Kategorie: Gesundheit

  • Langzeitfolgen von HIV-Therapien

    Langzeitfolgen von HIV-Therapien

    Etwa 20 Prozent der HIV-Infizierten haben Schwierigkeiten mit ihrer HIV-Therapie. Über Risiken und Nebenwirkungen von HIV-Medikamenten hat der Berliner HIV-Schwerpunktarzt Gerd Klausen die Tage im vorigen Blog-Beitrag informiert. Heute berichtet Dr. Gerd Klausen über Langzeitfolgen der HIV-Therapie.

    Unter welchen Folgeschäden haben Patienten heute zu leiden, die schon über viele Jahre HIV-Medikamente einnehmen?

    In den letzten fünf bis zehn Jahren haben wir in Einzelfällen vor allem Schädigungen der Leber und der Niere festgestellt, darüber hinaus auch Veränderungen im Blutfett-Stoffwechsel, also eine Erhöhung des Cholesterinspiegels. Damit geht ein erhöhtes Risiko für einen Herz- oder Schlaganfall einher. Manche Medikamente stehen außerdem im Verdacht, einen vorzeitigen Knochenschwund auszulösen. Diese Dinge müssen die behandelnden Ärzte daher besonders im Blick haben. Andere Langzeitfolgen, wie Fettumverteilungsstörungen, können durch neue Medikamente heute hingegen weitgehend vermieden werden.

    Was genau ist unter Lipoatrophie und Lipohypertrophie, so die medizinischen Fachtermini für diese Fettumverteilungsstörungen, genau zu verstehen?

    Bei der Lipoatrophie handelt es sich um den sehr markanten Verlust von Fettgewebe im Gesicht sowie in den Armen und Beinen. Lipohypertrophie bezeichnet die Zunahme von Fettgewebe, meist im Bauch und am Nacken. Die Medikamente, die diese stark stigmatisierenden Symptome höchst wahrscheinlich verursacht haben, waren aus meiner Sicht trotz dieser Nebenwirkungen damals ein Segen, denn durch sie konnte unmittelbar Leben gerettet werden und es gab keine Alternativen. Heute sind wir auf diese Präparate glücklicherweise nicht mehr angewiesen.

    Zugenommen haben bei Langzeittherapierten in den letzten Jahren auch psychische Probleme. Wie lässt sich das erklären?

    Nicht nur Depressionen und Schlafstörungen sind zu einem großen Thema bei Langzeitinfizierten geworden, sondern auch hirnorganische Veränderungen. Medikamente können hier mit eine Rolle spielen. Es ist daher wichtig, solche Symptome immer näher zu untersuchen, um im Zweifelsfalle rechtzeitig reagieren zu können. Allerdings ist es manchmal gar nicht so einfach, einen Patienten davon zu überzeugen, ein Medikament auszutauschen, das er nach seiner eigenen Wahrnehmung immer gut vertragen und ihm vielleicht das Leben gerettet hat.

    Das heißt, es gibt neben den Medikamenten auch andere potentielle Auslöser für die psychischen Probleme eines HIV-Infizierten?

    Ja, denn auch die Langzeitwirkung der Infektion kann eine Ursache sein. Dies ist auch einer der Gründe, weshalb wir das Virus heute so früh wie möglich behandeln: Denn so erreichen wir, dass es sich nicht so lange ungehindert im Körper vermehren und dadurch Schäden anrichten kann. Auf diese Weise können beispielsweise hirnorganische Veränderungen und Erkrankungen des peripheren Nervensystem weitgehend verhindert werden.

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    Langzeitfolgen, wie Fettumverteilungsstörungen, können durch neue Medikamente heute hingegen weitgehend vermieden werden. (Foto: fotolia.de)

    Darüber hinaus spielen auch heute noch die psychische Verarbeitung der HIV-Infektion und die krankheitsbedingten Lebensveränderungen eine nicht zu unterschätzende Rolle, etwa was die Sexualität, das Körpergefühl und das Selbstwertgefühl angeht. Auch für Menschen, die vor 10 oder 15 Jahren aufgrund ihrer Infektion frühzeitig berentet wurden oder andere soziale Folgen erlitten, bedeutet die HIV-Erkrankung einen massiven Einschnitt in die Biografie, der verarbeitet und verkraftet werden muss.

    Die medizinische Forschung und damit einhergehend die HIV-Therapie haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten immense Fortschritte gemacht. Können Neuinfizierte, die heute eine HIV-Behandlung beginnen, darauf hoffen, alt zu werden, ohne dass sie unter schweren Neben- und Langzeitwirkungen werden leiden müssen?

    Das glaube ich tatsächlich! Und ich hoffe sehr, dass die Erfahrungen in den nächsten ein, zwei Jahrzehnten dies auch bestätigen wird. Erfreulicherweise hat sich die HIV-Medizin unglaublich verändert. Die Wirksamkeit der Medikamente ist so gut wie noch nie und wir heute kaum mehr Probleme mit Resistenzen. Zugleich aber bleibt das Thema Nebenwirkungen in der ärztlichen Beratung weiterhin sehr wichtig. Um eben zu verhindern, dass die hilfreiche Therapie zugleich Schäden verursacht.

    Vielen Dank für das Gespräch!

    Mehr zu diesem Thema:
    HIV-Therapien heute: Zwischen „sehr gut“ bis „zum Kotzen“

  • PrEP-Start: Von Null auf Hundert in drei Wochen!

    PrEP-Start: Von Null auf Hundert in drei Wochen!

    Der PrEP-Start unter der Lupe: Was gehört dazu? Und wie lange dauert das?

    Du hast Dich entschieden die PrEP zu nehmen? Und am liebsten würdest Du jetzt sofort damit beginnen? Nun ja, eine PrEP bekommst Du nicht einfach an jeder Ecke. Was genau alles zum PrEP-Start dazu gehört und vor allem, wie lange es von der Entscheidung für die PrEP bis zur ersten Tabletteneinnahme dauern kann – dazu haben wir uns unter Prepstern, bei Ärzten, einem Checkpoint und einem Apotheker umgehört. Außerdem geben wir Dir Tipps, woran man denken muss, bis man mit der PrEP beginnen kann.

    Etwas Geduld ist beim PrEP – Start gefragt. Wir sagen Dir worauf Du achten kannst und wie lange es dauert.

    Was sagen die PrEPster?

    Volker

    Volker kommt aus Berlin. Er ist 45 Jahre alt und nimmt seit April dieses Jahres die PrEP. Die Entscheidung ist langsam ihn ihm gereift. Er hat in der Szene zum ersten Mal von PrEP gehört. „Ich habe dann einen Info-Abend mit der Berliner AIDS-Hilfe besucht und auf eigene Faust noch etwas recherchiert“, beschreibt er sein Vorgehen. Er ist zu seinem Hausarzt in Berlin gegangen, der ihn auch sonst betreut. „Mit ihm habe ich noch einmal gesprochen“, erzählt er. Das ausführliche Beratungsgespräch bestärkte Volker darin, mit der PrEP zu beginnen. Auf den Termin hat er eine Woche gewartet. Es folgten die für PrEP vorgeschriebenen bzw. empfohlenen Tests: HIV, Hepatitis B sowie die sexuell übertragbaren Infektionen, wie Syphilis, Chlamydien und Gonorrhö. Nachdem nach ein paar Tagen alle Ergebnisse vorlagen, bekam er sein erstes Rezept für die Blister-PrEP und ging damit zur Apotheke. Nach weiteren zwei Tagen war es dann soweit. Volker hielt seinen ersten Blister mit 28 PrEP-Tabletten in den Händen. „Alles in allem hat es bei mir 10 Tage gedauert, bis ich mit der PrEP starten konnte“, resümiert er.

    Marc

    Marc ist 47 Jahre alt und kommt aus Göttingen in Niedersachsen. Der größte Unterschied zu Volker, der in Berlin zwischen mehreren Praxen und Apotheken auswählen kann, ist der, das Marc in Göttingen diese Auswahl nicht hat. „Ein einziger Arzt in Göttingen, der sich sonst schwerpunktmäßig um Patient_innen mit HIV kümmert, übernimmt die Betreuung der PrEPster in und um Göttingen“, so Marc. Trotz dieser etwas schwierigeren Ausgangslange hat auch Marc hier nur eine Woche auf seinen ersten Termin gewartet. Und auch die Zeit, bis die Testergebnisse vorlagen und er sein erstes Rezept bekam, lag bei ihm ungefähr bei 10 Tagen. Marc hat in Göttingen keine Apotheke, die ihm die Blister-PrEP besorgen kann. Marc hat daher nur die Möglichkeit, ein teureres Produkt eines anderen Herstellers zu wählen. Der Vorteil bei dieser Variante: Das Produkt ist sofort verfügbar. Insgesamt hat es für Marc also etwa zweieinhalb Wochen gedauert.

    Damit eine Apotheke die Blister-PrEP anbieten kann, muss die Apotheke am Blister-Pilotprojekt teilnehmen. Momentan sind das gut 65 Apotheken in Deutschland, die auch Mitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft der HIV kompetenten Apotheken sind. Außerdem müssen die Mitarbeiter_innen der Apotheke zusätzlich geschult werden.

    Marcel

    Marcel musste den größten Aufwand betreiben. Er ist 35 und kommt aus Karlsruhe in Baden- Württemberg. „Kein Arzt weit und breit betreut hier PrEPster“, berichtet Marcel. Dafür hätte er entweder nach Stuttgart oder Mannheim fahren müssen. Zuviel Aufwand. Marcel hat schließlich seinen Hausarzt angesprochen. „Ich habe ihn mit Infos regelrecht zugespamt“, beschreibt er sein Vorgehen. „Aber mein Doc hat toll reagiert und war bereit, sich in das für ihn ungewohnte Themengebiet einzuarbeiten.“ Sein Arzt hat sich schlau gemacht und Marcel war nach 48 Stunden wieder bei ihm. So kann Marcel seit diesem Frühjahr die PrEP nehmen. Und auch die alle 3 Monate vorgeschriebenen PrEP-Checks übernimmt der Hausarzt. Wenn man die Woche rausrechnet die Marcel gebraucht hat, um einen Arzt zu finden, dauerte es vom ersten Check bis zur Einnahme der ersten Pille auch zwei Wochen.

    Erste Station: Die Ärzte

    Dr. Kümmerle (Köln)

    „Wir planen für ein erstes Gespräch auch eine halbe Stunde ein.“

    Der Ebertplatz im Zentrum von Köln. Hier betreibt Dr. Tim Kümmerle mit sechs Kolleg_innen eine Gemeinschaftspraxis. „Insgesamt kommen pro Quartal 150 Patienten, die die PrEP nehmen, zu uns“, sagt Kümmerle. Wer einen Termin für eine Erstberatung braucht, wartet zwischen zwei und drei Wochen. „Wir planen für ein erstes Gespräch auch eine halbe Stunde ein. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass das realistisch ist.“ Kümmerle erzählt, dass die Männer, die PrEP nehmen wollen, schon recht gut informiert sind, aber im Gespräch doch noch die ein oder andere Frage auftaucht.
    Nachdem Gespräch folgen die üblichen Tests auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen. Von seinem Labor hat Dr. Kümmerle die Ergebnisse meist nach drei Tagen. Erst drei Mal in den vergangenen zwei Jahren konnte einem Patienten die PrEP nicht verschrieben werden. „Beim ersten Check stellte sich heraus, dass zwei schon HIV-positiv sind und ein dritter eine akute Hepatitis hatte“, nennt Kümmerle als Gründe. Seine Patienten sieht der Kölner Arzt regelmäßig, denn alle drei Monate steht der routinemäßige PrEP-Check an. Wenn alles okay ist, gibt es das Rezept für die nächsten drei Monate.

    „Wir planen für ein erstes Gespräch auch eine halbe Stunde ein. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass das realistisch ist.“

    Dr. Kümmerle (Köln)

    Eine Wartezeit von zwei bis drei Wochen für einen Termin zur PrEP-Erstberatung ist auch in der Praxis von Dr. Roger Vogelmann in Mannheim der Standard. In der Stadt gibt es zwei weitere Praxen, die PrEPster begleiten. Dr. Vogelmann teilt die Beobachtung von seinem Kölner Kollegen, was den Informationsstand und den Beratungsbedarf seiner Patienten angeht.

    Dr. Vogelmann (Mannheim)

    Dr. Vogelmann kooperiert bei der PrEP mit einem Checkpoint.

    Der größte Unterschied zu seinen Kollegen in Köln ist der, dass Dr. Vogelmann mit einem Checkpoint kooperiert. „Aus Kapazitätsgründen und weil es für die PrEPster günstiger ist, empfehlen wir unseren Patienten, die vorgeschriebenen Checks dort zu erledigen. Lediglich den Kreatininwert, der Auskunft über den Zustand der Niere gibt, bestimmen wir hier in der Praxis. Das kann der Checkpoint im Moment noch nicht leisten“, erläuterte er. Das ist deshalb so wichtig, weil die Wirkstoffe, die in der PrEP enthalten sind, in einigen wenigen Fällen die Nieren zu stark belasten können. Fälle, in denen er die PrEP nicht verschreiben konnte, gab es bisher in seiner Praxis nicht.

    Tipp: Auf iwwit.de findest Du zwei verlinkte Listen von Ärzten in Deutschland, die Dich zur PrEP beraten und diese verschreiben können.
    Damit Ärzte die PrEP verschreiben können, müssen Ihnen die behördlichen Schulungsmaterialien zum PrEP-Wirkstoff vorliegen.

    Zweite Station: Der Checkpoint

    Die Max-Josef-Straße in der Mannheimer Neckarstadt zählt zu den schönsten Straßen Mannheims. Alte herrschaftliche Häuser und viele Bäume. Hier hat KOSI.MA seinen Sitz, das Kompetenzzentrum zu sexuell übertragbaren Infektionen in Mannheim. Jeden zweiten Donnerstag und neuerdings jeden vierten Mittwoch im Monat können sich hier Menschen auf HIV und STI testen lassen und werden umfänglich zu allen Fragen rund um Safer Sex und sexueller Gesundheit beraten.

    Wie bei allen Beratungen, die im Checkpoint von KOSI.MA angeboten werden, ist auch die Beratung zur PrEP anonym.

    „Seit Anfang des Jahres bieten wir zusätzlich den PrEP-Check an. Wir arbeiten mit dem, von der Hamburger Beratungsstelle Hein und Fiete entwickelten PrEP-Checkheft. Das blaue Heft wurde nach Absprachen mit Hamburg, in Baden-Württemberg im Arbeitskreis Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), für unser Bundesland neu aufgelegt“, berichtet Marc Fischer, Leiter des Checkpoints von KOSI.MA. Wie bei allen Beratungen, die hier angeboten werden, ist auch die Beratung zur PrEP anonym. „Wir arbeiten deshalb mit dem RKI-Code, einer Kombination aus Zahlen und Buchstaben des Vor- und Nachnamen“, erklärt Marc das Verfahren. Die Ergebnisse aus dem Labor werden dann von ihm und seinem Team direkt an die behandelnden Ärzte weitergeleitet. Dieses Verfahren hat sich bewährt.

    Dritte Station: Der Apotheker

    Ralf Busch ist Apotheker in Mannheim. Er darf, neben einer zweiten Apotheke in der Stadt, die PrEP auch in Blistern abgeben. Das liegt, wie oben beschrieben, daran, dass er als Mitglied der DAHKA am Blister-Programm teilnimmt. Insgesamt 60 PrEPster kommen regelmäßig zu ihm. Davon kaufen die allermeisten die Blister-PrEP.
    Bei der Blister-PrEP sind die Tabletten in kleine Einmaltüten (sogenannte Blister) eingeschweißt. Die Blister-PrEP ist mit rund 40 Euro günstiger als Produkte anderer Hersteller. Diese sind jedoch im Gegensatz zur Blister-PrEP sofort verfügbar. Wenn keine Wochenenden oder Feiertage die Bestellung hinauszögern, haben seine Kunden ihre Blister-PrEP innerhalb von zwei Tagen. Ein großer Beratungsaufwand entsteht für ihn und sein Team meist nicht. „Die Jungs sind alle gut informiert“, beschreibt Busch seinen Eindruck. „Wenn es Fragen gibt, beziehen die sich meist auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die zusätzlich eingenommen werden.“

    Die Blister-PrEP

    PrEP: Ein Ausblick zum Schluss

    Im Herbst 2017 konnte dank des Engagements eines Kölner Apothekers, die PrEP erstmals relativ bezahlbar und gleichzeitig legal vielen Menschen zugänglich gemacht werden. Ein Jahr danach ist vieles sicher noch nicht optimal. In manchen Städten ist die günstigere Blister-PrEP noch nicht in den Apotheken verfügbar. Oder es gibt keine Ärzte, die die Versorgung übernehmen können. Auch die Kosten, die jeder bei einem Arztbesuch für den PrEP-Check selbst tragen muss, variieren: Je nach Praxis können sie zwischen 30 bis 75 € liegen. Und sicherlich warten manche auch länger als drei Wochen auf einen Termin für die PrEP-Erstberatung. Aber insbesondere in größeren Städten sind PrEPster in Deutschland recht gut versorgt.

    Unsere Tipps, damit es auch für EUCH reibungslos verläuft:

    • Denkt daran, zwischen dem ersten Anruf beim Arzt, um einen PrEP-Termin auszumachen und dem Tag, bis ihr die PrEP-Tabletten in Händen haltet dauert es im Schnitt zwei bis drei Wochen.
    • Informiert Euch, welche Ärzte Euch betreuen können und welche Kosten damit verbunden sind! Mehr dazu auf iwwit.de
    • Wichtig ist dabei natürlich, dass Ihr vor dem HIV-Test beim Arzt 6 Wochen lang keine Risikosituation gehabt haben dürft. Stichwort „diagnostisches Fenster“ von HIV-Tests.
      Alle Infos zu allen Checks vor und während der PrEP gibt’s ebenfalls auf iwwit.de.
    • Wenn Ihr Euren ersten Termin beim Arzt hinter Euch habt, macht gleich beim Gehen den Termin für den nächsten PrEP-Check aus, dann verhindert Ihr längere Wartezeiten!
    • Kalkuliert ungefähr zwei Tage für die Bestellung Eurer Tabletten ein – wenn Ihr Euch für die Blister-PrEP entscheidet.
    • Behaltet Euren Vorrat im Blick – rechtzeitig Folgerezept besorgen und zur Apotheke bringen!
    • Habt Spaß beim Sex! 😉

    Anmerkung der Redaktion: Die Überschrift dieses Artikels behauptet ausdrücklich nicht, dass es bei der Safer Sex-Methode PrEP einen 100prozentigen Schutz vor HIV gibt. Gleiches gilt natürlich auch für die anderen beiden Safer Sex-Methoden Kondom und Schutz durch Therapie. Deshalb gehören regelmäßige Checks auf HIV und auch andere STI für alle dazu. Mehr zum Test auf iwwit.de

  • Tipps und Hilfestellungen: Wenn der Pornokonsum problematisch wird …

    Tipps und Hilfestellungen: Wenn der Pornokonsum problematisch wird …

    Pornografie ist eine uralte Kulturtechnik. Aber noch nie war sie so leicht zu haben wie heute. Dank W-LAN und Smartphone muss kein Schwuler mehr ins schmuddelige Bahnhofskino, wenn er Sexfilme sehen will. Das ist geil. Nun stellt sich die Frage: Wie viel Porno tut uns gut? Ist das schon Pornosucht?

    Checkliste: Wie viel Porno ist zu viel?

    „Das ist die falsche Frage“, sagte Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie an der Hamburger Uniklinik. Entscheidend ist nicht, wie häufig ein Mann masturbiert, sondern wie sehr es ihn stört. „Wenn der Patient nicht unter seinem Verlangen leidet, sollte man als Arzt auch keine Diagnose stellen“, betont Briken in der Süddeutschen Zeitung. Porno- oder Sexgewohnheiten werden erst dann zum Problem, wenn sie deinen Alltag und dein soziales Umfeld stark beeinträchtigen: den Partner, die Freunde, die Arbeitskollegen. Aber wo genau verläuft die Grenze? Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Die folgenden Fragen können dir helfen, deinen Pornokonsum auf den Prüfstand stellen:

    • Ohne Porno bekomme ich nur noch selten einen hoch.
    • Ich gucke auch am Büro-Rechner öfter mal einen Porno.
    • Ich komme öfter zu spät zur Arbeit, weil ich davor die ganze Nacht am Rechner war.
    • Wenn ich Stress oder Langeweile habe, lenke ich mich mit einem Porno ab.
    • Ich kümmere mich nicht mehr um mein Hobby. Alles dreht sich nur noch um Sexualität.
    • Mein Smartphone liegt immer neben meinem Bett. Ich will nicht verpassen, falls mich bei Gayromeo ein netter Kerl anschreibt.
    • Vor dem Ficken muss ich mir erst einmal ordentlich einen antütern – um dann Sex zu haben, den ich hinterher furchtbar finde.

    Zu viel Porno: So kontrollierst du deinen Konsum

    Ehrlich machen. Das Schwierige an Sucht ist: Sie verletzt das Ego. Denn sie bedeutet: Ich habe die Kontrolle verloren. Und das gestehen sich gerade Männer nur ungerne ein. Das Leugnen der Probleme ist Teil der Krankheit.

    Logbuch führen. Überprüfe einmal, wann du wie lange Pornos guckst. Notiere es am besten über einen längeren Zeitraum in einem Logbuch. Diese Aufmerksamkeit führt häufig schon zu ersten Verbesserungen. Denn dann fragst du dich automatisch: Muss ich jetzt unbedingt gucken, oder halte ich noch länger ohne aus?

    Ziele festlegen. Entwickle einen persönlichen Ausstiegsplan, um Pornos und Sex so zu genießen, dass sie nicht mehr deine ganze Zeit und Energie fressen. Wichtig ist dabei:

    • Wann fange ich mit dem Verzicht an?
    • Wie schnell reduziere ich meinen Konsum?
    • Was ist erlaubt? Was nicht? Klare Grenzen sind sehr wichtig.
    • Will ich völlig abstinent sein, oder sind Ausnahmen drin („Samstags ein Porno ist okay“)? Bei Suchtverhalten sind Ausnahmen heikel. Denn sie erfordern extreme Disziplin.

    Mit Rückfällen rechnen. Zu jeder Suchttherapie gehören Rückfälle. Du musst lernen, mit diesen Enttäuschungen umzugehen und danach neu anzusetzen.

    Hypersexualität – eine echte Krankheit?

    Die Sucht nach Pornos ist es aber oft nicht alleine. Meist mischen sich verschiedene Arten von Suchtverhalten: Häufiges Pornogucken. Zwanghaftes Masturbieren. Viele Sexdates, die nach dem Sex ein schales Gefühl hinterlassen, oft in Verbindung mit anderen Suchtstoffen wie Alkohol, Poppers oder Methamphetaminen. Die große Gemeinsamkeit: Die betroffenen Männer empfinden ihr Sexleben als Belastung. Die medizinische Diagnose lautet Hypersexualität. Studien schätzen, dass bis zu sechs Prozent der Bevölkerung phasenweise an ihr leiden. Drei Viertel der Betroffenen sind Männer. Aber das Phänomen ist umstritten. Bisher hat die Weltgesundheitsorganisation die Hypersexualität noch nicht in ihren Katalog der Impulskontrollstörungen (ICD) aufgenommen. Deshalb übernehmen Krankenkassen nicht immer die Behandlungskosten.

    Selbsthilfe: die anonymen Sexsüchtigen

    Selbsthilfegruppen sind eine gute Unterstützung bei allen Suchtproblemen. Die Besucher teilen ihre Erfahrungen und unterstützen sich gegenseitig dabei „sexuell nüchtern“ zu werden. Das Gute daran: Die ehrenamtlich organisierten Meetings kosten nichts, und es gibt sie in allen Metropolen. Eher schwierig: Die Gruppen sind autonom. Mit welchen Methoden sie arbeiten und ob sie Schwule herzlich aufnehmen, weiß man vorher nicht. Einfach hingehen und ausprobieren, ob es passt.

    Die meisten Angebote basieren auf den zwölf Grundsätzen der Anonymen Alkoholiker. Der wichtigste lautet: Nichts dringt nach draußen! Die Teilnehmer können ganz offen über ihre Pronosucht sprechen. Ein weiteres Prinzip ist das Vertrauen auf „eine höhere Macht“. Mit diesem transzendenten, oft religiös verstandenen Ansatz solltest du etwas anfangen können. Hier findest du weitere Selbsthilfe-Informationen:

    Vorsicht vor Scharlatanen

    Pornografie ist ein moralisch explosives Thema. Einige Hilfsangebote in Sachen Pornosucht führen geradewegs zu Organisationen wie dem DIJG. Das hält Homosexualität per se für eine psychische Krankheit und verspricht, nicht nur deine Pornosucht, sondern auch deine Homosexualität zu kurieren. Das ist pseudo-wissenschaftlicher Humbug, der psychische Probleme sogar noch verstärken kann.

    Therapiemöglichkeiten bei Pornosucht
    Pornos und Sex sind so geil, dass sie – ähnlich wie Drogen – einen Kick verleihen. In seltenen Fällen führen sie zu Abhängigkeit. Dann sollte man sie so behandeln wie andere Abhängigkeiten auch. Medikamente werden selten eingesetzt. Besonders erfolgsversprechend sind Psychotherapien. Dabei gibt es mehrere Behandlungsphasen.

    Kontrolle zurückgewinnen. Am Anfang steht meist eine praxisorientiere Verhaltenstherapie. Patient und Therapeut besprechen, wie dieser seinen Sex- oder Pornokonsum besser steuern kann. Die Maßnahmen sind oft simpel, zum Beispiel indem der User eine Filter-Software installiert, die seine Lieblingsseiten im Netz stoppt.

    Alternativen finden. Der Patient lernt zudem, anders auf negative Gefühle wie Angst oder Einsamkeit zu reagieren. Sport ist ein bewährter „Ersatzstoff“. Entlastend sind auch Atem- und Achtsamkeitsübungen.

    Ursachen ergründen. Eine Psychotherapie zieht sich oft über Jahre hin, dafür sind die Erfolgsaussichten gut. Die Patienten finden dabei heraus, wie sich problematische Verhaltensmuster aus der eigenen Lebensgeschichte erklären lassen – und wie man gut mit ihnen leben kann.

    Psychotherapeutische Unterstützung bei Pornosucht oder Sexsucht:

    • Bundesweit: Einen auf Sexualität spezialisierten Therapeuten in deiner Nähe findest du über die Website der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft (DGSMTW): www.dgsmtw.de
    • Hannover: Sexualmedizinisches Kompetenzzentrum: www.smk-hannover.de
    • Hamburg: Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie: www.uke.de
    • Berlin: Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité: sexualmedizin.charite.de

    Porno- oder Sexgewohnheiten werden erst dann zum Problem, wenn sie deinen Alltag und dein soziales Umfeld stark beeinträchtigen: den Partner, die Freunde, die Arbeitskollegen.

    Mehr zum Thema:

    Wieviel Porno ist ungesund?

    MeinSchwulerSex: Sieben Merksätze fürs Pornogucken

  • „Die PrEP ist nur ein Werkzeug, und man muss lernen, damit umzugehen“

    „Die PrEP ist nur ein Werkzeug, und man muss lernen, damit umzugehen“

    Milan (26) nimmt an der PrEP-Studie DISCOVER teil. Sie soll herausfinden, ob das Kombinationsmedikament Descovy genauso gut für die HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe eingesetzt werden kann wie der Vorgänger Truvada. Im IWWIT-Blog berichtet Milan von seiner Motivation und seinen Erfahrungen.

    Foto: Symbolbild

    Für den Pharmahersteller Gilead geht es um viel Geld. Sein HIV-Medikament Truvada war lange Zeit als einziges auch für die PrEP zugelassen – in den USA seit 2012, in Europa seit dem Sommer 2016. Mittlerweile sind auch in Deutschland gleichwertige Nachahmerprodukte auf dem Markt , auch wenn Gilead das für nicht rechtmäßig hält . Wenn sich aber Descovy als auch oder sogar besser (weil nebenwirkungsärmer) zur PrEP geeignet herausstellt und dafür zugelassen wird, hätte Gilead wieder einen Marktvorteil.

    Um die PrEP-Eignung von Descovy zu belegen, wurde Anfang dieses Jahres die groß angelegte Vergleichsstudie DISCOVER gestartet, an der in den USA und Europa zusammen rund 5.000 HIV-negative Männer und Trans*-Frauen mit erhöhtem Infektionsrisiko teilnehmen. Für die Teilnehmer_innen sind die Medikamente kostenfrei, ebenso die studienbezogenen Untersuchungen und Labortests.

    Damit besteht zum ersten Mal in Deutschland für einige wenige Interessent_innen kostenloser Zugang zu Truvada. Die Teilnehmer_innen wissen allerdings nicht, ob sie das erwiesenermaßen vor HIV schützende Präparat oder seinen Nachfolger Descovy bekommen.

    Einer von 5.000 Teilnehmer_innen der PrEP-Studie DISCOVER

    Milan hat auf einem eher ungewöhnlichen Weg von der Studie erfahren: Ein Bekannter von ihm arbeitet zufällig in einer der fünf HIV-Schwerpunktpraxen, die in Deutschland bei der Studie mitmachen und die Teilnehmer_innen mindestens 48 Wochen lang mit Medikamenten versorgen und medizinisch begleiten.

    Von der Möglichkeit, sich durch die PrEP vor HIV zu schützen, hat Milan vor rund zwei Jahren zum ersten Mal gehört: bei einem Arztbesuch.

    „Allein die Medikamente hätten mich 800 Euro pro Monat gekostet“

    „Ich hatte damals Sex, bei dem das Risiko bestand, dass ich mich infiziert haben könnte“, erzählt Milan. Der behandelnde Arzt verordnete ihm eine vorsorgliche HIV-Behandlung, die sogenannte PEP (Post-Expositions-Prophylaxe), und informierte ihn in diesem Zusammenhang auch gleich über die PrEP.

    So ideal diese Variante der HIV-Prävention für Milan auch schien: „Allein die Medikamente hätten mich etwa 800 Euro pro Monat gekostet, das wollte und konnte ich nicht zahlen.“ Die Teilnahme an der DISCOVER-Studie bot dagegen die Aussicht, PrEP-Medikamente für ein, vielleicht sogar zwei Jahre kostenfrei zu erhalten. Kurz entschlossen bewarb er sich.

    Ein Jahr Warten auf den Studienstart

    Seine Freunde, denen er von seiner Bewerbung erzählte hatte, drückten ihm die Daumen  und mussten nun bisweilen seine Ungeduld ertragen. Denn Geduld war im Vorfeld der Studie in besonderem Maße gefordert.

    Der Start und damit auch die Auswahl der Teilnehmer_innen wurde mehrere Male verschoben, die Bewerber_innen wurden immer wieder vertröstet. Fast ein Jahr hörte Milan nichts mehr von der Praxis, bei der er sich als Interessent gemeldet hatte. Dann fragte er endlich telefonisch nach.

    Wie sich herausstellte, war das gerade noch rechtzeitig, denn nur wenige Tage danach wurde die Liste bereits geschlossen. Milan ergatterte einen der letzten Plätze.

    Heimliche Hoffnung auf Sex ohne Kondom

    Und wenn es nicht geklappt hätte? „Keine Ahnung, was ich dann gemacht hätte“, sagt Milan.

    „Als ich sexuell noch nicht so erfahren war, habe ich immer ein Gummi benutzt, aber es dann immer häufiger weggelassen. In meinem Dating-Profil hatte ich zwar ‚Safer Sex immer‘ angeklickt, aber mich immer mit der heimlichen Hoffnung verabredet, dass der Sex vielleicht doch ohne Kondom sein würde. Es war irgendwie aufregend, dass man bis zum letzten Moment nicht wusste, ob sich dieser Wunsch erfüllten würde.“

    Immer ein schlechtes Gewissen

    Milan versuchte, Infektionsrisiken so weit wie möglich auszuschließen. „Am sichersten war es, Sex ohne Kondom mit HIV-positiven Männern unter der Nachweisgrenze zu haben. Aber es gab eben auch immer wieder Situationen, nach denen man später ein schlechte Gewissen hat.“

    Ein Beispiel? Milan lacht verlegen. „Man ist ein bisschen high, geht mit jemandem nach Hause, und sobald man wieder nüchtern ist, fragt man sich: ‚Was ist eigentlich passiert?‘ Und dann hat man guten Grund, sich Sorgen zu machen.“

    „Wie lange sollte ich noch so weitermachen?“

    Dreimal innerhalb von zwei Jahren hat Milan solche Situationen erlebt und sich danach sicherheitshalber eine PEP verschreiben lassen. „Das ist verrückt, oder? Wie lange sollte ich noch so weitermachen? Deshalb musste ich die PrEP auch unbedingt bekommen.“

    Bevor es mit der PrEP dann tatsächlich losgehen konnte, wurde Milan medizinisch umfangreich untersucht, auf sexuell übertragbare Infektionen samt HIV gecheckt und über die Studie aufgeklärt. Eine Woche danach folgte noch einmal ein HIV-Schnelltest, und bei diesem Termin bekam er dann auch schon die erste Monatsration Tabletten ausgehändigt.

    Zwei Pillen am Tag, eine davon ist ein Placebo

    Zwei Pillen muss Milan nun täglich nehmen. Die eine sieht aus wie Truvada, die andere wie Descovy. Doch eine der beiden Tabletten ist ein Placebo. Welches Medikament Milan also tatsächlich einnimmt, wird er erst am Ende der Studie erfahren. Macht ihm dies etwas aus?

    „Überhaupt nicht. Man hat uns gesagt, dass beide Medikamente effektiven Schutz bieten. Solange ich geschützt bin, muss ich auch nicht beunruhigt sein.“

    „Ich war mir bewusst: Das ist ein Einschnitt in meinem Leben.“

    Und dann war es also soweit. Seine Entscheidung für die PrEP hat Milan nicht mehr in Frage gestellt. Kein Zurückzucken, kein Zögern, keine Unsicherheit.

    „Natürlich war klar, dass ich sie nehmen würde, schließlich habe ich über ein Jahr darauf gewartet. Aber es war durchaus ein besonderer Moment. Ich war mir bewusst: Dies ist ein Einschnitt in meinem Leben. Ich werde jetzt für vielleicht mehrere Jahre jeden Tag zwei Tabletten nehmen und das Medikament in meinem Körper haben.“

    Wichtig ist, dass die Medikamente möglichst zur gleichen Zeit eingenommen werden. Bei Milan ist täglich um 18 Uhr Pillenzeit, und bis auf einmal im Urlaub hat es bislang auch immer geklappt.

    Körperliche Nebenwirkungen: keine

    Und wie sieht’s mit den Nebenwirkungen aus? Schließlich stehen diese im Zentrum des Interesses der PrEP-Studie DISCOVER.

    Milan weiß nicht so recht, wie er diese Frage beantworten soll. Körperliche Probleme wie sie bei Truvada beispielsweise im Beipackzettel gelistet sind – Durchfall, Übelkeit und Erbrechen, Hautausschlag und Juckreiz – hatte er keine. Auch früher nicht, als er Truvada in Rahmen der PEP eingenommen hat.

    „Die ersten beiden Wochen aber fühlte ich mich etwas depressiv. Ob es wegen der Tabletten war, kann ich nicht sagen. Vielleicht war ich auch einfach nur schlecht drauf?“.

    Nach zwei Wochen, sagt Milan, war diese Phase dann auch schon vorbei Und nach 14 Tagen regelmäßiger Tabletteneinnahme galt er auch ganz offiziell als geschützt.

    Sex ohne Psychostress und die Reue danach

    Bis dahin galt: kein Sex ohne Kondom. „Das hatte ich meinem Arzt versprechen müssen. Aber ich hatte zu der Zeit ohnehin keine Lust auf Sex, weder mit noch ohne. Das Timing war also perfekt“, sagt Milan. „Direkt danach ging’s in den Urlaub: nach Tel Aviv zum Gay Pride.“

    Ab jetzt war also Sex ohne Kondom möglich, ohne die Angst, sich vielleicht einem HIV-Risiko ausgesetzt zu haben. Ohne den Psychostress und die Reue danach.

    „Es gibt dir etwas, aber es nimmt dir auch etwas weg.“

    Und wie war’s nun, endlich am Ziel zu sein? Milan schweigt, sucht nach den passenden Worten und wird dann wider Erwarten sehr ernst. „Es gibt dir etwas, aber es nimmt dir auch was weg“.

    Er versucht es zu erklären: „Ich kann nun so viel Sex haben, wie ich möchte, ohne darüber nachdenken zu müssen, und das mache ich jetzt auch. Ohne schlechtes Gewissen. Mein Sexleben ist seither wilder, aber andererseits habe ich das Gefühl, dass ich nicht mehr so einfach befriedigt bin. Ich erlebe mich als ziemlich wählerisch und verwöhnt, um nicht zu sagen: arrogant.“

    Mit der PrEP-Freiheit umgehen lernen

    So richtig kann er sich diese Entwicklung nicht erklären, nur vermuten „Ich glaube, dass mich die Freiheit, die mir die PrEP gibt, dahin gebracht hat. Das ist jedoch nicht die Schuld der PrEP, sondern meine eigene Unfähigkeit, mit dieser Freiheit umzugehen. Die PrEP ist nur ein Werkzeug, und man muss lernen, damit umzugehen. Und das umfasst mehr, als regelmäßig die Tabletten einzunehmen.“

    Dass die PrEP und die damit verbundenen Möglichkeiten des sexuellen Erlebens nachhaltige Wirkung haben würden, hat Milan nicht überrascht. Genau genommen war dies sogar einer der Gründe, warum er an der Studie teilnehmen wollte.

    „Ich bin neugierig darauf, was das mit mir macht.“

    „Ich wollte Sex ohne Gummi haben, ohne die Angst vor lebenslangen Konsequenzen einer HIV-Infektion. Und ich wollte am eigenen Leib erfahren, wie es für HIV-Positive ist, jeden Tag Tabletten einnehmen zu müssen. Ich bin neugierig darauf, was diese sexuellen Erfahrungen mit mir machen. Ob diese Zeit auf PrEP mich in meiner persönlichen Entwicklung weiterbringt, ob sich meine Lebenseinstellung und meine Haltung zur Sexualität verändern.“

    Hoffnung auf Veränderungen

    Milan ist nicht nur neugierig darauf, sondern er erhofft sich diese Veränderungen. Momentan nehme die Sexualität sehr großen Raum in seinem Leben ein, sagt er offen. Mehr sogar, als ihm eigentlich lieb ist.

    „Eigentlich möchte ich mich nicht immer nur mit Sex beschäftigen, sondern mich auf ernstere Dinge konzentrieren. Manche werden darüber sicherlich lachen, und vielleicht bin ich auch nur naiv. Mal sehen, wie ich in vielleicht einem Jahr darüber denke.“

    Vorerst aber nutzt Milan die neuen sexuellen Freiheiten in vollen Zügen. Online ist er kaum mehr unterwegs. „In einen Sexclub zu gehen ist wesentlich effektiver“, scherzt Milan. „Ich will nicht so viel Zeit mit Chatten verschwenden, um flachgelegt zu werden.“

    Regelmäßige Check-ups

    In regelmäßigen Abständen muss Milan im Rahmen der Studie zu einem Check-up. Dabei wird er zum einen wieder auf HIV und andere Geschlechtskrankheiten getestet. Zum anderen wird überprüft, ob es auffällige Veränderungen der Nierenwerte und der Knochendichte gibt – beides sind mögliche Nebenwirkungen der PrEP. Dass jemand die Behandlung die Behandlung abbrechen muss, weil er die Medikamente nicht vertrug, hat Milan mittlerweile sogar im engen Freundeskreis schon erlebt.

    „Ich hoffe, dass ich nicht mit der Studie aufhören muss.“

    Eigentlich ist Milans nächster Praxisbesuch auch erst in knapp vier Wochen, nun soll er aber schon früher vorbeikommen. Die Ergebnisse des letzten Check-ups liegen vor, da gebe es was zu klären. Was das nun bedeutet, weiß Milan nicht.

    Ob er sich was eingefangen hat und behandelt werden muss? Oder wurden etwa nachhaltige Nebenwirkungen der Medikamente diagnostiziert? „Ich hoffe nur, dass ich deshalb nicht mit der Studie aufhören muss“, sagt Milan. „Aber ich will mich jetzt nicht unnötig verrückt machen. Wird schon nichts Schlimmes sein.“

    Weiterführende Beiträge zum Thema:

    „Pillen zum Schutz vor HIV“: DISCOVER-Studie jetzt auch in Deutschland“ (magazin.hiv, 10.4.2017)

    Interview: „Seit ich die PrEP nehme, ist mein Sex viel entspannter“ (IWWIT-Blog, 3.7.2017)

    „PrEP? So was machen wir hier nicht!“ (magazin.hiv, 1.8.2017)

  • Verpeilt – und sonst? Ergebnisse der Chemsex-Studie aus England

    Verpeilt – und sonst? Ergebnisse der Chemsex-Studie aus England

    GHB/GBL, Kokain, Ketamin, Crystal Meth und Mephedron – das Angebot an Sexdrogen, sprich Chems [‚K:ems‘], ist nicht klein. Chems verstärken die Geilheit und steigern Glückgefühle. Sie können aber auch zu Folgeschäden führen.

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    GHB/GBL, Kokain, Ketamin, Crystal Meth und Mephedron – das Angebot an Chems ist nicht klein. (Foto: iwwit.de)

    Um mehr über den Drogenkonsum schwuler Männer zu erfahren, haben britische Forscher in drei Londoner Bezirken mit überdurchschnittlich hohem schwulen Bevölkerungsanteil eine Studie durchgeführt. Dazu gehörte auch eine Befragung von 30 Männern, die im Jahr zuvor Chems beim Sex konsumiert hatten. Die vor Kurzem veröffentlichten Ergebnisse der Chemsex-Studie sind also nicht repräsentativ, erlauben aber trotzdem Rückschlüsse auf den Drogengebrauch auch in deutschen Großstädten. Hier das Wichtigste zusammengefasst:

    Auswirkungen auf das sexuelle Empfinden und die sexuelle Leistungsfähigkeit:

    Ein Großteil der 30 Befragten …

    • steigert mit Chems die Geilheit und hat längeren, vielseitigeren und gewagteren Sex, zum Teil auch mit mehreren Männern.
    • nimmt Chems, um Schwierigkeiten mit dem eigenen Selbstwertgefühl/dem sexuellen Selbstvertrauen zu überwinden.
    • ist trotz der Steigerung des sexuellen Erlebens mit seinem Sexleben nicht zufrieden.

    Einige der Befragten sagten, dass sie …

    • ohne Chems gar keinen Sex mehr haben können.
    • darüber besorgt waren, mit Chems die eigenen sexuellen Grenzen überschritten zu haben, was sie wiederum bereuten.
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    Am 2. Juli 2014 ist der 1. Alternative Drogen- und Suchtbericht erschienen. (Foto: DAH)

    Was noch?
    „Slamming“, das heißt das Spritzen von Drogen – insbesondere von Crystal Meth – kommt insgesamt deutlich seltener vor als gedacht, nämlich bei 3,5 Prozent der gut 1.100 schwulen Männer aus den drei untersuchten Londoner Stadtteilen, zu denen es aktuelle Daten gibt. Von den 30 Befragten dagegen hatte ein Drittel kürzlich Crystal Meth oder Mephedron gespritzt. Sie erklärten, dann noch extremeren Sex zu haben als bei anderen Formen der Einnahme.
     

    Drogen und HIV-Risikoverhalten:

    Etwa ein Viertel der Teilnehmer …

    • hatte das Gefühl, sein Handeln kontrollieren zu können, und hatte Sex mit begrenzter Wahrscheinlichkeit einer Übertragung von HIV oder einer anderen sexuell übertragbaren Infektion.
    • war selbst HIV-positiv und hatte bewusst ungeschützten Analverkehr mit Männern, von denen sie glaubten, sie seien ebenfalls HIV-positiv.

    Aber: Knapp ein Drittel fand es schwierig, sich unter Drogen zu kontrollieren, und ging das Risiko einer Übertragung von HIV oder anderer sexuell übertragbarer Infektionen ein.

    Was noch?
    Nur ein kleiner Teil der Männer suchte nach risikohaftem Sex und fühlte sich durch die Einnahme von Drogen noch risikobereiter, überschritten sexuelle Grenzen und lebten Fantasien aus.
     

    Negative Erfahrungen und Folgeschäden:

    Immer wieder erklärten die Männer, dass …

    • Chems negative Einflüsse auf soziale Bindungen, Karriere und auf Beziehungen haben.  
    • sie nach dem Gebrauch viel Zeit für eine Erholung benötigten.
    • sie Angst vor einer Überdosierung (besonders von GHB/GBL) hatten.
    • sie eigene Erfahrungen hatten bzw. von Dritten wussten, die wegen Überdosierungen unter Panikattacken und Krämpfen ins Krankenhaus eingeliefert wurden.
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    Die Angst vor einer Überdosierung – besonders von GHB/GBL – ist bei einigen Männern vorhanden. (Foto: iwwit.de)

    Was noch?
    Einige Männer berichteten über Verfolgungswahn, Angstzustände oder Aggressionen, akute manische Schübe oder psychotische Episoden, die behandelt werden mussten.
    Trotz des eigenen Konsums zeigten sich die meisten Männer besorgt über mögliche Auswirkungen von Chemsex auf die schwule Szene.

    Eine deutsche Kurzfassung mit mehr Infos gibt’s hier: https://www.hivreport.de/

    Weitere Ergebnisse sowie Details zur Untersuchung findet ihr in Englisch unter: http://www.lambeth.gov.uk/sites/default/files/ssh-chemsex-study-final-main-report.pdf.

    Wer grundsätzlich mehr über das Thema erfahren möchte, findet auf der ICH WEISS WAS ICH TU-Website unter https://neu.iwwit.de/themen/drogen die wichtigsten Infos.

    Am 2. Juli 2014 wurde der 1. Alternative Drogen- und Suchtbericht veröffentlicht, dessen Mitherausgeber die Deutsche AIDS-Hilfe ist. Er soll dazu beitragen, das vorhandene Wissen über Prävention und Drogenhilfe in eine dauerhaft erfolgreiche Drogenpolitik zu übersetzen. Zum vollständigen Bericht: http://www.aidshilfe.de/sites/default/files/Alternativer%20Sucht%20und%20Drogenbericht%202014.pdf

  • „Die Veränderung hat im Kopf stattgefunden und nicht zwischen den Beinen.“ – Gespräch mit einem PrEP-Aktivisten

    „Die Veränderung hat im Kopf stattgefunden und nicht zwischen den Beinen.“ – Gespräch mit einem PrEP-Aktivisten

    „Ficken nur mit Gummi!“. Diese Regel war über viele Jahre gesetzt. Seit einiger Zeit jedoch zeigt die Wissenschaft: Safer Sex ist auch ohne Gummi möglich – wie es Schutz durch Therapie oder die PrEP (Präexpositionsprophylaxe) zeigen. Gerade die letztgenannte Präventionsmöglichkeit sorgt derzeit für Furore. Das Prinzip: HIV-Negative nehmen eine Tablette täglich ein, um sich vor HIV zu schützen. Was in den USA schon seit 2012 offiziell empfohlen wird, ist in der EU aktuell jedoch nur über Umwege möglich. Ein Skandal, findet unter anderem Emmanuel. Der 30-Jährige Berliner PrEP-Aktivist mit französisch-israelischen Wurzeln kann sich ein Leben ohne den Schutz durch die Tablette kaum mehr vorstellen.

    Emmanuel, du bist vor fünf Jahren nach Berlin gezogen. Wie dachtest du früher über Safer Sex?
    Meine Weltsicht war bis dahin ganz einfach: Wir benutzen fast alle Gummis. Manchmal passiert zwar ein Unfall, dann kann es zu einer Infektion kommen, aber letztendlich kennen ja alle die Risiken und lassen sich regelmäßig testen. Die einzige Möglichkeit ohne Gummi ficken zu können, ist in einer monogamen Partnerschaft, nachdem man vorher gemeinsam zum Test gegangen ist. Nur dann gibt es den offiziellen „Stempel“ mit der Erlaubnis zum kondomlosen Ficken.

    Aber so einfach war die Welt dann doch nicht.
    Ja, denn es wurde immer deutlicher, dass das althergebrachte Schwarz-Weiß-Denken nicht mehr funktioniert: „Positiv“ und „Negativ“ oder „Safe“ und „Unsafe“ – was sagt das heute aus? Wir wissen inzwischen ja, dass man sich bei einem HIV-Positiven in erfolgreicher HIV-Therapie nicht infizieren kann. Dagegen gibt es viele vermeintlich HIV-Negative, die von ihrer Infektion nichts wissen, und ohne Gummi unterwegs sind…

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    Weil er es untragbar findet, dass in Deutschland der Zugang zur PrEP fast unmöglich ist, ist Emmanuel PrEP-Aktivist geworden. (Foto: iwwit.de)

    Zeit und Erfahrung haben mir gezeigt, dass sehr viele Typen doch keine Gummis benutzen, oder nur unter Druck. Ich wurde oft abgelehnt, weil ich nicht bare ficken wollte. Dann gab es auch zwei Fälle, wo das Gummi „verschwunden“ bzw. “weggerutscht“ ist. – Das hat mein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle zerbrochen.

    Und was hat dich zur PrEP geführt?
    Ich kam ich zu einem Punkt wo ich entscheiden musste, entweder lebe ich mit ständiger Angst vor HIV, weswegen ich Sex auch nicht uneingeschränkt genießen kann. Oder ich gebe auf und akzeptiere, dass HIV kein „wenn“ sondern ein „wann“ ist. Ich habe immer wieder junge Männer mit dieser Einstellung getroffen: „Ich werde sowieso irgendwann HIV bekommen. Wenn es passiert, dann lasse ich mich einfach behandeln.“ Diese Einstellung kam für mich aber nicht in Frage.

    Glücklicherweise habe ich an diesem Zeitpunkt von der PrEP erfahren, und wusste sofort, das ist genau die dritte Option die ich brauche.

    Was hat dein Umfeld gesagt, als du mit der PrEP begonnen hast? Wie waren die Reaktionen?
    Das war sehr unterschiedlich. Bei Heteros kam das eigentlich sehr gut an. Die Schwulen dagegen hatten schon Probleme damit und waren teils ziemlich moralisch. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass es manchen Schwulen nach 30 Jahren „Condom only“-Botschaft schwerfällt, diese fast schon heilige Botschaft aufzugeben. Immerhin haben wir ja alle gelernt: Analverkehr ohne Gummi ist eine „Sünde“. Und jetzt kommt jemand, der meint, Sex ohne Gummi sei nicht mehr unsafe?!

    Hat sich dein Sexleben mit der PrEP verändert?
    Ich hatte mit der PrEP anfangs eine ziemlich wilde Zeit, und habe einiges ausprobiert (lacht)… Und jetzt weiß ich besser, wo meine Grenzen liegen. Die viel größere Veränderung hat letztlich im Kopf stattgefunden und nicht zwischen den Beinen. Plötzlich war es mir möglich, eine Nähe und Intimität zuzulassen und zu fühlen, die ich bisher nicht von mir kannte. Auch mein Alltag ist seitdem anders. Die Angst vor HIV war bei mir oft im Hinterkopf – diese ständige Rechnungen, mit wem habe ich was getan und wo könnte ein Risiko bestehen, haben mit der PrEP aufgehört. Vor der PrEP hatte ich gar keine Ahnung, wie viel Einfluss die Angst auf mein ganzes Leben hat – und eben nicht nur auf mein Sex-Leben.

    Was sagst du zu den Gegnern, die behaupten, PrEP würde ein Tor zu anderen sexuell übertragbaren Infektionen öffnen?
    Jeder der PrEP unter ärztlichen Aufsicht nimmt wird alle 3 Monaten auf STI untersucht und falls nötig auch behandelt. Ja, es gibt genug anderen Mist. Das sind meistens Schmierinfektionen gegen die Kondome nur teilweise schützen, und die Hälfte der Fälle ist oft symptomlos. Wer behauptet, er brauche nicht regelmäßig beim Arzt Abstriche machen zu lassen, weil er immer mit Gummi fickt und keine Symptome hat, wiegt sich und seine Partner in einer falschen Sicherheit.

    PrEP könnte die Lage ändern – endlich würden sich genau die Männer, die davon am meisten profitieren könnten, häufig vom Arzt beraten und auf STI testen lassen! Könnte das nicht sogar zu einem Rücktritt der Tripper-Epidemie führen?

    Du hast angefangen, dich als Aktivist für die PrEP einzusetzen. Warum?
    Weil ich es traurig finde, dass junge Schwule das Risiko einer Infektion bewusst eingehen, während es schon seit 4 Jahren eine neue, zusätzliche Schutzmöglichkeit gibt! Und auch weil ich es untragbar finde, dass in Deutschland der Zugang zur PrEP fast unmöglich ist. Wenn das Thema nicht so moralistisch geladen wäre, oder wenn HIV ein Problem der Heterogesellschaft wäre, wäre PrEP schon längst verfügbar. Ich will anderen in der Community den Zugang zur PrEP einfacher machen.

    Wie setzt du dich für die PrEP konkret ein?
    Ich habe erstmal einen Planetromeo-Club gegründet, um Information zu verbreiten über wie man in Deutschland an die PrEP kommen kann („PrEP-info-DE“). Aber das reicht natürlich nicht. Als nächsten Schritt hoffen wir, bald eine eigene Website und eine Facebook-Gruppe zu haben. Es gibt andere Aktivisten, die viel machen – zum Beispiel die LoveLazers, oder PANSY, die ab dem 28.04.2016 einen monatlichen Abend rund um Sex und Drogen organisiert: https://www.facebook.com/LetsTalkAboutSexAndDrugs 

    PrEP ist schon eine Realität. Las uns die Chance nicht verpassen, es richtig einzusetzen. Nur so haben wir eine Chance, die HIV-Neuinfektionsrate zu senken!

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    Emmanuel ist seit Sommer 2015 „PrEPster“. (Foto: iwwit.de)
  • Sicherheitsgefühl im Arsch?

    Sicherheitsgefühl im Arsch?

    Im „Präejakulat“ spiegelt sich das ganze Drama um Safer Sex, für Aidshilfe-Berater ist der stete Lusttropfen die Königsdisziplin. Denn wer glaubt schon, was er weiß? Eine Glosse von Holger Wicht

    So nett sehen sie aus, bevor sie feucht werden!

    Wahrscheinlich ist es noch niemandem aufgefallen, aber das männliche Glied erinnert in gewisser Weise an Gremlins: Wenn es feucht wird, wird’s ernst.

    Man muss das vielleicht erklären: Der Film „Gremlins – Kleine Monster“ drehte sich 1984 um hinreißende Kuscheltiere, die sich aber rasch zu bissigen Bestien wandeln konnten. Wenn Sie mit Flüssigkeit in Berührung kamen, nahm das Unheil seinen Lauf.

    Nun wird ein Penis bekanntlich nicht bissig, wenn er mit … sagen wir mal … Speichel in Berührung kommt. Sobald aber beim Oralverkehr Flüssigkeit aus dem Penis heraus kommt, zieht sich der Bläser nicht selten erschrocken zurück, denn der Tropfen verheißt Unheil. Das liegt an 30 Jahren HIV-Prävention: „Raus bevor es kommt!“ – diese Botschaft haben die meisten Menschen zutiefst verinnerlicht. Wer Sperma in den Mund bekommt, so haben wir’s gelernt, riskiert eine HIV-Infektion.

    Nun kann der Lusttropfen zwar laut Dr. Sommer dann und wann schwanger machen, ist aber kein Sperma. Wissenschaft und Prävention haben für die – wie es so unschön heißt – Vorflüssigkeit von Anfang an eine eindeutige Sondergenehmigung ausgestellt:  Die Viruskonzentration darin reiche für eine HIV-Übertragung beim Oralverkehr nicht aus. Etwas lyrischer formuliert: Von den ersten Frühlingsboten bekommt man keinen Sonnenbrand.

    Sperma nee, Lusttropfen okay? Wer hat diese Botschaft je so einfach geschluckt?

    So einfach könnte es also sein: Sperma nee, Lusttropfen okay. Aber mal ehrlich, diese  Botschaft wie auch den edlen Tropfen selbst haben die meisten von uns doch nie ohne weiteres geschluckt. Für viele Menschen ist der Lusttropfen ein Liebestöter. Und von Anbeginn bis heute ist er die Königsdisziplin des Beratungsgesprächs. Denn in diesem Tröpfchen Körperflüssigkeit spiegelt sich das ganze Universum von Safer Sex, all das Wissen von Übertragungswahrscheinlichkeiten wie all die Ängste und Eventualitäten, die Menschen keine Ruhe lassen.

    … aber dann!

    Anders formuliert: Wir wissen, dass nichts passieren kann – aber lässt uns das ruhig blasen?

    In der Realität sieht’s doch so aus: Solange wir nix sehen und schmecken, ist alles okay, dann wird uns das bisschen Flüssigkeit nicht umbringen. Sobald der Lusttropfen sich aber in die Wahrnehmung drängt, kann er, so klein er ist, erdrutschartige Sorgen ausschwemmen.

    Es geht ja schon damit los, dass es sich nicht immer nur um einen Tropfen handelt; man wird mit sehr verschiedenen Mengen konfrontiert. Und wenn es sich eben mal nicht um einen Lusttropfen, sondern um ein Lustrinnsal oder gar einen Luststrom handelt – ist das nicht vielleicht gerade die Ausnahme von der Safer-Sex-Regel? Summieren sich dann nicht die extrem wenigen Viren pro Mikroliter und überschreiten die gefährliche Grenze?

    Ist das überhaupt noch Vorflüssigkeit? Oder nicht vielleicht doch schon Sperma? Es gibt Männer mit viel Vorflüssigkeit und Männer mit spärlichem Sperma. Konsistenzen variieren. Beide Flüssigkeiten kommen kurz nacheinander aus derselben Öffnung. Lusttropfen und Ejakulat – das sind für den Praktiker Begriffe mit geringer Trennschärfe!

    Und mal ehrlich: Dass eine „geringe Viruskonzentration“ für eine Infektion nicht ausreicht, das ist doch eh ein arg wackliges Konstrukt. Jetzt hört man auch noch, im Rektum sei der Lusttropfen sehr wohl gefährlich. Da ist doch das Sicherheitsgefühl endgültig im Arsch!

    Und überhaupt: Heute Nacht habe ich mir auf die Zunge gebissen, nach dem Abendessen mein Zahnfleisch mit Zahnseide aufgesäbelt und Schleimhäuten ist eh nicht zu trauen. Ist da dem Virus nicht jetzt, in diesem konkreten Fall, doch Tür und Tor geöffnet?

    Mit dem Lusttropfen Freundschaft schließen?

    Es ist ein Reigen irrationaler Ängste, die der Lusttropfen nährt, und sie sind umso schwerer handhabbar, weil ein paar berechtigte Zweifel mitschwingen. So ist das beim Safer Sex: Während wir nach voller Hingabe streben, rechnen wir heimlich in Wahrscheinlichkeiten – und stets mit dem Schlimmsten. Restrisiken sind in Kauf zu nehmen – schummeln sich aber aufgeblasen in den Vordergrund, weil Angst eine der geschicktesten Illusionistinnen unter der Sonne ist.

    Mit Informationen kann man sie nicht immer aus dem Feld schlagen, die Angst, aber immerhin in ihre Grenzen weisen. Zum Glück wissen wir heute, dass selbst die volle Ladung Sperma im Mund im Vergleich zum ungeschützten Analverkehr nur ein geringes Risiko bedeutet. Vielleicht hilft uns das, mit dem Lusttropfen Freundschaft zu schließen?

    Wenn nicht, empfehle ich die Beratungsangebote der Deutschen AIDS-Hilfe. Dort kennt man das Thema schon.

    Die Wahrheit über den Lusttrofen aus der Forschung

  • Guter Tropfen? Böser Tropfen?

    Beim Blasen ist der Lusttropfen kein Problem, beim Ficken kann er für eine HIV-Infektion ausreichen

    Lustropfen
    Jetzt kommt's raus: verschiedene Risiken im Mund und im Arsch (Foto: Wikipedia)

    „Ich habe gehört, der Vortropfen, also der Vorsaft, wäre extrem virushaltig. Andere sagen genau das Gegenteil. Was stimmt nun?“ Diese Anfrage stellte kürzlich ein Mann dem Health Support in Gayromeo. Überhaupt ist der Lusttropfen eines der häufigsten Themen in der Beratung zu HIV und Safer Sex.

    Kann man sich über den Lusttropfen beim Blasen oder Ficken infizieren? Im neuen HIV-Report der Deutschen AIDS-Hifle gibt’s darauf ausführliche Antworten aus der Abteilung für medizinische Fragen. Hier die Zusammenfassung für Praktiker:

    „Für den Vortropfen gilt der alte Satz aus der Beton-Werbung: Es kommt drauf an, was man draus macht“, sagt DAH-Medizin-Referent Armin Schafberger. „Beim Blasen ist eine Infektion so gut wie ausgeschlossen, beim Ficken sieht die Sache ganz anders aus.“

    Beim Oralverkehr ist „Raus bevor es kommt“ also weiterhin eine hervorragende Methode, um sich vor HIV zu schützen. Der Lusttropfen enthält HIV nämlich nur in sehr geringer Konzentration, die für eine Übertragung nicht ausreicht. Außerdem ist die Mundschleimhaut eine ziemlich gute Barriere.

    Vorsicht ist aber geboten, wenn man im Mund offene Stellen hat. Die können auf andere sexuelle übertragbare Infektionen hinweisen, die die Gefahr einer HIV-Infektion stark erhöhen.

    „Man muss sich nicht wegen jeder kleinsten Verletzung im Mund verrückt machen“, betont Armin Schafberger. „Gefährlich wird’s wenn Herpesbläschen oder ein Syphilisgeschwür vorhanden sind. Dann sollte man aufs Blasen verziczhten – natürlich auch im Interesse des Partners. Also: Gut auf Veränderungen im Mund achten und im Zweifel den Arzt fragen!“

    Beim Analverkehr sieht’s generell anders aus als beim Blasen. Es besteht auch ohne Abspritzen ein erhebliches Risiko, sich mit HIV zu infizieren. Unklar ist allerdings, ob das Risiko für den „passiven“ Partner durch den Lusttropfen entsteht oder durch andere Faktoren.

    (schaf/tau/howi)

    Sicherheitsgefühl im Arsch? Die Glosse zum Thema des Tages