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  • Queerfeindliche Übergriffe: Interview mit MANEO

    Queerfeindliche Übergriffe: Interview mit MANEO

    Bastian, könntest du uns bitte das Ergebnis des MANEO-Reports näher bringen?

    Im Berichtsjahr 2022 konnten wir in Berlin etwas mehr Fälle als im Vorjahr erfassen (2022: 760, 2021: 731). Von diesen Fällen wiesen 557 Fälle LGBTIQ*-feindliche Bezüge auf (2021: 527). Dies ist für uns auch bedeutsam, da wir dadurch in unserer Beratung deutlich stärker gefordert waren, als im Vorjahr. Einerseits haben wir es geschafft, etwa 50% der Fälle, die bei uns gemeldet wurden, aus dem Dunkelfeld herauszuholen – also das, was der Polizei nicht bekannt ist. Dunkelfeld bezeichnet sowohl Fälle, die bei uns eingegangen sind, aber nicht bei der Polizei angezeigt wurden, als auch Fälle, die nirgendwo gemeldet wurden. In anderen Fällen haben uns die Betroffene berichtet, dass sie die Fälle bereits bei der Polizei zur Anzeige gebracht haben. Zudem konnten wir in einem weiteren Teil unserer Arbeit über Medien recherchieren, da die Polizei regelmäßig Fallbeispiele über ihre polizeiliche Pressestelle veröffentlicht.

    Wie vergleichbar sind die Ergebnisse mit anderen Städten oder Bundesländern?

    Das Bundeskriminalamt veröffentlicht eine bundesweite Statistik über die von der Polizei erfassten LGBTIQ*-feindlichen Übergriffe, jedoch werden die Zahlen nicht nach Städten sondern Bundesländer ausgewiesen. Insofern können wir hier zumindest für das Land Berlin auf Zahlen zurückgreifen, die es in dieser Menge und Anzahl weder in Hamburg noch in Bremen als Stadtstaaten gibt, geschweige denn in ganz Nordrhein-Westfalen oder Bayern. 

    Ja, wir haben hier in Berlin viel mehr Zahlen! Das liegt aber nicht daran , dass Berlin besonders homo-, trans*- oder LGBTIQ*-feindlich sei, sondern dass wir hier sehr gute Instrumente geschaffen haben, damit Menschen auch schneller einen Fall melden und die Strafverfolgungsbehörden effektiv die Fälle verfolgen können. Das ist hier in Berlin zwar sehr gut ausgebaut, aber noch nicht so, wie es sein soll. Es sind einerseits schon sehr gute Voraussetzungen geschaffen worden. Andererseits müssen die jetzt aber noch weiter verbessert werden.

    Im aktuellen Report werden im Vergleich zum Vorjahr mehr Fälle festgestellt, die nicht bei der Polizei gemeldet wurden. Woran liegt das?

    Das hat viele Gründe. Entweder schaffen wir es durch unsere Arbeit, mehr Menschen dazu zu bringen, mit uns zu sprechen, die vorher weder mit uns, noch der Polizei gesprochen haben. Oder wir haben es geschafft, dazu beizutragen, dass die Menschen zu uns wiederkommen, wenn wieder was passiert ist. 

    Es gibt auch noch viele andere Argumente. Wir haben zum Beispiel auch Betroffene, denen das schon mehrfach passiert ist. Irgendwann haben sie keine Lust mehr, Anzeige zu erstatten, weil denen das zu viel Stress macht. Zum Beispiel hat mir eine trans* Person mal gesagt: „Ich kann nicht jeden Tag drei, vier Strafanzeigen erstatten, das schaffe ich nie.“ 

    „Ich kann nicht jeden Tag drei, vier Strafanzeigen erstatten.“

    Das hat etwas mit den Bedingungen zu tun und nicht mit der Polizei. Wir versuchen aber weiterhin die Türen zur Polizei zu öffnen, aber ich kann auch verstehen, wenn manche sagen, das sei ihnen zu viel.

    Warum hat die Zusammenarbeit zwischen MANEO und der Polizei in diesem Jahr nicht stattgefunden?

    Seit 2021 hat die Generalstaatsanwaltschaft der Polizei untersagt, einen Austausch über statistische Informationen fortzusetzen. Es ging um anonymisierte statistische Daten, die wir zuvor mit der Polizei ausgetauscht hatten, um unsere Präventionsarbeit zu verbessern. Die Polizei hat uns bis dahin stets ein paar wenige anonymisierte Informationen gegeben: Datum Uhrzeit, Ort des Vorfalls. 

    Beispielsweise, wenn wir festgestellt hatten, dass es seit zwei oder drei Wochen mehr Überfälle im Tiergarten gibt, dann hatten wir sofort reagiert und unsere Vorort-Mitarbeiter*innen in den Tiergarten geschickt, so wie die Polizei auch. Wir boten vor Ort eine Infostelle an oder sind mit den Menschen dort ins Gespräch gekommen. Wir konnten reagieren. Oder wenn es irgendwo gehäuft Vorfälle gab, dann konnten wir in den sozialen Medien auf eine erfhöhte Gefährdung aufmerksam machen.

    Diesen Austausch gibt es leider nicht mehr, weil die Polizei aus Datenschutzgründen noch nicht einmal über anonymisierte Eck-Informationen mit uns sprechen darf nachdem der Datenschutzbeauftragte der Generalstaatsanwaltschaft rechtliche Probleme festgestellt hatte.

    Wir haben diesen Austausch jahrelang machen können – ohne Probleme. Dadurch konnten wir unsere Präventionsarbeit jedes Jahr verbessern, da wir viel miteinander kommuniziert haben, immer unter Einhaltung des Datenschutzes. Das war für uns völlig selbstverständlich.

    Die Kommunikation mit der Polizei bzw. unsere Vermittlung zwischen den Opfern und der Polizei ist selbstverständlich noch immer da, aber sie ist sehr erschwert worden.

    Welche Arten von Übergriffen werden im Report erfasst?

    Die Mehrheit der Fälle, die wir hier erfasst haben, finden in den Straßen und in der Öffentlichkeit statt – einschließlich Übergriffe in den öffentlichen Verkehrsmitteln, hier haben wir besonders viele Fälle erfasst. Darüber hinaus haben wir auch Fälle erfasst, die sich in sozialen Medien oder im Internet ereignet haben, wie beispielsweise Hass im Netz. Es gibt auch andere Regionen, in denen Übergriffe auftreten. z.B. in Schulen und Bildungseinrichtungen.

    Ist euch ein Muster aufgefallen, wo und wann die Übergriffe am häufigsten auftreten?

    Das ist schwer zu erfassen! Es ist ein bisschen mehr am Wochenende, aber vor allem an Orten oder in Momenten, in denen LGBTIQ* öffentlich sichtbar sind: Cafés, Bars, Clubs und Events. Sobald sie in der Öffentlichkeit sichtbar sind, besteht da immer eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es zu Provokationen, Beleidigungen oder Belästigungen kommt, sowohl tagsüber als auch nachts. Eine große Vielzahl der von uns erfassten Übergriffen findet in Schöneberg statt, aber auch in Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln und Mitte. Dies sind die Schwerpunktorte, die wir auch im letzten Jahr wieder erfasst haben.

    Kürzlich wurden mein Freund und ich als schwules Paar auf der Straße von einer Gruppe junger Männer angespuckt, was in mir sowohl Wut als auch Angst auslöste. Nun frage ich mich, wie ich am besten mit dieser Situation umgehen sollte?

    Keine Konfrontation! Wenn die Situation schon so aggressiv ist, sollte man nicht zu der Aggression beitragen, sondern sofort die Polizei anrufen und sagen: „Ich bin gerade an diesem Ort und wurde als schwuler Mann von Leuten angespuckt. Bitte kommen Sie schnell, die Täter sind jetzt noch gerade hier, oder ich beobachte, wo sie hingehen.“ Dann kommt die Polizei und stellt die Identität der Täter*innen fest und dann kann ein Strafantrag erstattet und eine Strafverfolgung gegen die Täter*innen eingeleitet werden. Das ist eine sehr effektive Maßnahme, um etwas zu bewirken und sich wehrhaft zu zeigen.

    Gleichzeitig: Wer sich hilflos in diesen Situationen fühlt, kann mit uns darüber reden, um sich zu stärken, Handlungsoptionen zu verbessern, oder diese Übergriffe zu verarbeiten. Wenn weitere Hilfe erforderlich wäre, können wir auch vermitteln und Kontakte herstellen. 

    Wichtig ist nur, sich nicht hängen zu lassen, nicht zu akzeptieren, dass das angeblich normal wäre. Das ist nicht normal. Wir müssen alle auch eine Haltung einnehmen und deutlich machen, das akzeptieren wir nicht. Und das fängt bei uns allen an. Auch bei Zeug*innen, die Übergriffe beobachtet haben. Sie haben die Täter*innen gesehen, oder sie können bestätigen, dass das passiert ist. Es ist deshalb wichtig, dass auch Zeug*innen sich bei uns melden. Vor wenigen Tagen haben wir eine Pressemeldung der Polizei über die sozialen Medien weiter kommuniziert. Eine Stunde später hat sich bei uns ein Zeuge gemeldet und gesagt: „Ich war dabei und habe das gesehen. Wenn das Opfer Hilfe braucht, stehe ich zur Verfügung.“ Dann haben wir auch wieder den Kontakt mit der Polizei hergestellt.

    Wichtig ist, sich nicht hängen zu lassen, nicht zu akzeptieren, dass das angeblich normal wäre. Das ist nicht normal.

    Wie trägt MANEO zur Gewaltprävention bei, welche Arbeit wird hier geleistet? 

    Die Gewaltpräventionsarbeit, die wir in erster Linie leisten, besteht darin, schwule, bisexuelle und andere MSM über Gefährdungen und Gefahren zu informieren. Eine unserer Hauptaufgaben ist, uns an die Szenen zu wenden und sie anhand unterschiedlichen Informationen und Materialien zu sensibilisieren. Wir haben verschiedene Themen, mit denen wir uns mit Infomaterial an die Öffentlichkeit wenden, auch über soziale Medien. Unsere Schwerpunktthemen, zu denen wir bislang gearbeitet haben, sind homofeindliche Beleidigungen, homofeindliche Raubstraftaten, sexuelle Übergriffe, häusliche Gewalt, Zwangsverheiratung und KO-Tropfen. Dazu haben wir Material und bieten viele Informationen an, auf die die Menschen zurückgreifen und sich informieren können. Außerdem sind wir vor Ort und in den sozialen Medien unterwegs. Wir haben eine aktive Vorortarbeit, das heißt: Mitarbeiter*innen von uns sind mit Infoständen jede Woche in der Szene unterwegs: in Crusing-Gebieten, in Kneipen oder stehen vor und in Clubs. Das können wir aber nur mit den Ressourcen machen, die uns zur Verfügung stehen. 

    Und wie kann ein Gewaltopfer bei euch einen Übergriff melden? 

    Wir haben verschiedene Zugangswege, die man bei uns melden kann. Erstens kann man jeden Tag – auch am Wochenende – zwischen 17 und 19 Uhr bei uns anrufen. Darüber hinaus sind wir an Werktagen von Montag bis Freitag in der Bülowstraße 106 zwischen 17-19 Uhr persönlich erreichbar. Oder man kann uns eine E-mail schicken, bzw. über die sozialen Medien mit uns Kontakt aufnehmen. Es gibt auch auf unserer Homepage einen online Fragebogen, den man ausfüllen kann.

    Wir sind permanent im Terminproblem, weil wir völlig überlastet sind. Da muss sich was ändern.

    Was kommt jetzt? Arbeitet ihr mit der Politik zusammen, um Maßnahmen zu ergreifen?

    Wir gehen anhand des Reports in Gespräche mit der Politik und der Stadtverwaltung. Eine ganz große Baustelle spielt die Opferhilfe. Anhand unserer Zahlen können wir belegen, wie viel Arbeit wir haben. Aber auch gleichzeitig belegen, wie wenige Ressource zu unserer Verfügung stehen, um diese Arbeit zu machen. Wir sind permanent im Terminproblem, weil wir völlig überlastet sind. Da muss sich was ändern, wir brauchen mehr Ressourcen. Viele Menschen brauchen Hilfe, und diese Hilfe wird nicht geboten. Die psychische und auch die körperliche Gesundheit von LGBTIQ*-Menschen ist belastet. Das führt dann auch zu Erkrankungen, wenn die Menschen die Hilfe und Unterstützung, die sie brauchen, nicht bekommen. 

    Das andere ist präventionistische Strategien zu entwickeln und Maßnahmen zu verstärken: Nicht aufzuhören, Aufklärung an Schulen zu betreiben und Aufklärungsarbeit in Jugendeinrichtungen zu fördern. Das muss weiterlaufen und darf nicht gekürzt werden.

    Das sind alles wichtige Argumente, die wir vielen Einrichtungen und Organisationen mit unserem Bericht an die Hand geben können. Die Politik und die Verwaltung muss immer wieder gefördert werden, ihre Bemühungen im Kampf gegen LGBTIQ*-Feindlichkeit und Menschenfeindlichkeit nicht zu vernachlässigen, sondern fortzusetzen.

  • Sexarbeit in Berlin: Raus aus dem Schatten

    Sexarbeit in Berlin: Raus aus dem Schatten

    Welche Idee steckt hinter SMART Berlin – wen beratet ihr und wie läuft eine Beratung üblicherweise ab? 

    SMART Berlin ist eine Beratungsstelle und ein Infoprojekt für (cis und trans) männliche, nicht-binäre und trans weibliche Sexarbeitende. Unser Ziel ist es, den Sexarbeiter*innen vielseitigen Support anzubieten – sei es beim Einstieg, Ausstieg oder einer Umorientierung oder Professionalisierung. Wir bieten Beratung und Informationen zu allen möglichen Themen dieser Arbeit entsprechend: sexuelle Gesundheit, Rechte, Gesetze, Umgang mit Kund*innen und Kolleg*innen, benötigte Ressourcen usw. Sexarbeiter*innen können zu unseren regelmäßigen, wöchentlichen Beratungen kommen. Oder sie kontaktieren uns via Email, Telefon oder Social Media.

    In welcher Lebenssituation stehen die Menschen, die zu Euch kommen? 

    Die Menschen die zu uns kommen, stehen oft an unterschiedlichen Punkten in ihrer Karriere, aber haben alle den Wunsch, ihre Arbeit irgendwie professioneller, erfolgreicher und auch weniger prekär zu gestalten. Manche fangen gerade erst an, andere sind bereits lange dabei. Häufig haben die Leute ein konkretes Bedürfnis, wie bspw. einen STI-Test oder sind auf der Suche nach bestimmten Ressourcen. Oder sie sind sich unsicher, wie sie mit einem bestimmten Gesetz das ihre Arbeit betrifft, umgehen sollen. Da die Lebenswelten von Sexarbeitenden sich häufig ändern, sind viele oft auch nur zu Besuch in Berlin und wir sehen sie dann wieder, wenn sie wieder mal in der Stadt sind.

    Smart Berlin findet ihr unter www.smart-berlin.org

    Welche Fragen tauchen häufig auf?  

    Oft gestellte Fragen betreffen bspw. die sexuelle Gesundheit, welchen wir mit Aufklärung und der Möglichkeit, einen mit uns zusammenarbeitenden Arzt zu besuchen, begegnen. Auch gibt es häufig Unsicherheiten mit dem sogenannten ProstituiertenSchutzGesetz, welches bspw. eine Zwangsregistrierung von Sexarbeitenden vorsieht. Auch hier versuchen wir, möglichst gut über Risiken und auch Rechte aufzuklären. Ansonsten spielt natürlich der Arbeitsalltag eine große Rolle, der Umgang mit Kund*innen, das Bewerben der eigenen Dienstleistungen etc. Nicht selten haben die Menschen auch sehr persönliche Bedürfnisse auszuloten, wie sie mit anderen Lebensfaktoren, wie bspw. Migration oder Transidentität im Bezug auf ihre Arbeit umgehen können.

    Menschen in der Sexarbeit leben und arbeiten leider in einem Schattendasein, teilweise in regelrechten Doppelleben. Dies ist zurückzuführen auf die noch immer anhaltende soziale Stigmatisierung, institutionelle Diskriminierung, sowie gesetzliche Benachteiligung.

    Sex- Arbeit ist sicher weniger tabuisiert als früher – dennoch arbeiten die Menschen in einem Bereich, der gesellschaftlich wenig oder gar nicht anerkannt ist. Wie berührt das die Escorts, mit denen ihr sprecht? 

    Menschen in der Sexarbeit leben und arbeiten leider in einem Schattendasein, teilweise in regelrechten Doppelleben. Dies ist zurückzuführen auf die noch immer anhaltende soziale Stigmatisierung (bspw. mangelnde Akzeptanz von Familie und Freund*innen, mangelnde Wertschätzung der Arbeit und allgemein verbreitete Vorurteile), institutionelle Diskriminierung (wie bspw. auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder im Bankwesen), sowie gesetzliche Benachteiligung (bspw. durch die Pflicht zur Anmeldung oder das Überschneiden mit Migrationsauflagen).

    Bei vielen sorgt dies natürlich für Unsicherheiten und auch (existenzielle) Ängste. Manche verinnerlichen Gefühle von Scham, andere wiederum sind sehr stolz auf sich selbst und ihre Arbeit und fordern die ihnen zustehenden Rechte und Anerkennung. Die Reaktionen auf diese komplexen Probleme sind also sehr verschieden, aber alle sind sich einig, dass ihnen eine bessere Behandlung durch die Gesellschaft aber auch den Staat und die Politik zusteht. 

    An der Stelle sehen wir auch eine gesellschaftliche Verantwortung: In Diskussionen werden Begrifflichkeiten wie (Zwangs-)Prostitution, Menschenhandel und Sexarbeit immer wieder vermischt, was letztendlich allen Betroffenen schadet und ihnen nicht die entsprechend notwendige Unterstützung bietet. Wir sollten den betroffenen Menschen zuhören und sowohl Zwang in den Ursachen abwenden, als auch Sexarbeitende in ihren Bedürfnissen entgegenkommen und sie in ihren Lebenslagen unterstützen.

    In Diskussionen werden Begrifflichkeiten wie (Zwangs-)Prostitution, Menschenhandel und Sexarbeit immer wieder vermischt, was letztendlich allen Betroffenen schadet.

    Nun hatten wir zwei bis drei Jahre Pandemie, wie hat das denn die Sex-Arbeit insgesamt verändert?  

    Während der Pandemie haben die bereits bestehenden Probleme stark zugenommen. Einnahmen gingen den Bach herunter, die Obdachlosigkeit nahm zu. Viele mussten irgendwie weiter arbeiten aber wollten gleichzeitig gesund bleiben. Zeitweise gab es das Verbot zur Sexarbeit, welches als eine der letzten COVID-Maßnahmen gelockert wurde – zu einer Zeit als Clubs, Restaurant und Massagesalons bereits lange wieder offen hatten. Die ohnehin schwierige Situation wurde ausgenutzt, um Forderungen vom Verbot der Sexarbeit salonfähiger zu machen, Sexarbeiter*innen wurden teilweise in alter Manier als Gesundheitsrisiko angekreidet. Natürlich geht da bei den Betroffenen auch Vertrauen verloren, wenn solche diskriminierenden Äußerungen fallen. Wir haben bemerkt, dass das Klima gegen Sexarbeitende teilweise rauer und auch aggressiver wurde, sowohl politisch als auch auf der Straße.

    Gleichzeitig wurden natürlich auch Beratungsstellen wie unsere durch COVID in ihrer Arbeit beeinträchtigt, weswegen wir Unterstützung nicht in einem Ausmaß anbieten konnten wie wir gerne hätten oder wie sie gebraucht gewesen wäre. Wir bemerken, dass die psychische Gesundheit, soziale Isolation, der Verlust von Kontakten und auch der Konsum von Drogen seit der Pandemie vermehrt aufkommende Themen sind.

    Sexarbeiter*innen haben aber unglaublich viel Geduld und Raffinesse, sich an wechselnde Bedingungen anzupassen und einen eigenen Umgang mit diesen zu finden. Gerade der Zugang zu Resourcen und der Austausch mit Kolleg*innen sind hier entscheidende Kriterien, um einen Unterschied zu machen.

    Wir leben in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, beeinflusst das eurer Ansicht nach auch die Sexarbeit?  Können Sexarbeiter*innen noch von ihrer Arbeit leben?

    Natürlich beeinflusst die schwierige Wirtschaftslage auch Sexarbeitende. Nicht nur, dass weniger Geld für sexuelle Dienstleistungen ausgegeben wird und somit weniger Einkommen vorhanden ist, auch sind die Lebenserhaltungskosten gestiegen und mehr Geld geht für Miete, Essen, Kleidung usw. drauf. Wie in allen selbstständigen Berufen, ist es häufig unklar, wieviel Geld man tatsächlich verdienen wird. Mal gibt es einen guten Monat der Rücklagen erlaubt, mal gibt es einen schlechten Monat bei welchem man ans eigene Ersparte muss. Eine Zukunftsplanung ist dadurch nochmal weitaus schwieriger. Viele Sexarbeiter*innen sind daher auch oft in anderen Jobs tätig oder nutzen ihre Skills für andere Berufe, und sorgen somit für eine Art Grundsicherung. Nichtsdestotrotz schätzen viele die Sexarbeit als eine zeitlich relativ flexible und eigenständige Arbeit, um Einkommen zu erzielen. Die ökonomischen Umstände sind für alle Sexarbeitenden sehr verschieden und individuell geprägt. Es gibt Menschen, die mittels Sexarbeit der Armut entkommen wollen und dennoch prekär leben und arbeiten und es gibt genauso Menschen, die sexuelle Dienste sehr erfolgreich anbieten und dies als Vollzeitjob und einzige Verdienstquelle betreiben. In beiden Fällen muss die Tätigkeit als Arbeit verstanden und respektiert werden und der Fokus sollte darauf liegen, wie die Menschen besser, sicherer und selbstbestimmter arbeiten und leben können. Was den Unterschied macht und die Erfahrungen beeinflusst sind häufig sich überschneidende Formen von Diskriminierung oder Privilegien: Sprachkenntnisse, Migrationsstatus, Gender, unterschiedlicher Zugang zu Ressourcen oder Communities etc. Dies alles macht leider einen Unterschied auch im Verdienst und Arbeitsalltag.

    PrEP ist in der Szene ein großes Thema.  Wie geht ihr damit um, was ratet ihr?  Auch im Hinblick auf Geschlechtskrankheiten und sexuelle Gesundheit insgesamt? 

    Unsere Gesundheitsberatung beinhaltet natürlich auch das Thema PrEP und wir raten zur Einnahme von PrEP und vermitteln an Stellen um diese zu erhalten. Gleichzeitig klären wir auch auf, dass PrEP eben nur vor HIV schützt, aber nicht vor anderen, teils sogar häufiger vorkommenden Geschlechtskrankheiten. Daher raten wir zur gleichzeitigen Verwendung von Kondomen – zumal die Nutzung von Kondomen auch im sog. ProstituiertenSchutzGesetz vorgeschrieben ist. [Anmerkung der Redaktion: Kondome schützen vor einer HIV-Übertragung. Sie senken außerdem auch das Risiko, sich mit anderen Geschlechtskrankheiten anzustecken. Einen vollständigen Schutz bieten sie gegen Geschlechtskrankheiten jedoch nicht. Deswegen sind regelmäßige Tests wichtig. Mehr Infos unter neu.iwwit.de/kondome.] Viele Sexarbeitende sind daran interessiert sich nicht mit Geschlechtskrankheiten anzustecken, schließlich ist der eigene Körper auch irgendwo ein Arbeitsmittel und bei einem Ausfall gäbe es keine bezahlte Krankschreibung. Daher stoßen wir auf Interesse und Eigeninitiative bei diesem Thema und merken, dass viele Sexarbeitende bereits mindestens ein gewisses Grundwissen zu dem Thema haben und sich weiter informieren möchten.

    Caspar ist Sexarbeiter. Und er ist trans*männlich. Caspar mag seinen Beruf. Für ihn ist Sexarbeit ein Job, wie jeder andere auch, den er mal toll, mal scheiße findet. Um sich vor HIV zu schützen, nimmt Caspar die PrEP.

    Sex unter Drogeneinfluss, bzw. Substanzen ist ja auch ein Thema, das die Szene beschäftigt.  Was ratet ihr Leuten, die zu euch kommen?  

    Unser Ansatz ist derjenige der sogenannten „Harm Reduction“, also der Reduzierung von Gefahren. Wir klären auf zum sichereren Gebrauch von Drogen oder vermitteln bei Bedarf an medizinisches Personal und Suchthilfen. Bzgl. der Arbeit denken wir, dass es am Besten ist, nüchtern zu arbeiten, auch um möglichen Gefahrensituationen besser begegnen zu können. Doch der Bedarf an Chemsex von Seiten der Kundschaft ist teilweise hoch. Daher appellieren wir auch an die Kundschaft, fair und verantwortungsbewusst beim Buchen sexueller Dienstleistungen zu handeln.

    Aktuell wird das sog. „ProstituiertenSchutzGesetz“ eher als Schikane, Diskriminierung und (Teil-)Kriminalisierung wahrgenommen, denn als Schutz. Was es wirklich bräuchte, wäre eine gesetzliche Gleichbehandlung und die Festschreibung von tatsächlichen (Arbeits-)Rechten – unter Beteiligung und Anhörung von den Sexarbeitenden selbst.

    Ihr seid ja kein aktivistisches Bündnis, aber dennoch die Frage: Habt ihr Forderungen an die Politik, etwa an den Senat, was sich beim Thema Sexarbeit verändern müsste?  Was wünschen sich die Escorts? 

    Als geförderte Beratungsstelle stehen wir im Austausch mit dem Senat und versuchen in verschiedenen Arbeitskreisen unsere Expertise einzubringen. Wir sehen uns dabei klar an der Seite von Sexarbeitenden und versuchen ihre Lage wo möglich zu verbessern. Da die Sexarbeit ein zutiefst politisiertes und reguliertes Berufsfeld ist, haben wir natürlich auch Perspektiven auf die Politik, die vom Kontakt mit unserem Klientel beeinflusst werden. In Berlin haben wir an dem „Runden Tisch Sexarbeit“ mit Senat, Behörden, Betreiber*innen und Sexarbeitenden teilgenommen. Dabei wurden sehr gute Handlungsempfehlungen erarbeitet, welche bisher jedoch nur unzureichend umgesetzt werden. Wir wünschen uns, dass diese Ideen schneller und besser umgesetzt werden. Gleichzeitig müssen Projekte, die Sexarbeitende unterstützen oder sogar von diesen selbst angeführt werden, weiter gefördert und ausgebaut werden.

    Was wir von Sexarbeitenden oft hören, ist dass sie sich eine Überarbeitung der aktuellen Gesetzeslage wünschen. Aktuell wird das sog. „ProstituiertenSchutzGesetz“ eher als Schikane, Diskriminierung und (Teil-)Kriminalisierung wahrgenommen, denn als Schutz. Was es wirklich bräuchte, wäre eine gesetzliche Gleichbehandlung und die Festschreibung von tatsächlichen (Arbeits-)Rechten – unter Beteiligung und Anhörung von den Sexarbeitenden selbst. Solch ein Gesetzestext wäre auch eine wichtige Voraussetzung um der anhalten Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeitenden zu begegnen. Wir müssen hier zum einen bessere Aufklärung in der Gesellschaft leisten, aber auch Gleichbehandlung und eine Verbesserung der Lebenslagen gesetzlich verankern. Wenn aktuell Sexarbeit haufenweise Sonderregelungen unterzogen wird, sie als unmoralisch oder als Gesundheitsrisiko dargestellt werden, dann ist es nicht verwunderlich wenn Diskriminierung gegen Sexarbeitende anhält und sogar existenzielle Probleme durch Institutionen verursacht, bspw. wenn sich jemand nicht für eine Wohnung bewerben kann, weil der Job nicht angegeben werden kann oder wenn eine Bank mal wieder das Konto einer Person in der Sexarbeit sperrt. Wir wünschen uns daher, dass unsere und die wichtige Arbeit anderer Kolleg*innen weiter fortgesetzt und gefördert wird, dass Betroffene selbst mehr Unterstützung erhalten, dass ihre Bedürfnisse auch durch gesetzliche Rechte Antwort erhalten und dass der vielseitigen Diskriminierung und Stigmatisierung durch Aufklärung und Gleichbehandlung begegnet wird.


    HIV-Schutz in der Sexarbeit? Trans* Mann Caspar setzt auf die PrEP! Schau dir hier das Video dazu an: https://www.youtube.com/watch?v=Vxwz_OHgwEU
  • Intersektionalität: Was bedeutet das?

    Intersektionalität: Was bedeutet das?

    Die Geschichte des Begriffs „Intersektionalität“ beginnt in den 1980er Jahren. Ende dieses Jahrzehnts sah sich die afro-amerikanische Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw Rechtssprechungen nach Diskriminierungsklagen vor Gericht an. Dabei bemerkte sie, dass das Rechtssystem einige Lücken aufwies. Als beispielhaft gilt hier wohl der Fall DeGraffenreid v. General Motors. Der Autohersteller General Motors hatte Ende der 70er Jahre fast alle Schwarzen Arbeiterinnen entlassen. Daraufhin wurde General Motors verklagt. Der Vorwurf: Das Unternehmen handele rassistisch und sexistisch.

    Das Gericht erkannte die Diskriminierung nicht

    Doch das Gericht entschied, dass es sich hier gar nicht um Rassismus handeln kann: Denn schließlich arbeiteten bei der Firma noch immer Schwarze Männer. Auch um Sexismus könnte es sich laut Gericht nicht handeln. Immerhin arbeiteten noch immer viele Frauen in dem Betrieb: weiße Frauen. Das Gericht betrachtete Rassismus und Sexismus als getrennte Phänomene.

    Kimberlé Crenshaw kritisierte, dass Rassismus und Sexismus nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Vielmehr verschränken sich die beiden Diskriminierungsformen hier. Diese Verschränkung nannte sie „Intersektionalität“. Der Begriff kommt vom englischen Wort „intersections“, was so viel wie „Überkreuzungen“ bedeutet. Und damit zeigt sich, wie Intersektionalität oft missverstanden wird: Es handelt sich eben nicht um eine bloße Addierung von Sexismus und Rassismus. Vielmehr entseht bei dieser Überkreuzung eine ganz neue Form der Diskriminierung. Das heißt, dass diese Schwarzen Frauen Erfahrungen gemacht haben, die weder Schwarze Männer, noch weiße Frauen erleben.

    Intersektionalität ist keine Addition von Diskriminierung

    Das gleiche gilt natürlich auch für die Vielfalt schwuler, bisexueller und anderer Männer, die Sex mit Männern haben. Ein Schwarzer schwuler Mann macht Erfahrungen, die weiße schwule Männer nicht machen. Ebenso macht er Erfahrungen, die Schwarze heterosexuelle Männer nicht haben. Genau so macht ein schwuler trans* Mann Erfahrungen, die weder heterosexuelle trans* Männer, noch schwule cis Männer machen. Und ähnlich macht ein schwuler Mann, der einen Rollstuhl benutzt, Diskriminierungserfahrungen, die weder nicht-behinderte schwule Männer machen, noch behinderte heterosexuelle Männer.

    Das ist mit dem Konzept der Intersektionalität gemeint. Er fordert dabei, dass der Blick für Diskriminierungsmechanismen verschärft wird und mehr im Detail hingeschaut wird. Sonst läuft man wiederum Gefahr, Diskriminierung nicht als solche zu erkennen. So wie das vor Gericht bei General Motors der Fall war. Kimberlé Crenshaw selbst meinte dazu:

    „Intersektionalität ist eine Brille, durch die man sehen kann, wo Macht entsteht und kollidiert, wo sie ineinandergreift und sich überkreuzt. Es geht nicht einfach darum, dass es hier ein Race-Problem, hier ein Geschlechterproblem und dort ein Klassen- oder LBGTQ-Problem gibt. In diesem Rahmen wird oft ausgeblendet, was mit den Menschen geschieht, die von all diesen Dingen betroffen sind.“

    Kimberlé Crenshaw
  • Mpox-Eindämmung: Erfolg der Community?

    Mpox-Eindämmung: Erfolg der Community?

    Es waren Schlagzeilen, die wohl niemand lesen wollte: Im Mai 2022 berichteten Medien inmitten der Corona-Pandemie von einem “Affenpocken-Ausbruch” in Europa. Das Virus verbreitete sich alsbald auf dem ganzen Kontinent mit einer Geschwindigkeit, die Expert*innen Sorgen bereitete.

    Doch die Mehrheitsbevölkerung schien schon bald aufzuatmen. Zwar handelt es sich bei den “Affenpocken” nicht um eine Geschlechtskrankheit im engeren Sinne, das Virus kann bereits über engen Hautkontakt weitergegeben werden. Doch die überwiegende Mehrheit der Infizierten waren, und sind noch immer Männer, die Sex mit Männern haben. Laut dem Robert Koch-Institut sind von landesweit insgesamt 3.670 Fällen (Stand: 6. Dezember) bislang nur 19 weibliche Fälle, vier Fälle bei männlichen Jugendlichen und zwei Fälle bei Kindern unter 14 Jahren übermittelt worden.

    Dieser Umstand führte in der internationalen Berichterstattung dazu, dass “Affenpocken” von einigen Medien bald schon fälschlicherweise als “Schwulenkrankheit” betitelt wurden. Das weckte bei so manchem dunkle Erinnerungen an den diskriminierenden und fehlerhaften Umgang der Medien mit der Aids-Krise der 1980er Jahre. Auch damals wurden HIV und Aids als Angelegenheit abgetan, die nur schwule Männer betrifft. 

    Stigmatisierung der Communitys

    “Dadurch, dass die Gruppe von schwulen und bisexuellen Männern die meisten Fälle ausgemacht hat, klang es in der Berichterstattung zum Teil so, als wäre es eine Krankheit, die nur schwule Männer betrifft” erzählt Timo. Der 27-jährige Studierende lebt in Berlin und heißt eigentlich anders. Doch weil das Thema immer noch mit Stigmata belastet ist, möchte er lieber anonym bleiben. “Verbunden mit dem Namen ‚Affenpocken‘ hat sich das sehr diskriminierend angefühlt”, sagte er weiter. 

    Dass der Name “Affenpocken” für Betroffene stigmatisierend wirkt, hat auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkannt. “Nach Beratungen mit globalen Experten wird die WHO damit beginnen, die neue bevorzugte Bezeichnung Mpox als Synonym für Affenpocken zu verwenden.” So steht es in einer Erklärung der Organisation.

    “In Clubs haben Frauen zu mir gesagt, dass sie nicht aus meiner Flasche trinken wollen, weil wir Gays mit den Affenpocken zu tun haben”

    Timo

    Doch nicht nur die Berichterstattung empfand Timo als problematisch. Ebenso sei es schwierig für ihn gewesen, wie Menschen außerhalb der Communitys mit dem Ausbruch umgegangen seien: “In Clubs haben Frauen zu mir gesagt, dass sie nicht aus meiner Flasche trinken wollen, weil wir Gays mit den Affenpocken zu tun haben”, berichtet der Wahlberliner. 

    Doch die wohl unrühmlichste Rolle während des Mpox-Ausbruchs hat der Staat eingenommen. Sein Agieren bzw. Nicht-Agieren während der Hochphase ließ viele ratlos und wütend zurück. Denn die Impfkampagne gegen das Virus verlief vielerorts verspätet – selbst als der Impfstoff teilweise schon zur Verfügung stand. Es schien fast so, als hätte man nichts aus der Corona-Pandemie gelernt.

    Das misslungene Impfmanagement und seine weitreichenden Folgen

    Ausgerechnet Berlin fiel mit seinem konsequent misslungenen Impfmanagement negativ auf. Dabei war die Stadt der Mpox-Hotspot Deutschlands, nirgends infizierten ich so viele Menschen mit dem Virus wie in Berlin. Laut dem Tagesspiegel lagerte die Metropole zwischenzeitlich rund 8.000 Impfdosen, die aufgrund bürokratischer Hindernisse nicht verabreicht werden konnten.

    Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe, sagte zu dieser Zeit gegenüber dem rbb: “Da müssen sich die Verantwortlichen die Frage gefallen lassen, ob sie den Schutz der Betroffenen, also vor allem von Männern, die Sex mit Männern haben, wirklich ernst nehmen.”

    “Da müssen sich die Verantwortlichen die Frage gefallen lassen, ob sie den Schutz der Betroffenen, also vor allem von Männern, die Sex mit Männern haben, wirklich ernst nehmen.”

    Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe

    Das misslungene Impfmanagement führte nicht nur dazu, dass Impfwillige nicht an das Vakzin kamen und die Gefahr, sich anzustecken, somit hoch blieb – sondern hatte laut Dirk Sander, ebenfalls von der Deutschen Aidshilfe, viel weitreichendere Folgen: “Es war auch Wut und Trauer in den Communitys zu verspüren, weil man sich schon auf einen relativ Corona-freien Sommer gefreut hatte. Die Psyche war bei einigen nicht die Beste. Ich hörte auch aus der Szene, dass der Konsum von Alkohol und anderen Drogen in dieser Zeit ‚teilweise suizidal‘ gewesen sei.”

    Viele schwule und bisexuelle Männer fühlten sich laut Sander schlichtweg im Stich gelassen: “Besonders Aussagen, wie: ‚Die sollen mal die Füße stillhalten, dann braucht es auch keine Impfung‘ haben zu diesem Gefühl beigetragen”, erklärt er. 

    Wie schwer es zu Beginn war, an eine Impfung zu kommen, weiß auch Timo: “Ich habe versucht, bei meinem Hausarzt einen Impftermin zu bekommen.” Doch ihm wurde gesagt, er solle es in vier bis sechs Wochen noch mal versuchen. Auch bei der eigens eingerichteten Impf-Hotline wurde der Studierende vertröstet. Schnell machte sich deshalb ein Gefühl der  Ernüchterung bei ihm breit – und das Gefühl, auf sich alleine gestellt zu sein. 

    Eindämmung des Virus dank der Communitys

    Deshalb beschloss er, sein Sexualverhalten proaktiv einzuschränken. “Freunde haben mir berichtet, wie schmerzhaft eine Infektion sein kann. Das hat mich einfach zu sehr beunruhigt”, erklärt er. Auch vor der dreiwöchigen Isolation fürchtete er sich. “Mitten im Sommer drei Wochen lang alleine in meiner Wohnung verbringen zu müssen – davor hatte ich einfach zu viel Angst.” 

    Auch Maurice, der eigentlich anders heißt, und sein Partner, mit dem der 29-Jährige in einer offenen Beziehung lebt, entschlossen sich dazu, selbst aktiv zu werden: “Wir haben radikal auf jegliche sexuelle Abenteuer verzichtet”, berichtet er. Und auch er musste lange auf eine Impfung warten: “Ich habe 25 Praxen angeschrieben, bis ich nach ungefähr drei Wochen einen Termin bekommen habe”, so Maurice. 

    “Es ist schon belegt, dass schwule und bisexuelle Männer schon nach den ersten Medienberichten ihr Verhalten angepasst haben. Ansonsten wäre der Verlauf der Epidemie gar nicht erklärbar.”

    Dirk Sander, Deutsche Aidshilfe

    So wie Timo und Maurice schränkten auch viele andere Männer, die Sex mit Männern haben, ihr Sexualverhalten ein. Sander sagt dazu: “Es ist schon belegt, dass schwule und bisexuelle Männer schon nach den ersten Medienberichten ihr Verhalten angepasst haben. Ansonsten wäre der Verlauf der Epidemie gar nicht erklärbar. Die Impfungen kamen ja recht spät und dann häppchenweise.” Laut dem RKI ist die Zahl der Mpox-Fälle seit August rückläufig, seit Mitte Oktober wurden nur noch Fallzahlen im einstelligen Bereich berichtet. Während der Hochphase seien es 420 Fälle pro Woche gewesen.  

    Ein Erfolg, den sich also wohl nicht der Staat, sondern die Communitys auf die Fahne schreiben dürfen. Aber hat der Mpox-Ausbruch doch langfristige Folgen? Ist schwulen und bisexuellen Männern womöglich der Spaß und die Lust am Sex vergangen? Dazu sagt Sander: “Anhand interner Statistiken aus dem Freizeitbereich schwuler Männer, konnte man deutlich sehen, dass sich die Stimmung wieder drehte: nachdem zunehmend mehr Leute geimpft, und die Zahlen zurückgingen, hat sich das Verhalten wieder normalisiert. Zum Glück!”

    Mittlerweile ist der Impfstoff laut der Ständigen Impfkommission (STIKO) in ganz Deutschland verfügbar. Wer bisher nur eine Dosis oder noch gar keine erhalten hat, sollte mittlerweile also einfach und zügig an einen Termin kommen. Die Exptert*innen-Gruppe rät allen, die das Vakzin bisher nur einmal verabreicht bekommen haben, zu einer zweiten Dosis. Wer sich noch nicht hat impfen lassen, sollte dies laut der STIKO nachholen. “Der Ausbruch ist noch nicht beendet…” 

    Weitere Infos zu Mpox
    Mpox heilen zum Glück in der Regel von alleine wieder aus, können aber sehr unangenehme und schmerzhafte Symptome haben. Der beste Schutz ist die Impfung. Sie ist kostenlos und auch für Menschen ohne Versichertenkarte möglich.

    Alle Infos findest du auf Deutsch, Englisch, Ukrainisch und Russisch unter neu.iwwit.de/mpox.
  • Slamming und Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Slamming und Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Immer mehr Schwule greifen zur Nadel, um sich Drogen und Potenzmittel zu spritzen (Slamming). Dass sie dabei auch ein hohes HIV- und Hepatitis-Risiko eingehen, ist vielen nicht klar. Höchste Zeit also, die Safer-Use-Regeln einzuüben, um die Risiken beim Spritzen zu senken. Von Florian Winkler-Ohm

    Slamming & Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Alkohol und andere Drogen gehören für viele schwule Männer seit je zu (Sex-)Partys dazu. In der letzten Zeit aber findet man an Orten, an denen Männer Sex mit Männern haben, immer häufiger auch Nadeln und Kanülen – die „traditionell“ wohl eher mit Heroinabhängigen in Verbindung gebracht werden.

    Spritzen heißt jetzt Slamming

    Beim Slamming spritzen sich viele Konsumierende Methamphetamin – auch bekannt als Crystal Meth, Tina, Ice oder Tweak. Die Droge wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Japan entwickelt. Im Zweiten Weltkrieg nutzten deutsche Soldaten sie massenhaft unter dem Namen Pervitin. Sie sollte wach machen und Ängste im Gefecht unterdrücken – bekannt wurde sie als „Panzerschokolade“ oder „Stuka-Tablette“.

    Seit etwa zwei Jahren ist Crystal Meth in der Partyszene wieder auf dem Vormarsch – zumindest laut Medienberichten. Immer mehr konsumieren es per Spritze, also intravenös. Früher wurde es meist geraucht, geschluckt oder gezogen. Der Grund: mehr Lust, intensiverer Sex, länger „fit“ bleiben. Doch das führt oft zu tagelanger Schlaflosigkeit.

    Eine Studie des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung der Uni Hamburg untersucht derzeit im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums die Verbreitung und Folgen von Meth-Konsum.

    Crystal macht schnell abhängig. Es kann Körper und Psyche langfristig stark schädigen. Doch auch abseits der direkten Wirkungen gibt es Risiken. Die Droge senkt Schmerzgrenzen und steigert Risikobereitschaft. Das führt zu langen, harten Sessions – oft ohne Kondome. Schleimhäute werden stark belastet. So steigt das Risiko für HIV, Hepatitis und andere Infektionen.

    Laut Studien sind bis zu 75 % der Crystal-Konsumenten HIV-positiv. Bei langen Sessions werden HIV-Medikamente oft vergessen. Das kann zu Resistenzen führen und eine neue Therapie nötig machen.

    Wenn die Spritze günstiger als Viagra ist

    Doch nicht nur bei Drogen sind vermehrt Spritzen im Spiel. Auch um eine verlässliche Potenz zu haben, injizieren sich immer mehr Schwule Mittel wie Caverject oder Androskat in den Penis-Schwellkörper; das ist mittlerweile billiger als Viagra und vergleichbare Substanzen. Die Wirkung ist eine ein- bis zweistündige Erektion – bei korrekter Handhabung und richtiger Dosierung. Bei Überdosierung und Überempfindlichkeit gegenüber den erektionsfördernden Wirkstoffen kann es zu einer schmerzhaften Dauererektion kommen. Sollte diese länger als vier Stunden anhalten, droht eine Schädigung des Penisgewebes, die unter anderem zum dauerhaften Verlust der Erektionsfähigkeit führen kann.

    Slamming & Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Doch das sind nicht die einzigen Risiken der Potenzspritzen. Da der Inhalt für bis zu drei Anwendungen reicht, werden Spritzen bei einer Sexsession nicht selten an den oder die Partner weitergegeben. Tibor Harrach, Pharmazeut und Drogenexperte, warnt eindringlich vor diesem „Needle-Sharing“: „Bei der Injektion kann es zu einer kleinen Blutung an der Einstichstelle kommen. Dadurch kann sich bei Patienten, die an einer durch Blut übertragbaren Infektionskrankheit leiden, das Risiko einer Übertragung der Infektion auf den Partner erhöhen. Insbesondere bei Hepatitis B und C reicht für eine Infektion bereits eine unsichtbar kleine Blutmenge aus.“

    Teile niemals deine Spritze mit jemand anderem

    Harrach fordert klare Präventionsbotschaften – so wie sie seit Jahren für Heroin-Konsumierende gelten. Der wichtigste Satz für ihn: „Teile niemals deine Spritze mit jemand anderem.“

    Statt auf Anklage und moralische Verurteilung zu setzen, plädiert er für Aufklärung, Beratung und akzeptierende Ansprache der Szene.

    Zudem rät er zu Impfungen gegen Hepatitis A und B sowie zu regelmäßigen Tests auf Hepatitis C. Denn: Wird Hepatitis C früh erkannt, lässt sich eine Chronifizierung meist verhindern – und auch die Ansteckung weiterer Personen vermeiden.

    Informationen zur Risikominimierung beim Drogengebrauch und wichtige Regeln im Umgang mit verschiedensten Substanzen findest du auf unserer Themenseite Drogen. Eine Anleitung dazu gibt es in der Broschüre „Safer Use“. Diese kannst du hier downloaden.

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  • Pornokonsum: Wie viel Porno ist ungesund – wie schädlich sind Pornos?

    Pornokonsum: Wie viel Porno ist ungesund – wie schädlich sind Pornos?

    Harte Zeiten für Sexfilmfans.

    Wissenschaftler warnen vor Nebenwirkungen.

    Wieviel Porno ist ungesund?

    Machen Pornos tatsächlich impotent und abhängig?

    Ein Bericht über die richtige Dosis und überraschende Gemeinsamkeiten zwischen Teenagern und Häftlingen.

    Schlechte Nachrichten aus Großbritannien. Nach dem Brexit droht der Sexit: Immer mehr junge Briten kriegen keinen mehr hoch, warnte die Psychotherapeutin Angela Gregory von den Nottingham University Hospitals im August 2016. Auslöser sollen ausgerechnet die Filme sein, die viele Männer erst so richtig heiß machen. Pornos – so befürchtet Angela Gregory – verursachen Impotenz, oder medizinisch korrekt: erektile Dysfunktion. Immer mehr männliche Teenager und Mitzwanziger kommen in Gregorys Praxis und klagen über Flaute im Bett, ein Leiden, das bisher erst im hohen Alter auftrat. „Inzwischen frage ich als erstes nach den Porno- und Masturbationsgewohnheiten“, erklärte Gregory auf BBC Newsbeat. „Sie können der Grund sein, warum diese jungen Männer keine Erektion aufrechterhalten können, wenn sie mit einem Partner zusammen sind.“

    Porno und Pornokonsum: Wie oft wird geschaut?

    Sollte an der strammen These etwas dran sein, sieht es schlecht aus für schwule Männer. Pornogucken gehört für sie zum Alltag. Das belegt eine Umfrage, die das schwule Gesundheitsmagazin FS im Sommer veröffentlicht hat, passenderweise in England. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, aber liefern Hinweise, wie selbstverständlich Schwule Pornografie konsumieren. 52 Prozent der Befragten gönnen sich mehrmals pro Woche Sexvideos. Ein knappes Drittel klickt sogar täglich auf Redtube & Co. Die allermeisten bleiben höchstens eine halbe Stunde dran. Nur 7 Prozent gucken mehr als 60 Minuten am Stück. Der größte Unterschied zur letzten Erhebung: 60 Prozent der User gucken Pornos mittlerweile auf dem Handy. 2012 war es nur ein Viertel. Das bedeutet: Pornos sind noch leichter verfügbar.

    Porno ist die natürlichste Sache der Welt

    Auch Hannes aus Hamburg schaut regelmäßig und hat bisher keine gesundheitlichen Nebenwirkungen bemerkt. Im Gegenteil: „Porno ist die natürlichste Sache der Welt“, sagt der 51-Jährige. Drei- bis viermal die Woche schaut er Pornos – auf Handy oder Tablet, seltener auf DVD. „Das kann schon mal ne Stunde gehen“, berichtet Hannes. „Ich gucke sehr bewusst und genieße das.“ In seinem Lieblingsgenre treffen Männer und Frauen aufeinander. Weil mehr Männer beteiligt sind, ficken sie sich gegenseitig. „Ich habe eine Tendenz zu etwas dominanteren Videos, wo eine Person benutzt wird“, gesteht Hannes. Dabei unterscheidet der Freiberufler klar zwischen Fick und Fiktion: Echte Sexerlebnissen und Pornos sind für ihn grundverschiedene Dinge. „Natürlich sind die Pornos unterbewusst in mir drin, aber ich spiele keine Szenen nach. Wenn ich Sex habe, ist der total von der Situation und von meinem Gegenüber abhängig. Das ist oft sehr überraschend.“

    Pornokonsum: Wo endet der Genuss und ab wann beginnt die pornosucht?

    Auch Marcus Behrens hält Pornos für gesundheitlich unbedenklich. Der Diplom-Psychologe arbeitet unter anderem für das Mann-O-Meter, einem Berliner Informationszentrum für schwule Männer. „Pornografie und Sex sind erst einmal jedermanns Privatsache“, betont der 48-Jährige. „Wenn es für mich d’accord ist und ich niemanden schädige, dann ist das kein psychisches Problem – und es geht auch niemanden sonst etwas an.“

    Bisher zumindest verursachen Pornos keinerlei Beschwerden bei den Männern, die im Mann-O-Meter um Rat fragen. Wenn sie überhaupt zur Sprache kommen, dann in Verbindung mit einer sogenannten Onlinesucht. „Einige unserer Klienten haben das Gefühl: Ich kriege den Kopf nicht mehr aus dem Rechner raus“, berichtet Marcus Behrens. „Das geht bei Facebook los und hört bei Gayromeo nicht auf.“ Die Zahl der Fälle habe aber in den vergangenen zehn Jahren nicht zugenommen – trotz Smartphone und Flatrate.

    Wo endet der Genuss, und wo beginnt die Sucht? Eine klare Grenze lässt sich auch beim Pornokonsum nur schwer ziehen. „Ein mögliches Anzeichen ist, wenn ich mir ohne Pornos keinen mehr runterholen kann.“

    Symbolbild für Pornokonsum: Männer in intimer Sauna-Szene – Nähe, Sexualität und mögliche Abhängigkeit im Kontext schwuler Sexualität.

    Pornokonsum im Check: Ab wann wird Porno Sucht und schadet im Alltag?

    Auch wenn es im Beratungsalltag von Marcus Behrens selten vorkommt: Porno hat das Potential zum Rauschmittel. Schon 2014 verkündete das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Pornovideos verändern das Gehirn. Die Wissenschaftler scannten die Gehirntätigkeit von 64 Männern und stellten fest, dass bei den Probanden, die regelmäßig Sexfilme sahen, das Belohnungssystem des Gehirns auffällig klein war. „Das könnte bedeuten, dass der regelmäßige Konsum von Pornografie das Belohnungssystem gewissermaßen ausleiert“, erläutert Studien-Autorin Simone Kühn. Die Forscher vermuten eine ähnlichen Effekt wie bei anderen Suchtmitteln: Der User muss die Dosis ständig steigern, um einen lustvollen Effekt zu erzielen.

    Aber wo endet der Genuss, und wo beginnt die Sucht? Eine klare Grenze lässt sich auch beim Pornokonsum nur schwer ziehen. „Ein mögliches Anzeichen ist, wenn ich mir ohne Pornos keinen mehr runterholen kann“, sagt Marcus Behrens. Ein weiteres Indiz: Schadet mir der Spaß schon im Alltag? Riskiere ich zum Beispiel eine Abmahnung, indem ich auf dem Bürorechner Pornoseiten aufrufe? Wie bei allen Abhängigkeiten gilt auch hier: Sobald Kollegen, Freunde oder Familienmitglieder in Mitleidenschaft gezogen werden, sollte man sein Konsumverhalten unter die Lupe nehmen.

    Ursache für den übermäßigen Konsum von Sexfilmen – wie auch echtem Sex – sind laut Marcus Behrens in vielen Fällen Einsamkeits- und Minderwertigkeitsgefühle. Bei schwulen Männern oft verstärkt durch Selbsthass, Fachleute sprechen dann von internalisierter Homophobie. „Die Betroffenen haben das Gefühl: Irgendwas läuft bei mir nicht richtig“, erklärt Behrens. „Dann suchen sie – bewusst oder unbewusst – nach einer Lösung und probieren verschiedene Hilfsmittel aus.“ Pornokonsum sei nur eines unter vielen. Meist wirken mehrere zusammen. „Es hängt stark davon ab, welcher Suchtstoff verfügbar ist und bei mir funktioniert“, erläutert Marcus Behrens. „Für den einen ist es Einkaufen, für den anderen Porno.“

    Symbolbild für intensiven Pornokonsum, Suchtverhalten und die Frage, ab wann Porno den Alltag belastet.

    Pornokonsum einordnen: Kein Automatismus zur Porno Sucht

    Das heißt aber nun nicht, dass jeder, der Pornos guckt, in Gefahr schwebt. „Es ist sinnvoll, Menschen zu helfen, die unter ihrer Sexualität leiden“, betont Marcus Behrens, „aber gerade wenn es um Pornokonsum und Sexualität geht, heißt es immer schnell: Uiuiui, das ist entweder krank oder kriminell. Diese Moralisierung ist falsch.“ Die meisten Männer könnten ihren Pornokonsum problemlos dosieren.

    Und auch die Warnung vor pornobedingter Impotenz hält der Berliner Psychologe für übertrieben – auch wenn seine britische Kollegin auf ein interessantes Phänomen hingewiesen habe: Erektionsstörung durch zu viel Fantasiesex. Den Effekt kennen Psychologen von Strafgefangenen. Auch die kriegen oft keinen hoch, wenn sie nach einer langen Haftstrafe endlich wieder mit ihrem Freund oder ihrer Freundin schlafen dürfen. Sie haben verlernt, mit einem Menschen Lust zu empfinden, den sie nicht nur sehen, sondern auch riechen, schmecken und fühlen. „Das Hirn ist dann auf Fantasie gepolt“, erklärt Marcus Behrens. „Geil ist nur noch das, was vor meinem inneren Auge abläuft – eine Art Porno, bei dem ich Regie führe.“ Die jungen Engländer stehen vermutlich vor ähnlichen Anpassungsschwierigkeiten: Sie müssen von zweidimensionalen Pornos auf dreidimensionalen Sex umschalten – mit einem Partner aus Fleisch und Blut. Aber keine Sorge, sagt Marcus Behrens: „Sexualität kann man immer wieder neu lernen.“

    FAQ zu Porno und Pornokonsum: Genuss, Risiko, Pornosucht

    In diesem FAQ zu Porno und Pornokonsum beantworten wir häufige Fragen: Was ist Porno, ab wann wird Pornokonsum zur Pornosucht, welche Rolle spielt das Gehirn und woran merke ich, dass es mir oder meinem Alltag schadet?

    Was ist Porno eigentlich?

    Porno meint bewusst sexuell erregend produzierte Bilder oder Videos. Sie zeigen inszenierten Sex, sind geschnitten, ausgeleuchtet und folgen oft bestimmten Fantasien oder Klischees. Sie bilden Sexualität nur ausschnitthaft ab und sind kein realistischer Leitfaden für echten Sex.

    Ist Pornokonsum grundsätzlich ungesund?

    Nach heutigem Stand ist normaler Pornokonsum für viele Menschen unproblematisch. Entscheidend ist weniger, ob ich Porno schaue, sondern wie stark es mich beschäftigt: Habe ich noch Lust auf echten Kontakt, kann ich meinen Konsum steuern?

    Ab wann ist man porno süchtig?

    Es gibt keine fixe Zahl an Minuten oder Videos. Von problematischem Pornokonsum wird eher gesprochen, wenn mehrere Punkte zusammenkommen: Ich verliere Kontrolle über die Häufigkeit, kann ohne Porno kaum masturbieren, vernachlässige Schlaf, Arbeit, Beziehungen oder andere Interessen und leide selbst darunter.

    Können Pornos das Gehirn verändern?

    Studien zeigen, dass intensiver Pornokonsum mit Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns einhergehen kann. Ähnlich wie bei anderen Gewohnheiten kann sich das System an starke Reize gewöhnen, sodass manche Menschen immer mehr oder immer extremere Inhalte brauchen. Das bedeutet nicht automatisch Sucht, zeigt aber, dass Dosis und Kontext wichtig sind.

    Was sind Warnzeichen für problematischen Pornokonsum?

    Warnzeichen können sein: Ich brauche immer stärkere Reize, um mich zu erregen; ich fühle mich nach dem Schauen beschämt oder leer; ich nutze Porno vor allem gegen Einsamkeit, Stress oder Selbsthass; ich schaue trotz negativer Folgen weiter, etwa Konflikte in Beziehungen, Probleme im Job oder weniger Interesse an echten Begegnungen.

    Welche Rolle spielen Einsamkeit und Minderwertigkeitsgefühle?

    Viele Betroffene berichten, dass Pornokonsum zunimmt, wenn sie sich einsam, abgewertet oder „falsch“ fühlen. Porno bietet dann kurzfristig Ablenkung, Bestätigung oder Betäubung. Gerade bei queeren und schwulen Männern können zusätzliche Faktoren wie internalisierte Homophobie eine Rolle spielen.

    Was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, zu viel Porno zu schauen?

    Hilfreich kann sein, den eigenen Pornokonsum eine Zeit lang zu beobachten: Wann, wie oft, in welchen Situationen und mit welchem Gefühl davor und danach? Kleine Experimente wie pornofreie Tage, alternative Strategien gegen Stress oder bewusst mehr körperliche Nähe im realen Leben können Hinweise geben. Wenn Leidensdruck oder Kontrollverlust groß sind, ist eine Beratung oder Therapie eine gute Option.

    Ist es sinnvoll, Porno komplett zu verbieten oder moralisch zu verurteilen?

    Die meisten Fachleute sehen Moralisierung kritisch. Ein komplettes Verbot löst selten die zugrunde liegenden Themen wie Einsamkeit, Scham oder fehlende Nähe. Sinnvoller ist ein nüchterner Blick: Tut mir mein Pornokonsum gut, passt er zu meinem Leben – oder überdeckt er eigentlich andere Probleme?

    Wo finde ich Hilfe, wenn ich über Porno und Pornosucht sprechen möchte?

    Anlaufstellen können sexualpädagogische oder schwule Beratungsstellen, Suchtberatungen, psychotherapeutische Praxen oder Onlineberatungen sein. Wichtig ist, dass dort offen über Sexualität gesprochen werden kann, ohne Verurteilung. Ein Gespräch bedeutet nicht automatisch, dass man „süchtig“ ist, sondern kann helfen, Klarheit zu gewinnen.

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  • 5 Fragen an den Gay Health Chat

    5 Fragen an den Gay Health Chat

    Hallo Klaus! Herzlichen Glückwunsch zu fünf Jahre Gay Health Chat! Was genau ist der Gay Health Chat und an wen richtet er sich?

    Vielen Dank!

    Der Gay Health Chat ist eine Internet-Beratung. Er funktioniert ohne Anmeldung und ist kostenlos. Er richtet sich an Schwule und an alle Männer, die Sex mit Männern haben. Dazu gehören auch trans* Männer, sowie nicht-binäre und gender non-konforme Menschen, die sich der schwulen Community zugehörig fühlen.

    Warum wurde der Gay Health Chat geschaffen?

    Kleine Beratungsstellen und Aidshilfen haben einfach nicht immer das Geld oder die Ressourcen, einen Online-Chat auf die Beine zu stellen. Beim Gay Health Chat stellt die Deutsche Aidshilfe die Technik zur Verfügung und sorgt für gute Qualität. Die Berater schalten sich dann aus 46 Beratungsstellen dazu: aus Österreich, Deutschland und aus der Schweiz.

    Wer berät beim Gay Health Chat und wie werden die Berater geschult?

    Alle, die bei uns arbeiten, haben eine Ausbildung zum HIV-/STI-Berater bei der Deutschen Aidshilfe gemacht. Und wir schulen alle regelmäßig in Onlinekommunikation, weil es ja viel schwieriger ist, beim Tippen und ohne Sichtkontakt einzuschätzen, wie es dem anderen geht. Dieses Jahr kommt noch eine Zusatzausbildung zum Ersthelfer bei psychischen Gesundheitsproblemen dazu. Unsere Berater sind alle selbst schwul oder queer und arbeiten z.B. bei schwulen Checkpoints, im IWWIT-Team oder bei Aidshilfen – eine ganz bunte Mischung.

    Mit was für Fragen kommen die Menschen in den Gay Health Chat?

    Meistens haben die Fragen mit Sex zu tun. Wir sind ja die Aidshilfe und kennen uns da besonders gut aus. Seit Corona gibt es aber auch immer mehr Leute, die uns anchatten, weil sie sich scheiße fühlen, einsam sind, nicht klarkommen. Denen können wir auch helfen.

    Welche Themen sind den Menschen vielleicht noch nicht so bewusst, bei denen ihr aber dennoch beraten könnt?

    Wir tauschen uns viel aus und haben in den letzten Jahren viel über Drogen beim Sex gelernt: Warum ist das besonders geil und welche Schritte sind nötig, wenn es nicht mehr lustig ist – da können wir inzwischen gute Hilfe anbieten. Außerdem hat jeder Berater sein Coming-Out als schwuler Mann erlebt und kann deswegen alle anderen gut verstehen, die das Thema gerade umtreibt. Wie werde ich ein selbstbewusster, mutiger Mensch in dieser Welt? Das zu vermitteln ist unser Ziel.

    Klaus, vielen Dank für das Gespräch!

    Ihr erreicht den Gay Health Chat unter gayhealthchat.de.
    Alles zum schwulen Leben findet ihr unter iwwit.de/schwules-leben!
  • Der letzte 175er Häftling der Bundesrepublik

    Der letzte 175er Häftling der Bundesrepublik

    Knast für einvernehmlichen schwulen Sex: Erst 2004 wurde der letzte 175er Häftling nach zehnjähriger Freiheitsstrafe aus der Haft entlassen. Manuel Izdebski über eine unglaubliche Geschichte und den Irrsinn der Kriminalisierung.

    Rund 50.000 Schwule verurteilte die Bundesrepublik nach Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs wegen ihrer Homosexualität. Erst ab 1969 war der einvernehmliche Sex unter erwachsenen Männern nicht mehr straftbar – erwachsen hieß damals noch: mindestens 21 Jahre alt.

    Paragraph 175 im historischen Überblick

    1871

    Mit dem Strafgesetzbuch des Deutschen Reichs wurde der Paragraph 175 eingeführt. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe und prägte die staatliche Verfolgung homosexueller Männer über Jahrzehnte.

    1935–1945

    Im Nationalsozialismus wurde der Paragraph 175 massiv verschärft. Die Ausweitung der Strafbarkeit führte zu systematischer Verfolgung, Verurteilungen und Deportationen.

    Nach 1945

    Auch nach dem Ende des NS-Regimes blieb der Paragraph 175 zunächst bestehen. Erst schrittweise Reformen und gesellschaftlicher Wandel führten zu seiner vollständigen Abschaffung im Jahr 1994.

    Zur ausführlichen Geschichte des Paragraph 175

    Allerdings blieb der Paragraf in einer Jugendschutzversion bis 1994 erhalten und sorgte für ein unterschiedliches Schutzalter bei hetero- und homosexuellen Kontakten: Während homosexuelle Handlungen mit Minderjährigen grundsätzlich verboten waren, galt für heterosexuelle Kontakte ein absolutes Schutzalter von 14 Jahren.

    Aus der Zeit von 1969 bis 1994 stammen zusätzliche 4.500 Verurteilungen. Zu den Opfern dieser Kriminalisierung gehört Frank Schneider*, der 1994 in einem spektakulären Berufungsprozess zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Sein Vergehen: Er hatte als damals Anfang 30-Jähriger mehrfach einvernehmlichen Sex mit einem 17-jährigen Jugendlichen.

    Der Paragraf 175 des deutschen Strafgesetzbuches (Paragraf 175 StGB) existierte vom 1. Januar 1872 (Inkrafttreten des Reichsstrafgesetzbuches) bis zum 11. Juni 1994.

    Haft bis zuletzt – trotz Abschaffung des Paragraph 175

    Schneider gilt als der letzte 175er-Häftling der Bundesrepublik. Erst 2004 wurde er nach vollständiger Verbüßung seiner Freiheitsstrafe aus der Haft entlassen. Drei Gnadengesuche und mehrere Anträge auf vorzeitige Entlassung nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe lehnte die Justiz ab. Dass sein Vergehen nur wenige Monate nach dem Prozess durch die Abschaffung des Paragrafen 175 gar kein Straftatbestand mehr war, blieb ohne Bedeutung, denn Schneider hatte eine einschlägige Vorstrafe: Er war schon einmal wegen Sex mit einem 16-jährigen Jugendlichen verurteilt worden – für Heterosexuelle keine Straftat.

    „Während wir schon auf einem CSD tanzten, haben andere von uns noch im Knast gesessen“, kommentiert der Historiker Alexander Wäldner den Fall. Er forscht seit 15 Jahren zur Verfolgung der Homosexuellen. Auf das Schicksal von Frank Schneider wurde er durch einen Zufall aufmerksam: „Wir haben überhaupt nicht daran gedacht, dass noch jemand im Gefängnis sitzen könnte“, sagt er.

    Die Folgen der Verurteilung – ein zerstörtes Leben

    Schneider lebt heute fern seiner Heimat zurückgezogen in einer fremden Stadt. Er ist Frührentner und muss seine kleine Rente durch Grundsicherung aufstocken. Die Verurteilung hat seine bürgerliche Existenz vernichtet. Sein gesamter Besitz wurde während der Haft aufgelöst. Als verurteilter Sexualstraftäter konnte er nie wieder Fuß fassen und eine Arbeit finden. Eine Interviewanfrage lehnte er trotz Zusicherung auf Anonymität ab. Schneider will sich an das dunkle Kapitel seiner Lebensgeschichte nicht erinnern. Über einen Dritten hält Alexander Wäldner zu ihm Kontakt. Er beschreibt ihn als Mann aus einfachen Verhältnissen, der vor seiner Haftstrafe als Hilfsarbeiter seinen Lebensunterhalt verdiente und nie eine schwule Identität entwickelt habe. Auch habe sich seine einfache Bildung im Prozess als Nachteil erwiesen. „Andere hätten sich besser vor Gericht darstellen können“, erklärt Wäldner.

    Irrsinn der Kriminalisierung

    Schneiders Schicksal zeugt vom Irrsinn der Kriminalisierung. Die deutsche Justiz vollzog an ihm noch einmal mit aller Härte die staatliche Verfolgung der Homosexuellen, nur wenige Monate vor dem endgültigen Aus des berüchtigten Paragrafen.

    Schneider gehört zu den Fallgruppen, die laut Eckpunktepapier von Bundesjustizminister Heiko Maas einen Anspruch auf Entschädigung als Opfer des Paragrafen 175 erheben können. Dafür muss der Bundestag nun ein entsprechendes Gesetz verabschieden, das die verurteilten Männer auch rehabilitiert.

    „Wiedergutmachen kann man das nicht“, sagt der Historiker Wäldner, „aber man kann ein Zeichen setzen!“

    *Name von der Redaktion geändert

    Häufige Fragen zum Begriff „175er“

    Der Begriff „175er“ taucht häufig im Zusammenhang mit der Verfolgung homosexueller Männer in Deutschland auf.
    Hier beantworten wir zentrale Fragen zur Bedeutung des Begriffs und seinem historischen Kontext.

    Was bedeutet der Begriff „175er“?

    Als „175er“ wurden Männer bezeichnet, die nach dem Paragraphen 175 verurteilt wurden. Der Begriff war kein offizieller Rechtsbegriff, sondern eine informelle Bezeichnung für Betroffene staatlicher Strafverfolgung.

    Warum war der Paragraph 175 so folgenreich?

    Der Paragraph 175 stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Dadurch konnten homosexuelle Männer über Jahrzehnte hinweg verfolgt, inhaftiert und gesellschaftlich ausgegrenzt werden – oft mit lebenslangen Folgen.

    Warum saßen auch nach 1945 noch „175er“ im Gefängnis?

    Nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde der Paragraph 175 nicht sofort aufgehoben. In der Bundesrepublik Deutschland galt lange Zeit sogar die verschärfte NS-Fassung weiter, weshalb Verurteilungen auch nach 1945 möglich waren.

    Warum blieb die Abschaffung des Paragraph 175 für manche Betroffene ohne Wirkung?

    In vielen Fällen galten frühere Verurteilungen weiter als strafverschärfend. Auch wenn der Paragraph später abgeschafft wurde, hatte das für bereits verurteilte Männer oft keine rechtlichen Konsequenzen.

    Warum ist der Begriff „175er“ heute noch relevant?

    Der Begriff steht symbolisch für staatliches Unrecht und die lange Verfolgung homosexueller Männer. Er erinnert daran, dass rechtliche Diskriminierung reale Lebenswege zerstören kann.

    Blogbeiträge rund um queere Geschichte und Aufklärung

    Spannende Artikel zu queerer Geschichte, gesellschaftlichen Debatten und politischen Entwicklungen.

    Du brauchst jemanden zum Reden?

    Ob akut oder einfach zur Orientierung – manchmal hilft es, mit jemandem vertraulich zu sprechen.
    Nutze den Gay Health Chat – der Button rechts unten begleitet dich auf der Seite. Dort bekommst du anonym und kostenlos:

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  • Interview: Lutz hat MPX („Affenpocken“)

    Interview: Lutz hat MPX („Affenpocken“)

    Lutz, wie geht es dir?

    Momentan, elf Tage nach den Frühsymptomen geht es mir wieder gut, ich bin fast genesen. Schon am dritten Tag fühlte ich mich besser, zum Glück ging es bei mir schnell vorbei.

    Du bist der erste MPX-, also „Affenpocken“-Fall im Rhein-Erft-Kreis. Wie hast du gemerkt, dass etwas nicht stimmt?

    In der Nacht des 25. Mai, fünf Tage nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub in Maspalomas, traten die Symptome auf: Lymphknotenschwellung in der Leistengegend, 39 Grad Fieber und eine Pocke im Genitalbereich. In meinem Fall hat es etwa zwei Wochen ab der vermuteten Ansteckung auf Gran Canaria gedauert, bis die ersten Symptome auftraten. Mir wurde klar, dass es sich um MPX, also „Affenpocken“ handelte, weil ein Bekannter von mir – den ich zufällig im Urlaub traf – drei Tage vor mir positiv getestet wurde. Er erzählte mir von den Symptomen und riet mir, nach etwas Ähnlichem zu achten. Als ich also die gleichen Symptome hatte, ging ich direkt in die Notaufnahme der Uniklinik Köln, die einen Pockenabstrich und eine PCR durchführten. Am Freitag, dem 27. Mai, bekam ich dann den Anruf, dass ich positiv getestet wurde.

    Magst du erzählen, wie du dich infiziert hast?

    Wahrscheinlich auf dem Maspalomas Pride. Ich habe meinen deutschen Bekannten zufällig auf einer Party dort getroffen. Da hatten wir beide engen Körperkontakt, aber auch danach mit anderen auf privaten Sexpartys. Es waren viele Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern dabei. Darunter auch ein Berliner, der sich ebenso in Maspalomas infizierte.

    Wie verlief deine Infektion denn?

    Das Fieber ging in zwei Tagen schnell weg, aber die Schwellung der Lymphknoten hielt eine Woche lang an. Jetzt sind sie nur noch ganz leicht geschwollen, nicht mehr so stark wie früher. Ich hatte vier Pocken, eine im Genitalbereich, eine auf meinem rechten Oberarm, eine auf dem Po und die vierte auf dem Kopf unter meinen Haaren. Am Anfang sahen sie wie normale Pickel aus, danach hatten sie eine weißliche Kruste mit Flüssigkeit darin, etwa einen Zentimeter groß. Inzwischen sind drei davon kaum noch zu sehen. Die im Genitalbereich wird noch einige Zeit brauchen, um zu verschwinden. Ich musste keine Medikamente einnehmen, sie heilen von alleine ab.

    „21 Tage Isolation sind sehr hart für mich.“

    Es hört sich hart an, allein in der Isolation mit einem Virus, das nur wenige Menschen in Deutschland haben.

    Ich habe aber keine Angst vor der Krankheit, denn zum Glück habe ich einen sehr milden Verlauf. Jedoch sind 21 Tage Isolation sehr hart für mich. Ich fühle mich in dieser Zeit sehr einsam und allein: schreibe und telefoniere viel mit Freund*innen, Familie und Bekannten. Das hilft mir.

    Und wie war die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt?

    Gleich nach meinem positiven Testergebnis am 27. Mai rief mich das Gesundheitsamt an und teilte mir mit, dass ich für mindestens 21 Tage in Quarantäne gehen muss. Sie fragten auch nach den Kontaktpersonen. Außerdem rufen sie mich regelmäßig an und fragen nach der Entwicklung der Symptome. Bei mir endet die Quarantäne automatisch, wenn alles abgeheilt ist, ohne dass ich noch einmal vom Arzt untersucht werden muss, aber hier gehen die Gesundheitsämter unterschiedlich vor.

    „Ich glaube, dass es durch die Kontakte immer wieder Einzelfälle geben könnte, aber nicht zur Pandemie kommen wird.“

    Glaubst du, dass es einen Ausbruch in Deutschland geben könnte?

    Das Virus ist überhaupt nicht leicht übertragbar, man muss sich schon Mühe geben: Wir hatten sehr engen Körperkontakt. Ich glaube, dass es durch die Kontakte immer wieder Einzelfälle geben könnte, aber nicht zur Pandemie kommen wird.

    „Dass wir stark betroffen sind, ist richtig, aber von einer Risikogruppe zu sprechen, gefällt mir nicht.“

    In den Medien werden einige Ausdrücke verwendet, die Stigmatisierung und Diskriminierung schwuler und bisexueller Männer fördern könnten. Wie nimmst du diese Diskussion jetzt wahr?

    Sie ist teilweise stigmatisierend. Es ist klar, dass bei MPX mehr Schwule betroffen sind, aber es kann jeden treffen. Die Aufklärung, dass wir stark betroffen sind, ist richtig, aber von einer Risikogruppe zu sprechen, gefällt mir nicht. Der Sprachgebrauch erinnert stark an die 80er-Jahre, als HIV ausbrach und es sehr stigmatisierende Medienberichte gab. Wörter wie Risikogruppe sollten umformuliert und durch z.B „häufig betroffene Menschen” ersetzt werden.

    Wie reagieren die Menschen um dich herum? Helfen sie dir gerne oder hast du das Gefühl, dass es Vorurteile oder Ängste gibt?

    Mein Umfeld hat total cool reagiert und mir sofort Hilfe zum Beispiel beim Einkaufen angeboten. Ängste oder Vorurteile habe ich nicht gemerkt.

    „Es bringt nichts, beim Sex Angst zu haben. Angst nimmt einem den Spaß an Sex. Ich habe sehr gerne Spaß!“

    Mit dem, was du jetzt weißt und erlebst: Hättest du deinen Maspalomas-Urlaub anders machen wollen?

    Ich hätte den Urlaub nicht anders verbracht und genauso gemacht. Es bringt nichts, beim Sex Angst zu haben. Es kann immer passieren, dass man sich mit etwas ansteckt. Angst nimmt einem den Spaß an Sex. Ich habe sehr gerne Spaß! 

    Was sollte jetzt getan werden?

    Achtet auf die Verbreitung, betreibt Aufklärung! Ich zum Beispiel bekam die Symptome alle auf einmal. Aber bei meinem Bekannten kamen sie nach und nach. Die Symptome können also von Person zu Person abweichen. Man sollte in jedem Fall auf Symptome achten und sich testen lassen, wenn ein Verdacht entsteht. Außerdem ist es natürlich wichtig, Testkapazitäten aufzubauen.

    Weitere Infos zu MPX („Affenpocken“)
    MPX-Infos bei IWWIT: https://neu.iwwit.de/affenpocken

    MPX („Affenpocken“): Zahl der Fälle steigt, Impfung kommt

    MPX-Infos bei der Deutschen Aidshilfe: https://www.aidshilfe.de/affenpocken

    STIKO gibt Empfehlung zur Impfung gegen MPX („Affenpocken“) in die Abstimmung
  • MPX („Affenpocken“): Zahl der Fälle steigt, Impfung kommt

    MPX („Affenpocken“): Zahl der Fälle steigt, Impfung kommt

    Die meisten Fälle wurden aus Berlin gemeldet, weitere aus Nordrhein-Westfalen, Bayern Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

    Die europäische Gesundheitsbehörde ECDC hat bis zum 8. Juni 704 Fälle von MPXV-Infektionen in europäischen Ländern registriert (Statistik ohne das Vereinigte Königreich und die Schweiz). Weltweit wurden bisher 1176 Fälle bestätigt.

    Bisher vor allem schwule Männer betroffen

    Wie auch in den anderen Ländern außerhalb Afrikas betreffen die „Affenpocken“ (MPX) in Deutschland zurzeit vor allem schwule und bisexuelle Männer. Bisher wurde der Erreger hierzulande ausnahmslos bei Männern nachgewiesen, bei vielen liegt zudem die Information vor, dass sie Sex mit Männern hatten.

    Klar ist aber auch: Die Affenpocken können prinzipiell jeden betreffen. Wie das Virus in die schwule Community gelangt ist, ist noch nicht geklärt.

    Erste Fälle hat es laut Robert Koch-Institut bereits Ende April gegeben – also schon vor dem Maspalomas Pride auf Gran Canaria und dem Darklands-Festival in Antwerpen, bei denen offenbar zahlreiche Übertragungen stattgefunden haben. 

    Kein Grund zur Panik, aber zur Vorsicht

    Der Ausbruch der Affenpocken in immer mehr Ländern ist ungewöhnlich. Die Ursachen sind noch nicht geklärt. Fakt ist: Diese Erkrankung ist bisher in Europa kaum vorgekommen. Wenn Menschen sich auf einer Reise infiziert hatten, dann hat sich die Krankheit nicht weiterverbreitet. Das ist nun offenbar anders.

    Fachleute rechnen nicht mit einer Pandemie wie bei Covid, befürchten aber eine weitere Ausbreitung der Infektion. 

    „Es besteht ganz sicher kein Grund zur Panik“, sagt auch Holger Wicht, Sprecher der Deutschen Aidshilfe. „Die Fallzahlen sind insgesamt noch gering, das Risiko einer Infektion ist nicht besonders hoch. Die Krankheit kann zwar sehr unangenehm sein, heilt aber meistens von alleine aus. Wir empfehlen, sich gut zu informieren und bei Krankheitsanzeichen besonders aufmerksam zu sein.“

    Auch das RKI ruft zu erhöhter Wachsamkeit auf: Insbesondere Männer, die Sex mit Männern haben, sollten sich bei Hautveränderungen wie Pusteln oder Knötchen ärztlich untersuchen lassen. Die beste Adresse dafür sind infektiologische Einrichtungen wie zum Beispiel eine HIV-Schwerpunktpraxis. 

    Impfung noch im Juni

    Eine Impfung für Menschen mit besonders hohem Risiko könnte noch im Juni zur Verfügung stehen. Das Bundesgesundheitsministerium hat 240.000 Dosen des Impfstoffs Imvanex bestellt. 40.000 sollen bis Mitte Juni verfügbar sein und über die Bundesländer verteilt werden. Das BMG lotet zurzeit weitere Möglichkeiten aus, Impfstoff zu beschaffen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) arbeitet an einer Impfempfehlung. 

    Imvanex ist in den USA bereits gegen MPXV zugelassen, in Europa bisher nicht. Mit einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission könnte das Vakzin trotzdem zeitnah zum Einsatz kommen. Für eine vollständige Impfung sind zwei Einzeldosen erforderlich.

    Im Gespräch ist unter anderem eine Impfung von Menschen, die kürzlich Kontakt mit infizierten Personen hatten. Die Reaktion des Immunsystems nach einer solchen Impfung kurz nach einem Übertragungsrisiko kann eine Infektion noch verhindern oder den Krankheitsverlauf mildern.

    Zuerst geimpft werden könnten außerdem schwule und bisexuelle Männer mit vielen engen Kontakten sowie Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen, die mit MPX-infizierten Patient*innen in Kontakt kommen. Wem genau eine Impfung empfohlen werden soll, wird zurzeit in verschiedenen Gremien diskutiert. 

    „Wir stehen in ständigem Kontakt mit dem Bundesgesundheitsministerium, dem Robert Koch-Institut und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“, sagt DAH-Sprecher Holger Wicht. „Wir stimmen uns eng ab und sorgen dafür, dass neue Informationen rasch zu den Menschen gelangen, die sie betreffen.“

    Immer auf dem Laufenden

    Die Deutsche Aidshilfe informiert über MPX auf aidshilfe.de und der Webseite ihrer Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU für schwule Männer sowie über ihre Social-Media-Kanäle. Bald werden auch Poster und Flyer für die schwule Szene-Orte verfügbar sein. 

    Informationen zu Übertragungswegen, Symptomen und Schutz

    Informationen des Robert Koch-Instituts