Kategorie: Gesundheit

  • Monkey Dust

    Monkey Dust

    Ein Affen-Emoji im Dating-Profil wirkt harmlos. Doch in der schwulen Dating-Szene steht es inzwischen oft für Monkey Dust – eine kaum erforschte, hochpotente Substanz, die vor allem im Kontext von Chemsex auftaucht.

    In einem sehr persönlichen Text schildert Jeff Mannes im Magazin SIEGESSÄULE, wie er bei einem Date erstmals damit konfrontiert wird. Die Begegnung beginnt vertraut: Chat, Anziehung, Sex.

    Doch dann verändert sich etwas. Ein seltsamer Geruch, ein ungutes Gefühl – und die Erkenntnis, dass sein Gegenüber heimlich Monkey Dust konsumiert hat. Nicht der Konsum selbst ist der Bruch, sondern das Schweigen darüber.

    Was folgt, ist keine Moralpredigt, sondern ein Nachdenken über Grenzen, Verantwortung und fehlendes Wissen. Monate später erfährt der Autor, dass der Mann gestorben ist. Zu jung. Zu plötzlich. Monkey Dust soll eine Rolle beim Tod gespielt haben – aber abschließend geklärt ist es nicht.

    Was ist Monkey Dust? Wirkung, Risiken und fehlende Forschung

    Monkey Dust ist kein klar definierter Stoff. Meist handelt es sich um sehr starke synthetische Cathinone, die schnell wirken und ebenso schnell außer Kontrolle geraten können. Menschen berichten von intensiver Lust, Euphorie und Enthemmung – aber auch von Angst, Paranoia, Kontrollverlust und tagelangen Wachphasen. Wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse gibt es kaum. Gerade das macht die Substanz so tückisch.

    Der Text zeigt: In der queeren Community wird über Monkey Dust viel gesprochen – aber oft hinter vorgehaltener Hand. Aus Angst vor Stigma. Aus Unsicherheit. Aus fehlender Aufklärung. Dabei braucht es genau das Gegenteil: ehrliche Gespräche, Wissen, Transparenz und Solidarität. Nicht, um zu verurteilen – sondern um Risiken sichtbar zu machen und Schaden zu minimieren.

    Wenn Aufklärung fehlt, wird Monkey Dust unberechenbar

    Was Monkey Dust besonders gefährlich macht, ist nicht nur seine starke Wirkung, sondern vor allem das fehlende Wissen darüber. Beratungsstellen wie Sidekicks.Berlin berichten, dass die Substanz schnell zu Kontrollverlust führen kann – über Menge, Dauer und eigene Grenzen. Menschen erzählen von intensiven Wachphasen, Angstzuständen, Paranoia und massiven psychischen Krisen. Gleichzeitig ist kaum gesichert, was langfristig im Körper passiert. Verlässliche Studien fehlen bislang fast vollständig.

    Hinzu kommt ein weiteres Risiko: Beim Drug-Checking in Berlin wurde Monkey Dust in Proben nachgewiesen, die als andere Substanzen verkauft wurden. Das bedeutet, dass Menschen eine Droge konsumieren können, ohne es zu wissen. Ungewollte Wirkungen, Überdosierungen und gefährliche Wechselwirkungen werden dadurch wahrscheinlicher.

    Trotzdem wird in der queeren Community oft nur leise über Monkey Dust gesprochen. Aus Angst vor Stigmatisierung, aus Unsicherheit oder weil Erfahrungen schwer einzuordnen sind. Projekte wie Sidekicks.Berlin oder Checkpoint BLN setzen deshalb auf Aufklärung statt Verurteilung. Eine akzeptierende, nicht moralisierende Haltung ist entscheidend – ohne die realen Risiken auszublenden.

    Ehrliche Gespräche, transparente Informationen und solidarische Unterstützung können Leben schützen. Denn solange Wissen fehlt und Konsum unsichtbar bleibt, bleibt Monkey Dust eine Substanz, die schwer einschätzbar ist – und genau das macht sie so gefährlich.

    Monkey Dust: Häufige Fragen und Antworten

    Monkey Dust taucht zunehmend im Kontext von Chemsex auf, ist aber kaum erforscht und schwer einschätzbar. Hier findest du Antworten auf häufige Fragen zu Wirkung, Risiken und warum Aufklärung so wichtig ist.

    Was ist Monkey Dust genau?

    Monkey Dust ist kein eindeutig definierter Stoff. Meist handelt es sich um sehr starke synthetische Cathinone, die schnell wirken und mit hohem Risiko verbunden sind. Zusammensetzung und Dosierung können stark variieren.

    Warum gilt Monkey Dust als besonders gefährlich?

    Die Substanz wirkt oft unberechenbar. Menschen berichten von Kontrollverlust, Angstzuständen, Paranoia, Schlaflosigkeit über mehrere Tage und psychischen Krisen. Verlässliche wissenschaftliche Erkenntnisse fehlen bislang weitgehend.

    Welche Rolle spielt Monkey Dust im Chemsex-Kontext?

    Monkey Dust wird teilweise im Rahmen von Chemsex konsumiert, um Lust, Enthemmung oder Ausdauer zu steigern. Besonders riskant wird es, wenn Konsum nicht offen kommuniziert wird oder mehrere Substanzen kombiniert werden.

    Warum ist fehlende Aufklärung ein großes Problem?

    Unwissen über Wirkung, Dosierung und Risiken erhöht die Gefahr von Überdosierungen und schweren Nebenwirkungen. Zudem wurde Monkey Dust teils in Proben gefunden, die als andere Substanzen verkauft wurden – Konsum kann also auch ungewollt passieren.

    Wie kann man Risiken im Umgang mit Monkey Dust reduzieren?

    Offene Gespräche, ehrliche Absprachen und fundierte Informationen sind zentral. Eine akzeptierende, nicht verurteilende Haltung hilft, Risiken sichtbar zu machen und Menschen frühzeitig zu unterstützen.

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  • Welt-Aids-Tag: Kampf gegen HIV/Aids, wenn die Welt wegschaut

    Welt-Aids-Tag: Kampf gegen HIV/Aids, wenn die Welt wegschaut

    Während weltweit Gelder gekürzt werden und rechte Regierungen Minderheiten angreifen, organisieren sich queere Migrant*innen neu – jenseits großer Institutionen, aus purer Notwendigkeit und kollektiver Kraft. Zum Welt-Aids-Tag 2025 zeigt Wíner Ramírez Díaz vom Pariser Kollektiv Maricolandia, wie Graswurzel-Communities Tag für Tag gegen HIV/Aids, Diskriminierung und neoliberale Ausgrenzung kämpfen – und warum ihr Widerstand entscheidend ist für jede Zukunft ohne HIV/Aids.

    Der vorliegende Artikel beleuchtet zentrale Aspekte im Kampf gegen HIV/Aids – gestützt auf Erfahrungen aus der Praxis mit jenen Bevölkerungsgruppen, die epidemiologisch wie psychosozial am stärksten betroffen sind: den sogenannten Schlüsselpopulationen. Gerade zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember ist es mir wichtig, aktivistische Perspektiven sichtbar zu machen. Dabei geht es mir weniger darum, Lösungen für funktionale oder strukturelle Probleme zu präsentieren, sondern vielmehr darum, die konkreten Realitäten vor Ort zu zeigen und Alarm zu schlagen angesichts der tiefsitzenden Dysfunktionen, die diesen Kampf entlang der gesamten Versorgungskaskade prägen.[1]

    In welchem Kontext steht dieser Kampf?

    Laut dem UNAIDS-Informationsblatt 2025 lebten im Jahr 2024 weltweit rund 40,8 Millionen Menschen mit HIV, und etwa 1,3 Millionen Menschen infizierten sich neu. Etwa 630.000 Menschen starben 2024 an Aids-bedingten Erkrankungen, und rund 31,6 Millionen Menschen erhielten Zugang zu einer antiretroviralen Therapie.

    Diese Zahlen machen deutlich, wie groß die Herausforderung bleibt, eine Welt ohne HIV/Aids zu erreichen. In Europa etwa hat laut dem WHO-Regionaldirektor für Europa, Dr. Hans Henri P. Kluge, noch immer die Hälfte der Menschen mit HIV in Osteuropa und Zentralasien keinen Zugang zu einer antiretroviralen Behandlung. Seit 2010 ist diese Zahl um 49 % gestiegen – in einer Region, die weltweit zu denjenigen mit den höchsten Zuwächsen an HIV-Neuinfektionen gehört.[2]

    Die Widersprüche im Kampf

    In den 1980er Jahren veränderte das Auftreten von Aids die Dynamik der Bewegungen sexueller Minderheiten grundlegend. Homosexuelle und bisexuelle Männer wurden innerhalb der LSBTQIA+-Community am härtesten getroffen. Dieser tragische Einschnitt war zugleich ein Moment des Zusammenkommens: Menschen mit nicht-normativer Sexualität organisierten sich, um der Krise etwas entgegenzusetzen. So entstanden Organisationen wie ACT UP (international bekannt), AIDES in Frankreich, die Deutsche Aidshilfe (DAH) und weitere – ebenso wie innergemeinschaftliche Bewegungen, etwa die „Schwestern der Perpetuellen Indulgenz“, deren Engagement bis heute anhält.

    2008 markierte die HIV-Prävention dann eine echte Revolution: die „Schweizer Deklaration“ von Professor Hirschel und Kolleg*innen, die festhielt, dass Menschen mit HIV bei erfolgreicher Therapie und Viruslast unter der Nachweisgrenze HIV nicht mehr beim Sex übertragen; sowie das Aufkommen der PrEP. Beide Entwicklungen leiteten einen grundlegenden Paradigmenwechsel im Werkzeugkasten der HIV/Aids-Prävention ein. Laut dem Soziologen Cyriac Bouchet-Mayer bilden die 2010er Jahre allerdings zugleich einen Wendepunkt: Die klassische Kondomförderung rückte in den Hintergrund, während Tests und der Zugang zu präventiven Multitherapien für „Schlüsselpopulationen“ an Bedeutung gewannen. Doch abgesehen von einer privilegierten Gruppe von Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), sind andere Schlüsselgruppen – etwa intravenös Drogen konsumierende Menschen, Sexarbeiter*innen oder Migrant*innen – in den Testzentren kaum präsent.

    Dieser Ausschluss beschränkt sich jedoch nicht auf Krankenhäuser: Er zieht sich durch die meisten institutionellen Einrichtungen, die eigentlich genau diese Bevölkerungsgruppen erreichen sollten. Zwar wurden Kampagnen zur Bekämpfung von HIV/Aids in den letzten Jahren repräsentativer – etwa für rassifizierte Menschen, trans Personen, dicke_fette Menschen oder Migrant*innen. Doch die Lebenserfahrungen extrem kleiner Minderheiten bleiben weiterhin marginalisiert. Sie stehen an einem Kreuzungspunkt vielfältiger struktureller Unterdrückungen, die ihr Leben prägen und erschweren. Genau jene Gruppen, die in der öffentlichen Gesundheit als „Schlüsselgruppen“ gelten – und somit im Zentrum von Präventions- und Risikominderungsmaßnahmen stehen müssten – sind gleichzeitig diejenigen, die am stärksten von Ausgrenzung betroffen sind.

    Die Schwierigkeiten extrem minoritärer Bevölkerungsgruppen 

    Im Bericht zum Welt-Aids-Tag 2025 mit dem Titel „Surmonter les perturbations, transformer la riposte au sida“ (auf Deutsch etwa: „Störungen überwinden, die Antwort auf Aids verändern“) stellt UNAIDS einen drastischen Rückgang der internationalen Hilfe fest. Verantwortlich dafür ist die Politik der Regierungen der nördlichen Hemisphäre, die sich zunehmend aus dem globalen Kampf gegen HIV/Aids zurückziehen.

    Für große NGOs ist dieser Rückgang existenziell bedrohlich. Schrumpfende Finanzmittel gefährden die Prävention. Sie gefährden auch den Zugang zu Behandlungen. Damit rückt das Ziel in die Ferne, HIV bis 2030 zu besiegen.

    Gleichzeitig entsteht trotz Mittelkürzungen etwas Neues. Trotz der von rechtsextremen Regierungen angeheizten Hasswellen gegen LSBTQIA+, trans Menschen und Migrant*innen wachsen rebellische gemeinschaftliche Projekte. Sie entstehen außerhalb klassischer Vereinsstrukturen. Sie reagieren widerständig auf den Rechtsruck im globalen Norden. In Europa erschweren migrationsfeindliche Maßnahmen zusätzlich die gesellschaftliche Teilhabe dieser Gruppen.

    Verschiedene Bewegungen von LSBTQIA+-Migrant*innen arbeiten eng mit Netzwerken, Vereinen und Krankenhäusern zusammen – einzeln und kollektiv. Sie schützen ihre eigene Gesundheit und fördern Präventionsinstrumente wie PrEP, TasP oder PEP. Die Studie „Parcours en France“ (2015) aus der öffentlichen Gesundheitsforschung zeigt: Viele Migrant*innen infizieren sich erst nach ihrer Ankunft in Frankreich mit HIV. LSBTQIA+-Migrant*innen und migrantische Sexarbeiter*innen stehen vor zahlreichen Hürden. Administrative, sprachliche und materielle Barrieren beeinträchtigen ihre Gesundheit. Gleichzeitig erhöhen sie das Risiko, Gewalt zu erfahren.

    Gefährliche Gesetze: Wie Frankreich queere Migrant*innen mit HIV im Stich lässt

    In Frankreich können Menschen mit HIV/Aids grundsätzlich eine Aufenthaltsgenehmigung aus medizinischen Gründen beantragen. Hintergrund ist, dass in vielen Herkunftsländern der Zugang zu Medikamenten fehlt. Immer häufiger lehnen die Behörden diese Anträge jedoch ab. Stattdessen erhalten Betroffene OQTF-Bescheide (Obligation de Quitter le Territoire Français). Sie sollen also das französische Staatsgebiet verlassen. Das bringt ihr Leben in akute Gefahr.

    Besonders während der COVID-Pandemie zeigte sich diese Realität deutlich. Migrant*innen hatten enorme Schwierigkeiten, an Präventionsmittel wie Therapie oder PrEP zu kommen – unabhängig davon, ob sie mit HIV leben oder in der Sexarbeit tätig sind. Viele konnten sich im Alltag kaum bewegen, ohne ein hohes Risiko einzugehen, in Polizeikontrollen zu geraten.

    Hinzu kommt das französische Gesetz von 2016, das die Bestrafung von Freier*innen in der Sexarbeit vorsieht. Es stellt für Sexarbeiter*innen, ob mit oder ohne Migrationsgeschichte, eine akute Gefahr dar. Das sogenannte Nordische Modell führt nachweislich zu mehr sexuellen Risikokontakten ohne Kondom. Es geht mit einem Anstieg sexualisierter und sexistischer Gewalt einher. Die Kriminalisierung drängt viele Sexarbeiter*innen in den Untergrund. Seit 2018 kamen mindestens drei südamerikanische trans Frauen in der Sexarbeit ums Leben. Seit Jahren prangern zahlreiche Organisationen diese Gesetzeslage an – denn sie verschärft das Leben von trans und LGBTQIA+-Migrant*innen massiv.

    Zurück zum Wesentlichen – Kampf und gemeinschaftlicher Widerstand: eine kollektive Erfahrung

    2018 schloss sich eine Gruppe queerer Migrant*innen aus Lateinamerika zusammen. Daraus entstand eine Gemeinschaft in einer europäischen Großstadt. Sie kämpft gemeinsam gegen HIV/Aids und gegen die Diskriminierungen, die das Leben queerer, migrantischer und sexarbeitender Personen prägen.

    Wir haben mit Maricolandia ein Kollektiv geschaffen. Es bietet queeren und trans Personen aus dem Globalen Süden einen Raum, die in den Globalen Norden migriert sind. Der Raum steht allen Migrant*innen offen, die sich als «Maricas» – also als queer, schwul, trans usw. – identifizieren und in Frankreich oder anderen Teilen Europas leben. Unser Kollektiv beruht auf gegenseitiger Unterstützung, Teilen, Liebe und queerer Lebensfreude. Als Kollektiv positionieren wir uns gegen Transfeindlichkeit, Homofeindlichkeit, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Serophobie (Diskriminierung aufgrund des HIV-Status), Homonationalismus, Gaypitalismus, Prekarität und Neoliberalismus. Gleichzeitig prangern wir die vom Staat und vom Markt vereinnahmten sozio-institutionellen Logiken an.

    In unserem Raum sind auch Geschwister willkommen, die ebenfalls aus dem Süden zugewandert sind. Viele von uns waren und sind von vielfältigen Formen der Unterdrückung betroffen. Dazu gehören Migrationsstatus, Sexualität, HIV-Status und weitere Faktoren. Trotz begrenzter Ressourcen und wenig Raum für autonome Organisation haben wir ein Netzwerk der Geschwisterlichkeit aufgebaut. Es begleitet vor allem Menschen ohne Papiere, Asylbewerber*innen und migrantische Sexarbeiter*innen. Wir sind auch mit der Realität von Chemsex konfrontiert. Deshalb arbeiten wir eng mit öffentlichen Gesundheitsdiensten zusammen. So erhalten marginalisierte Menschen Zugang zu Angeboten der Risikominderung und werden innerhalb unserer Gemeinschaft gut begleitet.

    Selbstorganisation in Aktion: Prävention, politische Arbeit und Lebensfreude

    Unsere Arbeitsschwerpunkte liegen in den prekären Lebensbedingungen von Migrant*innen, in Gesundheit und Prävention sowie in all den administrativen und alltäglichen Schritten, die damit verbunden sind. Diese horizontale Begleitung findet in unseren Workshops statt, in den Französischkursen für den Alltag und in unseren verschiedenen sozialen Beratungsangeboten. Gleichzeitig beteiligen wir uns an politischen Veranstaltungen – und organisieren selbst welche.

    Abends schaffen wir uns Momente, in denen wir tanzen, laut und wild sein können – und uns gleichzeitig gegenseitig stärken für die Aktivitäten, die vor uns liegen.

    Jedes Wochenende geben wir einen Französischkurs, von uns für uns. Dieser Kurs hilft uns, die Isolation unserer Geschwister zu durchbrechen und die Sprache zu lernen. Gleichzeitig vermitteln wir in den Workshops wichtige Botschaften zu Risikominderung und Prävention im Bereich sexueller und gemeinschaftlicher Gesundheit. Wir teilen unser kollektives Wissen, um vielfältigen Unterdrückungen, administrativen Hürden, Schwierigkeiten bei Wohnungssuche, Studium oder Asylverfahren, Problemen in der sexuellen Gesundheit oder beim Umgang mit Chemsex zu begegnen.

    Wir organisieren Tage und Feste, mit denen wir materielle Ressourcen für unsere Arbeit sammeln. Und dabei vergessen wir nie: Dieser Kampf wird von uns und für uns geführt – weil wir keine andere Wahl haben.

    Den Kampf gegen HIV/AIDS gemeinsam gestalten

    Unser gemeinsamer Raum erlaubt es uns, darüber nachzudenken, wie der Kampf gegen HIV/Aids in den kommenden Jahren aussehen muss – und wie wir ihn im Alltag schon jetzt führen. Dieser Kampf ist übergreifend: Er lässt sich nicht auf epidemiologische oder gesundheitspolitische Fragen reduzieren. Der Kampf von LGBTQIA+-Migrant*innen ist untrennbar mit den Kämpfen aller sexuellen Minderheiten verbunden und muss antirassistisch, antifremdenfeindlich, feministisch, behindertenfreundlich und selbstverständlich HIV-inklusiv sein.

    Unsere kollektive Erfahrung stärkt unseren Widerstand. So wehren wir uns gegen die ultraneoliberale Funktionslogik, die viele große Organisationen im Kampf gegen HIV/Aids prägt. Diese Strukturen funktionieren zunehmend als Dienstleister*innen eines kapitalistischen, neoliberalen Systems. Sie erzwingen Konkurrenz und nutzen die Arbeit sexueller Minderheiten als Ressource, um diese Logiken zu erhalten. Wir positionieren uns klar anti-homonationalistisch. Unsere Identitäten sind nicht verhandelbar. Sie dürfen niemals genutzt werden, um Hass oder Gewalt gegen unsere Geschwister zu legitimieren.

    365 Tage Welt-Aids-Tag, 365 Tage Widerstand: Gegen Gaypitalismus, Hass und Gleichgültigkeit

    Wir leben in einer Zeit, in der viele Rechte, die lange als selbstverständlich galten, wieder infrage gestellt werden. Ultrakonservative Kräfte greifen sie offen an. Unsere kollektiven Projekte müssen deshalb ein Gegenmodell sein: Sie sollen inspirieren, der Gleichgültigkeit widersprechen und der Kommerzialisierung unserer Identitäten („Gaypitalismus“) etwas entgegensetzen. Zugleich stellen sie sich gegen eine Tendenz in unseren eigenen Communities, politische Kämpfe zugunsten individualisierter Vergnügungslogiken zu verdrängen. Diese Logik blendet Menschen aus, die so sind wie wir und unter vielfältigen Formen der Unterdrückung leiden.

    Zum Schluss lade ich alle ein, sich bewusst zu machen: Unser Kampf findet nicht nur am Welt-Aids-Tag am 1. Dezember statt. Wir sind 365 Tage im Jahr aktiv. Wir kämpfen dafür, HIV/Aids-Übertragungen in ultraminoritären Gruppen wie LGBTQIA+-Migrantinnen und migrantischen Sexarbeiterinnen zu verringern. Und wir kämpfen für würdigere Lebensbedingungen insgesamt.

    Die Erfahrungen HIV-positiver Menschen müssen über die gängigen Präventionsparolen hinaus gehört werden, die ihre Realität auf „nicht nachweisbar = nicht übertragbar“ verkürzen. Wir dürfen nicht vergessen, dass HIV/Aids vor allem jene trifft, die am stärksten gefährdet sind und mehreren Ebenen von Unterdrückung ausgesetzt sind.

    Lasst uns mobilisieren, handeln – und gemeinsam am Kampf zum Welt-Aids-Tag teilnehmen!


    [1] Die HIV-Kaskaden Ziele 95-95-95 der UNAIDS sind ein globales Ziel zur Ausrottung der HIV/Aids-Epidemie durch einen verbesserten Zugang zu medizinischer Versorgung. Sie gliedern sich in drei Hauptziele, die jeweils bis 2030 zu 95 % erreicht werden sollen: 95 % der Menschen, die mit HIV leben, wissen das. Davon erhalten 95% lebensrettende Medikamente. Und davon wiederum wirken bei 95% die Medikamente so gut, dass HIV sexuell nicht übertragbar ist.

    [2] https://www.who.int/europe/fr/news/item/22-07-2024-statement—ending-aids-by-2030–we-can-keep-the-promise

  • Aus dem Vollen Schöpfen: Die Löffel-Theorie zur psychischen Gesundheit

    Aus dem Vollen Schöpfen: Die Löffel-Theorie zur psychischen Gesundheit

    Jonathan, ihr habt eine neue Kampagne gestartet: die sogenannte „Löffel-Theorie“.  Erklär mal: was hat es damit auf sich?  

    Wir haben festgestellt, dass in den letzten Jahren insbesondere mehrfach stigmatisierte queere Menschen offener über Themen wie psychisches Wohlbefinden und psychische Erkrankungen sprechen. Speziell queere Männer haben ein starkes Bedürfnis nach Austausch in Bezug auf psychische Gesundheit, besonders in Zeiten wie der Pandemie, in denen viele Beratungsstellen und Anlaufstellen nicht verfügbar waren. Zudem hat die psychische Gesundheit auch einen Effekt auf die sexuelle Gesundheit, weswegen es auch deswegen direkt mit unserem Auftrag verbunden ist.

    Die Idee zur „Löffel-Theorie“ stammt von der US-amerikanischen Aktivistin Christine Miserandino, die 2003 diese Theorie entwickelt hat, um den Umgang mit Energie bei chronischen Krankheiten zu erklären. Dabei stehen „Löffel“ als metaphorische Einheiten für Energie, wobei jeder Mensch eine unterschiedlich begrenzte Anzahl davon hat. Zum Beispiel braucht jemand mit einer chronischen oder psychischen Erkrankung für die reguläre Bewältigung des Alltags mehr Löffel (also Energie) als ein Mensch ohne diese Einschränkungen. Ähnlich verhält es sich mit Menschen, die strukturell diskriminiert werden. Diese Theorie hat sich über die Jahre zu einer „Spoony-Bewegung“ entwickelt, um den Umgang mit Ressourcen besser zu verstehen. Und diese Debatte wollen wir nun in die schwule und queere Communitys reinholen.

    Es klingt ja erstmal etwas theoretisch – wie erklärt ihr diese Theorie den Menschen? 

    Wir haben verschiedene Wege gefunden, um die Theorie anschaulich zu gestalten. Dazu gehören Flyer mit verschiedenen Motiven, die verschiedene Aspekte des queeren Lebens repräsentieren, zum Beispiel Non-Binary Pride, Trans Pride, Gay Pride, oder die Aids-Schleife. Diese Löffel verweisen auf die Webseite, auf der die Theorie erklärt wird. Unser Ziel ist es, dass Menschen sich ihren Alltag besser einteilen können und sich dazu ermutigt fühlen, miteinander über ihre Erfahrungen zu sprechen. Zum Beispiel indem wir den Satz „Hey, heute habe ich nicht so viel Energie; ich glaube, ich habe kaum noch Löffel heute zur Verfügung“ ein Stück weit normalisieren. Oder „heute habe ich nur noch wenige Löffel zur Verfügung und damit muss ich aber noch dies oder jenes bewältigen.“ Wir möchten eine solidarische Gemeinschaft fördern, in der Menschen sich gegenseitig unterstützen können.

    Die Löffel-Theorie mag anfangs abstrakt wirken, aber sie ist für alle Menschen relevant. Queere Menschen tragen oft zusätzliche Belastungen aufgrund von Diskriminierung in der Gesellschaft. Zum Beispiel Minderheitenstress – also eine Form von Stress, dem aufgrund von Diskriminierung und Stigma nur Minderheiten ausgesetzt sind. Es gibt auch Menschen mit psychischen Problemen, wie Depressionen, Panikattacken, oder Angststörungen, die ihren Energiehaushalt beeinträchtigen. Ich war selbst zum Beispiel vier Monate in einer Tagesklinik und hatte in dieser Zeit viel weniger Löffel, weil ich viel Energie dafür aufwenden musste, morgens überhaupt aus dem Bett und in die Klinik zu kommen. Da gibt die Löffel-Theorie einem ein Tool an die Hand, das anderen Menschen zu erklären: „Hey, du hattest gestern vielleicht zehn Löffel zur Verfügung, ich leider aber nur fünf. Deswegen war mein Tag schwerer zu bewältigen und ich habe es nicht mehr geschafft, dich anzurufen.“ Diese Theorie kann helfen, schwierige Themen verständlicher zu machen und Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigenen Grenzen zu erkennen.

    Wie wird die Kampagne umgesetzt und wo wird man auf sie stoßen?

     

     

     

     

     

     

     

     

    Wen wollt ihr ansprechen und welche Ziele verfolgt ihr damit?

    Unsere Kampagne richtet sich nicht nur an Betroffene, sondern auch an Angehörige, Pflegende und die gesamte Gesellschaft. Ich habe mit der Theorie zum Beispiel auch meinen Schwieger- und Großeltern erklären können, wie es ist, mit einer Depression zu leben. Wir möchten das Bewusstsein für psychische Gesundheit stärken und Menschen dazu ermutigen, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

    Unsere Hoffnung ist es, dass während der CDS-Saison viele Menschen die Flyer weitergeben, die Löffel an andere weiterreichen und Gespräche führen. Zudem erhalten wir oft Nachrichten, in denen uns mitgeteilt wird, dass das Thema Mental Health die Leute sehr interessiert. Und wir möchten an diesem Punkt als Kampagne weiterarbeiten. Bei der EMIS-Studie, der größten europäischen Studie zur Gesundheit schwuler und bi+ Männer, sowie trans Menschen, geht es zum Teil auch um Mental Health. Unsere Präventionsarbeit zielt darauf ab, Menschen in den Austausch zu bringen und Tabus zu beseitigen. Wir möchten die Scham abbauen und ermutigen, sich ernsthaft nach dem Befinden anderer zu erkundigen. Zu fragen „Wie geht es dir?“ und auch wirklich an der Antwort interessiert zu sein. Das ist es, was wir uns erhoffen und wünschen. Unser Ziel ist es, eine solidarische Gemeinschaft zu schaffen, die sich gegenseitig unterstützt und Tabus um psychische Gesundheit beseitigt.

    Vielen Dank für das Interview, Jonathan!

  • Wenn Ratsuchende selbst zu Berater*innen werden: Ergebnisse der Studie zur sexuellen Gesundheit in trans und nicht-binären Communitys

    Wenn Ratsuchende selbst zu Berater*innen werden: Ergebnisse der Studie zur sexuellen Gesundheit in trans und nicht-binären Communitys

    Chris, danke, dass du dir Zeit nimmst. Was war der Ausgangspunkt für die Durchführung dieses Forschungsprojekts?

    Ausgangspunkt für das Projekt war, dass zwar einerseits sehr viel Communitywissen vorhanden ist, jedoch für den deutschsprachigen Raum keine belastbaren Daten vorlagen. Vor dem Hintergrund der internationalen Datenlage, bspw. in Nordamerika, lag der Schluss nahe, dass Menschen aus den trans und nicht-binären Communitys ebenfalls zu den vulnerablen Gruppen in Bezug auf HIV und STI gehören. So entstand die Idee, gemeinsam mit dem RKI diese fehlenden wissenschaftlichen Daten zu erheben.

    Welche Ziele sollten mit dem Forschungsprojekt erreicht werden?

    Die Ziele waren vielfältig. Auf Seiten der Deutschen Aidshilfe hatten wir 4 Themenfelder, die uns interessierten.  Das waren:

    1. Wie wird Sexualität und Sprache ge- und erlebt?
    2. Welche Aspekte spielen für ein positives Selbstbild eine Rolle?
    3. Welche Hindernisse gibt es in der Inanspruchnahme von bestehenden Angeboten im Kontext der sexuellen Gesundheit?
    4. Welche Einflussfaktoren auf die sexuelle Gesundheit gibt es?

    Das RKI hatte das Ziel, einerseits Daten zur Verbreitung und den Prävalenzen von HIV und STI in den entsprechenden Communitys zu erlangen und andererseits Faktoren zu identifizieren, die bei der Sexualität und damit bei sexuellen Risiken eine Rolle spielen. Also Bedarfe und Erfahrungen im Kontext von Sexualität, HIV, Prävention, Beratung und der Versorgung zu ermitteln.

    Das heißt, das RKI hat sich eher um den quantitativen Teil gekümmert und die DAH um den qualitativen Teil. Kannst du das etwas näher umreißen? Sprich, wie war das Projekt aufgebaut und welcher Bedeutung kam dabei der partizipativen Forschung zu?

    Der partizipative Forschungsansatz war das beide Teile verbindende Element. Beiden Seiten war von Anfang an wichtig, Community-Vertreter*innen mit einzubeziehen. So gab es einen Projektbeirat, der aus Vertreter*innen der Communitys bestand und das Projekt vom Anfang bis zum Ende begleitet hat. Dem Beirat kam dabei eine kritische Rolle in der Begleitung zu, beispielsweise im Rahmen von Feedbackschleifen. Wichtig war aber auch, dass das Projekt auf Seiten der DAH – trotz einiger Personalwechsel im Laufe des Projekts – durchgängig von Menschen durchgeführt und umgesetzt wurde, die selbst Vertreter*innen aus den entsprechenden Communitys waren und sind.

    Beim RKI wurde auch der Online-Fragebogen partizipativ entwickelt, der am Ende von über 3.000 Menschen ausgefüllt wurde.

    Bei der DAH haben wir dazu noch Interviews in unterschiedlicher Form umgesetzt. Das Einmalige und Neue dabei war, dass wir die Datenerhebung mit Elementen des Empowerments für die Teilnehmenden verbunden haben. So haben wir u.a. bei den Wochenendveranstaltungen zunächst auch erst einmal einen Raum schaffen wollen, der es ermöglichte, dass Menschen über diese sehr intimen Themen der Sexualität und sexuellen Gesundheit ins Gespräch kommen und sich dabei auch verletzlich zeigen. Für uns war wichtig, dass alle davon profitieren und etwas für sich dabei mitnehmen können. Wir wollten nicht nur die Menschen „beforschen“, sondern alle sollten am Ende auch etwas für sich mitnehmen können. Seien es neue Kontakte, neue Perspektiven oder auch neues Wissen. Neben diesen drei Wochenendveranstaltungen gab es dann noch Tagesveranstaltungen, zwei komplett anonyme Onlineveranstaltungen und vier Einzelinterviews. Bei den Einzelinterviews war es uns wichtig, die Perspektiven noch abzubilden, die in den anderen Erhebungen zu kurz kamen. Insgesamt hatten wir 59 Teilnehmer*innen im qualitativen Teil.

    Nach einem Tweet des RKI gab es einen großen Shitstorm und TERFs, sowie andere Gegner*innen, wurden dazu aufgerufen, die Befragung zu sabotieren. Von den 10.000 ausgefüllten Fragebögen, konnten zum Schluss nur 3.000 für die Auswertung berücksichtigt werden.

    Das klingt wirklich nach einem sehr spannenden und lohnenswerten Ansatz. Welchen Herausforderungen seid ihr im Projekt begegnet?

    Eine der größten Herausforderungen beim Fragebogen war, dass dieser einer sehr intensiven Datenbereinigung unterzogen werden musste. Der Grund dafür war, dass es nach einem Tweet des RKI einen großen Shitstorm dazu gab und TERFs sowie andere Gegner*innen dazu aufgerufen wurden, die Befragung zu sabotieren. Von den 10.000 ausgefüllten Fragebögen, konnten zum Schluss nur die zuvor genannten 3.000 für die Auswertung berücksichtigt werden. Das zeigt auch nochmal, wie viel Ablehnung es gibt und wie stark die Gegenseite im Netz aktiv ist. Dennoch und das ist das wichtigste: So viele Menschen haben diesen mehr als 100 Fragen umfassenden Fragebogen ehrlich ausgefüllt, da ihnen das Thema wichtig war.

    Eine weitere Herausforderung war, dass es uns im qualitativen Teil leider nicht gelungen ist, alle Menschen aus den unterschiedlichen trans und nicht-binären Communitys zu erreichen. So gab es beispielsweise insgesamt nur wenige trans weibliche oder auch HIV-positive Teilnehmer*innen.

    Vielleicht hätten wir nochmal explizit ein Wochenende nur für trans weibliche Personen anbieten sollen. Das sind aber sehr wichtige Erkenntnisse, die wir in Folgeprojekten gern versuchen wollen stärker zu berücksichtigen. Denn wenn die Studie eines gezeigt hat, und das ist eigentlich keine Überraschung, dann doch, wie divers die trans und nicht-binären Communitys insgesamt sind.

    Damit sind wir auch schon bei den Ergebnissen. Welches sind die zentralen Ergebnisse und Erkenntnisse der Studie?

    Da würde ich auch einmal wieder nach RKI und DAH unterscheiden. Ein übergreifendes zentrales Ergebnis war die schon eben angesprochene Vielfältigkeit der Communitys in Bezug auf geschlechtliche Identitäten, aber auch auf sexuelle Orientierungen und auf die Körper und der gelebten Sexualität. Auch ein erweitertes Safer-Sex-Verständnis der Teilnehmer*innen , das weit über das Verständnis von Safer Sex als Schutz vor HIV/STI hinweg geht und bspw. auch psychosoziale Aspekte wie Konsens und Kommunikation beinhaltet, ist eines der zentralen Ergebnisse. Gerade der Aspekt von Konsens und Kommunikation zog sich durch alle Veranstaltungen. Dass es wichtig ist, gefragt zu werden, wie Körperteile benannt werden, aber auch selbst zu fragen. Dabei wurde deutlich, dass es mehr braucht als nur die reine HIV/STI-Prävention, um sich safe zu fühlen, die eigene Sexualität mit anderen zu leben.

    Auf der anderen Seite gab es einen auch nicht so überraschenden Befund, der die inadäquate Versorgungslage von trans und nicht-binären Menschen im Bereich der sexuellen Gesundheit und Beratungs- und Testlandschaft deutlich machte. Bundesweit wurden in den Interviews  immer wieder drei Projekte genannt, die als gut bewertet wurden. Im qualitativen Teil wurden insbesondere solche Projekte gut bewertet, die einen Peer-to-Peer-Ansatz haben. Projekte ohne einen solchen wurden tendenziell schlechter bewertet. Dies ist zugleich aber auch ein Punkt, in dem sich die Ergebnisse des RKI und der DAH unterscheiden, da das RKI auch nochmal explizit danach gefragt hat. So waren laut der Befragung des RKI auch 62,4% der Menschen mit der Beratung zufrieden, auch wenn sie keinen Peer-to-Peer-Ansatz hatte.

    Und als letztes zentrales Ergebnis wurde deutlich, wie wichtig Präventionswissen auch für das eigene Empowerment ist und welcher Bedeutung dabei der Wissensaustausch in den Communitys und zwischen Peers zu kommt. Das sind Faktoren, die dazu führen, sich um sich, den eigenen Körper und um die eigene sexuelle Gesundheit zu kümmern und darüber auch einen höheren Selbstwert zu generieren.
    Beim RKI lässt sich nochmal als zentrales Ergebnis nennen, dass die HIV/STI-Vulnerabilitäten mit ähnlichen Mustern, wie sie in der Forschungsliteratur beschrieben werden, auftreten. Gleichzeitig konnte das RKI aufzeigen, welche Barrieren es bei der Inanspruchnahme von Beratungs- und Testangeboten im Gesundheitsbereich gibt. So sind Scham, bereits gemachte oder befürchtete Diskriminierungserfahrungen im Beratungssetting Faktoren, die dazu führen, dass die Diskriminierung quasi antizipiert wird und sich Menschen zweimal überlegen, ob sie dieses Angebot für sich in Anspruch nehmen, weil sie erwarten, dass sie ähnliche Erfahrungen wieder machen.

    Menschen kommen als Ratsuchende in die Beratung und müssen am Ende die beratende Person über die eigene Lebensrealität aufklären.

    Du hast jetzt schon einige Hürden genannt, denen sich trans und nicht-binäre Menschen hinsichtlich ihrer sexuellen Gesundheit und dem Schutz vor HIV/STIs ausgesetzt sehen. Möchtest du noch welche ergänzen und was lässt sich gegen diese tun?

    Insbesondere der Mangel an adäquaten Angeboten, die sich explizit an trans und nicht-binäre Menschen richten ist eine der größten Hürden. Aber auch das fehlende Wissen an den unterschiedlichen Stellen. Einerseits die sehr unterschiedlichen Wissensstände in den trans und nicht-binären Communitys, aber auch der fehlende Zugang zu bzw. das Fehlen entsprechender Ressourcen. Andererseits ebenso das fehlende Wissen auf Seiten der Berater*innen. Da haben viele Teilnehmer*innen berichtet, dass es oft zu einer Rollenumkehr kommt. Sprich Menschen kommen als Ratsuchende in die Beratung und müssen am Ende die beratende Person über die eigene Lebensrealität aufklären. Dieses Ungleichgewicht sollte es nicht geben und muss daher auch dringend adressiert und mittels flächendeckender Schulungen (anhand eines Ausbildungscurricula) von Beratungsstellen abgebaut werden, indem Wissen aufgebaut wird. Da spielen dann auch die zuvor genannten Erfahrungen, wie übergriffige Fragen, Deadnaming beim Aufrufen oder die Verwendung von falschen Pronomen eine besondere Rolle. Dieses nicht oder nur kaum vorhandene Wissen in den Beratungsstellen war eine der zentralen Hürden laut der Befragung.

    Welche weiteren Aspekte spielen für die sexuelle Gesundheit und den Schutz vor HIV/STIs für trans und nicht-binäre Menschen eine besondere Rolle?

    Ein besonders wichtiger Aspekt ist, dass sich Menschen von der Beratung angesprochen und sich darin ernstgenommen fühlen, um das zu bekommen, was sie brauchen und ihnen weiterhilft.
    Das kann dann neues Wissen sein oder auch körperliche Selbsterfahrungen durch Körperaneignung. Der Austausch mit anderen Menschen aus der Community kann helfen Ängste abzubauen und sich sicherer zu fühlen. Auch das gemeinsame Sich-Testen-Lassen mit Freund*innen kann helfen, Angst abzubauen und sich gegenseitig um die sexuelle Gesundheit zu kümmern. Das kann durchaus ein kleines Happening sein, also vorher vielleicht zusammen in ein Café gehen und sich im Anschluss dann testen lassen. Community kann da eine wichtige Rolle spielen.

    Nicht erschrecken, jetzt kommt ein kleiner Fragenblock, aber die gehören alle zusammen: Wie hoch sind die Prävalenzen in Bezug auf HIV/STI und inwiefern unterscheiden sich diese im Vergleich zu anderen Gruppen? Welche spezifischen Faktoren führen dazu, dass Personen aus trans und nicht-binären Communitys eine erhöhte Vulnerabilität für HIV und andere STIs haben? Und welche Rolle hat das für zukünftige HIV/STI-Prävention?

    Die HIV-Prävalenz in den trans und nicht-binären Communitys liegt bei 0,7% und damit deutlich höher als in der Gesamtgesellschaft, in der sie 0,1% beträgt. Im Vergleich zur Prävalenz von HIV bei MSM liegt sie deutlich niedriger. Diese beträgt nach der letzten EMIS Studie aus 2017 11%. Aktuell läuft eine neue EMIS-Studie, die diese Zahl nochmal aktualisieren wird. Anhand dieser beiden Vergleichsgruppen zeigt sich jedoch schon sehr klar, dass eine sieben Mal so hohe Prävalenz nicht unbedeutend ist. Dennoch ist auch eine differenzierte Betrachtung innerhalb der trans und nicht-binären Communitys wichtig, da diese unterschiedliche Prävalenzen aufweisen.

    Diese verinnerlichte Trans-Negativität wird besonders an einem Zitat aus unserer Studie deutlich, das ich an dieser Stelle zitieren möchte: „Ich mute meinem Gegenüber schon meinen trans Körper zu. Da hab ich das Gefühl, nicht noch darauf zu bestehen, dass wir ein Kondom benutzen.“

    Ein wichtiger Faktor für die erhöhte Vulnerabilität sind die gesellschaftlichen Stigmatisierungen von trans und nicht-binären Menschen sowie deren Internalisierung. Diese verinnerlichte Trans-Negativität wird besonders an einem Zitat aus unserer Studie deutlich, das ich an dieser Stelle zitieren möchte: „Ich mute meinem Gegenüber schon meinen trans Körper zu. Da hab ich das Gefühl, nicht noch darauf zu bestehen, dass wir ein Kondom benutzen.“ Das ist doch krass und unglaublich schwer zu hören. Es zeigt aber auch, welche Konsequenzen das Selbstbild und der Selbstwert auf die gelebte Sexualität hat.

    Gleichzeitig war auch Scham ein wichtiger Faktor, ebenso haben wir auch das fehlende Wissen in Bezug zu Safer Sex, Barrieremethoden, STIs usw. als Belastungsfaktoren herausgearbeitet An diesem Schnittpunkt kommen dann Körperdysphorie und Transitionsprozesse, wie z.B. geschlechtsangleichende OPs als weitere Faktoren dazu, die sich auch wieder auf das eigene Schutzverhalten auswirken können. Schließlich spielen noch die Angebote im Bereich Beratung und Testung eine wichtige Rolle. Da berichteten Menschen von negativen Erfahrungen, die sie selbst bei Angeboten gemacht haben, die sich als trans-inklusiv labelten, aber wo dann grundlegenden Dinge, wie der Unterschied zwischen trans Mann und trans Frau nicht bekannt war.

    Diese Erfahrungen schreiben sich fort und das wäre auch der Punkt, wo in der zukünftigen Präventionsarbeit angesetzt werden müsste. Also die Schaffung von bedarfsgerechten Angeboten und Peer-to-Peer-Angeboten. Es braucht mehr Wissen, mehr Sensibilisierung und eine stärkere Berücksichtigung von trans und nicht-binären Menschen in ihren Lebenswelten und Lebensrealitäten. Das sollte unbedingt für die zukünftige Präventionsarbeit mitgenommen werden.

    Welche Schutzstrategien kommen für trans und nicht-binäre Menschen in Bezug auf HIV und STI in Frage? Sind diese bereits bekannt oder mangelt es auch an bestimmten Stellen an Wissen, so dass manche vielleicht auch nicht in Betracht gezogen werden?

    Da ist grundlegend zu sagen, dass die Communitys in sich sehr divers sind und so sind es auch die Schutzstrategien innerhalb dieser, auch wieder in Bezug auf sehr unterschiedliche Wissensstände. Einige Menschen sind gut informiert, andere eher schlecht. Beispielsweise war das Kondom als Schutzstrategie allen bekannt, aber bei vielen auch die einzige Schutzstrategie, die sie kannten. Beim Wissen zu weiteren Schutzstrategien kommt es darauf an, in welchen Subcommunitys sich die Einzelnen bewegen. So sind trans und nicht-binäre Menschen, die sich eher in schwulen Communitys bewegen, auch diejenigen, die zumindest schon mal von der PrEP und der PEP gehört haben. Das bedeutet nicht, dass sie diese auch schon selbst genommen haben, aber sie durchaus kannten.
    Ansonsten wurden noch Lecktücher genannt, aber auch Praktiken wie Pinkeln nach dem Sex oder auch Handhygiene. So unterschiedlich waren die Wissensstände und das Verständnis von Schutzstrategien.

    Wie verhält es sich um die Nutzung von HIV/STI-Beratungsangeboten? Welchen Erfahrungen machen trans und nicht-binäre Menschen in diesen Settings? Was läuft bereits gut, was müsste sich verbessern? Gibt es Best Practice Beispiele für gelungene Beratungsangebote oder -ansätze?

    Die Teilnehmenden haben berichtet, dass sie auch in den HIV/STI-Beratungsangeboten immer wieder diskriminierende Situationen erleben, sei es bei lokalen Aidshilfen oder auch anderen Angeboten.

    Peer-to-Peer-Angebote wurden in der Regel positiv bewertet. Allen Best Practice Beispielen ist gemeinsam ist, dass sie vor allem in Großstädten zu finden sind. Viele Menschen nehmen teilweise sehr weite Weg in Kauf, um diese Angebote zu nutzen, was das Problem nach der flächendeckenden Versorgung und Angeboten deutlich macht. Sogenannte Testing Days speziell für trans und nicht-binäre Menschen, und teilweise auch inter Menschen, kommen ebenfalls gut an.

    Vor allem der Ausbau von Peer-to-Peer-Angeboten wurde empfohlen und auch, dass sich die Angebote, die keinen Peer-to-Peer-Ansatz haben, weiterbilden sollten, um sich zu sensibilisieren und eine wertschätzende und nicht-übergriffige Art und Weise an den Tag legen. Das heißt, die Beratung sollte respektvoll ablaufen, insbesondere mit Blick auf die Geschlechtsidentität, dem Namen und auch Pronomen und dies beispielsweise mit Fragebögen zu erheben, damit der*die Ärzt*in weiß, wie die Person aufgerufen werden möchte. So passiert es leider noch viel zu häufig, dass die Menschen mit ihrem Deadname, also dem alten abgelegten Namen, aufgerufen werden oder dass sie mit dem falschen Gender angesprochen werden. Das sind alles Probleme, die oft schon vor der eigentlichen Beratung passieren und dann natürlich auch viel damit machen, wie ich in die Beratung gehe. Das bedeutet, dass das gesamte Praxisteam für diese Aspekte sensibilisiert werden muss.

    Was sind die wichtigsten Empfehlungen für die Beratung zur sexuellen Gesundheit und HIV/STI, die sich aus der Studie ergeben haben?

    Da sind es einerseits auf trans und nicht-binäre Menschen zugeschnittene Informationen, die auch den Berater*innen bekannt sein sollten oder für eine entsprechende Fortbildung dazu genutzt werden können. Damit verbunden auch eine wertschätzende Haltung, eine respektvolle und anerkennende Sprache und die Beratungsstellen sollten die Vielfalt der trans und nicht-binären Communitys anerkennen und an diesen ausgerichtet sein. Gerade mit dem Blick auf Vielfalt braucht es intersektionale Ansätze, damit möglichst viele Menschen erreicht werden.

    Es ist zukünftig zu überlegen, was es dann konkret heißt, intersektional zu arbeiten und die bestehenden Angebote auch dahingehend zu überprüfen. Wenn ich z.B.  nur weiße trans und nicht-binäre Menschen erreiche, dann ist es kein intersektionaler Ansatz. Dann muss ich prüfen, was ich machen kann, damit ich andere Menschen auch ansprechen kann.

    Was bedeuten die Ergebnisse für bestehende Communityprojekte im Bereich der sexuellen Gesundheit und HIV/STI-Prävention?

    Im Blick behalten sollten wir, dass Community nicht gleich Community ist, sondern dass diese sehr divers untereinander sind und wir hier eher von Communitys sprechen müssen. Nicht alle Projekte, die sich quasi queer auf die Fahne schreiben, haben sich auch explizit mit trans und nicht-binären Lebenswelten auseinandergesetzt oder sind nicht automatisch kompetent in trans Themen. Es ist zukünftig zu überlegen, was es dann konkret heißt, intersektional zu arbeiten und die bestehenden Angebote auch dahingehend zu überprüfen. Da ist es wichtig, eine Schärfung reinzubringen und sich klar zu machen, wen will ich erreichen und wen erreiche ich bisher (nicht). Wenn ich z.B.  nur weiße trans und nicht-binäre Menschen erreiche, dann ist es kein intersektionaler Ansatz. Dann muss ich prüfen, was ich machen kann, damit ich andere Menschen auch ansprechen kann. Zukünftige oder bestehende Community Projekte sollten sich auch selbst hinterfragen können, reflektieren und für sich klären, wen sie konkret erreichen wollen und dies einmal mit dem Status quo abgleichen, um dann auch nachzusteuern und zu gucken, was sich verändern muss, um mehr Menschen zu erreichen oder die Menschen erreichen, die sie erreichen wollen.

    Haben sich nach der Durchführung der Studie schon konkret Dinge verändert oder sich daraus entwickelt? Wenn ja, welche und wie geht es nun mit den Ergebnissen weiter?

    Bei der DAH haben wir ein Anschlussprojekt (SeBiCo) konzipiert, welches von der Techniker Krankenkasse gefördert wird.  Da haben wir uns mit Blick auf die Empfehlung zum Ziel gesetzt, dass wir einerseits Wissen in die Communitys tragen und andererseits die Peer-to Peer-Arbeit voranbringen wollen. In einem ersten Schritt sollen zwölf Multiplikator*innen ausgebildet werden, die selbst aus den trans und nicht-binären Communitys kommen. Diese wollen wir zu Trainer*innen ausbilden, die dann wiederum Peer-to Peer-Workshops leiten. Das heißt, wir erarbeiten letztendlich zwei verschiedene Curricula, ein Curriculum für die Trainer*innen-Fortbildung und dann ein Curriculum für die Peer-to-Peer Workshops. Die Idee ist, dass die Menschen, die wir ausbilden, im Nachgang in den Städten, in denen sie leben, angebunden an die örtlichen Aidshilfen oder anderer Träger, diese Workshop selbst in ihren jeweiligen Städten umsetzen können. Das fördert den Austausch mit der Community, aber auch unter den Multiplikator*innen. Die zwölf Multiplikator*innen auszuwählen war nicht leicht, da das Interesse an der Fortbildungsreihe sehr groß war. Wir freuen uns sehr diese Menschen persönlich kennenzulernen.

    Wir erarbeiten letztendlich zwei verschiedene Curricula, ein Curriculum für die Trainer*innen-Fortbildung und dann ein Curriculum für die Peer-to-Peer Workshops. Die Idee ist, dass die Menschen, die wir ausbilden, im Nachgang in den Städten, in denen sie leben, angebunden an die örtlichen Aidshilfen oder anderer Träger, diese Workshop selbst in ihren jeweiligen Städten umsetzen können.

    Gibt es noch etwas, was dir wichtig ist zu sagen und auf keinen Fall in unserem Interview fehlen soll?

    Für mich ist es schön zu sehen, was nun nach dem Forschungsbericht und der Broschüre passiert.

    Mit dem Anschlussprojekt haben wir nun ein neues Übungsfeld, uns nochmal neu aufzustellen, Dinge anders anzugehen. Die neue Multiplikator*innen-Fortbildung ist eine Art live Entwicklung, bei der wir sehr flexibel sein müssen, wenn wir merken, dass etwas vielleicht nicht so passt und dann zu überlegen, wie können wir es anders machen. Da freue ich mich nun wirklich schon sehr drauf, direkt von Anfang dabei zu sein.

    Vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke in die Studienergebnisse sowie den Ausblick auf das nun anstehende Folgeprojekt, für das ich euch viel Erfolg wünsche.


    Mehr Informationen zum Forschungsprojekt findest du hier. Die Broschüre kannst du kostenlos im Shop der Deutschen Aidshilfe bestellen oder hier runterladen. Der ausführlichere Forschungsbericht ist auf der Seite des RKI zu finden. Und hier kommst du zum Nachfolgeprojekt „Sexuelle Bildung in trans und nicht-binären Commnitys“ (SeBiCo).

  • #MyMentalMe: Wie gesund ist die bisexuelle Männer-Seele?

    #MyMentalMe: Wie gesund ist die bisexuelle Männer-Seele?

    Bi+ Männer – Sichtbarkeit und Gesundheit

     

    • Sei ein richtiger Mann …
    • Ja, früher hatte ich auch gesagt, dass ich bisexuell bin, du wirst dich schon noch als schwul outen …
    • Ist okay, dass du bi bist, aber für mich ist das nichts …
    • Entscheid dich doch mal – schwul oder hetero …
    • Musst du immer mit diesem Thema kommen …
    • ICH bin aber nicht bisexuell …Man weiß ja gar nicht, mit wem du jetzt zusammen bist!!!

    Vorurteile und dumme Sprüche gibt es genügend, wenn man sich als bisexueller oder pansexueller Mann outet. Nur wenige kennen sich mit dem Thema wirklich aus, doch alle meinen, einen Kommentar abgeben zu müssen und einen abwerten zu dürfen.

    Der März ist Bisexual Health Month, und auch die Bi+Pride, die seit 2021 für bi+sexuelle Sichtbarkeit kämpft, zeigt nicht nur im September mit Demo, Workshops und Bi-Flaggen-Hissungen Einsatz. In Hamburg und Schleswig-Holstein machen zudem mehrere Großflächenplakate deutlich: „Diskriminierung macht krank.“[1]

    Bi+ ist nicht gleich Bi+

    Aber haben es bi+ Männer nicht viel einfacher? Sie können sich doch in einer „Hetero-Beziehung“ verstecken und heimlich ihre „homosexuelle Lust“ ausleben?

    Zunächst einmal ist bi+ nicht gleich bi+. Da gibt es zum Beispiel monogame pansexuelle Männer, die vielleicht in einer festen Beziehung mit einem Mann sind, sich aber auch in eine Frau oder nicht-binäre Person verlieben können. Dann sind da aber auch noch bisexuelle Männer, die in einer offenen Beziehung mit einer Frau leben und nebenbei Männer daten. Oder Männer, die sich queer nennen oder gar keine Bezeichnung nutzen und die sowohl in der Swinger-Szene als auch in der Männer-Cruising-Szene unterwegs sind. Manche sind geoutet, andere sehen keinen Grund, es jeder Person auf die Nase zu binden, und wiederum andere outen sich auf gar keinen Fall, denn dann würde die Ehefrau einen ja sofort verlassen.

    Fakt ist, dass bisexuelle (bi+) Männer gleich von mehreren Seiten diskriminiert werden:

    Die heteronormative Gesellschaft lehnt bi+ Männer ab, weil sie angeblich verkappte Schwule seien und irgendwie ja noch schwerer zu durchschauen sind: Auf welches Geschlecht stehen die denn nun? Können die sich nicht entscheiden?

    Und in der queeren Community wird man als bi+ Mann teilweise auch belächelt und nicht ernstgenommen. Ein schwuler Mann sagte mir mal, er würde auf mich stehen, aber könnte sich ja nie sicher sein, wenn da eine attraktive Frau auftauchen würde.

    Die Unsichtbarkeit von bisexuellen Männern

    In der Studie „Bi+(Un)Sichtbarkeit in Deutschland“ (2023)[2] kam heraus dass ein Drittel der Befragten sich mehr bi+ Sichtbarkeit in der queeren Community wünscht. Generell fühlen sich fast alle (94%) nie bis [nur] manchmal generell sichtbar.

    Egal welche Studie man sich zum Thema anguckt, immer wieder taucht das Stichwort „Sichtbarkeit“ auf. Die eigene Identität wird von anderen in Frage gestellt.

    Medien reden von der „Homo-Ehe“, obwohl es genauso bi+ Menschen betreffen kann. Freddy Mercury wird als schwule Ikone gefeiert, in „Bohemian Rhapsody“ wird seine sexuelle Orientierung zwar klar aufgezeigt, aber dennoch aberkannt. Und „Brokeback Mountain“ handle angeblich von schwulen Cowboys, dabei sind es bisexuelle Schäfer. Und selbst wenn mal kein aktives „bisexual erasure“ betrieben wird, also Bisexualität unsichtbar gemacht wird, bleibt die Frage, ob man gesehen wird. Denn bei zwei knutschenden Männern auf der Straße denken doch die allermeisten nur daran, dass die wohl schwul sind. Und bei Mann und Frau denkt niemand über die sexuelle Orientierung nach, aber auf Nachfrage „natürlich normal … äh … hetero“. Man müsste schon zu dritt Händchen haltend rumlaufen, und dann wird ebenso das Wort bisexuell vermieden. Man sei dann Swinger, polyamor oder einfach schrill.

    Diese Unsichtbarkeit macht aber etwas mit den Menschen: Laut Human Rights Campaign Foundation (HRC)[3] haben Bisexuelle auf Grund von Vorurteilen und „Minderheitenstress“ ein erhöhtes Risiko für mentale Gesundheitsprobleme. Hier werden Stereotype genannt wie „Bisexualität existiere gar nicht“, „Bisexuelle seien promiskuitiv“, „Bisexuelle seien verwirrt“. Auch hier wird von doppelter Diskriminierung geredet – von heterosexueller und queerer Seite.

    Dabei schreibt Julia Shaw in ihrem Buch „Bi: Vielfältige Liebe entdecken“ (2022)[4] dass die meisten Menschen bisexuell seien, es aber nicht lebten.

    Erfahrungen und persönliche Geschichten von bisexuellen Männer

    Ich bin als bi+ Aktivist mittlerweile sicher nicht mehr leise und ängstlich, aber früher hatte ich schon damit zu kämpfen, keine anderen Bisexuellen zu kennen, von Frauen nicht als potenzieller Partner anerkannt und in der Community nicht ernst genommen zu werden. Vor meinem Coming-out wurde hinter meinem Rücken getuschelt, ob ich schwul sei, jemand hatte sogar versucht, mich zu erpressen. Und nach meinem Coming-out meinte eine Person im Arbeitsumfeld das Recht zu haben, wissen zu dürfen, mit wem ich gerade eine Beziehung habe und mit wem ich Sex hätte.

    Auch ich habe mich selbst immer wieder hinterfragt: Bist du wirklich bisexuell? Möchtest du mit einer Frau oder einem Mann zusammenleben? Haben die anderen vielleicht Recht, wenn sie sagen, ich müsste mich entscheiden? Zum Glück fand ich zur Erkenntnis, dass ich zu 100% bisexuell bin und dass das auch gut so ist.

    Einen bisexuellen Mitstreiter für bisexuelle Sichtbarkeit plagen z. B. auch nach langem Aktivismus noch Ängste und Unsicherheit. Er ist sehr deutlich geoutet und postet jeden Tag etwas zum Thema Bisexualität. Und doch hat er manchmal Bedenken, ob er wirklich angenommen wird, traut sich nicht und zweifelt.

    Ein anderer Bi-Mann würde seiner Frau gerne erzählen, dass er auch auf Männer steht, dann würde sie ihn (seiner Meinung nach) aber sofort verlassen. Er kämpft zwischen Unterdrückung seiner sexuellen Bedürfnisse und heimlichem Betrug.

    Ein dritter Mann lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung und verheimlicht seine sexuelle Identität, weil er dann so viel erklären muss, nennt sich dann der Einfachheit halber doch schwul, ist damit aber nicht recht zufrieden.

    Ein bisexueller Schüler berichtet von Mobbing und dass er immer das Gefühl hat, nicht dazuzugehören. Generell zeigt sich die Erfahrung, dass sich immer mehr bisexuelle und lesbische Mädchen, trans* und nicht-binäre Jugendliche in der Schule outen und in Queer-AGs aktiv sind. Schwule und bisexuelle Jungs sind aber deutlich seltener sichtbar, vermutlich wegen Ängsten, dann diskriminiert zu werden. Unbedingt notwendig ist, dass die weitere Finanzierung von guten Aufklärungsprojekten gesichert ist.

    Rosa Linde Leipzig e. V. berichtet Anfang 2024 z. B. dass die queere Bildungsarbeit nicht mehr gefördert werden soll. [5]

    Wie es mit dem Bundes-Aktionsplan „Queer leben“ weitergeht, bleibt unklar – der LSVD kritisiert in einem Offenen Brief, dass bisher bei zentralen Punkten nicht geliefert wird. Eine Finanzierung von „Schule der Vielfalt“ wäre auch für bi+ Schüler absolut notwendig.[6]

    Die HRC veröffentlichte 2019 eine Studie zu bisexuellen Jugendlichen: 96% hätten Schwierigkeiten, nachts einzuschlafen, 83% der bi+ Jugendlichen of Color haben Rassismus-Erfahrungen, mehr als 75% fühlten sich hoffnungslos und wertlos, nur 19% sind bei ihren Eltern geoutet (bei homosexuellen Gleichaltrigen sind es immerhin 29%), nur 13% bekämen für ihre sexuelle Orientierung wichtige Informationen wie z. B. zu Safer Sex (inkl. PrEP), viele bedauern, dass Erwachsene denken, es wäre nur eine Phase. In anderen Studien wurden auch höhere Raten von Selbstmordgedanken und Drogenmissbrauch aufgezeigt.[7]

    Eine Studie von 2020 in der EU erkennt nur einen leicht schlechteren Gesundheitszustand bei bisexuellen Männern im Vergleich zu schwulen Männern, grundsätzlich ist er aber deutlich schlechter als bei heterosexuellen Männern.[8]

    Dass es in der schwulen Community auch noch etwas zu tun gibt, konnte ich an den Kommentaren unter Philip Eickners Interview mit mir von 2021 sehen: Hier tauchten viele bifeindliche Reaktionen auf. Aber natürlich gibt es auch positive Beispiele – schwule Männer, die bisexuelle Kampagnen unterstützen und richtige Allies (Verbündete) sind – ich denke da z. B. an schöne Kooperationen mit IWWIT und dem LSVD (regional wie auf Bundesebene). Es ist so wichtig und wertvoll, dass wir in der queeren Community zusammen kämpfen und nicht gegeneinander.[[9]

    Ich würde mir wünschen,

    • dass Bisexualität mehr als legitime Option anerkannt wird,
    • dass bi+ Menschen positiv aufgenommen werden,
    • Medien mehr und besser über Bisexualität berichten,
    • queere Organisationen das B wirklich mitdenken,
    • man als bi+ Mann nicht pauschal als Partner ausgeschlossen wird,
    • es auch im Gesundheitssektor mehr Aufklärung und Studien gibt.

    Schließlich ist es langsam mal Zeit, dass im Deutschen Bundestag ein bisexueller Mann ein Coming-out hat. Geoutete bisexuelle Frauen gibt es mittlerweile tatsächlich bereits drei (alle von den Grünen), trans* Frauen auch zwei (auch von den Grünen), ein trans* Mann war früher mal im Bundestag, und schwule und lesbische Abgeordnete gibt es viele. Aber bisexuelle Männer null.[10]

    Was können bisexuelle (bi+) Männer für ihre Gesundheit tun?

    Natürlich muss jede Person selbst wissen, ob sie sich outet. Ich kann es nur empfehlen, weil es wichtig und gesund ist, zu sich zu stehen und die eigene Identität nicht zu verleugnen. Wenn man echte Freund*innen hat, Rückendeckung und sich halbwegs sicher fühlt – go ahead. Such dir Unterstützung und trau dich!

    Wenn es aber dennoch Probleme gibt – Hilfe, Beratung und Therapie findet man z. B. über den VLSP, dem Verband für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queere Menschen in der Psychologie oder über Queermed Deutschland (die Person dahinter hat schon mehrere Preise für ihre wertvolle Arbeit erhalten).[11][12]

    Vernetze dich mit anderen Männern, zum Beispiel bei Treffen von BiNe – Bisexuelles Netzwerk e. V. oder bei regionalen Stammtischen. Auch die nächste Bi+Pride in Hamburg ist eine tolle Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen und Sichtbarkeit zu zeigen.

    Lass dir von niemandem einreden, dass etwas an dir nicht in Ordnung sei oder du dich entscheiden musst. Du hast dich längst entschieden: Du bist bisexuell, pansexuell, bi+, offen für mehrere Geschlechter, polysexuell, omnisexuell, biromantisch, queer – oder wie auch immer du dich bezeichnest. Und genau das ist richtig und wertvoll.

    Das kann sich auch mal ändern – manche Bi+ werden irgendwann doch schwul oder hetero, und manche Schwule oder Heterosexuelle werden auch im hohen Alter noch bisexuell oder waren es eigentlich schon immer. Aber das entscheidet man immer noch selbst und keine Konversionstherapie und kein gutgemeinter Ratschlag eines Freundes oder einer Freundin, der oder die dich angeblich besser kennt.

    Sei selbstbewusst, erkenne die tollen Seiten der Bisexualität, kläre dich bei wechselnden Partner*innen über die verschiedenen Möglichkeiten von Safer Sex auf und zeig Flagge für diejenigen, die sich noch nicht trauen.[13][14][15]

    Auf meiner To-Do-List steht auch auf jeden Fall, das Buch „Bisexual Men Exist“ von Vaneet Mehta zu lesen – sicherlich ein empowerndes Werk für alle, die sich so identifizieren.[16]


    Fußnoten

    1. [1] https://bipride.de/bisexual-health-month/ ↩︎
    2. [2] https://www.instagram.com/bivisible_germany/ ↩︎
    3. [3] HRC Bi Health Brief ↩︎
    4. [4] Julia Shaw Interview ↩︎
    5. [5] Rosa Linde Leipzig ↩︎
    6. [6] LSVD Offener Brief ↩︎
    7. [7] HRC Bi Youth Report ↩︎
    8. [8] LSVD Gesundheit LSBTIQ* ↩︎
    9. [9] IWWIT Interview ↩︎
    10. [10] queer.de Bundestag ↩︎
    11. [11] VLSP Beratung ↩︎
    12. [12] Queermed Deutschland ↩︎
    13. [13] BiNe Treffen ↩︎
    14. [14] BiNe Gruppenliste ↩︎
    15. [15] Bi+Pride Hamburg ↩︎
    16. [16] Vaneet Mehta Buch ↩︎
  • #MyMentalMe: Wenn die Seele leidet

    #MyMentalMe: Wenn die Seele leidet

    Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um psychische Erkrankungen, Depressionen, Angstzustände, Substanzkonsum, Essstörungen und Suizid. Wenn das etwas ist, was dich belasten könnte, dann verzichte auf diesen Artikel oder lese ihn mit Vorsicht.

    Die Anzeichen reichen von Schlafstörungen, Angstgefühlen und Stimmungsschwankungen bis hin zu unkontrolliertem Alkohol- und Drogenkonsum. Nicht immer muss eine psychische Erkrankung dahinterstecken. Solche negativen Gefühle und mentale Ausnahmesituationen können lediglich vorübergehend, allerdings auch Vorboten einer größeren Krise sein. Nicht zuletzt infolge von Corona hat die Zahl der Menschen, um deren psychische Gesundheit es nicht gut bestellt ist, zugenommen. Dennoch wird viel zu wenig darüber gesprochen, auch innerhalb der queeren Szene. Dabei sind gerade queere Menschen im besonderen Maße betroffen. So sind beispielsweise Einsamkeit sowie Angst- und Schlafstörungen bei LGBTIQ überproportional verbreitet, wie eine 2021 veröffentlichte Studie der Universität Bielefeld zeigt. Demnach erkranken queere Menschen im Laufe ihres Lebens zweieinhalbmal so häufig an Depressionen wie heterosexuelle.

    Darüber hinaus leiden insbesondere junge schwule Männer verstärkt an Essstörungen, weiß der Berliner Psychologe Marcus Behrens.

    In der eigenen negativen Gefühls- und Gedankenwelt verfangen

    Er erlebt bei den Beratungen in seiner eigenen Praxis bzw. im Checkpoint Mann-O-Meter schwule Männer, die von Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen geplagt sind, die unter einer anhaltenden gedrückten Stimmung leiden, in endlosen Grübeleien verfangen sind oder sogar an Suizid denken. „Bisweilen ist diese negative Gefühls- und Gedankenwelt schon so sehr Teil der eigenen Persönlichkeit geworden, dass sie nicht mehr oder zu spät als Problematik erkannt wird“, sagt Behrens.

    Ganz ähnlich erlebt es sein Kollege Martin Heinze von der queeren Beratungsstelle Rubicon in Köln. Seit mittlerweile drei Jahrzehnten bietet der Diplom-Pädagoge ein offenes Ohr, Rat und Hilfe. Die Probleme, weswegen die Menschen zu ihm kommen, seien über diese lange Zeit im Prinzip gleichgeblieben.

    Denn LGBTIQ sind besonderem Stress ausgesetzt. Auch wenn sich die Lebensbedingungen hierzulande deutlich verbessert haben: die Erkenntnis, anders zu sein als die anderen, kann – gerade bei jungen Menschen – immer noch sehr belastend sein. Zudem ist die eigene Auseinandersetzung mit sexueller Identität und Orientierung weiterhin häufig mit Leid und Diskriminierung verbunden, aber auch mit Scham, Ängsten und verinnerlichter Selbststigmatisierung.

    Schwul, lesbisch, trans* oder bi zu sein bedeutet auch, sich letztlich ein Leben lang immer wieder outen zu müssen, etwa gegenüber neuen Freund*innen oder Arbeitskolleg*innen. Das heißt damit auch, immer wieder die Risiken und möglichen Reaktionen abwägen oder sich gar verstellen zu müssen. Oder man bewegt sich in der Öffentlichkeit stets sehr kontrolliert – aus Angst als schwul identifiziert und deshalb beleidigt oder gar tätlich angegriffen zu werden.

    Wenn Stress krank macht

    „Wir haben alle Stress im Leben, auch der heterosexuelle weiße cis Mann. Bei Minderheiten aber kommt immer noch eine Schippe drauf“, erläutert Marcus Behrens.

    „Wenn ein heterosexueller Mann in den Urlaub fährt, muss er sich bei der Buchung nicht die Frage stellen, ob er im Reiseland wegen seiner sexuellen Orientierung möglicherweise angepöbelt oder sogar festgenommen werden könnte.“

    Die Sozialwissenschaften haben für diese besondere Form der psychischen Belastung den Begriff „Minderheitenstress“ geprägt. Ihm sind nicht nur LGBTIQ, sondern etwa auch Menschen mit Migrationsgeschichte, BIPoC oder arme, sozial benachteiligte Menschen ausgesetzt.

    Doch während beispielsweise Schwarze Menschen meist in einer Familie mit anderen BIPoC aufwachsen und so zumindest in dieser Familie in ihrer Identität gestärkt werden können, ist dies bei LGBTIQ in der Regel nicht der Fall. Diesen Stress bewältigen zu müssen, stellt eine eine enorme Belastung dar und ist auf Dauer nicht gesund. „Wenn mein Immunsystem gut ist, gelingt es dem Körper leichter ein Grippevirus abzuwehren, als wenn es geschwächt ist“, erklärt Marcus Behrens.“ Vergleichbares gilt für die Seele. Wenn mir alles zu viel wird und ich das alles nicht mehr aushalte, besteht die Gefahr, dass ich krank werde.
    <h2″>Nicht alle Aspekte schwulen Lebens tun immer gut

    Auch die schwule Community kann übrigens stressig sein und sich negativ auf das psychische Wohlbefinden niederschlagen. Der Umgang in der realen wie virtuellen Szene ist nicht immer gerade freundlich und unterstützend. Wenn man in der Bar oder in der Sauna übersehen wird und keinen Kontakt findet, kann das auf Dauer ziemlich aufs Gemüt schlagen. „Auf Planetromeo, Grindr und Co. wiederum muss ich mir bewusst sein, dass es zumeist nur um attraktive Bilder geht, und gar nicht wirklich um mich“, sagt Marcus Behrens. Zum Glück aber es gibt nicht die eine Community. „Wenn mir die Datingplattformen Stress machen, muss ich mir möglicherweise andere Orte suchen, um mit anderen in Kontakt zu kommen.“

    Männer kann man zum Glück auch jenseits sexueller Szeneorte und Dating-Apps kennenlernen, etwa in Selbsthilfegruppen, queeren Vereinen und Organisationen oder auf Online-Plattformen, bei denen nicht der Sexkontakt an erster Stelle steht.

    Denn Freundschaften und enge Bekanntschaften sind enorm wichtig für die seelische Gesundheit.
    <h2″>„Auch wenn es schwerfällt: Es ist wichtig, sich Luft zu machen“

    „Es ist bereits sehr hilfreich, eine gute emotionale Beziehung zu einer einzigen anderen Person zu haben – seien es ein guter Kumpel, die beste Freundin oder ein Elternteil“, sagt Marcus Behrens. „Menschen, bei denen ich mich geborgen und ein Stück weit zuhause fühle, denen ich mich gegenüber öffnen kann und über Dinge reden kann. Mit denen ich offen über Schwächen und Gefühle, auch über die negativen, sprechen kann. Das müssen nicht nur queere Menschen sein, aber es sind idealerweise gute Verbündete, die die eigene Lebensart widerspiegeln.“

    „Auch wenn es schwerfällt: Es ist es wichtig, sich Luft zu machen“, bestätigt Jonathan Gregory. „Deshalb braucht es zumindest eine Person, bei der man sich sicher fühlt und bei der man sich öffnen, mitteilen und anvertrauen kann: ‚Mir geht es gerade nicht so gut. Mich belastet etwas‘“. Jonathan Gregory ist seit 2023 Teil des neu aufgestellten Teams von ICH WEISS WAS ICH TU. Als deren Leiter ist es ihm eine Herzensangelegenheit, mentale Gesundheit zum zentralen Thema der schwulen Präventionskampagne zu machen.

    Denn eine psychische Erkrankung kann jeden treffen. Das hat Gregory 2022 selbst erfahren müssen, als er wegen einer schweren Depression für vier Monate eine Tagesklinik aufsuchen musste.

    „Anfangs war ich mir unsicher, ob dies für mich als Schwarzer schwuler Mann tatsächlich ein Ort ist, an dem ich gesunden kann. Werde ich dort als der wahrgenommen und aufgenommen, der ich bin? Das sind Fragen, die sich Heteros nicht stellen müssen“, sagt Gregory. Seine Bedenken aber waren schnell verflogen „Ich habe dann die positive Erfahrung gemacht, dass ich dort nicht die einzige queere Person war und ich auch die Hilfe bekommen habe, nach der ich gesucht hatte.“

    Hilfe zu suchen, ist keine Schwäche, sondern mutig

    Sich bewusst zu werden, dass es einem nicht gut geht, dass man Unterstützung benötigt und sie auch annehmen möchte, ist ein erster, sehr bedeutsamer Schritt. Um professionelle Hilfe bemühen sollte man sich dann, wenn man sich mehr und mehr in Gedankenschleifen verfängt, längerfristig an Schlafproblemen leidet oder man negative Gefühle beispielsweise durch übermäßigen Porno- oder Alkoholkonsum oder reihenweise Sexdates zu kompensieren versucht. „Wenn ich das Gefühl habe, dass ich dies nicht mehr selbst steuern kann, sondern davon gesteuert werde, kann dies ein wichtiges Indiz für eine psychische Krise sein“, erläutert der Rubicon-Berater Martin Heinze.

    Eine längerfristige therapeutische Begleitung oder gar ein Krankenhausaufenthalt sind jedoch nur bei schweren psychischen Erkrankungen notwendig.

    Um aus einem seelischen Tief herauszukommen, sind Beratungseinrichtungen gute Anlaufstellen. Sie können bei Bedarf dann auch an queer-erfahrene Psycholog*innen vermitteln.

    „Mir hat sehr geholfen, festzustellen, dass andere ganz ähnliche Erfahrungen im Zusammenhang mit Depression und psychischer Gesundheit gemacht haben, wie ich“, sagt Jonathan Gregory. Deshalb ist der Austausch mit anderen Schwulen – ob auf privater Ebene oder in Selbsthilfegruppen – eine wichtige Hilfe.

    „Ich kann die Bettdecke über den Kopf ziehen und zuhause bleiben, das ist durchaus auch mal o.k.“, sagt Martin Heinze. „Doch es ist wichtig, dass es mir gelingt, mich darüber hinaus mit den Dingen auseinanderzusetzen, die mich belasten“. Wenn dies im Alleingang nicht gelingt, ist es wichtig, sich nicht zuhause zu vergraben, aus der Welt zurückzuziehen, sondern Kontakt zu anderen aufzunehmen. Das können eine professionelle Unterstützung durch eine*n Therapeut*in oder Gespräche mit Freund*innen sein.

    Marcus Behrens rät, sich allein oder im Austausch mit den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen und dem eigenen Befinden auseinanderzusetzen – und auf sich selbst zu achten. Womöglich nimmt man dann so erst wahr, was man sich bislang noch nicht eingestanden hat: dass man sich vielleicht einsam fühlt oder unkontrolliert Alkohol und Drogen konsumiert.

    Genauso wichtig: sich selbst mit allen Schwächen, Defiziten aber auch guten Eigenschaften anzunehmen. Wie verhalte ich mich und tut mir das wirklich gut? Halten mich meine Gewohnheiten vielleicht in dieser Situation anstatt dass sie mich hinausführen?

    Statt vor bestehenden Problemen zu resignieren, ist es besser nach Lösungen zu suchen: Was kann ich selbst tun? Was würde die Situation verbessern? Wer könnte mich dabei unterstützen oder welche Hilfe könnte ich in Anspruch nehmen?

    Das Schöne im Leben wiederentdecken

    Gregory hat aus seiner Therapie eine kleine Übung in seinen Alltag übernommen und gönnt sich seither jeden Tag eine kleine Auszeit. „Ich gebe mir zwei, drei Minuten, um die Augen zu schließen, mich ganz auf mich zu fokussieren und in mich hineinzuhören. Und auf diese Weise auch Stress abzubauen.“

    Um nicht nur das Belastende, sondern auch die schönen Dinge im Leben zu sehen, überhaupt wahrzunehmen, empfiehlt Marcus Behrens eine andere Übung: Jeden morgen steckt man fünf Steinchen oder andere kleine Gegenstände in eine Hosentasche. Im Laufe des Tages packt man bei jedem schönen Erlebnis eines in die andere Hosentasche. „Diese Anlässe können Kleinigkeiten sein: ein schönes Telefonat, ein gutes Essen, eine freundliche Begegnung im Supermarkt“, erläutert Behrens. Abends wird man jedoch feststellen, dass es doch viel Gutes an diesem Tag gab.“ „Zudem kann man auf diese Weise das Gehirn ein wenig erziehen, dass es nicht immer nur Dinge registriert, die nicht funktionieren oder die mir Sorgen machen, sondern das Gute im Alltag und die Dinge, an denen ich Freude hatte.“

    Freude kann man sich aber auch ganz gezielt bereiten. Indem man sich entsprechende Dinge vornimmt: Sich etwas Schönes zu essen zu kochen oder (wenn man über genügend Geld verfügt), sich einen Restaurantbesuch zu gönnen. Sich mit Freunden zu treffen, einen Spaziergang im Park zu machen, die öffentliche Bibliothek zu besuchen, zu malen oder etwas zu basteln.

    „Hey, wie geht’s dir gerade?“

    Und nicht zuletzt kann jede*r dazu beitragen, dass es anderen Menschen besser geht. Die einfache Frage „Wie geht es dir?“ kann schon sehr viel helfen – wenn man diese Frage auch ernst meint und man der Person den Raum gibt, darauf auch ehrlich antworten zu können.

    „Wir können das psychische Wohlbefinden als queere Community nur gemeinsam stärken, indem wir aufeinander achten und wir uns bewusst machen, dass es ein Aspekt ist, der uns in allen Lebensbereichen begleitet“, sagt Jonathan Gregory. „Und wenn wir nicht davor zurückscheuen, ehrlich zu uns zu sein und die Belastungen, denen wir ausgesetzt sind, auch anzusprechen.“ IWWIT möchte dazu im Laufe des Jahres mit Kampagne „#MyMentalMe“ einen kleinen Beitrag leisten und nicht zuletzt auch für mehr Sichtbarkeit des Themas in der queeren Community sorgen.

  • PrEP-Engpass: Was tun?

    PrEP-Engpass: Was tun?

    Es gibt in Deutschland nur ein Medikament, das für die PrEP zugelassen ist. Im Moment ist es kaum noch lieferbar. Teilweise haben Apotheken Restbestände, aber immer mehr PrEP-Nutzer*innen gehen leer aus. Auch mussten schon Patient*innen bei ihrer HIV-Behandlung auf andere Medikamente umgestellt werden. Ein Zustand, der wohl bis mindestens März 2024 anhalten wird. Das meldet die Arbeitsgemeinschaft ambulant tätiger Ärztinnen und Ärzte für Infektionskrankheiten und HIV-Medizin (dagnä) in einer Pressemitteilung.

    In manchen Städten gibt es bereits gar keine PrEP mehr, wie IWWIT von Organisationen vor Ort erfährt. In anderen, zum Beispiel Berlin, verschreiben manche Praxen nur noch Monatspackungen, damit die Medikamente länger reichen – normal ist sonst eine Packung für drei Monate. Die Situation verschärft sich von Tag zu Tag.

    Die Gründe für das Problem sind vielschichtig. So haben zum Beispiel zwei Fabriken nach unseren Informationen Produktionsprobleme. Außerdem scheint es einzelne Schwierigkeiten in der Lieferkette und eine verstärkte Nachfrage zu geben. Auch Preisunterschiede auf dem europäischen Arzneimittelmarkt dürften eine Rolle spielen: Hersteller bekommen in vielen Nachbarländern offenbar mehr Geld für ihre Medikamente als in Deutschland.

    Jonathan Gregory, Leitung von IWWIT: „Es ist schwierig zu sagen, wann sich die Lage wieder entspannen wird. Klar ist: Wir haben einen Mangel und es können im Moment nicht alle Menschen, die das Medikament für die PrEP oder die Therapie brauchen, versorgt werden. Da gibt es nichts zu beschönigen.“

    Trotzdem gibt es teilweise noch Wege, wie PrEP-Nutzer*innen an ihr Medikament kommen können. Im Folgenden kommen unsere Vorschläge zum Umgang mit der schwierigen Situation.

    Was PrEP-Nutzer*innen jetzt tun können

    An HIV-Apotheken wenden

    Falls deine Apotheke keine PrEP mehr hat, wende dich an ein Mitglied der Arbeitsgemeinschaft HIV-kompetenter Apotheken (DAHKA). Diese Apotheken tauschen sich untereinander aus und unterstützen sich gegenseitig bei der Versorgung mit der PrEP, sofern es noch Bestände gibt. Du kannst auch über Online-Apotheken Anfragen stellen. Dafür bitte dein*en Ärzt*in um ein E-Rezept. Damit ist eine Bestellung deutlich einfacher.

    Einzelimporte aus dem Ausland

    Apotheken können versuchen, das PrEP-Medikament im Ausland zu bestellen, wenn sie vorher die Genehmigung der Krankenkasse einholen. Manche Apotheken wissen das nicht oder scheuen den Aufwand. Frag am besten nach einem „Einzelimport nach § 73 Absatz 3 Arzneimittelgesetz (AMG)“. Es gibt aber keine Garantie, dass die Apotheke das macht und dass im Ausland Medikamente verfügbar sind.

    Anlassbezogene PrEP

    Für einige Anwender*innen der täglichen Dauer-PrEP könnte es zudem eine Option sein, zumindest vorübergehend auf die sogenannte anlassbezogene PrEP umzusteigen, bei der man lediglich vor und nach (geplantem) Sex Tabletten nimmt. Mehr Informationen dazu findest du unter aidshilfe.de/hiv-prep/einnahmeschema.

    Bei Therapie frühzeitig auf Praxis zugehen

    Falls bei dir die Wirkstoffkombination Emtricitabin plus Tenofovirdisoproxil in der HIV-Behandlung zum Einsatz kommt, geh auf deine Praxis zu, bevor deine Tabletten zur Neige gehen, damit genug Zeit ist, um neue zu beschaffen zu versuchen.

    Andere Safer-Sex-Optionen prüfen

    Wenn alles nichts hilft, kannst du überlegen, ob andere Safer-Sex-Optionen wie das Kondom oder Schutz durch Therapie für dich in Frage kommen, bis die PrEP wieder verfügbar ist.

    Sich austauschen

    Es kann auch hilfreich sein, mit anderen PrEP-Usern über ihre Erfahrungen zu reden, zum Beispiel in der Facebook-Gruppe PreP.Jetzt. Natürlich kannst du dich auch bei unserem Gay Health Chat oder bei einem anderen Angebot der Deutschen Aidshilfe beraten lassen.

    Wir fordern Versorgungssicherheit

    Die Deutsche Aidshilfe setzt sich für Versorgungssicherheit bei HIV-Medikamenten ein und hat das Bundesministerium für Gesundheit und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufgefordert, die Probleme bei der Versorgung zu lösen.

    „Wir lassen nicht locker, bis alle, die das Medikament für die PrEP oder die Therapie brauchen, es auch bekommen. Darauf könnt ihr euch verlassen!“, so IWWIT-Kampagnenleiter Gregory.

    Meldung der Deutschen Aidshilfe zum PrEP-Engpass

    Pressemitteilung der dagnä

  • Mpox-Eindämmung: Erfolg der Community?

    Mpox-Eindämmung: Erfolg der Community?

    Es waren Schlagzeilen, die wohl niemand lesen wollte: Im Mai 2022 berichteten Medien inmitten der Corona-Pandemie von einem “Affenpocken-Ausbruch” in Europa. Das Virus verbreitete sich alsbald auf dem ganzen Kontinent mit einer Geschwindigkeit, die Expert*innen Sorgen bereitete.

    Doch die Mehrheitsbevölkerung schien schon bald aufzuatmen. Zwar handelt es sich bei den “Affenpocken” nicht um eine Geschlechtskrankheit im engeren Sinne, das Virus kann bereits über engen Hautkontakt weitergegeben werden. Doch die überwiegende Mehrheit der Infizierten waren, und sind noch immer Männer, die Sex mit Männern haben. Laut dem Robert Koch-Institut sind von landesweit insgesamt 3.670 Fällen (Stand: 6. Dezember) bislang nur 19 weibliche Fälle, vier Fälle bei männlichen Jugendlichen und zwei Fälle bei Kindern unter 14 Jahren übermittelt worden.

    Dieser Umstand führte in der internationalen Berichterstattung dazu, dass “Affenpocken” von einigen Medien bald schon fälschlicherweise als “Schwulenkrankheit” betitelt wurden. Das weckte bei so manchem dunkle Erinnerungen an den diskriminierenden und fehlerhaften Umgang der Medien mit der Aids-Krise der 1980er Jahre. Auch damals wurden HIV und Aids als Angelegenheit abgetan, die nur schwule Männer betrifft. 

    Stigmatisierung der Communitys

    “Dadurch, dass die Gruppe von schwulen und bisexuellen Männern die meisten Fälle ausgemacht hat, klang es in der Berichterstattung zum Teil so, als wäre es eine Krankheit, die nur schwule Männer betrifft” erzählt Timo. Der 27-jährige Studierende lebt in Berlin und heißt eigentlich anders. Doch weil das Thema immer noch mit Stigmata belastet ist, möchte er lieber anonym bleiben. “Verbunden mit dem Namen ‚Affenpocken‘ hat sich das sehr diskriminierend angefühlt”, sagte er weiter. 

    Dass der Name “Affenpocken” für Betroffene stigmatisierend wirkt, hat auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkannt. “Nach Beratungen mit globalen Experten wird die WHO damit beginnen, die neue bevorzugte Bezeichnung Mpox als Synonym für Affenpocken zu verwenden.” So steht es in einer Erklärung der Organisation.

    “In Clubs haben Frauen zu mir gesagt, dass sie nicht aus meiner Flasche trinken wollen, weil wir Gays mit den Affenpocken zu tun haben”

    Timo

    Doch nicht nur die Berichterstattung empfand Timo als problematisch. Ebenso sei es schwierig für ihn gewesen, wie Menschen außerhalb der Communitys mit dem Ausbruch umgegangen seien: “In Clubs haben Frauen zu mir gesagt, dass sie nicht aus meiner Flasche trinken wollen, weil wir Gays mit den Affenpocken zu tun haben”, berichtet der Wahlberliner. 

    Doch die wohl unrühmlichste Rolle während des Mpox-Ausbruchs hat der Staat eingenommen. Sein Agieren bzw. Nicht-Agieren während der Hochphase ließ viele ratlos und wütend zurück. Denn die Impfkampagne gegen das Virus verlief vielerorts verspätet – selbst als der Impfstoff teilweise schon zur Verfügung stand. Es schien fast so, als hätte man nichts aus der Corona-Pandemie gelernt.

    Das misslungene Impfmanagement und seine weitreichenden Folgen

    Ausgerechnet Berlin fiel mit seinem konsequent misslungenen Impfmanagement negativ auf. Dabei war die Stadt der Mpox-Hotspot Deutschlands, nirgends infizierten ich so viele Menschen mit dem Virus wie in Berlin. Laut dem Tagesspiegel lagerte die Metropole zwischenzeitlich rund 8.000 Impfdosen, die aufgrund bürokratischer Hindernisse nicht verabreicht werden konnten.

    Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe, sagte zu dieser Zeit gegenüber dem rbb: “Da müssen sich die Verantwortlichen die Frage gefallen lassen, ob sie den Schutz der Betroffenen, also vor allem von Männern, die Sex mit Männern haben, wirklich ernst nehmen.”

    “Da müssen sich die Verantwortlichen die Frage gefallen lassen, ob sie den Schutz der Betroffenen, also vor allem von Männern, die Sex mit Männern haben, wirklich ernst nehmen.”

    Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe

    Das misslungene Impfmanagement führte nicht nur dazu, dass Impfwillige nicht an das Vakzin kamen und die Gefahr, sich anzustecken, somit hoch blieb – sondern hatte laut Dirk Sander, ebenfalls von der Deutschen Aidshilfe, viel weitreichendere Folgen: “Es war auch Wut und Trauer in den Communitys zu verspüren, weil man sich schon auf einen relativ Corona-freien Sommer gefreut hatte. Die Psyche war bei einigen nicht die Beste. Ich hörte auch aus der Szene, dass der Konsum von Alkohol und anderen Drogen in dieser Zeit ‚teilweise suizidal‘ gewesen sei.”

    Viele schwule und bisexuelle Männer fühlten sich laut Sander schlichtweg im Stich gelassen: “Besonders Aussagen, wie: ‚Die sollen mal die Füße stillhalten, dann braucht es auch keine Impfung‘ haben zu diesem Gefühl beigetragen”, erklärt er. 

    Wie schwer es zu Beginn war, an eine Impfung zu kommen, weiß auch Timo: “Ich habe versucht, bei meinem Hausarzt einen Impftermin zu bekommen.” Doch ihm wurde gesagt, er solle es in vier bis sechs Wochen noch mal versuchen. Auch bei der eigens eingerichteten Impf-Hotline wurde der Studierende vertröstet. Schnell machte sich deshalb ein Gefühl der  Ernüchterung bei ihm breit – und das Gefühl, auf sich alleine gestellt zu sein. 

    Eindämmung des Virus dank der Communitys

    Deshalb beschloss er, sein Sexualverhalten proaktiv einzuschränken. “Freunde haben mir berichtet, wie schmerzhaft eine Infektion sein kann. Das hat mich einfach zu sehr beunruhigt”, erklärt er. Auch vor der dreiwöchigen Isolation fürchtete er sich. “Mitten im Sommer drei Wochen lang alleine in meiner Wohnung verbringen zu müssen – davor hatte ich einfach zu viel Angst.” 

    Auch Maurice, der eigentlich anders heißt, und sein Partner, mit dem der 29-Jährige in einer offenen Beziehung lebt, entschlossen sich dazu, selbst aktiv zu werden: “Wir haben radikal auf jegliche sexuelle Abenteuer verzichtet”, berichtet er. Und auch er musste lange auf eine Impfung warten: “Ich habe 25 Praxen angeschrieben, bis ich nach ungefähr drei Wochen einen Termin bekommen habe”, so Maurice. 

    “Es ist schon belegt, dass schwule und bisexuelle Männer schon nach den ersten Medienberichten ihr Verhalten angepasst haben. Ansonsten wäre der Verlauf der Epidemie gar nicht erklärbar.”

    Dirk Sander, Deutsche Aidshilfe

    So wie Timo und Maurice schränkten auch viele andere Männer, die Sex mit Männern haben, ihr Sexualverhalten ein. Sander sagt dazu: “Es ist schon belegt, dass schwule und bisexuelle Männer schon nach den ersten Medienberichten ihr Verhalten angepasst haben. Ansonsten wäre der Verlauf der Epidemie gar nicht erklärbar. Die Impfungen kamen ja recht spät und dann häppchenweise.” Laut dem RKI ist die Zahl der Mpox-Fälle seit August rückläufig, seit Mitte Oktober wurden nur noch Fallzahlen im einstelligen Bereich berichtet. Während der Hochphase seien es 420 Fälle pro Woche gewesen.  

    Ein Erfolg, den sich also wohl nicht der Staat, sondern die Communitys auf die Fahne schreiben dürfen. Aber hat der Mpox-Ausbruch doch langfristige Folgen? Ist schwulen und bisexuellen Männern womöglich der Spaß und die Lust am Sex vergangen? Dazu sagt Sander: “Anhand interner Statistiken aus dem Freizeitbereich schwuler Männer, konnte man deutlich sehen, dass sich die Stimmung wieder drehte: nachdem zunehmend mehr Leute geimpft, und die Zahlen zurückgingen, hat sich das Verhalten wieder normalisiert. Zum Glück!”

    Mittlerweile ist der Impfstoff laut der Ständigen Impfkommission (STIKO) in ganz Deutschland verfügbar. Wer bisher nur eine Dosis oder noch gar keine erhalten hat, sollte mittlerweile also einfach und zügig an einen Termin kommen. Die Exptert*innen-Gruppe rät allen, die das Vakzin bisher nur einmal verabreicht bekommen haben, zu einer zweiten Dosis. Wer sich noch nicht hat impfen lassen, sollte dies laut der STIKO nachholen. “Der Ausbruch ist noch nicht beendet…” 

    Weitere Infos zu Mpox
    Mpox heilen zum Glück in der Regel von alleine wieder aus, können aber sehr unangenehme und schmerzhafte Symptome haben. Der beste Schutz ist die Impfung. Sie ist kostenlos und auch für Menschen ohne Versichertenkarte möglich.

    Alle Infos findest du auf Deutsch, Englisch, Ukrainisch und Russisch unter neu.iwwit.de/mpox.
  • Slamming und Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Slamming und Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Immer mehr Schwule greifen zur Nadel, um sich Drogen und Potenzmittel zu spritzen (Slamming). Dass sie dabei auch ein hohes HIV- und Hepatitis-Risiko eingehen, ist vielen nicht klar. Höchste Zeit also, die Safer-Use-Regeln einzuüben, um die Risiken beim Spritzen zu senken. Von Florian Winkler-Ohm

    Slamming & Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Alkohol und andere Drogen gehören für viele schwule Männer seit je zu (Sex-)Partys dazu. In der letzten Zeit aber findet man an Orten, an denen Männer Sex mit Männern haben, immer häufiger auch Nadeln und Kanülen – die „traditionell“ wohl eher mit Heroinabhängigen in Verbindung gebracht werden.

    Spritzen heißt jetzt Slamming

    Beim Slamming spritzen sich viele Konsumierende Methamphetamin – auch bekannt als Crystal Meth, Tina, Ice oder Tweak. Die Droge wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Japan entwickelt. Im Zweiten Weltkrieg nutzten deutsche Soldaten sie massenhaft unter dem Namen Pervitin. Sie sollte wach machen und Ängste im Gefecht unterdrücken – bekannt wurde sie als „Panzerschokolade“ oder „Stuka-Tablette“.

    Seit etwa zwei Jahren ist Crystal Meth in der Partyszene wieder auf dem Vormarsch – zumindest laut Medienberichten. Immer mehr konsumieren es per Spritze, also intravenös. Früher wurde es meist geraucht, geschluckt oder gezogen. Der Grund: mehr Lust, intensiverer Sex, länger „fit“ bleiben. Doch das führt oft zu tagelanger Schlaflosigkeit.

    Eine Studie des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung der Uni Hamburg untersucht derzeit im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums die Verbreitung und Folgen von Meth-Konsum.

    Crystal macht schnell abhängig. Es kann Körper und Psyche langfristig stark schädigen. Doch auch abseits der direkten Wirkungen gibt es Risiken. Die Droge senkt Schmerzgrenzen und steigert Risikobereitschaft. Das führt zu langen, harten Sessions – oft ohne Kondome. Schleimhäute werden stark belastet. So steigt das Risiko für HIV, Hepatitis und andere Infektionen.

    Laut Studien sind bis zu 75 % der Crystal-Konsumenten HIV-positiv. Bei langen Sessions werden HIV-Medikamente oft vergessen. Das kann zu Resistenzen führen und eine neue Therapie nötig machen.

    Wenn die Spritze günstiger als Viagra ist

    Doch nicht nur bei Drogen sind vermehrt Spritzen im Spiel. Auch um eine verlässliche Potenz zu haben, injizieren sich immer mehr Schwule Mittel wie Caverject oder Androskat in den Penis-Schwellkörper; das ist mittlerweile billiger als Viagra und vergleichbare Substanzen. Die Wirkung ist eine ein- bis zweistündige Erektion – bei korrekter Handhabung und richtiger Dosierung. Bei Überdosierung und Überempfindlichkeit gegenüber den erektionsfördernden Wirkstoffen kann es zu einer schmerzhaften Dauererektion kommen. Sollte diese länger als vier Stunden anhalten, droht eine Schädigung des Penisgewebes, die unter anderem zum dauerhaften Verlust der Erektionsfähigkeit führen kann.

    Slamming & Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Doch das sind nicht die einzigen Risiken der Potenzspritzen. Da der Inhalt für bis zu drei Anwendungen reicht, werden Spritzen bei einer Sexsession nicht selten an den oder die Partner weitergegeben. Tibor Harrach, Pharmazeut und Drogenexperte, warnt eindringlich vor diesem „Needle-Sharing“: „Bei der Injektion kann es zu einer kleinen Blutung an der Einstichstelle kommen. Dadurch kann sich bei Patienten, die an einer durch Blut übertragbaren Infektionskrankheit leiden, das Risiko einer Übertragung der Infektion auf den Partner erhöhen. Insbesondere bei Hepatitis B und C reicht für eine Infektion bereits eine unsichtbar kleine Blutmenge aus.“

    Teile niemals deine Spritze mit jemand anderem

    Harrach fordert klare Präventionsbotschaften – so wie sie seit Jahren für Heroin-Konsumierende gelten. Der wichtigste Satz für ihn: „Teile niemals deine Spritze mit jemand anderem.“

    Statt auf Anklage und moralische Verurteilung zu setzen, plädiert er für Aufklärung, Beratung und akzeptierende Ansprache der Szene.

    Zudem rät er zu Impfungen gegen Hepatitis A und B sowie zu regelmäßigen Tests auf Hepatitis C. Denn: Wird Hepatitis C früh erkannt, lässt sich eine Chronifizierung meist verhindern – und auch die Ansteckung weiterer Personen vermeiden.

    Informationen zur Risikominimierung beim Drogengebrauch und wichtige Regeln im Umgang mit verschiedensten Substanzen findest du auf unserer Themenseite Drogen. Eine Anleitung dazu gibt es in der Broschüre „Safer Use“. Diese kannst du hier downloaden.

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  • Pornokonsum: Wie viel Porno ist ungesund – wie schädlich sind Pornos?

    Pornokonsum: Wie viel Porno ist ungesund – wie schädlich sind Pornos?

    Harte Zeiten für Sexfilmfans.

    Wissenschaftler warnen vor Nebenwirkungen.

    Wieviel Porno ist ungesund?

    Machen Pornos tatsächlich impotent und abhängig?

    Ein Bericht über die richtige Dosis und überraschende Gemeinsamkeiten zwischen Teenagern und Häftlingen.

    Schlechte Nachrichten aus Großbritannien. Nach dem Brexit droht der Sexit: Immer mehr junge Briten kriegen keinen mehr hoch, warnte die Psychotherapeutin Angela Gregory von den Nottingham University Hospitals im August 2016. Auslöser sollen ausgerechnet die Filme sein, die viele Männer erst so richtig heiß machen. Pornos – so befürchtet Angela Gregory – verursachen Impotenz, oder medizinisch korrekt: erektile Dysfunktion. Immer mehr männliche Teenager und Mitzwanziger kommen in Gregorys Praxis und klagen über Flaute im Bett, ein Leiden, das bisher erst im hohen Alter auftrat. „Inzwischen frage ich als erstes nach den Porno- und Masturbationsgewohnheiten“, erklärte Gregory auf BBC Newsbeat. „Sie können der Grund sein, warum diese jungen Männer keine Erektion aufrechterhalten können, wenn sie mit einem Partner zusammen sind.“

    Porno und Pornokonsum: Wie oft wird geschaut?

    Sollte an der strammen These etwas dran sein, sieht es schlecht aus für schwule Männer. Pornogucken gehört für sie zum Alltag. Das belegt eine Umfrage, die das schwule Gesundheitsmagazin FS im Sommer veröffentlicht hat, passenderweise in England. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, aber liefern Hinweise, wie selbstverständlich Schwule Pornografie konsumieren. 52 Prozent der Befragten gönnen sich mehrmals pro Woche Sexvideos. Ein knappes Drittel klickt sogar täglich auf Redtube & Co. Die allermeisten bleiben höchstens eine halbe Stunde dran. Nur 7 Prozent gucken mehr als 60 Minuten am Stück. Der größte Unterschied zur letzten Erhebung: 60 Prozent der User gucken Pornos mittlerweile auf dem Handy. 2012 war es nur ein Viertel. Das bedeutet: Pornos sind noch leichter verfügbar.

    Porno ist die natürlichste Sache der Welt

    Auch Hannes aus Hamburg schaut regelmäßig und hat bisher keine gesundheitlichen Nebenwirkungen bemerkt. Im Gegenteil: „Porno ist die natürlichste Sache der Welt“, sagt der 51-Jährige. Drei- bis viermal die Woche schaut er Pornos – auf Handy oder Tablet, seltener auf DVD. „Das kann schon mal ne Stunde gehen“, berichtet Hannes. „Ich gucke sehr bewusst und genieße das.“ In seinem Lieblingsgenre treffen Männer und Frauen aufeinander. Weil mehr Männer beteiligt sind, ficken sie sich gegenseitig. „Ich habe eine Tendenz zu etwas dominanteren Videos, wo eine Person benutzt wird“, gesteht Hannes. Dabei unterscheidet der Freiberufler klar zwischen Fick und Fiktion: Echte Sexerlebnissen und Pornos sind für ihn grundverschiedene Dinge. „Natürlich sind die Pornos unterbewusst in mir drin, aber ich spiele keine Szenen nach. Wenn ich Sex habe, ist der total von der Situation und von meinem Gegenüber abhängig. Das ist oft sehr überraschend.“

    Pornokonsum: Wo endet der Genuss und ab wann beginnt die pornosucht?

    Auch Marcus Behrens hält Pornos für gesundheitlich unbedenklich. Der Diplom-Psychologe arbeitet unter anderem für das Mann-O-Meter, einem Berliner Informationszentrum für schwule Männer. „Pornografie und Sex sind erst einmal jedermanns Privatsache“, betont der 48-Jährige. „Wenn es für mich d’accord ist und ich niemanden schädige, dann ist das kein psychisches Problem – und es geht auch niemanden sonst etwas an.“

    Bisher zumindest verursachen Pornos keinerlei Beschwerden bei den Männern, die im Mann-O-Meter um Rat fragen. Wenn sie überhaupt zur Sprache kommen, dann in Verbindung mit einer sogenannten Onlinesucht. „Einige unserer Klienten haben das Gefühl: Ich kriege den Kopf nicht mehr aus dem Rechner raus“, berichtet Marcus Behrens. „Das geht bei Facebook los und hört bei Gayromeo nicht auf.“ Die Zahl der Fälle habe aber in den vergangenen zehn Jahren nicht zugenommen – trotz Smartphone und Flatrate.

    Wo endet der Genuss, und wo beginnt die Sucht? Eine klare Grenze lässt sich auch beim Pornokonsum nur schwer ziehen. „Ein mögliches Anzeichen ist, wenn ich mir ohne Pornos keinen mehr runterholen kann.“

    Symbolbild für Pornokonsum: Männer in intimer Sauna-Szene – Nähe, Sexualität und mögliche Abhängigkeit im Kontext schwuler Sexualität.

    Pornokonsum im Check: Ab wann wird Porno Sucht und schadet im Alltag?

    Auch wenn es im Beratungsalltag von Marcus Behrens selten vorkommt: Porno hat das Potential zum Rauschmittel. Schon 2014 verkündete das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Pornovideos verändern das Gehirn. Die Wissenschaftler scannten die Gehirntätigkeit von 64 Männern und stellten fest, dass bei den Probanden, die regelmäßig Sexfilme sahen, das Belohnungssystem des Gehirns auffällig klein war. „Das könnte bedeuten, dass der regelmäßige Konsum von Pornografie das Belohnungssystem gewissermaßen ausleiert“, erläutert Studien-Autorin Simone Kühn. Die Forscher vermuten eine ähnlichen Effekt wie bei anderen Suchtmitteln: Der User muss die Dosis ständig steigern, um einen lustvollen Effekt zu erzielen.

    Aber wo endet der Genuss, und wo beginnt die Sucht? Eine klare Grenze lässt sich auch beim Pornokonsum nur schwer ziehen. „Ein mögliches Anzeichen ist, wenn ich mir ohne Pornos keinen mehr runterholen kann“, sagt Marcus Behrens. Ein weiteres Indiz: Schadet mir der Spaß schon im Alltag? Riskiere ich zum Beispiel eine Abmahnung, indem ich auf dem Bürorechner Pornoseiten aufrufe? Wie bei allen Abhängigkeiten gilt auch hier: Sobald Kollegen, Freunde oder Familienmitglieder in Mitleidenschaft gezogen werden, sollte man sein Konsumverhalten unter die Lupe nehmen.

    Ursache für den übermäßigen Konsum von Sexfilmen – wie auch echtem Sex – sind laut Marcus Behrens in vielen Fällen Einsamkeits- und Minderwertigkeitsgefühle. Bei schwulen Männern oft verstärkt durch Selbsthass, Fachleute sprechen dann von internalisierter Homophobie. „Die Betroffenen haben das Gefühl: Irgendwas läuft bei mir nicht richtig“, erklärt Behrens. „Dann suchen sie – bewusst oder unbewusst – nach einer Lösung und probieren verschiedene Hilfsmittel aus.“ Pornokonsum sei nur eines unter vielen. Meist wirken mehrere zusammen. „Es hängt stark davon ab, welcher Suchtstoff verfügbar ist und bei mir funktioniert“, erläutert Marcus Behrens. „Für den einen ist es Einkaufen, für den anderen Porno.“

    Symbolbild für intensiven Pornokonsum, Suchtverhalten und die Frage, ab wann Porno den Alltag belastet.

    Pornokonsum einordnen: Kein Automatismus zur Porno Sucht

    Das heißt aber nun nicht, dass jeder, der Pornos guckt, in Gefahr schwebt. „Es ist sinnvoll, Menschen zu helfen, die unter ihrer Sexualität leiden“, betont Marcus Behrens, „aber gerade wenn es um Pornokonsum und Sexualität geht, heißt es immer schnell: Uiuiui, das ist entweder krank oder kriminell. Diese Moralisierung ist falsch.“ Die meisten Männer könnten ihren Pornokonsum problemlos dosieren.

    Und auch die Warnung vor pornobedingter Impotenz hält der Berliner Psychologe für übertrieben – auch wenn seine britische Kollegin auf ein interessantes Phänomen hingewiesen habe: Erektionsstörung durch zu viel Fantasiesex. Den Effekt kennen Psychologen von Strafgefangenen. Auch die kriegen oft keinen hoch, wenn sie nach einer langen Haftstrafe endlich wieder mit ihrem Freund oder ihrer Freundin schlafen dürfen. Sie haben verlernt, mit einem Menschen Lust zu empfinden, den sie nicht nur sehen, sondern auch riechen, schmecken und fühlen. „Das Hirn ist dann auf Fantasie gepolt“, erklärt Marcus Behrens. „Geil ist nur noch das, was vor meinem inneren Auge abläuft – eine Art Porno, bei dem ich Regie führe.“ Die jungen Engländer stehen vermutlich vor ähnlichen Anpassungsschwierigkeiten: Sie müssen von zweidimensionalen Pornos auf dreidimensionalen Sex umschalten – mit einem Partner aus Fleisch und Blut. Aber keine Sorge, sagt Marcus Behrens: „Sexualität kann man immer wieder neu lernen.“

    FAQ zu Porno und Pornokonsum: Genuss, Risiko, Pornosucht

    In diesem FAQ zu Porno und Pornokonsum beantworten wir häufige Fragen: Was ist Porno, ab wann wird Pornokonsum zur Pornosucht, welche Rolle spielt das Gehirn und woran merke ich, dass es mir oder meinem Alltag schadet?

    Was ist Porno eigentlich?

    Porno meint bewusst sexuell erregend produzierte Bilder oder Videos. Sie zeigen inszenierten Sex, sind geschnitten, ausgeleuchtet und folgen oft bestimmten Fantasien oder Klischees. Sie bilden Sexualität nur ausschnitthaft ab und sind kein realistischer Leitfaden für echten Sex.

    Ist Pornokonsum grundsätzlich ungesund?

    Nach heutigem Stand ist normaler Pornokonsum für viele Menschen unproblematisch. Entscheidend ist weniger, ob ich Porno schaue, sondern wie stark es mich beschäftigt: Habe ich noch Lust auf echten Kontakt, kann ich meinen Konsum steuern?

    Ab wann ist man porno süchtig?

    Es gibt keine fixe Zahl an Minuten oder Videos. Von problematischem Pornokonsum wird eher gesprochen, wenn mehrere Punkte zusammenkommen: Ich verliere Kontrolle über die Häufigkeit, kann ohne Porno kaum masturbieren, vernachlässige Schlaf, Arbeit, Beziehungen oder andere Interessen und leide selbst darunter.

    Können Pornos das Gehirn verändern?

    Studien zeigen, dass intensiver Pornokonsum mit Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns einhergehen kann. Ähnlich wie bei anderen Gewohnheiten kann sich das System an starke Reize gewöhnen, sodass manche Menschen immer mehr oder immer extremere Inhalte brauchen. Das bedeutet nicht automatisch Sucht, zeigt aber, dass Dosis und Kontext wichtig sind.

    Was sind Warnzeichen für problematischen Pornokonsum?

    Warnzeichen können sein: Ich brauche immer stärkere Reize, um mich zu erregen; ich fühle mich nach dem Schauen beschämt oder leer; ich nutze Porno vor allem gegen Einsamkeit, Stress oder Selbsthass; ich schaue trotz negativer Folgen weiter, etwa Konflikte in Beziehungen, Probleme im Job oder weniger Interesse an echten Begegnungen.

    Welche Rolle spielen Einsamkeit und Minderwertigkeitsgefühle?

    Viele Betroffene berichten, dass Pornokonsum zunimmt, wenn sie sich einsam, abgewertet oder „falsch“ fühlen. Porno bietet dann kurzfristig Ablenkung, Bestätigung oder Betäubung. Gerade bei queeren und schwulen Männern können zusätzliche Faktoren wie internalisierte Homophobie eine Rolle spielen.

    Was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, zu viel Porno zu schauen?

    Hilfreich kann sein, den eigenen Pornokonsum eine Zeit lang zu beobachten: Wann, wie oft, in welchen Situationen und mit welchem Gefühl davor und danach? Kleine Experimente wie pornofreie Tage, alternative Strategien gegen Stress oder bewusst mehr körperliche Nähe im realen Leben können Hinweise geben. Wenn Leidensdruck oder Kontrollverlust groß sind, ist eine Beratung oder Therapie eine gute Option.

    Ist es sinnvoll, Porno komplett zu verbieten oder moralisch zu verurteilen?

    Die meisten Fachleute sehen Moralisierung kritisch. Ein komplettes Verbot löst selten die zugrunde liegenden Themen wie Einsamkeit, Scham oder fehlende Nähe. Sinnvoller ist ein nüchterner Blick: Tut mir mein Pornokonsum gut, passt er zu meinem Leben – oder überdeckt er eigentlich andere Probleme?

    Wo finde ich Hilfe, wenn ich über Porno und Pornosucht sprechen möchte?

    Anlaufstellen können sexualpädagogische oder schwule Beratungsstellen, Suchtberatungen, psychotherapeutische Praxen oder Onlineberatungen sein. Wichtig ist, dass dort offen über Sexualität gesprochen werden kann, ohne Verurteilung. Ein Gespräch bedeutet nicht automatisch, dass man „süchtig“ ist, sondern kann helfen, Klarheit zu gewinnen.

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