Junge Hetero-Männer küssen ihre Freunde auf den Mund – sogar mit Zunge. Und finden das gar nicht schwul. Ein gutes Zeichen, meinen englische Forscher: Die Homophobie lasse nach
Ein Kuss auf den Mund unter Männern? Für viele Heteros längst kein Problem mehr. Diesen Schluss legt zumindest eine sexualwissenschaftliche Studie der englischen University of Bath nahe. In einer Umfrage gaben 89 Prozent der befragten männlichen Jugendlichen an, dass sie ihre Freunde gelegentlich auf den Mund küssen. 36 Prozent haben sogar schon intensiv mit Zunge geküsst. Sind die alle schwul? Eben nicht! Die Küsse sind einfach Ausdruck der Freundschaft.
„Meine erste Erfahrung mit einem Männerkuss hatte ich an der Uni“, berichtet etwa Adi Adams. Der Soziologiestudent hat die Untersuchung mitorganisiert. „Ich war etwas verblüfft, aber inzwischen fühlt es sich an wie eine ganz normale freundschaftliche Geste.“ Als schwul empfindet der 26-jährige Stürmer des Team Bath FC sein Verhalten nicht. „Ich glaube nicht, dass das meine Männlichkeit oder meine Heterosexualität bedroht.“
Die Forscher um Studienleiter Eric Anderson scheinen einer erstaunlichen Liberalisierung auf der Spur zu sein. „Uns war aufgefallen, dass immer mehr Männer Fotos bei Facebook hochladen, auf denen sie ihre Freunde küssen“, berichtet Adams. „Wir haben dann festgestellt, dass sich die Männer auf diese Weise zeigen, dass man es in den engsten Freundeskreis geschafft hat.“ Die Männer glichen sich in dieser Hinsicht den Frauen an, die ihre Freundschaften bekanntlich häufiger mit Zärtlichkeiten zum Ausdruck bringen.
Eric Anderson, selbst schwul, wertet die Ergebnisse als gutes Zeichen: „Freundschaftliche Küsse unter heterosexuellen Männern sind eine Folge der abnehmenden Homophobie“, meint der 42-jährige Soziologe. An den untersuchten Colleges und Universitäten sei offener Schwulenhass fast völlig verschwunden. Für schwul gehalten zu werden sei dort längst keine Katastrophe mehr.
„Der Kuss ist ein Zeichen der Zuneigung in studentischen sozialen Räumen, ein Zeichen des Triumphs auf dem Fußballplatz oder eines der Freude im Nachtclub. Aber nie hat er dabei eine sexuelle Bedeutung. Es scheint, dass junge Menschen generell mit jeder Generation immer aufgeschlossener werden.“
Allerdings darf man euphorischen Wissenschaftlers nicht alles glauben. Die größte Schwäche der Untersuchung: die wenig repräsentativen Teilnehmer. Befragt wurden 145 englische Schüler und Studenten zwischen 16 und 25, die an zwei Universitäten und einem College (entspricht der deutschen Oberstufe) studieren. Das heißt: Es wurden nur relativ wenige und vorrangig wohlhabende und gut gebildete junge Männer befragt.
Ein Indiz dafür, dass die küssenden Engländer noch eine Ausnahme sind, ist eine heftige Online-Diskussion über die Studie auf der Website der australischen Zeitung Sydney Morning Herald. „LOL!“ und „BAH!“ waren noch die freundlicheren Kommentare. Tenor: Richtige Männer küssen keine anderen Männer.
So heftig brodelte die Diskussion, dass sich Studienleiter Eric Anderson persönlich einmischte: „Obwohl die Studenten in unserer Studie wissen, dass diese Art des Küssens für ein tabuisiertes Sexualverhalten steht, haben sie es so umstrukturiert, dass es zu ihrer Heteromaskulinität passt.“
Kommentator Gilberto dürfte er damit nicht überzeugt haben. „Versuch’s mal, mich auf den Mund zu küssen“, notierte der, bevor die Kommentarfunktion abgeschaltet wurde. „Danach müsstest du deine Zähne vom Boden aufsammeln.“
(Philip Eicker)
Als hätten wir’s gewusst: Unser Spot „Volltreffer“ zu den Gay Games zeigte auch einen schönen Fußballkuss
Gegner_innen der Sexarbeit instrumentalisieren die Corona-Krise und werben für ein bundesweites Sexkaufverbot. Dabei gehören Sexarbeiter_innen eh schon zu den besonders hart Getroffenen.
In der Corona-Krise wittern die Befürworter_innen eines Sexkaufverbots Morgenluft. Ende September trafen sich darum nicht zufällig über hundert Aktivist_innen vom „Bündnis Nordisches Modell“ zum großen Ratschlag in Bonn. Zu den Redner_innen gehörten die wichtigsten Akteur_innen der Bewegung: Alice Schwarzer (Herausgeberin und Geschäftsführerin der EMMA), Inge Bell von „Terre des Femmes“ oder Sabine Constabel vom Verein „Sisters“.
„Die hoffen alle, die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie instrumentalisieren zu können, um ein Sexkaufverbot durchzusetzen“, sagt Daria, Sprecherin des Berufsverbands für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) in Baden-Württemberg und seit Ende Oktober 2020 Mitglied im Vorstand der AIDS-Hilfe Stuttgart ist.
Vor allem der Südwesten hat sich zum Kampfplatz der „Abolitionist_innen“ entwickelt, wie die Aktiven der Bewegung sich in Anlehnung an die Sklavenbefreiung in den USA gerne nennen. Das liegt entscheidend an der baden-württembergischen SPD-Bundestagsabgeordneten Leni Breymaier, die als ihre politische Speerspitze agiert. In langer Kärrnerarbeit hat Breymaier sowohl ihren SPD-Landesverband als auch die Stadt Stuttgart hinter sich gebracht.
Stigmatisierung von Sexarbeiter_innen schadet der Prävention
Inhaltlich bewegen sich die Befürworter_innen eines Sexkaufverbots auf überraschend dünnem Eis. Vordergründig geht es ihnen um hehre Ziele: Frauenrechte und die Bekämpfung des Menschenhandels. Ob das Sexkaufverbot aber tatsächlich die Sexarbeit und den Menschenhandel eindämmt, ist nicht ausgemacht. Die Methodik vieler Studien ist angreifbar, Daten lassen sich unterschiedlich interpretieren.
Die Frage aber, wie Stigmatisierung von Sexarbeit ohne gleichzeitige Stigmatisierung der in ihr Tätigen in einer Gesellschaft funktionieren soll, die Sexarbeiter_innen bis heute diskriminiert und marginalisiert, lassen die Befürworter_innen offen.
Auf der anderen Seite kämpft derweil ein breites Bündnis für Verbesserungen im Lebensalltag von Sexarbeitenden, wenigstens aber für den Erhalt des Status quo. Es reicht vom Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) über die Deutsche Aidshilfe, den Deutschen Frauenrat und den Deutschen Juristinnenbund bis hin zur evangelischen Diakonie. Sie alle befürchten, dass mit einem Sexkaufverbot vor allem die gesellschaftliche Diskriminierung von Prostituierten zunimmt und Gesundheitsprävention erschwert wird.
Situation bei mann-männlicher Sexarbeit
Auch die cis, trans* und queere Sexarbeiter_innen waren und sind von den Corona-Maßnahmen besonders betroffen. In einem gemeinsamen Positionspapier haben Stricherprojekte schon im Frühsommer für den Bereich „junger sexarbeitender Cis-Männer und Queers*“ während der Einschränkungen durch Corona festgestellt: „Zum Teil haben Sexarbeitende keine Alternative, ihre Arbeit auszusetzen. Zu ihrer Überlebenssicherung müssen sie situativ und selbstbestimmt in Kauf nehmen, sich gesundheitlichen Gefahren und Risiken auszusetzen, sowie den Bußgeldern. Dies trifft auch insbesondere auf die sexuelle Arbeit von Cis-Männer*, Queers* und trans*-Menschen in Szenekontexten zu. […] Aktuell wird die Bedrohung von Obdachlosigkeit durch die ausfallenden Einnahmen noch verstärkt. Da die Belegung von Notunterkünften allgemein reglementiert ist und zu Zeiten von Covid-19 stark eingeschränkt wird, bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als auf der Straße zu bleiben.“
Viele seien durch das Prostitutionsverbot und den damit einhergehenden Verlust ihrer Einnahmequellen in frühere Gewaltsituationen zurückkatapultiert worden: „Das Zurückdrängen in die Kernfamilie, in gewaltvolle Abhängigkeitsbeziehungen, in Flüchtlingsunterkünfte und auf die Straße ist in der aktuellen Situation eine noch größere Herausforderung.“
Die Notlage führt zu größerer Gefährdung von Sexarbeiter_innen
Ähnliches gilt auch für cis-weibliche und trans* Sexarbeitende. „Die Freier werden krasser“, sagt Daria Oniér, „denn wer treibt sich schon im Dunkelfeld herum: Leute, die nix ausgeben wollen, Leute mit hohem Druck oder Gewalttätige.“
BesD-Pressesprecher André Nolte beschreibt die Situation so: „Vereinbarungen werden gebrochen. Das Drücken der Preise kommt häufig vor, ist dabei aber nicht einmal das größte aller Probleme. Gerade als Frau passiert es dir – wenn du nicht mehr im Bordell tätig sein kannst, sondern in eine Wohnung musst –, dass da auf einmal zwei Typen statt einem sitzen.“
Viele Sexarbeiter_innen wurden in frühere Gewaltsituationen zurückkatapultiert
Auch der Menschenhandel machte unter Corona-Bedingungen keine Pause, wohl aber seine Bekämpfung. So gab der Berliner Senat in seiner Antwort vom 17. September auf eine Kleine Anfrage der FDP im Berliner Abgeordnetenhaus zu, dass „verdachtsunabhängige Kontrollen … nicht durchgeführt“ wurden, weil „die auf der gezielten und einvernehmlichen Ansprache der Sexarbeitenden basierende Vorgehensweise in einer Zeit, in der die Prostitution nach der SARS-CoV-2-Infektionsschutzverordnung verboten war, praktisch nicht durchführbar“ gewesen sei. Auf gut Deutsch: Wer Bordelle schließt und Sexarbeit verbietet, vergibt eine wesentliche Chance, Menschenhandel und Zwangsprostitution effektiv zu bekämpfen.
Sexarbeit: Kurzer Herbst der Verbotsaufhebungen
In Berlin war, wie in den meisten Bundesländern, Sexarbeit nach dem Verbot im Frühjahr und Sommer im Herbst unter vielfältigen Auflagen wieder erlaubt. Die Veränderung hat auch Ralf Rötten von „Hilfe für Jungs e.V.“ gespürt. Das ist ein Berliner Projekt für junge Männer, die anschaffen gehen. Er sagt: „Viele unserer Klienten, die zu Anfang der Corona-Krise weg waren, sind aus den Heimatländern zurückgekehrt.“
Eine Normalität hat sich dennoch nicht eingestellt. Durch die strengen Hygienekonzepte kamen weniger Besucher in die Anlaufstelle des Vereins am Rande des Schwulenkiezes in Berlin. Es durfte nicht mehr übernachtet werden, außerdem mussten Besucherlisten geführt werden – was natürlich im Widerspruch zu anonymer Beratung steht, aber verpflichtend war, weil die Einrichtung als gastronomieartiger Betrieb gilt.
„Sexarbeitende sind doch nicht erst seit Corona mit dem Thema Gesundheit konfrontiert“
Auch Rötten beobachtet, wie sehr die Sexkaufverbots-Lobby in der Krise Oberwasser bekommen hat, und warnt: „Wenn es eine Illegalisierung von Freiern gibt, dann betrifft das alle Freier, was in der schwulen Szene offensichtlich noch nicht angekommen ist. Wir müssen uns aktiv für den Erhalt einer vielfältigen, aber gleichzeitig auch fairen Landschaft der sexuellen Dienstleistungen einsetzen.“
In den meisten Bundesländern blieb, wie in Berlin, ein generelles Prostitutionsverbot bis Anfang September bestehen. Länger als in vergleichbaren Branchen körpernaher Dienstleistungen und dies, obwohl der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen ein detailliertes Hygienekonzept vorgelegt hatte. Dieses reichte vom Kund_innengespräch mit Mund-Nasen-Schutz über Corona-kompatible Stellungen bis zum Lüften danach. „Sexarbeitende sind doch nicht erst seit Corona mit dem Thema Gesundheit konfrontiert“, sagt BesD-Spreche André Nolte. „Wieso müssen in vielen Bundeländern die Gerichte das der Politik erklären?“
Der November-Lockdown trifft wieder einmal auch Sexarbeiter_innen besonders hart
Die Lage für Sexarbeiter_innen ist also wieder düster, die Zukunft ungewiss. Die letzten Wochen haben aber eines gezeigt: Wer in Baden-Württemberg und anderswo in Deutschland Sexarbeitende vor Diskriminierung und der Illegalisierung ihrer Arbeitsumstände schützen will, braucht in diesen Zeiten mehr als je zuvor einen langen Atem
Keith Zenga King ist Theaterproduzentin und Kuratorin an den Münchner Kammerspielen. They lebt seit fünf Jahren in Deutschland, hat ihren Lebensmittelpunkt zwar in München, ist aber beruflich im ganzen Land unterwegs. Ich sprach mit they am Telefon nach der Arbeit. Da wir das Gespräch auf Englisch führten, übersetze ich es im Folgenden:
Keith plädiert dafür, dass Darstellungen von Race, Solidarität und Communities auch Tiefe und Komplexität bieten.
Keith, wie hast du die Corona-Zeit erlebt?
Schwierig war das. Ich habe als Künstlerin sofort die Arbeit von sechs Monaten verloren. – Wobei mir die Zwangspause auch gut getan hat: Seit dem Moment, als ich vor fünf Jahren in Deutschland eintraf, war mein Leben bestimmt von der ununterbrochenen Hetze von einem Auftrag zum nächsten, es war verrückt, ich war so getrieben, ja immer das nächste Projekt schon in Aussicht zu haben! Corona schlug zwei Wochen vor einem geplanten Theaterfestival ein, ich habe dann sofort alles auf online umgestellt.
Was sind für dich wichtige Themen derzeit in der queeren Szene?
Im vorherrschenden politischen Klima sind mir die Repräsentation marginalisierter Aktivist_innen und Künstler_innen sehr wichtig. Gerade diese seltsame Zeit erfordert Möglichkeiten der Teilhabe. Dabei muss darauf geachtet werden, dass Darstellungen von Race, dauerhafter Solidarität und Communities auch Tiefe und Komplexität vermitteln. Als Künstlerin bringe ich das Aktivistische in mein Werk ein: Themen wie Migration, Queerness usw. formen meine künstlerischen Darstellungen und bilden so den Rahmen für mein Schaffen.
Keith (links, unten) ist Teil unserer #WirFürQueer Kampagne.
Was bedeutet für dich queere Solidarität?
Ich glaube, man muss verstehen, dass es dabei mehr um Politik als um Begehren geht und man gar nicht unbedingt queer sein muss, um dazuzugehören. Ich verstehe unter Solidarität vor allem Fürsorge für die Gemeinschaft und für einander, auch allgemeine Fürsorge und Carework zählen für mich dazu. Im Moment sollten wir uns auf das Ausruhen und Innehalten konzentrieren und uns dabei auch auf Schlimmes gefasst machen. Ich denke da an die ökonomischen, sozialen und politischen Spannungen, die im Kielwasser dieser globalen Pandemie schwimmen werden.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Dass Art und Weise, wie wir arbeiten, neu kalibriert werden.
Hast du grade ein Projekt, dass dir am Herzen liegt?
Ja, ich schreibe ein Buch, eine Gedichtsammlung, sie soll „I am other in exile“ heißen und ich bin mit meiner Arbeit daran schon recht weit fortgeschritten. Ansonsten bereite ich mich auf die nächste Spielzeit vor…
Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!
Der PrEP-Start unter der Lupe: Was gehört dazu? Und wie lange dauert das?
Du hast Dich entschieden die PrEP zu nehmen? Und am liebsten würdest Du jetzt sofort damit beginnen? Nun ja, eine PrEP bekommst Du nicht einfach an jeder Ecke. Was genau alles zum PrEP-Start dazu gehört und vor allem, wie lange es von der Entscheidung für die PrEP bis zur ersten Tabletteneinnahme dauern kann – dazu haben wir uns unter Prepstern, bei Ärzten, einem Checkpoint und einem Apotheker umgehört. Außerdem geben wir Dir Tipps, woran man denken muss, bis man mit der PrEP beginnen kann.
Etwas Geduld ist beim PrEP – Start gefragt. Wir sagen Dir worauf Du achten kannst und wie lange es dauert.
Was sagen die PrEPster?
Volker
Volker kommt aus Berlin. Er ist 45 Jahre alt und nimmt seit April dieses Jahres die PrEP. Die Entscheidung ist langsam ihn ihm gereift. Er hat in der Szene zum ersten Mal von PrEP gehört. „Ich habe dann einen Info-Abend mit der Berliner AIDS-Hilfe besucht und auf eigene Faust noch etwas recherchiert“, beschreibt er sein Vorgehen. Er ist zu seinem Hausarzt in Berlin gegangen, der ihn auch sonst betreut. „Mit ihm habe ich noch einmal gesprochen“, erzählt er. Das ausführliche Beratungsgespräch bestärkte Volker darin, mit der PrEP zu beginnen. Auf den Termin hat er eine Woche gewartet. Es folgten die für PrEP vorgeschriebenen bzw. empfohlenen Tests: HIV, Hepatitis B sowie die sexuell übertragbaren Infektionen, wie Syphilis, Chlamydien und Gonorrhö. Nachdem nach ein paar Tagen alle Ergebnisse vorlagen, bekam er sein erstes Rezept für die Blister-PrEP und ging damit zur Apotheke. Nach weiteren zwei Tagen war es dann soweit. Volker hielt seinen ersten Blister mit 28 PrEP-Tabletten in den Händen. „Alles in allem hat es bei mir 10 Tage gedauert, bis ich mit der PrEP starten konnte“, resümiert er.
Marc
Marc ist 47 Jahre alt und kommt aus Göttingen in Niedersachsen. Der größte Unterschied zu Volker, der in Berlin zwischen mehreren Praxen und Apotheken auswählen kann, ist der, das Marc in Göttingen diese Auswahl nicht hat. „Ein einziger Arzt in Göttingen, der sich sonst schwerpunktmäßig um Patient_innen mit HIV kümmert, übernimmt die Betreuung der PrEPster in und um Göttingen“, so Marc. Trotz dieser etwas schwierigeren Ausgangslange hat auch Marc hier nur eine Woche auf seinen ersten Termin gewartet. Und auch die Zeit, bis die Testergebnisse vorlagen und er sein erstes Rezept bekam, lag bei ihm ungefähr bei 10 Tagen. Marc hat in Göttingen keine Apotheke, die ihm die Blister-PrEP besorgen kann. Marc hat daher nur die Möglichkeit, ein teureres Produkt eines anderen Herstellers zu wählen. Der Vorteil bei dieser Variante: Das Produkt ist sofort verfügbar. Insgesamt hat es für Marc also etwa zweieinhalb Wochen gedauert.
Damit eine Apotheke die Blister-PrEP anbieten kann, muss die Apotheke am Blister-Pilotprojekt teilnehmen. Momentan sind das gut 65 Apotheken in Deutschland, die auch Mitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft der HIV kompetenten Apotheken sind. Außerdem müssen die Mitarbeiter_innen der Apotheke zusätzlich geschult werden.
Marcel
Marcel musste den größten Aufwand betreiben. Er ist 35 und kommt aus Karlsruhe in Baden- Württemberg. „Kein Arzt weit und breit betreut hier PrEPster“, berichtet Marcel. Dafür hätte er entweder nach Stuttgart oder Mannheim fahren müssen. Zuviel Aufwand. Marcel hat schließlich seinen Hausarzt angesprochen. „Ich habe ihn mit Infos regelrecht zugespamt“, beschreibt er sein Vorgehen. „Aber mein Doc hat toll reagiert und war bereit, sich in das für ihn ungewohnte Themengebiet einzuarbeiten.“ Sein Arzt hat sich schlau gemacht und Marcel war nach 48 Stunden wieder bei ihm. So kann Marcel seit diesem Frühjahr die PrEP nehmen. Und auch die alle 3 Monate vorgeschriebenen PrEP-Checks übernimmt der Hausarzt. Wenn man die Woche rausrechnet die Marcel gebraucht hat, um einen Arzt zu finden, dauerte es vom ersten Check bis zur Einnahme der ersten Pille auch zwei Wochen.
Erste Station: Die Ärzte
Dr. Kümmerle (Köln)
„Wir planen für ein erstes Gespräch auch eine halbe Stunde ein.“
Der Ebertplatz im Zentrum von Köln. Hier betreibt Dr. Tim Kümmerle mit sechs Kolleg_innen eine Gemeinschaftspraxis. „Insgesamt kommen pro Quartal 150 Patienten, die die PrEP nehmen, zu uns“, sagt Kümmerle. Wer einen Termin für eine Erstberatung braucht, wartet zwischen zwei und drei Wochen. „Wir planen für ein erstes Gespräch auch eine halbe Stunde ein. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass das realistisch ist.“ Kümmerle erzählt, dass die Männer, die PrEP nehmen wollen, schon recht gut informiert sind, aber im Gespräch doch noch die ein oder andere Frage auftaucht. Nachdem Gespräch folgen die üblichen Tests auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen. Von seinem Labor hat Dr. Kümmerle die Ergebnisse meist nach drei Tagen. Erst drei Mal in den vergangenen zwei Jahren konnte einem Patienten die PrEP nicht verschrieben werden. „Beim ersten Check stellte sich heraus, dass zwei schon HIV-positiv sind und ein dritter eine akute Hepatitis hatte“, nennt Kümmerle als Gründe. Seine Patienten sieht der Kölner Arzt regelmäßig, denn alle drei Monate steht der routinemäßige PrEP-Check an. Wenn alles okay ist, gibt es das Rezept für die nächsten drei Monate.
„Wir planen für ein erstes Gespräch auch eine halbe Stunde ein. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass das realistisch ist.“
Dr. Kümmerle (Köln)
Eine Wartezeit von zwei bis drei Wochen für einen Termin zur PrEP-Erstberatung ist auch in der Praxis von Dr. Roger Vogelmann in Mannheim der Standard. In der Stadt gibt es zwei weitere Praxen, die PrEPster begleiten. Dr. Vogelmann teilt die Beobachtung von seinem Kölner Kollegen, was den Informationsstand und den Beratungsbedarf seiner Patienten angeht.
Dr. Vogelmann (Mannheim)
Dr. Vogelmann kooperiert bei der PrEP mit einem Checkpoint.
Der größte Unterschied zu seinen Kollegen in Köln ist der, dass Dr. Vogelmann mit einem Checkpoint kooperiert. „Aus Kapazitätsgründen und weil es für die PrEPster günstiger ist, empfehlen wir unseren Patienten, die vorgeschriebenen Checks dort zu erledigen. Lediglich den Kreatininwert, der Auskunft über den Zustand der Niere gibt, bestimmen wir hier in der Praxis. Das kann der Checkpoint im Moment noch nicht leisten“, erläuterte er. Das ist deshalb so wichtig, weil die Wirkstoffe, die in der PrEP enthalten sind, in einigen wenigen Fällen die Nieren zu stark belasten können. Fälle, in denen er die PrEP nicht verschreiben konnte, gab es bisher in seiner Praxis nicht.
Tipp: Auf iwwit.de findest Du zwei verlinkte Listen von Ärzten in Deutschland, die Dich zur PrEP beraten und diese verschreiben können. Damit Ärzte die PrEP verschreiben können, müssen Ihnen die behördlichen Schulungsmaterialien zum PrEP-Wirkstoff vorliegen.
Zweite Station: Der Checkpoint
Die Max-Josef-Straße in der Mannheimer Neckarstadt zählt zu den schönsten Straßen Mannheims. Alte herrschaftliche Häuser und viele Bäume. Hier hat KOSI.MA seinen Sitz, das Kompetenzzentrum zu sexuell übertragbaren Infektionen in Mannheim. Jeden zweiten Donnerstag und neuerdings jeden vierten Mittwoch im Monat können sich hier Menschen auf HIV und STI testen lassen und werden umfänglich zu allen Fragen rund um Safer Sex und sexueller Gesundheit beraten.
Wie bei allen Beratungen, die im Checkpoint von KOSI.MA angeboten werden, ist auch die Beratung zur PrEP anonym.
„Seit Anfang des Jahres bieten wir zusätzlich den PrEP-Check an. Wir arbeiten mit dem, von der Hamburger Beratungsstelle Hein und Fiete entwickelten PrEP-Checkheft. Das blaue Heft wurde nach Absprachen mit Hamburg, in Baden-Württemberg im Arbeitskreis Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), für unser Bundesland neu aufgelegt“, berichtet Marc Fischer, Leiter des Checkpoints von KOSI.MA. Wie bei allen Beratungen, die hier angeboten werden, ist auch die Beratung zur PrEP anonym. „Wir arbeiten deshalb mit dem RKI-Code, einer Kombination aus Zahlen und Buchstaben des Vor- und Nachnamen“, erklärt Marc das Verfahren. Die Ergebnisse aus dem Labor werden dann von ihm und seinem Team direkt an die behandelnden Ärzte weitergeleitet. Dieses Verfahren hat sich bewährt.
Dritte Station: Der Apotheker
Ralf Busch ist Apotheker in Mannheim. Er darf, neben einer zweiten Apotheke in der Stadt, die PrEP auch in Blistern abgeben. Das liegt, wie oben beschrieben, daran, dass er als Mitglied der DAHKA am Blister-Programm teilnimmt. Insgesamt 60 PrEPster kommen regelmäßig zu ihm. Davon kaufen die allermeisten die Blister-PrEP. Bei der Blister-PrEP sind die Tabletten in kleine Einmaltüten (sogenannte Blister) eingeschweißt. Die Blister-PrEP ist mit rund 40 Euro günstiger als Produkte anderer Hersteller. Diese sind jedoch im Gegensatz zur Blister-PrEP sofort verfügbar. Wenn keine Wochenenden oder Feiertage die Bestellung hinauszögern, haben seine Kunden ihre Blister-PrEP innerhalb von zwei Tagen. Ein großer Beratungsaufwand entsteht für ihn und sein Team meist nicht. „Die Jungs sind alle gut informiert“, beschreibt Busch seinen Eindruck. „Wenn es Fragen gibt, beziehen die sich meist auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die zusätzlich eingenommen werden.“
Im Herbst 2017 konnte dank des Engagements eines Kölner Apothekers, die PrEP erstmals relativ bezahlbar und gleichzeitig legal vielen Menschen zugänglich gemacht werden. Ein Jahr danach ist vieles sicher noch nicht optimal. In manchen Städten ist die günstigere Blister-PrEP noch nicht in den Apotheken verfügbar. Oder es gibt keine Ärzte, die die Versorgung übernehmen können. Auch die Kosten, die jeder bei einem Arztbesuch für den PrEP-Check selbst tragen muss, variieren: Je nach Praxis können sie zwischen 30 bis 75 € liegen. Und sicherlich warten manche auch länger als drei Wochen auf einen Termin für die PrEP-Erstberatung. Aber insbesondere in größeren Städten sind PrEPster in Deutschland recht gut versorgt.
Unsere Tipps, damit es auch für EUCH reibungslos verläuft:
Denkt daran, zwischen dem ersten Anruf beim Arzt, um einen PrEP-Termin auszumachen und dem Tag, bis ihr die PrEP-Tabletten in Händen haltet dauert es im Schnitt zwei bis drei Wochen.
Informiert Euch, welche Ärzte Euch betreuen können und welche Kosten damit verbunden sind! Mehr dazu auf iwwit.de
Wichtig ist dabei natürlich, dass Ihr vor dem HIV-Test beim Arzt 6 Wochen lang keine Risikosituation gehabt haben dürft. Stichwort „diagnostisches Fenster“ von HIV-Tests. Alle Infos zu allen Checks vor und während der PrEP gibt’s ebenfalls auf iwwit.de.
Wenn Ihr Euren ersten Termin beim Arzt hinter Euch habt, macht gleich beim Gehen den Termin für den nächsten PrEP-Check aus, dann verhindert Ihr längere Wartezeiten!
Kalkuliert ungefähr zwei Tage für die Bestellung Eurer Tabletten ein – wenn Ihr Euch für die Blister-PrEP entscheidet.
Behaltet Euren Vorrat im Blick – rechtzeitig Folgerezept besorgen und zur Apotheke bringen!
Habt Spaß beim Sex! 😉
Anmerkung der Redaktion: Die Überschrift dieses Artikels behauptet ausdrücklich nicht, dass es bei der Safer Sex-Methode PrEP einen 100prozentigen Schutz vor HIV gibt. Gleiches gilt natürlich auch für die anderen beiden Safer Sex-Methoden Kondom und Schutz durch Therapie. Deshalb gehören regelmäßige Checks auf HIV und auch andere STI für alle dazu. Mehr zum Test auf iwwit.de
Hedy kann keine Kacheln mehr sehen! Sie war das letzte halbe Jahr in zu vielen Zoom-Konferenzen, zu oft konnte sie ihre Gesprächspartner_innen nur als winzige Videos sehen. Die Berlinerin coacht Führungskräfte und trainiert Belegschaften, vor allem in Sachen Gesundheit. Während des Lockdowns konnte sie ihre Fortbildungen nur online geben. „Technisch hat das gut geklappt“, erzählt die 61-Jährige. Aber selbst die beste Technik kann persönliche Begegnungen nicht ersetzen, davon ist Hedy überzeugt: „Wir sind soziale Wesen und darauf angewiesen, einander leibhaftig zu begegnen! Das hatte sich zum Glück während des Sommers wieder gebessert – aber in die Zeit vor Corona können wir so schnell nicht zurück. Nach Corona ist vor Corona!“
Hedy ist Coach, Therapeutin, und Fachfrau für Kommunikation.
Für viele Menschen aus der queeren Community sind die letzten Monate wohl besonders schwierig gewesen, vermutet Hedy. „Viele von uns leben allein. Da fällt es schwerer, die Kontakte aufrechtzuerhalten.“ Wenn dann auch noch Umarmungen tabu sind, geht‘s ans Eingemachte. „Gerade Singles müssen schauen, wie sie gut durch diese Zeit kommen.“
Das Szenepublikum fächert sich auf
Erschwerend kam hinzu: Viele Treffpunkte der queeren Community waren geschlossen, Veranstaltungen wurden abgesagt. Das trifft Lesben noch härter als Schwule, erläutert Hedy. „Wir Frauen verdienen rund 20 Prozent weniger als Männer und geben entsprechend weniger aus. Frauenläden haben es schon deshalb schwerer.“
Selbst im großen Berlin gibt es mit der Begine nur noch eine Kleinkunstbar, in die – klassisch feministisch – nur Frauen* dürfen. Immerhin: Die schlimmste Corona-Zeit konnte das Begine-Team mit Spenden überbrücken. Die meisten Frauenkneipen hatten aber schon vor der Pandemie aufgegeben. Oder sie haben ihr Konzept geändert.
Für Hedy (oben, links) können persönliche Begegnungen auch durch die beste Technik nicht ersetzt werden.
„Die Räume für uns Lesben sind weniger geworden – und offener“, erklärt Hedy. Die Türpolitik „Nur für Frauen“ funktioniert nicht mehr wie früher. Das Publikum fächert sich auf. Trans* Männer und trans* Frauen wollen genauso rein wie Besucher_innen, die sich weder als Mann noch als Frau einordnen.
„Wir Menschen brauchen Schutzräume“
Auf Hedys Geburtstagsfeier haben zwei ihrer Freundinnen intensiv darüber diskutiert. Die eine organisiert ein Berliner Filmfestival mit. Auf den Flyern steht inzwischen „Lesbian Non-Binary Filmfest“. Die andere stolperte über das Wort „non-binary“ und stellte fest: „Ich bin nur lesbisch. Bitte erklär mir das!“ Hedy war fasziniert: „Zwischen den beiden lagen nur 16 Jahre, aber trotzdem haben sich ihre Sichtweisen sehr unterschieden.“ Verstehen konnte die Gastgeberin beide Seiten. „Bei vielen neuen Begriffen blicke ich auch nicht mehr durch, weil sie einfach komplex sind“, sagt Hedy und lacht. „Manchmal würde ich mir wünschen, dass ich einen Diskurs nicht erst erforschen muss, um mitreden zu können.“
Hedy sieht die Veränderung ihrer vertrauten Community mit Freude und Wehmut zugleich. „Die jüngere Generation nimmt die neuen Möglichkeiten ganz selbstverständlich in Anspruch. Meine Generation bedauert eher, dass sich unsere Räume so stark verändern.“ Für diese Freiräume setzt sich Hedy seit Langem ein, derzeit im Vorstand des Lesbenrings. Der Verein vernetzt Lesben*gruppen bundesweit. Die muss und wird es auch in Zukunft geben, betont Hedy. „Wir Menschen brauchen Schutzräume, wo wir wissen: Da gehöre ich hin!“ Das könne die Partnerschaft sein, die Wahlfamilie – oder eben Community-Orte wie Begine oder „Rad und Tat“. Dort fühlten sich viele sicher und „beheimatet“.
Hedy sieht die Veränderung ihrer vertrauten Community mit Freude und Wehmut zugleich.
Harte Fronten durch die Community
Ausgerechnet diese Rückzugsorte geraden nun in Bewegung. „Das irritiert viele“, sagt Hedy. „Es stellen sich viele Fragen: Was wird mir dadurch genommen? Und was kann ich gewinnen?“ Durch ihren Beruf als Coach und Therapeutin weiß sie, wie leicht Menschen in solchen Übergangsphasen aneinandergeraten, besonders Jüngere und Ältere.
Umso wichtiger findet Hedy die Botschaft von #wirfürqueer: „Wir halten zusammen.“ Doch Zusammenhalt kostet Kraft. Als Fachfrau für Kommunikation wünscht sich Hedy „eine Kommunikationskultur, in der wir einander zuhören und unterschiedliche Positionen kennenlernen – und zwar ohne gleich auf 180 zu sein, wenn ich eine andere Sicht auf die Dinge höre.“ Derzeit hat Hedy den Eindruck, dass harte Fronten durch die Community verlaufen. „Das treibt mich um! Die Frage ist: Wie schaffen wir es, einander besser zuzuhören?“
Es führt kein Weg daran vorbei: Wenn wir gemeinsam durch die harten Zeiten kommen wollen, müssen wir miteinander reden können. Da ist sich Hedy sicher – und bereit zum konstruktiven Streit. „Wenn andere mit mir darüber öffentlich diskutieren möchten, mach ich das gern! Ich habe große Lust, meinen Teil beizutragen, dass unsere Community zusammenhält!“
Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!
Der Lederkerl prägte über viele Jahre das Bild vom schwulen Mann. Bis heute zeugen die Werke des Künstlers Tom of Finland davon. Doch die Lederszene ist in die Jahre gekommen, und in der Community rümpft man die Nase. Manuel Izdebski, Geschäftsführer der Aidshilfe im Kreis Unna, sprach mit Dirk Killing, der sich seit Jahren im „MSC Rote Erde Dortmund e.V.“ engagiert und dort im Verein seinen Fetisch pflegt. Das gelingt nicht immer ohne Vorbehalte.
Dirk Killing: ‘Als Fetischkerl fällst du aus dem Rahmen.’ (Foto: privat)
Dirk, du bist als Leder- und Fetischmann weit über unsere Region hinaus bekannt. Vor ein paar Jahren warst du „Mr. Fetish NRW“. Das findet in der Community nicht ungeteilte Zustimmung, oder?
Nein, viele Mitglieder der Community sind einfach davon überzeugt, dass wir nur durch Anpassung gleiche Rechte erhalten werden. Als Fetischkerl fällst du da aus dem Rahmen.
Wie meinst du das?
Ein CSD-Veranstalter hat mir mal gesagt, dass ich mich am besten zurückhalten solle, damit würde ich dem Kampf um Gleichberechtigung mehr helfen. Der hat es auf den Punkt gebracht. An unserer Sichtbarkeit nehmen viele in der Community Anstoß, weil sie die Reaktionen der Heteros fürchten und nicht mit uns in einen Topf geworfen werden wollen. Dabei reden immer alle von Vielfalt.
Bei schwulen Events gibt es immer wieder Sex in der Öffentlichkeit. Das steht vielfach in der Kritik.
Ist das Führen eines Sklaven an der Leine schon eine sexuelle Handlung? Wie sollen wir für unsere Welt demonstrieren, wenn wir sie nicht zeigen dürfen? Nein, es reicht unsere bloße Teilnahme in Fetischklamotten, um bei einigen Leuten Schnappatmung auszulösen. In einer Stadt kam es deshalb mal vor einem CSD zu einem Eklat. Eine andere Gruppe hatte Probleme mit unserer Anwesenheit. Da wurden wir öffentlich im Web als Trittbrettfahrer beschimpft, der CSD sei schließlich ein Familienfest. Zugleich wurden wir vom Organisator eindringlich ermahnt, wir mögen uns bitte am Riemen reißen, man stünde kurz vor der Eheöffnung. Da sei ein guter Eindruck wichtig.
Das ist ein wenig verrückt, denn es waren ja hauptsächlich Lederkerle und Transen, die in der Christopher Street auf die Straße gingen,.
Ja, aber solche Reaktionen sind leider kein Einzelfall. Bei einem anderen CSD wurden wir auf der Bühne interviewt und sollten über unseren Verein erzählen. Im Vorgespräch erklärte uns der Moderator ernsthaft, dass man uns aber keinen Sling auf die Bühne stellen würde. Keine Ahnung, was der für Vorstellungen hatte. Und bei der Konzeption eines Jugendtreffs, wo viele unterschiedliche Gruppen mitgewirkt haben, war unser Engagement nicht gefragt, obwohl wir einen Sozialpädagogen in unseren Reihen haben, der fachlich etwas hätte beisteuern können. Beim Thema Jugendarbeit sollten wir aber in keinster Weise in Erscheinung treten, auch nicht professionell.
Wie geht Ihr denn innerhalb eurer Szene mit solchen Ausgrenzungserfahrungen um?
Um ehrlich zu sein: Es geht uns mittlerweile am Arsch vorbei. Von uns will gar keiner eine „Hetero-Hochzeit“ oder Kinder adoptieren. Aber wir haben uns immer solidarisch erklärt mit den Forderungen der Community. Und beim CSD laufen wir nur noch bei der Parade in Köln mit. In Dortmund haben wir parallel zum CSD unseren „Lederpott“ veranstaltet, aber viel zu tun hatten wir mit dem Straßenfest nicht. Wir sind auch Anfang des Jahres aus dem Dachverband SLADO ausgestiegen.
Und wieso?
Weil wir uns einfach nicht mehr vertreten gefühlt haben. Für die „anständigen Schwulen“ gehören wir in den Darkroom. Aber den gibt es in Dortmund seit der Sexsteuer auch nicht mehr wirklich. Die hat binnen weniger Jahre einen Laden nach dem anderen ruiniert, obwohl nur die Prostitution damit eingedämmt werden sollte. Tatsächlich wurden alle Betriebe, die die Möglichkeit zum Sex boten, damit getroffen, auch schwule Bars oder Saunabetriebe. Ich nehme an, das war ordnungspolitisch auch so gewollt, um die Stadt schmuddelfrei zu machen. Jetzt ist es hier öde. Für drei Gay-Kneipen kommt kein schwuler Mann aus dem Sauerland nach Dortmund gefahren. Selbst beim CSD herrscht tote Hose. Dabei waren wir mal das Oberzentrum für die ganze Region.
Für Dirk gehört der Fetisch zu seiner Identität. (Foto: privat)Wie ist es denn um Ausgrenzung innerhalb der Fetisch-Szene bestellt?
Ausgrenzung gibt es bei uns eigentlich nicht. Im Gegenteil, der Umgang ist sehr herzlich, egal ob du alt oder jung, dick oder dünn bist. Wir machen uns keinen Stress mit solchen Dingen, bei uns steht der Fetisch im Vordergrund. Allerdings ist die organisierte Lederszene in die Jahre gekommen.
Haben denn jüngere Leute keinen Fetisch?
Doch, aber die stehen eher auf Sportswear oder so. Und im Internet kannst du deinen Fetisch diskreter ausleben, da suchst du dir einen passenden Sexpartner für deine Sauereien und keiner kriegt es mit. Du musst das nicht mehr organisiert im Verein tun. Das Sexuelle vollzieht sich in den eigenen vier Wänden. Das kommt vielen entgegen, die Sexualität zur Privatsache erklären wollen.
Dann ist es auch egal, ob du hetero oder homo bist. Die Fetischvereine gründeten sich in ganz anderen Zeiten. Damals ging es um die Sichtbarkeit schwuler Sexualität. Man wollte die Homophobie in der Gesellschaft provozieren. Darin sehen wir auch heute noch unseren Beitrag zur Bewegung, aber das ist nicht mehr gefragt. Die Ziele sind eher konservativ geworden.
Du selbst gehst sehr offen damit um. Warum ist dir das so wichtig?
Ja, ich mache das ganz offen. Mit der Offenheit mache ich mich unangreifbar. Sollen es doch alle wissen! Für mich ist das meine Identität, und die Klamotten brauche ich, um mich selbst zu spüren. In normaler Kleidung fühle ich mich unwohl und verkleidet. Für mich ist das eine Art der Selbstbestätigung. Ich habe lange Jahre heterosexuell gelebt und bin Vater eines Sohnes. Ganz spießig! Mein Coming out als schwuler Mann und als BDSM’ler waren für mich eine unglaubliche Befreiung.
Immerhin lebst du jetzt auch seit 13 Jahren in einer festen Beziehung.
Das ist richtig, wir sind zwei SM-Männer in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, führen aber eine offene Beziehung. Auch das wird heute eher verurteilt. Eheliche Monogamie ist angesagt, am besten im Eigenheim und mit Adoptivkind. Wer das möchte, soll das auch tun können. Aber ich habe auf so eine „Knorr-Familie“ keinen Bock.
Knorr-Familie….?
Ja, die heile Familienwelt in der Werbung, wo die Mutti zu Hause mit dem Essen schon auf ihre Lieben wartet. Gibt es dazu ein schwules Pendant? Kommt sicher noch!
Dirk, vielen Dank für das Gespräch und für deine Offenheit.
Ist ein erstes Date also nur noch mit Mund-Nasen-Bedeckung und promisker, schwuler Sex wegen Corona vorerst gar nicht mehr denkbar? Schwuler Sex wurde durch Corona stark eingeschränkt. Die Corona-Abstandsregeln haben unsere Möglichkeiten der körperlichen Nähe stark eingeschränkt. Wir haben mit drei schwulen Männern über Ihre Erfahrungen gesprochen und den Experten Marco Kammholz gefragt, welche Auswirkungen der Corona Pandemie er auf schwulen Sex sieht. Um die eigenen Bedürfnisse mit den Schutzmaßnahmen in Einklang zu bringen, haben schwule Männer bereits kreative Lösungen entwickelt.
Stefans Selbstdiagnose ist klar und unmissverständlich: „Chronisch untervögelt“ knallt es den Besuchern seines Datingprofils auf Planetromeo entgegen. Normalerweise würden sie dort „Auf der Suche nach Sex“ lesen. Denn Sex, sagt Stefan, „ist für mich keine Freizeitbeschäftigung am Wochenende, sondern mein täglicher Spaß. Der gehört dazu wie morgens meine Tasse Kaffee.“
Von der „kleinen Schlampe“ zur „keuschen Nonne“
Dass ihn seine engsten Freunde liebevoll „kleine Schlampe“ nennen, ist für den Mittzwanziger kein Problem. Stefan steht dazu, dass ihm Sex wichtig ist, und am liebsten mit immer wieder neuen Männern.
Seit Ende März hat Stefan von seinen Freunden nun einen neuen Kosenamen bekommen: „keusche Nonne“. Stefan seufzt betont melodramatisch und sagt dann ganz ernst: „Ich mag zwar eine promiske Schlampe sein, aber ich bin auch nicht blöd. Man muss einfach realistisch sein: Rumvögeln geht derzeit einfach nicht.“
Die Corona-Pandemie hat das Sexleben mancher schwuler Männer zum Stillstand gebracht. Symbolfoto – Foto: Lichtsucht photocase.de
Die Corona-Pandemie hat nicht nur Stefans Sexleben zum Stillstand gebracht. Während der angespannten Wochen ab März und den damit verbundenen Kontaktbeschränkungen und Schließungen von Geschäften war auch das Szeneleben über Nacht auf Eis gelegt. Cafés, Bars und Clubs waren dicht, und damit nicht nur Orte, wo man sich mit anderen LSBTIQ treffen kann. Geschlossen waren auch solche Orte, wo Männer, Sex mit Männern haben können, etwa Saunen oder Darkrooms.
Bisweilen hat Corona das ganze schwule (Sex-)Leben auf den Kopf gestellt.
Tom war gerade in Argentinien, als rund um den Globus die Infektionszahlen zu steigen begannen. Das Praktikum weswegen er nach Südamerika gereist war, musste er abbrechen. Als es kurzfristig die Möglichkeit für einen Rückflug gab, ergriff er die Chance. Es war keine leichte Entscheidung, hatte er sich doch kurz zuvor in einen Argentinier verliebt. Die noch junge Liebe hat über die Entfernung hinweg nicht gehalten. Deshalb war Tom auch nicht der Sinn danach, sich gleich nach anderen Sexpartnern umzuschauen.
Er hat seitdem sehr viel Zeit mit sich allein und ohne Dating-Apps verbracht – und mit sich selbst auseinandergesetzt.
„Mir ist dadurch klar geworden, dass ein Großteil meines Drangs nach Sexualität aus der Notwendigkeit gekommen ist, mir zu beweisen ‚Ich kann es!‘. Man versucht verzweifelt das eigene Ego aufzubauen und Selbstbestätigung zu bekommen, indem man viele Sexpartner hat. Doch anstatt das Selbstbewusstsein aufzubauen, wird es nur noch mehr untergegraben.“
Tom war, wie er sagt, „spät dran mit allem“. Sein erstes Mal hatte er mit 20, „und ich habe mir selbst Druck gemacht, als müsste ich etwas aufholen und damit kompensieren.“ Im Rückblick sieht Tom da einige Entscheidungen, die nicht gut für ihn waren.
Wie Tom geht es gerade vielen schwulen Männern.
Sexualpädagoge Marco Kammholz (Foto: Danny Frede)
Tom ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall, weiß Sexualpädagoge Marco Kammholz. Er hat im Rahmen von Workshops in den Sommermonaten mit vielen schwulen, bisexuellen und queeren Männer über die Auswirkungen der Pandemie auf ihre Sexualität gesprochen. „Corona fordert nicht wenigen Schwulen viel ab, gerade auch was die Erfüllung ihrer sexuellen Bedürfnisse angeht“, sagt Marco Kammholz. „Ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die in jeder Krise auch gleich eine Chance sehen.“ Gleichwohl beobachtet er immer wieder, dass Teilnehmer seiner Workshops die jetzige Situation nutzen, um mit etwas Abstand zu betrachten, wie sie ihr sexuelles Leben bisher gestaltet haben. „Es zeigt sich dann vielleicht deutlicher, welche Funktion und Bedeutung die eigene Sexualität besitzt. Und wie wichtig oder unwichtig einem Häufigkeit, Partnerwechsel oder eine feste Beziehung sind.“
Weniger ist also unter Umständen mehr; vor allem aber bedeuten weniger Sexpartner – zumindest theoretisch – weniger Risiken, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Corona hat die Menschen auf die Zweierbeziehung zurückgeworfen. Und Sex am besten mit dem festen Partner, der festen Partner_in – wenn es diesen Menschen im eigenen Leben denn gibt. Singles haben daher nun eine besonders schwere Zeit. Und Menschen, die ihre Sexualität promisk leben, sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, „unverantwortlich“ zu sein.
Und Singles, die nach einem festen Partner suchen, stecken derzeit genauso in der Bredouille. Wie viel Nähe im wahrsten Sinne des Wortes lässt man zu? Wie romantisch oder geil kann ein Date mit Mund-Nasen-Schutz oder mit mindestens 1,50 Meter Abstand denn sein?
Totale lsolation ist für Armin auch keine Lösung
„Bei mir gibt’s keine Abstandsregel“, sagt Armin grinsend. „Mir kann jeder so nahekommen, wie er das möchte.“ So arglos allerdings, wie das vielleicht klingen mag, ist Armin keineswegs. Die ersten Wochen hat der Schüler komplett auf Dates verzichtet. In seiner Familie gibt es Menschen, die zur Risikogruppe zählen. Zeitweilig musste er mit seinen Eltern auch in Quarantäne.
Danach hatte er sich aber recht schnell wieder mit Freunden getroffen, um nicht zu vereinsamen oder gar depressiv zu werden, erzählt Armin. „Jeden Tag Krisennachrichten zu lesen, mit so vielen Problemen beschäftigt zu sein und nur allein zuhause zu hocken: Das ist für die Psyche nicht gut.“ Armin hat einen solchen Fall in seinem Freundeskreis erlebt. So schnell wird die Corona-Pandemie nicht vorbei sein, selbst wenn es eine Impfung geben wird, ist sich Armin sicher. „Deshalb ist es wichtig einen Weg zu finden, damit umzugehen. Der Alltag muss ja irgendwie weitergehen“.
Seit die Corona-Maßnahmen gelockert wurden, lernt Armin andere Jungs nun nicht mehr nur virtuell auf dbna, dem Internetportal für LGBT-Jugendliche, kennen, sondern auch in real life.
Wunsch nach Vorsichtsmaßnahmen offen ansprechen
„Ich vermeide bei Dates aber geschlossene Räume, sondern treffe mich lieber im Freien, weil ich nicht nur mich, sondern auch die anderen Personen schützen will. Mir liegt ja schließlich etwas an ihnen.“
Vor allem hat Armin für sich entschieden, Corona und die damit verbundenen Ängste und Vorsichtsmaßnahmen nicht zu überspielen, sondern einfach offen und ehrlich anzusprechen.
„Wenn ich jemanden gar nicht kenne, frage ich, wie es ihm geht und ob alles ok ist. Ich versuche ihm das Gefühl zu geben, alles aussprechen zu können – egal, ob es eine aktuelle Erkältung oder beispielsweise HIV ist. Dann lässt sich auch ganz unaufgeregt besprechen, wie wie wir uns dazu verhalten wollen.“ Armin ist auch vor Corona schon vorgegangen und hat damit nur gute Erfahrungen gemacht. „Und wenn jetzt jemand hustet, dann gehe ich auf Abstand, aber erkläre das auch, warum ich das mache. Ich habe einfach keinen Bock, wieder in Quarantäne zu kommen.“
Schwuler Sex wurde durch Corona stark eingeschränkt.
Nach Dates ist Tom aktuell zwar noch nicht zumute, dafür trauert er noch zu sehr um seine zerbrochene Beziehung. Doch wenn es so weit ist, will es Tom langsam angehen lassen. Also nicht gleich mit dem anderen ins Bett gehen, sondern sich erst ein paarmal zum Kaffeetrinken und Spazierengehen verabreden. Und das auch deshalb, erklärt Tom, um bei diesen Gesprächen ein Gefühl zu bekommen, ob die andere Person sich als so verantwortungsvoll erweist, um dann auch körperliche Nähe wagen zu können.
„Körperliche Nähe wie auch Sexualität sind menschliche Grundbedürfnisse.“
Marco Kammholz, Sexualpädagoge
Die Wochen und Monate, in denen Social oder besser Physical Distancing das absolute Gebot der Stunde war, liegen zum Glück hinter uns. Menschliche Begegnungen sind wieder möglich – wenn auch nach wie vor mit mancher Einschränkung. Seien es Spaziergänge oder Café-Besuche. Doch wie stillt man das Bedürfnis nach Berührung und Zärtlichkeit wie das Verlangen nach Sex, wenn es diesen einen – festen – Partner eben (noch) nicht gibt?
Menschen in dieser Situation können da schnell in einen Strudel sich widerstreitender Emotionen und Gedanken geraten, wenn Lust mit Infektionsängste kollidieren und unerfüllte Sehnsucht und Begehren zu Wut, Trauer und vielleicht gar Verzweiflung führen.
„Körperliche Nähe wie auch Sexualität sind menschliche Grundbedürfnisse“, sagt Marco Kammholz. Deshalb kann es auch moralisch nicht prinzipiell verwerflich sein, wenn Menschen einen Weg suchen, die Bedürfnisse zu erfüllen – zumal das keineswegs automatisch bedeuten muss, unvernünftig oder gedankenlos zu sein.
lst ein „Corona-Fuckbuddy“ die Lösung?
So mancher hat sich zu einer ganz pragmatischen Lösung entschlossen, mit der sich Schutz und Sex auch ohne feste Beziehung realisieren lassen: durch einen exklusiven „Fuckbuddy“. Ein Kerl also, mit dem man im Zweifelsfalle schon das eine oder andere Mal Sex hatte und dem man vertraut. Der wechselseitige Deal: Wir achten im Alltag auf uns, halten uns an die Corona-Schutzbestimmungen und Sex gibt’s nur mit dem anderen.
Marco Kammholz sieht bei diesem Modell der „Corona-Sexpartner“ zudem noch eine besondere Gelegenheit zur Selbstbeobachtung: „Wer aufgrund der Pandemie die Anzahl seiner Sexpartner reduziert, auf weniger oder nur einen, kann sich die Frage stellen: Wer bleibt eigentlich übrig und was zeichnet diese Männer aus? Also: Was passiert mit dem eigenen sexuellen Leben in der Pandemie?“
Wie schwule, bisexuelle und queere Männer angesichts von Corona ihre sexuellen Bedürfnisse mit den möglichen Infektionsrisiken abwägen, zeigt sich für Kammholz aber auch in anderer Sicht. „So wie der wöchentliche Einkauf stehen für manche ab und an Sexdates oder Cruising im Park an. Beides ist mit Restrisiko verbunden. Warum sollte man sich das eine weniger als das andere erlauben? Ich finde das ist eine gesunde Einstellung“, sagt der Sexualpädagoge.
Fortschrittliche Sexualkultur
Um das Restrisiko noch weiter zu reduzieren, lassen viele bei flüchtigen Kontakten das Küssen und Kuscheln aus und kommen umso schneller zu Sache. Man geht auf die Knie oder bückt sich und gibt dem Coronavirus weniger Chancen. Aber auch Glory Holes erleben gerade eine Renaissance und finden sich neuerdings sogar in manchen Wohnungen – mal als Pappwand oder Loch in einem Vorhang.
„Ich bin mir recht sicher, dass der Eigensinn und die Kreativität der Schwulen ihnen auch in dieser Pandemie dabei hilft (…) diese fortschrittliche Sexualkultur zu bewahren.“
Marco Kammholz
„Schwule Männer haben über die Jahrzehnte eine Sexualkultur entwickelt, in der es möglich ist, freier und ungehinderter mit Sex umzugehen.“, stellt Marco Kammholz fest. „Das ist nicht so leicht zu erschüttern. Ich bin mir recht sicher, dass der Eigensinn und die Kreativität der Schwulen ihnen auch in dieser Pandemie dabei hilft mit den Einschränkungen umzugehen und zugleich diese fortschrittliche Sexualkultur zu bewahren.“
Auch Online-Sex kann geil sein…
Und ja, die Jungs und Kerle sind durchaus kreativ. „Kleine Schlampe“ Stefan mag in den vergangenen Wochen zwar objektiv betrachtet keusch gewesen sein, aber er war deshalb keineswegs artig. „Ich hatte viel Spaß mit meinen Freunden“, sagt Stefan im Gespräch – ganz zeitgemäß via Zoom-Video-Konferenz – und lacht. Dann hält er eine Pappkiste vor die Kamera und präsentiert seine stattliche Sammlung von Dildos. Die kommen ab und an auch vor der Kamera zum Einsatz. „Warum soll ich mich allein damit vergnügen, wenn mir andere dabei zuschauen können?“.
Wann, wenn nicht jetzt, ist also die ideale Gelegenheit, um sich mit Cam-Sex zu versuchen oder die eigenen erogenen Zonen auszukundschaften und neue Möglichkeiten probieren, sich selbst zum Höhepunkt zu bringen.
[Anmerkung der Redaktion: Die Interviews wurden im September vor dem Anstieg der Coronavirus-Neuinfektionen im Oktober 2020 geführt.]
Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!
Edward Mutebi, B. A. Organisations- und Kommunikationsmanagement, Aktivist aus Uganda, der zur Zeit in Berlin lebt. Er ist 28 Jahre alt und ich habe ihn zu einem Telefoninterview an die Strippe bekommen. Da das Interview auf Englisch geführt wurde, habe ich es ins Deutsche übersetzt.
Edward hat die Menschenrechtsorganisation LET‘S WALK UGANDA mitbegründet.
Hallo Edward! Danke, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Erzähl doch mal, wie warst du in Uganda aktiv?
Ich möchte gar nicht so viel von mir, sondern mehr von uns erzählen, uns, der Gruppe der queeren Geflüchteten. – In Uganda war ich Aktivist für LGBTIQ-Rechte. Wir haben die Menschenrechtsorganisation LET‘S WALK UGANDA gegründet. 2016 kam das Wohnprojekt für LGBTIQ und HIV+ Personen dazu, das LET‘S WALK UGANDA SHELTER. Dort können Menschen unterkommen, die aufgrund ihrer Queerness oder ihres HIV-Status‘ ihre Bleibe verlassen mussten. Ehrenamtliche sorgen dafür, dass diese Menschen durch Kooperation mit medizinischen Versorgungszentren Zugang zu medizinischer Behandlung und Versorgung bekommen. Safer Sex Aufklärung, Empowerment und Verteilung von bspw. Kondomen sind weitere Aktivitäten, die das SHELTER abdeckt, wobei der Fokus auf Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), liegt. Ich unterstütze es noch immer von Berlin aus und verfolge natürlich die aktuellen Aktivitäten und Entwicklungen.
Edward (oben Mitte) ist derzeit mit 5 anderen queeren Personen in unserer bundesweiten Printanzeige in schwulen und queeren Magazinen zu sehen.
Wie hast du in diesem Jahr die Corona-Zeit erlebt?
Anfangs war ich in München. Ein zentrales Problem in München ist die Verfügbarkeit von Wohnraum für Refugees, also haben wir eine Kampagne gestartet. Durch Corona hat sich die Situation enorm verschlechtert, viele Refugees leben in Obdachlosigkeit: bei Freund_innen, auf der Straße oder in Camps.
Außerdem ist der Zugang zu medizinischer Versorgung schwieriger geworden. Ärzt_innen wurden durch die anfängliche Ungewissheit der Lage noch ungeduldiger, als sie es ohnehin waren. Terminanfragen wurden entweder komplett abgelehnt oder du hast einen in fünf Monaten angeboten bekommen für etwas, was eigentlich nicht so lange warten kann. Auch die PrEP war schwerer zu bekommen. Ich habe da auch viel Mitgefühl für die Ärzt_innen dieser Tage, klar. Viele von uns kämpfen ja mit Sprachbarrieren; wenn sie dann auf erschöpftes und überreiztes medizinisches Personal treffen, strapaziert das alle Beteiligten noch mehr.
In Bayern hat sich während Corona der Umgang mit Geflüchteten schon auch verändert: Es werden jetzt Strafen für Menschen verhängt, die mit einem Touristenvisum nach Deutschland einreisen und dann hier Asyl beantragen. Das ist ein neues Verfahren, eine neue Policy, die unter Corona-Bedingungen den Druck auf die Geflüchteten noch erhöht.
Hast Du dafür vielleicht ein Beispiel aus Deiner aktivistischen Arbeit?
„Unter Corona-Bedingungen haben juristische Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung von Geflüchteten zugenommen.“
Ich möchte dir dazu gerne die Geschichte eines jungen Mannes erzählen, der leider vergeblich für eine gerechte Behandlung innerhalb seines Asylverfahrens gekämpft hat. Er ist genau mit einem solchen Touristenvisum eingereist und hat dann in Bayern Asyl beantragt. Da er in einem Camp untergebracht war, wo viele Corona-Fälle aufgetreten sind, musste er für zehn Tage in Quarantäne. In dieser Zeit bekam er Post vom Gericht und als er aus der Quarantäne raus kam, hatte er nur noch zwei Tage Zeit, sich auf die Anhörung vorzubereiten! Er wollte dem Gericht erklären, dass er ganz frisch aus dem Lockdown käme und um mehr Zeit bitten, um sich anwaltliche Unterstützung zu organisieren. Aber er hat eine komplette Abfuhr bekommen und musste auch die Strafe bezahlen. Das ist nur ein Beispiel, wie unter Corona-Bedingungen juristische Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung von Geflüchteten zugenommen haben.
Edward beklagt, dass sich unter Corona-Bedingungen der Druck auf Geflüchtete erhöht hat.
Viele Geflüchtete bekommen z.B. verspätete Asylbescheide, zu wenige Gesprächstermine mit Anwält_innen und bleiben zu lange in den Camps. Und das teilweise mit hohen Covid19-Raten. Das und die vielen schnellen Veränderungen während der letzten Monate können mental enorm belastend sein. Wer eine Wohnung hat, leidet oft schwer unter der Isolation, der Einsamkeit und auch die Armut, in der viele von uns leben, wiegt schwerer, unsere Probleme nehmen zu, weil Hilfestrukturen in der Krise und im Lockdown weggefallen sind.
Mir hat es geholfen, schnell raus aus meiner Bude zu kommen, meinen Nachbarn Hilfe anzubieten, wieder in Kontakt zu gehen, damit ich nicht verrückt werde. Ich habe mir selbst geholfen, indem ich anderen geholfen habe.
Ich wünsche mir mehr Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen und ein Bewusstsein für die zusätzlichen Risiken, denen queere Geflüchtete ausgesetzt sind. Ich habe den Eindruck, dass queere Menschen in der Politik betrachtet werden, als wären wir alle gleich. Die Unterschiede in unseren Lebensrealitäten werden nicht besonders gut reflektiert. Wir brauchen Unterstützungsangebote und -strukturen wie beispielsweise eine Telefonhotline zur Orientierung, wie was läuft in diesem Land, wo ich wann was beantragen muss und wie das geht.
Allgemein wünsche ich mir mehr queere Solidarität, Liebe und dass eins allen klar ist: Keine_r übersteht das hier allein, das geht nur zusammen!
Gibt es ein Projekt, das aus deiner Sicht besonders Unterstützung benötigt?
In dieser Corona-Zeit wird die Menschlichkeit schnell vernachlässigt, jeder kümmert sich um sich. Das ist zwar nachvollziehbar, aber dieser Egoismus hat auch dazu geführt, dass Verletzungen der Menschenrechte stark zugenommen haben. In Uganda wurden zwanzig queere Refugees in einem vermeintlich sicheren Haus angegriffen und landeten für fünfzig Tage im Gefängnis, ohne ein Verfahren und ohne überhaupt einen Anwalt zu sehen!
Unsere Organisation hat viele in Uganda gerettet und es wird deutlich, dass unser sicheres Wohnprojekt größer werden muss und wir dringend Ressourcen brauchen für ein Informationszentrum, das Zugang zum Internet und damit zu Vernetzung ermöglicht. Auch eine Bibliothek soll aufgebaut werden.
In München gründen wir grade „Plus“, die erste Organisation in Bayern von und für Refugees. Denn die Maßnahmen der bestehenden Strukturen gehen oft an unseren Bedürfnissen vorbei. Die Leute sitzen hinter ihren Schreibtischen und planen etwas, mit dem wir gar nichts anfangen können. Deswegen machen wir als erstes eine Problem- und Bedarfserhebung möglichst vieler queerer Geflüchteter in Bayern, um daraus dann Projekte zu entwickeln. Auf jeden Fall brauchen wir jetzt schon einen Treffpunkt, also Räume, Infrastruktur usw. Es soll Beratung geben, die Website ist in Arbeit, aber leider noch nicht online, weil wir auf die Kapazitäten von Ehrenamtlichen angewiesen sind und na ja, du weißt ja, da kann man schlecht sagen, wann etwas fertig wird! (lacht) Wir sind im offiziellen Registrierungsprozess und wenn ihr etwas tun wollt, dann unterstützt diese Organisation!
Alles klar! Das war wirklich spannend, danke! Bitte halte uns auf dem Laufenden, wie es mit „Plus“ weitergeht – wann wir euch hier verlinken können, damit euch möglichst viele Menschen finden, die Unterstützung brauchen oder geben wollen!
Leave no one behind!
Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!
Triggerwarnung: In diesem Artikel wird an einer Stelle über Gewalt gegen queere Menschen berichtet.
Im Shutdown auf Spurensuche
Auch in einer Pandemie kommt’s auf die Perspektive an. Robi hat einige Jahre in Mexiko-Stadt gearbeitet, auch bei einem Projekt für Straßenkinder. „Als der Shutdown kam, musste ich oft an meine Freund_innen dort denken“, erzählt er. „Corona trifft sie noch viel härter als uns in Deutschland. Ohne genügend Geld bekommt man dort nur die nötigste medizinische Hilfe, wenn überhaupt.“. Aber auch in Städten wie Berlin hätten die Anti-Corona-Maßnahmen „ganz schön reingehauen“, sagt der 33-Jährige. „Die Clubs haben zu, und viele meiner Leute machen sich große Sorgen, ihre Arbeit zu verlieren.“
„Die Corona-Zeit war eine Zäsur.“
„Dagegen hab ich’s gerade gut“, gesteht Robi. Er arbeitet im sozialen Bereich bei einer LSBTIQ-Organisation. „Ich habe das Privileg, dass ich gerade nicht nur ein sicheres Einkommen, sondern durchs Homeoffice sogar etwas mehr Zeit für mich habe. Ich konnte auch Sachen angehen, die ich bis dahin vor mir hergeschoben hatte.“
Für Robi war die verordnete Corona-Ruhe eine Zäsur. Gut ein Jahr nach seinem Coming-out als intergeschlechtlich, setzte er die begonnene Spurensuche intensiv fort, forderte bei seiner Geburtsklinik medizinische Unterlagen ein und kontaktierte das Standesamt, das seine Geburt erfasst hat.
Als intergeschlechtlich geborenes Kind wurde Robi ohne seine Einwilligung mehrfach operiert. Sein Körper sollte dem entsprechen, was sich Gesellschaft und Medizin unter „männlich“ vorstellen. „Früher hab ich da viel verdrängt“, erzählt Robi, „es war eine große Sache, mir das bewusst zu machen und Intergeschlechtlichkeit bei mir zu entdecken.“
In der schwulen und in der trans* Community Berlins hat Robi Verbündete gefunden.
Queer bedeutet: das Recht anders zu sein!
Sehr geholfen haben ihm bei seinem Coming-out Freund_innen und Bekannte, die sich genauso wenig ins starre Mann-Frau-Schema pressen lassen möchten. In der schwulen und in der trans* Community Berlins hat Robi viel Solidarität bekommen und Verbündete gefunden. Obwohl die Erfahrungen von inter* und trans* Menschen sehr unterschiedlich seien, gebe es viele Überschneidungen, erläutert er: die vielfältigen Körperlichkeiten, die geschlechtsverändernden Operationen. „Für mich waren die OPs jedoch erzwungene Eingriffe während meiner Kindheit, die eine Verletzung meiner körperlichen Unversehrtheit und meiner geschlechtlichen Selbstbestimmung bedeuten. Diese medizinischen Eingriffe habe ich ja nicht für mich selbst entschieden“.
Trans* und Inter* haben „viel mehr Gemeinsamkeiten“ als Unterschiede.
Trotz dieser Unterschiede zu trans*: Es gibt viel mehr Gemeinsamkeiten! Davon ist Robi überzeugt. Darum unterstützt der gebürtige Potsdamer auch die Kampagne #WirFürQueer von ICH WEISS WAS ICH TU. „Ich bin der queeren Community sehr dankbar, weil sie die heteronormative Gesellschaft kritisiert. Queer bedeutet für mich das Recht, körperlich nicht Mann oder Frau zu sein, sondern intergeschlechtlich.“
„Für mich bedeutet Solidarität, zu verstehen, was andere Menschen bewegt, nach Gemeinsamkeiten zu schauen – und dann in unserer Differenz gemeinsam zu kämpfen!“ Und deshalb zeigt Robi derzeit auch besonders oft Regenbogenflagge, natürlich mit Schutzmaske und Abstand. So protestierte er z.B. im März und August vor dem Polnischen Institut gegen die „LGBT-freien Zonen“ in unserem Nachbarland. Ende Juni war er auf der Berliner Demo von „Black Lives Matter“.
Robi (rechts, 2. von oben) geht auch in Coronazeiten auf die Straße und kämpft mit Regenbogenflagge für die Rechte von queeren Menschen.
Stresstest für unsere Demokratie
„Zum Slubice-Frankfurt-Pride hab ich es leider nicht geschafft“, bedauert Robi. [Slubice ist die polnische Nachbarstadt von Frankfurt/Oder. Im September 2020 fand erstmals eine gemeinsame CSD-Demo in beiden Städten statt. Anm. d. Red.] Aber Robi stellt klar: „Trans*-, inter*- und homofeindliche Angriffe gibt es leider auch in Berlin.“ Das mussten er und sein Freund am eigenen Leib erfahren. Im Mai attackierte sie ein Mann am S-Bahnhof, brüllte: „Du schwule Sau! Raus aus Deutschland!“. Der Mensch sprang sogar ins Gleisbett, um die beiden mit Schottersteinen zu bewerfen. „Wir blieben physisch unverletzt; aber es war ein großer Schock.“ Ein Mitarbeiter der Bahn half ihnen vor dem Täter zu fliehen. „Dumme Sprüche habe ich schon öfter gehört, aber so ein Angriff ist krasser“, betont Robi. „Ich habe das Gefühl, dass unser gesellschaftliches Klima gerade sehr gereizt ist. In der Öffentlichkeit wird ein Hass sichtbarer, den ich – zumindest persönlich – so noch nie erlebt hatte.“ Seitdem macht sich Robi vermehrt Sorgen um unsere demokratischen Institutionen: „Corona ist auch ein Stresstest für Demokratie, Rechtsstaat und Minderheitenschutz.“
Robi macht sich zunehmend Sorgen um das gesellschaftliche Klima.
Kritisch sein, nicht empathielos!
Dabei sieht Robi unseren Staat keineswegs durch die rosarote Brille. Kritik an gesellschaftlichen Normen findet er wichtig: „Queer zu sein, bedeutet ja, die normativen Geschlechterverhältnisse in Frage zu stellen.“ Natürlich gehöre dazu auch, staatliche Maßnahmen mit einem kritischen Auge zu sehen – auch die Pandemie-Verordnungen. „Auf der anderen Seite finde ich es erschreckend, dass Corona offen geleugnet wird. Auch ein paar Leute in der queeren Szene tun das. Das find ich empathielos!“
Robi versucht eine Infektion mit Covid-19 zu vermeiden, so gut es eben geht. Sein Freund gehört zur Risikogruppe. „Wenn er oder ich Corona bekämen, wäre das doof.“ Manchmal sind seine Freund_innen erstaunt, wenn sich Robi lieber im Freien treffen möchte, statt ins Café zu gehen. Dann erklärt er geduldig, warum er vorsichtig ist. „Diese Diskussionen müssen wir führen. Auch das gehört zum Queersein: Für die eigenen Haltungen und Werte einzustehen. Natürlich macht das Mühe.“
Mit Masken und Abstandsregeln demonstrieren: Z.B. am 26. Oktober 2020 zum Intersex Awareness Day!
Und Demos funktionieren auch mit Masken und Abstandsregeln. Die nächste steht bei Robi schon im Kalender: Am 26. Oktober ist Intersex Awareness Day, der Welttag der intergeschlechtlichen Menschen. „Letztes Jahr gab’s eine Demo vor dem Gesundheitsministerium“, berichtet Robi und lacht. „Ich habe für dieses Jahr eine Kundgebung vorm Bundestag ab 15 Uhr angemeldet und organisiere gerade die Veranstaltung in Kooperation mit TrIQ e.V. (zum Facebook-Event). Es wäre toll, wenn dann alle unsere Verbündeten auch dort sind!“
Mehr Infos zum Intersex Awareness Day am 26. Oktober:
Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!
Seit September fühlt sich Kaey wie Wonder Woman: unbesiegbar! Zumindest das Coronavirus kann der Berlinerin wohl so schnell nichts mehr anhaben. Sie hat die Infektion gerade überstanden. „Für mich ist der Spuk erstmal vorbei“, sagt die 40-Jährige und lacht. Noch ist unklar, wie lange man nach einer Covid-19-Infektion immun ist. Fachleute vermuten, dass der körpereigene Schutz bis zu drei Jahre anhalten könnte. So ist das zumindest bei anderen Coronavirus-Erkrankungen wie SARS. Aber genau weiß das noch niemand. Deshalb bleibt Kaey weiterhin vorsichtig und hält sich an alle Schutzregeln.
Kaey (oben rechts) ist eine von sechs queeren Personen, die wir auf unserer Anzeige #WirFürQueer im Oktober 2020 zeigen. Alle sechs porträtieren wir hier im Blog.
„Als mir mein Arzt das Testergebnis gesagt hat, war ich schon nervös“, erinnert sich Kaey. „Übergewichtige Menschen zählen zur Risikogruppe. Aber zum Glück hab ich ein gutes Immunsystem. Ich hatte nur leichtes Fieber und eine Woche Husten. Wie bei einer leichten Erkältung.“ Noch besser: Auch die Spätfolgen einer Covid-19-Infektion, unter denen einige leiden, bleiben ihr erspart. Die leidenschaftliche Sängerin kann wieder frei atmen. Normal riechen und schmecken konnte sie immer.
Die Leere nach dem Lockdown
„Das sorgt bei mir für eine gewisse Leere, den ganzen Tag über – und im Portemonnaie.“
Nicht nur das neue Virus hat Kaey am eigenen Leib erfahren, auch die Maßnahmen dagegen haben sie persönlich getroffen: „Als Sängerin und Performerin will ich vor Menschen auftreten. Aber seit einem halben Jahr darf ich das nicht mehr.“ Sonst steht die gebürtige Hallenserin jeden Monat zwei- bis dreimal auf der Bühne, in einer Dragshow oder bei einem Konzert. Obwohl sie durch ihren Hauptjob als Redakteurin abgesichert ist, fehlen ihr diese regelmäßigen Nebenverdienste – vor allem aber die Möglichkeiten, sich künstlerisch auszudrücken. „Das sorgt bei mir für eine gewisse Leere, den ganzen Tag über – und im Portemonnaie.“ Die Sache ist ernst, aber die Entertainerin setzt trotzdem eine Schlusspointe. Lachen hilft ihr durch die Krise.
Normalerweise steht Kaey jeden Monat zwei- bis dreimal auf der Bühne.
Immerhin gab es im Sommer wieder ein paar Outdoor-Veranstaltungen, mit viel Abstand und an der frischen Luft. Doch gerade sie ließen Kaey die Krise in der Showbranche besonders spüren. „Die wenigen Möglichkeiten aufzutreten waren entsprechend begehrt“, erzählt Kaey. „Das hat den Konkurrenzkampf verschärft und die Unterschiede zwischen den Leuten noch verstärkt.“
Entertainment schafft Community
Nun kommt der kalte Herbst und treibt die Leute in geschlossene Räume, aber viele Veranstaltungsorte sind noch immer geschlossen. „Ich habe echt Angst um meine Clubs“, gesteht Kaey. Für Institutionen des Berliner Nachtlebens wie Schwuz oder SO36 sei die Corona-Krise fatal. „Wenn die verschwinden, würde uns was fehlen“, betont Kaey und erklärt warum: „Die queere Community entsteht zu einem großen Teil durch Entertainment: beim Tanzen, in der Dragshow… Diese Kulturlandschaft ist in Gefahr.“
„Die Politik muss jetzt effektivere Lösungen finden.“
Zwar unterstützt das Land Berlin seine Diskos und Konzerthallen mit Finanzspritzen – so wie andere Großstädte auch. „Bisher gab es nur Nothilfen, aber keine wirklich tragende Idee, wie das Kulturleben trotz Corona weitergehen könnte“, kritisiert Kaey. „Die Politik muss jetzt effektivere Lösungen finden, wie man die wirtschaftlichen Folgen abfedern kann. Sonst verschwinden viele dieser wichtigen Orte.“
Am meisten vermisst Kaey klare Regeln, wie Partys und Shows weitergehen könnten – möglichst einheitliche fürs ganze Land. „Bisher wird noch mit zweierlei Maß gemessen: Im Zug und im Flugzeug durften die Leute mit Masken schon wieder nebeneinander sitzen, aber im Theater noch nicht. Wieso das denn?“
Zumindest Theater dürfen in Berlin bald wieder öffnen, wenn auch mit hohen Auflagen und deutlich weniger Publikum als vor der Pandemie. Mit den entsprechenden technischen Voraussetzungen sollen zumindest wieder bis zu 60 Prozent der Sitze belegt werden können, mit Sicherheitsabstand und Maske tragen während der Vorstellung. Kaey ist dennoch skeptisch: „Es ist ein schlechtes Zeichen, dass sogar die Hochkultur monatelang als verzichtbar galt. Wenn schon die so nachrangig behandelt wird – was bleibt dann noch für unsere Subkultur übrig?“
„Aber es gibt schon eine Solidarität unter Queers.“
Umso wichtiger findet Kaey, dass sich die queere Community ihre – zumeist nächtlichen – Treffpunkte nicht wegnehmen lässt: „Clubs wie das Schwuz sind Safe Spaces, wo sich Schwule, Lesben, Trans* und andere Queers treffen können, wo sie gemeinsam Spaß haben können.“ Am besten fände sie es, wenn nun alle gemeinsam Druck machten: „Ich kenne viele, die enttäuscht sagen: ,Welche Community?! Es kämpft doch jeder nur für sich!‘ Aber es gibt schon eine Solidarität unter Queers. Zumindest in Berlin sind viele verschiedene Subkulturen präsent, sie haben ihre Sprachrohre, um sich Gehör zu verschaffen – und sie sind gut vernetzt.“
Kaey engagiert sich besonders in der Trans*community. Die sei sehr aktiv und melde sich oft zu Wort, versichert sie. Über ihren Hauptjob beim queeren Stadtmagazin Siegessäule kennt sie zudem viele lesbische Aktivistinnen. „Viele queere Gruppen arbeiten regelmäßig zusammen – trotz der Grabenkämpfe, die es manchmal gibt.“ Diesen Zusammenhalt findet Kaey wichtig, gerade in Zeiten einer Pandemie. „Wir in der Community nutzen ja oft dieselben Räume. Da wäre es fatal, wenn wir nicht gemeinsam für sie kämpfen würden.“
Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!