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  • „Bisexuelle stellen Schubladen in Frage“

    „Bisexuelle stellen Schubladen in Frage“

    Im September gibt es in Hamburg erstmals einen eigenen Pride für bi+sexuelle Menschen. Miterfinder Frank Thies erzählt uns im Interview, warum die Demo wichtig ist – und warum er sich als Bisexueller oft unsichtbar fühlt.

    Frank, beim Bi+Pride sollen mal Bisexuelle wie du im Mittelpunkt stehen. Warum?

    Weil Bisexualität oft unsichtbar ist. Wenn man zwei Männer auf der Straße Händchen halten sieht, denkt man: „Ach, die sind schwul.“ Wenn sich zwei Frauen küssen, denkt man: „Ah, die sind lesbisch.“ Wenn man einen Mann und eine Frau so sieht, denkt man erstmal gar nix. Vielleicht aber: „Die sind hetero, logisch!“ Aber alle sechs beobachteten Menschen könnten bisexuell sein. Das hat man oft nicht im Kopf.

    Warum ist das so?

    So funktioniert unsere Gesellschaft: Wir stecken Leute gern in Schubladen. Und wenn jemand einen gleichgeschlechtlichen Menschen liebt, packen wir das in die Schublade „schwul“ oder „lesbisch“. Das ist dann wie hetero – nur ein bisschen anders. Dann passt das wieder. Aber wenn jemand die Schubladen wechselt, haut es einem diese schöne Ordnung um die Ohren, und das will man nicht. Bisexuelle stellen Schubladen in Frage!

    Was fordert ihr beim Bi+Pride?

    Viele unserer Forderungen decken sich mit denen der CSDs. Wir demonstrieren zum Beispiel für eine Reform des Transsexuellengesetzes und für eine Aufhebung des Blutspendenverbots für Männer, die Sex mit Männern haben. Spezifisch ist die Forderung nach mehr Sichtbarkeit und die, dass in der Schule auch über Bi- und Pansexualität aufgeklärt wird. Weitere wichtige Punkte: Bisexualität soll wissenschaftlich besser erforscht, und Projekte für Bisexuelle sollen gefördert werden.

    Was wünscht ihr euch von euren Verbündeten in der queeren Community?

    Es wäre toll, wenn das „B“ in LGBTIQ immer mitgedacht würde. Oft kommt es unter die Räder. Zum Beispiel am Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Trans*, Inter*- und Asexuellen-Feindlichkeit, der hieß anfangs IDAHO, dann IDAHOT, später IDAHOBIT. Aber dann taucht plötzlich ein Begriff auf wie IDAHIT – und das B ist wieder rausgefallen. Viele Organisationen reagieren sehr konstruktiv, wenn man sie darauf hinweist. Aber in diesem Jahr habe ich auch schon gehört: „Das ändern wir jetzt nicht mehr!“

    Vielleicht halten euch Homos für Fast-Heteros, die weniger diskriminiert werden…

    Ja, tatsächlich höre ich öfter: „Ihr gehört ja nicht richtig zur Community. Wenn’s schwierig wird, flüchtet ihr euch wieder auf die Hetero-Insel.“ Es gibt immer solche und solche. Es geht zwar nicht um einen Wettbewerb, wer am meisten diskriminiert wird, aber Bisexuelle und Pansexuelle bekommen es gleich von zwei Seiten ab: Ablehnung von Heterosexuellen, aber auch aus der eigenen queeren Community. Nicht ohne Grund sagen Statistiken, dass Bisexuelle noch mehr gesundheitliche Belastungen haben. Viele haben Angst, sich zu outen.

    Du selbst bist nicht nur privat out, sondern auch als Lehrer an deiner Schule. Wie kam es dazu?

    Vor einigen Jahren hat mich eine Schülerin der 6. Klasse auf einer Klassenfahrt direkt gefragt: „Sind Sie schwul?“ Als ich sie fragte, wo sie die Info her habe, antwortete sie: „Das sagen alle hinter Ihrem Rücken.“ In der Situation hab ich erstmal nein gesagt. Das stimmte zwar, war aber nur die halbe Wahrheit. Nach Beratung mit einigen Menschen habe ich mich ein paar Wochen später offiziell vor dieser Klasse als bisexuell geoutet.

    Wie hast du das in Worte gefasst?

    „Ich habe gehört, dass hinter meinem Rücken getuschelt wird. Das ist nicht in Ordnung. Ich kann mich zwar in verschiedene Geschlechter verlieben – aber mit euch hat das nichts zu tun. Damit ist das Thema für mich beendet.“

    Wie ist deine Klasse mit der Info umgegangen?

    Eine Schülerin hat sehr hart reagiert. Sie rief: „Das ist ja eklig!“ und wollte die Klasse verlassen. Das war gut, denn so konnte ich direkt darauf reagieren und allen eine Grenze aufzeigen. Ich habe ihr gesagt, dass ich sowas nicht noch einmal erleben möchte. Das Gute an diesem Eklat: Seit der deutlichen Aussprache hatte ich mit der Schülerin ein besseres Verhältnis als je zuvor.

    Woran machst du das fest?

    Nur ein Beispiel: Ein halbes Jahr nach meinem Coming-out lagen wüste Beleidigungen gegen mich im Kummerkasten. Als ich das öffentlich gemacht hatte, kam diese Schülerin mit einigen Freundinnen zu mir, um sich zu distanzieren. Sie wollten mir von sich aus sagen, dass sie auf meiner Seite stehen.

    Halten auch deine Kolleg*innen an der Schule zu dir?

    Lange Zeit war es mir nicht ganz klar, da ich mich ja nicht auf einer Konferenz vor allen geoutet habe. Ich weiß nicht, ob sich die Nachricht damals aus meiner Klasse wie ein Lauffeuer verbreitet hat. Da ich dann irgendwann mit meiner Frau verheiratet war und mit ihr zwei Kinder habe, wurde ich lange nicht als queer wahrgenommen. Aber nachdem ich mich in einem Beitrag für Die Zeit als bisexuell geoutet habe, haben mir diverse Kolleg*innen gesagt, wie toll sie es finden, dass ich diesen Schritt gemacht habe. Auch die Schulleitung steht hinter mir und hat mich zum Diversitätsbeauftragten befördert.

    Die Kampagne #teachout will Lehrer*innen Mut machen, sich ebenfalls zu outen. Auch da engagierst du dich. Wieso?

    Je mehr Lehrkräfte selbstbewusst out sind, desto einfacher wird das Coming-out für all jene, die noch große Angst davor haben. Jede Person muss es für sich selbst entscheiden – das ist ganz klar. Aber Lehrkräfte haben auch eine Vorbildfunktion und einen Bildungsauftrag. Deshalb ist es wichtig, dass sie out sind. Zudem ist nachgewiesen, dass Leute, die – in einem sicheren Umfeld – geoutet sind, gesünder und zufriedener sind, weil sie sich nicht mehr verstecken müssen.

    Wie kam #teachout zustande?

    Alles begann mit der Aktion #actout, mit der sich viele Schauspieler*innen geoutet haben. Ein Grundschullehrer hat darauf reagiert und sich auf Instagram mit dem Hashtag #teachout als schwul geoutet. Zwei Lehrerinnen haben das Wort aufgegriffen. Als ich davon las, hab ich sie angeschrieben, ob wir daraus nicht was Größeres machen sollten. Mit dabei waren die lesbischen Lehrerinnen Gun und Annika sowie die asexuelle, non-binäre, bisexuelle Lehrkraft Julia. So wurden wir vier zum Gründungsteam. Der Erfinder des Hashtags ist einverstanden, will aber nicht mehr in der ersten Reihe mitmischen. Mittlerweile ist eine Gruppe von über 20 Leuten aktiv.

    Wie ist die Resonanz bisher? 

    Nach #actout war die Medienresonanz natürlich groß. Bekannte Schauspieler*innen reizen die Medien. NDR, ZDF und Zeit haben über uns berichtet. Es wäre natürlich schön, wenn das in den nächsten Schuljahren noch weitergedeiht. Wir sind ja erst am Anfang.

    Zurück zu dir: War es gut, dass du dich geoutet hast?

    Ja, auf jeden Fall. Seitdem hat sich an unserer Schule einiges entwickelt. Wir haben eine Arbeitsgruppe „Vielfalt“ gegründet und halten „Respektwochen“ ab. Da geht es nicht nur um die Rechte von LGBTIQ, sondern auch gegen Rassismus und die Feindlichkeit gegenüber Frauen und Menschen mit Behinderung. Am 17. Mai war ich mit Schüler*innen der Vielfalts-AG beim Rainbowflash vorm Hamburger Rathaus. Die queeren Aufklärungsprojekte soorum und Team Plietsch haben in mehreren Jahrgängen Workshops angeboten. Inzwischen ist die Nachfrage größer als das Angebot. Und ich selbst mache Workshops und Fortbildungen zum Thema LGBTIQ für andere Lehrkräfte.

    Beeindruckend. Hast du Schule früher als queerfeindlichen Ort erlebt?

    Ja, natürlich. Schule ist für LGBTIQ ein Krisenort, weil dort viele Vorurteile zum ersten Mal auftauchen. In der Oberstufe finden sich die Leute zum Glück selbst und werden toleranter. Aber in den unteren Klassen nehmen die Kinder oft Vorurteile unreflektiert mit in die Klasse, zum Beispiel die ihrer Eltern.

    Halten die Lehrer*innen nicht dagegen? Zum Beispiel im Aufklärungsunterricht?

    Ja, schon. Aber im klassischen Aufklärungsunterricht geht es vor allem um Hormone, Fortpflanzung und heteronormative Lebensweisen. Und selbst das geht manchen gut organisierten Aufklärungsgegner*innen zu weit. Sie machen Stimmung gegen Aufklärung an der Schule und behaupten, Kinder würden dadurch sexualisiert. So ein Quatsch! Es geht nicht darum, Kinder und Jugendliche zu etwas zu drängen, im Gegenteil! Es geht darum, sie zu informieren, sie selbstbestimmt und stark zu machen, damit sie auch nein sagen können! Manche gucken ab der 6. Klasse ungefiltert Hardcore-Pornos auf ihren Handys an. Und dazu soll die Schule schweigen? Das sehe ich anders! Wir müssen die jungen Menschen altersgerecht aufklären. Dazu gehört auch, wie sie Grenzen einhalten – die eigenen, aber auch die von anderen! Es gibt aber auch schon gute, inklusive Aufklärung, teilweise fächerübergreifend.

    Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Hast du sexuelle Erfahrungen mit Männern? Oder ist das nur Theorie? Was sagt deine Frau dazu?

    Meine Frau akzeptiert mich voll und ganz, wie ich bin – von Anfang an, denn ich hatte es ihr sofort erzählt. Vertrauen und Ehrlichkeit sind mir sehr wichtig. Grundsätzlich finde ich persönlich, dass man etwas verpasst, wenn man in seinem ganzen Leben nur mit einem Geschlecht Erfahrungen sammelt. Aber das muss jede Person selbst wissen. Ich selbst finde auch beim Sex Vielfalt schön.


    Frank Thies ist Bi-Aktivist, Mit-Initiator der Aktion #teachout und Sprecher des ersten Bi+Pride, der vom 23.-25. September 2021 stattfindet – mit Workshops und einer Demonstration in Hamburg und Bi-Flaggenhissungen in ganz Deutschland. Der 46-Jährige unterrichtet an einer Hamburger Stadtteilschule Mathematik, Physik und Theater. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern im Umland der Hansestadt. Mehr zu Frank gibt es auf seiner Website.

  • Drei Männer, drei Methoden – Safer Sex 3.0

    Drei Männer, drei Methoden – Safer Sex 3.0

    Flo, 40 Jahre, ist HIV-positiv und nimmt seit mehr als 15 Jahren Medikamente. Die Therapie schützt auch seine Sexpartner: HIV ist beim Sex nicht übertragbar.
    Kaum war in Deutschland die PrEP erhältlich, ließ sich Alex diese Schutzmethode vor HIV verschreiben. Auch nach anderthalb Jahren schwört der 32-Jährige noch auf diese Lösung, sich vor einer Infektion zu schützen.
    Florian mag den Schutz, den ihm das Kondom bietet – vor HIV und vor anderen Geschlechtskrankheiten. Der 45-Jährige empfindet das Gummi beim Sex sogar als Bereicherung.

    Was bedeutet deine Safer-Sex-Methode für dich?

    Alex (PrEP): Viele Männer nutzen die PrEP, weil sie grundsätzlich auf Kondome verzichten möchten. Bei mir steht das nicht im Vordergrund. Vielmehr verschafft mir die PrEP Sicherheit in Situationen, die ohne sie riskant wären. Bevor ich mir die Tabletten verschreiben ließ, war ich mehr als einmal kurz davor, ungeschützt zu ficken. Ein Bier zu viel und ich musste mich wirklich zusammenreißen. Jetzt liegt der Schutz in meiner Hand: Mit der PrEP ist eine HIV-Infektion auch dann ausgeschlossen, wenn mein Sexpartner kein Gummi überzieht. Dank der PrEP kann ich Sex viel entspannter genießen.

    Flo (Schutz durch Therapie): Vor zehn Jahren bin ich noch meistens auf Partys für HIV-Positive gegangen, wenn ich Sex wollte. Nur im geschützten Raum schien es mir möglich, das Kondom wegzulassen, ohne unter Rechtfertigungsdruck zu geraten. Die Schwulenszene war insgesamt ziemlich gespalten: wir Positiven hier, die Negativen dort. Mittlerweile hat sich das geändert. Mehr und mehr schwule Männer sind über die neueren Safer-Sex-Methoden informiert. Sie wissen: Positive können andere Menschen nicht anstecken, wenn sie regelmäßig ihre Tabletten nehmen. Ich kann in Berlin ins Lab oder ins Kitty gehen und Spaß mit Männern haben, die ihre Sexualität jetzt natürlich und angstfrei ausleben. Für mich fühlt sich das an wie eine Befreiung.

    Florian (Kondom): Ich verwende weiterhin das Kondom, auch wenn andere darin eine Art „Ikone der Beschwertheit“ sehen mögen. Diese Safer-Sex-Methode ist für mich so sicher wie einfach: Ich nutze sie genau dann, wenn ich Sex habe. Tabletten hingegen müsste ich jeden Tag nehmen, selbst wenn es wochenlang nicht zu Sex kommt. Für Kondome brauche ich kein Rezept und ich muss mir auch nicht regelmäßig bestätigen lassen, dass meine Niere die PrEP noch verträgt.
    Ich gehöre auch nicht nicht zu den Männern, die das Kondom beim Sex stört. Im Gegenteil. Ich empfinde es als anregenden Teil des Vorspiels, das Kondom überzustreifen. Dann ist beiden klar, dass der Spaß gleich losgeht.

    Florian nutzt das Kondom. Was das für ihn bedeutet, erzählt er hier.

    Wie geht ihr mit Nutzern anderer Methoden um?

    Florian (Kondom): Jeder und jede hat das Recht, die Methode zu wählen, die zu ihm oder ihr passt. Außerdem verstehe ich, dass viele PrEP-Nutzer und HIV-Positive unter Therapie Sex ohne Gummi haben möchten. Zum Beispiel haben mir etliche HIV-Positive erzählt, dass sie sich von alten Fesseln befreit fühlen, seit die Schutzwirkung der Therapie nachgewiesen ist. Flo sieht das ja auch so. Ich wiederum empfinde es als Freiheit, auf Tabletten verzichten zu können. Deswegen ist nach wie vor für mich das Kondom die erste Wahl. Wenn mir jemand sagt „Ich nehme Tabletten. Wir können auch ohne Gummi ficken“, dann lehne ich freundlich ab. Das persönliche Schutzbedürfnis eines Menschen steht generell über dem Wunsch des Gegenübers, sexuelle Lust zu erleben.

    Alex (PrEP): Mich stört das Kondom nicht. Ich überlasse es in der Regel dem anderen, ob er sich eins überzieht.

    Flo (Schutz durch Therapie): Kondome benutze ich nur, wenn der andere darauf besteht und zu heiß aussieht, um ihn wegzuschicken. Ansonsten wünscht man einander freundlich einen angenehmen Abend und flirtet einen anderen Typen an.

    Alex nutzt die PrEP. Was diese Methode für ihn bedeutet, erfahrt ihr hier.

    Welche Fragen kommen im Zusammenhang mit eurer Schutzmethode auf?

    Alex (PrEP): Da ich viel reise, bemerke ich im Umgang mit der PrEP regionale Unterschiede. In Berlin, Hamburg oder Köln ist sie etabliert. Viele Schwule gehen genauso offen damit um wie ich. In kleineren Städten dagegen trauen sich bisher wenige, über die PrEP zu reden oder sie in einer App anzugeben. Dort ist die Schutzmethode außerdem erklärungsbedürftiger. Als wir letztens mit „ICH WEISS WAS ICH TU“ in Kassel waren, haben mich jüngere Schwule geradezu gelöchert mit ihren Fragen. Leider gibt es noch nicht überall ausreichend Schwerpunktärzte.

    Flo (Schutz durch Therapie): Es ist schon lange nachgewiesen, dass die HIV-Therapie eine Übertragung von HIV verhindert. Die neue Gelassenheit uns Positiven gegenüber kommt aus meiner Sicht aber vor allem durch die PrEP. Erst diese neue Methode hat die Alternativen zum Kondom in den Fokus des Interesses gerückt. Die vielen Negativen, die Kondome als Quälerei empfinden, informieren sich jetzt. Sie nehmen die Botschaft gerne auf, dass Kondome nicht mehr das einzige Mittel der Wahl sind, und erzählen das weiter. Auch die Medien interessieren sich mehr für die PrEP als für Schutz durch Therapie. Das finde ich auch in Ordnung so. Die Zielgruppe ist einfach größer: HIV-negative Menschen, die täglich eine Tablette nehmen und dem Virus so den Zugang versperren.

    Florian (Kondom): Ein paar Mal bin ich auf Unverständnis gestoßen. In anderen Situationen erhalte ich wiederum explizit Zuspruch dafür, dass ich Kondome nutze. Das hält sich die Waage.

    Flo: Safer Sex 3.0
    Flo nutzt Schutz durch Therapie. Wie er das macht, das berichtet er hier.

    Löst eure Schutzmethode gelegentlich Konflikte aus?

    Alex (PrEP): Auf Facebook und Co. toben manchmal schon heftige Auseinandersetzungen zwischen einigen Kondomanhängern und PrEP-Aktivisten. Ich finde aggressives Missionieren unreif und intolerant. Am Ende bleibt doch jedem erwachsenen Menschen selbst überlassen, wie er seine Sexualität auslebt.

    Florian (Kondom): Mehr als enttäuschte Blicke erlebe ich in der realen Welt selten, wenn ich ein Kondom überziehe. Was Alex zu den Facebook-Diskussionen sagt, kann ich aber bestätigen. Unwürdig, was da teilweise abgeht.

    Flo (Schutz durch Therapie): Zu Konflikten kommt es wegen meiner Einstellung allenfalls in kleineren Städten. Dort fühle ich mich manchmal schief angeschaut, wenn ich Sex ohne Gummi möchte. Aber beleidigt hat mich im realen Leben noch niemand.

    Wie sieht das konkret aus beim Online-Dating?

    Flo (Schutz durch Therapie): In den einschlägigen Apps gebe ich an, dass meine Sexpartner durch meine Therapie geschützt sind. Das nehmen wildfremde Menschen zum Anlass, an meiner Redlichkeit zu zweifeln. Es könne niemand sicher sein, dass ich wirklich Tabletten nehme. Einer schrieb sogar mal, ich solle aufhören, mein ‚Aids‘ zu verbreiten. Auf Diskussionen auf so niedrigem Niveau lasse ich mich nicht ein. Ich kläre gern über HIV-Risiken auf, wenn ich für die Aidshilfe unterwegs bin. Auf Dating-Plattformen bewege ich mich aber nicht, um anderer Leute Wissenslücken zu schließen. Ich entgegne dann lediglich, dass es jedem freisteht, auf Sex mit mir zu verzichten. Aber mal ehrlich: Es liegt doch in meinem ureigenen Interesse, dass meine Therapie erfolgreich verläuft. Die Idee, die Tabletten abzusetzen, käme mir gar nicht in den Sinn.

    Alex (PrEP): Ich fand es richtig und wichtig, dass die Aidshilfen und andere Organisationen hartnäckig Druck auf die schwulen Dating-Apps ausgeübt haben. Bei diesen Unternehmen galt noch bis vor kurzem allein das Kondom als Safer-Sex-Methode. Jetzt stehen die drei Methoden gleichberechtigt nebeneinander. Das sendet vor allem an jüngere Schwule die klare Botschaft, dass sie sich informieren und dann entscheiden sollten. Ich selbst gebe in Dating-Apps wahrheitsgemäß an, dass ich die PrEP nehme. Potenzielle Sexpartner wissen also von vornherein, woran sie sind. Angepöbelt hat mich dafür noch keiner. Im Gegenteil. Manche Tops melden sich gleich mit der Frage, ob wir ohne Gummi ficken können. Ich finde das ok. Lieber direkt als lange um den heißen Brei.

    Florian (Kondom): In Dating-Apps sind Gespräche generell schnell zu Ende, wenn dem Gegenüber bestimmte Details nicht passen. Vermutlich läuft bei vielen im Chat eine Art Kopfkino ab, und wer sich nicht ans Drehbuch des anderen hält, ist raus. Das kann alles Mögliche betreffen, unter anderem auch meine Safer-Sex-Methode. „Ohne Gummi“ ist ein Wunsch, der mir im Internet öfter begegnet.

    Safer Sex 3.0
    Im August 2019 werben Florian, Flo und Alex für Safer Sex 3.0 in den großen schwulen Zeitschriften in Deutschland.

    Wie steht ihr zu anderen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Chlamydien oder Tripper?

    Alex (PrEP): In der Tat ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Risiko des Einzelnen steigt. Ich selbst beispielsweise musste unter PrEP bisher zweimal Antibiotika schlucken. Genauso richtig ist aber, dass sich PrEP-Nutzer zu regelmäßigen Untersuchungen verpflichten. Vier jährliche Routinetests auf Geschlechtskrankheiten – da bleibt nichts unentdeckt.

    Flo (Schutz durch Therapie): Zwar fangen sich Männer, die ohne Gummi ficken, statistisch gesehen öfter eine Syphilis oder Chlamydien ein als Kondomnutzer. Ich stehe aber auf dem Standpunkt, dass jeder mit Risiken umgehen muss, wie es seiner Persönlichkeit entspricht. Ich zum Beispiel lasse mich im Rahmen meiner HIV-Therapie alle drei Monate auf alles testen, was man sich beim Sex zuziehen kann. Denn eine rechtzeitige Behandlung bewahrt mich vor den Folgen der Infektion und meine Sexpartner vor Ansteckung.

    Florian (Kondom): Klar gibt es gegen Syphilis oder Chlamydien Medikamente. Aber warum soll ich meinem Körper Chemie zumuten, wenn ich das Risiko durch ein Kondom senken kann? Was die Tests anbelangt: Es ist ein Klischee, dass Kondomnutzer Testmuffel seien. Ich selbst absolviere das volle Programm von vier Routinetests im Jahr, genau wie Alex und Flo. Mir ist aber auch klar, dass sich viele Menschen deutlich seltener untersuchen lassen. Ich finde es deshalb richtig, dass die Aidshilfe einen Schwerpunkt ihrer Präventionsarbeit auf die Tests legt. Und dass sie regelmäßige Tests unabhängig von den Safer-Sex-Methoden empfiehlt.

    Florian (Kondom), Flo (Schutz durch Therapie und Alex (PrEP)
    3 Männer, 3 Methoden (v.l.): Florian (Kondom), Flo (Schutz durch Therapie) und Alex (PrEP)
  • Queerer Stolz

    Queerer Stolz

    Die sechsteilige Dokumentarserie „Pride“ ist mehr als nur eine Reise durch die Geschichte der LGBTIQ*-Bewegung in den USA. Sie verweist auch auf wenig bekannte Aspekte, und was daraus für den heutigen Kampf um Rechte gelernt werden kann.

    Neue Serie PRIDE
    Serie Pride © Disney+

    Schlicht „Pride“ ist diese Serie betitelt. Doch worauf basiert eigentlich der Stolz von LGBTIQ*? Und welche Wege waren zu gehen, welche Kämpfe waren zu bestehen, bis das Schwenken der Regenbogenfahne zu einem Zeichen des Selbstbewusstseins und der Selbstbehauptung werden konnte?

    Diesen Fragen unter anderem geht die sechsteilige US-Dokumentarserie nach, die jetzt auch in Deutschland beim Streamingdienst Disney+ zu sehen ist. Jede Episode mit einer Länge von rund 45 Minuten widmet sich einem Jahrzehnt, Beginnend mit den 1950er-Jahren, als es in der McCarthy-Ära zu Massenentlassungen von homosexuellen Staatsbediensteten kam, bis in die 2000er-Jahre, in denen LGBTIQ* wachsende Akzeptanz und eine diverse Darstellung in den Medien erfahren.

    Doch „Pride“ ist alles andere als eine chronologische, an Daten und Ereignissen orientierte Geschichtsstunde zur Geschichte der LGBTIQ*-Bewegung in den USA. Die renommierte und engagierte Filmproduzentin Christine Vachon („Carol“, „Boys Don’t Cry“, „Dem Himmel so fern“), die seit den 1990er-Jahren innovative queere Filme ermöglicht, hat auch hier auf neue und individuelle Formen gesetzt: Die Episoden wurden von verschiedenen Filmemacher*innen verantwortet, die allesamt auch volle künstlerische Freiheit erhielten.

    Mitreißende Hommage an die LGBTIQ*-Emanzipationsbewegung

    Ihr sei es wichtig gewesen, die Geschichte auf eine Art und Weise zu erzählen, die genauso chaotisch und persönlich ist, wie die Geschichte nun einmal war. Wenn es an dokumentarischem Material fehlt, behilft man sich schon mal mit Animationen, Zeichnungen, mit nachgespielten Szenen oder lässt wie Yance Ford in der Episode über die 1990er-Jahre, queere Menschen von heute homosexuellenfeindliche Politikerreden rezitieren.

    Bereits 1965 gab es LGBTIQ*-Proteste

    Weitaus entscheidender aber ist, dass sich die Regisseur*innen ganz individuelle Schwerpunkte setzen und dafür bislang in der allgemeinen queeren Geschichtsschreibung eher weniger beachtete Aspekte in den Vordergrund rücken. Der legendäre Aufstand in der Christopher Street 1969 etwa gerät fast zur Randnotiz, denn „Stonewall“ war nicht der Anfang der LGBTIQ*-Bewegung in den USA.

    So gab es beispielsweise bereits 1965 in Philadelphia und im Jahr darauf in San Francisco vergleichbare Proteste, nur wurden diese nicht dokumentiert und in den Medien nicht vermeldet.

    Die HIV-und Trans-Aktivistin Felicia „Flames“ Elizondo setzte sich insbesondere für die Rechte von Schwarzen LGBTIQ ein. © Disney+
    Die HIV-und Trans-Aktivistin Felicia „Flames“ Elizondo setzte sich insbesondere für die Rechte von Schwarzen LGBTIQ ein. © Disney+

    „Stonewall“ war nicht der Anfang der LGBTIQ*-Bewegung in den USA

    Und noch etwas macht „Pride“ deutlich: Diese Frühphase der LGBTIQ*-Bürgerrechtsbewegung war vor allem ein Protest von Schwarzen Aktivist*innen, viele von ihnen trans* Personen, die sich von der Black-Power-Bewegung hatten inspirieren lassen. Aus dem Slogan „Black ist beautiful“ wurde kurzerhand „Gay is good“.

    So unterschiedlich die sechs Episoden auch sind, auf eines haben sich die Macher*innen geeignet: Sie erzählen Geschichte vor allem über persönliche Geschichten. Dabei greifen sie auf zum Teil außergewöhnliches Material aus Privatarchiven zurück und lassen Zeitzeug*innen zu Wort kommen.

    Mit persönlichen Geschichten Geschichte erzählen

    In der vom Filmemacher Tom Kalin („Wilde Unschuld“, „Swoon“) verantworteten Episode zu den 1950er-Jahren etwa stehen die privaten Fotos und Super8-Aufnahmen eines schwulen Paares von ihren ausgelassenen Privatpartys und Strandausflügen einem beispielhaften Fall gegenüber, der zeigt wie in der McCarthy-Ära Homosexuelle massenhaft aus dem öffentlichen Dienst entlassen wurden.  Der Fotograf Arthur Tress erzählt, wie seine lesbische Schwester Madeleine sich dagegen wehrte. (Bild: Disney+)

    Ein schier endloser Schatz eines Amateurfilmers liefert wiederum einen authentischen Blick in die Clubszene im New York der 80er-Jahre, unter anderem mit Aufnahmen von RuPaul – lange bevor er zur weltberühmten Drag-Ikone wurde.

    Die afroamerikanische Schauspielerin und Regisseurin Cheryl Dunye porträtiert in der Folge über die 70er-Jahre ihre beiden persönlichen Heldinnen – die Filmemacherin Barbara Hammer und die Dichterin Audre Lorde. Sie stehen beispielhaft nicht nur für eine wachsende Selbstermächtigung und für die Sichtbarkeit von LGBTIQ*, sondern auch für die Entwicklung eines intersektionalen Feminismus.

    Die HIV-und Trans-Aktivistin Felicia „Flames“ Elizondo setzte sich insbesondere für die Rechte von Schwarzen LGBTIQ ein. © Disney+


    Erst durch Bündnisse werden politische und gesellschaftliche Veränderungen möglich

    Ohnehin zeigt „Pride“, dass erst durch die Bündnisse der verschiedenen Gruppen wie der Black und trans* Community, der Frauenbewegung oder der Aids-Aktivist*innen sowie durch die Solidarität untereinander politische und gesellschaftliche Veränderungen möglich wurden.

    Viele dieser Konflikte, die in „Pride“ Erwähnung finden, mögen zwar sehr US-spezifisch sein, wie etwa der Kulturkampf gegen queere Kunst Mitte der 1990er-Jahre, der von rechten und christlichen Fundamentalist*innen zu einer nationalen Überlebensfrage stilisiert wurde. Doch wenn man heute auf die Entwicklungen etwa in Polen und Ungarn blickt oder sich manche Äußerungen im rechtskonservativen Lager in Deutschland in Erinnerung ruft, wird deutlich, wie diese Form des Kulturkampfes längst auch in Europa bedrohliche Ausmaße angenommen hat.

    Jahrzehnte des Aufbruchs

    Die beiden letzten Episoden über die 1990er- und 2000er-Jahre schildern schließlich Jahrzehnte des Aufbruchs. Berührend etwa das Porträt des Männerpaares Robert Compton und David Wilson, das sich das Recht auf Ehe erstritt und damit einen wichtigen Meilenstein zur Gleichberechtigung setzte.

    Und natürlich bleibt auch die wachsende mediale Repräsentation von LGBTIQ* im Showbusiness, in Filmen und Fernsehserien nicht unerwähnt. Doch die beiden jungen trans* bzw. nicht-binären Regisseur*innen Yance Ford und Ro Haber nutzen die Gelegenheit, dezidiert der auch in der queeren Szene noch marginalisierten Schwarzen trans* Community eine Stimme zu geben.

    Mit Bildern von „Black Trans Lives Matter“-Demonstrationen thematisiert „Pride“ eine der gegenwärtigen Debatten und mit dem Schwarzen Schauspieler Marquise Vilson ist ein charismatischer und beeindruckender Protagonist kennenzulernen.

    Befreiend und überlebenswichtig

    Er erzählt unter anderem davon, wie befreiend und überlebenswichtig es für ihn war, dass er in der New Yorker Ballroom-Szene nicht nur eine Gemeinschaft, sondern auch eine Heimat gefunden hatte. Erst dadurch war es ihm möglich, seine maskuline Identität zu leben und sich – mittlerweile längst ein erfolgreicher Fernseh-und Kinostar – auch öffentlich als trans* Mann zu outen. Dazu brauchte es nicht nur Mut, sondern eben auch queeren Stolz.

    Alle sechs Folgen der Dokuserie „Pride“ sind bei Disney+ im Stream verfügbar.

    Alles zum schwulen Leben, zum Leben mit HIV und zu vielen weiteren Themen findet ihr auch iwwit.de!

    Neue Serie PRIDE
  • Vom Leben eines jungen arabischen Schwulen – Der Roman „Guapa“

    Vom Leben eines jungen arabischen Schwulen – Der Roman „Guapa“

    In seinem Roman „Guapa“ erzählt Saleem Haddad vom Leben eines jungen arabischen Schwulen zwischen Revolution und Resignation, Scham und Selbstbehauptung.

    Aus einer anderen, selektiven Perspektive betrachtet, müsste Rasa ein glücklicher Mensch sein.

    Er hat sich mit Studienkollegen beruflich selbstständig gemacht und dolmetscht für amerikanische Auslandsreporter_innen; er hat einen verlässlichen Freundeskreis, mit dem er nicht nur feiern und trinken kann, sondern in dem man auch in Notzeiten füreinander da ist. Und er hat einen Mann in seinem Leben, mit dem er die Nächte, die Liebe und Sehnsüchte teilt.

    Doch aus der Warte des jungen Ich-Erzählers Rasa gerät das Leben zunehmend zur Hölle. Das, was als Arabischer Frühling begann, die Auf- und Umbruchstimmung, die Hoffnung auf ein freieres Leben, hat sich längst wieder ins Gegenteil verkehrt.

    Das – nie namentlich genannte ­– Land im Nahen Osten versinkt in Chaos und Gewalt. Und schlimm genug, dass die Beziehung zu seinem Geliebten Taymour geheim gehalten werden muss, es scheint für sie keine Zukunft mehr zu geben.

    Der Roman „Guapa“ bietet ein komplexes Panorama der arabischen Welt

    „Der Morgen beginnt mit Scham.“ Saleem Haddad hat gleich im ersten Satz das wohl wichtigste Wort seines Debütromans untergebracht. Die deutschen Begriffe Scham, Schmach und Schande umreißen nur dürftig, was das arabische Wort „eib“ an komplexen und deshalb auch so dehnbaren gesellschaftlichen Regeln, Verboten und Erwartungen umfasst.

    Der Roman „Guapa“

    Dass ein Mann bei einem anderen Mann liegt, ist für Rasas traditionell eingestellte Großmutter Teta eindeutig eib. Und an diesem Morgen hat sie ihren Enkel durchs Schlüsselloch in flagranti mit seinem Geliebten erwischt und lauthals schreiend gegen die Tür gehämmert.

    Auf den nachfolgenden knapp 400 Seiten schildert Haddad nun den darauffolgenden Tag in seiner Heimatstadt, die gleichermaßen Amman, Algier oder auch Damaskus sein könnte. 24 Stunden, in denen sich nicht nur die Ereignisse in seinem eigenen Leben, sondern auch im Leben seiner Freunde und nicht zuletzt die Situation in seinem Land zuspitzen.

    Saleem Haddad, 1983 in Kuwait-Stadt geboren und in Jordanien und auf Zypern aufgewachsen, studierte in Kanada und lebt heute mit seinem Lebensgefährten in London. In seinem Erstlingsroman „Guapa“ verarbeitet er nicht nur seine eigenen Coming-out-Erfahrungen und den Umgang der Familie sowie der Gesellschaft mit Homosexualität. Er entwirft vielmehr ein komplexes Panorama der arabischen Welt, die durch die Revolte und Freiheitsbewegungen, aber auch durch den wachsenden religiösen Fanatismus erschüttert wird.

    Selbsthass, Selbstzweifel und der Wunsch nach einem freieren Leben

    In gekonnt einmontierten Rückblenden enthüllt Haddad nicht nur einige, wie sich zeigt, aus Scham verschwiegene Geheimnisse in Rasas Familie, er entfaltet auch die von Selbsthass, Selbstzweifeln und dem Wunsch nach einem anderen, freieren Leben getriebene Suche nach einer eigenen Identität.

    Ein Poster von George Michael, Popmusik und amerikanische TV-Soaps werden so zu Chiffren für ein solches Leben außerhalb dieses inneren Gefängnisses, in dem sich Rasa befindet.

    Doch der Beginn seines Auslandstudiums in den USA fällt zusammen mit den Anschlägen des 11. September. Mit einem Male war es „nicht mein Schwulsein, sondern meine arabische Herkunft, die verächtlich erschien”, und Rasa fühlt sich „einer anonymen Masse zugeordnet: Araber. Muslim“.

    Er war nun wieder einer von „denen“ und per se verdächtig. „Ich wollte mir die Haut abschaben, meinen Namen, meinen Akzent, alles, nur um diese argwöhnischen Blicke abzuwenden.“ Welche Folgen solche Pauschalisierungen wie auch das Festhalten an den eigenen Wurzeln haben können – bis hin zur Radikalisierung –, Saleem Haddad gelingt es, diesen Zwiespalt plausibel und eindrücklich zu schildern.

    Als Sohn einer deutsch-irakischen Mutter und eines libanesisch-palästinensischen Vaters verknüpft Haddad in seinem Roman so viele Perspektiven und Konfliktthemen, dass er manchmal an seine erzählerischen Grenzen zu geraten droht. Die Fülle aber ist auch das große Plus dieses Buchs: Sie ermöglicht einer ebenso breiten Leserschaft den Zugang zu diesen Lebenswelten.

    „Guapa“ ist Coming-out-Story, Liebesgeschichte und Familienroman und hinterfragt zudem mit gleichermaßen kritischem wie feinfühligem Blick die arabischen sowie westlichen (amerikanischen) Gesellschaftsstrukturen. Es sind freilich ernüchternde, desillusionierende Aussichten, die Haddad für seine Hauptfigur und deren Heimatland bieten kann.

    Der Roman „Guapa“

    Bedrohte Freiräume der LGBT-Community

    Und dennoch ist „Guapa“ kein deprimierender oder gar entmutigender Roman. Die Freiräume, die sich die LGBT-Community geschaffen hat – im Roman steht dafür die titelgebende Bar Guapa – mögen zwar bedroht sein, dennoch herrscht das Prinzip Hoffnung. Und der Wille, sich nicht mehr unterkriegen zu lassen. Wenn man ihr die Bar zumacht, sagt die lesbische Besitzern Nora, dann eröffnet sie eben woanders wieder neu.

    Maj, die toughe Hobby-Dragqueen (mit Niqab im Marylin-Monroe-Design), wurde von der Polizei zusammen mit anderen beim Cruisen in einem Kino festgenommen, zusammengeschlagen und erniedrigt.

    Die Prügel haben Maj zwar blaue Flecken beschert, aber nicht brechen können, im Gegenteil. Am Ende ist Maj so selbstbewusst queer – die blauen Veilchen mit Kajal verdeckt, die Lippen rot geschminkt – wie es ein junger schwuler Araber nur sein kann.

    Aus dem Englischen von Andreas Diesel. Albino Verlag, 392 Seiten, 16,99 Euro

    Website des Autors: www.saleemhaddad.com

  • Wider die Scham und die Sünde

    Wider die Scham und die Sünde

    Die TV-Serie „It’s a Sin“ zeigt LIEBE IN ZEITEN VON AIDS

    Das Gegenstück zu „Queer as Folk“: Die TV-Serie „It’s a Sin“ blickt ins London der 1980er-Jahre zurück, als auch dort die schwule Szene von Aids überrollt wurde. Ein Meisterwerk, das nicht nur von der Vergangenheit erzählt, sondern auch vom Hier und Heute.

    (Spoilerwarnung: Dieser Artikel enthält Spoiler zu der Serie „It’s a Sin“)

    Es bedarf keiner prophetischen Fähigkeiten, um die Zukunft dieser Serie vorherzusagen: Sie wird bald zum festen kulturellen Gedächtnis der schwulen Community gehören, wie schon „Pose“ oder „Queer als Folk“. TV-Serien also, die ebenfalls queere Geschichten und die Geschichte auf eine Art und Weise erzählen, dass sie selbst bleibende Erinnerungen schaffen.

    Szene aus Episode 2 der TV-Serie Gregory, Colin, Richie, Jill and Ash (von links nach rechts) (© RED Production Company & All3Media International)
    Szene aus Episode 2 Gregory, Colin, Richie, Jill and Ash (von links nach rechts) (© RED Production Company & All3Media International)

    Queere Geschichte als TV-Serie

    Denn mit den Figuren in „It’s a Sin“ fiebert man hautnah mit. Bei ihrem Aufbruch in die Erwachsenenwelt und der Euphorie der sexuellen Befreiung und Selbsterfahrung. Man kommt ihnen in den fünf Episoden so nahe! Wir begleiten sie so intensiv durch Höhen und Tiefen, dass man sich dieser queeren Wahlfamilie fast zwangsläufig zugehörig fühlt.

    Und vor allem gelingen Russel T Davies, dem Schöpfer dieser TV-Miniserie, immer wieder Szenen und Bilder, die sich förmlich einbrennen und die Zuschauer*innen auf lange Zeit unweigerlich begleiten werden.

    Innere Widersprüche aushalten

    Auch, weil oft in einem einzigen Bild die sich überlagernden Gefühle wie Aufbegehren und Glück bis hin zu Verzweiflung, Unverständnis und Hoffnung festgehalten sind. Etwa, wenn die Eltern des partyfreudigen Fahrkartenkontrolleurs Gregory nach dessen Tod im Garten einen Scheiterhaufen errichten. Und sie dort sein Bett und alle persönlichen Gegenstände ihres Sohnes verbrennen, die Kinderfotos ebenso wie die Schnappschüsse mit seinen Freunden im fernen London. Als könnten sie damit sein Schwulsein und seine Aidserkrankung auslöschen.

    Oder Ritchie, der sich nicht getraut hatte, sein Testergebnis abzuholen, und alle Anzeichen ignorierte. Erst jetzt, da die Krankheit ausgebrochen ist, bringt er den Mut auf, sich – auf seine sehr eigene Weise – seinen engsten Freunden zu offenbaren: „Ich wollte, dass ihr es als erstes erfahrt: Ich werde leben!“

    „Ich wollte, dass ihr es als erstes erfahrt: Ich werde leben!“

    Olly Alexander (den viele als Frontman der Band Years & Years kennen dürften) legt in diesen kurzen Satz alles hinein, was seine Figur gerade an inneren Widersprüchen auszuhalten hat. Die Erleichterung, sich endlich den wichtigsten Menschen anvertrauen zu können, die Scham, sie so lange angelogen zu haben, und die Angst, dass seine Zukunft nur noch sehr kurz sein könnte. Und dann spricht da auch noch der Trotz aus ihm, sich nicht unterkriegen und nicht die Lebensfreude rauben lassen zu wollen.

    Schwule Fernsehgeschichte für ein breites Publikum

    Und weil das die Zuschauer*innen nicht unberührt lässt, wird auch diese Szene zu einem unvergesslichen Moment. Russel T Davies versteht nicht nur sein Handwerk, er weiß es vor allem auch meisterhaft einzusetzen – und das heißt für ein breites Publikum zu schreiben, ohne deshalb inhaltliche Kompromisse einzugehen.

    Schwules Leben und Lieben bewusst nicht auf HIV und Aids reduzieren

    Das war ihm auch schon mit Serien wie „Cucumber“, „A Very English Scandal“ und „Years and Years“ und vor allem natürlich mit „Queer as Folk“ gelungen. Mit letzterer Serie hatte der britische Regisseur und Drehbuchautor vor über 20 Jahren schwule Fernsehgeschichte geschrieben. Sie war so erfolgreich, dass einige Jahre später – ein international noch erfolgreicheres – US-Remake entstand.

    Davies hatte seinerzeit bewusst darauf verzichtete, HIV und Aids zu thematisieren, sondern wollte schwules Leben und Lieben feiern, ohne es zugleich durch die Krankheit zu definieren.

    Eine neue Welt im London der 80er-Jahre

    Für ihn war es nun aber an der Zeit, auch an diese Jahre zu erinnern und sich dabei zugleich auch mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. In Ritchtie, dem smarten gutaussehenden 18-Jährigen, dem sich in der schwulen Szene Londons des Jahres 1981 eine neue Welt eröffnet und der die sich ihm bietenden sexuellen Möglichkeiten ausgiebig genießt, hat Davies offenbar viel seiner eigenen Geschichte hineingepackt. Und auch Jill (Lydia West), Ritchies beste Freundin, die wie er ebenfalls Schauspiel studiert, hat eine reale Entsprechung.

    Szene aus Episode 2 der Tv-Serie Roscoe © RED Production Company & All3Media International
    Szene aus Episode 2 Roscoe © RED Production Company & All3Media International

    Jill wird Mitbewohnerin der ansonsten komplett schwulen WG, die von allen liebevoll „Pink Palace“ genannt wird. Es ist ein kleiner verschworener, bunter Haufen. Neben Ritchie gehört auch Roscoe (Omar Douglas) dazu. Er hat seiner aus Nigeria stammenden, streng religiösen Familie den Rücken gekehrt, als diese Pläne schmiedete, ihn von seiner Homosexualität „heilen“ zu wollen.

    Davies zeigt den Umgang mit der Angst vor Aids, mit Homosexualität und Homosexuellenfeindlichkeit

    Der blasse Waliser Collin (Callum Scott Howells) beginnt in London eine Ausbildung zum Herrenschneider, gilt als verklemmt und schüchtern, aber hat, wie sich im Laufe der Zeit zeigt, mehr erlebt, als seine Freund*innen ahnen.

    Rund um die Clique scharrt Russel T Davies noch eine ganze Reihe von Nebenfiguren. Unter anderem prominent besetzt mit Stephen Fry und Neil Patrick Harris („How I Met Your Mother“). Dadurch eröffnet sich Davies jede Menge Möglichkeiten, den Umgang mit der Angst vor Aids, mit einer Infektion, mit der eigenen Homosexualität sowie der Homosexuellenfeindlichkeit der anderen – wie auch die Reaktionen darauf – zu zeigen.

    Mehr als nur ein zeitgeschichtliches Panorama der Aids-Ära

    Diese TV-Serie mag dafür viel zu kurz erscheinen – immerhin sind es „nur“ fünf Folgen je 45 Minuten – doch Russel T Davies genügt diese Zeit für ein unglaublich breites, keineswegs nur zeitgeschichtlich Panorama. Denn „It’s a Sin“ (benannt nach dem Hit der Pet Shop Boys) fokussiert sich nicht ausschließlich auf die verheerende Auswirkung der Aidspandemie im London zwischen 1981 und 1991.

    „Ich wollte kein Drama über Sterbebetten schreiben“

    „Ich wollte kein Drama über Sterbebetten schreiben“, erklärte Davies in einem Interview, „sondern ich wollte diese Ära wieder für mich zurückgewinnen und mich mit Freude an diese Leben erinnern.“

    So geht es in „It’s a Sin“ einerseits beispielsweise um die berechtige Angst vor der Ausgrenzung – selbst durch Kolleg*innen und die Familie oder um Angst vor dem Sterben. Die Serie erzählt aber auch auf vielen verschiedenen Ebenen davon, wie Homosexuellenhass funktioniert und wirkt. Aber auch wie man sich verbünden und stärken kann. Sie zeigt, was es braucht, um die eigene Sexualität positiv annehmen und leben zu können. Und welchen Wert Freund*innenschaft und Mitmenschlichkeit haben. Und das alles mit jeder Menge Empathie und Humor.

    Szenenbild aus Episode 1 der TV-Serie „It’s a Sin“
    Szenenbild aus Episode 1 der TV-Serie „Richie“

    TV-Serie bringt Themen wie Coming-out, HIV und PrEP in die Medien

    Und so ist „It’s a Sin“ zwar eine Serie, die in einem lange zurückliegenden Jahrzehnt spielt. Aber weil sie überzeitliche Themen verhandelt, kann die Serie doch im Hier und Heute andocken. Dazu trägt bei, dass die Serienmacher*innen darauf verzichtet haben, penetrant und überdeutlich typische Alltagsgegenstände jener Ära zu platzieren.

    Großer Erfolg unter jungen Zuschauer*innen

    Breite Schulterpolster, New-Wave-Outfits und Walkman sucht man hier also fast vergebens. Das erleichtert auch dem jungen Publikum von heute, sich mit ihren Altersgenoss*innen der 80er- und 90er-Jahren zu identifizieren.

    In Großbritannien hatte die Serie gerade unter jungen Zuschauer*innen einen enormen Erfolg. Und hatte einen nicht gering zu schätzenden Nebeneffekt: Themen wie Coming-out, HIV, heutige Behandlungsmöglichkeiten und PrEP wurden breit in den Medien diskutiert – und die HIV-Test-Zahlen stiegen nach der Ausstrahlung um mehr als 400 Prozent.

    Eine der eindrücklichsten und unvergesslichsten Szenen der ganzen TV-Serie hat sich Davies übrigens für den Schluss aufbewahrt. Jill trifft auf einer Hafenpromenade auf der Isle of Wight mit Ritchies Mutter zusammen. Den Freund*innen war bislang verwehrt worden, ihren Freund noch einmal zu sehen.

    Lebensbejahende Feier des queeren Selbstbewusstseins

    Nun erfährt Jill, dass Ritchie bereits gestorben ist – einsam und abgeschirmt im Schoße der Familie. Russel T Davies hat für Jill hier einen Monolog geschrieben, der es in sich hat. Er kommt einer Generalabrechnung gleich. Er formuliert vor allem aber eine der zentralen Botschaften, die Davies mit dieser TV-Serie vermitteln will. Es ist ein Plädoyer gegen die Scham und zugleich eine Anklage all jener, die Menschen dazu bringen, sich für ihre Sexualität oder für eine HIV-Infektion zu schämen.

    Ein Plädoyer gegen Scham

    Denn erst „die Scham macht das Gefühl, es verdient zu haben“, sagt Jill. Ohne die Scham wäre ein freierer Umgang mit der sexuellen Identität wie auch mit einer Infektion möglich. So aber kommt zur Scham vielleicht sogar noch die Schuld hinzu, weil man das Virus womöglich an andere weitergegeben hat.

    Das macht „It’s a Sin“ zu einem ebenbürtigen Gegenstück zu „Queer als Folk“. „It’s a Sin“ ist aber auch eine ungemein lebensbejahende Feier der Selbstermächtigung und des queeren Selbstbewusstseins.


    „It’s a Sin“ (Starzplay), Video-on-Demand bei Amazon Prime Video

    Alles zum Leben mit HIV findet ihr bei uns unter iwwit.de/leben-mit-hiv!

  • Cool bleiben, wenn’s heiß her geht. – Eine Umfrage zu Safer Sex im Cruisingclub

    Cool bleiben, wenn’s heiß her geht. – Eine Umfrage zu Safer Sex im Cruisingclub

    Safer Sex im Club
    Symbolbild

    Einfach nur zum Quatschen und Biertrinken geht wohl kaum jemand ins Lab.Oratory. In dem Berliner schwulen Sexclub geht es vor allem um das Eine und dazu lässt man, etwa bei den Naked Partys auch gleich nach dem Betreten die Klamotten fallen. Wer hier den Abend verbringt, will zur Sache kommen. Und welche Rolle spielt dabei Safer Sex? Oder besser: Welche Form des Safer Sex bevorzugen die Besucher? Schließlich gibt es neben dem Kondom mittlerweile auch die PrEP und Schutz durch Therapie, um eine HIV-Übertragung zu verhindern.

    ICH WEISS WAS ICH TU hat unter den Gästen einige unterschiedliche Stimmen zum Thema Safer Sex eingefangen, ohne Anspruch auf Repräsentativität.

     

    Dennis* (24) aus Sachsen:

    „Ich war erst einmal beim Lab. Freunde hatten mir davon erzählt und das hatte mich total neugierig und geil gemacht. Aber so richtig vorstellen, wie es da zugeht, konnte ich es mir dann doch nicht. Ich hatte Angst, dass mich das vielleicht überfordert, das alles viel zu heftig für mich ist. Und ja, ich hatte auch Bammel, hinterher mit irgendeiner Krankheit nach Hause zu fahren. Man hört ja immer wieder, wie wild die Szene ist, gerade in Berlin.

    „Ich fühlte mich dann nicht uncool oder so, nur weil ich Kondome nehme.“

    Ich war dann etwas beruhigter, als ich auf der Webseite las, wie es auf der „Naked Party“ zugeht. („Klamotten an der Garderobe abgegeben, Gummis und Gleitcreme in die Socken gesteckt und los geht’s.“, d. R.) Ich habe dann zwar auch welche gesehen, die ohne Gummi Sex hatten, aber es war doch eher die Ausnahme. Mich hat das beruhigt und ich fühlte mich dann nicht uncool oder so, nur weil ich Kondome nehme.“

     

    Marc (38) ist ein Stammbesucher des Clubs:

    „Anders als vielleicht bei Grindr oder so checkt man sich ja nicht erst lange aus.“

    „Ich komme schon seit ein paar Jahren regelmäßig hierher, weil ich genau weiß, was mich erwartet und dass ich hier Spaß haben kann. Ich habe mittlerweile fast alle verschiedenen Mottopartys durch, nur die ganz extremen Sachen nicht. Was aber auffällig ist: dass man immer häufiger auch Leute ohne Gummi vögeln sieht. Das hat sich schon verändert. Gerade in den letzten Monaten haben die Prepster (Nutzer der PrEP, d. R.) zugenommen. Gerade auch viele, die man ständig hier trifft. Ich habe kein Problem damit, mit Kondom zu ficken oder mich ficken zu lassen. Ohne Kondom aber schon. Anders als vielleicht bei Grindr oder so checkt man sich ja nicht erst lange aus. Wenn mir da einer also signalisiert, dass er ohne Gummi will, irritiert mich das. Ist einfach so. Ich weiß ja nicht, ob der die PrEP wirklich nimmt oder nur Quatsch erzählt, ohne wirklich zu checken, was er da erzählt.“

     

    Ricardo, 31, lebt seit einem Jahr in Berlin:

    Man „ist eben nicht immer ein guter, braver Junge. „

    „Ich habe eine Weile die PrEP nur am Wochenende oder so genommen, weil die Pillen so teuer waren und es so kompliziert war, an sie ranzukommen. Ich fand das sehr umständlich. Seit die Pillen jetzt preiswerter geworden sind, leiste ich mir, sie jeden Tag zu nehmen. Früher habe ich eigentlich immer darauf geachtet, Gummis zu nehmen. Aber wie es nun mal so ist: man macht Party, wirft auch mal was ein – und ist eben nicht immer ein guter, braver Junge. Bis auf nen Tripper hatte ich aber Glück. Seit ich die PrEP nehme, habe ich fast nur noch Sex ohne Kondom. Ich war überrascht, wie schnell das für mich selbstverständlich geworden ist. Mittlerweile erscheinen mir Kondome etwas oldfashioned und lästig, obwohl das natürlich gar nicht stimmt. Ich finde es ok, wenn andere weiterhin Kondome nehmen. Hauptsache, sie denken überhaupt über Safer Sex nach, bevor sie den Arsch hinhalten.“

     

    Thomas, 35, lebt schon immer in Berlin und hat vor 7 Jahren sein positives Testergebnis bekommen:

    „…wobei mir persönlich „mit“ doch lieber ist. Gerade dann, wenn man Sex in Darkrooms oder so hat.“

    „Für mich war die Nachricht, unter der Nachweisgrenze zu sein, mindestens so einschneidend wie damals das Testergebnis. Ich hatte in der Folge fast nur Sex mit anderen Positiven, vor allem auch, weil man nicht groß was erklären musste. Mit vielen dann auch ohne Gummi, wobei mir persönlich „mit“ doch lieber ist. Gerade dann, wenn man Sex in Darkrooms oder so hat. Ich hatte mal eine Syphilis und mein damaliger Arzt, aber auch zwei Freunde haben mir dann ziemlich ins Gewissen geredet, besser auf mich zu achten. Also darauf, mir nicht unnötig Geschlechtskrankheiten einzuhandeln. Das versuche ich auch möglichst umzusetzen. Das klappt sicher nicht immer, klar. Aber wenn ich ganz gezielt wohin gehe, wie ins Lab, dann bin ich auch entsprechend ausgerüstet.“

     

    Chris, 27, ist seit zwei Jahren wieder Single und besucht seitdem regelmäßig Darkroomclubs und Sexpartys:

    „Bei mir gilt immer noch: ‚Wer Ficken will, muss freundlich sein.‘ „

    „Mir ist es in letzter Zeit schon ein paar Mal passiert – nicht nur hier, sondern auch bei anderen Sexpartys – dass mich Typen einfach stehen ließen, als ich mein Gummi ausgepackt habe. Ich bin mir dann nicht sicher, wie ich darüber denken soll. Man ist ja gewohnt, auch mal nicht zu landen, aber das ist ¢ne Art, die ganz schön frustriert. Andererseits: Vielleicht ist es auch besser, dass ich mit solchen Typen gerade keinen Sex habe. Bei mir gilt immer noch: ‚Wer Ficken will, muss freundlich sein‘. Und wer sich so verhält, ist es definitiv nicht. Die wissen nicht, was sie verpasst haben und wer weiß, was ich mir so erspart habe. Ich bin zum Glück alt und selbstbewusst genug, und es sind ausreichend Männer für alle da. Aber wäre ich jetzt ein paar Jahre jünger – keine Ahnung wie ich mich da verhalten hätte?“

    * die Namen sind von der Redaktion geändert

     

    Mehr Infos gibt’s auf neu.iwwit.de/!

    Direkt mehr zu Safer Sex 3.0

    Mehr zu
    Schutz durch Therapie
    Kondomen
    PrEP (Prä-Expositions-Prophylaxe)

  • Ficken ist schön – deshalb einfach ficken? Was ist ficken überhaupt?

    Ficken ist schön – deshalb einfach ficken? Was ist ficken überhaupt?

    Viele Typen wollen einfach ficken – aber was steckt dahinter? Der Text fragt: Was ist ficken eigentlich für dich – nur Körperkontakt oder auch Nähe, Vertrauen und Verantwortung? „Ficken ist schön“, wenn alle wirklich Bock haben, Grenzen respektiert werden und Schutz selbstverständlich ist. Statt nur „Ficken.“ zu denken, geht es darum, offen über Wünsche, Risiken und Safer Sex zu reden, damit Lust und Sicherheit zusammenpassen. So zeigt der Artikel: Ficken ist schön, wenn wir bewusst entscheiden, wie wir leben, lieben und eben auch ficken wollen.

    Intimer Moment zwischen zwei Männern – Lust, Nähe, Vertrauen und Verantwortung beim Sex.
    Ficken ist schön, wenn Nähe, Vertrauen und Schutz zusammenpassen.
    Quelle: Sven Serkis

    Was ist „ficken“ überhaupt?

    Viele reden darüber, manche wollen einfach ficken, andere suchen mehr. Aber was ist ficken für dich persönlich – nur schneller Sex oder auch Nähe, Vertrauen und Verantwortung? Wenn wir „Ficken.“ sagen, klingt das oft hart und direkt. Dahinter steckt aber mehr: Gefühle, Grenzen, Lust und die Frage, wie wir miteinander umgehen. Ficken ist schön, wenn alle wirklich Bock haben und klar ist, was läuft.

    Einfach ficken und trotzdem aufeinander achten

    „Einfach ficken“ heißt nicht, dass dir alles egal sein muss. Gerade unter schwulen Männern geht es auch um Schutz vor HIV und anderen STIs. Viele wollen frei und selbstbestimmt leben – Sex, Dates, offene Beziehung, One-Night-Stands. Gleichzeitig wollen sie gesund bleiben. Genau da wird es spannend: Wie kannst du einfach ficken und trotzdem gut auf dich und andere achten?

    Und hier kommen unsere Rollenmodelle ins Spiel: Drei Jungs, drei Strategien und jede geht anders mit Beziehung, Kondomen und HIV-Schutz um.

    Unsere Rollenmodelle Christian, Stephan und Harry im Gespräch über Beziehungen und Schutz vor HIV.

    Treueschwüre? Offene Beziehung? Innerhalb der Beziehung ohne Kondom? Die Jungs von ICH WEISS WAS ICH TU gehen mit dem Thema Beziehung und Schutz vor HIV ganz verschieden um. Ein Gespräch mit Christian, Stephan und Harry.

    von links: Christian, Stephan und Harry

    Die meisten Schwulen schützen sich vor HIV – wählen dabei aber ganz verschiedene Strategien. Harry macht außerhalb der Beziehung nur Safer Sex – um mit seinem Freund auf Kondome zu verzichten. Stephan hat es genau so gehalten und sich dabei mit HIV infiziert. Und Christian sehnt sich nach der großen Liebe à la Hollywood. Bis es soweit ist, benutzt er auf jeden Fall Kondome. Wir haben Christian, Harry und Stephan miteinander ins Gespräch gebracht. Übrigens: Nachdem Christian und Stephan vor einiger Zeit umgezogen sind, leben alle drei in Berlin.

    Herzlichen Glückwunsch, Stephan, du hast gerade geheiratet. Sind die wilden Zeiten jetzt vorbei?

    Stephan: Nein! Es wird sich absolut nichts ändern.

    Warum habt ihr dann geheiratet?

    Stephan: Wir wollten uns gegenseitig absichern. Ich bin HIV-positiv, er hat schwere Probleme mit der Leber. Wenn einer von uns mal im Krankenhaus liegt, soll der andere Auskunft bekommen. Und ich könnte unsere Wohnung alleine nicht halten.

    Aber Gefühle sind auch im Spiel?

    Stephan: (lacht) Wir lieben uns sehr! Aber jeder hat seine Freiheiten. Und wenn wir zusammen in die Szene gehen, um Sex zu haben, passen wir aufeinander auf.

    Christian, ist dir das sehr fremd?

    Christian: Das mit der offenen Beziehung ist einfach nicht meins.

    Dein Slogan ist ja „Ich glaube an die große Liebe“. Was heißt das für dich?

    Christian: Meine Vorstellung ist wohl von diesen ganzen Hollywoodfilmen beeinflusst: Man liebt sich, ist glücklich und möchte alles miteinander teilen … Vielleicht ist das ein bisschen unrealistisch, aber ich wünsche es mir so.

    Hast du gerade eine Beziehung?

    Christian: Die letzte ist vor ein paar Monaten vorbei gegangen, nach anderthalb Jahren.

    Treueprobleme?

    Christian: Nein! Er hat mich in einigen sehr wichtigen Fragen belogen.

    Stephan: Siehst du, genau sowas will ich nicht mehr. Ich bin dafür, immer gleich mit offenen Karten zu spielen und sich nicht zu verbiegen. Unehrlichkeit war auch der Grund, warum ich mich infiziert habe. Mein Ex und ich hatten ausgemacht: Ja, wir gehen auch fremdvögeln, aber außerhalb der Beziehung nur mit Gummi, innerhalb verzichten wir drauf. Das Ergebnis: beide positiv.

    Christian: (erschrocken) Nein!

    Harry, du hast – wie viele schwule Paare – mit deinem Freund die gleiche Vereinbarung. Wie geht’s dir, wenn du hörst, dass Stephan sich so infiziert hat?

    Harry: Das kann natürlich schon nervös machen. Aber ich kann mir meine Beziehung anders nicht vorstellen. Ich möchte es so und fühle mich dabei wohl. Absolute Sicherheit ist eine Illusion, und es gibt ja auch viele Paare, bei denen dieses Modell gut funktioniert. Für mich und meinen Freund war auch von Anfang an klar, dass wir eine offene Beziehung wollten. Alles andere ist uns zu kompliziert.

    Christian: Aber warum? Warum kannst du dir das andere nicht vorstellen?

    Harry: Ficken ist schön! Und neue Männer kennen zu lernen ist ja auch immer ein kleines Abenteuer.

    Ist es für euch schwierig, so ein Beziehungsmodell zu leben?

    Harry: Einfach ist ja bedauerlicherweise gar nichts. Aber ich würde es auch nicht als kompliziert bezeichnen. Es gab ein, zwei kleine Unfälle. Einmal hat mir auf einer Sexparty jemand in den Mund abgespritzt.

    Wie seid ihr damit umgegangen?

    Harry: Wir haben darüber gesprochen. Sowas ist natürlich immer eine doofe Situation. Aber letztlich ist es dann ein gutes Gefühl: Man weiß, dass man diese offene und ehrliche Beziehung weiterhin miteinander führt.

    Stephan, bereust du, dass du dieses Beziehungsmodell gewählt hast, weil du dich so infiziert hast?

    Stephan: Ich würde es garantiert noch einmal genau so machen! Obwohl ich weiß, wie scheiße das ist, HIV zu haben. Bei mir gingen die negativen Auswirkungen von HIV ja gleich nach der Infektion los, ich habe ziemlich viele Schwierigkeiten mit Nebenwirkungen und resistenten Viren.

    Christian, hattet ihr in eurer Beziehung Safer Sex?

    Christian: Ja, bis auf ein, zwei Male am Anfang. Das war ziemlich unvorsichtig, ohne vorher einen Test zu machen. Aber es ist zum Glück alles gut gegangen. Danach haben wir dann nur noch Safer Sex gemacht.

    Wie würdest du die Sache bei einer längeren Beziehung regeln?

    Christian: Ich weiß es nicht genau. Es kommt halt immer auf den Menschen an, den man kennen lernt. Ob man das Vertrauen zu ihm hat.

    Stephan, wie haltet ihr es denn jetzt mit dem Safer Sex?

    Stephan: Wir haben selten zusammen Sex. Aber wenn, dann ist es Safer Sex, denn er ist negativ. Meine Viruslast liegt zwar unter der Nachweisgrenze, so dass die Infektionsgefahr nicht so hoch ist. Aber bei ihm passe ich extrem auf. [Infos zum Thema Infektionsgefahr unter HIV-Therapie gibt es im Bereich Safer Sex FAQ unter „Kann ein HIV-Positiver tatsächlich auch nicht ansteckend sein?“].

    Christian: Und wieso habt ihr selten Sex? 

    Stephan: Selten zusammen und selten so, dass was passieren könnte. Wir sind beide sehr gerne passiv. Deswegen haben wir meistens einen Dritten dabei oder gehen sexuell getrennte Wege. Zwei Dosen aufeinander – das klappert. (lacht)

    FAQ – „Was ist ficken“ – Lust, Schutz & Beziehungen

    Was ist ficken überhaupt?

    Wenn wir von „ficken“ sprechen, meinen wir Sex zwischen Menschen, die wirklich Bock aufeinander haben – mit gegenseitigem Respekt und klarer Zustimmung. Hinter der Frage „was ist ficken“ steckt mehr als nur ein körperlicher Akt: Nähe, Grenzen, Vertrauen und manchmal auch Liebe.

    Ist „einfach ficken“ ohne Gefühle etwas Schlechtes?

    Nein, einfach ficken ist nicht automatisch schlecht. Wichtig ist, dass alle Beteiligten wissen, worum es geht: kein Beziehungsversprechen, aber ehrlicher Umgang, Schutz und Respekt. Problematisch wird es erst, wenn jemand mehr erwartet oder sich aus Druck auf etwas einlässt, das er gar nicht will.

    Wie kann ich einfach ficken und mich trotzdem vor HIV schützen?

    Ficken ist schön, wenn Lust und Schutz zusammenpassen. Du kannst dich z.B. mit Kondomen, PrEP und regelmäßigen Tests vor HIV schützen. Sprich vorher kurz darüber, was euch wichtig ist. So bleibt es nicht nur „Ficken.“, sondern ein verantwortungsvoller Umgang miteinander.

    Passt ficken in eine feste Beziehung – auch mit anderen?

    Das kommt auf eure Vereinbarungen an. Manche Paare sind monogam, andere haben eine offene Beziehung. Wichtig ist, dass ihr ehrlich besprecht, was okay ist: einfach ficken mit anderen, nur gemeinsam, nur mit Kondom usw. Klare Regeln schützen eure Beziehung und eure Gesundheit.

    Wie spreche ich mein Date auf Schutz und HIV an, ohne die Stimmung zu killen?

    Kurz, direkt und entspannt. Zum Beispiel: „Ich steh auf ficken, aber mit Schutz – wie machst du das?“ oder „Lass uns vorher kurz über Safer Sex reden.“ Viele finden es eher attraktiv, wenn jemand Verantwortung übernimmt. So zeigt ihr: Ficken ist schön, aber ihr achtet aufeinander.

    Blogbeiträge rund ums Ficken.

    Spannende Artikel und Stimmen aus der Community

    Materialien zum Informieren und Teilen

    Hier findest du verschiedene Materialien zu HIV, Aids und queerer Gesundheit – digital oder gedruckt, zum Lesen, Anschauen und Weitergeben.

    Du brauchst jemanden zum Reden?

    Ob akut oder einfach zur Orientierung – manchmal hilft es, mit jemandem vertraulich zu sprechen.
    Nutze den Gay Health Chat – der Button rechts unten begleitet dich auf der Seite. Dort bekommst du anonym und kostenlos:

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  • Ist Gleitgel für’n Arsch?

    Ist Gleitgel für’n Arsch?

    Verkehrte Welt: Analverkehr mit Gleitgel erhöhe das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, stand in letzter Zeit in manchem Online-Medium zu lesen. Die Geschichte einer Falschmeldung. Und die Fakten. 

    Das Ergebnis lautet: Nach Berücksichtigung solcher Faktoren wie Alter, Geschlecht, Herkunft und sexueller Orientierung, KANN es sein, dass die Benutzung bestimmter Gleitmittel bei ungeschütztem Analverkehr, die WAHRSCHEINLICHKEIT erhöht, sich mit einer Geschlechtskrankheit anzustecken, die von Bakterien oder Viren verursacht wird. Es sei MÖGLICH, dass die Inhaltsstoffe der Gleitmittel die Zellen der oberen Darmschutzschicht abtöten und so eine Infektion erleichtern. Jedenfalls hätten ähnliche Substanzen IM LABOR solche Zellen abgetötet. SOLLTE das alles so sein, liege die Infektionsgefahr beim UNGESCHÜTZTEN Analverkehr mit Gleitgel ungefähr dreimal höher als ohne Gleitmittel. 

    Die Wissenschaftler schränkten die Ergebnisse sogar selber noch ein: Um sie zu verallgemeinern, sei die Zahl der Studienteilnehmer zu klein, ihre Herkunft nicht vielfältig genug, die Anzahl der getesteten Gleitmittel zu gering und die Beobachtungen nicht langfristig genug. Es gebe aber eine Tendenz, die weitere Studien mehr als rechtfertigen würde. Mit einem solchen Satz enden viele Auswertungen von Studien. 

    Falschmeldungen

    In manchen Internetmedien war trotzdem bald zu lesen, dass die Verwendung von Gleitmittel die Infektionsgefahr bei Analverkehr deutlich erhöhe. Durch einen Verständnis- und Übersetzungsfehler war in deutschen Medien auch von einem 20-mal höheren Risiko die Rede. Dabei besagte der erste Satz der Pressemitteilung nur, das Infektionsrisiko sei bei ungeschütztem Analverkehr 20-mal höher als bei ungeschütztem Vaginalverkehr. 

    Wie das so ist in Zeiten des Internets: Die Falschmeldungen multiplizierten sich und bald wurde auch in der Szene heftig darüber diskutiert, ob Spucke und ein Gebet zur Abendstunde nicht doch der bessere Schutz sei als Gleitgel. 

    Beim Analverkehr mit Kondom gehört Gleitgel dazu! 

    Kurz gesagt: Nein, definitiv nicht. Der allergrößte Anteil von Analverkehr unter Männern findet nämlich mit Kondom statt. Dabei ist Gleitgel unerlässlich, weil das Gummi ohne viel leichter kaputt geht. Gummifetzen am Schwanz sehen erstens nie gut aus, und beschädigen zweitens den Darm des Partners deutlich mehr als jedes Gleitgel – und erhöhen so das Infektionsrisiko. Mal abgesehen davon, dass das Kondom dann natürlich keine Schutzwirkung mehr hat. Deswegen gilt weiterhin: Beim Analverkehr mit Kondom gehört Gleitgel dazu! 

    Beim Analverkehr ohne Kondom besteht ohnehin ein hohes Risiko, wenn man den HIV-Status des Partners nicht kennt. Da ist die Frage nach dem Gleitgel zweitrangig. 

    Als Entwarnung lässt sich auch eine Studie der Stiftung Warentest lesen, die im Jahr 2007 die meisten der in Deutschland erhältlichen Gleitmittel auf Haut- und Schleimhautverträglichkeit testete. Fast alle schnitten mit „Sehr gut“ oder „gut“ ab. 

    Ficki Ficki, Aua Aua

    Den meisten ungeschützten Analverkehr haben übrigens heterosexuelle Frauen: In den Industrienationen lassen immerhin 15 Prozent aller Frauen zwischen 15 und 55 ihre Besucher auch gern mal hinten rein. Zwar kennen auch sie offensichtlich den Sommerhit von Berlins Dragsuperstar Nina Queer mit dem schönen Titel „Ficki Ficki, Aua Aua“ und benutzen deshalb dabei ein Gleitmittel. Allerdings in weniger als zehn Prozent der Fälle in Kombination mit einem Kondom.               

    Und noch eine interessante Info am Rande: Das meiste Gleitgel kaufen in deutschen Apotheken, Drogerien und Sexshops Frauen über 50. Das hat aber mit Analverkehr wenig zu tun, selbst wenn sie interessierte Partner oder schwule Söhne haben. Die Damen möchten einfach, dass es auch nach den Wechseljahren noch flutscht. 

    (Paul Schulz) 

    Die Pressemitteilung der „International Microbicides Conference“ 

    Bildquelle Männerhintern: www.pixelio.de

  • Safer Sex 3.0: „Die PrEP befreit davon, immer an HIV denken zu müssen“

    Safer Sex 3.0: „Die PrEP befreit davon, immer an HIV denken zu müssen“

    Seit mehr als einem halben Jahr ist Milan einer von mehr als 5000 schwulen Männern, die an der internationalen PrEP-Studie DISCOVER teilnehmen. Mit ihr soll überprüft werden, ob sich das Kombinationsmedikament Descovy genauso gut für die HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe („Pillen zum Schutz vor HIV“) eignet wie der Vorgänger Truvada und die Truvada-Generika. Wir begleiten den 26-Jährigen während der drei Jahre, auf die die Studie angelegt ist, mit Interviews.

    Im Rahmen von „Safer Sex 3.0“ erzählen im IWWIT-Blog verschiedene schwule Männer, wie sie sich vor HIV schützen, ob mit Kondom, PrEP oder Schutz durch Therapie. Wir bestärken jeden, der sich vor HIV schützen möchte, sich die für ihn beste Safer Sex-Methode zu wählen.

    ___________________________

    Frage: Als wir uns zum ersten Mal über deine Erfahrungen als Teilnehmer der DISCOVER-Studie unterhalten haben, hatte man bei den begleitenden Untersuchungen eine Unregelmäßigkeit in deinem Blutbild festgestellt. War die Aufregung berechtigt?

    Milan: Nein, das war letztlich ein falscher Alarm, die betreuende Ärztin glaubte einen ungewöhnlichen Wert festgestellt zu haben, doch der stellte sich als völlig harmlos heraus.

    Ich hatte so lange auf die PrEP gewartet, dass ich tatsächlich etwas paranoid war und Angst hatte, ich müsste die PrEP nun beenden. Diese Sorge war aber völlig unberechtigt.

    Wie hast du denn die PrEP-Medikamente bislang vertragen? Ob du Truvada oder das Nachfolgepräparat Descovy erhältst, weißt du ja nicht.

    Ich vertrage die Pillen sehr gut und habe bislang keinerlei Nebenwirkungen.

    Inzwischen nimmst du die Pillen seit mehreren Monaten täglich. Musst du dich noch jeden Morgen an die Einnahme erinnern?

    Die ersten fünf, sechs Monate habe ich jeden Tag ganz automatisch daran gedacht. Zwischenzeitlich hatte ich aber viel um die Ohren und deshalb zweimal vergessen, die Tabletten zu nehmen. Das hat mich ein bisschen geärgert – auch wenn es den HIV-Schutz nicht beeinträchtigt, sollte man das Medikament einmal vergessen haben. So hatte es mir der Arzt erklärt.

    Ich habe jetzt so eine Tablettenbox mit einem Fach für jeden Wochentag. Die steht direkt vor mir an meinem Arbeitsplatz, sodass ich sie auf keinem Fall übersehen kann.

    „Die PrEP ist für mich inzwischen etwas ganz Normales geworden“

    Denkst du noch darüber nach, dass du die PrEP nimmst? Ist es noch etwas Besonderes?

    Nein, es ist für mich inzwischen etwas ganz Normales und ein Teil meines Lebens geworden. Die anfängliche Aufgeregtheit hat sich gelegt. Es wäre auch unrealistisch, dass dieses Gefühl der Begeisterung nun die ganzen drei Jahre hinweg anhält, in denen ich voraussichtlich an der Studie teilnehme.

    Als du mit der PrEP angefangen hast, hattest du guten Grund, dich als Teil einer Gruppe mit ganz besonderen Freiheiten zu fühlen.

    Das hat sich ja spätestens geändert, seitdem die PrEP ab 50 Euro für jeden in der Apotheke zu bekommen ist! Damit steht die PrEP nun theoretisch jedem zur Verfügung. Das ist großartig.

    Es geht allerdings nicht allein um sexuelle Freiheit, es bedeutet auch viel, vor HIV geschützt zu sein. Die PrEP befreit einen auch davon, nicht immer an HIV denken zu müssen und dass dieses Virus deinen Körper für den Rest deines Lebens mit diesem „Positiv“-Label markieren könnte – auch wenn die medizinischen Möglichkeiten Menschen mit HIV inzwischen ein ziemlich normales Leben zu ermöglichen.

    Natürlich gibt es als Studienteilnehmer einige Vorteile, etwa die regelmäßigen umfassenden Gesundheitschecks und die kostenfreien Medikamente. Dafür bin ich dankbar. Aber das ist es dann auch schon. Ich bin sehr glücklich darüber, dass die PrEP es nun ganz regulär in die Apotheken geschafft hat und viel mehr Menschen davon profitieren können. Es ist richtig und wichtig, dass sie für jeden verfügbar ist.

    Hast du dich mittlerweile auch an die sexuellen Freiheiten gewöhnt, die die PrEP ermöglicht?

    „Dass ich nicht immer ans Kondom denken muss, hat für mich bis heute etwas sehr Befreiendes.“

    Die Tatsache, dass ich mich nicht immer im Zaum halten konnte, war ja der Grund, warum ich die PrEP wollte. Es ist nicht so, dass ich nicht auch Sex mit Kondom habe, aber das passiert im Vergleich doch recht selten.

    Dass ich nicht immer ans Kondom denken muss, hat für mich bis heute etwas sehr Befreiendes. Ich möchte mir daher nicht vorstellen, wie es wieder ohne die PrEP sein würde.

    Ich sehe die PrEP allerdings auch nicht als lebenslange Lösung, schon alleine wegen der möglichen Auswirkungen der Medikamente auf den Körper [Anm. der Redaktion: Die meisten Menschen vertragen die PrEP gut]. Diese Nebenwirkungen zu erforschen ist ja schließlich auch der Anlass für diese Studie. Wenn sie zu Ende gegangen sein wird, werde ich mir das Ergebnis anschauen und mich dann womöglich auch dazu entscheiden, mit der PrEP weiterzumachen.

    Bist du über mögliche unerwartete Langzeitwirkungen besorgt?

    Die Entwicklungen in der Medizin, und gerade auch in der Pharmazie, gehen rasend schnell. Deshalb bin ich mir sicher, dass es mit den Jahren auch PrEP-Medikamente geben wird, die noch weniger oder gar keine Belastung mehr für den Körper darstellen.

    Wir werden heute womöglich auf mögliche Risiken durch die jahrelange Einnahme bestimmter Medikamente hingewiesen, die es in absehbarer Zeit gar nicht mehr gibt. Deshalb bin ich, was langfristige Nebenwirkungen angeht, auch nicht wirklich beunruhigt, und genieße die Möglichkeiten, die ich habe. Denn ich bin jetzt jung und nicht später.

    Hast du mit der PrEP mehr Sex mit mehr Partnern als zuvor?

    „Wenn ich heute in einen Sexclub gehe, …“

    Sehr viel mehr! Wenn ich heute in einen Sexclub gehe, dann habe ich manchmal tatsächlich auch die ganze Nacht hindurch Sex, immer wieder und mit unterschiedlichen Leuten. Vorher, ohne die PrEP, bin ich zwar auch dorthin gegangen, aber ich hatte meist nur einmal mit jemandem Sex.

    Das war eine nicht ganz rationale Sperre, mich vor möglichen Infektionsrisiken zu schützen. Zugleich aber hat mich das total verrückt gemacht. Man sieht alle die anderen – die unter der Nachweisgrenze [Anm. der Redaktion: Bei erfoglreicher HIV-Therapie wird HIV selbst beim Sex ohne Kondom nicht übertragen – nicht nachweisbar = nicht übertragbar] oder auf PrEP sind –, wie sie sich dort hemmungslos austoben. Nur man selbst hat sehr einschränkten Spaß.

    Wenn du heute in solche Clubs gehst, teilst du den anderen Männern dann mit, dass du ohne Kondom Sex haben möchtest?

    Ich mache den Kerlen immer gleich klar, dass ich lieber bareback vögle, meist dann auch, dass ich auf PrEP bin. Normalerweise aber wird darüber gar nicht geredet. Wenn Einheimische zu solchen Orten gehen, um Sex zu haben, dann gehört das Kondom in der Regel gar nicht mehr dazu. So erlebe ich das zumindest, so ist die Szene hier. Ich kenne keinen anderen Ort in der Welt, der sexuell so frei ist wie Berlin.

    Mit „frei“ meinst du auch die Freiheiten, die der Schutz durch Therapie und PrEP bietet?

    „Solche Gespräche können die erotische Spannung nämlich ziemlich kaputt machen.“

    Genau, man muss als Vorspiel nicht mehr über diese Dinge reden: ob mit oder ohne Kondom, beziehungsweise, warum es auch ohne geht. Solche Gespräche können die erotische Spannung nämlich ziemlich kaputt machen.

    Das passiert beispielsweise dann, wenn man einen Touristen gerät (lacht). Man ist an solchen Orten so sehr an Sex ohne Kondom gewöhnt, dass ich dann völlig überrascht bin, wenn jemand beim Rummachen plötzlich ein Gummi hervorzieht.

    Wie reagierst du dann?

    Soll ich ehrlich sein? Für mich ist die Sache dann meist beendet. Wenn die Chemie richtig gut ist, kann ich natürlich auch Sex mit Kondom haben, aber es macht mich einfach nicht richtig geil und ich genieße es auch nicht so sehr.

    Ich bin dann aber auch nicht in der Stimmung, um ein Aufklärungsgespräch über die PrEP zu führen. Das ist nicht der Ort, nicht der Zeitpunkt und auch nicht mein Job.

    Ich habe das ein paar Mal versucht, aber es geht in einer solchen Situation einfach nicht, und ich habe dann, offen gesagt, auch keine Lust dazu. Denn ich bin ja dorthin gekommen, um Sex zu haben, und nicht, um meine Art, Sex zu haben, erklären zu müssen. Ich bin da übrigens nicht allein mit dieser Erfahrung.

    Das klingt jetzt etwas überheblich.

    „Ich habe schnell meine Medikamentenschachtel fotografiert und ihm geschickt, da war er dann beruhigt.“

    Dessen bin ich mir bewusst. Ich weiß selbstverständlich, dass wir hier in diesen Dingen viel weiter sind und deshalb auch privilegiert. Jemand, für den Sex automatisch Sex mit Kondom bedeutet, ist von der Situation natürlich überfordert.

    Der hat von der PrEP vielleicht noch nie oder nur wenig gehört und hegt verständlicherweise Zweifel an ihrer Wirksamkeit. Aber ich habe Zweifel, dass ich an diesem Ort, in diesem Kontext dann die richtige Person bin, um diese medizinischen Fakten vertrauenswürdig zu vermitteln (lacht).

    „Ich konnte gut nachvollziehen, warum er so panisch war. „

    Ich kann ihn also weder von der Wirksamkeit der PrEP überzeugen noch will ich ihn zum Sex ohne Kondom überreden. Das führt zu nichts und versaut nur uns beiden den Abend.

    Einmal war jemand zwar unsicher, aber er hatte dann doch mit mir Sex. Am nächsten Tag hat er mich bei Facebook angeschrieben: „Bist du auch wirklich auf PrEP?“ Ich konnte gut nachvollziehen, warum er so panisch war.

    Wenn man von der PrEP einfach nicht viel Ahnung hat, wühlt einen eine solche Situation natürlich auf. Ich muss dann daran denken, wie ich in den Zeiten vor der PrEP ausgerastet bin, wenn ich dann doch mal Sex ohne Gummi hatte. Ich habe deshalb schnell meine Medikamentenschachtel fotografiert und ihm geschickt, da war er dann beruhigt.

    Mehr Sex mit einer höheren Zahl an Partnern erhöht rein rechnerisch das Risiko, sich mit sexuell übertragbaren Infektionen (STIs) zu infizieren. Wie sieht deine Bilanz inzwischen aus?

    Sehr überschaubar, wie ich finde – in Relation dazu, wie viel Sex ich hatte, seit ich auf PrEP bin.

    Und was heißt das in Zahlen?

    „Die Infektionen wurden so bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt diagnostiziert und dann auch sofort behandelt.“

    Gleich im ersten Monat wurden bei mir Chlamydien festgestellt, und vor drei Monaten hatte ich einen Tripper in meinem Hals. Beide Male wurden die Infektionen im Rahmen der vierteljährlichen STI-Untersuchungen festgestellt, die Teil der Studie sind.

    Die Infektionen wurden so bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt diagnostiziert und dann auch sofort behandelt. Aber es ist hier im Zusammenhang mit der PrEP eigentlich irrelevant, über STIs zu reden, denn Tripper und Chlamydien können ja beispielsweise auch beim Lecken und Blasen übertragen werden, ganz gleich, ob man auf PrEP ist oder ein Kondom verwendet. Ich hätte die Infektionen auch beim Sex mit Kondom bekommen können.

    Doch wenn wir von der PrEP sprechen, sprechen wir über HIV-Schutz. Und was den HIV-Schutz anbelangt, ist PrEP mindestens genauso sicher wie ein Kondom, wenn nicht sogar mehr. Es macht daher keinen Sinn, für die Ablehnung der PrEP ausgerechnet die Ansteckungsgefahr durch andere Geschlechtskrankheiten als Argument zu benutzen.

    Wie häufig sind die Arztbesuche im Rahmen der Studie?

    Alle drei Monate.

    Was passiert da genau?

    Im Wartezimmer muss ich zunächst einen Fragebogen ausfüllen. Die Fragen sind immer gleich: Mit vielen Leuten man seit der letzten Untersuchung Sex ohne Kondome hatte. Wie viele Male dabei man beim Analverkehr aktiv oder passiv war. Ob man die Tabletten jeden Tag genommen hat oder wie oft man die Einnahme ausgelassen hat und warum.

    Während der Blutabnahme wird man dann auch noch im persönlichen Gespräch gefragt, ob es irgendwelche Nebenwirkungen gab. Und wir bekommen auch immer Kondome angeboten, die wir kostenlos mitnehmen können, wenn wir das wollen.

    Gibt bei diesen vierteljährlichen Kontrollterminen etwas, das nicht ganz so optimal läuft?

    „Du wirst jetzt lachen…“

    Das gibt es wirklich, und du wirst jetzt lachen: das sind die Urinproben. Aber wenn ich am Vormittag zu meinem Termin gehe, war ich natürlich auch schon mal pinkeln, und in der Praxis kann ich dann nicht mehr. Am meisten tun mir die Leute leid, die erst am Nachmittag ihren Termin haben. Die müssen ja völlig hungrig sein! Wir sollen nämlich fünf-sechs Stunden vorher nichts gegessen haben.

    Ein anderer Studienteilnehmer hat mir berichtet, dass es ihm unangenehm sei, bei den Kontrollen manchmal auch von Ärztinnen detailliert zu seinem Sexleben befragt zu werden.

    Damit habe ich kein Problem. Diese Ärztinnen sind ja erfahren, und es wird nichts geben, was sie noch überraschen könnte (lacht). Ich finde, jemand, der viel Sex hat, sollte nicht so verklemmt sein, wenn er zweimal im Jahr der Gesundheit zuliebe sich von einem Arzt den Hintern anschauen lassen muss.

    Es gab lediglich eine Situation, die mir etwas seltsam vorkam, nämlich als eine Ärztin bei mir einen Analabstrich machte. Sie hat mich dann gefragt, ob ich das künftig selbst mache möchte. Sie haben mir gezeigt wie es funktioniert, und das ist nun auch wirklich keine Kunst.

    „Mit solch heftigen Kommentaren hatte ich nicht gerechnet“

    Nach der Veröffentlichung unseres ersten Gesprächs hat es auf Facebook doch einige recht erhitzte Kommentare dazu gegeben. Wie hast du das selbst wahrgenommen?

    Ich war darauf gefasst, dass es negative Kommentare von Leuten geben würde, die der PrEP grundsätzlich kritisch oder ablehnend gegenüberstehen. Dass sie aber zum Teil so heftig ausfallen würden, damit hatte ich nicht gerechnet.

    Ich war deshalb froh, dass sich auch Leute in die Diskussion eingemischt und meine Position unterstützt haben. Ich habe dann aber auch versucht, das Interview mal mit Abstand zu betrachten, und war mir unsicher, ob der eine oder andere Satz als niedergeschriebenes Interview vielleicht naiv oder unverantwortlich wirken könnte, obwohl das so nicht gemeint war. Mir war aber bei unserem Gespräch wichtig, so ehrlich und klar wie möglich zu antworten.

    Insbesondere bei den sehr kritischen Kommentatoren fand ich auffallend, dass denen oft selbst zentrale Informationen über die PrEP fehlen.

    „Insbesondere bei den sehr kritischen Kommentatoren fand ich auffallend, dass denen oft selbst zentrale Informationen über die PrEP fehlen.“

    Und ich habe den Eindruck, dass einige Männer deshalb so emotional und wütend reagieren, weil sie – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein – insgeheim neidisch und verärgert sind, dass es die Möglichkeiten der PrEP noch nicht gab, als sie selbst jung waren. Da kommt man deshalb in der Diskussion mit sachlichen Argumenten und Informationen auch nicht viel weiter.

    Ärgert dich das?

    Ich kann dieses Verhalten sogar ein Stück weit nachvollziehen. Es fällt einem nun mal mit zunehmendem Alter schwerer, neue Entwicklungen mitzumachen oder zu akzeptieren, vor allem, wenn sie Dinge in Frage stellen oder verändern, die bislang ein fester, grundsätzlicher Bestandteil des eigenen Lebens waren.

    Das gilt nicht nur den für medizinischen Fortschritt wie jetzt bei der PrEP, sondern beispielsweise auch für technische Innovationen, die man nicht beherrscht und man deshalb belächelt oder als unnötig ablehnt. Das stelle ich bei mir selbst ja auch schon fest. Ich verstehe zum Beispiel nicht, wie die Jugendlichen heute so viel Zeit mit Instagram verbringen können. Für mich ist das völliger Blödsinn. Für die ist das ein wichtiges soziale Medium.

    Es ist also auf gewisse Weise völlig normal, dass wir die festen Koordinaten des eigenen Lebens verteidigen. Dazu gehört für viele schwule Männer eben auch das eingeübte Verständnis von Safer Sex als Sex mit Kondom.

    Das ändert aber nichts daran, dass die jüngere Generation, so wie ich, neue Entwicklungen wie die PrEP für sich als ganz selbstverständliche Form von Safer Sex annehmen werden.

    Und nur weil ich oder andere den Vorteil des Fortschritts in der pharmazeutischen Industrie in Anspruch nehmen wollen, der es uns ermöglicht, den Sex intensiver – also ohne Kondom und ohne HIV-Risiko – zu erleben, macht uns deshalb nicht zu unverantwortlichen Menschen. Die Einnahme der PrEP beweist genau das Gegenteil.

    Das erste Interview mit Milan zu seinen Erfahrungen mit der PrEP und als Teilnehmer der DISCOVER-Studie erschien im August 2017: „Die PrEP ist nur ein Werkzeug, und man muss lernen, damit umzugehen“

    PrEP - Post-Expositions-Prophylaxe
    PrEP

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  • Kondome sind heute out? Unsinn! (Enrico)

    Kondome sind heute out? Unsinn! (Enrico)

    Safer Sex 3.0: Kondome sind wohl die bekannteste Safer Sex-Methode, um sich vor HIV zu schützen. Viele schwule Männer setzen auch heute erfolgreich auf das Gummi. Einer von ihnen ist Enrico, 36, aus Leipzig. Hier erzählt er, wie er mit dem Thema Safer Sex umgeht und weshalb er nach wie vor am liebsten auf das Kondom zurückgreift.

    Im Rahmen von „Safer Sex 3.0“ erzählen im IWWIT-Blog verschiedene schwule Männer, wie sie sich vor HIV schützen, ob mit Kondom, PrEP oder Schutz durch Therapie. Wir bestärken jeden, der sich vor HIV schützen möchte, sich die für ihn beste Safer Sex-Methode zu wählen.

    „Meinen ersten schwulen Sex hatte ich mit 17. Meinen Freund hatte ich damals über eine Chiffreanzeige kennengelernt und wir haben uns überhaupt keine Gedanken über Safer Sex gemacht. Von HIV und den Infektionsrisiken hatte ich erst etwas mitbekommen, als ich ein paar Monate später aus der Provinz nach Erfurt gezogen bin. Mit meinem damaligen Freund habe ich dann auch einen HIV-Test gemacht. Wir waren beide negativ und beschlossen, in der Beziehung auf Kondome zu verzichten. Wir waren jung, blind vor Liebe und glaubten an die absolute Treue. Abgesehen davon kannten wir auch niemanden, der HIV-positiv war.

    Treue als Schutz? Enrico sieht das heute anders

    Das Virus war damals eine völlig abstrakte Gefahr. Die Beziehung ging ein knappes Jahr und ich musste am Ende dann feststellen, dass mein Partner mich betrogen und er sich diverse Geschlechtskrankheiten eingefangen hatte. Das hat mich ziemlich durcheinandergerüttelt, denn das naive Vertrauen, das einem in einer Partnerschaft nichts passieren kann, war erschüttert.

    „Beim Autofahren lege ich den Sicherheitsgurt an, ohne groß nachzudenken. Genauso ist es bei mir mit dem Kondom.“

    Für mich war damit klar, dass ich nunmehr immer Kondome benutze. Für mich gehören Kondome deshalb seitdem zum Sex einfach dazu. Ich bin, wenn man so will, damit groß geworden und habe das so verinnerlicht. Das ist wie beim Autofahren. Man legt den Sicherheitsgurt an, ohne noch groß darüber nachzudenken. Man macht es einfach.

    ln der Beziehung: Ohne Kondom ein schöneres Gefühl

    Die Ausnahme ist meine Beziehung. Ich bin seit fünf Jahren wieder in einer Partnerschaft und da lassen wir das Kondom tatsächlich weg. Man hört ja immer wieder, dass Sex ohne Kondom wie ein Befreiungsschlag sei und man ohne ganz anders empfindet. Innerhalb der Partnerschaft beschert der Sex ohne Kondom tatsächlich ein intensiveres Gefühl von Nähe – allerdings weniger auf der körperlichen denn auf der seelischen Ebene.

    Wenn wir uns jemanden dazu holen oder wir außerhalb der Beziehung mit anderen Sex haben, sind Kondome aber für uns selbstverständlich. Ich habe immer Kondome zuhause und griffbereit, und wenn sie benötigt werden, sind das ein, zwei geübte Handbewegungen. Dadurch gibt es auch keine unangenehme Unterbrechung und die sexuelle Spannung und Atmosphäre wird deshalb in diesem Moment auch nicht gestört. Im Zweifelsfalle muss mein passiver Partner, der dann vielleicht schon ganz entspannt vor mir liegt, gar nicht mitbekommen, wie ich mir das Gummi überziehe. Dass wir eines benutzen, kläre ich ohnehin immer schon im Vorfeld. Man muss also gar nicht mehr groß darüber reden.

    Die beste Form des Safer Sex für mich

    „Für mich spricht viel für das Kondom. Z.B. senke ich so auch mein Risiko mich mit anderen Geschlechtskrankheiten anzustecken.“

    Für mich persönlich sind Kondome die beste Form des Safer Sex: Sie sind einfach zu handhaben, sie sind immer und überall verfügbar und sie haben keine Nebenwirkungen – außer man hat eine Latexallergie. Und selbst da gibt es inzwischen latexfreie Alternativen. Für mich sind aber auch noch zwei andere Dinge von Bedeutung: Ich kann genau sehen, wie ich mich schütze. Wenn ich mit jemanden Sex habe, der HIV-positiv, aber nicht mehr infektiös ist, muss ich ihm vertrauen, um das Gummi weglassen zu können. Zum anderen senkt das Kondom auch das Risiko sich andere sexuell übertragbare Krankheiten einzufangen.

    „Und trotzdem: Ein regelmäßige Checks gehören für mich dazu.“

    Und gleichzeitig weiß ich, dass ich mir natürlich auch durch Oralverkehr beispielsweise einen Tripper einfangen kann. Deshalb lasse ich mich auch regelmäßig auf Geschlechtskrankheiten testen. Auf HIV sowieso. Das gehört für mich einfach dazu.

    Für Enrico, 36, ist das Kondom nicht out. Ganz im Gegenteil.

    Und die PrEP? Für Enrico eher nichts

    „Die PrEP wäre mir zu aufwendig!“

    Eine PrEP zum Beispiel senkt das Risiko, andere Geschlechtskrankheiten zu bekommen, nicht. Aber sie kommt für mich auch aus anderen Gründen nicht in Frage: Die Medikamente zu beschaffen, die Arzttermine und Blutkontrollen, die notwendig sind, ganz abgesehen vom Kostenfaktor – das ist mir alles zu aufwendig.

    Klar gibt es in der Szene inzwischen immer mehr PrEP-User. Mir ist aber noch nie passiert, dass ein Sexdate geplatzt wäre, weil ich so „konservativ“ bin und auf Kondome bestehe – und nicht selbst auch die PrEP nehme. Im Gegenteil, ich bekomme häufig ein eher positives Feedback und die Leute finden es gut, dass ich mir Gedanken zu Safer Sex gemacht habe und mich bewusst schützen möchte.“

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