dem Oberbegriff „queer“ raus differenziert haben, so können wir den existierenden Unterschieden gerechter werden.

    Zuher Jazmati

    Gibt es ein Projekt, das aus deiner Sicht zur Zeit besondere Unterstützung braucht – und wenn ja, warum?

    Ja, die queeren Projekte in Nigeria, die sich gegen Polizeigewalt stark machen. Als ich in London gelebt habe, hatte ich Kontakt zu der dort existierenden großen nigerianischen Community. Und hier in der Schwarzen Community gehen viele Tweets zu dem Thema viral, in der Tagesschau siehst du aber gar nichts davon! Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land des afrikanischen Kontinents und es gibt grade richtig viele Proteste dort – die Medien hier schenken dem null Aufmerksamkeit! Ich mache hier deshalb mit meinem Kollegen Dominik den Black Brown Queeren Podcast (BBQ). Black lives matter gilt auch für afrikanische Länder!

    Möchtest du hier noch etwas loswerden?

    (Lacht) Ja: Wear your mask, check your privileges!


    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!