Autor: admin

  • Safer Sex 3.0: Safer Sex geht auch anders

    Safer Sex 3.0: Safer Sex geht auch anders

    Früher lautete die Faustregel: Sex nur mit Gummi! Mittlerweile gibt es weitere Optionen zum Schutz vor HIV. Wir haben uns umgehört, wie Safer Sex heute praktiziert wird

    Kondome: bewährt und weit verbreitet

    Sex gilt bekanntermaßen als die schönste Nebensache der Welt. Und dass dabei HIV übertragen werden kann, muss niemandem den Spaß verderben. Schließlich gibt es heute eine ganze Reihe von Möglichkeiten, sich zu wappnen. Das gute alte Kondom ist dabei immer noch die bewährteste und am weitesten verbreitete Methode.

    „Ohne Gummi – darauf hab ich keinen Bock“

    Kathrin hat ihren persönlichen Vorrat immer griffbereit: „Die kleine Box unter meinem Bett finde ich auch im Dunkeln und in fast jeder Körperposition“, verrät die 28-Jährige und lacht verschämt. Und auch in ihrem Rucksack sowie in der Handtasche hat sie jeweils zwei gut verpackte Kondome verstaut. „Für alle Fälle. Man kann ja nie wissen, wer einem begegnet“, sagt sie und grinst verwegen. „Ich will mich einfach nicht darauf verlassen müssen, dass mein One-Night-Stand, dem ich vielleicht im Club begegne, mit Gummis ausgerüstet ist. Und ganz ohne – darauf hab’ ich keinen Bock.“

    Die Angst vor einer HIV-Übertragung spielt für Kathrin dabei nur eine untergeordnete Rolle. „Auch auf einen Tripper kann ich gut und gerne verzichten.“

    Entspannteres Sexleben dank PrEP

    Auch für Matthias* war Sex mit Kondom eigentlich immer eine Selbstverständlichkeit. Und doch ist es ihm schon passiert, dass das Gummi ungeplant weggelassen wurde – zum Beispiel in der schwulen Sauna. „Mit einem Mal ist beim Sex der Kopf ausgeschaltet und nur noch der Schwanz bestimmt, was passiert. Hinterher bereue ich es, und ich werde leicht panisch: Was, wenn jetzt tatsächlich etwas schiefgegangen ist?“

    Um solche Situationen zu vermeiden, nimmt Matthias seit einiger Zeit Pillen zum Schutz vor HIV, die sogenannte PrEP. Die regelmäßige Einnahme des HIV-Medikaments verhindert bei HIV-Negativen, dass sich das Virus in den Körperzellen vermehren kann – und schützt so vor einer Infektion.

    Sein Sexleben ist mit PrEP deutlich entspannter. Und trotzdem hat das Kondom für ihn nicht ausgedient.

    Für Matthias hat sich durch diese Schutzmethode das Sexleben deutlich entspannt. Das klassische Präservativ hat für ihn deshalb aber noch lange nicht ausgedient. „Das Kondom ist für mich ein Must-have, die PrEP hingegen ein Nice-to-have: ein guter Weg, um sich zu schützen, wenn keine Kondome benutzt werden.“ Er findet es deshalb wichtig, sich gut über diese Schutzmethode zu informieren – und sich bei einer PrEP unbedingt ärztlich begleiten zu lassen.

    Doppelt abgesichert, dank PrEP und „Schutz durch Therapie“

    Für Jutta* bot die PrEP eine Möglichkeit, um mit ihrem HIV-positiven Partner Gerd kondomlosen Sex zu haben – und gleich doppelt abgesichert zu sein. Denn ihr Lebensgefährte nimmt seit längerer Zeit Medikamente gegen HIV. Dadurch ist die Menge der Viren in seinem Blut so gering, dass HIV bei ihm nicht mehr nachweisbar ist: HIV kann deshalb sexuell nicht übertragen werden.

    „Mir war es sehr wichtig, meinen Mann so intensiv spüren zu können, wie man sich das idealerweise wünscht. Das Gummi erinnert einen eben auch daran, dass da eine Gefahr besteht – und sei dieser Gedanke noch so irrational. Ich wusste ja, dass Gerd gar nicht mehr infektiös ist, aber in Gefühlsdingen ist der Verstand manchmal einfach unterlegen.“

    Schutz durch Therapie funktioniert

    Dieses „Bauchgefühl“, das Jutta trotz besseren Wissens daran hinderte, sich ganz fallen lassen zu können, hatte Jeff in seiner Beziehung mit einem HIV-positiven Mann anfangs auch. Doch er informierte sich intensiv über die Nichtinfektiosität bei Menschen mit HIV, die erfolgreich behandelt werden, und war schnell von der Schutzwirkung der HIV-Therapie überzeugt.

    „Skeptisch waren vielmehr Freunde, denen wir davon erzählt haben. Denen mussten wir das erst erklären.“

    „‚Schutz durch Therapie‘ setzt tiefes Vertrauen voraus“

    Als Stefan vor sieben Jahren von seiner HIV-Infektion erfuhr, musste er diese Nachricht zwar erst einmal verarbeiten, er ist aber deshalb keineswegs in eine Schockstarre verfallen. „Mir war klar, dass ich recht zügig mit der HIV-Therapie beginnen will. Auch, damit ich mit meinem Freund Sex ohne Kondom haben kann, nachdem die Viruslast unter die Nachweisgrenze gefallen ist“, erzählt der 45-Jährige. „In allen drei Beziehungen, die ich seitdem hatte, habe ich mit meinen Partnern ohne Kondom geschlafen. Und alle drei sind auch heute noch negativ.“ Für ihn der beste Beweis dafür, dass „Schutz durch Therapie“ funktioniert.

    Safer Sex je nach Situation

    Jeff ist inzwischen wieder Single. Safer Sex handhabt er nun ganz unterschiedlich, je nach Situation. Sex ohne Gummi ist für ihn nur mit HIV-positiven Männern denkbar, die wie sein Ex-Partner unter der Nachweisgrenze sind. „Das setzt voraus, dass man sich sehr gut kennt und ein tiefes Vertrauen besteht“, erklärt Jeff. „Bei One-Night-Stands könnte ich mir nie sicher sein, und deshalb passiert es da auch weiterhin nur mit Kondom.“

    Für ihn ist das aber kein großes Problem, eine PrEP ist daher für ihn derzeit kein dringlicher Wunsch. „Aber wer weiß, wie ich in ein paar Monaten darüber denke.“ Allein die Option zu haben, ist für ihn eine Bereicherung. Denn letztlich, sagt Jeff, müsse die HIV-negative Person entscheiden, wie sie sich diesen Status erhalten möchte –ob durch eine PrEP, durch „Schutz durch Therapie“, das Kondom oder eine Kombination: „Safer Sex sind alle diese Wege“, sagt er.

    Safer Sex 3.0: Kondom, PrEP und Schutz durch Therapie schützen vor HIV
    Safer Sex 3.0: Die drei wirksamen Methoden zum Schutz vor HIV

    Mehr Infos gibt's auf der Website neu.iwwit.de/

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  • Queeres Leben nach einem Jahr Pandemie: “Wir sind systemrelevant”

    Queeres Leben nach einem Jahr Pandemie: “Wir sind systemrelevant”

    Covid-19 bestimmt seit mittlerweile mehr als einem Jahr unseren Alltag und verändert subkukturelle Räume und Safer Spaces. Wie sieht queeres Leben während der Pandemie in Deutschland aus? Eine Zwischenbilanz.

    Nichts beschäftigt uns seit letztem Jahr so sehr wie die Corona-Pandemie und die darauf folgenden Einschränkungen. Ob Lockdown Light, Wellenbrecher-Lockdown oder Harter Lockdown, fest steht, dass Einrichtungen des öffentlichen Lebens seither als Gesundheitsrisiko gelten, darunter auch Safe Spaces für queere Menschen. Die Be­trei­be­r*in­nen von Darkrooms, Bars oder Clubs haben mit kurzer Unterbrechung seither quasi Berufsverbot, die Mitarbeiter*innen sind in Kurzarbeit oder ohne Aufträge. 

    In der Krise schränken auch viele Hilfseinrichtungen ihr Angebot ein oder bieten ihre Beratungsgespräche nun lediglich online oder telefonisch an. Die Fachstelle für queere Geflüchtete der Schwulenberatung Berlin geht dabei anders vor. Hans Kalben ist Sozialpädagoge und seit 2015 Teamleiter der Fachstelle. “Die Hürden für digitale Termine sind für unsere Zielgruppe oftmals zu hoch”, sagt Kalben. Zwar arbeite Kalben mittlerweile häufiger aus dem Homeoffice, ein großer Teil der Beratungsgespräche finde aber noch immer vor Ort statt: “Viele Geflüchtete haben kein Endgerät oder W-Lan oder finden in der Gemeinschaftsunterkunft einfach keine Privatsphäre.”

    In der Krise schränken viele Hilfseinrichtungen ihr Angebot ein.

    Vor Ausbruch der Pandemie fand jeden Dienstag und Freitag ein Treffen im Café Kuchus in Berlin-Kreuzberg statt, zu dem sich niemand anmelden musste. Zwar kommuniziere die Beratungsstelle aktuell, dass die Treffen coronabedingt ausfallen, inoffiziel stehen aber immer Mitarbeitende für Beratungsgespräche bereit: “Wir haben die Erfahrung gemacht, dass trotzdem immer viele Menschen kommen, die Hilfe brauchen.” Seit letztem März gebe es einen verstärkten Bedarf an Beratungsgesprächen und das obwohl weniger Menschen neu in Deutschland ankommen als vor Ausbruch der Krise. “Menschen, die schon länger illegalisiert im Land leben und die sich sonst mit Sexarbeit oder anderen prekären Beschäftigungsverhältnissen über Wasser halten, haben verstärk Hilfe in Anspruch genommen”, sagt Kalben. Durch den Lockdown sei ein Asylverfahren für viele dieser Menschen die letzte Chance. 

    Negative Asylbescheide und Abschiebungen trotz Corona

    Was Kalben und seinem Team seit einem Jahr immer wieder schwerfalle, sei die richtige Kommunikation der Corona-Schutzmaßnahmen. “Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften haben gar nicht die Möglichkeit sich zu schützen oder alle Corona-Hygienemaßnahmen einzuhalten”, sagt er. Belastend sei auch die Sorge, Geflüchtete in den Beratungsgesprächen mit Covid-19 zu infizieren. Um dies zu verhindern, arbeite die Beratungsstelle mit Spuckschutztrennwänden, Aerosolgeräten, Masken und Abstandsregeln: “Es ist eine tägliche Herausforderung, bestmöglich zu beraten und gesundheitliche Risiken dabei zu vermeiden.” 

    Abschiebungen finden weiterhin statt, obwohl sich die Situation in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten dramatisch verschlechterte.

    Trotz Lockdown und Krisenlage laufe die Arbeit in den Behörden und beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge weiter. So erhalten Geflüchtete trotz Pandemie, laut Kalben, weiterhin negative Asylbescheide ohne dass die Fristen dabei der besonderen Situation angepasst seien. Selbst Abschiebungen finden weiterhin statt, obwohl sich die Situation in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten dramatisch verschlechterte. “Ein Asylverfahren ist immer schwierig, die Pandemie macht es aber noch komplizierter, alle Fristen pünktlich einzuhalten”, sagt Kalben.

    Aufgrund des weltweiten Gesundheitsnotstandes gab es in Krankenhäusern immer wieder die Anweisung, planbare Operationen zu verschieben. Betroffen waren davon auch geschlechtsangleichende Operationen bei trans Menschen, die, sofern es dabei nicht um die Behandlung von Komplikationen ging, nicht als medizinisch notwendig galten. Krankenhäuser arbeiten seit mehr als einem Jahr am Limit, weshalb Kundgebungen und Pride-Paraden mittlerweile online statt auf der Straße veranstaltet werden. DJ-Sets queerer Clubs finden derzeit nur noch als Livestream statt. 

    Digitales Queeres Leben

    Das Pornfilmfestival Berlin, das engen Körperkontakt eigentlich voraussetzt, fand letztes Jahr lediglich vor einer kleinen Anzahl von Gästen statt. “Es war teilweise frustrierend an einem Festival zu arbeiten, das nicht so werden kann und darf, wie man es sich eigentlich wünscht”, sagt Kuratorin Paulita Pappel. Die wenigen Tickets, die es zur Verfügung gab, waren nach kurzer Zeit ausverkauft. “Das war bei der reduzierten Anzahl an Kinoplätzen aber auch nicht schwer”, sagt Paulita Pappel. Neben ihrer Tätigkeit für das Festival besitzt sie die Online-Plattform „Lustery, auf der privat gefilmte Videos von Paaren zu sehen sind. Während viele Pornoproduktionen aufgrund des Lockdowns gestoppt wurden, stellte sich die Plattform als pandemiesicheres Modell heraus: “Wir haben während der Krise mehr Einreichungen erhalten und hatten eine größere Anzahl an Zuschauer*innen.” 

    Durch den Verlust vieler Veranstaltungen sorgt die Pandemie dafür, dass die Sichtbarkeit queeren Lebens in deutschen Städten seit mehr als einem Jahr stark eingeschränkt ist. Die Einweihungsfeier eines Projekts in Mainz fiel der Pandemie zum Opfer. Die Eröffnung des queeren Wohnprojekts Queer im Quatier, das letzten Februar in der Mainzer Neustadt eröffnet wurde, fiel auf den Beginn des ersten Lockdowns in Deutschland. Joachim Schulte, 67, plante das Wohnprojekt in den letzten Jahren und musste die Einweihungsparty auf Zoom veranstalten. Kurz vor der Pandemie bezogen 32 queere Menschen unterschiedlichen Alters 21 Wohnungen in Mainz. Das Wohnprojekt, das als Safe Space gedacht war, funktioniere während der Krise aber nur sehr eingeschränkt. “Wir hätten uns alle in der Einstiegsphase des Projekts gerne besser kennengelernt”, sagt Schulte.

    Grafik von 6 Personen, die eine Corona-Maske tragen, wobei jede Person in einer Farbe der Regenbogenfahne eingefärbt ist.

    Likes und ein “Yaas” statt Umarmungen und Küsse

    So treffe man sich derzeit meist am Müllcontainer oder wenn jemand vom Einkaufen komme. Das Herzstück des Wohnprojekts könne aufgrund der geltenden Hygienemaßnahmen aktuell nicht genutzt werden: “Die Gemeinschaftswohnung, die wir als Treffpunkt für alle nutzen wollten, steht leer.” Da viele Bewohner*innen  zur Risikogruppe gehören, sei man besonders vorsichtig: “Im Sommer haben wir uns zwar auf Abstand im Park getroffen, dabei konnten wir uns aber nicht wirklich kennenlernen.” Abseits der Zoom-Konferenzen plane die Gruppe aber kleinere coronakonforme Aktionen. So backen manche Bewohner*innen Kuchen, legen ihn in die Gemeinschaftswohnung und geben allen Bescheid, dass sie sich nacheinander ein Stück abholen können. All die verpasste Zeit zusammen, wolle man nach der Krise nachholen. “Es herrscht große Enttäuschung, dass wir die Gemeinschaft nur begrenzt genießen können.”

    Im Corona-Jahr 2020 gab es nur wenige Gelegenheit sich als queere Gemeinschaft zusammenzufinden und sichtbar zu sein. Dragqueen Pansy aus Berlin arbeitet mittlerweile im Impfzentrum und verlegt ihre Drag-Shows ins Netz. Umarmungen und Küsse wurden zu Likes und einem “Yaas” in den Kommentarspalten. Zwar zogen vereinzelt kleinere Demonstrationen wie der “Dyke March” in Berlin durch die Straßen, dabei sollten jedoch alle wenn möglich auf den Mindestabstand achten und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Selbst das zweite Jahr der Pandemie scheint von Lockdowns bestimmt, Großveranstaltungen sind noch immer in weiter Ferne. 

    Abseits privater Wohnräume

    Abseits privater Wohnräume gibt es also seit Ausbruch der Krise nur wenig Gelegenheiten, sich in queeren Einrichtungen zu treffen. Zwar wurden bereits viele Wirtschaftshilfen verabschiedet, viele Betriebe und Menschen, die diese besuchen, leiden nach einem Jahr Pandemie und Dauerlockdown aber an den Folgen der Krise. Lokale mit Darkrooms sind mit kurzen Unterbrechungen im Sommer letzten Jahres deutschlandweit geschlossen. Thomas Pfizenmaier, der die Fetisch- und Cruising-Bar New Action in Berlin-Schöneberg und eine weitere Fetischbar in Hamburg betreibt, fand zwischen den Lockdowns eine andere Möglichkeit, Umsatz für seinen Betrieb zu generieren. Gleich nachdem seine Bar nach dem ersten Lockdown wieder öffnen durfte, beantrage Pfizenmaier eine Nutzungserlaubnis zur Außengastronomie. 

    Kaffee und Kuchen statt Fetisch und Sex

    „Mein Lebenspartner hat sich dann in die Küche gestellt und Kuchen gebacken“, sagt er. Er wolle nicht auf Spenden setzen und so servierte er zwischenzeitlich in seinem Pop-Up-Café “Corinna” tagsüber Kaffee und Kuchen, obwohl die Fetischbar sonst immer nur nachts geöffnet war. Eine Zwischenlösung für den Sommer, die aber nicht mehr viel mit Fetisch, Darkroom oder Sex zu tun hat. Da die beantragten Coronahilfen lediglich für betriebliche Kosten genutzt werden dürfen, lebe er als Barbetreiber schon seit März von seinen Ersparnissen: „Ich brauche mittlerweile seit fast einem Jahr meine selbstersparte Rente auf.“ Derzeit denke er aber noch nicht ans Aufgeben, obwohl die Verluste immer größer werden und seine Ver­mie­te­r*in­nen ihm anscheinend nicht entgegenkommen: „In Hamburg gab es während der Krise sogar eine Mieterhöhung.“ 

    „Ich brauche mittlerweile seit fast einem Jahr meine selbstersparte Rente auf.“

    Pfizenmaier denkt, dass sich viele schwule Männer während der Pandemie Schutzräume im Privaten suchen. Dort werden aber, anders als im New Action, weder Namen, Meldeadressen oder Ankunfts- und Ausgangszeit vermerkt. „Wenn sich zig Männer über Online-Plattformen zu Hause verabreden und etwas passiert, kann dieses potentielle Infektionsgeschehen weder kontrolliert noch nachverfolgt werden.“

    „Wir sind systemrelevant für den Erhalt schwuler Kultur, Lebensformen und alternativer familiärer Verhältnisse.”

    Zumindest aktuell geht Pfizenmaier davon aus, dass das “New Action” nach der Krise wieder für seine Kunden öffnen wird. „Ich hoffe, dass sich die schwule Community nach der Pandemie darauf besinnt, wer ihnen über das Jahr hinweg die Stange gehalten hat“, sagt er. Seine Bar sei nicht einfach nur ein gastronomischer Betrieb, sondern diene wie alle anderen queeren Lokale als wichtiger Schutzraum für schwule Subkulturen: „Wir sind systemrelevant für den Erhalt schwuler Kultur, Lebensformen und alternativer familiärer Verhältnisse.”

    Eine Einwegmaske in Herzform auf rotem Hintergrund. Daneben 6 Personen, wobei jede Person in einer Farbe des Regenbogens dargestellt ist.

    IWWIT ist für euch da! 

    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit in der Isolation oder durch finanzielle Schwierigkeiten.

    Doch wir lassen euch nicht hängen! Deswegen haben wir unsere Kampagne #WirFürQueer ins Leben gerufen: Ihr seid nicht allein! Wir helfen uns gegenseitig! Gemeinsam schaffen wir es durch diese harten Zeiten! Mehr Infos findet ihr auf iwwit.de/wir-fuer-queer.

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  • „Seid ihr nackt beim Sex?“ – Erfahrungen eines schwulen cis Mannes mit einem trans* Partner

    „Seid ihr nackt beim Sex?“ – Erfahrungen eines schwulen cis Mannes mit einem trans* Partner

    Wie zwei Männer eine Partnerschaft führen und Sex haben, ist scheinbar klar. Aber wenn einer trans* ist, tauchen beim anderen manchmal eine Menge Fragen auf. Till (32) kennt das Kopfkino vieler schwuler cis Männer, wenn es um trans* Männer geht. Zwei seiner Ex-Boyfriends sind trans*. Hier erzählt der Wahl-Hamburger, wie seine Freunde reagiert haben und was er aus den Beziehungen mitgenommen hat.

    Till, zwei deiner Ex-Freunde sind trans*. Hat sich dein Selbstverständnis als schwuler Mann durch diese Beziehungen geändert?
    Nein. Wieso? Wir sind Männer, die sich begehrt und einander geliebt haben. Schwuler geht’s nicht.

    Gab es manchmal blöde Reaktionen, wenn ihr draußen unterwegs wart?
    Auf der Straße eigentlich nie. Da wir beide jeweils bruchlos als Männer gelesen wurden, haben wir – wenn überhaupt – nur homofeindliche Sprüche abbekommen. So wie sie andere schwule Paare auch zu hören bekommen.

    Wie haben deine Freunde auf das Coming-out deines jeweiligen Partners reagiert?
    Zunächst mal ist wichtig zu wissen: Nicht alle meine Freunde wussten, dass mein Partner trans* ist. Selbst sehr gute Freunde von mir wissen es zum Teil bis heute nicht. Andere haben es erst nach Monaten mitbekommen.

    Warum?
    Weil meine Ex-Freunde selbst entscheiden, mit wem sie ihre Transitionsgeschichte teilen – und wann. Das führte zum Teil dazu, dass die Freunde, die dann Bescheid wussten, mit Unverständnis reagiert haben. Sie hätten sich die Offenheit meiner Ex-Freunde gleich gewünscht. Bei hetero Freundinnen habe ich leicht gegenhalten können und gesagt „Du hast mir doch auch nicht erzählt, wie lang der Schwanz deines Freundes ist! “ Bei meinen schwulen Freunden war das nicht so einfach, da herrscht ein sehr offenes Gesprächsklima (lacht). Wenn ich dann gesagt habe: „Das ist nicht euer Business!“ musste ich eben aushalten, der blöde Spießer zu sein. Das ist nicht meine Lieblingsrolle, aber es war mir wichtig – aus Respekt vor meinem Geliebten.

    Würdest du sagen, dass es Unterschiede zwischen einem schwulen und einem trans* Coming-out gibt?
    Ja, darüber musste ich mir erst klar werden: schwul Sein bezieht sich in der Regel auf die Sexualität und trans* Sein immer auf das Geschlecht. Wir sprechen also von unterschiedlichen Aspekten. Meinen Partnern und mir war es wichtig, als schwule Männer „out and proud“ zu sein. Auch meine beiden Partner hatten also ein schwules Coming-out und gingen mit ihrer Sexualität offen um. Leider habe ich manchmal erlebt wie schwule Männer, die sich als trans* geoutet haben und dann erfahren mussten, dass ihr Geschlecht und damit auch ihre schwule Identität in Frage gestellt wurden.

    Kannst du das genauer erklären?
    Wenn mein damaliger Partner sich als trans* geoutet hat, wurde seine Männlichkeit oft in Frage gestellt – von denselben Leuten, die ihn vorher schlicht als Mann wahrgenommen haben. Was vorher eindeutig  und klar war, führte dann zu dummen Fragen wie „Fühlt ihr euch wirklich als schwules Paar?“ oder „Wie sieht das bei dir untenrum aus?“

    Wie bist Du als Partner mit solchen Fragen umgegangen?
    Das kam ganz darauf an. Wenn ich das Gefühl hatte, die Frage soll meinen Freund bloßstellen, habe ich meistens eine ebenso intime und übergriffige Gegenfrage gestellt. Auf die entsetzte Reaktion meines Gegenübers konnte ich so knurren „Siehst du, das geht dich gar nix an!“ Wenn die Fragen aber respektvoll gestellt wurden und ehrliches Interesse dahinter stand, hab ich klar gemacht, dass ihre Fragen sehr intim sind und ich Ihnen nichts so persönliches von meinem Freund erzählen werde. Aber ich habe angeboten allgemein über trans* Menschen zu sprechen und versucht auf diesem Weg ihre Fragen zu klären. Manchmal, wenn ich zu genervt von den immer gleichen Fragen war, hab ich aber schon mal schnippisch gesagt: „Google einfach!“

    Woher kamen deiner Meinung nach die dummen Fragen?
    Zunächst mal glauben immer noch viele Menschen, zwischen den Beinen festmachen zu müssen und können, wer ein Mann ist – und wer nicht. Dabei wissen alle, dass so vieles dazu gehört, ein ganzer Mann zu sein! Für viele Schwule kommt dazu, dass in ihrem sexuellen Verlangen der Schwanz des Partners sehr im Focus steht. Die Vorstellung, dass hier etwas anders sein könnte, als sie es gewohnt sind, verunsichert manche. Das habe ich bei einem sehr guten Freund von mir gemerkt, der meinen Ex unglaublich heiß fand. Er war irgendwann so irritiert, dass er mich einmal ernsthaft gefragt hat: „Sag mal, wenn ihr Sex habt – seid ihr dann nackt?“ Da wurde mir erst klar, welches Kopfkino bei ihm abläuft.

    Wo lag sein Problem?
    Viele Schwule fühlen sich wohl in ihrer Komfortzone bedroht, wenn sie glauben, dass ihre  ihre „klassische“ Vorstellung von schwulem Sex nicht mehr gelten. Dabei kann Sex so geil sein, wenn man sich immer wieder neu auf den anderen einlässt! Das gilt für alle Schwulen, egal ob cis oder trans*. Am geilsten wird es – nach meiner Erfahrung –, wenn wir beide in jedem Moment gemeinsam und achtsam herausfinden, was uns gerade scharf und glücklich macht.

    Wie war dein erstes Mal mit einem trans* Mann? Habt ihr vorher ausgehandelt, was passiert?
    Für mich war es eher ein Spüren, Fühlen und Tun als ein Reden. Die Situation war auch so gut, dass ich keine Zeit hatte, mir einen Kopf zu machen. Wir haben vier Tage durchgevögelt und immer nur kurz aufgehört, um Essen zu fassen.

    Wir sprechen hier über deine ganz persönlichen Erfahrungen. Was nimmst du aus den beiden Beziehungen mit?
    Oh, jede Menge! Vor allem dankbar zu sein für viele wundervolle Erlebnisse, so wie bei allen meinen Ex-Freunden, und für sehr vieles, sehr Persönliches … Meine Sexualität ist nicht mehr so genitalfixiert. Es geht so viel! Ich habe nicht nur Mund, Schwanz und Arschloch, sondern auch Arme, Beine, Kniekehlen. Der ganze Körper ist etwas sehr Sexuelles. Entscheidend ist, dass sich die Beteiligten aufeinander einlassen. Seit ich gemerkt habe, dass das Lange nicht immer ins Runde muss, habe ich auch besseren Sex mit cis Männern. (lacht)

    Till-Cis-Partnerschaft
    Zwei Ex-Partner von Till sind trans* Männer. Hier erzählt er von seinen Erfahrungen.
  • Schwule Männer in der Corona-Pandemie: „Es herrscht große Verunsicherung“

    Schwule Männer in der Corona-Pandemie: „Es herrscht große Verunsicherung“

    Die Corona-Krise bestimmt seit mehr als einem Jahr unseren Alltag. Hygiene-Maßnahmen, Kontaktbeschränkungen und die Schließung von Safe Spaces können für schwule Männer besonders belastend sein. Das spürt auch Stefan Meier, der als Berater beim schwulen Checkpoints Mann-O-Meter in Berlin-Schöneberg arbeitet. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

    IWWIT: Stefan, du führst im Jahr durchschnittlich 150 Beratungsgespräche. Welche Anliegen haben die Männer, die zu dir kommen?

    Stefan Meier: Wir sind eine der wenigen Einrichtungen, die sich explizit an schwule Männer richtet. Die Gründe für einen Besuch bei uns sind dabei so vielfältig wie das schwule Leben selbst. Manche Männer kommen mit Fragen, die sich um das Coming Out drehen, über den Umgang mit Ängsten und Depressionen bis hin zu allem, was sich rund um die sexuelle Gesundheit dreht. Wir verstehen uns als eine Art Erste Hilfe für die Ratsuchenden. Oft kommen sie zwei-, dreimal zu uns. Wenn sich ihr Anliegen in dieser Zeit nicht klären lässt, vermitteln wir sie gezielt an Beratungsstellen oder Therapeut*innen. Es kommen aber auch ab und zu Mütter zu uns, deren Kinder sich im Coming-out befinden.

    Sexuelle Gesundheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krankheit.

    Ein Mann steht während der Corona-Pandemie in seiner Wohnung beim Fenster. Er trägt eine Maske und schaut sehnsüchtig nach draußen.

    Was verstehst du unter sexueller Gesundheit?

    Das wird ja jetzt fast philosophisch. Sexuelle Gesundheit bedeutet für mich auf jeden Fall mehr als die Abwesenheit von Krankheit im Sinne von viralen oder bakteriellen Infekten. Sexuell gesund zu sein, heißt auch, dass ich Freude an meiner Sexualität habe und mich und meinen Körper kenne und weiß, was mir Lust bereitet oder was eben nicht. Das bedeutet auch, dass man die Möglichkeit wahrnehmen kann, seine Fetische selbstbestimmt auszuleben.

    Was meinst Du mit „selbstbestimmt ausleben“?

    Damit meine ich genau das: deutlich machen, was ich mag und was ich nicht mag, aber eben auch zu wissen, was meinen Sexpartner geil macht und was ich ihm davon geben kann oder will. Wenn sich jemand auf eine Sexpraktik wie Fisting einlässt, sollte diese Person wissen, ob sie das auch wirklich will und geil findet. Es kommt häufig vor, dass wir Dinge tun, weil wir Angst vor Ablehnung haben und nicht wissen, wie die gegenüberliegende Person auf eine Absage reagieren würde. Wenn jemand keinen Analverkehr mag, ist das vollkommen OK. Gleiches gilt auch für den Konsum von Substanzen beim Sex.

    Es kommt häufig vor, dass wir Dinge tun, weil wir Angst vor Ablehnung haben und nicht wissen, wie die gegenüberliegende Person auf eine Absage reagieren würde.

    Nimmst Du seit dem ersten Corona-Lockdown eine Veränderung innerhalb der Community wahr?

    Es herrscht große Verunsicherung, die sich ganz unterschiedlich zeigt. Menschen, die depressiv sind und immer gesagt bekommen, sie sollen in Kontakt mit anderen Menschen sein, und auch gelernt haben, dass ihnen das hilft, nehmen die Einschränkungen als sehr bedrückend wahr. Ihnen fehlt die Nähe und der Austausch mit anderen. Ängstliche Menschen sind durch die Flut an Nachrichten über Corona verunsichert. Viele schwule Männer werden aktuell auf sich selbst zurückgeworfen, da ihnen die Anbindung an ein familiäres Umfeld fehlt – durch die Schließung von Bars, Clubs, Saunen und anderen queeren Einrichtungen fallen Orte weg, die wichtig für ihre seelische Gesundheit sind.

    Durch die Schließung von Bars, Clubs, Saunen und anderen queeren Einrichtungen fallen Orte weg, die wichtig für die seelische Gesundheit schwuler Männer sind.

    Wieso sind diese Orte besonders für schwule Männer so wichtig?

    Ein junger schwuler Mann, der noch zu Hause bei einer Familie lebt, in der sein Schwulsein nicht akzeptiert wird, muss jetzt mehr Zeit mit seiner homofeindlichen Familie verbringen. Dabei sind Konflikte vorprogrammiert, denn ihm fehlt Unterstützung und ein Safe Space, wo er so sein kann, wie er ist. Die sogenannte „Szene“ wird ja oft kritisiert, weil sie kommerzialisiert sei. Im Moment spüren wir aber, wie wichtig ihre soziale Funktion ist.

    Was rätst Du deinen Klienten, die sich aufgrund der Krise einsam fühlen, um gut durch diese schwierige Zeit zu kommen?

    Es ist erst einmal wichtig anzuerkennen, dass es schwierige Zeiten sind. Es hilft auch, sich zu verinnerlichen, dass es vielen Menschen gerade schlecht geht und dass sich viele einsam fühlen. Ich rate meinen Klienten auch, dass sie sich bewusst machen sollen, dass sie wenig an der Situation ändern können. Sie können nicht viel mehr tun, als Abstand halten, eine Maske tragen und ihre Hände waschen. Hilfreicher ist es aktuell, seine Aufmerksamkeit auf Dinge zu richten, die man kontrollieren und verändern kann.  

    Gibt es noch andere Tipps, als positiv zu denken?

    Wenn mir meine Freunde wichtig sind und ich sie nicht sehen kann, lade ich eben zu einem Cocktail via Zoom ein. Wenn ich gerne Wellness mache, dann kann es vielleicht schön sein, öfter zu Baden und ich kann vielleicht mein Badezimmer etwas pimpen und mir so meine eigene Wellnessoase schaffen. Es hilft auch oft schon, Routinen bewusst zu schaffen, die helfen, den Alltag zu strukturieren. 

    Es hilft oft schon, Routinen bewusst zu schaffen, die helfen, den Alltag zu strukturieren.

    Geht es Paaren im Moment besser als Singles?

    Jein. Paare haben im Moment die Herausforderung, dass sie vielleicht mehr Zeit miteinander verbringen als vorher. Wenn beide im Home-Office sind und die Wohnung zu einem Büro verschmilzt, kann das auch schwierig sein und zu Konflikten führen.

    Wie können Paare diese Situation meistern?

    Eine Möglichkeit ist es, zu schauen, wie ich meinen Partner unterstützen kann – beruflich oder bei anderen belastenden Situationen. Eine andere Möglichkeit ist es, sich als Paar neu zu entdecken und zu schauen, was man zusammen machen kann. Es ist aber auch wichtig, dem anderen Raum zu lassen und sich gegenseitig Rückzugsmöglichkeiten zu gönnen. Es kann auch hilfreich sein, zu versuchen, etwas großzügiger mit dem eigenen Partner umzugehen und nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Man sollte manchmal auch versuchen, sich immer wieder klarzumachen, dass hinter Vorwürfen oftmals das Kommunizieren von Bedürfnissen steckt.

    Was ist dein Tipp an Menschen, die den nächsten Lockdown als Singles verbringen?

    Singles sollten sich überlegen, was ihnen guttut und das verstärkt tun. Es ist ja auch jetzt immer noch möglich, sich mit einem Freund oder einer Freundin zu treffen, spazieren zu gehen oder sich zuhause zum Kochen zu verabreden. Oder Mann findet, wenn Mann möchte eben einen Fuckbuddy, mit dem man Sex haben kann und so sein Bedürfnis nach Sex und Nähe befriedigen kann. Das Corona-Testangebot is in deutschen Städten ja mittlerweile auch ausgeweitet, das dazu genutzt werden kann.

    Ein Mann steht während der Corona-Pandemie in seiner Wohnung beim Fenster. Er trägt eine Maske und schaut sehnsüchtig nach draußen.

    IWWIT ist für euch da! Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit in der Isolation oder durch finanzielle Schwierigkeiten.

    Doch wir lassen euch nicht hängen! Deswegen haben wir unsere Kampagne #WirFürQueer ins Leben gerufen: Ihr seid nicht allein! Wir helfen uns gegenseitig! Gemeinsam schaffen wir es durch diese harten Zeiten! Mehr Infos findet ihr auf iwwit.de/wir-fuer-queer.

    Auf gayhealthchat.de beraten wir dich zudem täglich zwischen 17 und 20 Uhr – schnell, vertraulich und kostenlos.

  • Transition: Die drei typischen Ebenen der Angleichung

    Transition: Die drei typischen Ebenen der Angleichung

    Transition meint die Angleichung von trans* Personen an ihr tatsächliches Geschlecht. Etwas salopp meint es: nach außen sichtbar machen, was nach innen schon lange klar ist. Die Transition ist in der Regel ein jahrelanger Prozess – der für die trans* Person sehr herausfordernd sein kann. Im Folgenden werden die drei typische Ebenen kurz skizziert.

    Soziale Transition: Vom trans* Coming-out bis zum Erscheinen in der Öffentlichkeit
    Coming-out als trans* Person – wie geht das? Ob als Kind, als Jugendliche_r oder Erwachsene_r, der Mensch stellt irgendwann für sich fest: „Irgendwas stimmt nicht mit mir, alle halten mich für ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘, aber ich weiß es besser.“ Dieses innere Coming-Out ist oft nicht leicht, weil Vorbilder fehlen, kaum ein Kinder- oder Schulbuch davon erzählt, und nur wenige Rollenmodelle da sind. Kommt ein Mensch dann dahinter („ich bin trans*“), steht meist das äußere Coming-Out an, nämlich anderen Menschen davon zu berichten, was los ist: in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Schule… Das Feedback daraufhin ist in der Regel unterschiedlich. Auf eine positive Erfahrung kann immer auch ein negatives Erleben durch Abwertung, nicht ernst genommen werden oder auch leider durch Diskriminierung folgen …

    Mit dem äußeren Coming-Out wird nach außen sichtbar gemacht, was nach innen meist schon klar ist, unterstützt zum Beispiel durch andere („geschlechtstypische“) Kleidung, anderes Auftreten, Accessoires wie Basecaps, Binder (Stoff am Oberkörper, der den Brustbereich flacher erscheinen lässt) oder Packer (von der Socke bis zum Dildo, alles was nach „etwas in der Hose“ aussieht). Im öffentlichen Raum ändert sich einiges für die trans* Person: von der Anrede mit dem neuen Vornamen (oder auch eben nicht), über Blicke auf der Straße oder im Job bis hin zum Aufsuchen einer öffentlichen Toilette und damit verbundenen möglichen Anfeindungen.

    Medizinische Transition: Von Testo bis zu geschlechtsangleichenden OPs
    Wer krankenversichert ist, bekommt die Kosten für Hormone und geschlechtsangleichende Operationen von den Krankenkassen übernommen. Die Auflagen bis zur Bewilligung sind aber hoch: ein Jahr begleitende Psychotherapie bis zur Gewährung von Hormonen, eineinhalb Jahre bis zur Übernahme  von OPs (z.B. die Mastektomie, d.h. der Aufbau einer männlichen Brust oder die Gebärmutterentfernung oder ein Penoid-Aufbau). Mit der Diagnose F.64.0. der begleitenden Psychotherapie, wird bescheinigt, „transsexuell“ zu sein.

    Mit dem verschreibungspflichtigen Testosteron (z.B. als Gel, dass täglich aufgetragen wird, oder als Spritze, die je nach Testosteron-Präparat etwa alle 14 Tage oder alle drei Monate gegeben wird), verändert sich der Körper: die Stimme wird tiefer inkl. Stimmbruch, Bartwuchs kommt, Muskulatur und Fett verteilen sich um.

    In Beratungsstellen von und für trans* Menschen gibt es mehr Informationen: wie man eine gute Begleittherapie findet, wie die Hormone wirken oder auch wo es kompetente Operateur_innen gibt sowie Antworten auf alle medizinischen Fragen.

    Rechtliche Transition: … auf zum neuen Vornamen
    Den Vornamen zu ändern von Susanne zu Michael, vom Staat bewilligt den Personenstand im  Melderegister zu ändern von „W“ (wie weiblich) zu „M“ (wie männlich) oder umgekehrt– beides ist in Deutschland seit 1981 durch das Transsexuellengesetz (TSG) möglich. Es steht bei Menschenrechts- und Trans*-Organisationen mächtig in der Kritik, denn: der Weg zum neuen Vornamen ist zu lange (bis zu eineinhalb Jahre), zu teuer (bis zu paar tausend Euro), läuft nur über das örtliche Amtsgericht und umfasst nicht ein sondern gleich zwei Begutachtungen meist durch Psychotherapeut_innen, die vom Gericht beauftragt werden.

    In Regionen, wo es keine große Auswahl trans*-freundlicher Begutachter_innen gibt, kommt es immer mal wieder vor, dass der trans* Mann oder die trans* Frau das Portemonnaie, den Gürtel oder die Strümpfe herzeigen muss, um zu überprüfen, ob die Person „männlich“ oder „weiblich“ genug seien. Klingt absurd? Ist es auch. Im Anschluss an das Gerichtsverfahren wird der neue Vorname rechtskräftig, und alle wichtigen Dokumente müssen geändert werden, ob Führerschein, Zeugnisse oder Personalausweis. Erst seit 2011 ist keine Sterilisation mehr erforderlich, um den Personenstand zu ändern, als das Bundesverfassungsgericht diese OP endlich als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit von trans* Menschen erachtet hat.

    Du willst mehr wissen? Hier geht’s zu weiterführenden Informationen.

    Transiton
    Transition meint die Angleichung von trans* Personen an ihr tatsächliches Geschlecht. Dies ist in der Regel ein jahrelanger Prozess.
  • Noch mehr von Escorts, Strichern und Jungs, die anschaffen gehen (Teil 2 von 2)

    Noch mehr von Escorts, Strichern und Jungs, die anschaffen gehen (Teil 2 von 2)

    Am Dienstag, 8. April haben wir euch in einem ersten Teil von den vielfältigen Gründen berichtet, warum Männer käuflichen Sex anbieten und welche Arbeitsbedingungen es gibt. Im heutigen zweiten Teil informiert Manuel Hurschmann, Diplom-Sozialpädagoge und Leiter beim Stricherprojekt „Nachtfalke“ der Essener Aidshilfe, einführend über Armutsprostitution. Diesen Aspekt werden wir in den kommenden Woche noch einmal aufführlicher thematisieren.

    Sex4Cash:
    Sex4Cash: ‚Lieber gehe ich anschaffen, als das ich einen Bruch machen muss.‘ (Foto: Fotolia)

    Bei der anderen Seite beim käuflichen Sex – der Armutsprostitution – werden auch die Angebote unserer Einrichtung „Nachtfalke“ besonders häufig in Anspruch genommen: Da sind die ohne geregelten Aufenthaltsstatus in Deutschland. Sie haben keinen Anspruch auf Sozialleistungen und für sie gibt es nur wenige Möglichkeiten, an Geld zu kommen. Oder Männer mit einer Suchtproblematik: So sagte mal einer zu mir „lieber gehe ich anschaffen, als das ich einen Bruch machen muss“ – hier wird der verkaufte Sex zu einer legalen Alternative der Geldbeschaffung. Dann sind da diejenigen, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben und sich für einen Schlafplatz prostituieren. Im Bereich der sogenannten Armutsprostitution treffen wir oft die Menschen an, die mit ihren Problemlagen durch alle Netze fallen – entweder weil sie aufgrund ihrer Herkunft keinen Anspruch darauf haben oder weil sie in bestehende Angebote nicht rein passen. Letzteres ist besonders oft dann der Fall, wenn sich Problemlagen wie eine Sucht und eine psychische Erkrankung addieren. Und wer auf der Straße lebt, für den ist es oft naheliegender anschaffen zu gehen, als morgens um acht Uhr mit perfekt ausgefüllten Antragsformularen beim JobCenter vorzusprechen und Sozialleistungen zu beantragen. Angebahnt wird vielfach in Kneipen oder auf der Straße, wobei nicht immer der Anbieter den ersten Schritt macht und potenzielle Kunden anspricht, sondern auch mal umgekehrt. So kann es dann auch mal zu Missverständnissen kommen, wenn jemanden Geld angeboten wird, obwohl er gar kein Sex für Geld anbietet. Die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich der Prostitution sind in der Regel mäßig bis schlecht, der Sex findet nur im Idealfall in den vier Wänden einer Wohnung oder eines Hotelzimmers

    Auch eine Motivation: 'Ich habe Spass am Sex, warum sollte ich nicht auch Geld damit verdienen?'
    Auch eine Motivation: ‚Ich habe Spass am Sex, warum sollte ich nicht auch Geld damit verdienen?‘ (Foto: Fotolia)

    statt, ansonsten passiert es auf dem Klo einer Stricherkneipe, im Auto oder sonst wo. Sexarbeit kann folglich mit schlechten Arbeitsbedingungen einhergehen und aus einem Mangel an geeigneten Alternativen erfolgen – was übrigens auch auf viele andere Arbeitsfelder zutrifft.

    Neben dem Geldverdienen gibt noch ganz andere Anreize, käuflichen Sex anzubieten. Zunächst bedeutet für viele Sexarbeit einen Zugewinn an Selbstwert. Es gibt auch Anbieter, die sich ihre homosexuellen Gefühlsanteile nicht eingestehen können und dann sagen: „Das mache ich gegen Geld, das ist was anderes.“ Andere hingegen sagen: „Lieber gehe ich in Deutschland anschaffen, als dass ich in meinem Heimatland aufgrund meiner Homosexualität diskriminiert werde.“ Aber auch Aussagen wie „Ich habe Spaß am Sex, warum sollte ich nicht auch Geld damit verdienen?“ stellen Motive dar. Zu dem Statement eines jungen Mannes „Ich habe keinen Spaß mehr am Sex, wenn ich nicht dafür bezahlt werde“ kann man natürlich die ein oder andere kritische Frage stellen, genauso sollte man sich aber auch überlegen, ob man nicht Menschen kennt, die sagen, dass sie niemals Sexualität genussvoll erleben könnten, wenn Geld im Spiel ist.

    Wir wünschen uns vor allem, dass den Anbietern von käuflichem Sex mit Respekt begegnet wird – ganz gleich aus welchen Gründen sie Sex 4 Cash anbieten.

  • Von Escorts, Strichern und Jungs, die anschaffen gehen – Einblicke in eine (ziemlich) unbekannte Szene

    Von Escorts, Strichern und Jungs, die anschaffen gehen – Einblicke in eine (ziemlich) unbekannte Szene

    Manuel Hurschmann ist Diplom-Sozialpädagoge und leitet das Stricherprojekt „Nachtfalke“ der Essener Aidshilfe. Er erzählt uns von den vielfältigen Gründen, warum Männer käuflichen Sex anbieten sowie von den Arbeitsbedingungen der Anbieter, die sehr unterschiedlich sein können.

    Sex4Cash findet nicht immer im Bett oder in einer Wohnung statt. (Foto: Fotolia)
    Sex4Cash findet nicht immer im Bett oder in einer Wohnung statt. (Foto: Fotolia)

    Wenn es darum geht, dass sich Menschen prostituieren, reagieren viele mit Gefühlen, wie Befangenheit und Ablehnung. Dass es aber auch ein anerkannter Beruf ist, vergessen viele – auch wenn sicherlich nicht jeder Anbieter diese Möglichkeit für sich nutzt. Und genauso wie bei jedem anderen Beruf auch, gibt es eine Vielzahl von höchst individuellen Motiven, die einen Mann dazu bewegen, in der Sexarbeit tätig zu werden. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings nicht, dass auch jeder Anbieter den käuflichen Sex zu seinem Beruf erklärt. Denn es gibt viele, die darin nur eine Form der Überlebensstrategie sehen oder es als Möglichkeit zur Verbesserung ihrer Lebenssituation definieren. Es wird also deutlich, dass es sich beim Thema käuflicher Sex um ein breites Spektrum handelt, das ich nachfolgend darzustellen versuche.

    Der wohl häufigste Ort der Anbahnung ist das Internet. Hierfür braucht es allerdings zwei Voraussetzungen, die erst einmal simpel klingen: Den Zugang zum Netz und die Fähigkeit zur schriftlichen Kommunikation. In einigen Fällen übernehmen aber auch andere die Kommunikation mit dem Kunden, das ist zum Beispiel der Fall, wenn in einer Agentur gearbeitet wird. Manche Agenturen funktionieren wie ein Bordell und haben eigene Zimmer, andere besuchen ihre Kunden nur im Hotel beziehungsweise zuhause. Wer dort arbeitet, macht das schon recht professionell und eher auch regelmäßig.

    Bei den sogenannten Gelegenheitsprostituierten ist das – wie der Name schon sagt – weniger der Fall. Sie nutzen entweder ihr normales User-Profil auf den blauen Seiten oder haben ein Escortprofil, reagieren auf Anfragen von Kunden oder schreiben selber welche an. Sie nutzen das oft, um sich etwas dazu zu verdienen. Das so verdiente Geld wird für vielfältige Zwecke genutzt: das reicht vom Kauf von Suchtmitteln, geht über das Anschaffen der neuesten Designerklamotte und geht bis hin zur Optimierung des BAföG.

    Prostitution ist in Deutschland legal. (Foto: Fotolia)
    Prostitution ist in Deutschland legal. (Foto: Fotolia)

    Und natürlich gibt es eine Vielzahl von sehr professionell arbeitenden Anbietern, die sich nie als Stricher, sondern immer als Escort bezeichnen würden und nicht an eine Agentur angebunden sind. Einige sind haupt- andere nebenberuflich tätig. Sie verfügen in der Regel ebenfalls über ein entsprechendes „Anbahnungs-Profil“. Unter ihnen findet man auch oft Anbieter im fortgeschrittenen Alter. Gerade die älteren Anbieter spezialisieren sich häufig auf spezifische Sexpraktiken. Manche bezeichnen genau das als ihren Traumberuf. Sie arbeiten entweder in eigenen Studios oder suchen die Kunden zuhause beziehungsweise im Hotel auf. Professionalisierung kann soweit reichen, die eigene Steuernummer in seinem Profiltext anzugeben. Ein professioneller Escort zeichnet sich dadurch aus, dass er sehr genaue Vorstellungen vom Umfang und den Grenzen seiner Angebote hat – eben das, was eine echte Dienstleistung ausmacht.

    Es gibt aber auch noch eine andere Seite beim käuflichen Sex: die Armutsprostitution. Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag, in den kommenden Tagen.

  • trans* Coming-out-Erfahrungen: Drei Berichte aus verschiedenen Perspektiven

    trans* Coming-out-Erfahrungen: Drei Berichte aus verschiedenen Perspektiven

    Coming-out ist auch für trans* Menschen eine wichtige Erfahrung. So vielfältig trans* Biografien sind, so vielfältig sind auch die damit verbundenen Coming-out-Erlebnisse. Mit den folgenden drei Kurzreportagen wollen wir die verschiedenen Perspektiven darstellen.

    „Dieses ‚anders‘ konnte ich nie benennen …“

    Inneres trans* Coming-out von KAy

    Wenn man schwul ist, sind die Coming-out-Möglichkeiten vielfältiger: man kann sich ganz, teilweise oder gar nicht outen. Als trans* Person ist es etwas komplizierter. Ich habe immer gewusst, dass ich anders bin. Dieses „anders“ konnte ich aber nie benennen, da ich damals nur „Mann“ und „Frau“ kannte.

    Klar hatte ich von trans* gehört, aber was ich finden konnte war: „Ich bin im falschen Körper geboren“. Ich hatte aber kein Problem mit meinen Genitalien. Mit 30 fand ich endlich meine Identität. Vorher habe ich als Lesbe gelebt. Dieses Coming-out hatte ich schon hinter mir. Jetzt musste ich „nur“ noch ein weiteres haben! Nach neun Monaten Testosteron sah ich schon wie ein junger Kerl aus. Da hatte ich keine Wahl mehr, ob ich mich als trans* outen möchte oder nicht. Dazu kam noch, dass sich meine Sexualität erweitert hat. Bis dahin hatte ich nur Sex mit Frauen. Nun entwickelte es sich immer mehr in Richtung schwuler Sex, auch wenn ich mich als pansexuell sehe.

    Da habe ich noch einmal die Wahl gehabt, mich zu outen oder nicht. Meine Familie weiß bisher nur, dass ich trans* bin. Mein Freundeskreis weiß aber Bescheid. Sie haben es im Paket mit der Transition mitbekommen. Falls ich aber irgendwann einen männlichen Partner habe, werde ich auch meiner Familie Bescheid sagen. Ich bin gespannt, wie sie reagieren werden…!

    Till
    Till: ‚Ich stehe total auf Direktheit und da ich den Typen heiß fand, landeten wir bald bei ihm zuhause.‘

    „Lust zu knutschen?“

    Wie cis Mann Till ein trans* Coming-out erlebt

    Den anstrengenden Tag bei einem Bier ausklingen lassen – das war der Plan nach einer Fachtagung in Berlin. Ich saß mit einem Teilnehmer, den ich auf der Veranstaltung kennengelernt hatte, in einer Bar. Plötzlich platzte ein sehr attraktiver, sehr wütender Mann in unsere Unterhaltung hinein – offensichtlich ein Bekannter meines Gesprächspartners. Er regte sich furchtbar über das Date auf, von dem er gerade kam. „Der Idiot hat mich rausgeschmissen, weil ich trans* bin“, polterte er. „Dabei steht doch eindeutig in meinem Datingprofil, was Sache ist.“

    Die Situation beruhigte sich schnell, wir verstanden uns gut und als mein Gesprächspartnereine rauchen ging, drehte sich der sexy Fremde zu mir und fragte: „Lust zu knutschen?“ Ich stehe total auf Direktheit und da ich den Typen heiß fand, landeten wir bald bei ihm zuhause. Wir haben vier Tage gevögelt, gelabert, gegessen und wieder gevögelt. Und danach waren wir ein dreiviertel Jahr ein Paar.

    Von „cis“ spricht man, wenn sich eine Person mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifiziert.

    In der ersten Zeit hat sich mein Freund regelrecht gewundert, dass ich so gar keine Gewöhnungsphase brauchte. Seiner Erfahrung nach haben schwule cis Männer eingeübte Sexpraktiken, die sich nicht immer eins zu eins mit trans* Männern umsetzen lassen. Aber genau das machte es so schön: Wir hatten keinen Sex nach Drehbuch, sondern ließen uns aufeinander ein.  Alles war neu, alles war geil. Zwar sind wir schon lange nicht mehr zusammen, aber wir verstehen uns weiterhin blendend.

    „Nach dem Coming-out leuchteten seine Augen … “

    trans* Coming-out-Erfahrungen von Alexander

    Viele trans* Menschen ernten Ratlosigkeit, wenn sie sich gegenüber nahestehenden Personen outen. Bei mir waren es ein breites Lächeln, leuchtende Augen und Dankbarkeit. Und das kam so: Im Mai 2012 ging ich mit einem Freund durch die Hamburger Innenstadt zum Rainbowflash. In unserem bunten Bekanntenkreis gibt es zahlreiche Homosexuelle und trans* Menschen, die wir bei dieser Veranstaltung unterstützen wollten. Da wir zum wiederholten Mal über Transidentität sprachen, hielt ich den Moment für gekommen. Ich sagte meinem Freund, dass ich mich als Mann fühle und künftig Alexander genannt werden möchte, inklusive männlichem Pronomen. Er strahlte mich an und bedankte sich dafür, einer der ersten gewesen zu sein, dem ich meine Transidentität offenbarte.

    Zitat

    Vielleicht habe ich mir unbewusst jemanden ausgesucht, der ganz sicher emphatisch und offen reagieren würde. Vielleicht verlief mein trans* Coming-out aber auch deshalb so harmonisch, weil nicht Vater, Mutter oder Geschwister die ersten waren, denen ich von meiner Transidentität erzählte. Meine Freunde jedenfalls gewöhnten sich schnell an die neue Situation.

    Kollegen komplett überfordert
    Weniger glatt verlief mein Coming-out auf der Arbeit. Meine Kolleginnen und Kollegen waren gescheite und verständige Leute, überwiegend Ingenieure. Bloß hatte keiner von denen mit Lebenswirklichkeiten zu tun, die so weit von den eigenen abwichen. Zwar gaben sich alle wohlwollend. Auch mein Chef sicherte mir seine Unterstützung zu. Tatsächlich aber waren meine Kollegen komplett überfordert. Mein Chef schaffte es nicht einmal, mich als Mann anzusprechen. In mehreren Gesprächen erläuterte ich ihm, wie wichtig es für trans* Menschen ist, in ihrer Identität ernst genommen zu werden. Aber da führte kein Weg rein. In der Firma arbeite ich nicht mehr.

    Quasi ein Geburtstag
    Seit einiger Zeit fällt es anderen Menschen leichter, in mir das Geschlecht zu sehen, mit dem ich mich identifiziere. Eine gewisse Rolle spielen dabei das Testosteron und meine Operationen. Meine erste Spritze bekam ich vor ziemlich genau drei Jahren. Letzten Samstag war quasi mein dritter Geburtstag. 2015 ließ ich mir dann die Brust angleichen und die Gebärmutter entfernen. Meine Stimme ist tiefer als die vieler anderer Männer und meine Züge werden kantiger. Wer mich noch nicht kennt, lernt mich also automatisch als Alexander kennen. Auch Mitarbeiterinnen in Behörden oder Klamottenverkäufer reagieren nicht mehr verkrampft. Das einzig Ärgerliche ist: Viele trans* Männer sehen nach der Angleichung zehn Jahre jünger aus als sie sind. Ich fühle mich oft nicht wie ein 30-Jähriger behandelt, sondern wie ein Studienanfänger.

    Großartige Reaktion
    Während ich mich in Alltagssituationen nicht mehr erklären muss, gilt für Flirts das Gegenteil. Ich muss mir jedes Mal die Frage stellen: Sage ich es ihm und warte ab, wie er reagiert? Und wann sage ich es? Wirklich toll war die Reaktion eines Mannes, den ich in einer Münchener Bar kennen gelernt habe. Wir hatten immer wieder Blickkontakt und ich hätte es mir übel genommen, ihn nicht anzusprechen. Also bin ich hin und wir haben uns super verstanden. Ich erzählte, dass ich eine Transtagung besucht habe. Meine eigene Transidentität thematisierte ich vorerst nicht. Erst als wir uns näher kamen, weihte ich ihn ein. Er erwiderte, dass er das schon geahnt habe – und wir machten da weiter, wo wir stehen geblieben waren.

    Irritationen
    Manchmal habe ich den richtigen Moment schlicht verpasst. Es zerstört ja doch immer ein wenig von der Atmosphäre, wenn man unterbricht und sagt: Du, ich bin übrigens trans. Einmal kam ein Typ, den ich rasend attraktiv fand, so schnell zur Sache, dass mir keine Zeit zum Outen blieb. Er war nach dem Griff in meinen Schritt sichtlich irritiert. Wir haben noch ein paar Sätze gewechselt, dann ist er „mal eine rauchen“ gegangen. Das fand ich zwar schade, aber ich muss das akzeptieren.

    KAy: ‚Mit 30 fand ich endlich meine Identität.‘
  • Tod eines Porno-Darstellers

    Tod eines Porno-Darstellers

    Im Jahr 2004 beginnt ein 19-jähriger New Yorker eine Karriere als Pornodarsteller. Sechs Jahre später ist er tot. Chad Noel starb am 17. März 2010, möglicherweise „nach kurzer Krankheit im Zusammenhang mit Komplikationen, die durch HIV ausgelöst wurden“. So jedenfalls heißt es in einer Mitteilung eines Freundes auf einer Website für Nachrufe. Er und auch die Familie des Verstorbenen fragen sich: Wie kam es dazu?   

    Ein junger Pornodarsteller und sein früher Tod

    Unter dem Pseudonym Donny Price machte Chad Noel seine ersten Erfahrungen als Hardcore-Darsteller. Seinen ersten Auftrag erhielt er beim Label Cobra Video, bei dem 2004 “Every Poolboy’s Dream” veröffentlicht wurde. Ein Film, der später noch für einen Skandal sorgte: Chad Noel agierte gemeinsam mit dem damals noch minderjährigen Pornostar Brent Corrigan, der sich durch einen gefälschten Ausweis als Volljähriger ausgegeben hatte.   

    Chad wechselte zu den Helix-Studios und wurde dort als Craven Cox bekannt, später machte er bei diversen Fetischvideos als Kyle Young mit.   

    Chad Noel, ehemaliger Pornodarsteller, verstorben 2010
    Chad Noel wurde unter dem Namen Donny Price bekannt und verstarb mit 25 Jahren.

    HIV-Verdacht und Risiken in der Pornobranche

    Die Website “Gay Porn Gossip”, die als erstes den Tod des 25-jährigen vermeldete, spekuliert nun über die Möglichkeit, dass sich Chad während seiner Arbeit für die Helix-Studios infiziert haben könnte. Dort werden so genannte „Bareback“-Filme produziert. Freunde von Chad hegen diese Vermutung, eine Bestätigung dafür gäbe es aber nicht. Allerdings hätten bereits öfters junge Helix-Darsteller gegenüber Gay Porn Gossip geäußert, bei ihnen sei eine HIV-Infektion festgestellt worden.   

    Wer trägt Verantwortung für die Gesundheit der Pornodarstellern?

    Sie selbst? Die Produzenten? Die Konsumenten der Filme?   

    In der US-Hardcore-Branche tobt bereits seit längerem eine heftige Diskussion. Darin steht die Frage nach der Verantwortung der Filmemacher im Vordergrund. Produzent Chi Chi LaRue apellierte in einem Kampagnenvideo an Akteure wie Konsumenten, das Kondom nicht zu vergessen.   

    In Kalifornien gab es zudem einen Vorstoß, über das Arbeitsrecht die Regeln für mögliche gesundheitliche Gefährdungen auszuweiten und eine Kondompflicht in Pornos einzuführen.   

  • Warnung für Hepatitis-C-Medikamente: Gefährliche Wechselwirkung von Harvoni und Sovaldi mit Herzmedikament

    Warnung für Hepatitis-C-Medikamente: Gefährliche Wechselwirkung von Harvoni und Sovaldi mit Herzmedikament

    Gilead Sciences hat eine Warnung zum Einsatz seiner Hepatitis-C-Medikamente Sovaldi und Harvoni ausgesprochen.

    Bei der gemeinsamen Einnahme mit Amiodaron könne es zu einer lebensbedrohlichen Verringerung der Herzfrequenz kommen. Wenngleich Amiodaron ist ein Arzneimittel zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Dies teilte der US-Pharmakonzern Ende März mit.

    Hintergrund dieser Warnung sind bislang neun Fälle, bei denen Patienten eines der beiden Hepatitis-C-Medikamente (in beiden ist der Wirkstoff Sofosbuvir enthalten) zusammen mit dem Herzmittel Amiodaron eingenommen und infolgedessen über einen unnormal langsamen Herzschlag geklagt hätten. Einer der Patienten sei an einem Herzstillstand gestorben, drei weitere benötigten einen Herzschrittmacher.

    Laut Gilead nahmen drei der neun Patienten das Kombipräparat Harvoni (Sofosbuvir + Ledipasvir). Fünf nahmen das Medikament Sovaldi (Sofosbuvir) in Kombination mit Daclatasvir ein. Und ein weiterer Patient Sovaldi in Kombination mit Olysio (Simeprevir).

    Nach Angaben des Wall Street Journal seien es in den USA zwischen 1.000 und 1.500 Patienten, die sowohl das Herzmittel als auch den Wirkstoff Sofosbuvir einnehmen. Insgesamt würden in den USA derzeit 250.000 bis 300.000 Patienten mit Amiodaron behandelt. In Deutschland ist dieser Wirkstoff unter anderem als Cordarex®, Amiohexal® und Amiogamma® auf dem Markt.

    Gilead empfiehlt, Patienten in den ersten 48 Stunden nach Therapiebeginn stationär zu beobachten. Dies gilt sowohl für Amiodaron als auch Harvoni beziehungsweise Sovaldi in Kombination mit anderen DAA-Wirkstoffen (DAA steht für direct acting antiviral). Und danach sollte für mindestens 14 weitere Tage die Herzfrequenz ambulant oder vom Patienten selbst kontrolliert werden.

    Aufgrund der langen Halbwertszeit von Amiodaron sollte man Patienten, die dieses Arzneimittel erst kurz vor der Anwendung von Sovaldi oder Harvoni abgesetzt haben, ebenfalls weiterhin beobachten.

    Cardio-Warnung: Hepatitis-C-Medikamente
    Warnung zum Einsatz seiner Hepatitis-C-Medikamente Sovaldi und Harvoni.

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