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  • Queer-Beauftragter der Bundesregierung: „Bei Aufrufen zu Gewalt zeige ich klare Kante!“

    Queer-Beauftragter der Bundesregierung: „Bei Aufrufen zu Gewalt zeige ich klare Kante!“

    Herr Lehmann, 2021 wurden Sie von mehr als 70.000 Kölner*innen direkt in den Bundestag gewählt. Seit November sind Sie parlamentarischer Staatssekretär im Familienministerium und seit Januar auch noch der Queer-Beauftragte der Bundesregierung. Bei all diesen Erfolgen: Erleben Sie persönlich noch Benachteiligungen oder Diskriminierung, weil Sie schwul sind?

    In den 20 Jahren, in denen ich schwul lebe, bin ich natürlich hin und wieder auch diskriminiert worden. Mein Mann und ich wurden beispielsweise auf der Straße beschimpft, weil wir Hand in Hand gingen oder im Internet angefeindet. Dennoch habe ich sicher weniger Alltagsdiskriminierung als andere Menschen erlebt, weil ich als Politiker in einer privilegierten Rolle bin. Meine Partei hat schon immer für die Rechte von LSBTIQ* und anderen Minderheiten gestritten. Da bin ich natürlich von einem sehr sicheren und offenen Umfeld umgeben.

    Vor Kurzem haben Sie einen Hassprediger aus Görlitz angezeigt, der in einem Video gegen queere Menschen gehetzt und Ihnen den Tod gewünscht hat. Wie gehen Sie generell um mit homofeindlichen Attacken? Wann wehren Sie sich – und wann ignorieren Sie sowas, um Extremist*innen keine zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen?

    Wenn es um Aufrufe zu Gewalt oder um einen Mordaufruf wie im Fall dieses Hasspredigers geht, zeige ich klare Kante. Da schalte ich den Staatsschutz ein und erstatte Anzeige. Bei meiner politischen Arbeit muss ich leider mit Hasskommentaren im Netz leben, die sich nun, da ich durch mein neues Amt als Queerbeauftragter noch mehr in der Öffentlichkeit stehe, massiv verstärkt haben. Ich ignoriere da vieles, aber auch hier melde ich Kommentare und blocke die Verfasser*innen, wenn Grenzen überschritten werden.

    Diskriminierung innerhalb der LSBTIQ*-Community: Auch innerhalb der queeren Communitys treffen trans* Personen und nicht-binäre Menschen oft auf Vorbehalte. Wie inklusiv erleben Sie die queere Szene?

    Die LGBTIQ*-Community ist sehr vielfältig – und genau so vielfältig sind die Forderungen, die die unterschiedlichen Gruppen an die Politik stellen. Als Queerbeauftragter bin ich Ansprechperson für alle. Ich versuche zuzuhören und die Bedürfnisse der Community in die Regierungsarbeit einzubringen. Bei aller Unterschiedlichkeit innerhalb der Community sehe ich aber zugleich auch viel Potenzial für Bündnisse. Und ich bin überzeugt: Wenn wir queerpolitisch in dieser Legislatur etwas erreichen wollen, dann brauchen wir dafür gegenseitige Solidarität. Wir müssen gemeinsam für die Rechte der LGBTIQ*-Community eintreten – zum Beispiel aktuell beim geplanten Selbstbestimmungsgesetz, das das sogenannte „Transsexuellengesetz“ ersetzen soll. Da gibt es gerade viel Gegenwind und wir werden noch so manche Diskussion führen und eine Menge Überzeugungsarbeit leisten müssen, bis das Gesetz steht. Aus der Community heraus ist daher Unterstützung wichtig.

    Fühlen Sie sich als Queer-Beauftragter auch zuständig für mehr Toleranz innerhalb der Community – und wie könnten wir sie fördern?

    Auf jeden Fall sehe ich das als eine meiner Aufgaben an. Ich denke, das Wichtigste ist, miteinander im Gespräch zu bleiben und sich bewusst zu machen, dass wir die ambitionierten Ziele, die wir im Koalitionsvertrag verankert haben, nur erreichen, wenn die Community sich einbringt und solidarisch agiert. Dann schaffen wir in dieser Legislatur einen echten Aufbruch für Vielfalt, Selbstbestimmung und gleiche Rechte von LSBTIQ*-Menschen. Noch im Sommer will ich zum Beispiel den Startschuss für den ersten bundesweiten Aktionsplan für Vielfalt und gegen Queerfeindlichkeit geben.

    Die Verbände und Initiativen der queeren Community leisten für diesen Aktionsplan einen sehr wichtigen Beitrag – wir starten einen Dialogprozess darüber, was für sie wichtig und wo weitere Förderung notwendig ist. Auch das Familienrecht soll endlich ein Update bekommen und den gesellschaftlichen Realitäten angepasst werden. Denn Familien sind vielfältig und bestehen nicht immer nur aus Mutter, Vater, Kind. Wir wollen deshalb das Abstammungsrecht reformieren und Mehrelternschaften rechtlich absichern. Bei all diesen Themen gibt es innerhalb der Community verschiedene Interessen, die geäußert und auch gehört werden.

    „Medizinisch ist HIV mittlerweile gut beherrschbar. Diskriminierung hingegen macht krank.“

    Menschen mit HIV können heute fast problemlos mit dem Virus leben – und unter Therapie ist HIV nicht übertragbar. Ein großes Problem hingegen ist für sie die Stigmatisierung von HIV. Über ihre Infektion zu sprechen, erleben fast 80 Prozent als riskant, weil sie oft mit Vorurteilen konfrontiert werden – zum Beispiel bei einem Date. Wie wollen Sie in Ihrem Amt dazu beitragen, dass die Stigmatisierung von Menschen mit HIV weiter abgebaut wird?

    Medizinisch ist HIV mittlerweile gut beherrschbar. Diskriminierung hingegen macht krank. Die Angst vor Zurückweisung und Ausgrenzung wiegt für viele Menschen mit HIV schwerer als die gesundheitlichen Folgen. Ich setze mich deshalb dafür ein, dass der Aktionsplan für Vielfalt und gegen Queerfeindlichkeit auch Maßnahmen wie die Stärkung der Aufklärungsarbeit über HIV umfasst. Hier werde ich das Bundesministerium für Gesundheit und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bitten, sich aktiv einzubringen, um aktuelle Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten bei Ärzt*innen bekannter zu machen und um Stigmatisierung vorzubeugen. Denn niemand mit HIV sollte sich verstecken müssen.

    Laut Umfragen wissen nur ein Fünftel der Deutschen, dass eine HIV-Therapie zuverlässig die Übertragung von HIV verhindert. Wie ist das in Ihrem Bekanntenkreis? Wissen da alle schon vom Schutz durch Therapie?

    In meinem queeren Bekanntenkreis weitgehend ja. Aber einer heterosexuellen Bekannten, die sehr viele Ängste rund um das Thema HIV und Aids hat, habe ich neulich lange erklärt was PrEP ist und dass eine HIV-Therapie die Übertragung des Virus verhindern kann. Das wusste sie alles nicht und war danach erleichtert und dankbar für die Informationen.

    „Die PrEP hat sich in den vergangenen Jahren als hoch effektiver Schutz erwiesen (…). Nun geht es darum, die Versorgung auch auf dem Land sicherzustellen.“

    Seit mehr als zwei Jahren gibt es die PrEP als Kassenleistung, unter anderem für schwule Männer. Welche Bilanz ziehen Sie nach zwei Jahren PrEP auf Rezept?

    Heutzutage gibt es mit Kondomen, PrEP und Therapie drei gute und wirksame Methoden der Prävention. Die PrEP hat sich in den vergangenen Jahren als hoch effektiver Schutz erwiesen – das zeigen Forschungen des RKI, mit denen die Einführung der PrEP begleitet und evaluiert wurde. Demnach nutzten schon 2020 geschätzt bis zu 21.600 Menschen in Deutschland PrEP, fast überwiegend Männer. Wir wissen auch, dass es sehr große regionale Unterschiede beim PrEP-Gebrauch gibt – insbesondere in Großstädten wie Berlin ist die Nutzung stark verbreitet. Nun geht es darum, die Versorgung auch auf dem Land sicherzustellen und in Regionen, in denen es weniger Ärzt*innen gibt, die PrEP verordnen – und gleichzeitig darum, Infos zur PrEP noch weiter in die Community hineinzutragen.

    Wie stark hat die PrEP das schwule (Sex-)Leben verändert?

    Ich glaube, fast jeder schwule Mann kennt das Gefühl, in regelmäßigen Abständen auf das Ergebnis eines HIV-Tests zu warten und zu hoffen, dass der Test negativ ist. Diese ständige Angst vor der Ansteckung kann zermürben und war als Belastung oft im Hinterkopf – obwohl Sexualität ja eigentlich befreiend und angstfrei sein sollte. Mit PrEP haben schwule Männer zusätzliche Sicherheit erhalten – für viele ist PrEP eine Befreiung, auch wenn sie natürlich nicht vor anderen STIs schützt.

    „Diese ständige Angst vor der Ansteckung kann zermürben und war als Belastung oft im Hinterkopf – obwohl Sexualität ja eigentlich befreiend und angstfrei sein sollte.“

    Ihr Partner Arndt Klocke hat sich schon 2017 in einem Interview als PrEP-Nutzer geoutet und auch sein Gesicht im Rahmen von Social Media bei ICH WEISS WAS ICH TU für die PrEP gezeigt. Jetzt interessiert uns natürlich sehr: Welche der drei Safer-Sex-Methoden zum Schutz vor HIV nutzen Sie und warum?

    Ich bin bisher beim guten alten Kondom geblieben. (lacht)

    Arndt Klocke und Sie sind seit 20 Jahren ein Paar. Deshalb zum Abschluss bitte noch ein Beziehungstipp: Wie gelingt eine glückliche Beziehung – trotz Karriere und viel Pendelei zwischen NRW und Berlin?

    Mein Mann und ich achten sehr darauf, dass wir gemeinsame Zeit haben – unser Privatleben ist uns beiden heilig. Die Wochenenden verbringen wir so oft wie möglich zusammen entweder in Köln oder Berlin. Wir gehen dann viel ins Kino, wir interessieren uns für Kultur, Sport und Reisen. Und irgendwie ist die Pendelei zwar anstrengend, aber auch ein guter Beitrag für die Beziehung, weil wir uns dann immer wieder aufeinander freuen.

    Vor Kurzem waren Sie und Herr Klocke beim Podcast Queerkram zu Gast. Dort sprachen Sie auch über Sex außerhalb der Beziehung. Sie sagten, offene Beziehungen würden sie auch den Heteros „gönnen und wünschen.“ Warum können Sie eine offene Beziehung empfehlen?

    Empfehlen möchte ich gar kein bestimmtes Beziehungsmodell. Denn wie Beziehungen gelebt werden, was glücklich macht und was erfüllte Sexualität bedeutet, das muss jede*r für sich selbst entscheiden und mit anderen Menschen aushandeln. Was ich aber unbedingt empfehlen möchte, ist Offenheit – in den Partnerschaften, aber auch nach außen. Denn das macht frei und schafft auch neue Räume für andere Menschen, sich auch zu trauen. Selbstbestimmte Sexualität mit wechselnden Partner*innen, verbindliche monogame Partnerschaften und alle Varianten dazwischen: Darüber selber ohne Stigma entscheiden zu können ist Kern einer liberalen Gesellschaft. Und dazu gehört auch eine sex-positive Politik.

  • Schutz durch Therapie: „Nicht lang ein Kondom suchen, einfach vögeln“

    Schutz durch Therapie: „Nicht lang ein Kondom suchen, einfach vögeln“

    Stefan ist HIV-positiv. Ficken mit Kondom ist nichts für den 46-jährigen Journalisten aus Saarbrücken. Zum Glück kann er dank erfolgreicher HIV-Therapie auf den Gummi verzichten. Ein Gespräch über Schutz durch Therapie und Sex ohne Sorgen.

    Stefan, was bedeutet „Schutz durch Therapie“?
    Dank der erfolgreichen HIV-Therapie sind in meinem Blut keine Viren mehr nachweisbar– deswegen kann ich beim Sex keine mehr übertragen.

    Kaum zu glauben.
    Ich erkläre es immer an meinem Fall: Als ich mit der Therapie angefangen habe, hatte ich 93.000 HIV-Viren pro Mikroliter Blut. Nach einem Monat waren es nur noch 20.000. Zwei Monate später lag der Wert unter 2.000. Heute ist meine Viruslast nicht mehr nachweisbar. Wenn ich dann noch Zettel und Stift dabei habe, male ich dazu eine schöne Kurve auf. Dann checken die Leute plötzlich: Wo keine Viren sind, können auch keine übertragen werden.

    Schutz durch Kondom oder Schutz durch Therapie – was ist dir lieber?
    Ich muss ehrlich sagen: Ich finde Sex mit Kondom scheiße! In dem Moment, wo du weißt „Ich bin unter der Nachweisgrenze!“, bist du total entspannt, weil du weißt: Es kann praktisch nichts mehr passieren. Wenn man nachts aufwacht und geil ist, sucht man nicht lange nach Kondomen, sondern fängt einfach an zu vögeln.

    Dein Freund ist negativ. Habt ihr von Anfang an auf Kondome verzichtet?
    Nein. Die ersten zwei, drei Monate haben wir Kondome verwendet. Mein Freund wusste über das Prinzip „Schutz durch Therapie“ Bescheid. Aber es hat gebraucht, bis die Info vom Kopf im Bauch und dann im Schwanz angekommen ist. Wir sind nun seit gut zwei Jahren zusammen, haben Sex ohne Kondom – und er ist immer noch HIV-negativ. Logischerweise.

    Wie schützt du dich beim Sex mit anderen Männern?
    Bei uns gilt die Regel: Außerhalb der Beziehung benutzen wir Kondome, damit wir keine Krankheiten wie Syphilis in die Beziehung schleppen. Gegen Hepatitis A und B sind wir geimpft. Mir war die offene Beziehung gar nicht so wichtig. Ich bin ja nun in einem Alter, wo ich nicht mehr ständig Sex haben muss. (lacht) Aber mein Freund meinte, das wäre gut.

    Als Rollenmodell für ICH WEISS WAS ICH TU bist du oft in Deutschland unterwegs und triffst viele schwule Männer. Wissen die, dass eine Therapie so gut schützt wie ein Kondom?
    Nach meiner Erfahrung weiß ein Drittel gut Bescheid, ein Drittel hat mal was davon gehört – und ein Drittel ist ahnungslos. Vielleicht sind die Fakten in großen Städten etwas präsenter als in kleineren, aber der Unterschied ist nicht riesig.

    Ist das Thema damit gegessen?
    Nein, die Message ist noch nicht bei allen angekommen. In den letzten 20 Jahren gab es medizinisch einen Riesensprung nach vorne. Das Allgemeinwissen hinkt dieser Realität hinterher. Das ist schade, weil so eine normale, angstfreie Sexualität verhindert wird. Diese Message muss raus, weil das eine enorme Entlastung ist. Vor allem für Paare, bei denen der eine positiv und der andere negativ ist. Deshalb bin ich Rollenmodell, weil dann andere sehen: Ach, die machen das auch so – und es funktioniert.

    Was ist deine Botschaft an die schwule Community?
    Fürchtet euch nicht davor, Schutz durch Therapie zu praktizieren! Es ist eine enorme Entlastung. Manchmal hört man ja das Argument: Schutz durch Therapie fördert sorglosen Sex. Dann frage ich: Wo ist das Problem, wenn ich sorglos Sex haben kann? Sex ohne Sorgen – das ist doch etwas Schönes!

    Stefan
    Kennt die Community ‚Schutz durch Therapie‘? Nach Stefans Erfahrung weiß ein Drittel gut Bescheid, ein Drittel hat mal was davon gehört – und ein Drittel ist ahnungslos. (Foto: iwwit.de)
  • Auch heute noch werden Menschen mit HIV in der Szene ausgegrenzt

    Auch heute noch werden Menschen mit HIV in der Szene ausgegrenzt

    Im September 2021 wurde die Studie „positive stimmen 2.0“ veröffentlicht. Sie zeigt: In der Regel können Menschen mit HIV sehr gut mit ihrer Infektion leben. Dies bestätigten fast 90% der Befragten. Aber: Das Problem beim Leben mit HIV ist Diskriminierung und Stigmatisierung – auch in der schwulen Community.

    Das war für uns Grund genug, die Ergebnisse der Studie dieses Jahr zu einem unserer Hauptthemen zu machen! Menschen mit HIV waren von Anfang an an dieser Befragung beteiligt. Menschen mit HIV haben andere Menschen mit HIV interviewt. Dadurch entstand eine wichtige Vertrauenssituation, damit die Befragten ihre authentischen Erfahrungen teilen konnten.

    Ebenso kommen auch bei unserem neuen Video einige Menschen mit HIV selbst zu Wort! Schau es dir hier an:

    Bei ICH WEISS WAS ICH TU (IWWIT) sind Menschen mit HIV von Anfang an ein wichtiger Teil unserer Kampagne gewesen. Genau so wie authentische Bilder vom Leben mit HIV. Sie verhindern Stigmatisierung und Diskriminierung.

    Wenn du uns bei unserer Arbeit unterstützen möchtest, dann teile dieses Video! Und erzähle den Menschen von einer ganz besonderen guten Nachricht: HIV ist unter Therapie nicht übertragbar. Denn das hat die Studie auch gezeigt: Diese Nachricht hat Betroffene sehr entlastet.

    Zeig dich außerdem überall solidarisch, wo Menschen mit HIV ausgegrenzt oder diskriminiert werden! Und informier dich auf iwwit.de! Hier findest du viele weitere Infos zum Leben mit HIV. Und du findest Infos dazu, wie du oder andere sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung wehren können.

  • Vorurteile machen krank. HIV unter Therapie nicht.

    Vorurteile machen krank. HIV unter Therapie nicht.

    Die Studie „positive stimmen 2.0“ hat gezeigt: Der Großteil der befragten Menschen mit HIV kann heute gut mit der Infektion leben. Aber: Viele erleben gleichzeitig alltäglich Diskriminierung und Ausgrenzung!

    Das alles hat erhebliche negative Auswirkungen auf den Gesundheitszustand, das Wohlbefinden und die sexuelle Zufriedenheit. Hinzu kommen Scham- und Schuldgefühle.

    Außerdem zeigt die Studie: Mehr als 50% der Befragten wurden in den zurückliegenden 12 Monaten mindestens einmal beim Sex zurückgewiesen. Und das, obwohl es Schutz durch Therapie gibt.

    Schau dir jetzt unser Video dazu an:

    Eine gute Nachricht: Seit es Schutz durch Therapie gibt, erleben immerhin 40 Prozent der Befragten weniger Diskriminierung. Die HIV-Medikamente unterdrücken dabei die Vermehrung von HIV im Körper. HIV kann dann beim Sex nicht mehr übertragen werden.

    Wenn du dich also schon gefragt hast, was du selbst gegen die Diskriminierung von Menschen mit HIV machen kannst, dann wäre das genau ein erster Schritt. Erzähl es weiter: HIV ist unter Therapie nicht übertragbar. Sag es deinen Freund*innen, deiner Familie oder Arbeitskolleg*innen.

    Und es gibt noch mehr, was du tun kannst. Zeig dich außerdem überall solidarisch, wo Menschen mit HIV ausgegrenzt oder diskriminiert werden! Und informier dich auf iwwit.de! Hier findest du viele weitere Infos zum Leben mit HIV. Und du findest Infos dazu, wie du oder andere sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung wehren können.

    Außerdem zeigen wir in unserer Kampagne authentische Bilder von Menschen mit HIV, denn sie sind ein unerlässlicher Teil unserer Community.

    Du willst mehr? Dann melde dich bei IWWIT – und sag uns deine Meinung! Oder erzähl uns von deinen Ideen oder Wünschen zum Thema Leben mit HIV: Auf Facebook, Instagram oder klassisch per E-Mail. Wir freuen uns auf dich!

  • Stolze Stimme der Queerness: LEOPOLD im Interview

    Stolze Stimme der Queerness: LEOPOLD im Interview

    Ein Gesangs-Powerhaus mit starken Messages: „Pink Rebell“ LEOPOLD erobert mit politischer und kämpferischer Musik seit einiger Zeit immer mehr Bühnen, Podcasts, und Fernsehshows. Nächstes großes Wunschziel: Der Eurovision Song Contest! Unser Autor Michael G. Meyer hat sich mit LEOPOLD unterhalten.

    Deine Musik ist ungewöhnlich, vor allem Deine Stimme sticht sehr heraus aus dem Pop, den man sonst so kennt. Wie bist du zu Deiner ungewöhnlichen Stimme gekommen, war das viel Training und Unterricht?

    Ich denke, die Tatsache, dass meine Stimme als ungewöhnlich angesehen wird, zeigt, wie stark wir noch in Geschlechterrollen denken. Es wird nicht erwartet, dass ein Mann auch eine höhere Stimme oder eine Frau eine tiefere Stimme haben kann. In meinem Fall ist es so, dass ich schon immer eine hohe Sprech- und Singstimme hatte, auch schon als Kind. Ich habe schon immer viel gesungen und mit meiner Stimme experimentiert und somit, bewusst und unbewusst, meine Stimme trainiert. Im Studium hatte ich auch Gesangsunterricht und so konnte sich meine Stimme weiterentwickeln.

    „Dass meine Stimme als ungewöhnlich angesehen wird, zeigt, wie stark wir noch in Geschlechterrollen denken.“

    Du wirst mit Dua Lipa, Lady Gaga und einigen anderen Stars verglichen, welche Vorbilder hast du selbst?

    Musikalisch, künstlerisch, wie auch menschlich finde ich Prince, Janelle Monáe, Lady Gaga, David Bowie und Beyoncé wahnsinnig spannend und inspirierend. Gesanglich hat mich Aretha Franklin sehr geprägt.

    Woher kommt der Name LEOPOLD?

    Mein Großonkel und Urgroßvater väterlicher Seite hießen beide Leopold. Meine Eltern haben mir Leopold, neben zwei weiteren Namen, in Erinnerung an die beiden, als Vorname gegeben.

    LEOPOLD steht selbstbewusst vor einem Garagentor und blickt nach unten in die Kamera.

    Der Bayerische Rundfunk hat dich mal als „Queerness-Glitzertüte“ bezeichnet – was bedeutet für dich „Queerness“?

    Queerness bedeutet für mich bunt, laut und stolz zu sein, die eigene Andersartigkeit zu feiern und dafür einzustehen.

    Du stammst aus Würzburg, no offense, aber das ist ja nicht gerade der queerste Ort Deutschlands. Wie bist du da groß geworden und wie bist du zur Musik gekommen?

    Ich bin in einem kleinen Dorf in der Nähe von Würzburg aufgewachsen. Queerness war dort natürlich nicht so präsent, wie es in einer größeren Stadt der Fall wäre. Ich habe eine tolle Familie und hatte eine sehr schöne, unbeschwerte Kindheit. Unsere Eltern haben viel für meine Geschwister und mich getan. Wir haben zu Hause immer viel und verschiedene Musik gehört. Mit ca. 8 Jahren haben mich meine Eltern bei einem Kinder- und Jugendchor im Nachbardorf angemeldet. So bin ich zur Musik in frühen Jahren gekommen.

    Wie ist der private Leopold, wie trennst du Berufliches und Privates?

    Schon alleine im Namen trenne ich Berufliches vom Privaten, denn Leopold ist nicht mein Erstname und ich verwende ihn nur auf der Bühne. Was das Äußere betrifft ist es so, dass ich privat eher leger herumlaufe und keine Highheels, auffallende Outfits oder Make-Up trage. Privat bin ich eher unauffällig und zuweilen auch zurückhaltend und schüchtern.

    Hast du selbst schon Diskriminierungserfahrungen gemacht, etwa Hasskommentare online?

    Ja, ich erhalte regelmäßig auf Social Media Hassbotschaften als Kommentare oder private Nachrichten. Auch im realen Leben werde ich häufig komisch angesehen oder öffentlicht beschimpft.

    Das tut mir sehr Leid. Wie siehst du denn die Debatten in Deutschland gerade bezüglich Queerness? Zum Beispiel auch, was das Thema „trans*“ angeht, wo stehen wir da deiner Meinung nach?

    In Deutschland hat sich in den letzten Jahren viel getan, auch was die Gender- und Pronomendebatte betrifft. Dennoch genießen wir als LGBTQIA+ auch hier immer noch nicht die gleichen Rechte wie cis und heterosexuelle Menschen. Außerdem erfahren wir regelmäßig Diskriminierung und Ausgrenzung. Das Selbstbestimmungsrecht, die Möglichkeit, Blut zu spenden uvm. sind alles Dinge, die teilweise schon auf den Weg gebracht wurden, aber noch nicht umgesetzt sind.

    LEOPOLD steht lasziv mit Sonnenbrille und einem Oberteil in Tiger-Muster gegen eine Graffiti-Wand gelehnt.

    Queerness in der Popmusik ist ja stärker präsent als früher. Wie siehst du das und wo ordnest du Dich da ein?

    Das ist richtig, trotzdem könnten für meinen Geschmack in der internationalen wie auch deutschen Pop-Landschaft noch mehr queere Acts stattfinden. Ich versuche über meine Musik queere Themen aus der Nische in den Mainstream zu bringen und so Leuten zugänglicher zu machen. Meine Musik selbst ist eingängig und poppig – aber mit gewissen Ecken und Kanten.

    Wie gehst du öffentlich mit deinem Look und Sex-Appeal um? Was wäre Dir zu gewagt? Was ist dir wichtig, rüberzubringen?

    In erster Linie geht es darum, sich wohl zu fühlen. Wenn sich etwas nicht gut für mich anfühlt oder nicht vorteilhaft ist, mache ich es nicht oder trage es nicht. Mit meinen Outfits und Performances verfolge ich eine gewisse Ästhetik und möchte nicht vulgär wirken. Es darf anecken, soll aber gleichzeitig stilvoll und glamourös sein.

    Deine Outfits sind ja sicher auch sehr sorgsam ausgesucht, hast du einen bestimmten Stil?

    In erster Linie suche ich Outfits aus, die mich ansprechen und von denen ich denke, dass sie mir gut stehen könnten. Ich möchte stilvoll und elegant mit den Outfits auftreten. Dabei darf es auch gerne mal ausgefallener und extravaganter sein. Ich arbeite regelmäßig mit verschiedenen, meist auch queeren Designer*innen zusammen.

    „Der ESC ist jedes Jahr. Und ich werde mich auf jeden Fall wieder bewerben.“

    Du warst ja in der Auswahl für den ESC, was leider nicht geklappt hat. Bist du enttäuscht oder schon drüber hinweg?

    Im ersten Moment war ich natürlich schon enttäuscht – auch, weil mein Team und ich schon länger darauf hinarbeiten. Aber ich denke, es hat vielleicht dieses Jahr einfach noch nicht sein sollen. Das Gute ist ja: Der ESC ist jedes Jahr. Und ich werde mich auf jeden Fall wieder bewerben.

    Was sind deine nächsten Projekte?

    Für 2022 stehen wieder viele Konzerte an und ich werde auch neue Musik veröffentlichen. Außerdem wird es einige Neuerungen geben, deshalb lasst euch überraschen. 😉

    Wo kann man Dich als nächstes mal live sehen? Konzerte finden ja nun endlich wieder statt!

    Ich werde wieder auf Festivals und natürlich auch auf einigen CSD- bzw. Pride-Veranstaltungen auftreten, nähere Infos dazu gebe ich bald bekannt. Wer immer auf dem Laufenden bleiben und nichts verpassen möchte kann mir gerne bei InstagramFacebookTwitterTikTok und YouTube folgen.

  • So funktioniert die Entschädigung für §175- und §151-Urteile

    So funktioniert die Entschädigung für §175- und §151-Urteile

    Wer wurde durch die Paragraphen 175 und 151 kriminalisiert?
    §175 trat 1872, ein Jahr nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches, in Kraft und kriminalisierte „widernatürliche Unzucht zwischen Personen männlichen Geschlechts“. 1935 verschärften die Nazis den Paragraphen. Jetzt galten sämtliche Handlungen mit „wolllüstiger Absicht“ als Straftat. Bloßes Berühren konnte bereits belangt werden.

    Nach dem Krieg blieb der §175 in der Bundesrepublik unverändert in der Nazi-Fassung für mehr als zwei Jahrzehnte bestehen. 1969 wurde er dann ein erstes Mal und 1973 ein zweites Mal entschärft. Nun konnten Männer über 18 Jahre bestraft werden, wenn sie Sex mit unter 18-jährigen Jungen hatten, während das Schutzalter bei Mädchen bei 14 Jahren lag (wobei das Gericht bei Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren von einer Strafe für den Mann absehen konnte, wenn dieser jünger als 21 Jahre alt war.) Der Grund für diese Ungleichbehandlung lag in der homofeindlichen sogennanten „Verführungstheorie“, also der Idee, dass junge Menschen zur Homosexualität „verführt“ werden könnten.

    In der DDR kehrte man 1950 zur ursprünglichen Fassung des §175 (vor dem Nationalsozialismus) zurück, wobei ab Ende der 50er Jahre kaum noch Menschen nach diesem Paragraphen verurteilt wurde. 1968 führte die DDR dann ein eigenes Strafgesetzbuch ein. In ihm wurde der §151 eingeführt. Dieser kriminalisierte sexuelle Handlungen von allen Menschen mit Jugendlichen unter 18 Jahren des gleichen Geschlechts. Hier wurden also auch lesbische und bisexuelle Frauen kriminalisiert. 1988 wurde §151 ersatzlos gestrichen.

    Nach einer kurzen Phase der Legalisierung war mit der Wiedervereinigung männliche Homosexualität in Ostdeutschland wieder kriminalisiert, da hier der §175 (auch auf Druck aus dem Osten) erst 1994 gestrichen wurde.

    Die beiden Paragraphen kriminalisierten im damaligen juristischen Sinne gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen. Aus heutiger Sicht ist aber anzunehmen, dass dadurch nicht nur schwule und bisexuelle cis Männer (bzw. in der DDR auch cis Frauen) kriminalisiert wurden. Vielmehr wurden in der Bundesrepublik alle Menschen kriminalisiert, die bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden und Sex mit Menschen hatten, die ebenfalls dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden. Der Paragraph 175 kriminalisierte also zum Beispiel auch trans* Frauen, die Sex mit Menschen hatten, die dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden. In der DDR wurden folglich durch den §151 alle Menschen kriminalisiert, die mit anderen Menschen Sex hatten, wenn beiden bei der Geburt das gleiche Geschlecht zugewiesen wurde. Dies betraf also zum Beispiel auch trans* Männer.

    Wichtig ist zu wissen: Der Anspruch auf Entschädigung gilt unabhängig deiner jetzigen und damaligen geschlechtlichen oder sexuellen Identität.

    Jan, wer hat einen Anspruch auf Entschädigung?

    Alle Menschen, die aufgrund des § 175 StGB nach dem 8. Mai 1945 verurteilt worden sind oder auf Grund des § 151, der in der damaligen DDR gültig war. Zu beachten ist allerdings, dass nur dann ein Anspruch auf Entschädigung besteht, wenn der Partner, mit dem man zusammen verhaftet wurde, älter als 16 Jahre alt war. Bei Sex mit Minderjährigen besteht kein Anspruch auf Entschädigung. Das Entschädigungsgesetz wurde 2019 noch um eine Richtlinie erweitertet. Jetzt haben auch Männer Anspruch auf eine Entschädigung, die nicht verurteilt worden sind, aber aufgrund des Gesetzes außerordentliche negative Beeinträchtigungen erlitten haben.

    Was ist darunter zu verstehen?

    Ich mache ein Beispiel: die Polizei oder die Staatsanwaltschaft waren bei ihren Ermittlungen nicht diskret. Betroffene wurden dadurch zum Beispiel unfreiwillig am Arbeitsplatz geoutet und haben ihren Job verloren oder es wurde ihnen die Wohnung gekündigt. Die Strafverfolgung oder die erlittene Untersuchungshaft muss aber aufgrund eines Verdachts in Zusammenhang mit einem Tatvorwurf nach § 175 stehen. Auch diese Männer haben einen Anspruch auf Entschädigung.

    Jetzt haben auch Männer Anspruch auf eine Entschädigung, die nicht verurteilt worden sind, aber aufgrund des Gesetzes außerordentliche negative Beeinträchtigungen erlitten haben.
    Jan Bockemühl berät bei BISS e.v. Männer, die eine Antrag auf Entschädigung für Verurteilungen nach § 175 (BRD) und § 151 (DDR) stellen wollen.

    Wo und bis wann kann der Antrag gestellt werden?

    Hier ist Eile geboten. Anträge können nur noch bis zum 21. Juli 2022 beim Bundesamt der Justiz in Bonn gestellt werden.

    Welche Unterlagen müssen eingereicht werden?

    Im besten Fall liegt eine Abschrift des Urteils oder Unterlagen zu erlittenen Haftzeiten vor, die dem formlosen Antrag beigefügt werden. Andern Falls muss zuerst eine Rehabilitierungsbescheinigung bei der Staatsanwaltschaft beantragt werden. Für Entschädigungen nach der Richtlinie gibt es ein Antragsformular auf der Internetseite des Bundesamts für Justiz. Wir unterstützen Betroffene gerne bei den Antragsverfahren über unsere kostenlose Hotline 0800 175 2017.

    Wie hoch sind die zu erwartenden Entschädigungen?

    Auch das variiert von Fall zu Fall. Festgelegt sind laut Gesetz 3.000 Euro für jede Verurteilung 1.500 Euro für jedes angefangene Jahr Freiheitsentziehung und 500 Euro für ein eingeleitetes Ermittlungsverfahren. Außerdem sind noch 1.500 Euro einmalig für außergewöhnlich negative Beeinträchtigungen möglich.

    Du kennst eine Person, die auch nach §175 (BRD) oder §151 (DDR) verurteilt wurde? Dann ermutige sie dazu, einen Antrag auf Entschädigung zu stellen. Alle Informationen findet ihr beim Bundesjustizamt, sowie unter www.schwuleundalter.de/entschaedigung-und-rehabilitierung/
    Alles zum schwulen Leben im Alter findest du unter neu.iwwit.de/schwules-leben/alter.
    Nachtrag: Nach Fertigstellung dieses Artikels wurde bekannt, dass die aktuelle Regierung plant, Ansprüche auf Entschädigung möglicherweise doch über den 22. Juli hinaus aufrechtzuerhalten. Trotzdem könnte es ratsam sein, einen Antrag rasch zu stellen. Kompetente Beratung erhältst du auch hier bei BISS e. V..
  • Verurteilung nach §175: Klaus wurde nach über 40 Jahren entschädigt

    Verurteilung nach §175: Klaus wurde nach über 40 Jahren entschädigt

    Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um institutionalisierte Homofeindlichkeit und um Konversionsmaßnahmen.

    Ein Dezembernachmittag in Ludwigshafen. Klaus. S. ist auf der Suche nach Sex. Er betritt eine stadtbekannte Klappe am Ludwigplatz. Der Geruch von Urin steigt ihm in die Nase, als er den kleinen Raum betritt. Ihm fällt ein Mann auf. Sieht nett aus, denkt er sich. Die beiden Männer beschließen den kalten Ort gegen die etwas komfortableren Toiletten in einem nahelegenden Kaufhaus einzutauschen. „Das war unser Fehler“, sagt Klaus heute. „Beim Betreten müssen wir beobachtet worden sein, denn kurzer Zeit später stand die Polizei vor der Kabine und hat uns rausgeholt“. Es war das Jahr 1964 und der Paragraf 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, war noch in Kraft. „Wir wurden mit der „Grünen Minna“ aufs Polizeirevier gebracht. Und da ich noch keine 21 (dem damaligen Alter für Volljährigkeit) war, wurde ich nach Hause gebracht, um die Adresse zu kontrollieren“, erzählt der 1947 geborene Ludwigshafener.

    Von der Polizei erst aufs Revier und dann nach Hause gebracht…

    Auf Verständnis konnte Klaus hier nicht hoffen, ganz im Gegenteil. Der Vater noch im Gedankengut der Nationalsozialist*innen verhaftet, die Mutter eine sehr religiöse Frau. Die Sorge galt den Nachbarn, den Geschwistern, dem Gerede in der Gemeinde. „Sie haben mir eingeschärft, mit niemanden darüber zu sprechen“. Die Hoffnung, dass die Anklage aufgrund seines Alters fallengelassen wird, erfüllt sich nicht. Unzucht mit Männern lautet der Tatvorwurf. Der Prozess wird im Frühjahr 1965 eröffnet. „Ich hatte noch Glück“, berichtet Klaus. „Eine junge Jugendpflegerin hat sich wahnsinnig stark für mich gemacht. Das werde ich ihr nie vergessen“. Seine Strafe: eine psychologische Behandlung zur Umerziehung. Heute würde man es eine Konversionsmaßnahme nennen. Wäre er zu einer Haftstrafe verurteilt worden, wäre auch seine Lehrstelle als technischer Zeichner in Gefahr gewesen. „So ging es noch ganz glimpflich ab“, sagt Klaus.

    Unzucht mit Männern lautet der Tatvorwurf. Seine Strafe: eine psychologische Behandlung zur Umerziehung. Heute würde man es eine Konversionsmaßnahme nennen.

    Seine Strafe: 2 Jahre lang, 1 mal die Woche zum Psychologen

    „Von nun an musste ich zwei Jahre einmal die Woche zu einem Psychologen“. Die Gespräche hat er verdrängt. Er erinnert sich nur daran, einen Baum gezeichnet zu haben und an die berühmten Klecksbilder. In Fachkreisen Rorschachtest genannt. „Ich habe aber nur Schwänze gesehen“, lacht Klaus „und habe das dem Psychologen auch gesagt. Der war darüber nicht glücklich“.

    Klaus unterdrückt seine Gefühle und sein Begehren. Der Psychologe sieht sich bestätigt und entlässt Klaus als geheilt.

    Klaus unterdrückt seine Gefühle und sein Begehren. Er hat Angst wieder erwischt zu werden. Diesmal, das weiß er, würde eine Verurteilung Gefängnis bedeuten. Er schließt sich einer Jugendgruppe an, lernt ein Mädchen kennen. „Ich habe sie wirklich gerne gehabt. Ich war aber froh, dass sie mir keine sexuellen Avancen machte“. Er will sie heiraten, trotz allem.  Bevor er sie mit zu seinem Psychologen nimmt, gesteht er ihr alles. „Sie hat sehr verständnisvoll reagiert“. Der Psychologe sieht sich bestätigt, schwurbelt etwas von einer Phase, die alle Jungen durchmachen und entlässt Klaus als geheilt. Vor der Hochzeit vernichtet seine Mutter alle Unterlagen, die ihm irgendwann zum Verhängnis werden könnten.

    Brüchiges Glück

    Klaus lebt mit seiner Frau in Ludwigshafen, eine Tochter wird geboren. Doch das Glück ist brüchig. Die Sehnsucht nach Sex mit Männern bleibt. Er führt ein Doppelleben, wie so viele in jener Zeit. Die Liebe zu einem Mann, den er kennenlernt, gibt ihm Kraft. Es folgt die Trennung von seiner Frau. Eine schmutzige Scheidung und ein zehn Jahre andauernder Kampf seine Tochter sehen zu dürfen, schließen sich an. Klaus lernt seinen heutigen Mann kennen, lebt mit ihm zusammen. „Wir lebten unauffällig, aber nicht versteckt“.

    Wer wurde durch die Paragraphen 175 und 151 kriminalisiert?
    §175 trat 1872, ein Jahr nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches, in Kraft und kriminalisierte „widernatürliche Unzucht zwischen Personen männlichen Geschlechts“. 1935 verschärften die Nazis den Paragraphen. Jetzt galten sämtliche Handlungen mit „wolllüstiger Absicht“ als Straftat. Bloßes Berühren konnte bereits belangt werden.

    Nach dem Krieg blieb der §175 in der Bundesrepublik unverändert in der Nazi-Fassung für mehr als zwei Jahrzehnte bestehen. 1969 wurde er dann ein erstes Mal und 1973 ein zweites Mal entschärft. Nun konnten Männer über 18 Jahre bestraft werden, wenn sie Sex mit unter 18-jährigen Jungen hatten, während das Schutzalter bei Mädchen bei 14 Jahren lag (wobei das Gericht bei Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren von einer Strafe für den Mann absehen konnte, wenn dieser jünger als 21 Jahre alt war.) Der Grund für diese Ungleichbehandlung lag in der homofeindlichen sogennanten „Verführungstheorie“, also der Idee, dass junge Menschen zur Homosexualität „verführt“ werden könnten.

    In der DDR kehrte man 1950 zur ursprünglichen Fassung des §175 (vor dem Nationalsozialismus) zurück, wobei ab Ende der 50er Jahre kaum noch Menschen nach diesem Paragraphen verurteilt wurde. 1968 führte die DDR dann ein eigenes Strafgesetzbuch ein. In ihm wurde der §151 eingeführt. Dieser kriminalisierte sexuelle Handlungen von allen Menschen mit Jugendlichen unter 18 Jahren des gleichen Geschlechts. Hier wurden also auch lesbische und bisexuelle Frauen kriminalisiert. 1988 wurde §151 ersatzlos gestrichen.

    Nach einer kurzen Phase der Legalisierung war mit der Wiedervereinigung männliche Homosexualität in Ostdeutschland wieder kriminalisiert, da hier der §175 (auch auf Druck aus dem Osten) erst 1994 gestrichen wurde.

    Die beiden Paragraphen kriminalisierten im damaligen juristischen Sinne gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen. Aus heutiger Sicht ist aber anzunehmen, dass dadurch nicht nur schwule und bisexuelle cis Männer (bzw. in der DDR auch cis Frauen) kriminalisiert wurden. Vielmehr wurden in der Bundesrepublik alle Menschen kriminalisiert, die bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden und Sex mit Menschen hatten, die ebenfalls dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden. Der Paragraph 175 kriminalisierte also zum Beispiel auch trans* Frauen, die Sex mit Menschen hatten, die dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden. In der DDR wurden folglich durch den §151 alle Menschen kriminalisiert, die mit anderen Menschen Sex hatten, wenn beiden bei der Geburt das gleiche Geschlecht zugewiesen wurde. Dies betraf also zum Beispiel auch trans* Männer.

    Wichtig ist zu wissen: Der Anspruch auf Entschädigung gilt unabhängig deiner jetzigen und damaligen geschlechtlichen oder sexuellen Identität.

    Eine Ausstellung verändert alles

    Im Juni 1994 wurde der §175 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Mitbekommen hatte er das wohl, aber die Nachricht hatte keinerlei Bedeutung für ihn. Durch eine Ausstellung über schwules Leben in Ludwigshafen im dortigen Stadtmuseum, bekommt er Kontakt zur Bundestiftung Magnus Hirschfeld in Berlin. Dort ermutigt man ihn einen Antrag beim Bundesamt für Justiz in Bonn zu stellen. „Den Antrag konnte ich ganz formlos stellen“, erinnert er sich. Aber jetzt rächt sich die Sorgfalt seiner Mutter. Sein Antrag wird von der zuständigen Staatsanwaltschaft abgelehnt. Die Begründung: Es fehlen Dokumente, die seine Verurteilung bestätigen. Auch ein zweiter Antrag scheitert.

    Ich war sehr skeptisch, ob das klappt, aber Aufgeben wollte ich nicht.
    Klaus wollte nicht aufgeben. Zurecht: Seine Entschädigung für das Unrecht, das ihm mit dem §175 angetan wurde, hat er erhalten.

    Klaus will schon aufgeben, als er von BISS e. V. erfährt. Hier wird er kompetent beraten und unterstützt. BISS spricht auch mit der zuständigen Staatsanwaltschaft. Denn zu jeder Verurteilung muss es noch Abschriften geben, die auf Antrag den Betroffenen zur Verfügung gestellt werden müssen. Sie gibt es nach 40 Jahren angeblich nicht mehr. Von ihm wird eine Eidesstattliche Erklärung verlangt. Am Ende hatte er alle relevanten Unterlagen zusammen. „Ich war sehr skeptisch, ob das klappt“, erinnert er sich „aber Aufgeben wollte ich nicht“.

    „Wichtiger war für mich die Anerkennung des Deutschen Staates“

    Schließlich wird sein Antrag bewilligt. Ihm werden 3.000 Euro zugesprochen für die Verhaftung und Verurteilung, Später noch einmal 1500 für die Zwangstherapie. „Ich habe mich natürlich über das Geld gefreut“, sagt Klaus. „Aber wichtiger war für mich die Anerkennung seitens des Deutschen Staates, dass mir hier Unrecht getan wurde. Mit dem Geld hat er zusammen mit seinem Mann eine Woche Urlaub auf Sylt gemacht. „So richtig schick, mit allem Komfort“. „Und wir haben uns noch ein neues Service gekauft, wir haben ja noch nicht alle Tassen im Schrank“, lacht er. Klaus konnte das Erlebte hinter sich lassen. Auch wenn es manchmal mühsam war, bereut hat er es nicht, für seine Rechte gekämpft zu haben.

    Bereut hat er es nicht, für seine Rechte gekämpft zu haben.

    Was sich Klaus S. für die Zukunft wünscht.

    Heute lebt er in Mannheim und ist zum Aktivisten geworden. Er engagiert sich beim Runden Tisch sexuelle und geschlechtliche Vielfalt der Stadt Mannheim und leitet eine Gruppe für schwule Senioren. Große Wünsche für die Zukunft hat er nicht. Er würde sich freuen, wenn noch möglichst viele Männer einen Entschädigungsantrag stellen, „Und ich würde mir wünschen, dass die Menschen alle Menschen so akzeptieren wie sie sind, egal wen sie lieben“.

    Du kennst eine Person, die auch nach §175 (BRD) oder §151 (DDR) verurteilt wurde? Dann ermutige sie dazu, einen Antrag auf Entschädigung zu stellen. Alle Informationen findet ihr in diesem IWWIT-Blogbeitrag, beim Bundesjustizamt, sowie unter https://schwuleundalter.de/entschaedigung-und-rehabilitierung/
    Alles zum schwulen Leben im Alter findest du unter https://neu.iwwit.de/schwules-leben/alter.
    Nachtrag: Nach Fertigstellung dieses Artikels wurde bekannt, dass die aktuelle Regierung plant, Ansprüche auf Entschädigung möglicherweise doch über den 22. Juli hinaus aufrechtzuerhalten. Trotzdem könnte es ratsam sein, einen Antrag rasch zu stellen. Kompetente Beratung erhältst du auch hier bei BISS e. V..
  • „Mit Syphilis kann man sich auch beim Küssen oder beim Oralverkehr infizieren.“ – Im Gespräch mit einem Allgemeinmediziner

    „Mit Syphilis kann man sich auch beim Küssen oder beim Oralverkehr infizieren.“ – Im Gespräch mit einem Allgemeinmediziner

    Das Robert-Koch-Institut verzeichnet seit 2010 einen kontinuierlichen Anstieg von Syphilis-Fällen in Deutschland. Mehr 80 Prozent davon gehen demnach auf sexuelle Kontakte zwischen Männern zurück. Inwieweit spiegelt sich diese Zahlen auch im ärztlichen Alltag wieder? Ein Gespräch mit dem Berliner Allgemeinmediziner und Infektiologen Dr. Christoph Schuler

    Dr. Christoph Schuler – Erfahrungsbericht zu Syphilis bei schwulen Männern
    „Wir sehen jede Woche neue Syphilis-Fälle“ – Dr. Schuler aus Berlin im Interview

    Syphilis bei schwulen Männern: Ein Dauerproblem in der Praxis

    Christoph Schuler, zum Patientenstamm gehört auch ein großer Prozentsatz an schwulen Männern. Inwieweit spielt Syphilis in Ihrem Praxisalltag eine Rolle?
    Wir haben sicherlich im Schnitt jede Woche einen neuen Fall in unserer Praxis, und das bereits seit einigen Jahren. Die Zahl der Fälle ist in den letzten Monaten nicht unbedingt gestiegen, aber sie hält sich schon über einen langen Zeitraum sehr konstant auf hohem Niveau.

    Können sie aus der Praxiserfahrung bestimmte Patientengruppen ausmachen, die besonders betroffen sind?
    Wir entdecken sehr viele Syphilisinfektionen bei unseren HIV-Patienten, allein schon deshalb, weil diese regelmäßig auf sexuell übertragbare Krankheiten (STI) gescreent werden.

    Wie sich schwule Männer mit Syphilis infizieren können

    Das heißt, dadurch werden neue Infektionen automatisch und bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt entdeckt.
    Richtig. Zum anderen sind da aber viele nicht-positive Patienten, die wegen verdächtiger Symptome zu uns kommen oder die von sich aus einen STI-Routinetest haben machen lassen.

    Manche haben sich auch anderswo testen lassen, zum Beispiel bei Testeinrichtungen in schwulen Beratungseinrichtungen und haben uns dann nach der Diagnose aufgesucht. Und nicht zuletzt gibt es auch Männer, die von ihrem Sexpartner erfahren haben, dass bei diesem Syphilis diagnostiziert wurde und sich deshalb nun selbst auch untersuchen lassen.

    Kommt es auch vor, dass der gleiche Patient sich immer wieder infiziert?
    Das gibt es in der Tat, allerdings ist es gerade bei Syphilis sehr schwer zu unterscheiden, ob es sich um eine Neuinfektion oder um das wieder Aufflammen einer unzureichend behandelten Infektion handelt.

    Könnte die Tatsache, dass die Zahl der Infektionen so gleichbleibend hoch bzw. sogar steigend ist, womöglich auf ein verändertes Sexualverhalten zurückzuführen sein? Nämlich dass schwule Männer wieder mehr Sex ohne Kondom haben?
    Ich sehe da keine direkte Verbindung. Natürlich wird häufiger auf das Kondom verzichtet, weil die HIV-Behandlung effektiv ist.

    … und deshalb das Virus nicht mehr übertragen werden kann.
    Zum anderen ist Safer Sex mit Kondom keine Praxis, mit der man eine Syphilis-Infektion gänzlich ausschließen kann. Man kann sich eben auch beim Küssen oder beim Oralverkehr infizieren.

    Es gibt aus unserer Erfahrung in der Praxis aber sicherlich Szenen, in denen Syphilisinfektionen eher auftreten, zum Beispiel bei Männern, die sexuell aktiver sind oder auf Sexpartys gehen. Wenn hier neue Infektionen auftreten, werden diese dann auch schnell weitergegeben. Umso wichtiger ist es, dass man seine Sexpartner darüber informiert, wenn bei einem selbst eine Infektion festgestellt wurde, damit eine Partnermitbehandlung erfolgen kann.

    Stigmatisierung von Syphilis bei homosexuellen Patienten

    Syphilis erscheint moralisch mehr belastend zu sein, als andere sexuell übertragbare Krankheiten. Fällt es den Patienten tatsächlich leichter, zum Beispiel wegen eines Trippers um Arzt zu gehen?
    Das ist in der Tat so. Gerade Patienten, die zuvor noch nie mit einer STI zu tun hatten und nur gelegentlich sexuelle Kontakte haben, fühlen sich ziemlich vor den Kopf gestoßen und sind manchmal auch ein wenig schockiert. Das ist eindeutig auf den stigmatisierenden Charakter zurückzuführen, den die Syphilis nach wie vor hat. Auch wenn die Syphilis behandelt wird: eine Narbe bleibt im Blut ein Leben lang sichtbar. Aber auch die Behandlung unterscheidet sich von der vieler anderer STIs: Die Spritzen können durchaus schmerzhaft sein und müssen – je nachdem, wie spät die Infektion entdeckt wurde – gegebenenfalls im Wochenabstand wiederholt werden. Wenn man Allergien hat, sind möglicherweise auch tägliche Infusionen oder eine mehrwöchige Tabletteneinnahme notwendig. Die Behandlung eines Trippers oder von Chlamydien ist dagegen weitaus einfacher und unkomplizierter.

    Der Alt-Text beschreibt den Bildinhalt sachlich und barrierefrei, inklusive Fokusphrase.
    Diagnose und Verlauf: So wird Syphilis in der Praxis dokumentiert

    Warum Syphilis bei schwulen Männern besonders häufig ist

    Anders als etwa bei Hepatitis A ist man nach einer ausgestandenen Syphilis nicht automatisch vor einer neuen Infektion geschützt. Wie gehen Leute damit um, wenn es sie nicht nur einmal erwischt?
    Ich erlebe in letzter Zeit immer häufiger dann Fall, dass Patienten deshalb sehr frustriert sind und sagen: „Ich mach jetzt nichts mehr“. Denn nicht nur die Zahl der Syphilis-Fälle ist angestiegen, sondern auch Gonorrhö und Chlamydien sind weiter verbreitet. Manchen ist deshalb ganz offensichtlich die Lust am Sex vergangen, zumindest was den Sex in öffentlichen Räumen angeht.

    Vielen Dank für das Gespräch!

    Mehr über die Syphilis mit Übertragung, Behandlung und Schutz erfährst du hier im Clip

  • Mr. Gay Germany: „Stolz darauf, am Leben zu sein!“

    Mr. Gay Germany: „Stolz darauf, am Leben zu sein!“

    Zum ersten Mal wurde mit Max Appenroth eine offen lebende trans* Person zum Mr. Gay Germany gewählt. Wir sprachen mit Max über den Contest, über Trans*feindlichkeit in der schwulen Community und Max‘ Kampagne #ProudToBeAlive.

    Trigger Warnung: In diesem Interview geht es u.a. um Trans*feindlichkeit, psychisches Wohlbefinden und Suizid.


    Max, du hast mehrere Coming-outs hinter dir, magst du uns davon erzählen?

    Als ich 13 war, outete ich mich als lesbisch. Es war mein erstes Coming-out. Damals fühlte es sich für mich als „Frau“ mit Männern falsch an. Irgendwann merkte ich dann, dass ich keine Frau bin und hatte ein weiteres Coming-out als trans*. Dazu auch mehr oder weniger als schwule Person, weil ich durch meine Identität und mein verändertes Erscheinungsbild Zugang zu anderen Räumen wie schwulen Bars und Saunas hatte und meine Sexualität anders leben konnte. Dann hatte ich vor zwei Jahren eine andere Art von Coming-out als nicht-binäre trans* Person. Also ich fühle mich im männlichen Spektrum wohl, bin aber deutlich mehr als „nur“ ein Mann.

    Was bedeutet der Begriff „nicht-binäre Menschen“?
    Nicht-binäre Menschen können sich als „sowohl männlich als auch weiblich“ oder als „weder männlich noch weiblich“ verstehen oder das zweigeschlechtliche Konstrukt gänzlich ablehnen.

    Wann hast du dich während dieser Zeit in deinem Körper am wohlsten gefühlt?

    Jetzt fühle ich mich sehr wohl in meinem Körper. Die Narrative, dass trans* Menschen im falschen Körper geboren sind, mag ich nicht. Ich bin im perfekten Körper geboren! Es gab nur eine Zeit, in der ich mich mit einzelnen Teilen meines Körpers nicht wohl fühlte und sie modifizieren wollte, um mich in diesem Körper 100% wohl zu fühlen. Das war vor zehn Jahren, als ich eine Operation hatte, um mir die Brüste entfernen zu lassen. Seit dem Moment ist mein Körper einfach perfekt, so wie er ist.

    Was bedeutet der Begriff „Transition“?
    Transition beschreibt den (medizinischen, rechtlichen, sozialen, körperlichen) Prozess von Menschen, die sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifizieren, ihre Geschlechtsidentität und ihr körperliches Erleben zum Ausdruck zu bringen und anzunähern.

    Wie war der Weg zur OP?

    Schwierig! Fachlich kompetente Informationen zum Thema Transition zu finden ist nicht einfach. Man muss alles selbst herausfinden: Was will ich? Welche Möglichkeiten habe ich? Außerdem dauert es in Deutschland in der Regel ein bis zwei Jahre vom Antrag bei der Krankenkasse bis zur OP. Und die Anträge werden oft auch abgelehnt. Dann geht man in Berufung und wartet dann wieder auf die Bearbeitung, bis man endlich das OK bekommt. Ich hätte das psychisch und physisch nicht länger ausgehalten, weil ich die Brüste abgebunden und alles ganz platt gedrückt hatte. Das heißt, dein Brustkörper ist permanent komprimiert, du kannst nicht atmen, nicht wirklich aufrecht gehen, du hast Rückenschmerzen. Also habe ich meine Brustoperation in den USA machen lassen. Ich musste zwar selbst viel bezahlen, aber so konnte ich einen ganz schlimmen Prozess mit der Krankenkasse umgehen und schneller an mein Ziel kommen.

    Was bedeutet der Begriff „cis Männer“?
    Cis Männern wurde bei der Geburt das Geschlecht „männlich“ zugeschrieben und sie identifizieren sich auch zum jetzigen Zeitpunkt noch damit.

    Fehlen der Infrastruktur der queeren Szene Deutschlands Präventionsbotschaften und Organisationen für trans* Personen?

    Absolut! Auch wenn Deutschland generell bei der Gesundheitsversorgung ein großartiges Land ist, gilt das jedoch nicht für trans* Personen, weil es viel zu wenig Wissen über unsere Körper und Bedürfnisse gibt. Selbst in den queeren Initiativen, die sich für die Gesundheitsversorgung einsetzen, muss einfach auch viel mehr getan werden, damit wir auch gesehen werden und wirklich mitagieren dürfen. Also dass nicht irgendetwas für uns von irgendwem gemacht wird, sondern dass wir es als Community selbst für uns machen dürfen.

    Zum Beispiel Präventionskampagnen: Wenn keine trans* Personen mitarbeiten, wie weiß man dann, wie man die Community am Besten adressiert? Wenn auf allen Plakaten nur schwule cis Männer zu sehen sind, aber keine trans* Personen, fühle ich mich nicht angesprochen. Da muss man einfach hinschauen, wie man die Communities repräsentiert, wie man mit ihnen zusammenarbeitet, um wirklich die bestmögliche Arbeit zu machen, die auch die Bedürfnisse der Community widerspiegelt. Ich arbeite vornehmlich im Bereich der HIV-Prävention, speziell für trans* Personen, und sehe, wie viel Arbeit jetzt noch getan werden muss.

    Schwul. Trans*. Teil der Szene!
    Unsere Broschüre „Schwul. Trans*. Teil der Szene!“ bietet schwulen trans* und cis Männern, gender-nonconforming und nicht-binären Menschen, die sich der schwulen Community zugehörig fühlen unter anderem alle Infos zum respektvollen Umgang innerhalb unserer vielfältigen Szene, zu schwulem Sex sowie zum Schutz vor HIV (Safer Sex). Kurze Infos zur Trans*-History und bedeutenden Aktivist*innen sowie Links zu mehr Infos runden die Broschüre ab. Du findest sie unter iwwit.de/trans!
    Max lächelt in die Kamera.
    Max möchte sich verstärkt mit der hohen Selbstmordrate unter queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen befassen.

    Wie kann deine Arbeit und die Community von deinem Sieg als Mr. Gay Germany profitieren?

    Durch die gesteigerte Sichtbarkeit, die ich nun bekomme, folgen mir mehr Menschen in den sozialen Medien, oder ich werde zu verschiedenen Veranstaltungen eingeladen. Das gibt mir mehr Reichweite und wirkt sich natürlich auch auf meine Arbeit aus, weil mehr Menschen die Problematik und die schwierige Situation mitbekommen und hellhörig werden.

    Was war deine Motivation, an dem Wettbewerb teilzunehmen?

    In den sozialen Medien bin ich durch Zufall darüber gestolpert und habe gesehen, dass es nicht nur ein Schönheitswettbewerb ist, sondern Inhalte im Vordergrund stehen. Jede Person muss sich für ein bestimmtes Thema einsetzen und eine Kampagne dafür ins Leben rufen. Ich fand das ziemlich cool und hab mich damit auseinandergesetzt. Da ich als trans* Person immer wieder Anfeindungen aus der schwulen Community bekomme, dachte ich mir außerdem, dass ich bei so einem Contest den Leuten zeigen möchte, dass wir trans* Personen sehr wohl Teil der Community sind.

    „Nur weil sie sich nicht vorstellen können, mit einer trans* Person Sex zu haben, heißt das nicht, dass das für alle in der schwulen Community gelten muss.“

    Du erlebst also Diskriminierung aus der schwulen Community?

    Die schwule Community ist eine meiner Communities und ich fühle mich da zu Hause. Teilweise erlebe ich aber Dinge wie „Du hast hier nichts zu suchen“ oder „Das ist kein „richtiger“ Mann, also kannst du nicht in der schwulen Community sein”. Vielleicht fehlt es hier ein wenig an Aufklärung: Nicht jeder muss mich attraktiv finden oder sich vorstellen, mit mir ins Bett zu gehen. Ich will auch nicht mit jedem Menschen ins Bett. Aber nur weil ich mir persönlich etwas nicht vorstellen kann, oder etwas nicht mag, heißt das nicht, dass andere das nicht mögen könnten. Nur weil sie sich nicht vorstellen können, mit einer trans* Person Sex zu haben, heißt das also nicht, dass das für alle in der schwulen Community gelten muss.

    „Man muss meine Identität nicht nachvollziehen können, um mich zu akzeptieren.“

    Was würdest du diesen Leuten sagen?

    Wir als trans* Personen nehmen niemandem irgendetwas weg. Ich will kein Geschlecht abschaffen. Ich möchte einfach nur mit Respekt und Würde leben dürfen, wie alle Menschen auch. Man muss meine Identität nicht nachvollziehen können, um mich zu akzeptieren. Ich kann auch vieles nicht nachvollziehen. Aber das heißt nicht, es darf nicht existierten, nur weil ich es nicht verstehe. Dennoch ist dies der beste Beweis dafür, dass meine Arbeit für mehr Trans*-Sichtbarkeit immer noch gebraucht wird, und in der Tat wirken solche Kommentare für mich wie Benzin in meinem Motor. Das ist genau der Grund, warum ich mehr tue.

    „Solche Kommentare wirken für mich wie Benzin in meinem Motor.“

    Zurück zum Wettbewerb: Wie lief er ab?

    Es ging alles relativ zügig. Ich bewarb mich Ende Oktober online, eine Woche später hatte ich mein erstes Telefoninterview. Dann musste ich in den nächsten drei Tagen eine Community-Kampagne entwickeln. Ich überlegte mir eine Kampagne und stellte sie vor. Kurze Zeit danach erfuhr ich, dass ich im Halbfinale bin. Zwischen Halbfinale und Finale muss man die Kampagne weiter aufbauen, um der Jury im Finale zu zeigen, wie man weiter daran arbeitet. Genau sechs Wochen nach dem ersten Telefonat kam dann das Finale.
    Die anderen Mitstreiter waren unterschiedlichen Alters und Herkunfte. Auch nicht alle waren total schlank und nur muskulös, sondern hatten einfach auch unterschiedliche Körperformen. Ich fand es schön zu sehen, dass es nicht nur um muskelbepackte cis Männer geht. Es war eine kurze intensive Zeit, aber als ich meinen Namen im Finale hörte, war das ein unbeschreiblicher Moment. Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen.

    Worum geht es in deiner Kampagne?

    Sie nennt sich #ProudToBeAlive (stolz darauf, am Leben zu sein) und befasst sich mit der hohen Selbstmordrate unter queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Denn leider ist dies ein Thema, über das wir selten sprechen. Ich möchte diese Situation auf zwei Schienen verbessern: Zum einen durch die Schaffung einer professionellen Krisenhilfestruktur für junge LSBTQIA+ in Form einer Online-Beratung parallel zu einer Telefonberatung, durch die Hilfe in akuten Situationen angeboten wird.

    Und auf lange Sicht möchte ich die Sichtbarkeit von queeren Menschen in der Kinder- und Jugendliteratur erhöhen. Wenn queere Kinder und Jugendliche in Kinderbüchern sehen, dass es andere Menschen gibt, die genauso sind wie sie – wenn sie sich selbst also immer wiederfinden – bekommen sie das Gefühl, dass sie nicht allein sind. Und dass man so, wie man ist, in Ordnung ist. Ich glaube, wenn sie das von klein auf mitbekommen, könnten sie ein ganz anderes Leben führen, als wenn sie allein damit zurechtkommen müssen. Anfang April kommt mein erstes trans*-empowerndes Kinderbuch auf Deutsch und Englisch heraus, es heißt „Egal was sich ändert, das Herz bleibt genau dasselbe“.

    Max, viel Erfolg damit und vielen Dank für das Interview!

    Trans* Männer, nicht-binäre und gender non-conforming Personen sind Teil der schwulen Szene! Erfahre jetzt mehr über unsere Kampagne „Schwul. Trans*. Teil der Szene!“ Klicke auf neu.iwwit.de/trans!

    Gay Health Chat
    Du suchst jemandem zum Reden? Jemanden, der dir zuhört und eventuell Rat hat? Dann chatte mit Beratern aus der Community unter www.gayhealthchat.de!
    Hinweis
    Es gibt Situationen, die sind alles andere als leicht. Hier gibt es Hilfe:
    – Telefonseelsorge: 0800-1110111 und 0800-1110222
    Stiftung Deutsche Depressionshilfe

  • Arztwahl & Behandlung bei HIV

    Arztwahl & Behandlung bei HIV

    Arztwahl & Behandlung

    Eine frühzeitige HIV-Therapie ermöglicht dir ein gutes und langes Leben. Wichtig ist, dass du zusammen mit einer Spezialistin oder einem Spezialisten die Behandlung findest, die zu dir passt. Dabei kommt es nicht nur auf die Medikamente an, sondern auch auf Vertrauen: Du solltest dich in der Praxis gut aufgehoben fühlen und das Gefühl haben, alles ansprechen zu können, was dir wichtig ist.


    Schutz durch Therapie

    Wenn du als HIV-positiver Mann eine HIV-Therapie einnimmst und sich in deinem Blut dauerhaft keine Viren mehr nachweisen lassen, kann HIV beim Sex nicht mehr übertragen werden. Das nennen wir Schutz durch Therapie.

    Wichtig ist dabei, dass du deine HIV-Medikamente zuverlässig einnimmst. Nur so kann die Therapie dauerhaft wirken. Ob das gelingt, wird regelmäßig von deinem Arzt oder deiner Ärztin kontrolliert – in der Regel alle drei Monate.


    Arztwahl

    Wenn du ein HIV-positives Testergebnis erhalten hast, solltest du dich möglichst bald medizinisch untersuchen und beraten lassen. Am besten wendest du dich an eine HIV-Schwerpunktpraxis oder an eine Ärztin bzw. einen Arzt mit HIV-Schwerpunkt.

    Eine früh begonnene HIV-Therapie kann dir ein langes und gutes Leben ermöglichen. Um die für dich beste Behandlung zu finden, ist eine Beratung durch erfahrene Expert*innen besonders wichtig. Sie können mit dir besprechen, wann der richtige Zeitpunkt für den Therapiebeginn ist und welche Behandlung am besten zu deiner Lebenssituation passt.

    Wenn du in einem Dorf oder in einer kleineren Stadt wohnst, gibt es dort vielleicht keine Schwerpunktpraxis oder lokale Aidshilfe. Dann kann es sinnvoll sein, in die nächstgrößere Stadt zu fahren, um dich dort von Spezialist*innen beraten zu lassen.


    Noch ein paar Tipps

    Hör auf dein Bauchgefühl: Fühlst du dich bei deinem Arzt oder deiner Ärztin wohl? Könnt ihr offen über die Themen sprechen, die dir wichtig sind? Das ist entscheidend, denn HIV-Medizinerinnen begleiten ihre Patientinnen oft über einen langen Zeitraum.

    Besprich vor Beginn der HIV-Therapie alles in Ruhe, was für dich wichtig ist – zum Beispiel die verschiedenen Therapieformen, die Wirkung der Medikamente und mögliche Nebenwirkungen.

    HIV-Medikamente müssen immer zu festgelegten Zeiten eingenommen werden. Gerade zu Beginn der Behandlung kann es zu Nebenwirkungen wie Durchfall, Kopfschmerzen oder Übelkeit kommen.

    Wenn diese Beschwerden nach einigen Wochen nicht verschwinden, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Oft kann gemeinsam geprüft werden, ob die Medikamentenkombination angepasst werden sollte. In der Regel gibt es mehrere Möglichkeiten der Kombinationstherapie. So lassen sich Nebenwirkungen oder auch Resistenzen besser vermeiden.