Bayerischer Ministerpräsident Markus Söder verbietet das Gendern mit Doppelpunkt, Sternchen oder Unterstrich. Bzw. korrekter ausgedrückt: Er verbietet die gender-gerechte Sprache – denn auch das generische Maskulinum ist eine Form von Gendern. In Behörden, Schulen, sowie an Unis darf man jetzt nicht mehr über „Politiker*innen“, „Bürger:innen“, oder „Lehrer_innen“ schreiben.
Triggerpunkt Gender: Ist Nicht-Binarität ein „Trend“?
Das Thema Gendern erhitzt die Gemüter. Die drei Soziologen Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser nennen dies einen „Triggerpunkt“. Ihrer Studie zufolge herrscht gesamtgesellschaftlich bei vielen großen Themen wie Migration, Diversität oder Klimaschutz einigermaßen Konsens. Allerdings verschärfe sich schlagartig die Debatte, wenn gewisse Triggerpunkte berührt werden. Und dazu gehört das Gendern.
Die Leidtragenden sind – wie so oft – Minderheiten. In diesem Fall queere, insbesondere nicht-binäre, gender non-konforme und intergeschlechtliche Menschen. Auf deren Rücken wird die Debatte ausgetragen – teilweise mit eklatanten Vorurteilen und Wissenslücken.
Dabei hört man immer wieder, dass das alles doch ein „Trend“ sei, eine „Modeerscheinung“, der besonders junge Menschen jetzt vermehrt nachgehen würden. Und an diesen Aussagen zeigt sich beispielhaft das Drama der queeren Geschichte.
Was die allermeisten Menschen nämlich nicht wissen: Nicht-binäre Menschen – und auch wissenschaftliche Arbeiten über Nicht-Binarität – gab es schon vor über 100 Jahren, wenn auch mit anderen Worten. Nur: Die Nazis haben alles gründlich zerstört, was nicht nur die queere Bewegung in Deutschland, sondern die gesamte gesellschaftliche Debatte international um Jahrzehnte zurückgeworfen hat. Das Drama lautet: Queere Menschen kennen ihre eigene Geschichte oft nicht. Aber auch die Welt kennt sie nicht. Und daran haben unter anderem die Nazis Schuld.
43 Millionen Geschlechter
1897 gründete der jüdische Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld in Berlin das Wissenschaftlich-Humanitäre Komitee (WhK): die weltweit erste Organisation für die Rechte queerer Menschen. 1919 gründete er dann noch das weltweit erste Institut für Sexualwissenschaften – ebenfalls in Berlin. Hier war dann auch das WhK beheimatet. Hirschfelds Motto: Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit. Und das zog er konsequent durch! Er war davon überzeugt, dass die Wissenschaft mit dem Kampf für Menschenrechte verbunden werden müsste.
Nicht nur wurde Berlin dadurch zum Zentrum der weltweiten Sexualwissenschaft, nicht nur hatte sein Institut eine internationale Strahlkraft und erwirkte Gesetzesänderungen rund um Geschlecht und Sexualität in mehreren Ländern, Hirschfeld machte Berlin ebenfalls zur Anlaufstelle und zum Zufluchtsort für queere Menschen aus der ganzen Welt. In seinem Institut fanden in den 1920er Jahren einige der weltweit ersten geschlechtsangleichenden Operationen statt. Trans Menschen aus der Zeit, die von überall her nach Berlin gereist sind, berichteten, dass sie sich nach diesen Operationen so glücklich wie noch nie zuvor gefühlt hatten.
Zudem führte Hirschfeld nicht nur zahlreiche Untersuchungen und Befragungen zu queeren Lebensweisen durch, er entwickelte auch erste Theorien und Begrifflichkeiten, um diese Lebensweisen zu beschreiben und zu erklären. Er prägte zum Beispiel die Begriffe „Transvestit“ und „Transsexualismus“, frühe Identitäten für Geschlechterdiversität bevor es den Begriff „trans“, wie wir ihn heute benutzen, gab. Und Hirschfeld entwickelte eine frühe wissenschaftliche Theorie gegen die Geschlechter-Binarität!
Er nannte 16 unterschiedliche Kategorien, die wir heute womöglich mit primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen, Geschlechtsidentität, sexuelle Identität, u.s.w. beschreiben würden. Und er meinte, in allen dieser 16 Kategorien könne man entweder eine männliche Ausprägung, eine weibliche, oder eine Mischung aus männlicher und weiblicher Ausprägung haben. Das führe theoretisch zu einer Möglichkeit von 316 Geschlechtsausprägungen, also insgesamt 43.046.721!
Von sexuellen Zwischenstufen zu Nicht-Binären
Praktisch erachtete er Geschlecht jedoch als Kontinuum mit männlich und weiblich als die beiden Extrempole. Alle Menschen hätten demnach eine Mischung aus weiblichen und männlichen Merkmalen, die meisten würden sich aber eher an den beiden Enden dieses Kontinuums ansammeln. Aber viele auch mehr in der Mitte. Und diese Menschen nannte er sexuelle Zwischenstufen!
Die Theorie der sexuellen Zwischenstufen gab Menschen erstmalig wissenschaftlich die Möglichkeit, sich außerhalb der Geschlechterbinarität zu definieren. Also eben zum Beispiel auch nicht-binäre und gender non-konforme Menschen. Und das rund einhundert Jahre vor unserer Zeit.
In seinem Institut in Berlin legte Hirschfeld zudem ein gigantisches Archiv und eine Bibliothek zu Geschlecht und Sexualität an. Eine riesige globale Wissensansammlung, die sich in Berlin konzentrierte. Und das sollte dann auch die Gefahr für dieses Wissen und die noch junge Bewegung darstellen…
Die Nazis waren der Grund für das Drama der queeren Historie
Denn wenn es gesellschaftliche Debatten um Nicht-Binarität schon vor rund einhundert Jahren gab, warum glauben heute so viele Menschen, dass dies ein neuer Trend sei?
Weil auf diese liberale Zeit die Nazis folgten! Als sie 1933 die Macht ergriffen, war das Institut eines der ersten Orte, die sie angriffen. Im Film „Ein ganzes Leben“ von Alexandra Ripa erzählt Adelheid Schulz, die damals am Institut Haushälterin war:
„Ich sehe heute noch die Horden… Ich saß alleine auf dem Schreibtisch von Hirschfeld und hab zugesehen, wie zwei Nazis auf mich zukamen und meinten: ‚Wir wollen den Juden Hirschfeld haben!‘“
Der war jedoch auf einer Weltreise und kehrte auch nicht mehr nach Deutschland zurück. Also fingen sie an, sein Institut zu zerstören. Das Archiv, die Bibliothek, die wissenschaftlichen Untersuchungen und Abhandlungen: Alles fiel den Nazis zum Opfer.
„Hirschfelds Büste wurde auf einem großen Stock oder einer Stange von den Nazis vorweg getragen. Ich hab das gesehen. Und mir kamen die Tränen! (…) Alle waren sie weg gezogen, weil sie Angst hatten, sie würden mitgenommen werden, weil sie homosexuell waren. Ich hab dann noch bis Juli hier gewohnt. Und dann… war’s vorbei!“
Die Bücher und Papiere, die die Nazis aus dem Institut entfernten, wurden bei der berüchtigten Bücherverbrennung unwiderruflich zerstört. Damit erlitt nicht nur die Wissenschaft in Deutschland einen herben Rückschlag. Es war eine Auslöschung des Großteils des globalen Wissens um geschlechtliche Diversität.
Das Wenige, das Hirschfeld vor den Nazis retten konnte, vererbte er nach seinem Tod 1935 an seine beiden Partner Karl Giese und Li Shiu Tong (oder auch Tao Li genannt). Giese hatte etwas später einen neuen Partner und lebte mit ihm in Osteuropa. Allerdings nahm er sich das Leben, als die Nazis den Osten überfielen. Er wollte einer Festnahme durch die Nazis zuvorkommen. Sein Partner wurde von den Nazis erwischt, kam in ein Konzentrationslager und wurde dort ermordet. Der Teil von Hirschfelds Erbe ist seitdem verschollen. Vielleicht ebenfalls zerstört.
Tao Li hat es geschafft, den Nazis zu entkommen. Nach dem Krieg kontaktierte Deutschland ihn, um ihm als Hirschfelds Erbe Reparationen anzubieten. Doch er weigerte sich, mit dem Land zu kommunizieren, das seinen Partner zerstörte. Und danach wussten nur noch wenige, wo er sich aufhielt.
Die Jahre vergingen. Jahrzehnte.
Und dann passierte 1993 plötzlich etwas in Vancouver in Kanada: Im Müllcontainer seines Gebäudes fand ein Mann plötzlich zwei Koffer voller deutscher Papiere, Bücher, Tagebücher und Fotografien. Dies kam ihm seltsam vor. Er fischte es aus dem Müll und postete etwas in der frühen Version des Internets: Ob es denn für jemanden von Interesse sein könnte?
Fast 60 Jahre bis zur Wiederentdeckung
Fast ein Jahrzehnt verging bis Ralf Dose von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft in Berlin diesen Post Anfang der 2000er fand. Er kontaktiere den Mann und glücklicherweise hatte dieser noch alles aufgehoben. Ralf Dose flog nach Kanada und brachte das Wenige von Hirschfelds Erbe, das nicht durch die Nazis zerstört wurde, zurück nach Berlin.
Was war passiert? Tao Li reiste nach dem Krieg um die Welt, um Hirschfelds letztem Wunsch gerecht zu werden: Sexualwissenschaft in der Welt verbreiten. Doch er fühlte sich etwas überfordert. Allerdings hatte er stets diese beiden Koffer mit dabei. Zwei Koffer voll mit den Sachen, die Hirschfeld vor den Nazis retten konnte und an ihn vererbte. Irgendwann ließ er sich dann in Vancouver in Kanada nieder – im gleichen Gebäude, in dem auch dieser Mann lebte. 1993 starb Tao Li dort. Und die Menschen leerten seine Wohnung und schmissen alles in den Müll. Ohne zu wissen, was sie dort eigentlich weg warfen.
Hätte dieser Mann diese beiden Koffer nicht aus dem Müll gefischt, wären die letzten Überreste der weltweit ersten queeren Emanzipationsbewegung – und damit auch die ersten wissenschaftlichen Theorien und Nachweise zur geschlechtlichen Nicht-Binarität – für immer verloren gewesen.
Das ist das, was ich das Drama der queeren Historie nenne. Beim Thema Gender Diversity und Nicht-Binarität kommen wir in der gesellschaftlichen Debatte erst heute wieder langsam dort an, wo wir schon vor rund 100 Jahren standen. Deswegen erscheint es für viele Menschen so „neu“ – obwohl es das nicht ist. Die Nazis haben damals alles zerstört und die Bewegung und Wissenschaft um Jahrzehnte zurückgeworfen. Ich bin mir deswegen sicher: Wären die Nazis nie passiert, wir würden heute ganz anders – viel fortschrittlicher, akzeptierender und selbstverständlicher – über (und vor allem mit) nicht-binären Menschen sprechen!
„Wo es Scham gibt, kann es keine Empathie geben.“ Was ist eigentlich Scham, woher kommt sie? Bestimmt nicht von selbst. Nein, wir werden „be-schämt“. Die negativen Reaktionen unserer sozialen Umwelt auf alles, was nicht cis-gender- und heterokonform ist prasseln in Form von Beschämung und Erniedrigung auf uns ein. Wenn wir beschämt und erniedrigt werden, dann tut das weh, arg weh. Und um diesen Schmerz abzustellen, ändern wir unser Verhalten, unser innerstes authentisches Selbst. Alles, damit die schmerzhafte Beschämung und Erniedrigung aufhört.
Dabei wollen wir einfach nur da sein dürfen, willkommen sein, so wie wir sind. Es sieht dann so aus, als ginge das nur, wenn wir uns verstellen, zurückstutzen, anpassen. Und das einzige uns bekannte Mittel, um so etwas Starkes wie unsere eigene Identität, den Ausdruck unserer eigenen Person zu unterdrücken und umzuformen, ist Beschämung und Erniedrigung. Wir haben die Stimmen, die Gesten, die Drohungen im eigenen Kopf. Wir haben den Selbsthass, die Negativität, die Scham verinnerlicht.
Gleichzeitig sehnen wir uns nach Empathie, nach Verständnis dafür, was es bedeutet, in dieser Welt LSBTQIA+ zu sein. Wie es war, unseren persönlichen Weg zu gehen. Diese Wege waren für jede*n von uns unterschiedlich, und auf unterschiedliche Weise hart. Auch wenn er nach den tausenden Malen, die RuPaul diesen Satz schon gesagt hat abgedroschen klingt, ist er immer noch genauso wahr:
If you can’t love yourself,
how in the hell are you going to love somebody else?
RuPaul
„Wenn du dich nicht selbst lieben kannst, wie zum Teufel willst du dann jemanden anders lieben?“ Schaue ich so viel Drag Race, damit ich diesen Satz hören darf? Ich habe ihn schon dutzendmal gehört, und jedes Mal trifft er mich trotzdem wieder ins Herz, wenn ich ihn denn reinlasse. Ach ja, denke ich, stimmt, hatte ich schon wieder vergessen. Hatte mich doch wieder irgendwie selbst schlecht gemacht, im eigenen Kopf. Die Scham sitzt tief.
Ein kleiner Blick zurück …
Müsste doch jetzt mal gut sein, vorbei sein. Ich hatte doch mein erkämpftes Coming Out. Auch wenn ich schon 28 war (ist das ein Zeichen dafür, dass es wohl hart gewesen sein muss, davor?). Ich hab‘ mich doch dann auch gleich ehrenamtlich engagiert in der Community – das war 1994, es gab so viel zu tun, Massageprojekt für Menschen mit AIDS (da war es noch AIDS), die kaum noch jemand berührt hat, Coming-Out-Selbsthilfegruppen, queeres Festival.
Dann hab‘ ich mir entschieden mein ganz „normales“ schwules Leben aufgebaut. Beim dritten Anlauf endlich eine solide Partnerschaft: den nehm‘ ich und halt ihn fest! Schwule Freunde besucht, gegenseitig – Dinner Partys, und natürlich meine Lieblingslesben in der Wahlfamilie. Vielleicht ein gemeinsames Kind wie David&Michael mit Patrizia&Claire? Nee, das schaff ich nicht. Aber `nen Hund, ja, und gemeinsam renovieren, der Nestbau, jedes Wochenende! Kaum noch in der Szene unterwegs, aber wenigstens einmal im Jahr beim Pride-Umzug dabei, und beim queeren Picknick im Stadtpark. Selbstbewusst reisen als schwules Paar: Ha! Natürlich wollen wir ein Doppelbett.
Dann haben sie es nach und nach endlich gemacht, wonach ich mich als Teen unterbewusst gesehnt hatte: sie kamen „raus“. Schauspieler*innen und Musiker*innen, ein paar auch in der Politik, einzelne sogar im Sport. Antidiskriminierungsgesetze am Wunschferienziel– jetzt können wir ja auch mal nach sosundso fahren, da ist’s jetzt auch OK.
Und jetzt noch die eingetragene Partnerschaft oder sogar Ehe – gesamtgesellschaftliche Reinwaschung der historischen Sünden – ja gut, aber wir nur wegen der Steuer, Krankenhaus und so. Für unsere Liebe brauchen wir das nicht, die haben wir uns schon längst selbst zusammengeschmiedet.
Ich bin stolz auf mein schwules Leben. Ich bin zwar kein*e Vorkämpfer*in, kein Stein im Schuh der Mächtigen, aber das alles war trotzdem gegen den Strom geschwommen. Also alles Stolz und keine Scham mehr? Gar keine?
Also alles Stolz und keine Scham mehr? Gar keine?
Zieh ich mich so an, wie ich’s wirklich gern tun würde? Wie das Kind mit 8 oder 9, das zu seiner in den Ferien am Seekiosk vom Taschengeld erstandenen rot-weißen Kapitänsmütze unbedingt noch ein knallrotes Hemd und eine persilweiße Jeans haben wollte. Und die Großen es unbeholfen und mit Sorgenfalten auf der Stirn wieder auf ihre Schiene bugsiert haben. „Nee du, lieber nicht, ist doch kein Fasching jetzt, du willst doch nicht ausgelacht werden, oder?“ Ich weiß nicht, wie sehr das Kind sich heute noch im Zaum hält, es ist schon eine so alte Gewohnheit.
Und misch‘ ich mich denn konsequent ein, wenn jemand sexistisch, rassistisch, able-istisch, oder gar LSBTQIA+-feindlich angemacht wird? Ertappe ich mich nicht stattdessen sogar bei Gedanken, die Person hätte ja hier in der S-Bahn nicht ganz so in your face queer auftreten müssen? Was kann diese Zurückhaltung, dieses Fremdschämen anderes sein als das kleine Teufel*inchen der Restscham, das mir immer noch im Nacken sitzt?
Pride rein, Scham raus?
Scham ist was anderes als Schuld. Schuld heißt, du hättest das nicht tun dürfen. Scham geht an die Substanz. Scham heißt, du darfst das nicht sein. Und das heißt, du darfst etwas nicht, über das du keinen Einfluss hast. Du bist gefangen, denn du bist wie du bist, aber darfst es nicht sein. Eine Scham-Sackgasse.
Und wo geht’s raus? Wie bei jeder Sackgasse nur mit umdrehen und sich stellen. Also Queer Pride als Gegengift für Scham, aber wie geht das? Wenn ich über die Schwelle trete in einen queeren Raum, einen sicheren Raum, dann passiert was mit mir. Egal ob es ein Online-Chat mit einer Person aus meiner LSBTQIA+ Wahlfamilie ist oder ein Haufen echter, warmer, queerer Körper vor, hinter und neben mir, auf einer Demo gegen Rechts oder beim Feiern. Irgendwas fällt von mir ab. Ich bewege mich anders, ich rede anders, ich lasse etwas zu in mir. Besonders wenn ich unter Leuten bin, die einen Teil meines Wegs, meines Rauskommens aus der Scham mit mir gegangen sind.
Besonders wenn schlimme Sachen passieren, wie körperliche Angriffe und Morde gegen eine*n von uns, wenn sie uns einteilen wollen in akzeptable und inakzeptable queere Menschen, wie bei der aktuellen Anti-Trans-Stimmungsmache, dann heißt das, wir brauchen uns wieder mehr. Dann müssen wir uns wieder tiefer in die Augen schauen und sehen wer wir sind, und uns zurufen „Wir halten zusammen, wir gehen keinen Schritt zurück, ich steh bei dir und du bei mir. Ich verlass‘ mich auf dich und du dich auf mich.“ Wenn das passiert, dann hat Scham erstmal keine Chance. Dazu brauchen wir unsere queeren Räume, in denen wir uns begegnen, in denen wir diesen Schwur erneuern können. Aber auch das reicht nicht ganz.
Vor lauter Glück und Ungestüm über die eigene Selbstfindung stolpern wir. Weil wir vergessen, dass wir noch Gepäck dabei haben. Wir sind alle in dieselbe cis-und heteronormative, sexistische, rassistische, able-istische Soße getaucht worden. Besonders mit der Scham über die eigene „Weiblichkeit“, die wir nach den Erniedrigungen und Drohungen als junge Menschen verinnerlicht haben, haben wir uns als schwule Männer nicht genug auseinandergesetzt. Sie steckt verzerrt und verworren in schwulen Stereotypen und Konventionen. Warum müssen wir eigentlich extra darauf hinweisen, dass Tunte genauso gut ist wie Leder, warum musste sich das Label Power-Bottom überhaupt erst entwickeln? Wir murksen doch immer noch in den alten Hierarchien rum. „No femboys, no Asians“ bedeutet dann doch auch „no ME“!
Es gibt auch eine interne Homonormativität, in die sich jede Person einsortieren soll, wenn sie dazugehören will. Wenn sie das nicht tut, wird sie dafür beschämt.
Ich denke es gibt nicht nur Heteronormativität, also den Zwang, sich entweder den Lebensformen der Heterowelt zu orientieren, oder anders, außen vor, getrennt, komisch, besonders etc. zu sein. Es gibt auch eine interne Homonormativität, die vermittelt, dass es bestimmte Formen schwulen Seins und schwulen Lebens gibt, in die sich jede Person einsortieren soll, wenn sie dazugehören will. Wenn sie das nicht tut, wird sie dafür beschämt. Dann ist sie auch wieder anders, draußen, getrennt, komisch, besonders.
Scham isoliert. Jemanden beschämen bedeutet, die Person herauszustellen, aus dem sozialen Verbund zu lösen, sie vor anderen „vorzuführen“. Das ist besonders erniedrigend und deswegen so schmerzhaft, weil ihr dabei der Schutz der Verbundenheit mit anderen gewaltsam entrissen wird.
Deswegen will ich Queer Pride nicht nur für mich, als Gegengift für meine eigene Scham, sondern auch für dich, und für dich, und für dich auch. Ich will nicht nur stolz auf mich sein, auf meinen Weg. Ich will stolz darauf sein, dass du dich nicht versteckst, gerade weil du so anders queer bist als ich. Ich will mir vorstellen, was du überwinden musstest, was du immer noch täglich überwinden musst, um du selbst zu sein.
Vielleicht bist du oft die einzige Person mit der dunkleren Hautfarbe. Vielleicht wirst du deswegen entweder gemieden oder fetischisiert. Vielleicht musst du dir Frauenwitze anhören. Vielleicht wirst du falsch gegendert. Vielleicht kommst du gar nicht erst rein in den „sicheren Raum“ in deinem Rollstuhl, oder du kannst meine Lippen nicht lesen, weil ich hinter dem Bierglas rumnuschele. Vielleicht bist du oft traurig und hast Angst, traust dich nicht vor die Tür. Erst wenn ich das erkenne, wenn ich dich danach gefragt habe, womit du zu kämpfen hast, dann macht Community Sinn. Dann wird mir erst warm ums Herz. Dann erst fühle ich mich so richtig verbunden mit dir, dann spüre ich erst, wie sehr ich dich brauche. Dass ich nicht schamlos sein kann, wenn du nicht auch schamlos sein kannst.
Erst wenn ich das erkenne, wenn ich dich danach gefragt habe, womit du zu kämpfen hast, dann macht Community Sinn.
Also, ist Queer Pride das Gegengift für Scham? Ich denke schon. Mit meinem Stolz, dem Bewusstsein meiner eigenen Geschichte, meiner eigenen täglichen Kämpfe mit der Scham fängt es an. Aber noch viel wichtiger ist mein Stolz auf dich. Mein Stolz darauf, dass ich dich kenne. Dass ich deine Geschichte kenne. Dass ich weiß, was du überwunden hast, und woran du gescheitert bist. Dass ich weiß, dass du genau deshalb hier bist und weiter darum kämpfst, du selbst zu sein. Wenn ich dich stärken kann, dir zujubeln kann, dann hat meine eigene Scham keine Chance, dann schaue ich nicht auf sie, dann hat sie keinen Platz.
Nutzen wir also den Raum, den wir uns in der Pride-Saison 2024 nehmen und mit unserem Stolz füllen. Frag mich, worauf ich stolz bin, was ich überwunden habe, um hier mit dir feiern zu können. Frag mich, was ich von dir brauche, um hier schamlos ich selbst sein zu können. Dann feiern wir uns. Nicht nur, weil es Sommer ist und wir es jedes Jahr tun, sondern weil wir jetzt voneinander wissen, was es hier wirklich zu feiern gibt.
Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um emotionalen und psychischen Missbrauch, Depressionen und selbstverletzendes Verhalten. Wenn das etwas ist, was dich belasten könnte, dann verzichte bitte auf diesen Artikel oder lese ihn nur mit Vorsicht und Self-Awareness.
Wenn dir jemand zeigt, wer er ist, dann glaube ihm beim ersten Mal.
Maya Angelou
Eigentlich hätte ich schon früh diese gigantische Red Flag, dieses Alarmzeichen erkennen müssen. Eigentlich. Hier war ich nun, rund 10.000 Kilometer von zuhause entfernt, auf der anderen Seite der Welt, verloren mitten in der Nacht in einer mir völlig unbekannten Stadt, emotional aufgelöst, verwirrt, beängstigt, fast schon traumatisiert. Rausgeworfen von jemandem, der nur wenige Sekunden zuvor völlig unerwartet im wahrsten Sinne des Wortes explodierte. Rausgeworfen von dem Mann, dem ich vertraute. Eigentlich hätte dies das Alarmsignal sein sollen, das mir die Augen öffnete. Doch das war es nicht. Im Grunde war es erst der Anfang einer lang anhaltenden, traumatischen Beziehung, die mich tief in die Depression stürzte.
Ich traf Mike, der eigentlich anders heißt, gut zwei Monate zuvor in Berlin. Er war zu Besuch, wir hatten ein erstes Date. Viele weitere folgten, wir sahen uns fast jeden Tag während seines Aufenthalts in der Stadt. Er war aufmerksam, charmant, eigentlich schon zu charmant. Da war schon so ein kleines Bauchgefühl, dass dieser übertriebene Charme suspekt sei. Aber ich war nicht in der Lage, auf dieses Bauchgefühl zu hören. Heute weiß ich: Er betrieb Love-Bombing.
Love-Bombing
Beim Love-Bombing wird eine Person mit übermäßiger Zuneigung und Aufmerksamkeit überhäuft, um Kontrolle über sie zu erlangen. Love-Bombing ist eine Form des emotionalen Missbrauchs. Es geht nicht primär darum, der anderen Person etwas Gutes zu tun, sondern um sie emotional abhängig zu machen.
Am letzten Tag seines Berlin-Urlaubs gestand ich ihm, dass ich mich in ihn verliebt hatte. Und er lud mich ein in seine Heimat. Zwei Monate später war es dann so weit und ich saß im Flieger um die halbe Welt. Die ersten Tage waren noch schön. Doch dann passierte das Warnzeichen, das mir eigentlich hätte viel weiteres Leid ersparen sollen.
Wir fuhren mit zwei Freunden von ihm zum Abendessen in ein Restaurant. Während des Essens fing Mike an, mir unerwartete Fragen zu stellen: „Was ist die Hauptstadt von Rumänien? Was ist die Hauptstadt von Neuseeland?“ Und so weiter. Dabei grinste er süffisant. Er versuchte mich vor seinen Freunden bloß zu stellen. Zwar wusste ich die Antworten auf einige seiner Fragen, aber ich wollte sie nicht beantworten, denn es ging an die Substanz einer tiefen Überzeugung von mir: Dass der Wert eines Menschen nicht dadurch definiert wird, wie viel er weiß, oder wie intelligent er ist. Mike wusste das, denn wir hatten uns schon darüber unterhalten. Und die Art, wie er diese Fragen stellte – mit dem süffisanten Lachen – spielte genau diese Überzeugung an. Sowie auf den Umstand, dass er, im Gegensatz zu mir, schon viel um die Welt gereist war. Es war äußerst unangenehm und verwirrend. Ich verstand nicht, warum es ihm plötzlich Spaß machte, mich vor anderen bloß stellen zu wollen.
Nach dem Abendessen fuhr er seine beiden Freunde nach Hause. Er und ich wollten hingegen noch in eine Bar fahren. Nachdem wir uns von seinen Freunden verabschiedet hatten, fuhren wir weiter. Während wir alleine in seinem Auto waren, sagte ich ihm, dass ich das nicht in Ordnung fand, wie er mich im Restaurant behandelte. Und dann passierte es. Völlig unerwartet explodierte er auf eine Weise, wie ich es noch nie erlebt hatte. Und er schrie: „WIR HATTEN EINFACH NUR SPASS! ABER DU MUSSTEST JA SOLCH EIN IDIOT SEIN! DU HAST DEN GANZEN ABEND RUINIERT! ICH HALTE DICH NICHT AUS, DU BIST EINFACH ZU VIEL!“ Und dann warf er mich aus dem Auto.
Die Hölle kennt keine Wut wie die einer angepissten narzisstischen Person. Toxische, anspruchsdenkende und narzisstische Menschen können ihre Emotionen nicht kontrollieren, und wenn irgendetwas ihren Sinn für Ordnung, Privilegien, Ansprüche, Gerechtigkeit oder Bequemlichkeit bedroht, schlagen sie explosionsartig um sich. (…) [Ähnlich dürfen überempfindliche Menschen] Witze auf Kosten anderer machen, aber sobald jemand sie kritisiert, ist das das Ende der Welt. Sie haben zwei Maßstäbe: die Art, wie sie andere Menschen behandeln dürfen, und die Art, wie sie erwarten, behandelt zu werden.1
Ramani Durvasula
Da stand ich nun also, mitten in der Nacht in einer mir völlig unbekannten Stadt. In einer Stadt, in der es zumindest damals noch nachts unsichere Viertel geben sollte. Was war soeben passiert? Ich war verwirrt, erschrocken, beängstigt. Noch nie wurde ich so angeschrien. Heute, mit meinem angesammelten Wissen über den wissenschaftlichen D-Faktor, über Narzissmus, die Psychologie von Missbrauchsbeziehungen, über die dunkle Triade, Trauma-Bindungen, Gaslighting und emotionale Apokalypsen, würde ich das spätestens hier sofort durchschauen. Aber dieses Wissen hatte ich damals nicht.
Emotionale Apokalypse
Als „emotionale Apokalypse“ beschreibt man in der Regel das Ausnutzen einer Schwachstelle eines Menschen, die dieser Mensch emotional als hochgradig schmerzhaft empfindet. Deswegen kann sie auch verschiedene Formen annehmen. In diesem Beispiel hier ist es ein extremer Wutanfall und explosives Schreien. Es kann aber auch zum Beispiel die Drohung des Verlassen Werdens sein, die Erinnerung an die schlimmsten Ängste eines Menschen, oder tagelanges demonstratives Anschweigen, das sogenannte „Stonewalling“. Es ist der Versuch, Kontrolle über eine Person zu erlangen und eine solch schmerzhafte Erfahrung, dass das Opfer alles tun wird, um sie in Zukunft zu vermeiden. Und damit aus Angst auch Missbrauch zulassen kann.
Alles, was ich damals hatte, um Sinn aus dieser Situation zu machen, war mein Wissen darüber, dass die meisten Menschen zu Empathie fähig sind und auch gut und empathisch sein wollen. (Und in meinem Kopf bedeutete implizit „die meisten Menschen“ alle Menschen.) Wenn also jemand so aufgebracht reagiert, dann muss das doch sicher gerechtfertigt sein, oder? Niemand würde doch so wütend reagieren, wenn er nicht einen guten Grund dafür hätte? Und statt das problematische Verhalten von Mike zu verurteilen, fing ich an, mich selbst in Frage zu stellen. Hatte ich überreagiert? War es vielleicht wirklich nur ein harmloser Spaß? Hab ich vielleicht, ohne es zu merken, beim Essen gemotzt und damit den Abend wirklich ruiniert? „Ich halte dich nicht aus, du bist einfach zu viel!“ Stimmte das? Bin ich „zu viel“?
Ich versuchte ihn anzurufen, um mich zu entschuldigen. Aber er nahm nicht ab. Ich schrieb ihm, dass es mir leidtut und dass ich falsch reagiert hatte. Keine Antwort. Ich versuchte ein Hotel zu finden, aber überall, wo ich nachfragte, war für die Nacht ausgebucht. Ich schrieb ihm wieder, entschuldigte mich immer und immer wieder, flehte ihn an, mich abzuholen. Keine Antwort. Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit verging. Aber mindestens eine Stunde, in der ich allein, verlassen, geschockt und verängstigt durch die Stadt wanderte. Panik machte sich bemerkbar. War ich so schlimm? Es muss so gewesen sein. Warum sonst würde er sich so verhalten? Tiefe Scham breitete sich in mir aus.
Und dann antwortete er endlich. Er beschimpfte mich wieder und meinte, dass ich endlich aufhören soll zu schreiben. Und dass er mich jetzt abholt.
Er sprach kein Wort mit mir im Auto. Und so, wie ich mich fühlte und das Geschehene interpretierte, dachte ich, dass ich mich glücklich schätzen könnte, wenn er überhaupt noch einmal mit mir reden würde. Ich hatte keine Ahnung, dass genau das Gegenteil mir weitaus mehr Glück gebracht hätte. Denn dies war erst der Anfang.
Durch die Dunkelheit: Ein Kampf gegen Gaslighting und die Schatten der Depression
Fast drei Jahre später war ich nur noch ein Schatten meines früheren Selbst. Psychiatrische Diagnose: Eine mittelschwere Depression. Das kannte ich nicht wirklich. Klar hatte ich als Teenager depressive Phasen, vor allem vor meinem Coming-out. Aber welcher schwule oder queere Jugendliche hat diese nicht? Seit meinem Coming-out mit 16 Jahren waren mir Depressionen eigentlich fremd und ich war stets ein sehr fröhlicher und positiv eingestellter Mensch.
Doch fast drei Jahre Beziehung mit Mike hatten mich emotional und psychisch so fertiggemacht, dass ich mich selbst nicht mehr wiedererkannte. Vor allem aber verstand ich (noch) nicht, warum ich überhaupt eine Depression hatte! Denn eigentlich konnte ich mich doch glücklich schätzen? Ich lebte in Berlin, meiner Lieblingsstadt, in einer tollen Wohnung. Ich hatte gute Freundschaften, sowie einen Job, der mich erfüllte. Und wie Mike mir ständig zu verstehen gab: Eine Beziehung, die so besonders war, dass die ganze Welt auf uns eifersüchtig war. Auch hier weiß ich es heute besser: Dies war nicht nur Größenwahn. Es war eine Projektion.
Projektionen
Projektionen sind ein essentieller Bestandteil von Narzissmus und vielen anderen toxischen Persönlichkeiten. Bei der Projektion werden negative eigene Anteile auf andere Menschen projiziert, um diese Menschen dann zu kritisieren und anzugreifen. Zum Beispiel können narzisstische Menschen sehr eifersüchtig sein. Diese Emotionen projizieren sie dann auf ihre*n Partner*in oder andere Menschen und werfen ihnen dann vor, selbst von Eifersucht zerfressen zu sein. Es geht darum, eigene verhasste Anteile zu verstecken, indem man sie bei anderen (oft fälschlicherweise) kritisiert.2
Am Arm trug ich mittlerweile eine Narbe durch selbstverletzendes Verhalten. Die Wunde hatte ich heimlich selbst zugenäht, so sehr schämte ich mich für mein Verhalten und meine Depression. Über die vergangenen Monate hinweg hatte ich alles versucht, um die Depression los zu werden: Ausdauersport in der richtigen Herzfrequenz, Ernährungsumstellung, Meditation. Doch egal, was ich auch tat, es half nichts. Und noch immer verstand ich nicht, dass der Grund für meine Depression in meiner Beziehung lag. Dass es sogar einen Fachbegriff dafür gab: Gaslighting.
Gaslighting
Gaslighting ist eine weitere Form des emotionalen und psychischen Missbrauchs. Es ist eine oftmals sehr versteckte, heimliche Form des Missbrauchs, der in schweren Depressionen enden kann. Der Begriff stammt vom Theaterstück „Gaslight“ aus dem Jahr 1938 über einen Ehemann, der versucht, seine Frau psychisch zu destabilisieren, um sich an ihr zu bereichern. Im Theaterstück verursacht er das Flackern und Herunterdimmen des Gaslichts. Seiner Frau, die das bemerkt, erzählt er, dass diese verrückt sei, sich das nur einbilden würde und das Licht so hell sei wie immer.
Gaslighting funktioniert vor allem dann, wenn das Opfer nicht merkt, dass es unter Gaslighting leidet. Es ist eine Form der Manipulation, bei der der Gaslighter versucht, sein Opfer davon zu überzeugen, dass es sich falsch erinnert, das eigene Verhalten oder die eigenen Motive falsch versteht oder falsch interpretiert und dadurch Zweifel in ihm weckt, die es verletzlich und verwirrt machen.3 Gaslighter nutzen diese Verwundbarkeit aus, um ihr Opfer immer wieder an sich selbst zweifeln zu lassen, mit dem Ziel, sie an sich und ihre Version der „Wahrheit“ zu binden und emotional abhängig zu machen. „Du weißt nicht, wer du bist. Aber ich weiß es“, meinte Mike wortwörtlich einmal zu mir.
Doch in den seltensten Fällen ist Gaslighting so offensichtlich:
Tatsächlich ist Gaslighting eine Art von heimlichem Tyrannisieren, das oft von Partner*innen, Freund*innen oder Familienmitglieder*innen ausgeübt wird, die darauf bestehen, dass sie Sie lieben, obwohl sie Sie hintergehen. Sie wissen, dass etwas nicht stimmt – aber Sie können es nicht genau benennen.4
Robin Stern
„Man ist immer am härtesten zu den Menschen, die man am meisten liebt“, meinte Mike ein anderes Mal zu mir – so als ob das seinen kontinuierlichen Missbrauch rechtfertigen würde, schließlich passiere es ja aus vermeintlicher „Liebe“.
Gaslighting geschieht oft innerhalb enger, vertrauter Beziehungen über einen längeren Zeitraum hinweg. Anfangs ist das Opfer vielleicht einfach nur verwirrt. Nach einer Weile aber fängt es an, komplett an sich und seinem Geisteszustand zu zweifeln und die falsche „Realität“ des Gaslighters anzunehmen. Im Extremfall traut das Opfer der eigenen Wahrnehmung überhaupt nicht mehr und das, was der Gaslighter über das Opfer sagt, wird zur kompletten Wahrheit. Mit dem Ergebnis schwerer Depressionen.
Mike hatte mich über die vergangenen drei Jahre hinweg auf viele verschiedene Arten gegaslightet. Jedoch war die weitaus destruktivste Form – und zugleich diejenige, die ihn entlarven sollte – seine Projektion der Eifersucht.
Jedes Mal, wenn ich in den vergangenen drei Jahren mit Mike über etwas sprechen wollte, was mir in unserer Beziehung nicht gefiel, drehte Mike den Spieß um und warf mir Eifersucht vor. Eifersucht, die so tief sei, dass ich sie nicht einmal bemerkte.
Mike war ein Mensch, der extreme Ordnung und Sauberkeit liebte. In seiner ursprünglichen Heimat hatte er eine Reinigungskraft, die fast täglich kam und das Haus säuberte und hotelähnlich herrichtete. In unserer gemeinsamen Wohnung in Berlin war es mir verboten, abends auf dem Sofa vor einer Serie einzuschlafen, während auf dem Sofatisch noch ein benutztes Glas von mir stand. Alles musste stets absolut perfekt aussehen – eben wie in einem neu eingerichteten Hotel. Und ich versuchte stets, seinen Wünschen gerecht zu werden.
Wir hatten eine offene Beziehung. Eines Tages kam ich nach Hause und das Wohnzimmer war ein einziges Chaos: Überall lagen Kissen auf dem Boden verteilt. Das Sofa war halb auseinandergenommen. Und der Tisch war voll mit benutztem, schmutzigem Geschirr. Mike hatte ein Date und war mittlerweile mit ihm in seinem Zimmer. Normalerweise hätte mich das Chaos nicht gestört. Allerdings empfand ich es als unfair, dass Mike mich emotional bestrafte, als ich es wagte, auf dem Sofa einzuschlafen, mit einem benutzten Glas auf dem Tisch, während er sich selbst erlaubte, dieses Chaos anzurichten.
Also teilte ich ihm später meine Unzufriedenheit mit dieser Doppelmoral mit. Das war noch relativ am Anfang unserer Beziehung. Noch wusste ich nicht, wann die emotionale Apokalypse folgte. Doch sie tat es hier prompt. Und inmitten dieser weiteren emotionalen Achterbahn, dieses Moments der emotionalen Verwundbarkeit, war das Gaslighting versteckt: Eigentlich ginge es mir nicht um eine Doppelmoral, wetterte Mike. Eigentlich ginge es hier um Eifersucht. Ich sei von Eifersucht auf sein Date regelrecht zerfressen. Und diese Eifersucht sei der wahre und einzige Grund für meine Kritik an ihm.
Wie jeder Mensch kannte auch ich Eifersucht. Allerdings war ich nie jemand, der von Eifersucht „zerfressen“ war. Wenn ich Eifersucht empfand, war mir das in der Regel bewusst. Und ich versuchte, manchmal fälschlicherweise, allein damit klar zu kommen, Achtsamkeit auf das Gefühl zu lenken, um das dahinterliegende Bedürfnis zu verstehen, ohne die andere Person oder die Beziehung damit zu belasten. Aber das hier war kein Moment der Eifersucht.
Dennoch: Das Gaslighting und die emotionalen Apokalypsen hatten bereits die ersten Ergebnisse eingefahren. Ich fing an, an mir selbst zu zweifeln. Schon wieder reagierte mein Partner, dem ich vertraute, mit einem gigantischen Wutanfall. Ich muss also wirklich eine Grenze überschritten und was falsch gemacht haben. Zudem will ein Partner doch das Beste für die Beziehung und kennt dich besser als viele andere Menschen. Warum sollte er mich also belügen? Vielleicht bin ich ja wirklich eifersüchtig und merke es nicht einmal? Manche Gefühle können ja sehr unterbewusst sein. Und so wirkte das Gaslighting. Über die Monate und vieler weiterer solcher Momente hinweg glaubte ich seiner Version von mir immer mehr und meinem eigenen Wissen über mich selbst und meinem Innenleben immer weniger. Und je mehr ich seinem negativen Bild über mich glaubte, je weniger ich mir selbst vertraute und je mehr ich dadurch den Zugang zu meinem wahren Selbst verlor, desto stärker wurde die Depression. Mike hatte die Kontrolle über mich, meine Emotionen und meine Psyche erlangt.
[Gaslighting läuft in der Regel in drei Phasen ab: (1) Unglaube, (2) Verteidigung, (3) Depression.] Wenn Gaslighting zu Phase 3 fortschreitet, können die Ergebnisse wirklich verheerend sein. Zu diesem Zeitpunkt hat das Gaslighting Sie hoffnungslos, hilflos und freudlos gemacht (…) und Sie wandern in einer riesigen, unbekannten Wüste ohne Landkarten oder Orientierungspunkte. Sie können sich kaum noch daran erinnern, wer Sie waren, bevor die Gaslighting-Beziehung begann. Alles, was Sie wissen, ist, dass etwas furchtbar falsch ist – wahrscheinlich mit Ihnen selbst. (…) Der Gaslight-Effekt ist wahrhaft seelenzerstörerisch. Der vielleicht schlimmste Moment ist der, in dem man erkennt, wie weit man sich von dem entfernt hat, was man früher für sein bestes Selbst hielt – sein wahres Selbst. Sie haben Ihr Selbstvertrauen, Ihr Selbstwertgefühl, Ihre Perspektive und Ihren Mut verloren. Am schlimmsten ist, dass Sie Ihre Lebensfreude verloren haben.5
Robin Stern
Trauma-Bindungen
Es ist für Menschen manchmal schwierig, sich von Missbrauchsbeziehungen zu befreien. Das kann unter anderem an sogenannten Trauma-Bindungen liegen. Trauma-Bindungen sind emotionale Bindungen zu einem Individuum (und manchmal auch zu einer Gruppe), die sich aus einem wiederkehrenden, zyklischen Muster von Missbrauch entwickeln. Diese Bindungen werden durch intermittierende Verstärkung mittels Belohnungen und Bestrafungen aufrechterhalten. Traumatische Verbindungen entstehen also infolge eines kontinuierlichen Zyklus von Missbrauch, bei dem die wechselnde Anwendung von Belohnung und Bestrafung starke emotionale Bindungen schafft, die schwer veränderbar sind. Dieser Zyklus kann durch drei Phasen beschrieben werden: In der Flitterwochenphase ist der Täter charmant, aufmerksam und betreibt Love-Bombing. In der Phase des Spannungsaufbaus wird der Täter immer unzufriedener und das Opfer kann nichts tun, um ihn zu besänftigen. In der Explosionsphase wird das Opfer schließlich verbal, emotional oder manchmal auch körperlich misshandelt. Anschließend beginnt der Zyklus wieder mit der Flitterwochenphase.
Der entfesselnde Kampf: Aus den Schatten der Depression ins Licht der Selbstbefreiung
Nach fast drei Jahren Beziehung zu Mike war meine Psyche ein Scherbenhaufen. Ich hatte kein Selbstbewusstsein mehr. Ich empfand kein Glück mehr. Und Selbstvertrauen war mir absolut fremd. Mikes Realität über mich hatte meine eigene Wahrheit komplett ersetzt. Ich sah mich selbst nur noch durch seine Augen. Doch dann passierte etwas, das ihn entlarven sollte und einen langwierigen, schmerzhaften, aber dringend notwendigen Befreiungskampf ins Rollen brachte.
In Beziehungen mit narzisstischen und anderen toxischen Menschen dreht sich oft alles nur um die Bedürfnisse des Gaslighters. Ich selbst durfte nur Bedürfnisse haben, wenn sie mit denjenigen von Mike übereinstimmten. Im Laufe der Zeit hat Mike dafür gesorgt, dass ich mein Handeln, mein ganzes Leben auf seine Bedürfnisse ausrichtete. Zynischerweise hat er mir genau das dann auch immer zum Vorwurf gemacht: Ich sei regelrecht von ihm besessen. Es war der reinste Eierschalen-Lauf. Er zwang mich dazu, 24/7 auf seine Bedürfnisse zu achten und warf mir dann vor, zu viel auf ihn fixiert zu sein.
Und extrem eifersüchtig war ich ja sowieso. Mike hatte mittlerweile einen Lover. Noah, aber auch er heißt eigentlich anders. Mike meinte schon lange, ich sollte auch einen haben, damit ich nicht mehr so auf ihn fixiert und eifersüchtig sei. Und zufällig entwickelte sich dann auch etwas mit einer anderen Person, die ich semi-regelmäßig traf. Nicht nur genoss ich die Zeit mit dieser Person, ich dachte auch erleichtert, dass Mike sich darüber freuen würde. Schließlich war es genau das, was er wollte. Dadurch würde ich, so mein Glaube, nicht mehr „so fixiert“ auf ihn sein und Mike könnte endlich aufatmen, weil ich ihn nicht mehr so sehr mit meiner Besessenheit ersticken würde. Jetzt würde alles gut werden, dachte ich.
Doch eines Tages meinte Mike dann zu mir: „Du hast diesen Menschen doch nur, weil du eifersüchtig bist auf mich und Noah. Du versuchst mich zu kopieren!“ Es war ein unglaublich heftiger Schlag in den Magen. Heute, viele Jahre später, wirkt mein Handeln fast schon absurd auf mich. Aber zu dem Zeitpunkt hatte Mike solch eine Kontrolle über mich, mein Denken und Fühlen erlangt, und meine Wahrheit über mein Innenleben komplett mit seinem Gaslighting ersetzt, dass ich ihm das tatsächlich glaubte. All das, worauf ich meinen letzten Funken Hoffnung richtete, zerbarst und ich fing an zu weinen. Ich war am absoluten Tiefpunkt angelangt. Mike sah mich weinen und meinte mit verächtlicher Stimme: „Ja willst du etwa, dass ich dich belüge?“
Es war dieser Vorfall, der das Blatt wenden sollte.
Meine engste Freundin seit der Schulzeit hatte meinen psychischen Verfall über die letzten paar Jahre fast schon hilflos mit beobachtet. Romina versuchte ihr bestes, mir zu helfen, mich aufzurichten, mir bei der Suche nach einem Therapieplatz zu helfen, aber nichts half. Auch sie wusste (noch) nicht, dass meine Beziehung der Grund für meine Depression war. In ihrer Gegenwart war Mike stets charmant, unterhaltsam, verständnisvoll. Ein ganz anderer Mensch als der, der er war, wenn wir alleine waren. Und aus Scham erzählte ich ihr nicht, wie es war, mit Mike alleine zu sein. Doch es war die pure Verzweiflung, die mich dazu brachte, ihr von diesem Vorfall zu erzählen. Und da machte bei ihr plötzlich alles Sinn. Bereits einige Wochen zuvor hatte Mike mit ihr alleine über mich gesprochen. Es war der Versuch, mich bei ihr schlecht zu reden. Sie würde gar nicht sehen, wie krankhaft besessen ich von Mike sei. Romina wusste jedoch, dass das nicht stimmen konnte und war stutzig. Und als ich ihr dann von diesem Zwischenfall erzählte, dachte sie: „Er hält sich für Gott! Die ganze Welt dreht sich nur um ihn!“
Als sie das nächste Mal in Berlin war, fing sie an, mit mir zu reden: „Jeff, ich glaube, dass Mike Narzisst ist. Und ich glaube, dass das der Grund für deine Depressionen ist.“ Natürlich kannte ich den Begriff Narzissmus. Allerdings wusste ich wenig Genaues darüber. Das sind doch so selbstverliebte Menschen? Warum sollte das bei mir Depressionen auslösen? Und als jemand, der sehr darauf bedacht ist, wissenschaftlich korrekt zu reden und zu handeln, wirkte es falsch, jemanden ohne Fachkenntnisse so zu diagnostizieren. Ich verstand damals noch nicht, dass Narzissmus, im Gegensatz zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung, keine Diagnose ist, sondern das Beschreiben eines kohärenten Persönlichkeits- und Verhaltensmusters, das mit vielen kontinuierlich vorhandenen bestimmten Merkmalen verbunden ist.
Es fühlte sich falsch an, Mike so zu bezeichnen. Und ich erachtete weder sie, noch mich als qualifiziert genug für sowas. Doch Romina drängte weiter. Wir kannten uns seit über 15 Jahren und sie wusste ganz genau, in welche Richtung sie mich lenken musste: „Bitte versprich mir, dass du über Narzissmus recherchierst.“ Sie sagte damit genau das Richtige.
Ich bin ausgebildeter Sozialwissenschaftler. Meine Leidenschaft für Wissenschaft war Fluch und Segen zugleich. Sie war ein Fluch, weil sie das war, was mich verwundbar für Mikes Missbrauch machte. Denn bis dahin war mein Menschenbild folgendes: Wissenschaftliche Untersuchungen hatten ergeben, dass die meisten Menschen zu Empathie fähig sind. Der Grund, warum dennoch so viel Leid auf der Welt passierte, war jener, dass Menschen innerhalb unterdrückender Strukturen (wie Rassismus, Sexismus, Speziesismus, oder Queerfeindlichkeit) sozialisiert sind. Im Rahmen ihrer Sozialisierung verinnerlichen Menschen diese Strukturen unbewusst und reproduzieren sie anschließend. Diese unterdrückenden Ideologien schalten also das den Menschen inhärente Mitgefühl ohne deren Bewusstsein aus, so dass sie oft gegen ihre eigenen Überzeugungen, gegen ihre Empathie handeln. Im Grunde wollen Menschen gut handeln. Also müsste auch Mike gut sein. Dieses Menschenbild war nicht falsch. Allerdings war es nur ein Teil der Wahrheit.
Meine Leidenschaft für Wissenschaft war jedoch auch ein Segen, weil es das sein sollte, was mich schlussendlich von ihm befreite. Denn ich wusste, wie man korrekte Infos recherchierte. Also begann ich, mich in die Literatur über Narzissmus zu vertiefen. Und was ich herausfand, sollte mein Menschenbild für immer grundlegend verändern.
Narzissmus
Narzissmus, so wie die international anerkannte Psychologin und Narzissmus-Expertin Dr. Ramani Durvasula es definiert, ist ein Persönlichkeits- und Verhaltensmuster, das durch bestimmte, kontinuierlich anwesende Merkmale gekennzeichnet ist.6 Dazu gehören:
(1) Interpersönliche Merkmale, wie Mangel an Empathie, Manipulation, Projektion, Lügen, mangelnder Respekt für Grenzen, Eifersucht, Gaslighting oder Kontrollsucht;
(2) Verhaltensmerkmale, wie Oberflächlichkeit, Neid, Geiz oder Achtlosigkeit;
(3) Dysregulierungsmerkmale, wie Wut/Zorn, Geltungssucht/Drang nach Bestätigung, Unfähigkeit allein zu sein, Unsicherheit/Zerbrechlichkeit oder Scham;
(4) Antagonistische Merkmale, wie Größenwahn, Anspruchsdenken, passive Aggressivität, Schadenfreude, Arroganz, Ausbeutung, fehlende Verantwortungsübernahme oder Rachsucht;
(5) Kognitive Merkmale, wie Paranoia, Überempfindlichkeit/Gereiztheit, mangelnde Einsicht/mangelndes Schuldbewusstsein, verzerrtes Gerechtigkeitsempfinden oder Scheinheiligkeit/Heuchelei.
Der Kern von Narzissmus ist Mangel an Empathie, Anspruchsdenken (z.B. dass man Anspruch auf eine besonderere Behandlung als andere hat, oder die Regeln für einen selbst nicht gelten), Größenwahn, Sucht nach Bestätigung, Unsicherheit, sowie Dysregulierung. Narzissmus ist ein interpersonell toxisches Muster; das heißt, wenn es die vorherrschende Art und Weise ist, wie eine Person mit der Welt umgeht, dann ist es nicht gesund für die Menschen im engen Umfeld der narzisstischen Person.
Narzissmus ist, im Gegensatz zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung, keine Diagnose. Mittlerweile gibt es Diskussionen in der Fachwelt, die narzisstische (und andere) Persönlichkeitsstörungen aus der nächsten Version des DSM, des diagnostischen und statistischen Manuals psychischer Störungen, zu streichen. Denn viele Expert*innen sind der Ansicht, dass eine Diagnose nur gestellt werden kann, wenn die Person erkennt, dass sie ein Problem mit negativen Auswirkungen auf ihr Leben hat. Die meisten Narzisst*innen erkennen jedoch weder ihren Narzissmus, noch sorgt dieser für Probleme bei ihnen. Ganz im Gegenteil: Es bringt sie oft in Positionen mit viel Macht. Stattdessen sind es die Menschen um sie herum, die unter dem Narzissmus leiden.
Noch einmal: Die meisten Menschen sind zu Empathie fähig. Das stimmt nach wie vor. Was ich in meinem Menschenbild jedoch übersah, war der kleine Teil, der zu wenig bis gar keiner Empathie fähig ist. Es gibt Menschen, in deren Gehirnen zeigt sich in dem Bereich, in dem Empathie und Mitgefühl entsteht, keine Regung. Dazu gehören zum Beispiel Psychopath*innen. Aber auch manche Formen von Narzissmus. Dieser Teil der Menschheit mag vielleicht klein sein. Allerdings spielt er eine bedeutende Rolle im politischen und wirtschaftlichen Weltgeschehen. Tatsächlich finden sich in hohen Machtpositionen in der Politik und Wirtschaft überdurchschnittlich viele Menschen aus der sogenannten dunklen Triade. Wir haben ein soziales, politisches, und wirtschaftliches System erschaffen, das es solchen Menschen erleichtert, in hohe Positionen der Macht zu kommen, von wo aus sie dann das Schicksal dieser Welt und all seiner Lebewesen, einschließlich uns Menschen, beeinflussen.
Wie sehr wir auch die Nase über Narzissmus rümpfen, als Gesellschaft belohnen wir es paradoxerweise. (…) Die zunehmende Unsicherheit in unserer Welt und die Plattformen, die daraus Kapital schlagen, wie z. B. das Konsumdenken, haben einen optimalen Nährboden für Narzissmus geschaffen, der sich immer weiter ausbreitet. Wenn der menschliche Wert ausschließlich durch äußere Anreize wie Erfolg bestimmt wird, haben Eigenschaften wie Empathie keine Chance.7
Ramani Durvasula
Die Dunkle Triade
Als „dunkle Triade“ bezeichnen Psycholog*innen und Sozialwissenschaftler*innen die Persönlichkeitstypen Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus. Sowohl Narzissmus, als auch Psychopathie zeichnen sich durch einen Mangel an Mitgefühl aus. Der Unterschied besteht u.a. darin, dass der Kern des Narzissmus Unsicherheit und eine tiefsitzende Scham ist, die durch narzisstisches Verhalten überkompensiert werden sollen. Psychopath*innen empfinden jedoch weder Scham und Unsicherheit, noch Reue oder Schuldgefühle. Auch soziale Normen und Gewissen sind ihnen fremd. Manche Forscher*innen meinen, dass der Anteil an Psychopath*innen in Führungspositionen sechsfach höher ist, als in der Allgemeingesellschaft.8 „Sie rauben keine Bank aus, sie werden Bankenvorstand“, meinte der Begründer der Psychopathieforschung Robert D. Hare. Machiavellismus wiederum ist das Verfolgen eigener Ziele unabhängig davon, ob andere Lebewesen darunter leiden. Machiavellist*innen schätzen sich selbst weitaus realistischer ein als Narzisst*innen, weisen aber dennoch den gleichen Mangel an Empathie auf.
Es dauerte ein wenig, bis ich im Rahmen meiner Recherchen die Verbindung zu meiner Depression herstellte. Doch eines Tages machte ich eine interessante Beobachtung. Romina war noch immer in Berlin und Mike wollte mit uns und seinem Lover Noah etwas unternehmen. Ich hatte keine Lust, meine Depression hinderte mich sehr daran, am sozialen Leben teilzunehmen. Doch als hatte sie schon eine Ahnung, drängte Romina mich dazu, zusammen mitzukommen. Und an dem Tag passierte es.
An einem gewissen Punkt beobachtete ich Mike und Noah. Ich sah, wie Mike mit ihm umging, wie er seinen Charme spielen ließ. Und es war so, als würde mir plötzlich sein Verhalten mir gegenüber rückgespiegelt werden. In seinem Verhalten Noah gegenüber konnte ich plötzlich erkennen, wie Mike sich mir gegenüber verhielt, vor allem, wie er mich am Anfang unserer Beziehung mit seinem Charme um den Finger wickelte und manipulierte. Und in dem Moment, indem ich es außerhalb von mir an einer anderen Person beobachten konnte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich konnte plötzlich alles in Mike wiedererkennen, was ich während meiner Recherchen lernte. Es war, als ob plötzlich ein Zauber gebrochen sei: Von diesem Moment an würde sich meine Depression nach und nach lindern, bis sie bald komplett verschwinden sollte.
Ich werde diesen Moment nie vergessen. Es war, als sei ein Fluch von mir abgefallen, als sei ich plötzlich innerhalb einer Sekunde aus einem schlimmen Albtraum erwacht und würde nun anfangen, mich zu erholen. Später würde ich dann noch über den Begriff Gaslighting stolpern. Und plötzlich fing alles an, Sinn zu machen: Warum ich in die Depression fiel. Warum ich sie nicht los wurde. Warum ich plötzlich all mein Selbstvertrauen verloren hatte.
Allerdings stand ich erst am Anfang eines langen, schwierigen und beängstigenden Befreiungskampfes. Und ich verstand Narzissmus noch nicht ausreichend, um wirklich zu begreifen, was ich machen musste. Die ersten Wochen noch dachte ich, dass ich eine Art Freundschaft mit Mike behalten könnte. Er könne ja nichts dafür, dass er Narzisst sei und schließlich sei der Bann ja nun gebrochen. Doch das war ein naiver Trugschluss.
Mike und ich waren bereits in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, damit Mike in Deutschland leben und arbeiten durfte. In der kurzen Zeit hatte er bereits eine Menge Schulden angesammelt. Schulden bei mir, weil er die Miete nie zahlen konnte. Schulden bei meinen Eltern, weil sie mir helfen mussten, da auch ich ihm irgendwann all meine Ersparnisse gegeben hatte, um zu helfen, seinen Teil der Miete zu zahlen. Ich weiß nicht mehr, wie viel er insgesamt schuldete, aber es waren über 10.000€. Und den Großteil davon hat und wird er nie zurückzahlen.
Eines Tages schrieb Mike mir, dass er in Urlaub fliegen wolle. Ich schrieb zurück und fragte ihn, ob es nicht besser sei, zu versuchen, etwas mehr zu arbeiten, damit wir die Schulden bei meinen Eltern zurückzahlen konnten. Daraufhin blockierte er mich. Das war der Moment, wo ich verstand: Scheiße! Ich muss ihn loswerden! Ich wollte und konnte nicht zulassen, dass auch meine Eltern unter ihm leiden würden. Ich traf den Entschluss, ihn zu verlassen.
Zur gleichen Zeit rief mich plötzlich ein Freund und Mitbewohner von Mike aus seiner alten Heimat an: „Ich wollte dich anrufen statt zu schreiben, weil Mike heimlich deine Nachrichten liest.“ Ich musste plötzlich daran denken, dass ich in letzter Zeit oft das Gefühl hatte, mein Handy lag nicht mehr dort, wo ich es zurückgelassen hatte. Oder daran, wie ich ihn einmal dabei erwischte, wie er sich irgendwie in den Facebook-Account seines Freundes eingeloggt hatte und dessen Nachrichten las. „Ich bin froh, dass du endlich anfängst zu merken, was wirklich los ist“, meinte er zu mir. Was er mir dann erzählte, ließ mir das Blut frieren. „Er hat Millionen an Schulden hier! Er ist im Grunde genommen vor seinen Schulden hier weggelaufen. Er hat über ein Jahr lang seine Miete nicht bezahlt, ohne es uns zu sagen. Unser Vermieter hat uns rausgeschmissen.“
„Er liest heimlich deine privaten Tagebücher. Er redet hinter deinem Rücken schlecht über dich. Und er redet so, als ob das Geld deiner Eltern im Grunde seins wäre. Du musst jetzt handeln, und zwar schnell. Sei vorsichtig. Ich kenne ihn. Er kann gefährlich werden. Und es geht nur um ihn. Er ist sehr gut darin, Menschen zu täuschen. Er ist ein notorischer Lügner. Ich mache mir Sorgen um dich, also halte mich bitte auf dem Laufenden. Hast du einen guten Freund, der mit dir nach Hause gehen kann? Vergiss nicht: Wir stehen zu 100 % hinter dir. Wir unterstützen dich.“
Ich zitterte. Am ganzen Körper. Ich nahm mein Telefon und suchte die Nummer seiner ehemaligen Vermieterin in Berlin. Mike hatte mir seit Monaten versichert, dass er seine Schulden an mich zurückzahlen kann, sobald er endlich die Kaution seiner früheren Vermieterin zurückbekommen hat. Diese wolle sie nicht auszahlen, weil sie behaupte, er hätte Sachen gebrochen, die sie erst ersetzen müsste. Sie klang überrascht und etwas verwirrt, als ich sie nach der Kaution fragte. „Die habe ich ihm schon vor Monaten zurückgezahlt!“
Es war der finale Beweis.
Ich atmete tief durch, nahm mein Handy, und ließ ihn wissen, dass es zwischen uns vorbei sei. Und dass ich möchte, dass er auszieht. Es folgte ein riesiger Wutanfall. Mit Drohungen. Ich fühlte mich nicht mehr sicher, nach Hause zu gehen und kam erst einmal bei zwei Freunden unter.
Wenige Tage später stand Mike plötzlich unangekündigt in meinem Büro meiner Arbeitsstelle, wo ich alleine arbeitete. Er kam rein und versuchte auf mich einzureden, aber ich wies ihn ab. Und dann fing er an zu weinen.
Unter anderen Umständen hätte jemand vielleicht Mitgefühl mit ihm gehabt. Aber ich merkte, an welchem Punkt er anfing zu weinen. Er fing an zu weinen, als er darüber sprach, was meine Eltern jetzt über ihn denken. Mike hatte mehrmals versucht, meine Eltern zu kontaktieren, nachdem ich ihn verlassen hatte. Doch die weigerten sich, mit ihm zu kommunizieren. Mike weinte nicht, weil er mich verloren hatte. Er weinte, weil er die Kontrolle darüber verloren hatte, wie andere Menschen ihn sehen. Es war eine ultimative narzisstische Verletzung.
In der narzisstischen Beziehung geht es vor allem um Kontrolle: Kontrolle über das Bild der Beziehung in der Welt, Kontrolle über die Menschen in der Beziehung, Kontrolle über das Narrativ und Kontrolle über die Menschen, die als narzisstische Ressourcen dienen.9
Ramani Durvasula
Wenige Tage später begleitete ein weiterer Freund mich nach Hause, damit ich ein paar Sachen abholen konnte. Mike war da und schrie meinen Freund an. Alles sei seine Schuld, er hätte mich dazu gebracht, Mike zu verlassen. Es war eine unfassbar angespannte, beängstigende Situation. Mike versuchte auf mich einzureden, doch ich sah ihn kein einziges Mal an und versuchte mich darauf zu konzentrieren, alle benötigten Sachen einzupacken. Schlussendlich war es so weit und ich wollte so schnell wie möglich verschwinden. Doch als wir gehen wollten, lief Mike zwischen uns, versuchte mit einer Hand meinen Freund aus der Wohnung zu schieben und mich mit der anderen Hand in der Wohnung zu behalten. „DU BLEIBST HIER!“ Panik stieg in mir hoch.
Ich weiß nicht, wie es passierte. Ich habe es definitiv nicht bewusst getan. Es war, als würde plötzlich mein Hirn ausschalten und mein Körper die Kontrolle übernehmen. Ich spürte, wie mein Körper sich aufrichtete, größer wurde, und endlich sah ich Mike mitten in die Augen. Meine Augen durchbohrten seine. Mein Mund öffnete sich wie von allein und als ich meine Stimme hörte, war es, als würde ich die Stimme einer fremden Person hören, die mir bis dahin völlig unbekannt war. Sie war tiefer als sonst. Viel bedrohlicher. Ich hatte diese Stimme noch nie in meinem Leben gehört: „Du lässt mich gehen – Und. Zwar. SOFORT!“ Mike sah mich kurz an, komplett still. Ich konnte ihm ansehen, wie geschockt er war, jedoch nicht minder geschockt als ich über mich selbst. Und absolut still, ohne ein weiteres Wort zu sagen, ließ er mich los und ich verschwand. Ein Jahr danach waren wir endlich geschieden. Mike und Noah heirateten kurze Zeit später.
Dunkle Persönlichkeiten: Narzissmus, Macht und der D-Wert
Hier geht es nicht nur um gebrochene Herzen, betrügende Ehepartner*innen und abwertende Eltern; hier geht es auch um die Gesundheit unseres Planeten, unserer Spezies und aller Lebewesen.10
Ramani Durvasula
Ist Mike wirklich Narzisst? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch aber natürlich kann ich es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Was ich heute klar sehen kann, ist Mikes gigantische Unsicherheit, die er mit seinem Charm, seinem Gaslighting und seinen Lügen, seiner Manipulation, seiner Projektion und Wut, seiner Arroganz und seiner Kontrolle versucht hat, zu übertünchen. Und das spricht stark für Narzissmus. Der Kern von Narzissmus ist eine tief sitzende, unreife, schmerzhafte Unsicherheit, sowie das Gefühl von Scham. Narzissmus ist gleichbedeutend mit pathologischer Verunsicherung. Narzisstische Menschen sind in der Regel unfähig, sich dieser schmerzvollen Unsicherheit zu stellen unf ihr Narzissmus dient dazu, diese Unsicherheit zu verstecken.
Wir können und sollten narzisstische Menschen mit umsichtigem Mitgefühl (aus der Ferne) betrachten, weil sie in Wirklichkeit sehr unsicher, unzufrieden und leer sind. Das kann kein einfaches Leben sein, und es ist zutiefst unangenehm. Leider verbringen sie die meiste Zeit ihres Lebens damit, dieses Unbehagen an anderen Menschen auszulassen. (…) Unsicherheit macht Menschen gefährlich – sehr gefährlich.11
Ramani Durvasula
Trotzdem gibt es auch zu viele Überschneidungen mit anderen toxischen Persönlichkeiten. Was ich aber sicher sagen kann: Mikes Persönlichkeit hat einen hohen D-Wert.
Der Dunkle Faktor der Persönlichkeit
Der „Dark Factor“ der Persönlichkeit (kurz: D) ist eine 2018 vorgeschlagene, vereinheitlichende, wissenschaftliche Theorie sozial und ethisch aversiver Persönlichkeitsmerkmale. Dazu gehören neben den Dunklen-Triaden-Persönlichkeiten Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus auch noch Sadismus, Egozentrismus, Egoismus, Gier, Boshaftigkeit, Anspruchsdenken, sowie moralische Entkopplung. Anhand eines wissenschaftlichen Fragebogens soll der D-Wert eines Individuums gemessen werden, der zwischen eins und fünf liegen kann. D ist definiert als die allgemeine Tendenz, den eigenen Nutzen zu maximieren – unter Missachtung, Inkaufnahme oder böswilliger Provokation von Nachteilen für andere –, begleitet von Überzeugungen, die als Rechtfertigung dienen. Je höher der D-Wert ist, desto „dunkler“, also sozial und ethisch problematischer sind die Persönlichkeitsanteile.12
Menschen mit einem zu niedrigen D-Wert können, andererseits, leicht Opfer von Manipulation und Ausnutzung werden. Doch nicht nur diese Menschen müssen lernen, sich vor toxischen Beziehungen zu schützen. Ich sagte es bereits: Über Narzissmus, die dunkle Triade und den D-Wert zu lernen hat mir nicht nur dabei geholfen, mich aus meiner Missbrauchsbeziehung zu befreien, es hat auch mein Welt- und Menschenbild grundlegend verändert. Wir alle leiden unter Menschen mit einem hohen D-Wert. Denn die Tatsache ist: Unser aktuelles politisch-wirtschaftliches System belohnt diese Menschen.
Eine Studie aus dem Jahr 2015 konnte nachweisen, dass die Eigenschaften und Verhaltensweisen von Zwölfjährigen ihren beruflichen Erfolg vierzig Jahre später besser vorhersagen können, als ihr IQ oder der sozioökonomische Status ihrer Eltern.13 Der Anteil an Psychopath*innen in Führungspositionen ist sechsfach höher als in der Allgemeinbevölkerung. Sechsfach!
Gleichzeitig scheint es nicht nur, dass Menschen mit wenig Empathie leichter an Macht gelangen. Studien legen die Vermutung nahe, dass es umgekehrt ebenso funktionieren könnte: Viel Macht könnte in manchen Fällen dazu führen, dass Menschen weniger empathisch werden, auch wenn ein kausaler Effekt noch nicht nachgewiesen werden konnte: „Forschungen haben ergeben, dass Menschen mit Macht dazu neigen, sich wie Patienten zu verhalten, bei denen die orbitofrontalen Lappen des Gehirns (die Region der Frontallappen direkt hinter den Augenhöhlen) geschädigt sind, ein Zustand, der zu übermäßig impulsivem und unsensiblem Verhalten zu führen scheint. Die Erfahrung von Macht könnte man sich also so vorstellen, dass jemand den Schädel öffnet und den Teil des Gehirns entfernt, der für Empathie und sozial angemessenes Verhalten so wichtig ist.“14 Ein Kreislauf, bei dem Menschen mit wenig Empathie an mehr Macht gelangen, und durch diese Erfahrung noch mehr an Empathie verlieren.
Viele Daten legen nahe, dass die Wahrscheinlichkeit für geringes Einfühlungsvermögen, geringes Interesse an anderen Menschen, für Anspruchsdenken, Stehlen und Mangel an ethischem Verhalten mit dem Grad an Reichtum steigt. Der Kapitalismus, insbesondere unsere heutige Form des Kapitalismus, ist vor allem auf Erfolg und Profit ausgerichtet. Unter diesen Bedingungen bedeutet die schiere Menge an sozialer Ungleichheit, dass wir keinen allgemeinen Anstieg des Glücks für alle erleben werden, selbst wenn sich die Wirtschaft verbessert.
Empathie kann wirtschaftlich ineffizient sein.15
Ramani Durvasula
Ein profitorientiertes System hat ein einziges Ziel: Gewinne zu erzielen. Diesen Geist kann man nicht mehr in die Flasche stecken, und wir leben in einer Zeit enormer wirtschaftlicher Ungleichheit. Da die Tendenz besteht, dass toxische, narzisstische, anspruchsdenkende und in nicht wenigen Fällen psychopathische Menschen an der Spitze der Unternehmensleiter stehen, implizieren ihr Mangel an Empathie, ihre Grandiosität, ihr Egoismus, ihre Rachsucht und ihre Arroganz, dass sie kaum bereit sind, ihre Gewinne zu teilen, hohe Boni abzulehnen oder dafür zu sorgen, dass ihre Arbeitnehmer*innen, geschweige denn die Welt gut versorgt ist.
Wohlhabende Menschen haben vielleicht keine Empathie und brauchen es, offen gesagt, auch nicht, da sie von den Herausforderungen der Welt und anderer Menschen besser abgeschirmt sind.16
Ramani Durvasula
Weltweit gewinnen machthungrige Rechtspopulist*innen und Rechtsextreme, sowie sogenannte „Anarchokapitalist*innen“ und Rechtslibertäre mit wenig Empathie an Zulauf. Trump, Johnson, Putin, Bolsonaro, Milei in Argentinien, Wilders in den Niederlanden, oder Björn Höcke hierzulande: In der Politik sind sie längst angekommen oder lenken sogar ganze Staaten. Auch in der Wirtschaft: Elon Musk, Peter Thiel, oder all die Menschen an der Spitze der Industrie fossiler Brennstoffe, die spätestens seit den 80er Jahren durch milliardenschwere Kampagnen Verschwörungserzählungen verbreiten, die den menschengemachten Klimawandel leugnen und die gesamte Weltbevölkerung gaslighten. Gleichzeitig haben sie bereits längst begonnen, sich Luxus-Bunker bauen zu lassen für den drohenden, von ihnen selbst herbeigeführten gesellschaftlichen und Klima-Kollaps.
„Alaska oder Neuseeland?“ Das fragten Superreiche einst den Wissenschaftler Douglas Rushkoff17: „Wo soll ich meinen Luxus-Bunker bauen lassen, für die Zeit, wenn „The Event“ passiert?“ Und mit „The Event“ meinten sie den drohenden Weltuntergang: Der Klimawandel, die nukleare Katastrophe, gigantische Bürgerkriege – also das, was sie durch ihr Handeln und Wirtschaften selbst produzieren. Und wie könnten sie sicherstellen, dass ihr Personal, das für sie in diesem Bunker arbeiten soll, sich nicht gegen sie wendet? Man könnte ja zum Beispiel implantierte Chips benutzen, die ihnen Elektroschocks verpassen, wenn sie nicht das tun, was sie wollen?
„Vielleicht könntet ihr ja einfach nett zu diesen Menschen sein“, antwortete Rushkoff. Nett zu anderen sein? Nett zum Angestellten, nett zur Nachbar*in, nett zu deren Familien? „Ja wo hört es dann auf?“ hat ein Superreicher dann gefragt, unwohl beim Gedanken daran, dass er zu allen nett sein müsste. Und ich glaube, diese Frage sagt mehr über das Schlamassel aus, in dem wir uns alle befinden, als die detailliertesten Studien.
So schützt du dich
Privilegien sind ein gesellschaftlicher Ausdruck von Narzissmus (…). Rassismus, Sexismus, Klassismus, Heterosexismus, Behindertenfeindlichkeit, Altersdiskriminierung und alle anderen Ismen sind allesamt Formen von Gaslighting – die Realität anderer anzuzweifeln und zu diffamieren, sie an sich selbst zweifeln zu lassen und so die Macht zu bewahren.18
Ramani Durvasula
Menschen mit einem hohen D-Wert richten unvorstellbare Schäden an der Welt an. Wir alle sind davon betroffen. Auch marginalisierte Menschen, wie LGBTQIA+. Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass Untersuchungen sozialer Ungleichkeit, von Intersektionalität, Macht und (Mehrfach-)Diskriminierungen neben Faktoren wie Geschlecht, Hautfarbe, sexuelle und geschlechtliche Identität, Herkunft oder Behinderung auch die Persönlichkeit mit in den Blick nehmen müssen. Denn wie ich beschrieben habe, ist die Persönlichkeit mit Prozessen der Macht verbunden.
Aber nicht nur sind diese Faktoren miteinander verschränkt. Ich glaube auch, dass marginalisierte Gruppen – insbesondere queere Menschen – besonders vulnerabel für Gaslighting und Missbrauch sind. Als marginalisierte Gruppe werden wir oft genug von der Mehrheitsgesellschaft gegaslightet. Wir hören, dass unsere eigene Stigmatisierung “ja doch nicht so schlimm sei” oder dass wir “nicht so sensibel sein sollen”. Und als queere Menschen haben wir tragischerweise auch oft gelernt, dass Liebe bedingt ist. Eltern, die uns nicht wegen unserer Identität akzeptieren. Oder sogar Missbrauch im Elternhaus – getarnt als vermeintliche “Liebe”. All das macht uns verwundbarer für Missbrauchsbeziehungen.
Wir alle müssen Vorkehrungen treffen, um uns so gut wie möglich davor zu schützen. Durch die unermüdliche Arbeit von Psycholog*innen wie der Narzissmus-Expertin Dr. Ramani Durvasula, gehören dazu folgende Ratschläge19:
Verstehe dich, deine Biografie und deine Vulnerabilitäten: Menschen mit gewissen Merkmalen und Geschichten sind anfälliger dafür, Opfer von Narzissmus zu werden. Dazu gehören: der Hang, andere Menschen „retten“ zu wollen; eine Biografie mit Traumata; ein Übermaß an Optimismus und Positivität (das macht es uns schwer, zu erkennen, dass Menschen mit toxischen Persönlichkeiten sich nicht ändern werden); andauernd allen alles zu vergeben; als Kind von einem narzisstischen oder toxischen Elternteil großgezogen worden zu sein; als Kind in einer überdurchschnittlich glücklichen Familie aufgewachsen zu sein (diese Kinder denken als Erwachsene oft, dass sie andere Menschen einfach nur genügend lieben müssen und finden es schwer zu glauben, dass es manipulative, grausame Menschen gibt); sowie ein Übermaß an Empathie. Empathie ist gut und wichtig. Diese Welt braucht dringend mehr Empathie. Wenn du ein übermäßig empathischer Mensch bist, kann dich das jedoch verwundbar für narzisstischen Missbrauch machen und du benötigst Strategien, damit dieser schöne Teil von dir nicht missbraucht wird und verwelkt.
Radikale Akzeptanz: Dazu gehört zum Beispiel die Erkenntniss, dass Narzisst*innen und andere toxische Persönlichkeiten sich nicht dauerhaft und ausreichend ändern können. In der Persönlichkeitspsychologie spricht man hier von der sogenannten Gummiband-Theorie. Diese behauptet, dass unsere Persönlichkeiten wie Gummibänder sind und gestreckt werden können, zum Beispiel wenn Narzisst*innen ihre Beziehungen bedroht sehen. Sie könnten sogar in eine Therapie gehen und sich für einige Monate oder ein Jahr verbessern. Aber wenn klar ist, dass der*die Partner*in bleibt, und sobald Narzisst*innen Stress erleben, schnallt das Gummiband in seine ursprüngliche Form und das narzisstische Muster kehrt zurück. Lerne, loszulassen, anstatt immer wieder zu vergeben.
Praktiziere Liebe zu dir selbst: Vertraue deinem Urteilsvermögen und deinen Emotionen. Wenn wir uns selbst lieben und schätzen, lassen wir Menschen, die uns chronisch entwerten, nicht zu nah an uns ran.
Lass dir Zeit: Wenn du neue Menschen kennenlernst, besonders beim Daten, dann überstürze nichts. Gib dir Zeit, die andere Person über mehrere Wochen oder Monate kennen zu lernen, bevor du sie näher in dein Leben lässt. Beobachte deine Gefühle, vor allem Unwohlsein oder ein schlechtes Bauchgefühl, das du dir vielleicht noch nicht erklären kannst. Falle nicht auf Oberflächlichkeiten wie Aussehen, Reichtum, Erfolg, Intelligenz oder Bildung rein. Beobachte die Empathie und das Verhalten der anderen Person, vor allem problematisches Verhalten: Wenn etwas zum ersten Mal passiert, ist es ein Ausrutscher, beim zweiten Mal ist es ein Zufall und beim dritten Mal ist es ein Muster.
Bau deine Firewall gegen toxisches Verhalten auf und schütze deine Grenzen: Dazu musst du erst einmal deine Grenzen kennen und verstehen. Wenn möglich, lasse von vornherein keine toxischen Menschen in dein Leben.
Halte an deiner eigenen Realität fest: Wenn sich etwas entwertend oder entmenschlichend anfühlt, dann werfe einen langen, kritischen Blick darauf. Trete sanft zurück und nimm dir einen Moment Zeit, um mit dir selbst über deine Realität ins Reine zu kommen. Wenn Meinungsverschiedenheiten zu einem persönlichen Angriff ausarten, geht es nicht mehr darum, Meinungen zu teilen; das ist Missbrauch. Und das bedeutet, dass es Zeit ist, zu gehen. Das gilt besonders dann, wenn du Teil einer gesellschaftlich unterdrückten Gruppe bist, die von der dominanten Kultur mit Gaslighting behandelt wird: „Wenn es der Welt erlaubt ist, uns zu gaslighten, dann sind wir anfälliger für individuelles Gaslighting, und dann sind wir anfälliger dafür, Narzisst*innen in unser Leben und sie dort zu lassen. Rassismus, Sexismus, Klassismus, Heterosexismus, Behindertenfeindlichkeit, Altersdiskriminierung und alle anderen Ismen sind alles Formen von Gaslighting – die Realität anderer anzuzweifeln und zu diffamieren, sie an sich selbst zweifeln zu lassen und so an der Macht festzuhalten.“
– Ramani Durvasula
Mach Therapie: Falls du die Möglichkeit dazu hast, dann nutze sie.
Erkenne und (wenn möglich) vermeide sogenannte „Enabler“ („Ermöglicher*innen“): Das sind die Menschen in deiner Umgebung, die der toxischen Person nachsichtig gegenüberstehen: Familie oder Freund*innen, die dich beschämen, wenn du der narzisstischen Person nicht verzeihst, eine Gesellschaft, die dir sagt, dass du deine Beziehung nicht beenden oder schlechtes Verhalten anprangern darfst, Menschen, die das, was du erlebst, herunterspielen oder auf abgedroschene Erklärungen wie „Du bist auch nicht perfekt“, „Sie meinen es nicht böse“, „Ich hatte nie Probleme mit ihnen“ oder „Sie haben ihr Bestes getan“ zurückgreifen. Deshalb auch:
Baue enge Verbindungen zu mitfühlenden Menschen auf, die für dich ein Safer Space sind: Das ist besonders deswegen wichtig, weil Narzisst*innen oft versuchen, ihre Opfer zu isolieren. Meine Befreiung von Mike wäre ohne die Freundschaften, die ich hatte, ohne Romina, ohne die Freunde, bei denen ich untergekommen bin, ohne meine Eltern, ohne die vielen anderen Freund*innen, an die ich mich wenden konnte, die mich gestärkt, zugehört, und uneingeschränkt unterstützt haben, nicht möglich gewesen.
Kümmere dich um deinen eigenen Garten: Wir können nicht die Welt retten. Sei nett zu anderen, übe dich in Höflichkeit, suche nicht nach Kämpfen, und versuche, die Perspektive anderer Menschen zu verstehen. Aber vertreibe die toxischen Verhaltensweisen, Situationen und Menschen aus deinem Leben – im Wesentlichen: jäte Unkraut in deinem Garten, sonst töten sie alles, was du anpflanzt. Und wenn du zweite Chancen gibst, dann gib sie den Menschen, die sie verdienen. Höre auf, sie an Narzisst*innen zu verschwenden.
Manage sie wenn du nicht ganz aus ihrem Leben verschwinden kannst: Dazu gehören folgende Strategien:
Höre auf, ihnen deine Gutherzigkeit zu schenken: Sei zuvorkommend und hilfsbereit, und zwar oft, aber mit Menschen, die es verdienen. Toxische Menschen können nicht gerettet werden, und es ist nicht deine Aufgabe, dies zu tun.
Vermeide DEEP wenn Menschen mit dunklen Persönlichkeiten dich angreifen: do not Defend (verteidige dich nicht), do not Engage (steige nicht in eine Diskussion mit ihnen ein, teile nicht deine Gefühle mit ihnen), do not Explain (erkläre dich nicht), do not Personalize (nimm es nicht persönlich). Don’t feed the troll. Lass dich nicht auf den Kampf ein. Narzisst*innen haben kein filterndes Einfühlungsvermögen, also kannst du keine Diskussion gegen sie gewinnen. Vor allem: Sage ihnen nicht, dass sie narzisstisch sind (oder eine andere dunkle Persönlichkeit haben). Den Fehler hatte ich gemacht und es wird nicht funktionieren: Narzisst*innen haben in der Regel nicht genügend Selbstreflektion, um das zu erkennen und anderen dunkle Persönlichkeiten, wie Psychopath*innen, ist es schlichtweg oft egal.
Grauer Stein und Gelber Stein: Mache dich so uninteressant wie ein grauer Stein. Weniger ist mehr: Halte die Kommunikation kurz, sparsam, spärlich und einfach. Bleibe bei „ja“, „nein“, „okay“ und „danke“ ohne viel Emotion. Manchmal ist dies jedoch nicht möglich. Bei der Gelben-Stein-Strategie bleibt man deswegen ebenfalls kurz, aber mischt etwas mehr emotionale Reaktion in das Gesagte rein oder macht die Sätze nur ein wenig länger.
Gib ihnen, was sie wollen: Bestätige sie, lächele, misch dich nicht ein und verlasse die Situation dann so würdevoll wie möglich. Was auch immer es ist, bestätige es. Und dann verschwinde.
Finde und halte an Sinn, Zweck, Humor, und Freude in deinem Leben fest: Emotionaler und psychischer Missbrauch saugen diese Qualitäten aus deinem Leben. Baue sie (zurück) in dein Leben ein und schütze sie. Sie sind dein Puffer gegen die Ungerechtigkeit.
„Die Heilung geschieht an dem Tag, an dem du erkennst, dass es hier nicht um Gerechtigkeit oder Fairness geht; es geht um Selbsterhaltung und Frieden. (…) Wenn du das Gefühl der Ungerechtigkeit loslassen kannst, wirst du von narzisstischem Missbrauch heilen. Das Leben ist nicht fair, und statt zu vergeben, lass einfach los (…). Das muss Gerechtigkeit genug sein.“20
Meine Eltern hatten Mike von Anfang an nicht vertraut und waren gegen die Partnerschaft. Mike wusste das. Trotzdem haben sie mich unterstützt. Weil sie das als ihren Job als Eltern ansahen. Als Mike zum ersten Mal bei meinen Eltern zu Besuch war, meinte meine Mutter zu ihm: „Ich bin eine Löwenmutter. Ich werde dich finden, wenn du meinem Sohn etwas antust.“
Sechs Jahre sind seit der Trennung vergangen. Fünf seit der Scheidung. Fünf Jahre ohne jeglichen Kontakt.
Ich habe eine Therapie gemacht, um das Erlebte zu verarbeiten. Aber auch um an den Gründen zu arbeiten, weswegen ich es zugelassen hatte, überhaupt erst eine Beziehung mit solch einem Menschen einzugehen. Noch immer kämpfe ich mit den finanziellen Folgen der Beziehung. Und mit der Trauer. Eine narzisstische Beziehung ist gleichzusetzen mit einem Verlust an Unschuld. Viele Überlebende narzisstischer Beziehungen berichten, dass diese traumatische Erfahrung eine Art Leichtigkeit im Leben zerstört hat, die Fähigkeit zu vertrauen, oder den Glauben an das Gute.
Aber in jeglicher anderen Hinsicht ging es seitdem bergauf. Ich habe einen langen Weg der Heilung hinter mir und einen vermutlich mindestens ebenso langen noch vor mir. Heilung ist ein Akt des Widerstands, der Auflehnung, der Rebellion. Es ist Teil meines aktivistischen Lebens. Dieser Artikel ist ein ebenso Teil davon. Ich war schon immer davon überzeugt, dass das Private politisch ist.
Romina und ich haben eine neue Wohnung in Berlin gefunden. Ich habe ein erfolgreiches Business aufgebaut, das mich mit Sinn erfüllt und Spaß macht. Ich habe alte Freundschaften vertieft und neue hinzugewonnen. Und wieder gelernt, Vertrauen aufzubauen, sowie Intimität und Nähe zuzulassen – mit einem Menschen, der meine Nähe verdient.
Bin ich wieder der gleiche Mensch wie vor der Beziehung zu Mike? Nein. Und das werde ich auch nie wieder sein. Eine solch traumatische Beziehung zu einem Gaslighter ändert dich – für immer. Es hat nicht nur meinen Blick auf die Menschheit und die Welt verändert, ich selbst bin auch anders. Nicht besser als vorher. Nicht schlechter. Einfach anders. Vor allem genieße ich die Zeit mit mir selbst viel mehr. Ich fühle mich ausgeglichen mit mir selbst. Ich habe die Beziehung zu mir selbst verbessert. Und ich kann sagen: Ich bin glücklich. Sehr sogar.
Doch vor Kurzem bekam ich einen Anruf von einer mir unbekannten Nummer: „Jeff?“ fragte eine Stimme. Ich hab sie nicht gleich erkannt. „Ja?“, antwortete ich. „Hier ist Mike.“
… Damit hatte ich, sechs Jahre nach der Trennung, gar nicht mehr gerechnet. Er fragte: „Können wir reden?“ Ich antwortete höflich: „Nein Danke, ich habe kein Interesse.“ Mike ignorierte das und versuchte trotzdem mehrmals, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Er würde gerne wieder Kontakt aufnehmen. So viel Zeit sei vergangen. Ich machte ihm wieder freundlich aber bestimmt deutlich, dass ich kein Interesse hätte. Und dann legte ich auf.
Kurze Zeit später erreichte mich eine E-Mail von Mike, in der Dinge standen wie:
„Durch meinen Egoismus habe ich dir und deinen Eltern wehgetan, und es war nicht meine Absicht, aber ich habe es geschehen lassen.“ – „Ich hoffe, du kannst mir in deinem Herzen dafür verzeihen, dass ich ein ARSCHLOCH war!“
Manche würden denken, das sei doch ein gutes Zeichen. Aber dann fiele man wieder auf Manipulationsversuche rein. Genauer gesagt: auf narzisstisches „Hoovern“.
Hoovern
Das englische Wort „to hoover“ heißt wortwörtlich „saugen“ bzw. „staubsaugen“. Es steht hier jedoch für das manipulative, charmante Umgarnen durch eine narzisstische Person, die versucht, sein Ziel wieder in die Beziehung einzusagen – eben wie ein Staubsauger.21 In Beziehungen geht es für sie um Kontrolle und Lieferung einer ständigen Versorgung ihrer narzisstischen Bedürfnisse. Solche Menschen hoovern, um diese Versorgung zurückzubekommen. Wenn jemand ohne sie glücklich ist, bedeutet das, dass sie diese Person nicht kontrollieren, und das Hoovern ist ein Versuch, diese Macht zurückzugewinnen.
Das Hoovern kann auch erst Jahre nach der eigentlichen Beziehung stattfinden. Wenn die Zielperson nicht auf das Hoovern reagiert, dann folgen auf das Hoovern oft wieder die üblichen narzisstischen Wutausbrüche.
Als keine Antwort von mir kam, folgte eine zweite Email, die sich von der ersten so sehr unterschied, als sei sie von einem anderen Stern. Es war ein regelrechtes Sammelsurium an Wahnvorstellungen, wie ich es selten erlebt hatte:
„Ich weigere mich, mich emotional und psychisch so von dir quälen zu lassen.“
„Deine Eltern wussten, dass du psychisch labil warst, und sie haben unsere Ehe unterstützt, in der Hoffnung, dass du durch mich psychisch stabil wirst! Sie haben mich benutzt, um dich glücklich zu machen und Gewissheit zu erlangen, dass es dir dadurch bessergehen soll!“
„Fakt ist: Ich liebe Noah nun mal! Ich dachte, ich könnte dich auch lieben, aber du bist psychisch krank!“
„Ich beende die Sache jetzt! Ich liebe dich nicht, ich liebe Noah!“
„Du und deine Eltern haben mich ausgenutzt!“
„Deutschland ist mein Zuhause! Berlin ist mein Zuhause! Ich werde nicht zulassen, dass du das zerstörst!“
„Lass mich und Noah in Ruhe!“
„Sollte ich weiterhin emotional von dir gequält werden, gehe ich zur Polizei und zu den Behörden, um ihnen zu erzählen, was ich durchgemacht habe, da du immer noch versuchst, mich dafür bezahlen zu lassen, dass du Probleme hast und dass ich nicht mit dir zusammen sein wollte!“
„Ich bin fertig mit dir, und uns!“
„Beste Grüße, Mike.“
Diese Email kam aus dem Nichts, fünf Jahre nach dem letzten Kontakt.
Narzisst*innen und andere toxische Menschen sind schnell dabei, jede Art von [tatsächlichen oder eingebildeten] Anschuldigungen gegen sie als „Hexenjagd“ zu bezeichnen, was sie selbst als Täter in ein Opfer umwandelt.22
Ramani Durvasula
Ich las die E-Mail. Ich hatte erwartet, dass sie mich triggern und aus der Bahn werfen würde. Zu meiner Überraschung hielt sich das dann doch sehr in Grenzen. Ich empfand eher eine Mischung aus Belustigung, Mitleid und Faszination. Belustigung über das Ausmaß der Wahnvorstellungen jenseits jeglicher Realität. Mitleid über seine tief sitzende, unreife, schmerzhafte Unsicherheit, sowie darüber, dass er nach sechs Jahren Trennung offensichtlich noch immer nicht diese narzisstische Kränkung des Verlassen Werdens loslassen konnte. Und Faszination darüber, wie weit die Wahnvorstellungen gingen und dass er keine Hemmungen hatte, mir das zu schreiben, obwohl ihm doch irgendwo bewusst sein müsste, dass ich es besser weiß. Aber sein Gaslighting funktionierte nicht mehr. Das tat es seit sechs Jahren nicht mehr. Irgendwas löste die E-Mail dann doch in mir aus: Ich ließ noch einmal los. Durch die E-Mail merkte ich, dass das ganze Trauma sich mittlerweile eher wie ein weit entfernter, schlechter Traum anfühlte, den ich im Alltag immer mehr zu vergessen schien. Ich hatte inneren Frieden erlangt. Es ging mir nicht mehr um Gerechtigkeit, es ging mir um Frieden. Ich hatte losgelassen. Und das war der wahre Schritt hin zur Heilung.
Hilfetelefon für Männer, die Opfer von Gewalt werden: 0800 123 99 00
Die Sprechzeiten sind Montag bis Donnerstag von 8 bis 20 Uhr und am Freitag von 8 bis 15 Uhr.Zusätzlich gibt es auch einen Online-Chat: https://onlineberatung.maennerhilfetelefon.de/
Dieser ist zu folgenden Zeiten erreichbar: Montag bis Donnerstag zwischen 12 und 15 Uhr sowie 17 bis 19 Uhr.Infos zu Männerschutzwohnungen findest du hier.
Weitere Hilfe
Hast du dunkle Gedanken? Wenn es dir nicht gut geht, du dich selbst verletzt, oder du daran denkst, dir das Leben zu nehmen, dann ist die Telefonseelsorge für dich da. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.
Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen finden Sie unter: www.telefonseelsorge.de
Und nicht zuletzt gibt es für schwule, bi+ und queere Männer (egal ob trans oder cis) auch den Gay Health Chat. Dort kannst du anonym mit professionellen Menschen aus der Community über deine Probleme chatten und dich beraten lassen: www.gayhealthchat.de
übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 50ff.
Vgl. Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 30f.
Vgl. Robin Stern (2018): The Gaslight Effect – How to Spot and Survive the Hidden Manipulation Others Use to Control Your Life, Harmony Books, S. XIX.
übers. aus dem Engl.: Robin Stern (2018): The Gaslight Effect – How to Spot and Survive the Hidden Manipulation Others Use to Control Your Life, Harmony Books, S. XXIV.
übers. aus dem Engl.: Robin Stern (2018): The Gaslight Effect – How to Spot and Survive the Hidden Manipulation Others Use to Control Your Life, Harmony Books, S. 14.
Vgl. Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 5ff.
übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 324.
übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 8ff.
Vgl. Morten Moshagen, Benjamin E. Hilbig, Ingo Zettler (2018): What is D?, darkfactor.org
Vgl. Marion Spengler et al. (2015): Student characteristics and behaviors at age 12 predict occupational success 40 years later over and above childhood IQ and parental socioeconomic status, Journal of Personality and Social Psychology 51 (9), S. 1329-1340.
übers. aus dem Engl.: Douglas Rushkoff (2022): Survival of the Richest – Escape Fantasies of the Tech Billionaires, Norton, S. 34.
übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 120.
übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 125.
Vgl. Douglas Rushkoff (2022): Survival of the Richest – Escape Fantasies of the Tech Billionaires, Norton, S. 3.
übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 301.
Vgl. Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, sowie: Ramani Durvasula (2024): It’s Not You – How to Identify and Heal from Narcissistic People, Penguin.
übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 341f.
Vgl. Ramani Durvasula (2024): It’s Not You – How to Identify and Heal from Narcissistic People, Penguin, S. 71 & 229.
übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 57.
Mohamed, als ich dein Buch kaufen wollte, besuchte ich eine große Buchhandlung. Trotz Anzeige im System konnte das Personal es nicht finden. Schließlich fand ich es in einer anderen Filiale derselben Kette im Regal für „Spiritualität-Ratgeber“. Ist das eine passende Kategorie? Ist es verwirrend, deine Arbeit hier einzuordnen?
Tatsächlich ist mir das auch schon passiert. Ich arbeite mit einem großen Verlag zusammen, der einen ausgezeichneten Vertrieb hat und zu den führenden auf dem deutschen Buchmarkt zählt. Dennoch gibt es viele Menschen, die Schwierigkeiten haben zu verstehen, welche Bücher in welchen Regalen stehen sollten. Es gab sogar eine große Buchkette, die konservativ eingestellt ist und anfangs strikt dagegen war, das Buch in ihre Regale zu nehmen. Einige Buchhandlungen haben es dann in die Kategorien Spiritualität oder Ratgeber einsortiert, was für das Buch eigentlich nicht ideal ist. „Let’s talk about sex, Habibi!” hat einen feministischen, queeren und sexpositiven Ansatz und sollte daher auch in entsprechenden Regalen zu finden sein. Weder ich als Autor noch der Verlag haben letztendlich die Entscheidungsgewalt darüber, wo es platziert wird. Es obliegt der Buchhandlung, es entweder im Regal zu platzieren oder nicht. Dies verdeutlicht jedoch auch die Herausforderung, alternative, queere und feministische Ideen oder Texte angemessen zu präsentieren, um sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Als Feedback für deine Arbeit wird dir manchmal gesagt: „Du bist aber fortgeschritten für einen Mohamed“. Soll das ein Kompliment sein?
Das ist ein vergiftetes Kompliment. Und leider hört man es auch in progressiven Kreisen. Einerseits ist es eine Anerkennung meiner Modernität und Fortschrittlichkeit. Andererseits führt es automatisch dazu, dass Menschen als „anders“ klassifiziert werden. Bin ich selbst jemand, der eine konservative Lebensweise gutheißen würde? Natürlich nicht. Aber ich habe keine Macht, jemandem zu sagen, du sollst jetzt nicht gläubig sein oder Ramadan nicht machen.
Ich sehe in diesem Feedback eine subtile Form von Rassismus. Zudem haben viele Menschen in Deutschland Schwierigkeiten, meinen Namen Mohamed korrekt auszusprechen. In Podiumsdiskussionen oder Gesprächen mit Kollegen in verschiedenen Redaktionen bemerke ich regelmäßig ein regelrechtes Unbehagen, wenn sie meinen Namen aussprechen müssen, weil er in ihren Köpfen negativ konnotiert ist. In meinen ersten beiden Büchern habe ich versucht, diese Voreingenommenheit zu dekonstruieren. Die Annahme, dass man allein anhand eines Vornamens auf den Charakter und die Persönlichkeit einer Person schließen kann, ist absurd. Ich kann nicht behaupten, jemand sei böse, nur weil er Heinrich heißt. Es gibt sicherlich auch böse Heinrichs, aber es ist oberflächlich, auf diese Weise zu denken. Leider ist dies etwas, dem ich und viele andere Mohameds täglich begegnen.
Mit deinem dritten Buch gehst du aber anderen Fragen nach.
Ja, nach zwei Büchern über weiße Menschen wollte ich die Perspektive ändern und andere in den Mittelpunkt stellen. Und da ich teilweise in Marokko aufgewachsen bin und als Reporter in Nordafrika überall unterwegs war, war es schnell klar, dass ich über Nordafrika schreiben möchte. Wir interessieren uns als Menschen für Sexualität und die Sexualität von anderen, und deshalb sind Begehren, Liebe und Sexualität eigentlich nur Möglichkeiten und Brücken, um über viele andere Dinge zu sprechen: über Feminismus, Queerness, Migration, Tourismus und Machtgefälle, über Kolonialismus und postkoloniale Strukturen. Nordafrikanisch-stämmige Menschen werden immer noch mit einem rassistischen Minus-Blick betrachtet. Deswegen wollte ich ein bisschen dekolonisieren und einfach die Realität zeigen, ohne sie zu romantisieren. Es geht also nicht darum zu sagen, alles ist super, sondern zu sagen, hier ist das Gesamtbild und es ergibt in seiner Gesamtheit wenig Sinn, aber so ist halt das Leben und so ist die Realität. Man findet alles in Nordafrika, z.B. sexpositive Traditionen. Und daneben aber auch extremistische religiöse Kräfte, die eben sexualitätsfeindlich sind. Man findet Partys, von denen man in Berlin nur träumen kann. Aber man findet auch Regime, die queerfeindliche oder frauenfeindliche Politik machen und dennoch als säkular bezeichnet werden. Deswegen ist es für mich ein Anliegen, die Region ein bisschen anders vorzustellen.
Wie hast du es geschafft, durch die Vielseitigkeit zu führen, ohne dabei Klischees zu verstärken?
Ich verfügte über reichlich Material für mein Buch: Als ich in Marokko aufwuchs, erlebte ich dort 12 Jahre lang die komplette Bandbreite der Jugendjahre. Zusätzlich war ich als Reporter über 10 Jahre lang in Nordafrika tätig. Diese Erfahrungen motivierten mich dazu, das Buch zu konzipieren, denn je intensiver und häufiger man beobachtet, desto nuancierter kann man darüber schreiben. Trotz meiner Bemühungen, Klischees zu vermeiden, erhielt ich kritische Rückmeldungen. Im Buch behandle ich beispielsweise den Glauben an Magie in Marokko, was von einigen als Klischee betrachtet wurde, jedoch der Realität entspricht. Als Reporter liegt es nicht in meiner Aufgabe, die Dinge zu beschönigen, sondern zunächst einmal, sie zu beschreiben und auf unterhaltsame Weise darzustellen.
Du sprichst im Buch sehr viel an, das Diskussionen auslösen kann. War es schwierig für dich, die Themen auszuwählen?
Mir war es wichtig, verschiedene Themen anzusprechen. Deshalb hatte ich eine Liste mit Themen, darunter feministische Theorie, Kolonialismus und Postkolonialismus. Ich führe eigentlich schon immer ein Tagebuch, in dem ich einfach schnell und detailliert schreibe – das ist für mich Routine. Anschließend habe ich mein Feldforschungstagebuch konsultiert und versucht, aus diesem Fundus genau diese Themen zu illustrieren. Für jedes wichtige Thema habe ich mindestens eine Anekdote erzählt, um eine Metaebene zu schaffen. Viele Geschichten habe ich geschrieben und dann wieder verworfen, weil die beteiligten Personen nicht im Buch erscheinen wollten. Aber andere haben zugestimmt und mir mehr Details gegeben.
Ein Thema, das mich an mein Leben in Kairo erinnert, ist die unangenehme Situationen mit den Apotheker*innen, von denen man beim Kondomkauf verurteilt wird. Möchtest du das kurz kommentieren?
Für mich war es eine Art Forschung, überall Kondome zu kaufen. Die Aufgabe einer Apotheke ist es, sich um die Gesundheit seiner Kund*innen zu kümmern, ohne ideologische Färbung und ohne den Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden. Ich habe vier Kondomkäufe im Buch beschrieben, aber es gibt 50 weitere Geschichten, die völlig unterschiedlich sind, auch innerhalb eines Landes. In Tunis hatte ich z.B. das Pech, einem ultrakonservativen salafistischen Apotheker zu begegnen, in Oran-Algerie war es ebenfalls ein ultrakonservativer Salafist, der mir aber sogar Gleitgel verkaufen wollte. Mittlerweile gibt es in jeder Straße in Marokko Kondom-Automaten. Ich muss auch dazu ganz offen sagen, dass es teilweise einfacher ist, einen HIV-Test in Casablanca zu bekommen als in manchen deutschen Städten. Wenn du als Person, die besonders von Rassismus betroffen ist, einen Test machen möchtest, bekommst du in einigen Orten in Deutschland auch komische, teilweise rassistische Kommentare zu hören.
Sextourismus und die pädophile Neigungen einiger Tourist*innen in Nordafrika kommen im Buch vor. Warum glaubst du, dass manche europäische Tourist*innen dort glauben, Grenzen überschreiten zu können?
Es hat auf jeden Fall eine koloniale Komponente, aber im zeitgenössischen Sinn. Schon seit sehr langer Zeit sind Kolonialist*innen nach Nordafrika gereist und haben sich dort bedient. Ich versuche im Buch quasi diese vielen Reisen von Europäer*innen zu skizzieren. Es gibt z.B. einen britischen Autor, der nach Ägypten fährt und sogar in seinem Tagebuch sehr minutiös festhält, wie Minderjährige sexuell belästigt werden, und das dann als große Freiheit feiert. Das gilt für fast alle Länder in Nordafrika, außer für Algerien, dort ist es ein bisschen anders. Weiße Menschen, vor allem Tourist*innen, können in der Region mehr oder weniger machen, was sie wollen. Ich beschreibe diese Szene im Buch, wo ein europäischer Tourist einen Minderjährigen mit aufs Zimmer nimmt und er hat noch nicht mal Angst, erwischt zu werden, weil er weiß, er kann sehr weit gehen. In Marokko gab es außerdem den Fall eines spanischen Pädokriminellen, der mehrere Minderjährige vergewaltigt hat und dann auf Druck von Protesten verurteilt wurde. Und dann wurde er auf Anfrage des spanischen Königs begnadigt und nach Spanien zurückgeschickt. Pädokriminelle Aktivität gehen dort vor allem von Tourist*innen aus Europa, aber auch aus den Golfstaaten aus, da sie bestimmte finanzielle Möglichkeiten mitbringen. Sie wissen: Es ist nah, günstig und mit einem eher geringeren Risiko im Vergleich zu anderen Ländern verknüpft. Da werden auf jeden Fall rote Linien und Grenzen überschritten, und als nordafrikanische Gesellschaften müssen wir auch unbedingt über diese Gewalt sprechen.
Mit wem sollen wir denn sprechen?
Mit uns selbst! In ehemals kolonisierten Gesellschaften gibt es immer noch an einigen Stellen einen Minderwertigkeitskomplex, der jedoch langsam abgebaut wird. Vor Kurzem war ich in Marokko und bemerkte, dass sich etwas mehr Selbstbewusstsein zeigt. Vor 20 Jahren waren die Leute eher so: „Gott, ein Europäer, ein Tourist. Man muss ihm alles anbieten.“ Mittlerweile sagen die Leute in der Gesellschaft eher: „Wenn du dich nicht benehmen kannst, bist du auch hier als Tourist nicht erwünscht.“ In Deutschland wird oft behauptet, Ausländer*innen „machen, was sie wollen, und sie sind kriminell“. Doch aus meiner Sicht sind die größten problematischen Ausländer*innen die Deutschen im Ausland.
In einer anderen Geschichte kommt ein Marokkaner durch eine Scheinehe nach Europa, kehrt aber nach einiger Zeit nach Marokko zurück, weil es ihm in Europa nicht gefällt. Ähnliche Geschichten höre ich immer wieder. Warum kommen Menschen nach langer und komplizierter Planung und lassen dann einfach alles stehen und liegen und gehen wieder zurück?
Die Tatsache, dass viele Menschen aufgehört haben, sich an Europa zu orientieren, fasziniert mich sehr. Früher haben viele meiner Freund*innen gesagt: „Wie dumm sind deine Eltern? Ihr wart in Deutschland, und sie haben euch zurückgeholt. Wie dumm ist das, nach Afrika zurückzukehren?!” Dies hat jedoch deutlich abgenommen und hat viel mit dem gesteigerten Selbstbewusstsein zu tun, von dem ich gesprochen habe. Die Leute sind selbstbewusster geworden und sagen: „Warum sollte ich irgendwo hingehen, wo ich wie Dreck behandelt werde?“ Viele haben sich dafür entschieden, diesen Traum zu begraben oder gar nicht erst davon zu träumen. Das setzt natürlich voraus, dass es einem gut geht und man in Casablanca oder Kairo ein gutes Einkommen hat und politisch nicht unter Druck gesetzt wird. Dann kann man einfach sagen: „Gut, dann lebe ich halt mein Mittelschichtsleben.” Dies begegnet mir viel öfter als in der Vergangenheit. Zudem gibt es viele Menschen in Nordafrika, die gar nicht nach Europa reisen dürfen. Manche wollen gar nicht nach Deutschland kommen, um hier zu leben, sondern einfach ein Selfie vor dem Brandenburger Tor für Instagram machen – sie wollen einfach Tourismus machen, und hier liegt eine strukturelle Ungerechtigkeit. Warum können Deutsche überall hinreisen und andersherum nicht? Das ist für viele junge Menschen ein Druck und eine grundlegende Ungerechtigkeit. Deshalb glaube ich daran, dass es besser für die Menschheit wäre, ohne Grenzen auszukommen und die Leute erst einmal machen zu lassen, und dann zu sehen, was passiert. Aber das ist nur eine Utopie. Es wird oft angenommen, dass Menschen gerne in Deutschland sind. Das mag sein, aber viele mussten aus Sicherheitsgründen ihre Heimat verlassen. Es ist nicht einfach, den ganzen Rassismus hier auszuhalten, nicht daran zu denken, und sich nicht zu sagen, dann gehe ich halt wieder weg.
Als deine Eltern 1995 aus dem vermeintlich „sündigen Deutschland“ in das „mehr konservative Marokko“ zurückzogen, waren sie enttäuscht, weil sich gegenüber ein Bordell befand. Anfangs war es ein Schock, aber im Laufe der Zeit entwickelte sich jedoch eine Freundschaft zwischen deiner Mutter und einer Frau aus dem Bordell. Was könnte eine solche Geschichte aufzeigen?
Dies zeigt, wie viele Menschen offen sind, einfach ihre Meinung zu überdenken. Oft wird Musliminnen nachgesagt, sie seien dogmatisch, würden nicht nachdenken und seien nicht offen. Diese Geschichte kann sehr gut illustrieren, dass das nicht stimmt. Ich würde nicht sagen, dass meine Mutter unbedingt pro Sexarbeit ist, aber sie ist sehr pragmatisch. Das zeigt auch, dass besonders Frauen in Nordafrika sehr geschickt sind, verschiedene Dinge und Konflikte zu verarbeiten, und dass sie eine gewisse Solidarität untereinander haben. Ich habe anderthalb Jahre in einem volkstümlichen Viertel in Kairo gewohnt, und dort habe ich gelernt, dass viele Menschen überleben, weil die Frauen eine gewisse Solidarität untereinander pflegen und es ein solidarisches Netzwerk in der Nachbarschaft gibt. So etwas gibt es in Deutschland z.B. gar nicht. In der Pandemie hätte mein Nachbar an COVID sterben können, und ich hätte es nicht einmal mitbekommen, weil man im selben Haus nicht miteinander spricht.
Zum Buch hat dich auch der Fassbinder-Film „Angst essen Seele auf“ inspiriert.
Dieser Film ist auf jeden Fall ein Spielfeld, wo man an deren Figuren viel mehr erzählen könnte, als es der Film macht. Es geht in der Geschichte um einen marokkanischen Gastarbeiter Ali, einen gut aussehenden Mann mit Muskeln und einem aktiven Sexualleben, der nicht gut Deutsch spricht und in München landet. Dort beginnt er eine Affäre mit Emmi, einer älteren deutschen Frau. Sie versucht, ihr Trauma als Täterin während des Nationalsozialismus ein wenig mit dieser Beziehung zu verarbeiten. Sie hat zumindest mit angeguckt, wie der Holocaust passierte und wie die Nachbar*innen deportiert wurden. Darin habe ich die Geschichte meines Vaters gesehen, wie er erstens ganz allein nach Deutschland gekommen ist, wo er im Frankfurter Bahnhofsviertel bei den Prostituierten und Bars herumgehurt hat. Ich war vor wenigen Wochen bei einer Lesung in Essen, wo wir uns einen Ausschnitt aus dem Film angesehen haben, und zwar die Szene, in der die Freundinnen von Emmy aus der Nachbarschaft kommen und Alis Muskeln anfassen wollen. Es fasst ihn eine an und sagt: „Der ist so sauber“, weil rassistisch betrachtet Nordafrikaner*innen aus deutscher Perspektive alle dreckig sind. Und dann sagt Emmy: „Ja, er wäscht sich… duscht sogar… jeden Tag.“ Dann ist Ali, der sonst eigentlich nicht so viel versteht, sehr beleidigt, weil er das hier doch verstanden hat, und dann geht er aus dem Haus. In der nächsten Szene ist er bei einer anderen Freundin, und dann sieht man ihn komplett nackt. Das war damals ein Skandal, einen Mann nackt mit Penis zu zeigen. Aber „Nordafrikaner*innen” aus weißer Perspektive zu zeigen war „ok”. Ich habe dann herausgefunden, dass Ali im Film gar nicht selbst spricht, sondern nur die Lippen zu einem gesprochenen Text bewegt, der von einem deutschen Schauspieler eingesprochen wurde, der mit einem imaginierten marokkanischen Akzent spricht. Dieser Film hat so viele absurde Ebenen und ich fand es einfach sehr spannend, ihn irgendwie kritisch auseinanderzunehmen. Auch weil er in intellektuellen deutschen Kreisen als Meilenstein der deutschen Filmgeschichte gefeiert wird.
Man findet hier auch eine Sprachanalyse. Und zwar darüber, wie das Wort Masturbation ausgedrückt wird.
Das hat in Ägypten angefangen, als ein Kumpel mir erklärt hat, welchen Ausdruck man dort für Masturbieren benutzt: „Zehn schlagen“. Das hat mich gewundert, denn es ist sehr spezifisch, aber macht nicht viel Sinn. Dann habe ich andere Leute gefragt, was das bedeutet, und wir haben verschiedene Theorien gefunden, aber keine eindeutige Antwort. So bin ich auf dieses Thema gekommen: Sprachlich hinterfragen, wie Masturbieren bei Männern überhaupt genannt wird. In Tunis sprechen sie von Abschaben, was nicht so sanft ist. In Algerien hat man wegen des Kolonialismus ein französisches Wort einarabisiert. Ich wollte die sprachliche Vielfalt teilen, aber auch zeigen, dass Menschen auch über Sexualität sprechen. Dann habe ich mich gefragt, wie man Masturbieren mit der Vulva nennt. Zuerst habe ich im Deutschen gesucht, aber es gibt kein sexy Wort dafür. Es gibt nur sehr infantile Ausdrücke, über die man nicht sexy sprechen kann wie „Handtasche auspacken“. Das hat mir gezeigt, dass Sexualität über die Sprachgrenzen hinweg auf Männer fokussiert ist und zeigt aber auch, wie kreativ Sprache sein könnte. Mein Fazit ist, dass sehr viele Menschen in Nordafrika viel Spaß haben und es auch verstehen, befreit zu sein. Jedoch sind im Nachhinein verschiedene Komponenten dazugekommen: Kolonialismus, Islamismus und andere extreme Formen von religiösen Auflegungen. Dies hat die Offenheit in diesen Gesellschaften etwas kaputt gemacht, aber es gibt eine Besinnung auf die Tradition.
Ich zitiere jetzt aus dem Buch. „Was mich stört: ein weißer (polygamer) Mann ist das Maximum an Fortschritt und sexueller Befreiung, ein nicht-weißer Mann mit mehr als nur einer Partnerin ist das Maximum an Unterdrückung und Frauenfeindlichkeit.” Magst du mir das erzählen?
Es ist doch absolut absurd, das eine zu feiern und das andere zu kritisieren. Aber das zeigt den Doppelstandard. Entweder ist beides doof oder beides gut. Ich habe neulich wieder einen Text über Polyamorie gelesen, in dem es einen weißen Thomas gab. Der hatte drei Partnerinnen und das war auch schön so. Aber das ist eigentlich ja nichts anderes als Polygamie. Polygamie wird in Nordafrika nicht mehr oft gelebt und ist auch Ausdruck patriarchalischer Strukturen, weil Frauen polygam nicht leben können, offiziell zumindest. Aber das zeigt auch so ein bisschen den Doppelstandard. Warum ist das eine gut und das andere nicht gut? Weil das eine wird von Thomas gemacht und das andere von Mohamed. Deswegen war es für mich auch ein Anliegen, auf diese Perspektive kritisch zu blicken. Dann ist es eigentlich egal, wie die Beteiligten heißen oder woher sie kommen. Wir reden ja hier auch ganz viel über Familie, Gesellschaftsmodelle und Familienrecht. Und wenn wir über Familienrecht sprechen, müssen wir auch zum Beispiel über Scheidung sprechen. Ich schreibe im Buch darüber, wie schwierig es ist, in Deutschland sich scheiden zu lassen und wie einfach es ist, sich in Marokko scheiden zu lassen, auch als Frau. Es gibt noch eine weitere Reform in Marokko und wird auch demnächst noch mehr vereinfacht. Das zeigt auch, wie zurückgeblieben das deutsche Familienrecht im Vergleich zum marokkanischen Familienrecht ist.
Ich habe in „Let’s talk about Sex, Habibi“ ein breites Spektrum von Sexpositivität bis hin zu Unterdrückung gefunden. Gibt es bestimmte Botschaften, die du den Leser*innen auf den Weg geben möchtest?
Wenn es eine Botschaft gibt, die ich senden möchte, dann ist es, dass wir damit aufhören sollten, Menschen in Schubladen zu stecken. Hoffentlich sind die Leute so offen, sich genau auf diese Realität einzulassen, das Buch zu lesen und auch ihre eigenen Vorurteile und rassistischen Denkweisen über die Region und die Menschen abzubauen. Das gilt auch für die entsprechenden Diaspora-Gruppen hier in Deutschland oder in Europa. Als Journalist ist es meine Aufgabe, auch die Missstände zu benennen und sie einzuordnen, ohne etwas zu romantisieren oder klein zu reden. Wir müssen auch über sexualisierte Gewalt, Frauenfeindlichkeit und Queerfeindlichkeit reden, und das habe ich im Buch ausführlich getan. Was mich auch total freut, ist eine sehr breite positive Rezeption dieses Buches, wo viele, darunter auch weiße Deutsche, sagen: „Das hätte ich so nie gedacht. Aber danke, dass ich das lernen durfte.” Oder auch, wie ich meine Pubertät Anfang der 2000er-Jahre auf unserem Schulhof in Marokko beschrieb, und wie die ganzen Porno-CDs im Umlauf waren und die Jungs heimlich Pornos geguckt haben. Dann kommen Deutsche in meinem Alter auf mich zu und sagen: „Bei uns auf dem Schulhof war es auch genauso.” Das ist doch schön, weil Hormone dann in dem Fall überall ähnlich funktionieren. Bei einer Lesung in Marokko gab es einen Tisch nur mit jungen cis Heteromännern. Die kamen und wollten über das Buch reden. Bei einer anderen in Casablanca war die Hälfte des Publikums queer und sie wollten ebenfalls darüber reden. Auch in Deutschland, wenn plötzlich bei meinen Lesungen junge Leute auftauchen, die in konservativen Familien aufwachsen und das Buch gelesen haben, und die sagen: ‚Für mich war das eine Möglichkeit, mich überhaupt identitätsmäßig mit mir selbst zu beschäftigen.‘ Das finde ich super schön und ist für mich natürlich das größte Kompliment.
Vielen Dank für das Gespräch, Mohamed!
Der freie investigative Journalist und Buchautor Mohamed Amjahid widmet sich verschiedenen Themen, darunter rassistische Strukturen in Deutschland und Europa sowie verschiedene Formen der Diskriminierung, insbesondere Gewalt gegen Geflüchtete in Deutschland und an den Außengrenzen der EU. Die Kernthemen seiner ersten beiden Bücher „Unter Weißen“ und „Der Weiße Fleck“ bestehen darin, die historisch gewachsene Privilegierung von weißen Menschen zu beschreiben und Einblicke aus verschiedenen Perspektiven in die Mehrheitsgesellschaft zu bieten. Er hinterfragt kritisch, was es bedeutet, privilegiert zu sein. Im Jahr 2022 erschien sein drittes Buch „Let’s Talk About Sex, Habibi„, das durch Einblicke in Liebe, Leben und Begehren von Nordafrikaner*innen viele rassistische Stereotypen aufdeckt.
Jonathan, ihr habt eine neue Kampagne gestartet: die sogenannte „Löffel-Theorie“. Erklär mal: was hat es damit auf sich?
Wir haben festgestellt, dass in den letzten Jahren insbesondere mehrfach stigmatisierte queere Menschen offener über Themen wie psychisches Wohlbefinden und psychische Erkrankungen sprechen. Speziell queere Männer haben ein starkes Bedürfnis nach Austausch in Bezug auf psychische Gesundheit, besonders in Zeiten wie der Pandemie, in denen viele Beratungsstellen und Anlaufstellen nicht verfügbar waren. Zudem hat die psychische Gesundheit auch einen Effekt auf die sexuelle Gesundheit, weswegen es auch deswegen direkt mit unserem Auftrag verbunden ist.
Die Idee zur „Löffel-Theorie“ stammt von der US-amerikanischen Aktivistin Christine Miserandino, die 2003 diese Theorie entwickelt hat, um den Umgang mit Energie bei chronischen Krankheiten zu erklären. Dabei stehen „Löffel“ als metaphorische Einheiten für Energie, wobei jeder Mensch eine unterschiedlich begrenzte Anzahl davon hat. Zum Beispiel braucht jemand mit einer chronischen oder psychischen Erkrankung für die reguläre Bewältigung des Alltags mehr Löffel (also Energie) als ein Mensch ohne diese Einschränkungen. Ähnlich verhält es sich mit Menschen, die strukturell diskriminiert werden. Diese Theorie hat sich über die Jahre zu einer „Spoony-Bewegung“ entwickelt, um den Umgang mit Ressourcen besser zu verstehen. Und diese Debatte wollen wir nun in die schwule und queere Communitys reinholen.
Es klingt ja erstmal etwas theoretisch – wie erklärt ihr diese Theorie den Menschen?
Wir haben verschiedene Wege gefunden, um die Theorie anschaulich zu gestalten. Dazu gehören Flyer mit verschiedenen Motiven, die verschiedene Aspekte des queeren Lebens repräsentieren, zum Beispiel Non-Binary Pride, Trans Pride, Gay Pride, oder die Aids-Schleife. Diese Löffel verweisen auf die Webseite, auf der die Theorie erklärt wird. Unser Ziel ist es, dass Menschen sich ihren Alltag besser einteilen können und sich dazu ermutigt fühlen, miteinander über ihre Erfahrungen zu sprechen. Zum Beispiel indem wir den Satz „Hey, heute habe ich nicht so viel Energie; ich glaube, ich habe kaum noch Löffel heute zur Verfügung“ ein Stück weit normalisieren. Oder „heute habe ich nur noch wenige Löffel zur Verfügung und damit muss ich aber noch dies oder jenes bewältigen.“ Wir möchten eine solidarische Gemeinschaft fördern, in der Menschen sich gegenseitig unterstützen können.
Die Löffel-Theorie mag anfangs abstrakt wirken, aber sie ist für alle Menschen relevant. Queere Menschen tragen oft zusätzliche Belastungen aufgrund von Diskriminierung in der Gesellschaft. Zum Beispiel Minderheitenstress – also eine Form von Stress, dem aufgrund von Diskriminierung und Stigma nur Minderheiten ausgesetzt sind. Es gibt auch Menschen mit psychischen Problemen, wie Depressionen, Panikattacken, oder Angststörungen, die ihren Energiehaushalt beeinträchtigen. Ich war selbst zum Beispiel vier Monate in einer Tagesklinik und hatte in dieser Zeit viel weniger Löffel, weil ich viel Energie dafür aufwenden musste, morgens überhaupt aus dem Bett und in die Klinik zu kommen. Da gibt die Löffel-Theorie einem ein Tool an die Hand, das anderen Menschen zu erklären: „Hey, du hattest gestern vielleicht zehn Löffel zur Verfügung, ich leider aber nur fünf. Deswegen war mein Tag schwerer zu bewältigen und ich habe es nicht mehr geschafft, dich anzurufen.“ Diese Theorie kann helfen, schwierige Themen verständlicher zu machen und Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigenen Grenzen zu erkennen.
Wie wird die Kampagne umgesetzt und wo wird man auf sie stoßen?
Wir haben festgestellt, dass viele Menschen, die sich mit der Löffel-Theorie beschäftigen und sie auf ihr eigenes Leben anwenden, online viele Anhänger*innen gefunden haben, sei es auf TikTok, Instagram oder Reddit. Diese Online-Bewegungen haben Menschen miteinander verbunden, weil sie erkannt haben, dass die Theorie nicht nur sie betrifft, sondern auch andere. Dies möchten wir nutzen, indem wir unsere Kampagne stark auf Online-Plattformen ausrichten.
Die Kampagne wird hauptsächlich online präsent sein, über unsere Instagram-Kanäle und einen Animationsfilm auf YouTube. Zudem werden Postkarten und Flyer in Aidshilfen und Checkpoints ausgelegt, die auf die Online-Ressourcen verweisen. Es wird auch Beratungsangebote vor Ort geben, um persönliche Gespräche zu ermöglichen. Wir möchten eine Gemeinschaft aufbauen, die sich online und offline unterstützt.
Wen wollt ihr ansprechen und welche Ziele verfolgt ihr damit?
Unsere Kampagne richtet sich nicht nur an Betroffene, sondern auch an Angehörige, Pflegende und die gesamte Gesellschaft. Ich habe mit der Theorie zum Beispiel auch meinen Schwieger- und Großeltern erklären können, wie es ist, mit einer Depression zu leben. Wir möchten das Bewusstsein für psychische Gesundheit stärken und Menschen dazu ermutigen, über ihre Erfahrungen zu sprechen.
Unsere Hoffnung ist es, dass während der CDS-Saison viele Menschen die Flyer weitergeben, die Löffel an andere weiterreichen und Gespräche führen. Zudem erhalten wir oft Nachrichten, in denen uns mitgeteilt wird, dass das Thema Mental Health die Leute sehr interessiert. Und wir möchten an diesem Punkt als Kampagne weiterarbeiten. Bei der EMIS-Studie, der größten europäischen Studie zur Gesundheit schwuler und bi+ Männer, sowie trans Menschen, geht es zum Teil auch um Mental Health. Unsere Präventionsarbeit zielt darauf ab, Menschen in den Austausch zu bringen und Tabus zu beseitigen. Wir möchten die Scham abbauen und ermutigen, sich ernsthaft nach dem Befinden anderer zu erkundigen. Zu fragen „Wie geht es dir?“ und auch wirklich an der Antwort interessiert zu sein. Das ist es, was wir uns erhoffen und wünschen. Unser Ziel ist es, eine solidarische Gemeinschaft zu schaffen, die sich gegenseitig unterstützt und Tabus um psychische Gesundheit beseitigt.
Chris, danke, dass du dir Zeit nimmst. Was war der Ausgangspunkt für die Durchführung dieses Forschungsprojekts?
Ausgangspunkt für das Projekt war, dass zwar einerseits sehr viel Communitywissen vorhanden ist, jedoch für den deutschsprachigen Raum keine belastbaren Daten vorlagen. Vor dem Hintergrund der internationalen Datenlage, bspw. in Nordamerika, lag der Schluss nahe, dass Menschen aus den trans und nicht-binären Communitys ebenfalls zu den vulnerablen Gruppen in Bezug auf HIV und STI gehören. So entstand die Idee, gemeinsam mit dem RKI diese fehlenden wissenschaftlichen Daten zu erheben.
Welche Ziele sollten mit dem Forschungsprojekt erreicht werden?
Die Ziele waren vielfältig. Auf Seiten der Deutschen Aidshilfe hatten wir 4 Themenfelder, die uns interessierten. Das waren:
Wie wird Sexualität und Sprache ge- und erlebt?
Welche Aspekte spielen für ein positives Selbstbild eine Rolle?
Welche Hindernisse gibt es in der Inanspruchnahme von bestehenden Angeboten im Kontext der sexuellen Gesundheit?
Welche Einflussfaktoren auf die sexuelle Gesundheit gibt es?
Das RKI hatte das Ziel, einerseits Daten zur Verbreitung und den Prävalenzen von HIV und STI in den entsprechenden Communitys zu erlangen und andererseits Faktoren zu identifizieren, die bei der Sexualität und damit bei sexuellen Risiken eine Rolle spielen. Also Bedarfe und Erfahrungen im Kontext von Sexualität, HIV, Prävention, Beratung und der Versorgung zu ermitteln.
Das heißt, das RKI hat sich eher um den quantitativen Teil gekümmert und die DAH um den qualitativen Teil. Kannst du das etwas näher umreißen? Sprich, wie war das Projekt aufgebaut und welcher Bedeutung kam dabei der partizipativen Forschung zu?
Der partizipative Forschungsansatz war das beide Teile verbindende Element. Beiden Seiten war von Anfang an wichtig, Community-Vertreter*innen mit einzubeziehen. So gab es einen Projektbeirat, der aus Vertreter*innen der Communitys bestand und das Projekt vom Anfang bis zum Ende begleitet hat. Dem Beirat kam dabei eine kritische Rolle in der Begleitung zu, beispielsweise im Rahmen von Feedbackschleifen. Wichtig war aber auch, dass das Projekt auf Seiten der DAH – trotz einiger Personalwechsel im Laufe des Projekts – durchgängig von Menschen durchgeführt und umgesetzt wurde, die selbst Vertreter*innen aus den entsprechenden Communitys waren und sind.
Beim RKI wurde auch der Online-Fragebogen partizipativ entwickelt, der am Ende von über 3.000 Menschen ausgefüllt wurde.
Bei der DAH haben wir dazu noch Interviews in unterschiedlicher Form umgesetzt. Das Einmalige und Neue dabei war, dass wir die Datenerhebung mit Elementen des Empowerments für die Teilnehmenden verbunden haben. So haben wir u.a. bei den Wochenendveranstaltungen zunächst auch erst einmal einen Raum schaffen wollen, der es ermöglichte, dass Menschen über diese sehr intimen Themen der Sexualität und sexuellen Gesundheit ins Gespräch kommen und sich dabei auch verletzlich zeigen. Für uns war wichtig, dass alle davon profitieren und etwas für sich dabei mitnehmen können. Wir wollten nicht nur die Menschen „beforschen“, sondern alle sollten am Ende auch etwas für sich mitnehmen können. Seien es neue Kontakte, neue Perspektiven oder auch neues Wissen. Neben diesen drei Wochenendveranstaltungen gab es dann noch Tagesveranstaltungen, zwei komplett anonyme Onlineveranstaltungen und vier Einzelinterviews. Bei den Einzelinterviews war es uns wichtig, die Perspektiven noch abzubilden, die in den anderen Erhebungen zu kurz kamen. Insgesamt hatten wir 59 Teilnehmer*innen im qualitativen Teil.
Nach einem Tweet des RKI gab es einen großen Shitstorm und TERFs, sowie andere Gegner*innen, wurden dazu aufgerufen, die Befragung zu sabotieren. Von den 10.000 ausgefüllten Fragebögen, konnten zum Schluss nur 3.000 für die Auswertung berücksichtigt werden.
Das klingt wirklich nach einem sehr spannenden und lohnenswerten Ansatz. Welchen Herausforderungen seid ihr im Projekt begegnet?
Eine der größten Herausforderungen beim Fragebogen war, dass dieser einer sehr intensiven Datenbereinigung unterzogen werden musste. Der Grund dafür war, dass es nach einem Tweet des RKI einen großen Shitstorm dazu gab und TERFs sowie andere Gegner*innen dazu aufgerufen wurden, die Befragung zu sabotieren. Von den 10.000 ausgefüllten Fragebögen, konnten zum Schluss nur die zuvor genannten 3.000 für die Auswertung berücksichtigt werden. Das zeigt auch nochmal, wie viel Ablehnung es gibt und wie stark die Gegenseite im Netz aktiv ist. Dennoch und das ist das wichtigste: So viele Menschen haben diesen mehr als 100 Fragen umfassenden Fragebogen ehrlich ausgefüllt, da ihnen das Thema wichtig war.
Eine weitere Herausforderung war, dass es uns im qualitativen Teil leider nicht gelungen ist, alle Menschen aus den unterschiedlichen trans und nicht-binären Communitys zu erreichen. So gab es beispielsweise insgesamt nur wenige trans weibliche oder auch HIV-positive Teilnehmer*innen.
Vielleicht hätten wir nochmal explizit ein Wochenende nur für trans weibliche Personen anbieten sollen. Das sind aber sehr wichtige Erkenntnisse, die wir in Folgeprojekten gern versuchen wollen stärker zu berücksichtigen. Denn wenn die Studie eines gezeigt hat, und das ist eigentlich keine Überraschung, dann doch, wie divers die trans und nicht-binären Communitys insgesamt sind.
Damit sind wir auch schon bei den Ergebnissen. Welches sind die zentralen Ergebnisse und Erkenntnisse der Studie?
Da würde ich auch einmal wieder nach RKI und DAH unterscheiden. Ein übergreifendes zentrales Ergebnis war die schon eben angesprochene Vielfältigkeit der Communitys in Bezug auf geschlechtliche Identitäten, aber auch auf sexuelle Orientierungen und auf die Körper und der gelebten Sexualität. Auch ein erweitertes Safer-Sex-Verständnis der Teilnehmer*innen , das weit über das Verständnis von Safer Sex als Schutz vor HIV/STI hinweg geht und bspw. auch psychosoziale Aspekte wie Konsens und Kommunikation beinhaltet, ist eines der zentralen Ergebnisse. Gerade der Aspekt von Konsens und Kommunikation zog sich durch alle Veranstaltungen. Dass es wichtig ist, gefragt zu werden, wie Körperteile benannt werden, aber auch selbst zu fragen. Dabei wurde deutlich, dass es mehr braucht als nur die reine HIV/STI-Prävention, um sich safe zu fühlen, die eigene Sexualität mit anderen zu leben.
Auf der anderen Seite gab es einen auch nicht so überraschenden Befund, der die inadäquate Versorgungslage von trans und nicht-binären Menschen im Bereich der sexuellen Gesundheit und Beratungs- und Testlandschaft deutlich machte. Bundesweit wurden in den Interviews immer wieder drei Projekte genannt, die als gut bewertet wurden. Im qualitativen Teil wurden insbesondere solche Projekte gut bewertet, die einen Peer-to-Peer-Ansatz haben. Projekte ohne einen solchen wurden tendenziell schlechter bewertet. Dies ist zugleich aber auch ein Punkt, in dem sich die Ergebnisse des RKI und der DAH unterscheiden, da das RKI auch nochmal explizit danach gefragt hat. So waren laut der Befragung des RKI auch 62,4% der Menschen mit der Beratung zufrieden, auch wenn sie keinen Peer-to-Peer-Ansatz hatte.
Und als letztes zentrales Ergebnis wurde deutlich, wie wichtig Präventionswissen auch für das eigene Empowerment ist und welcher Bedeutung dabei der Wissensaustausch in den Communitys und zwischen Peers zu kommt. Das sind Faktoren, die dazu führen, sich um sich, den eigenen Körper und um die eigene sexuelle Gesundheit zu kümmern und darüber auch einen höheren Selbstwert zu generieren.
Beim RKI lässt sich nochmal als zentrales Ergebnis nennen, dass die HIV/STI-Vulnerabilitäten mit ähnlichen Mustern, wie sie in der Forschungsliteratur beschrieben werden, auftreten. Gleichzeitig konnte das RKI aufzeigen, welche Barrieren es bei der Inanspruchnahme von Beratungs- und Testangeboten im Gesundheitsbereich gibt. So sind Scham, bereits gemachte oder befürchtete Diskriminierungserfahrungen im Beratungssetting Faktoren, die dazu führen, dass die Diskriminierung quasi antizipiert wird und sich Menschen zweimal überlegen, ob sie dieses Angebot für sich in Anspruch nehmen, weil sie erwarten, dass sie ähnliche Erfahrungen wieder machen.
Menschen kommen als Ratsuchende in die Beratung und müssen am Ende die beratende Person über die eigene Lebensrealität aufklären.
Du hast jetzt schon einige Hürden genannt, denen sich trans und nicht-binäre Menschen hinsichtlich ihrer sexuellen Gesundheit und dem Schutz vor HIV/STIs ausgesetzt sehen. Möchtest du noch welche ergänzen und was lässt sich gegen diese tun?
Insbesondere der Mangel an adäquaten Angeboten, die sich explizit an trans und nicht-binäre Menschen richten ist eine der größten Hürden. Aber auch das fehlende Wissen an den unterschiedlichen Stellen. Einerseits die sehr unterschiedlichen Wissensstände in den trans und nicht-binären Communitys, aber auch der fehlende Zugang zu bzw. das Fehlen entsprechender Ressourcen. Andererseits ebenso das fehlende Wissen auf Seiten der Berater*innen. Da haben viele Teilnehmer*innen berichtet, dass es oft zu einer Rollenumkehr kommt. Sprich Menschen kommen als Ratsuchende in die Beratung und müssen am Ende die beratende Person über die eigene Lebensrealität aufklären. Dieses Ungleichgewicht sollte es nicht geben und muss daher auch dringend adressiert und mittels flächendeckender Schulungen (anhand eines Ausbildungscurricula) von Beratungsstellen abgebaut werden, indem Wissen aufgebaut wird. Da spielen dann auch die zuvor genannten Erfahrungen, wie übergriffige Fragen, Deadnaming beim Aufrufen oder die Verwendung von falschen Pronomen eine besondere Rolle. Dieses nicht oder nur kaum vorhandene Wissen in den Beratungsstellen war eine der zentralen Hürden laut der Befragung.
Welche weiteren Aspekte spielen für die sexuelle Gesundheit und den Schutz vor HIV/STIs für trans und nicht-binäre Menschen eine besondere Rolle?
Ein besonders wichtiger Aspekt ist, dass sich Menschen von der Beratung angesprochen und sich darin ernstgenommen fühlen, um das zu bekommen, was sie brauchen und ihnen weiterhilft.
Das kann dann neues Wissen sein oder auch körperliche Selbsterfahrungen durch Körperaneignung. Der Austausch mit anderen Menschen aus der Community kann helfen Ängste abzubauen und sich sicherer zu fühlen. Auch das gemeinsame Sich-Testen-Lassen mit Freund*innen kann helfen, Angst abzubauen und sich gegenseitig um die sexuelle Gesundheit zu kümmern. Das kann durchaus ein kleines Happening sein, also vorher vielleicht zusammen in ein Café gehen und sich im Anschluss dann testen lassen. Community kann da eine wichtige Rolle spielen.
Nicht erschrecken, jetzt kommt ein kleiner Fragenblock, aber die gehören alle zusammen: Wie hoch sind die Prävalenzen in Bezug auf HIV/STI und inwiefern unterscheiden sich diese im Vergleich zu anderen Gruppen? Welche spezifischen Faktoren führen dazu, dass Personen aus trans und nicht-binären Communitys eine erhöhte Vulnerabilität für HIV und andere STIs haben? Und welche Rolle hat das für zukünftige HIV/STI-Prävention?
Die HIV-Prävalenz in den trans und nicht-binären Communitys liegt bei 0,7% und damit deutlich höher als in der Gesamtgesellschaft, in der sie 0,1% beträgt. Im Vergleich zur Prävalenz von HIV bei MSM liegt sie deutlich niedriger. Diese beträgt nach der letzten EMIS Studie aus 2017 11%. Aktuell läuft eine neue EMIS-Studie, die diese Zahl nochmal aktualisieren wird. Anhand dieser beiden Vergleichsgruppen zeigt sich jedoch schon sehr klar, dass eine sieben Mal so hohe Prävalenz nicht unbedeutend ist. Dennoch ist auch eine differenzierte Betrachtung innerhalb der trans und nicht-binären Communitys wichtig, da diese unterschiedliche Prävalenzen aufweisen.
Diese verinnerlichte Trans-Negativität wird besonders an einem Zitat aus unserer Studie deutlich, das ich an dieser Stelle zitieren möchte: „Ich mute meinem Gegenüber schon meinen trans Körper zu. Da hab ich das Gefühl, nicht noch darauf zu bestehen, dass wir ein Kondom benutzen.“
Ein wichtiger Faktor für die erhöhte Vulnerabilität sind die gesellschaftlichen Stigmatisierungen von trans und nicht-binären Menschen sowie deren Internalisierung. Diese verinnerlichte Trans-Negativität wird besonders an einem Zitat aus unserer Studie deutlich, das ich an dieser Stelle zitieren möchte: „Ich mute meinem Gegenüber schon meinen trans Körper zu. Da hab ich das Gefühl, nicht noch darauf zu bestehen, dass wir ein Kondom benutzen.“ Das ist doch krass und unglaublich schwer zu hören. Es zeigt aber auch, welche Konsequenzen das Selbstbild und der Selbstwert auf die gelebte Sexualität hat.
Gleichzeitig war auch Scham ein wichtiger Faktor, ebenso haben wir auch das fehlende Wissen in Bezug zu Safer Sex, Barrieremethoden, STIs usw. als Belastungsfaktoren herausgearbeitet An diesem Schnittpunkt kommen dann Körperdysphorie und Transitionsprozesse, wie z.B. geschlechtsangleichende OPs als weitere Faktoren dazu, die sich auch wieder auf das eigene Schutzverhalten auswirken können. Schließlich spielen noch die Angebote im Bereich Beratung und Testung eine wichtige Rolle. Da berichteten Menschen von negativen Erfahrungen, die sie selbst bei Angeboten gemacht haben, die sich als trans-inklusiv labelten, aber wo dann grundlegenden Dinge, wie der Unterschied zwischen trans Mann und trans Frau nicht bekannt war.
Diese Erfahrungen schreiben sich fort und das wäre auch der Punkt, wo in der zukünftigen Präventionsarbeit angesetzt werden müsste. Also die Schaffung von bedarfsgerechten Angeboten und Peer-to-Peer-Angeboten. Es braucht mehr Wissen, mehr Sensibilisierung und eine stärkere Berücksichtigung von trans und nicht-binären Menschen in ihren Lebenswelten und Lebensrealitäten. Das sollte unbedingt für die zukünftige Präventionsarbeit mitgenommen werden.
Welche Schutzstrategien kommen für trans und nicht-binäre Menschen in Bezug auf HIV und STI in Frage? Sind diese bereits bekannt oder mangelt es auch an bestimmten Stellen an Wissen, so dass manche vielleicht auch nicht in Betracht gezogen werden?
Da ist grundlegend zu sagen, dass die Communitys in sich sehr divers sind und so sind es auch die Schutzstrategien innerhalb dieser, auch wieder in Bezug auf sehr unterschiedliche Wissensstände. Einige Menschen sind gut informiert, andere eher schlecht. Beispielsweise war das Kondom als Schutzstrategie allen bekannt, aber bei vielen auch die einzige Schutzstrategie, die sie kannten. Beim Wissen zu weiteren Schutzstrategien kommt es darauf an, in welchen Subcommunitys sich die Einzelnen bewegen. So sind trans und nicht-binäre Menschen, die sich eher in schwulen Communitys bewegen, auch diejenigen, die zumindest schon mal von der PrEP und der PEP gehört haben. Das bedeutet nicht, dass sie diese auch schon selbst genommen haben, aber sie durchaus kannten.
Ansonsten wurden noch Lecktücher genannt, aber auch Praktiken wie Pinkeln nach dem Sex oder auch Handhygiene. So unterschiedlich waren die Wissensstände und das Verständnis von Schutzstrategien.
Wie verhält es sich um die Nutzung von HIV/STI-Beratungsangeboten? Welchen Erfahrungen machen trans und nicht-binäre Menschen in diesen Settings? Was läuft bereits gut, was müsste sich verbessern? Gibt es Best Practice Beispiele für gelungene Beratungsangebote oder -ansätze?
Die Teilnehmenden haben berichtet, dass sie auch in den HIV/STI-Beratungsangeboten immer wieder diskriminierende Situationen erleben, sei es bei lokalen Aidshilfen oder auch anderen Angeboten.
Peer-to-Peer-Angebote wurden in der Regel positiv bewertet. Allen Best Practice Beispielen ist gemeinsam ist, dass sie vor allem in Großstädten zu finden sind. Viele Menschen nehmen teilweise sehr weite Weg in Kauf, um diese Angebote zu nutzen, was das Problem nach der flächendeckenden Versorgung und Angeboten deutlich macht. Sogenannte Testing Days speziell für trans und nicht-binäre Menschen, und teilweise auch inter Menschen, kommen ebenfalls gut an.
Vor allem der Ausbau von Peer-to-Peer-Angeboten wurde empfohlen und auch, dass sich die Angebote, die keinen Peer-to-Peer-Ansatz haben, weiterbilden sollten, um sich zu sensibilisieren und eine wertschätzende und nicht-übergriffige Art und Weise an den Tag legen. Das heißt, die Beratung sollte respektvoll ablaufen, insbesondere mit Blick auf die Geschlechtsidentität, dem Namen und auch Pronomen und dies beispielsweise mit Fragebögen zu erheben, damit der*die Ärzt*in weiß, wie die Person aufgerufen werden möchte. So passiert es leider noch viel zu häufig, dass die Menschen mit ihrem Deadname, also dem alten abgelegten Namen, aufgerufen werden oder dass sie mit dem falschen Gender angesprochen werden. Das sind alles Probleme, die oft schon vor der eigentlichen Beratung passieren und dann natürlich auch viel damit machen, wie ich in die Beratung gehe. Das bedeutet, dass das gesamte Praxisteam für diese Aspekte sensibilisiert werden muss.
Was sind die wichtigsten Empfehlungen für die Beratung zur sexuellen Gesundheit und HIV/STI, die sich aus der Studie ergeben haben?
Da sind es einerseits auf trans und nicht-binäre Menschen zugeschnittene Informationen, die auch den Berater*innen bekannt sein sollten oder für eine entsprechende Fortbildung dazu genutzt werden können. Damit verbunden auch eine wertschätzende Haltung, eine respektvolle und anerkennende Sprache und die Beratungsstellen sollten die Vielfalt der trans und nicht-binären Communitys anerkennen und an diesen ausgerichtet sein. Gerade mit dem Blick auf Vielfalt braucht es intersektionale Ansätze, damit möglichst viele Menschen erreicht werden.
Es ist zukünftig zu überlegen, was es dann konkret heißt, intersektional zu arbeiten und die bestehenden Angebote auch dahingehend zu überprüfen. Wenn ich z.B. nur weiße trans und nicht-binäre Menschen erreiche, dann ist es kein intersektionaler Ansatz. Dann muss ich prüfen, was ich machen kann, damit ich andere Menschen auch ansprechen kann.
Was bedeuten die Ergebnisse für bestehende Communityprojekte im Bereich der sexuellen Gesundheit und HIV/STI-Prävention?
Im Blick behalten sollten wir, dass Community nicht gleich Community ist, sondern dass diese sehr divers untereinander sind und wir hier eher von Communitys sprechen müssen. Nicht alle Projekte, die sich quasi queer auf die Fahne schreiben, haben sich auch explizit mit trans und nicht-binären Lebenswelten auseinandergesetzt oder sind nicht automatisch kompetent in trans Themen. Es ist zukünftig zu überlegen, was es dann konkret heißt, intersektional zu arbeiten und die bestehenden Angebote auch dahingehend zu überprüfen. Da ist es wichtig, eine Schärfung reinzubringen und sich klar zu machen, wen will ich erreichen und wen erreiche ich bisher (nicht). Wenn ich z.B. nur weiße trans und nicht-binäre Menschen erreiche, dann ist es kein intersektionaler Ansatz. Dann muss ich prüfen, was ich machen kann, damit ich andere Menschen auch ansprechen kann. Zukünftige oder bestehende Community Projekte sollten sich auch selbst hinterfragen können, reflektieren und für sich klären, wen sie konkret erreichen wollen und dies einmal mit dem Status quo abgleichen, um dann auch nachzusteuern und zu gucken, was sich verändern muss, um mehr Menschen zu erreichen oder die Menschen erreichen, die sie erreichen wollen.
Haben sich nach der Durchführung der Studie schon konkret Dinge verändert oder sich daraus entwickelt? Wenn ja, welche und wie geht es nun mit den Ergebnissen weiter?
Bei der DAH haben wir ein Anschlussprojekt (SeBiCo) konzipiert, welches von der Techniker Krankenkasse gefördert wird. Da haben wir uns mit Blick auf die Empfehlung zum Ziel gesetzt, dass wir einerseits Wissen in die Communitys tragen und andererseits die Peer-to Peer-Arbeit voranbringen wollen. In einem ersten Schritt sollen zwölf Multiplikator*innen ausgebildet werden, die selbst aus den trans und nicht-binären Communitys kommen. Diese wollen wir zu Trainer*innen ausbilden, die dann wiederum Peer-to Peer-Workshops leiten. Das heißt, wir erarbeiten letztendlich zwei verschiedene Curricula, ein Curriculum für die Trainer*innen-Fortbildung und dann ein Curriculum für die Peer-to-Peer Workshops. Die Idee ist, dass die Menschen, die wir ausbilden, im Nachgang in den Städten, in denen sie leben, angebunden an die örtlichen Aidshilfen oder anderer Träger, diese Workshop selbst in ihren jeweiligen Städten umsetzen können. Das fördert den Austausch mit der Community, aber auch unter den Multiplikator*innen. Die zwölf Multiplikator*innen auszuwählen war nicht leicht, da das Interesse an der Fortbildungsreihe sehr groß war. Wir freuen uns sehr diese Menschen persönlich kennenzulernen.
Wir erarbeiten letztendlich zwei verschiedene Curricula, ein Curriculum für die Trainer*innen-Fortbildung und dann ein Curriculum für die Peer-to-Peer Workshops. Die Idee ist, dass die Menschen, die wir ausbilden, im Nachgang in den Städten, in denen sie leben, angebunden an die örtlichen Aidshilfen oder anderer Träger, diese Workshop selbst in ihren jeweiligen Städten umsetzen können.
Gibt es noch etwas, was dir wichtig ist zu sagen und auf keinen Fall in unserem Interview fehlen soll?
Für mich ist es schön zu sehen, was nun nach dem Forschungsbericht und der Broschüre passiert.
Mit dem Anschlussprojekt haben wir nun ein neues Übungsfeld, uns nochmal neu aufzustellen, Dinge anders anzugehen. Die neue Multiplikator*innen-Fortbildung ist eine Art live Entwicklung, bei der wir sehr flexibel sein müssen, wenn wir merken, dass etwas vielleicht nicht so passt und dann zu überlegen, wie können wir es anders machen. Da freue ich mich nun wirklich schon sehr drauf, direkt von Anfang dabei zu sein.
Vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke in die Studienergebnisse sowie den Ausblick auf das nun anstehende Folgeprojekt, für das ich euch viel Erfolg wünsche.
Mehr Informationen zum Forschungsprojekt findest du hier. Die Broschüre kannst du kostenlos im Shop der Deutschen Aidshilfe bestellen oder hier runterladen. Der ausführlichere Forschungsbericht ist auf der Seite des RKI zu finden. Und hier kommst du zum Nachfolgeprojekt „Sexuelle Bildung in trans und nicht-binären Commnitys“ (SeBiCo).
Ja, früher hatte ich auch gesagt, dass ich bisexuell bin, du wirst dich schon noch als schwul outen …
Ist okay, dass du bi bist, aber für mich ist das nichts …
Entscheid dich doch mal – schwul oder hetero …
Musst du immer mit diesem Thema kommen …
ICH bin aber nicht bisexuell …Man weiß ja gar nicht, mit wem du jetzt zusammen bist!!!
Vorurteile und dumme Sprüche gibt es genügend, wenn man sich als bisexueller oder pansexueller Mann outet. Nur wenige kennen sich mit dem Thema wirklich aus, doch alle meinen, einen Kommentar abgeben zu müssen und einen abwerten zu dürfen.
Der März ist Bisexual Health Month, und auch die Bi+Pride, die seit 2021 für bi+sexuelle Sichtbarkeit kämpft, zeigt nicht nur im September mit Demo, Workshops und Bi-Flaggen-Hissungen Einsatz. In Hamburg und Schleswig-Holstein machen zudem mehrere Großflächenplakate deutlich: „Diskriminierung macht krank.“[1]
Bi+ ist nicht gleich Bi+
Aber haben es bi+ Männer nicht viel einfacher? Sie können sich doch in einer „Hetero-Beziehung“ verstecken und heimlich ihre „homosexuelle Lust“ ausleben?
Zunächst einmal ist bi+ nicht gleich bi+. Da gibt es zum Beispiel monogame pansexuelle Männer, die vielleicht in einer festen Beziehung mit einem Mann sind, sich aber auch in eine Frau oder nicht-binäre Person verlieben können. Dann sind da aber auch noch bisexuelle Männer, die in einer offenen Beziehung mit einer Frau leben und nebenbei Männer daten. Oder Männer, die sich queer nennen oder gar keine Bezeichnung nutzen und die sowohl in der Swinger-Szene als auch in der Männer-Cruising-Szene unterwegs sind. Manche sind geoutet, andere sehen keinen Grund, es jeder Person auf die Nase zu binden, und wiederum andere outen sich auf gar keinen Fall, denn dann würde die Ehefrau einen ja sofort verlassen.
Fakt ist, dass bisexuelle (bi+) Männer gleich von mehreren Seiten diskriminiert werden:
Die heteronormative Gesellschaft lehnt bi+ Männer ab, weil sie angeblich verkappte Schwule seien und irgendwie ja noch schwerer zu durchschauen sind: Auf welches Geschlecht stehen die denn nun? Können die sich nicht entscheiden?
Und in der queeren Community wird man als bi+ Mann teilweise auch belächelt und nicht ernstgenommen. Ein schwuler Mann sagte mir mal, er würde auf mich stehen, aber könnte sich ja nie sicher sein, wenn da eine attraktive Frau auftauchen würde.
Die Unsichtbarkeit von bisexuellen Männern
In der Studie „Bi+(Un)Sichtbarkeit in Deutschland“ (2023)[2] kam heraus dass ein Drittel der Befragten sich mehr bi+ Sichtbarkeit in der queeren Community wünscht. Generell fühlen sich fast alle (94%) nie bis [nur] manchmal generell sichtbar.
Egal welche Studie man sich zum Thema anguckt, immer wieder taucht das Stichwort „Sichtbarkeit“ auf. Die eigene Identität wird von anderen in Frage gestellt.
Medien reden von der „Homo-Ehe“, obwohl es genauso bi+ Menschen betreffen kann. Freddy Mercury wird als schwule Ikone gefeiert, in „Bohemian Rhapsody“ wird seine sexuelle Orientierung zwar klar aufgezeigt, aber dennoch aberkannt. Und „Brokeback Mountain“ handle angeblich von schwulen Cowboys, dabei sind es bisexuelle Schäfer. Und selbst wenn mal kein aktives „bisexual erasure“ betrieben wird, also Bisexualität unsichtbar gemacht wird, bleibt die Frage, ob man gesehen wird. Denn bei zwei knutschenden Männern auf der Straße denken doch die allermeisten nur daran, dass die wohl schwul sind. Und bei Mann und Frau denkt niemand über die sexuelle Orientierung nach, aber auf Nachfrage „natürlich normal … äh … hetero“. Man müsste schon zu dritt Händchen haltend rumlaufen, und dann wird ebenso das Wort bisexuell vermieden. Man sei dann Swinger, polyamor oder einfach schrill.
Diese Unsichtbarkeit macht aber etwas mit den Menschen: Laut Human Rights Campaign Foundation (HRC)[3] haben Bisexuelle auf Grund von Vorurteilen und „Minderheitenstress“ ein erhöhtes Risiko für mentale Gesundheitsprobleme. Hier werden Stereotype genannt wie „Bisexualität existiere gar nicht“, „Bisexuelle seien promiskuitiv“, „Bisexuelle seien verwirrt“. Auch hier wird von doppelter Diskriminierung geredet – von heterosexueller und queerer Seite.
Dabei schreibt Julia Shaw in ihrem Buch „Bi: Vielfältige Liebe entdecken“ (2022)[4] dass die meisten Menschen bisexuell seien, es aber nicht lebten.
Erfahrungen und persönliche Geschichten von bisexuellen Männer
Ich bin als bi+ Aktivist mittlerweile sicher nicht mehr leise und ängstlich, aber früher hatte ich schon damit zu kämpfen, keine anderen Bisexuellen zu kennen, von Frauen nicht als potenzieller Partner anerkannt und in der Community nicht ernst genommen zu werden. Vor meinem Coming-out wurde hinter meinem Rücken getuschelt, ob ich schwul sei, jemand hatte sogar versucht, mich zu erpressen. Und nach meinem Coming-out meinte eine Person im Arbeitsumfeld das Recht zu haben, wissen zu dürfen, mit wem ich gerade eine Beziehung habe und mit wem ich Sex hätte.
Auch ich habe mich selbst immer wieder hinterfragt: Bist du wirklich bisexuell? Möchtest du mit einer Frau oder einem Mann zusammenleben? Haben die anderen vielleicht Recht, wenn sie sagen, ich müsste mich entscheiden? Zum Glück fand ich zur Erkenntnis, dass ich zu 100% bisexuell bin und dass das auch gut so ist.
Einen bisexuellen Mitstreiter für bisexuelle Sichtbarkeit plagen z. B. auch nach langem Aktivismus noch Ängste und Unsicherheit. Er ist sehr deutlich geoutet und postet jeden Tag etwas zum Thema Bisexualität. Und doch hat er manchmal Bedenken, ob er wirklich angenommen wird, traut sich nicht und zweifelt.
Ein anderer Bi-Mann würde seiner Frau gerne erzählen, dass er auch auf Männer steht, dann würde sie ihn (seiner Meinung nach) aber sofort verlassen. Er kämpft zwischen Unterdrückung seiner sexuellen Bedürfnisse und heimlichem Betrug.
Ein dritter Mann lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung und verheimlicht seine sexuelle Identität, weil er dann so viel erklären muss, nennt sich dann der Einfachheit halber doch schwul, ist damit aber nicht recht zufrieden.
Ein bisexueller Schüler berichtet von Mobbing und dass er immer das Gefühl hat, nicht dazuzugehören. Generell zeigt sich die Erfahrung, dass sich immer mehr bisexuelle und lesbische Mädchen, trans* und nicht-binäre Jugendliche in der Schule outen und in Queer-AGs aktiv sind. Schwule und bisexuelle Jungs sind aber deutlich seltener sichtbar, vermutlich wegen Ängsten, dann diskriminiert zu werden. Unbedingt notwendig ist, dass die weitere Finanzierung von guten Aufklärungsprojekten gesichert ist.
Rosa Linde Leipzig e. V. berichtet Anfang 2024 z. B. dass die queere Bildungsarbeit nicht mehr gefördert werden soll. [5]
Wie es mit dem Bundes-Aktionsplan „Queer leben“ weitergeht, bleibt unklar – der LSVD kritisiert in einem Offenen Brief, dass bisher bei zentralen Punkten nicht geliefert wird. Eine Finanzierung von „Schule der Vielfalt“ wäre auch für bi+ Schüler absolut notwendig.[6]
Die HRC veröffentlichte 2019 eine Studie zu bisexuellen Jugendlichen: 96% hätten Schwierigkeiten, nachts einzuschlafen, 83% der bi+ Jugendlichen of Color haben Rassismus-Erfahrungen, mehr als 75% fühlten sich hoffnungslos und wertlos, nur 19% sind bei ihren Eltern geoutet (bei homosexuellen Gleichaltrigen sind es immerhin 29%), nur 13% bekämen für ihre sexuelle Orientierung wichtige Informationen wie z. B. zu Safer Sex (inkl. PrEP), viele bedauern, dass Erwachsene denken, es wäre nur eine Phase. In anderen Studien wurden auch höhere Raten von Selbstmordgedanken und Drogenmissbrauch aufgezeigt.[7]
Eine Studie von 2020 in der EU erkennt nur einen leicht schlechteren Gesundheitszustand bei bisexuellen Männern im Vergleich zu schwulen Männern, grundsätzlich ist er aber deutlich schlechter als bei heterosexuellen Männern.[8]
Dass es in der schwulen Community auch noch etwas zu tun gibt, konnte ich an den Kommentaren unter Philip Eickners Interview mit mir von 2021 sehen: Hier tauchten viele bifeindliche Reaktionen auf. Aber natürlich gibt es auch positive Beispiele – schwule Männer, die bisexuelle Kampagnen unterstützen und richtige Allies (Verbündete) sind – ich denke da z. B. an schöne Kooperationen mit IWWIT und dem LSVD (regional wie auf Bundesebene). Es ist so wichtig und wertvoll, dass wir in der queeren Community zusammen kämpfen und nicht gegeneinander.[[9]
Ich würde mir wünschen,
dass Bisexualität mehr als legitime Option anerkannt wird,
dass bi+ Menschen positiv aufgenommen werden,
Medien mehr und besser über Bisexualität berichten,
queere Organisationen das B wirklich mitdenken,
man als bi+ Mann nicht pauschal als Partner ausgeschlossen wird,
es auch im Gesundheitssektor mehr Aufklärung und Studien gibt.
Schließlich ist es langsam mal Zeit, dass im Deutschen Bundestag ein bisexueller Mann ein Coming-out hat. Geoutete bisexuelle Frauen gibt es mittlerweile tatsächlich bereits drei (alle von den Grünen), trans* Frauen auch zwei (auch von den Grünen), ein trans* Mann war früher mal im Bundestag, und schwule und lesbische Abgeordnete gibt es viele. Aber bisexuelle Männer null.[10]
Was können bisexuelle (bi+) Männer für ihre Gesundheit tun?
Natürlich muss jede Person selbst wissen, ob sie sich outet. Ich kann es nur empfehlen, weil es wichtig und gesund ist, zu sich zu stehen und die eigene Identität nicht zu verleugnen. Wenn man echte Freund*innen hat, Rückendeckung und sich halbwegs sicher fühlt – go ahead. Such dir Unterstützung und trau dich!
Wenn es aber dennoch Probleme gibt – Hilfe, Beratung und Therapie findet man z. B. über den VLSP, dem Verband für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queere Menschen in der Psychologie oder über Queermed Deutschland (die Person dahinter hat schon mehrere Preise für ihre wertvolle Arbeit erhalten).[11][12]
Vernetze dich mit anderen Männern, zum Beispiel bei Treffen von BiNe – Bisexuelles Netzwerk e. V. oder bei regionalen Stammtischen. Auch die nächste Bi+Pride in Hamburg ist eine tolle Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen und Sichtbarkeit zu zeigen.
Lass dir von niemandem einreden, dass etwas an dir nicht in Ordnung sei oder du dich entscheiden musst. Du hast dich längst entschieden: Du bist bisexuell, pansexuell, bi+, offen für mehrere Geschlechter, polysexuell, omnisexuell, biromantisch, queer – oder wie auch immer du dich bezeichnest. Und genau das ist richtig und wertvoll.
Das kann sich auch mal ändern – manche Bi+ werden irgendwann doch schwul oder hetero, und manche Schwule oder Heterosexuelle werden auch im hohen Alter noch bisexuell oder waren es eigentlich schon immer. Aber das entscheidet man immer noch selbst und keine Konversionstherapie und kein gutgemeinter Ratschlag eines Freundes oder einer Freundin, der oder die dich angeblich besser kennt.
Sei selbstbewusst, erkenne die tollen Seiten der Bisexualität, kläre dich bei wechselnden Partner*innen über die verschiedenen Möglichkeiten von Safer Sex auf und zeig Flagge für diejenigen, die sich noch nicht trauen.[13][14][15]
Auf meiner To-Do-List steht auch auf jeden Fall, das Buch „Bisexual Men Exist“ von Vaneet Mehta zu lesen – sicherlich ein empowerndes Werk für alle, die sich so identifizieren.[16]
Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um psychische Erkrankungen, Depressionen, Angstzustände, Substanzkonsum, Essstörungen und Suizid. Wenn das etwas ist, was dich belasten könnte, dann verzichte auf diesen Artikel oder lese ihn mit Vorsicht.
Die Anzeichen reichen von Schlafstörungen, Angstgefühlen und Stimmungsschwankungen bis hin zu unkontrolliertem Alkohol- und Drogenkonsum. Nicht immer muss eine psychische Erkrankung dahinterstecken. Solche negativen Gefühle und mentale Ausnahmesituationen können lediglich vorübergehend, allerdings auch Vorboten einer größeren Krise sein. Nicht zuletzt infolge von Corona hat die Zahl der Menschen, um deren psychische Gesundheit es nicht gut bestellt ist, zugenommen. Dennoch wird viel zu wenig darüber gesprochen, auch innerhalb der queeren Szene. Dabei sind gerade queere Menschen im besonderen Maße betroffen. So sind beispielsweise Einsamkeit sowie Angst- und Schlafstörungen bei LGBTIQ überproportional verbreitet, wie eine 2021 veröffentlichte Studie der Universität Bielefeld zeigt. Demnach erkranken queere Menschen im Laufe ihres Lebens zweieinhalbmal so häufig an Depressionen wie heterosexuelle.
Darüber hinaus leiden insbesondere junge schwule Männer verstärkt an Essstörungen, weiß der Berliner Psychologe Marcus Behrens.
In der eigenen negativen Gefühls- und Gedankenwelt verfangen
Er erlebt bei den Beratungen in seiner eigenen Praxis bzw. im Checkpoint Mann-O-Meter schwule Männer, die von Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen geplagt sind, die unter einer anhaltenden gedrückten Stimmung leiden, in endlosen Grübeleien verfangen sind oder sogar an Suizid denken. „Bisweilen ist diese negative Gefühls- und Gedankenwelt schon so sehr Teil der eigenen Persönlichkeit geworden, dass sie nicht mehr oder zu spät als Problematik erkannt wird“, sagt Behrens.
Ganz ähnlich erlebt es sein Kollege Martin Heinze von der queeren Beratungsstelle Rubicon in Köln. Seit mittlerweile drei Jahrzehnten bietet der Diplom-Pädagoge ein offenes Ohr, Rat und Hilfe. Die Probleme, weswegen die Menschen zu ihm kommen, seien über diese lange Zeit im Prinzip gleichgeblieben.
Denn LGBTIQ sind besonderem Stress ausgesetzt. Auch wenn sich die Lebensbedingungen hierzulande deutlich verbessert haben: die Erkenntnis, anders zu sein als die anderen, kann – gerade bei jungen Menschen – immer noch sehr belastend sein. Zudem ist die eigene Auseinandersetzung mit sexueller Identität und Orientierung weiterhin häufig mit Leid und Diskriminierung verbunden, aber auch mit Scham, Ängsten und verinnerlichter Selbststigmatisierung.
Schwul, lesbisch, trans* oder bi zu sein bedeutet auch, sich letztlich ein Leben lang immer wieder outen zu müssen, etwa gegenüber neuen Freund*innen oder Arbeitskolleg*innen. Das heißt damit auch, immer wieder die Risiken und möglichen Reaktionen abwägen oder sich gar verstellen zu müssen. Oder man bewegt sich in der Öffentlichkeit stets sehr kontrolliert – aus Angst als schwul identifiziert und deshalb beleidigt oder gar tätlich angegriffen zu werden.
Wenn Stress krank macht
„Wir haben alle Stress im Leben, auch der heterosexuelle weiße cis Mann. Bei Minderheiten aber kommt immer noch eine Schippe drauf“, erläutert Marcus Behrens.
„Wenn ein heterosexueller Mann in den Urlaub fährt, muss er sich bei der Buchung nicht die Frage stellen, ob er im Reiseland wegen seiner sexuellen Orientierung möglicherweise angepöbelt oder sogar festgenommen werden könnte.“
Die Sozialwissenschaften haben für diese besondere Form der psychischen Belastung den Begriff „Minderheitenstress“ geprägt. Ihm sind nicht nur LGBTIQ, sondern etwa auch Menschen mit Migrationsgeschichte, BIPoC oder arme, sozial benachteiligte Menschen ausgesetzt.
Doch während beispielsweise Schwarze Menschen meist in einer Familie mit anderen BIPoC aufwachsen und so zumindest in dieser Familie in ihrer Identität gestärkt werden können, ist dies bei LGBTIQ in der Regel nicht der Fall. Diesen Stress bewältigen zu müssen, stellt eine eine enorme Belastung dar und ist auf Dauer nicht gesund. „Wenn mein Immunsystem gut ist, gelingt es dem Körper leichter ein Grippevirus abzuwehren, als wenn es geschwächt ist“, erklärt Marcus Behrens.“ Vergleichbares gilt für die Seele. Wenn mir alles zu viel wird und ich das alles nicht mehr aushalte, besteht die Gefahr, dass ich krank werde.
<h2″>Nicht alle Aspekte schwulen Lebens tun immer gut
Auch die schwule Community kann übrigens stressig sein und sich negativ auf das psychische Wohlbefinden niederschlagen. Der Umgang in der realen wie virtuellen Szene ist nicht immer gerade freundlich und unterstützend. Wenn man in der Bar oder in der Sauna übersehen wird und keinen Kontakt findet, kann das auf Dauer ziemlich aufs Gemüt schlagen. „Auf Planetromeo, Grindr und Co. wiederum muss ich mir bewusst sein, dass es zumeist nur um attraktive Bilder geht, und gar nicht wirklich um mich“, sagt Marcus Behrens. Zum Glück aber es gibt nicht die eine Community. „Wenn mir die Datingplattformen Stress machen, muss ich mir möglicherweise andere Orte suchen, um mit anderen in Kontakt zu kommen.“
Männer kann man zum Glück auch jenseits sexueller Szeneorte und Dating-Apps kennenlernen, etwa in Selbsthilfegruppen, queeren Vereinen und Organisationen oder auf Online-Plattformen, bei denen nicht der Sexkontakt an erster Stelle steht.
Denn Freundschaften und enge Bekanntschaften sind enorm wichtig für die seelische Gesundheit.
<h2″>„Auch wenn es schwerfällt: Es ist wichtig, sich Luft zu machen“
„Es ist bereits sehr hilfreich, eine gute emotionale Beziehung zu einer einzigen anderen Person zu haben – seien es ein guter Kumpel, die beste Freundin oder ein Elternteil“, sagt Marcus Behrens. „Menschen, bei denen ich mich geborgen und ein Stück weit zuhause fühle, denen ich mich gegenüber öffnen kann und über Dinge reden kann. Mit denen ich offen über Schwächen und Gefühle, auch über die negativen, sprechen kann. Das müssen nicht nur queere Menschen sein, aber es sind idealerweise gute Verbündete, die die eigene Lebensart widerspiegeln.“
„Auch wenn es schwerfällt: Es ist es wichtig, sich Luft zu machen“, bestätigt Jonathan Gregory. „Deshalb braucht es zumindest eine Person, bei der man sich sicher fühlt und bei der man sich öffnen, mitteilen und anvertrauen kann: ‚Mir geht es gerade nicht so gut. Mich belastet etwas‘“. Jonathan Gregory ist seit 2023 Teil des neu aufgestellten Teams von ICH WEISS WAS ICH TU. Als deren Leiter ist es ihm eine Herzensangelegenheit, mentale Gesundheit zum zentralen Thema der schwulen Präventionskampagne zu machen.
Denn eine psychische Erkrankung kann jeden treffen. Das hat Gregory 2022 selbst erfahren müssen, als er wegen einer schweren Depression für vier Monate eine Tagesklinik aufsuchen musste.
„Anfangs war ich mir unsicher, ob dies für mich als Schwarzer schwuler Mann tatsächlich ein Ort ist, an dem ich gesunden kann. Werde ich dort als der wahrgenommen und aufgenommen, der ich bin? Das sind Fragen, die sich Heteros nicht stellen müssen“, sagt Gregory. Seine Bedenken aber waren schnell verflogen „Ich habe dann die positive Erfahrung gemacht, dass ich dort nicht die einzige queere Person war und ich auch die Hilfe bekommen habe, nach der ich gesucht hatte.“
Hilfe zu suchen, ist keine Schwäche, sondern mutig
Sich bewusst zu werden, dass es einem nicht gut geht, dass man Unterstützung benötigt und sie auch annehmen möchte, ist ein erster, sehr bedeutsamer Schritt. Um professionelle Hilfe bemühen sollte man sich dann, wenn man sich mehr und mehr in Gedankenschleifen verfängt, längerfristig an Schlafproblemen leidet oder man negative Gefühle beispielsweise durch übermäßigen Porno- oder Alkoholkonsum oder reihenweise Sexdates zu kompensieren versucht. „Wenn ich das Gefühl habe, dass ich dies nicht mehr selbst steuern kann, sondern davon gesteuert werde, kann dies ein wichtiges Indiz für eine psychische Krise sein“, erläutert der Rubicon-Berater Martin Heinze.
Eine längerfristige therapeutische Begleitung oder gar ein Krankenhausaufenthalt sind jedoch nur bei schweren psychischen Erkrankungen notwendig.
Um aus einem seelischen Tief herauszukommen, sind Beratungseinrichtungen gute Anlaufstellen. Sie können bei Bedarf dann auch an queer-erfahrene Psycholog*innen vermitteln.
„Mir hat sehr geholfen, festzustellen, dass andere ganz ähnliche Erfahrungen im Zusammenhang mit Depression und psychischer Gesundheit gemacht haben, wie ich“, sagt Jonathan Gregory. Deshalb ist der Austausch mit anderen Schwulen – ob auf privater Ebene oder in Selbsthilfegruppen – eine wichtige Hilfe.
„Ich kann die Bettdecke über den Kopf ziehen und zuhause bleiben, das ist durchaus auch mal o.k.“, sagt Martin Heinze. „Doch es ist wichtig, dass es mir gelingt, mich darüber hinaus mit den Dingen auseinanderzusetzen, die mich belasten“. Wenn dies im Alleingang nicht gelingt, ist es wichtig, sich nicht zuhause zu vergraben, aus der Welt zurückzuziehen, sondern Kontakt zu anderen aufzunehmen. Das können eine professionelle Unterstützung durch eine*n Therapeut*in oder Gespräche mit Freund*innen sein.
Marcus Behrens rät, sich allein oder im Austausch mit den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen und dem eigenen Befinden auseinanderzusetzen – und auf sich selbst zu achten. Womöglich nimmt man dann so erst wahr, was man sich bislang noch nicht eingestanden hat: dass man sich vielleicht einsam fühlt oder unkontrolliert Alkohol und Drogen konsumiert.
Genauso wichtig: sich selbst mit allen Schwächen, Defiziten aber auch guten Eigenschaften anzunehmen. Wie verhalte ich mich und tut mir das wirklich gut? Halten mich meine Gewohnheiten vielleicht in dieser Situation anstatt dass sie mich hinausführen?
Statt vor bestehenden Problemen zu resignieren, ist es besser nach Lösungen zu suchen: Was kann ich selbst tun? Was würde die Situation verbessern? Wer könnte mich dabei unterstützen oder welche Hilfe könnte ich in Anspruch nehmen?
Das Schöne im Leben wiederentdecken
Gregory hat aus seiner Therapie eine kleine Übung in seinen Alltag übernommen und gönnt sich seither jeden Tag eine kleine Auszeit. „Ich gebe mir zwei, drei Minuten, um die Augen zu schließen, mich ganz auf mich zu fokussieren und in mich hineinzuhören. Und auf diese Weise auch Stress abzubauen.“
Um nicht nur das Belastende, sondern auch die schönen Dinge im Leben zu sehen, überhaupt wahrzunehmen, empfiehlt Marcus Behrens eine andere Übung: Jeden morgen steckt man fünf Steinchen oder andere kleine Gegenstände in eine Hosentasche. Im Laufe des Tages packt man bei jedem schönen Erlebnis eines in die andere Hosentasche. „Diese Anlässe können Kleinigkeiten sein: ein schönes Telefonat, ein gutes Essen, eine freundliche Begegnung im Supermarkt“, erläutert Behrens. Abends wird man jedoch feststellen, dass es doch viel Gutes an diesem Tag gab.“ „Zudem kann man auf diese Weise das Gehirn ein wenig erziehen, dass es nicht immer nur Dinge registriert, die nicht funktionieren oder die mir Sorgen machen, sondern das Gute im Alltag und die Dinge, an denen ich Freude hatte.“
Freude kann man sich aber auch ganz gezielt bereiten. Indem man sich entsprechende Dinge vornimmt: Sich etwas Schönes zu essen zu kochen oder (wenn man über genügend Geld verfügt), sich einen Restaurantbesuch zu gönnen. Sich mit Freunden zu treffen, einen Spaziergang im Park zu machen, die öffentliche Bibliothek zu besuchen, zu malen oder etwas zu basteln.
„Hey, wie geht’s dir gerade?“
Und nicht zuletzt kann jede*r dazu beitragen, dass es anderen Menschen besser geht. Die einfache Frage „Wie geht es dir?“ kann schon sehr viel helfen – wenn man diese Frage auch ernst meint und man der Person den Raum gibt, darauf auch ehrlich antworten zu können.
„Wir können das psychische Wohlbefinden als queere Community nur gemeinsam stärken, indem wir aufeinander achten und wir uns bewusst machen, dass es ein Aspekt ist, der uns in allen Lebensbereichen begleitet“, sagt Jonathan Gregory. „Und wenn wir nicht davor zurückscheuen, ehrlich zu uns zu sein und die Belastungen, denen wir ausgesetzt sind, auch anzusprechen.“ IWWIT möchte dazu im Laufe des Jahres mit Kampagne „#MyMentalMe“ einen kleinen Beitrag leisten und nicht zuletzt auch für mehr Sichtbarkeit des Themas in der queeren Community sorgen.
Ich bin ein weißer schwuler cis Mann. Und ich richte mich hier insbesondere an andere weiße schwule cis Männer. In einer Zeit, in der die Diskussionen um Gender, Inklusion, Diversität, Intersektionalität, Transfeindlichkeit und Rassismus auch innerhalb der schwulen Community immer lauter werden, empfinden nicht gerade wenige, vor allem weiße cis Schwule ein gewisses Unwohlsein.
Vor Kurzem habe ich beobachtet, wie dieses Unwohlsein von einem anderen weißen schwulen cis Mann als Scham beschrieben wurde. Die Diskussion um Vielfalt und Anti-Diskriminierung, zum Beispiel auch um Rassismus innerhalb der schwulen Community, würde bei schwulen, queeren und bi+ Männern (implizit gemeint war hier natürlich bei weißen cis schwulen und bi+ Männern) Schamgefühle verstärken. Und das obwohl die Präventions- und Communityarbeit – zum Beispiel auch von Aidshilfen – doch eigentlich Schamgefühle abbauen und schwule Sexualität positiv bestärken soll.
Doch handelt es sich bei diesem Unwohlsein wirklich um Scham? Oder könnte es sich dabei nicht um ein anderes Phänomen – und zwar um kognitive Dissonanz – handeln?
Kognitive Dissonanz verstehen
Aber was ist kognitive Dissonanz? Der Begriff kommt aus der Sozialpsychologie. Kognitive Dissonanz bezeichnet einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand, der dann entsteht, wenn zwei zugleich bei einer Person bestehende Kognitionen einander widersprechen.
Uff! Klingt kompliziert! Vereinfacht ausgedrückt: Es ist zum Beispiel das Gefühl, das wir haben, wenn das, was wir tun, nicht mit dem übereinstimmt, was wir glauben oder für richtig halten. Dieses teils unbewusste unangenehme Gefühl der kognitiven Dissonanz entsteht beispielsweise, wenn wir der Überzeugung sind, dass es dringend geboten sei, weniger CO2 in die Umwelt zu pusten, und gleichzeitig aber mit dem Flugzeug von Hamburg nach München fliegen. Unsere Überzeugung („wir müssen CO2 einsparen“) steht dann nicht im Einklang mit unserer Handlung („ich stoße mit meinem kurzen Inlandsflug gerade ganz viel CO2 in die Luft“). Das löst ein unangenehmes Gefühl bei Menschen aus. Und dieses Gefühl nennt man kognitive Dissonanz.
Kognitive Dissonanz in der schwulen Community
Dieses Gefühl der kognitiven Dissonanz kann logischerweise auch dann entstehen, wenn wir an die Gleichwertigkeit der Menschen, an Diversität und Respekt glauben, aber dann zum Beispiel (auch unbewusst) Transfeindlichkeit oder Rassismus reproduzieren. Und besonders dann wenn uns jemand darauf aufmerksam macht.
Auch in der schwulen Community finden wir uns häufiger in Diskussionen über Themen wie Gewalt, Macht, Konsens, Transfeindlichkeit, Rassismus und #MeToo wieder. Aber weil wir den Begriff der kognitiven Dissonanz nicht kennen, weil wir das Konzept dahinter nicht verstehen, kann uns das folglich auch nicht komplett bewusst sein, was das genau für ein unangenehmes Gefühl ist, was wir da empfinden. Trotzdem nehmen wir dieses unangenehme Gefühl wahr. Und weil wir es nicht richtig einordnen können, geben wir ihm dann manchmal einen anderen Namen. Zum Beispiel Scham.
Die Rolle der Scham
Scham gibt es tatsächlich sehr viel bei uns schwulen, queeren und bi+ Männern. Scham spielt eine zentrale Rolle in unserer Sozialisierung. Viel zu oft verinnerlichen wir die Scham, die uns die Mehrheitsgesellschaft auferlegt. Uns wird beigebracht: Wir sind nicht richtig. Und wir müssen uns für unsere Sexualität schämen.
Diese Scham ist real. Und muss bekämpft werden. Sie ist aber nicht das gleiche wie die kognitive Dissonanz, die sich zwar durchaus auch als Scham äußern kann, aber nicht von außen kommt, sondern eben von jenem inneren Konflikt zwischen dem, an das wir glauben, und dem, was wir tun. Kognitive Dissonanz suggeriert uns, dass wir uns auch kritisch mit uns selbst auseinandersetzen müssen. Und das kann sehr unangenehm sein.
Umgang mit kognitiver Dissonanz
Es gibt verschiedene Arten, wie Menschen auf kognitive Dissonanz reagieren können. Eine Möglichkeit wäre, die eigenen Werte schlicht zu ändern. Also quasi den Glauben an Menschenrechte, an Anti-Diskriminierung, an Respekt und Toleranz über Bord zu werfen. Es gibt durchaus Menschen, bei denen das möglich wäre. In solchen Fällen handelt es sich oft um Menschen, die zu wenig bis gar keiner Empathie fähig sind. Das ist zum Beispiel bei narzisstischen oder psychopathischen Menschen der Fall. Da die meisten Menschen aber weder narzisstisch, noch psychopathisch sind, kommt diese Möglichkeit für sie allerdings kaum in Frage.
Eine weitere Möglichkeit wäre, statt den Werten die Handlungen zu ändern. Wenn mich also zum Beispiel jemand auf etwas Problematisches aufmerksam macht, das ich gesagt habe, kann ich mich dafür bedanken, mich selbst korrigieren, und es nicht wiederholen. Ich bringe dann aktiv meine Handlungen in Einklang mit meinen Werten.
Abwehrmechanismen
Es gibt aber noch eine dritte, komplexere, aber sehr häufig angewendete Möglichkeit: Menschen können ebenfalls die Wahrnehmung ihrer Handlungen verändern, so dass es den Anschein hat, als würden sie mit ihren Werten übereinstimmen. Obwohl sie es gar nicht tun. Das passiert zum Beispiel über gewisse psychologische Abwehrmechanismen. Ein Abwehrmechanismus kann zum Beispiel Leugnung sein. Ganz oft leugnen wir zum Beispiel, dass wir etwas Rassistisches oder Transfeindliches gesagt oder getan haben, wenn uns jemand darauf aufmerksam macht. Die Leugnung hilft uns dabei, den Anschein zu bewahren, dass unsere Handlungen unseren Werten entsprechen.
Ein weiterer Abwehrmechanismus kann Rechtfertigung sein. Wir rechtfertigen zum Beispiel rassistische Asylpolitik als notwendig, obwohl Menschenrechtsorganisationen sie kritisieren und Alternativen aufzeigen. Oder wir rechtfertigen unsere rassistischen Aussagen gegen muslimische Geflüchtete mit der falschen Behauptung, sie wären eine Gefahr für queere Menschen. Die Rechtfertigung als notwendig hilft uns dabei, das unangenehme Gefühl der kognitiven Dissonanz (vermeintlich) loszuwerden.
Kognitive Dissonanz ist ein gutes Zeichen
Doch Kognitive Dissonanz ist etwas Positives. Warum? Weil ich mir noch viel mehr Sorgen machen würde, wenn ein Mensch überhaupt keine kognitive Dissonanz empfinden würde. Bei solchen Menschen handelt es sich oft um Individuen mit hoher psychopathischer oder narzisstischer Ausprägung. Menschen, die zu wenig bis kaum Empathie fähig sind und denen ebenfalls Werte wie gegenseitiger Respekt und Inklusion egal sind. Das Empfinden von kognitiver Dissonanz ist also erst einmal ein gutes Zeichen. Es zeigt: Mir ist Empathie wichtig. Mir ist der Respekt gegenüber anderen Menschen wichtig. Mir ist wichtig, dass ich andere Menschen nicht diskriminiere.
Proaktiver Umgang mit kognitiver Dissonanz
Wie also proaktiv und achtsam mit dem Gefühl kognitiver Dissonanz umgehen? Zuerst einmal ist es wichtig, sich bewusst zu werden, wenn man kognitive Dissonanz empfindet. Denn ganz oft spürt man zwar ein gewisses Unwohlsein, kann es aber nicht richtig greifen oder benennen. Und das kann dann dazu führen, dass man sich angegriffen fühlt und in Leugnungs- oder Rechtfertigungsstrategien übergeht.
Mit dem Bewusstsein für das Empfinden kognitiver Dissonanz kann man dann auch achtsamer mit sich selbst, anderen Menschen, und den eigenen Handlungen und Aussagen umgehen. Achtsamkeit bedeutet dann auch, dass man es nicht als Angriff oder Scham wahrnimmt, wenn jemand mich auf etwas Rassistisches oder Transfeindliches aufmerksam macht, das ich gesagt oder getan habe. Scham bedeutet, dass ich mich selbst als „falsch“, als „schlecht“ erachte. Bei strukturellen Diskriminierungssystemen wie Rassismus geht es aber weniger um mich als Individuum, sondern viel mehr um uns als Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die uns als Individuen rassistisch sozialisiert. Ich kann es also als Chance begreifen, Rassismus und Transfeindlichkeit wieder zu verlernen. Dafür kann ich auch Dankbarkeit empfinden. Denn es ist eine Möglichkeit, authentischer zu werden. Es ist ein Zeichen von tiefer Integrität, wenn meine Werte mit meinen Handlungen in Einklang stehen.
Und schlussendlich möchten das doch die meisten von uns.
Es gibt in Deutschland nur ein Medikament, das für die PrEP zugelassen ist. Im Moment ist es kaum noch lieferbar. Teilweise haben Apotheken Restbestände, aber immer mehr PrEP-Nutzer*innen gehen leer aus. Auch mussten schon Patient*innen bei ihrer HIV-Behandlung auf andere Medikamente umgestellt werden. Ein Zustand, der wohl bis mindestens März 2024 anhalten wird. Das meldet die Arbeitsgemeinschaft ambulant tätiger Ärztinnen und Ärzte für Infektionskrankheiten und HIV-Medizin (dagnä) in einer Pressemitteilung.
In manchen Städten gibt es bereits gar keine PrEP mehr, wie IWWIT von Organisationen vor Ort erfährt. In anderen, zum Beispiel Berlin, verschreiben manche Praxen nur noch Monatspackungen, damit die Medikamente länger reichen – normal ist sonst eine Packung für drei Monate. Die Situation verschärft sich von Tag zu Tag.
Die Gründe für das Problem sind vielschichtig. So haben zum Beispiel zwei Fabriken nach unseren Informationen Produktionsprobleme. Außerdem scheint es einzelne Schwierigkeiten in der Lieferkette und eine verstärkte Nachfrage zu geben. Auch Preisunterschiede auf dem europäischen Arzneimittelmarkt dürften eine Rolle spielen: Hersteller bekommen in vielen Nachbarländern offenbar mehr Geld für ihre Medikamente als in Deutschland.
Jonathan Gregory, Leitung von IWWIT: „Es ist schwierig zu sagen, wann sich die Lage wieder entspannen wird. Klar ist: Wir haben einen Mangel und es können im Moment nicht alle Menschen, die das Medikament für die PrEP oder die Therapie brauchen, versorgt werden. Da gibt es nichts zu beschönigen.“
Trotzdem gibt es teilweise noch Wege, wie PrEP-Nutzer*innen an ihr Medikament kommen können. Im Folgenden kommen unsere Vorschläge zum Umgang mit der schwierigen Situation.
Was PrEP-Nutzer*innen jetzt tun können
An HIV-Apotheken wenden
Falls deine Apotheke keine PrEP mehr hat, wende dich an ein Mitglied der Arbeitsgemeinschaft HIV-kompetenter Apotheken (DAHKA). Diese Apotheken tauschen sich untereinander aus und unterstützen sich gegenseitig bei der Versorgung mit der PrEP, sofern es noch Bestände gibt. Du kannst auch über Online-Apotheken Anfragen stellen. Dafür bitte dein*en Ärzt*in um ein E-Rezept. Damit ist eine Bestellung deutlich einfacher.
Einzelimporte aus dem Ausland
Apotheken können versuchen, das PrEP-Medikament im Ausland zu bestellen, wenn sie vorher die Genehmigung der Krankenkasse einholen. Manche Apotheken wissen das nicht oder scheuen den Aufwand. Frag am besten nach einem „Einzelimport nach § 73 Absatz 3 Arzneimittelgesetz (AMG)“. Es gibt aber keine Garantie, dass die Apotheke das macht und dass im Ausland Medikamente verfügbar sind.
Anlassbezogene PrEP
Für einige Anwender*innen der täglichen Dauer-PrEP könnte es zudem eine Option sein, zumindest vorübergehend auf die sogenannte anlassbezogene PrEP umzusteigen, bei der man lediglich vor und nach (geplantem) Sex Tabletten nimmt. Mehr Informationen dazu findest du unter aidshilfe.de/hiv-prep/einnahmeschema.
Bei Therapie frühzeitig auf Praxis zugehen
Falls bei dir die Wirkstoffkombination Emtricitabin plus Tenofovirdisoproxil in der HIV-Behandlung zum Einsatz kommt, geh auf deine Praxis zu, bevor deine Tabletten zur Neige gehen, damit genug Zeit ist, um neue zu beschaffen zu versuchen.
Andere Safer-Sex-Optionen prüfen
Wenn alles nichts hilft, kannst du überlegen, ob andere Safer-Sex-Optionen wie das Kondom oder Schutz durch Therapie für dich in Frage kommen, bis die PrEP wieder verfügbar ist.
Die Deutsche Aidshilfe setzt sich für Versorgungssicherheit bei HIV-Medikamenten ein und hat das Bundesministerium für Gesundheit und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufgefordert, die Probleme bei der Versorgung zu lösen.
„Wir lassen nicht locker, bis alle, die das Medikament für die PrEP oder die Therapie brauchen, es auch bekommen. Darauf könnt ihr euch verlassen!“, so IWWIT-Kampagnenleiter Gregory.