Kategorie: Gesundheit

  • Interview: Lutz hat MPX („Affenpocken“)

    Interview: Lutz hat MPX („Affenpocken“)

    Lutz, wie geht es dir?

    Momentan, elf Tage nach den Frühsymptomen geht es mir wieder gut, ich bin fast genesen. Schon am dritten Tag fühlte ich mich besser, zum Glück ging es bei mir schnell vorbei.

    Du bist der erste MPX-, also „Affenpocken“-Fall im Rhein-Erft-Kreis. Wie hast du gemerkt, dass etwas nicht stimmt?

    In der Nacht des 25. Mai, fünf Tage nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub in Maspalomas, traten die Symptome auf: Lymphknotenschwellung in der Leistengegend, 39 Grad Fieber und eine Pocke im Genitalbereich. In meinem Fall hat es etwa zwei Wochen ab der vermuteten Ansteckung auf Gran Canaria gedauert, bis die ersten Symptome auftraten. Mir wurde klar, dass es sich um MPX, also „Affenpocken“ handelte, weil ein Bekannter von mir – den ich zufällig im Urlaub traf – drei Tage vor mir positiv getestet wurde. Er erzählte mir von den Symptomen und riet mir, nach etwas Ähnlichem zu achten. Als ich also die gleichen Symptome hatte, ging ich direkt in die Notaufnahme der Uniklinik Köln, die einen Pockenabstrich und eine PCR durchführten. Am Freitag, dem 27. Mai, bekam ich dann den Anruf, dass ich positiv getestet wurde.

    Magst du erzählen, wie du dich infiziert hast?

    Wahrscheinlich auf dem Maspalomas Pride. Ich habe meinen deutschen Bekannten zufällig auf einer Party dort getroffen. Da hatten wir beide engen Körperkontakt, aber auch danach mit anderen auf privaten Sexpartys. Es waren viele Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern dabei. Darunter auch ein Berliner, der sich ebenso in Maspalomas infizierte.

    Wie verlief deine Infektion denn?

    Das Fieber ging in zwei Tagen schnell weg, aber die Schwellung der Lymphknoten hielt eine Woche lang an. Jetzt sind sie nur noch ganz leicht geschwollen, nicht mehr so stark wie früher. Ich hatte vier Pocken, eine im Genitalbereich, eine auf meinem rechten Oberarm, eine auf dem Po und die vierte auf dem Kopf unter meinen Haaren. Am Anfang sahen sie wie normale Pickel aus, danach hatten sie eine weißliche Kruste mit Flüssigkeit darin, etwa einen Zentimeter groß. Inzwischen sind drei davon kaum noch zu sehen. Die im Genitalbereich wird noch einige Zeit brauchen, um zu verschwinden. Ich musste keine Medikamente einnehmen, sie heilen von alleine ab.

    „21 Tage Isolation sind sehr hart für mich.“

    Es hört sich hart an, allein in der Isolation mit einem Virus, das nur wenige Menschen in Deutschland haben.

    Ich habe aber keine Angst vor der Krankheit, denn zum Glück habe ich einen sehr milden Verlauf. Jedoch sind 21 Tage Isolation sehr hart für mich. Ich fühle mich in dieser Zeit sehr einsam und allein: schreibe und telefoniere viel mit Freund*innen, Familie und Bekannten. Das hilft mir.

    Und wie war die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt?

    Gleich nach meinem positiven Testergebnis am 27. Mai rief mich das Gesundheitsamt an und teilte mir mit, dass ich für mindestens 21 Tage in Quarantäne gehen muss. Sie fragten auch nach den Kontaktpersonen. Außerdem rufen sie mich regelmäßig an und fragen nach der Entwicklung der Symptome. Bei mir endet die Quarantäne automatisch, wenn alles abgeheilt ist, ohne dass ich noch einmal vom Arzt untersucht werden muss, aber hier gehen die Gesundheitsämter unterschiedlich vor.

    „Ich glaube, dass es durch die Kontakte immer wieder Einzelfälle geben könnte, aber nicht zur Pandemie kommen wird.“

    Glaubst du, dass es einen Ausbruch in Deutschland geben könnte?

    Das Virus ist überhaupt nicht leicht übertragbar, man muss sich schon Mühe geben: Wir hatten sehr engen Körperkontakt. Ich glaube, dass es durch die Kontakte immer wieder Einzelfälle geben könnte, aber nicht zur Pandemie kommen wird.

    „Dass wir stark betroffen sind, ist richtig, aber von einer Risikogruppe zu sprechen, gefällt mir nicht.“

    In den Medien werden einige Ausdrücke verwendet, die Stigmatisierung und Diskriminierung schwuler und bisexueller Männer fördern könnten. Wie nimmst du diese Diskussion jetzt wahr?

    Sie ist teilweise stigmatisierend. Es ist klar, dass bei MPX mehr Schwule betroffen sind, aber es kann jeden treffen. Die Aufklärung, dass wir stark betroffen sind, ist richtig, aber von einer Risikogruppe zu sprechen, gefällt mir nicht. Der Sprachgebrauch erinnert stark an die 80er-Jahre, als HIV ausbrach und es sehr stigmatisierende Medienberichte gab. Wörter wie Risikogruppe sollten umformuliert und durch z.B „häufig betroffene Menschen” ersetzt werden.

    Wie reagieren die Menschen um dich herum? Helfen sie dir gerne oder hast du das Gefühl, dass es Vorurteile oder Ängste gibt?

    Mein Umfeld hat total cool reagiert und mir sofort Hilfe zum Beispiel beim Einkaufen angeboten. Ängste oder Vorurteile habe ich nicht gemerkt.

    „Es bringt nichts, beim Sex Angst zu haben. Angst nimmt einem den Spaß an Sex. Ich habe sehr gerne Spaß!“

    Mit dem, was du jetzt weißt und erlebst: Hättest du deinen Maspalomas-Urlaub anders machen wollen?

    Ich hätte den Urlaub nicht anders verbracht und genauso gemacht. Es bringt nichts, beim Sex Angst zu haben. Es kann immer passieren, dass man sich mit etwas ansteckt. Angst nimmt einem den Spaß an Sex. Ich habe sehr gerne Spaß! 

    Was sollte jetzt getan werden?

    Achtet auf die Verbreitung, betreibt Aufklärung! Ich zum Beispiel bekam die Symptome alle auf einmal. Aber bei meinem Bekannten kamen sie nach und nach. Die Symptome können also von Person zu Person abweichen. Man sollte in jedem Fall auf Symptome achten und sich testen lassen, wenn ein Verdacht entsteht. Außerdem ist es natürlich wichtig, Testkapazitäten aufzubauen.

    Weitere Infos zu MPX („Affenpocken“)
    MPX-Infos bei IWWIT: https://neu.iwwit.de/affenpocken

    MPX („Affenpocken“): Zahl der Fälle steigt, Impfung kommt

    MPX-Infos bei der Deutschen Aidshilfe: https://www.aidshilfe.de/affenpocken

    STIKO gibt Empfehlung zur Impfung gegen MPX („Affenpocken“) in die Abstimmung
  • MPX („Affenpocken“): Zahl der Fälle steigt, Impfung kommt

    MPX („Affenpocken“): Zahl der Fälle steigt, Impfung kommt

    Die meisten Fälle wurden aus Berlin gemeldet, weitere aus Nordrhein-Westfalen, Bayern Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

    Die europäische Gesundheitsbehörde ECDC hat bis zum 8. Juni 704 Fälle von MPXV-Infektionen in europäischen Ländern registriert (Statistik ohne das Vereinigte Königreich und die Schweiz). Weltweit wurden bisher 1176 Fälle bestätigt.

    Bisher vor allem schwule Männer betroffen

    Wie auch in den anderen Ländern außerhalb Afrikas betreffen die „Affenpocken“ (MPX) in Deutschland zurzeit vor allem schwule und bisexuelle Männer. Bisher wurde der Erreger hierzulande ausnahmslos bei Männern nachgewiesen, bei vielen liegt zudem die Information vor, dass sie Sex mit Männern hatten.

    Klar ist aber auch: Die Affenpocken können prinzipiell jeden betreffen. Wie das Virus in die schwule Community gelangt ist, ist noch nicht geklärt.

    Erste Fälle hat es laut Robert Koch-Institut bereits Ende April gegeben – also schon vor dem Maspalomas Pride auf Gran Canaria und dem Darklands-Festival in Antwerpen, bei denen offenbar zahlreiche Übertragungen stattgefunden haben. 

    Kein Grund zur Panik, aber zur Vorsicht

    Der Ausbruch der Affenpocken in immer mehr Ländern ist ungewöhnlich. Die Ursachen sind noch nicht geklärt. Fakt ist: Diese Erkrankung ist bisher in Europa kaum vorgekommen. Wenn Menschen sich auf einer Reise infiziert hatten, dann hat sich die Krankheit nicht weiterverbreitet. Das ist nun offenbar anders.

    Fachleute rechnen nicht mit einer Pandemie wie bei Covid, befürchten aber eine weitere Ausbreitung der Infektion. 

    „Es besteht ganz sicher kein Grund zur Panik“, sagt auch Holger Wicht, Sprecher der Deutschen Aidshilfe. „Die Fallzahlen sind insgesamt noch gering, das Risiko einer Infektion ist nicht besonders hoch. Die Krankheit kann zwar sehr unangenehm sein, heilt aber meistens von alleine aus. Wir empfehlen, sich gut zu informieren und bei Krankheitsanzeichen besonders aufmerksam zu sein.“

    Auch das RKI ruft zu erhöhter Wachsamkeit auf: Insbesondere Männer, die Sex mit Männern haben, sollten sich bei Hautveränderungen wie Pusteln oder Knötchen ärztlich untersuchen lassen. Die beste Adresse dafür sind infektiologische Einrichtungen wie zum Beispiel eine HIV-Schwerpunktpraxis. 

    Impfung noch im Juni

    Eine Impfung für Menschen mit besonders hohem Risiko könnte noch im Juni zur Verfügung stehen. Das Bundesgesundheitsministerium hat 240.000 Dosen des Impfstoffs Imvanex bestellt. 40.000 sollen bis Mitte Juni verfügbar sein und über die Bundesländer verteilt werden. Das BMG lotet zurzeit weitere Möglichkeiten aus, Impfstoff zu beschaffen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) arbeitet an einer Impfempfehlung. 

    Imvanex ist in den USA bereits gegen MPXV zugelassen, in Europa bisher nicht. Mit einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission könnte das Vakzin trotzdem zeitnah zum Einsatz kommen. Für eine vollständige Impfung sind zwei Einzeldosen erforderlich.

    Im Gespräch ist unter anderem eine Impfung von Menschen, die kürzlich Kontakt mit infizierten Personen hatten. Die Reaktion des Immunsystems nach einer solchen Impfung kurz nach einem Übertragungsrisiko kann eine Infektion noch verhindern oder den Krankheitsverlauf mildern.

    Zuerst geimpft werden könnten außerdem schwule und bisexuelle Männer mit vielen engen Kontakten sowie Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen, die mit MPX-infizierten Patient*innen in Kontakt kommen. Wem genau eine Impfung empfohlen werden soll, wird zurzeit in verschiedenen Gremien diskutiert. 

    „Wir stehen in ständigem Kontakt mit dem Bundesgesundheitsministerium, dem Robert Koch-Institut und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“, sagt DAH-Sprecher Holger Wicht. „Wir stimmen uns eng ab und sorgen dafür, dass neue Informationen rasch zu den Menschen gelangen, die sie betreffen.“

    Immer auf dem Laufenden

    Die Deutsche Aidshilfe informiert über MPX auf aidshilfe.de und der Webseite ihrer Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU für schwule Männer sowie über ihre Social-Media-Kanäle. Bald werden auch Poster und Flyer für die schwule Szene-Orte verfügbar sein. 

    Informationen zu Übertragungswegen, Symptomen und Schutz

    Informationen des Robert Koch-Instituts

  • Schutz durch Therapie: „Nicht lang ein Kondom suchen, einfach vögeln“

    Schutz durch Therapie: „Nicht lang ein Kondom suchen, einfach vögeln“

    Stefan ist HIV-positiv. Ficken mit Kondom ist nichts für den 46-jährigen Journalisten aus Saarbrücken. Zum Glück kann er dank erfolgreicher HIV-Therapie auf den Gummi verzichten. Ein Gespräch über Schutz durch Therapie und Sex ohne Sorgen.

    Stefan, was bedeutet „Schutz durch Therapie“?
    Dank der erfolgreichen HIV-Therapie sind in meinem Blut keine Viren mehr nachweisbar– deswegen kann ich beim Sex keine mehr übertragen.

    Kaum zu glauben.
    Ich erkläre es immer an meinem Fall: Als ich mit der Therapie angefangen habe, hatte ich 93.000 HIV-Viren pro Mikroliter Blut. Nach einem Monat waren es nur noch 20.000. Zwei Monate später lag der Wert unter 2.000. Heute ist meine Viruslast nicht mehr nachweisbar. Wenn ich dann noch Zettel und Stift dabei habe, male ich dazu eine schöne Kurve auf. Dann checken die Leute plötzlich: Wo keine Viren sind, können auch keine übertragen werden.

    Schutz durch Kondom oder Schutz durch Therapie – was ist dir lieber?
    Ich muss ehrlich sagen: Ich finde Sex mit Kondom scheiße! In dem Moment, wo du weißt „Ich bin unter der Nachweisgrenze!“, bist du total entspannt, weil du weißt: Es kann praktisch nichts mehr passieren. Wenn man nachts aufwacht und geil ist, sucht man nicht lange nach Kondomen, sondern fängt einfach an zu vögeln.

    Dein Freund ist negativ. Habt ihr von Anfang an auf Kondome verzichtet?
    Nein. Die ersten zwei, drei Monate haben wir Kondome verwendet. Mein Freund wusste über das Prinzip „Schutz durch Therapie“ Bescheid. Aber es hat gebraucht, bis die Info vom Kopf im Bauch und dann im Schwanz angekommen ist. Wir sind nun seit gut zwei Jahren zusammen, haben Sex ohne Kondom – und er ist immer noch HIV-negativ. Logischerweise.

    Wie schützt du dich beim Sex mit anderen Männern?
    Bei uns gilt die Regel: Außerhalb der Beziehung benutzen wir Kondome, damit wir keine Krankheiten wie Syphilis in die Beziehung schleppen. Gegen Hepatitis A und B sind wir geimpft. Mir war die offene Beziehung gar nicht so wichtig. Ich bin ja nun in einem Alter, wo ich nicht mehr ständig Sex haben muss. (lacht) Aber mein Freund meinte, das wäre gut.

    Als Rollenmodell für ICH WEISS WAS ICH TU bist du oft in Deutschland unterwegs und triffst viele schwule Männer. Wissen die, dass eine Therapie so gut schützt wie ein Kondom?
    Nach meiner Erfahrung weiß ein Drittel gut Bescheid, ein Drittel hat mal was davon gehört – und ein Drittel ist ahnungslos. Vielleicht sind die Fakten in großen Städten etwas präsenter als in kleineren, aber der Unterschied ist nicht riesig.

    Ist das Thema damit gegessen?
    Nein, die Message ist noch nicht bei allen angekommen. In den letzten 20 Jahren gab es medizinisch einen Riesensprung nach vorne. Das Allgemeinwissen hinkt dieser Realität hinterher. Das ist schade, weil so eine normale, angstfreie Sexualität verhindert wird. Diese Message muss raus, weil das eine enorme Entlastung ist. Vor allem für Paare, bei denen der eine positiv und der andere negativ ist. Deshalb bin ich Rollenmodell, weil dann andere sehen: Ach, die machen das auch so – und es funktioniert.

    Was ist deine Botschaft an die schwule Community?
    Fürchtet euch nicht davor, Schutz durch Therapie zu praktizieren! Es ist eine enorme Entlastung. Manchmal hört man ja das Argument: Schutz durch Therapie fördert sorglosen Sex. Dann frage ich: Wo ist das Problem, wenn ich sorglos Sex haben kann? Sex ohne Sorgen – das ist doch etwas Schönes!

    Stefan
    Kennt die Community ‚Schutz durch Therapie‘? Nach Stefans Erfahrung weiß ein Drittel gut Bescheid, ein Drittel hat mal was davon gehört – und ein Drittel ist ahnungslos. (Foto: iwwit.de)
  • Vorurteile machen krank. HIV unter Therapie nicht.

    Vorurteile machen krank. HIV unter Therapie nicht.

    Die Studie „positive stimmen 2.0“ hat gezeigt: Der Großteil der befragten Menschen mit HIV kann heute gut mit der Infektion leben. Aber: Viele erleben gleichzeitig alltäglich Diskriminierung und Ausgrenzung!

    Das alles hat erhebliche negative Auswirkungen auf den Gesundheitszustand, das Wohlbefinden und die sexuelle Zufriedenheit. Hinzu kommen Scham- und Schuldgefühle.

    Außerdem zeigt die Studie: Mehr als 50% der Befragten wurden in den zurückliegenden 12 Monaten mindestens einmal beim Sex zurückgewiesen. Und das, obwohl es Schutz durch Therapie gibt.

    Schau dir jetzt unser Video dazu an:

    Eine gute Nachricht: Seit es Schutz durch Therapie gibt, erleben immerhin 40 Prozent der Befragten weniger Diskriminierung. Die HIV-Medikamente unterdrücken dabei die Vermehrung von HIV im Körper. HIV kann dann beim Sex nicht mehr übertragen werden.

    Wenn du dich also schon gefragt hast, was du selbst gegen die Diskriminierung von Menschen mit HIV machen kannst, dann wäre das genau ein erster Schritt. Erzähl es weiter: HIV ist unter Therapie nicht übertragbar. Sag es deinen Freund*innen, deiner Familie oder Arbeitskolleg*innen.

    Und es gibt noch mehr, was du tun kannst. Zeig dich außerdem überall solidarisch, wo Menschen mit HIV ausgegrenzt oder diskriminiert werden! Und informier dich auf iwwit.de! Hier findest du viele weitere Infos zum Leben mit HIV. Und du findest Infos dazu, wie du oder andere sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung wehren können.

    Außerdem zeigen wir in unserer Kampagne authentische Bilder von Menschen mit HIV, denn sie sind ein unerlässlicher Teil unserer Community.

    Du willst mehr? Dann melde dich bei IWWIT – und sag uns deine Meinung! Oder erzähl uns von deinen Ideen oder Wünschen zum Thema Leben mit HIV: Auf Facebook, Instagram oder klassisch per E-Mail. Wir freuen uns auf dich!

  • „Mit Syphilis kann man sich auch beim Küssen oder beim Oralverkehr infizieren.“ – Im Gespräch mit einem Allgemeinmediziner

    „Mit Syphilis kann man sich auch beim Küssen oder beim Oralverkehr infizieren.“ – Im Gespräch mit einem Allgemeinmediziner

    Das Robert-Koch-Institut verzeichnet seit 2010 einen kontinuierlichen Anstieg von Syphilis-Fällen in Deutschland. Mehr 80 Prozent davon gehen demnach auf sexuelle Kontakte zwischen Männern zurück. Inwieweit spiegelt sich diese Zahlen auch im ärztlichen Alltag wieder? Ein Gespräch mit dem Berliner Allgemeinmediziner und Infektiologen Dr. Christoph Schuler

    Dr. Christoph Schuler – Erfahrungsbericht zu Syphilis bei schwulen Männern
    „Wir sehen jede Woche neue Syphilis-Fälle“ – Dr. Schuler aus Berlin im Interview

    Syphilis bei schwulen Männern: Ein Dauerproblem in der Praxis

    Christoph Schuler, zum Patientenstamm gehört auch ein großer Prozentsatz an schwulen Männern. Inwieweit spielt Syphilis in Ihrem Praxisalltag eine Rolle?
    Wir haben sicherlich im Schnitt jede Woche einen neuen Fall in unserer Praxis, und das bereits seit einigen Jahren. Die Zahl der Fälle ist in den letzten Monaten nicht unbedingt gestiegen, aber sie hält sich schon über einen langen Zeitraum sehr konstant auf hohem Niveau.

    Können sie aus der Praxiserfahrung bestimmte Patientengruppen ausmachen, die besonders betroffen sind?
    Wir entdecken sehr viele Syphilisinfektionen bei unseren HIV-Patienten, allein schon deshalb, weil diese regelmäßig auf sexuell übertragbare Krankheiten (STI) gescreent werden.

    Wie sich schwule Männer mit Syphilis infizieren können

    Das heißt, dadurch werden neue Infektionen automatisch und bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt entdeckt.
    Richtig. Zum anderen sind da aber viele nicht-positive Patienten, die wegen verdächtiger Symptome zu uns kommen oder die von sich aus einen STI-Routinetest haben machen lassen.

    Manche haben sich auch anderswo testen lassen, zum Beispiel bei Testeinrichtungen in schwulen Beratungseinrichtungen und haben uns dann nach der Diagnose aufgesucht. Und nicht zuletzt gibt es auch Männer, die von ihrem Sexpartner erfahren haben, dass bei diesem Syphilis diagnostiziert wurde und sich deshalb nun selbst auch untersuchen lassen.

    Kommt es auch vor, dass der gleiche Patient sich immer wieder infiziert?
    Das gibt es in der Tat, allerdings ist es gerade bei Syphilis sehr schwer zu unterscheiden, ob es sich um eine Neuinfektion oder um das wieder Aufflammen einer unzureichend behandelten Infektion handelt.

    Könnte die Tatsache, dass die Zahl der Infektionen so gleichbleibend hoch bzw. sogar steigend ist, womöglich auf ein verändertes Sexualverhalten zurückzuführen sein? Nämlich dass schwule Männer wieder mehr Sex ohne Kondom haben?
    Ich sehe da keine direkte Verbindung. Natürlich wird häufiger auf das Kondom verzichtet, weil die HIV-Behandlung effektiv ist.

    … und deshalb das Virus nicht mehr übertragen werden kann.
    Zum anderen ist Safer Sex mit Kondom keine Praxis, mit der man eine Syphilis-Infektion gänzlich ausschließen kann. Man kann sich eben auch beim Küssen oder beim Oralverkehr infizieren.

    Es gibt aus unserer Erfahrung in der Praxis aber sicherlich Szenen, in denen Syphilisinfektionen eher auftreten, zum Beispiel bei Männern, die sexuell aktiver sind oder auf Sexpartys gehen. Wenn hier neue Infektionen auftreten, werden diese dann auch schnell weitergegeben. Umso wichtiger ist es, dass man seine Sexpartner darüber informiert, wenn bei einem selbst eine Infektion festgestellt wurde, damit eine Partnermitbehandlung erfolgen kann.

    Stigmatisierung von Syphilis bei homosexuellen Patienten

    Syphilis erscheint moralisch mehr belastend zu sein, als andere sexuell übertragbare Krankheiten. Fällt es den Patienten tatsächlich leichter, zum Beispiel wegen eines Trippers um Arzt zu gehen?
    Das ist in der Tat so. Gerade Patienten, die zuvor noch nie mit einer STI zu tun hatten und nur gelegentlich sexuelle Kontakte haben, fühlen sich ziemlich vor den Kopf gestoßen und sind manchmal auch ein wenig schockiert. Das ist eindeutig auf den stigmatisierenden Charakter zurückzuführen, den die Syphilis nach wie vor hat. Auch wenn die Syphilis behandelt wird: eine Narbe bleibt im Blut ein Leben lang sichtbar. Aber auch die Behandlung unterscheidet sich von der vieler anderer STIs: Die Spritzen können durchaus schmerzhaft sein und müssen – je nachdem, wie spät die Infektion entdeckt wurde – gegebenenfalls im Wochenabstand wiederholt werden. Wenn man Allergien hat, sind möglicherweise auch tägliche Infusionen oder eine mehrwöchige Tabletteneinnahme notwendig. Die Behandlung eines Trippers oder von Chlamydien ist dagegen weitaus einfacher und unkomplizierter.

    Der Alt-Text beschreibt den Bildinhalt sachlich und barrierefrei, inklusive Fokusphrase.
    Diagnose und Verlauf: So wird Syphilis in der Praxis dokumentiert

    Warum Syphilis bei schwulen Männern besonders häufig ist

    Anders als etwa bei Hepatitis A ist man nach einer ausgestandenen Syphilis nicht automatisch vor einer neuen Infektion geschützt. Wie gehen Leute damit um, wenn es sie nicht nur einmal erwischt?
    Ich erlebe in letzter Zeit immer häufiger dann Fall, dass Patienten deshalb sehr frustriert sind und sagen: „Ich mach jetzt nichts mehr“. Denn nicht nur die Zahl der Syphilis-Fälle ist angestiegen, sondern auch Gonorrhö und Chlamydien sind weiter verbreitet. Manchen ist deshalb ganz offensichtlich die Lust am Sex vergangen, zumindest was den Sex in öffentlichen Räumen angeht.

    Vielen Dank für das Gespräch!

    Mehr über die Syphilis mit Übertragung, Behandlung und Schutz erfährst du hier im Clip

  • Arztwahl & Behandlung bei HIV

    Arztwahl & Behandlung bei HIV

    Arztwahl & Behandlung

    Eine frühzeitige HIV-Therapie ermöglicht dir ein gutes und langes Leben. Wichtig ist, dass du zusammen mit einer Spezialistin oder einem Spezialisten die Behandlung findest, die zu dir passt. Dabei kommt es nicht nur auf die Medikamente an, sondern auch auf Vertrauen: Du solltest dich in der Praxis gut aufgehoben fühlen und das Gefühl haben, alles ansprechen zu können, was dir wichtig ist.


    Schutz durch Therapie

    Wenn du als HIV-positiver Mann eine HIV-Therapie einnimmst und sich in deinem Blut dauerhaft keine Viren mehr nachweisen lassen, kann HIV beim Sex nicht mehr übertragen werden. Das nennen wir Schutz durch Therapie.

    Wichtig ist dabei, dass du deine HIV-Medikamente zuverlässig einnimmst. Nur so kann die Therapie dauerhaft wirken. Ob das gelingt, wird regelmäßig von deinem Arzt oder deiner Ärztin kontrolliert – in der Regel alle drei Monate.


    Arztwahl

    Wenn du ein HIV-positives Testergebnis erhalten hast, solltest du dich möglichst bald medizinisch untersuchen und beraten lassen. Am besten wendest du dich an eine HIV-Schwerpunktpraxis oder an eine Ärztin bzw. einen Arzt mit HIV-Schwerpunkt.

    Eine früh begonnene HIV-Therapie kann dir ein langes und gutes Leben ermöglichen. Um die für dich beste Behandlung zu finden, ist eine Beratung durch erfahrene Expert*innen besonders wichtig. Sie können mit dir besprechen, wann der richtige Zeitpunkt für den Therapiebeginn ist und welche Behandlung am besten zu deiner Lebenssituation passt.

    Wenn du in einem Dorf oder in einer kleineren Stadt wohnst, gibt es dort vielleicht keine Schwerpunktpraxis oder lokale Aidshilfe. Dann kann es sinnvoll sein, in die nächstgrößere Stadt zu fahren, um dich dort von Spezialist*innen beraten zu lassen.


    Noch ein paar Tipps

    Hör auf dein Bauchgefühl: Fühlst du dich bei deinem Arzt oder deiner Ärztin wohl? Könnt ihr offen über die Themen sprechen, die dir wichtig sind? Das ist entscheidend, denn HIV-Medizinerinnen begleiten ihre Patientinnen oft über einen langen Zeitraum.

    Besprich vor Beginn der HIV-Therapie alles in Ruhe, was für dich wichtig ist – zum Beispiel die verschiedenen Therapieformen, die Wirkung der Medikamente und mögliche Nebenwirkungen.

    HIV-Medikamente müssen immer zu festgelegten Zeiten eingenommen werden. Gerade zu Beginn der Behandlung kann es zu Nebenwirkungen wie Durchfall, Kopfschmerzen oder Übelkeit kommen.

    Wenn diese Beschwerden nach einigen Wochen nicht verschwinden, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Oft kann gemeinsam geprüft werden, ob die Medikamentenkombination angepasst werden sollte. In der Regel gibt es mehrere Möglichkeiten der Kombinationstherapie. So lassen sich Nebenwirkungen oder auch Resistenzen besser vermeiden.

  • Poppers: Augen zu und durch?

    Poppers: Augen zu und durch?

    Macht Poppers-Konsum die Augen kaputt? Französische Forscher warnen vor der Schwulen liebsten Sexdroge, andere Experten plädieren für Gelassenheit

    Das Schnüffeln von Poppers kann ins Auge gehen. Das befürchtet jedenfalls ein Medizinerteam aus Frankreich. Die Sexdroge könne die Netzhaut schädigen, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine.

    Der Grund für die Warnung: Die Augenspezialisten hatten vier Personen behandelt, die nach dem Popperskonsum nicht mehr scharf sehen konnten. Die Patienten beklagten zudem einen hellen Fleck in ihrem Blickfeld. Tatsächlich konnten die Experten bei allen Patienten eine Schädigung der Netzhaut feststellen, und zwar genau an jener Stelle, die Bilder mit hoher Auflösung ans Hirn vermittelt („Sehgrube“).

    Eine Folge: Die Geschädigten konnten nur noch schwer lesen. Bei zweien von ihnen ließen die Symptome glücklicherweise nach einigen Wochen nach.

    Die Forscher suchten und fanden danach noch weitere Fälle. Teilweise waren sie von vorher behandelden Augenärzten nicht diagnostiziert worden, weil die Netzhautveränderungen nur einen sehr kleinen – wenn auch wichtigen – Bereich betreffen.

    Was ist Poppers?

    Poppers ist ein Sammelbegriff für bestimmte Nitrite, die eingeatmet werden. Die Wirkung setzt sehr schnell ein und hält nur kurze Zeit an. Viele Menschen nutzen Poppers beim Sex, weil sie entspannend wirken, ein kurzes Rauschgefühl auslösen und den Körper lockerer machen. Das kann zum Beispiel den Analverkehr erleichtern.

    Wirkungen und mögliche Nebenwirkungen von Poppers

    Poppers wird über Nase oder Mund eingeatmet. Die Wirkung setzt fast sofort ein und hält nur wenige Minuten an. Viele beschreiben ein kurzes Rauschgefühl, das die Wahrnehmung intensiviert und den Körper entspannter macht. Vor allem beim Sex kann sich das luststeigernd anfühlen. Typisch für Poppers ist, dass sich die Blutgefäße weiten. Dadurch sinkt kurzfristig der Blutdruck, während der Puls ansteigen kann. Gleichzeitig entspannt sich die Muskulatur – auch der Schließmuskel. Das ist einer der Gründe, warum Poppers häufig beim Analverkehr genutzt werden. In kleinen Mengen berichten Nutzer häufig von einem stärkeren Lustempfinden, intensiveren Körpergefühlen und einer allgemeinen Entspannung. Die Wirkung ist kurz, klingt meist schnell wieder ab und hinterlässt bei vielen keine Nachwirkungen.

    Anders kann es bei höheren Mengen oder häufigem Nachlegen aussehen. Dann kann es zu Schwindel, Übelkeit oder einem starken Blutdruckabfall kommen. In seltenen Fällen sind auch Kreislaufprobleme bis hin zur Bewusstlosigkeit möglich. Manche erleben außerdem Erektionsprobleme – besonders dann, wenn Poppers zusammen mit Alkohol oder anderen Drogen konsumiert wird. Die Wirkung von Poppers beruht auf einer vorübergehenden Gefäßerweiterung, auch im Gehirn. Dadurch fühlt sich der Rausch intensiv, aber kurz an. Poppers verändern jedoch nicht das Bewusstsein im Sinne von Halluzinationen. Wichtig: Wie stark und wie belastend die Wirkung ist, hängt von der Menge, der Häufigkeit des Konsums und möglichen Wechselwirkungen mit anderen Substanzen ab. Deshalb gilt auch hier: informiert bleiben und Risiken realistisch einschätzen.

    Verschiedene Poppers-Fläschchen mit bunten Etiketten, wie sie beim Sex als Rauschmittel verwendet werden
    Poppers sind in der schwulen Szene weit verbreitet – über mögliche Risiken, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen wird jedoch oft wenig gesprochen.

    Wie gefährlich ist Poppers?

    Da stellt sich die Frage: Wie gefährlich ist Poppers? Drohen wirklich bleibende Augenschäden? Schließlich sind die bunten Minifläschchen mit betörenden Namen wie „Jungle Fever“, „Hard Wave“ oder „Rush“ bei vielen schwulen Männern sehr beliebt. Die enthaltenen Nitrite haben eine berauschende und sexuell stimulierende Wirkung. Vor allem aber weiten sie die Blutgefäße und entspannen so die glatte Muskulatur – inklusive der Schließmuskel. Das erleichtert den Analverkehr. Poppers hat allerdings auch unerwünschte Nebenwirkungen wie Herz-Kreislaufprobleme und das Absterben von Gehirnzellen. Deutschland toleriert den Verkauf von Poppers, obwohl die Inhaltstoffe rezeptpflichtig sind.

    „Poppers wird eifrig benutzt“, sagt Rainer Rybak von Check Up, der schwulen Gesundheitsagentur in Köln. „Bei vielen Leuten stehen solche Fläschchen im Kühlschrank.“

    Augenschäden durch Poppers? Die Studienlage ist dünn

    Bezüglich des Warnrufs aus Frankreich rät Rybak zur Gelassenheit. „Bisher sind nur vier Einzelfälle bekannt. Bei vielen medizinischen Meldungen kocht die Erregung nur solange hoch, bis die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird.“

    Seit 15 Jahren ist Rybak in der schwulen Szene unterwegs und informiert über sexuelle Gesundheit. „Mir ist persönlich kein Fall bekannt, in dem jemand nach Poppers-Konsum schwere Folgeschäden zurückbehalten hat.“ Nur auf einer Sexparty sei mal ein Gast nach dem Schnüffeln umgekippt. „Aber ob das nun am Poppers lag, am engen Latexleibchen oder am Flüssigkeitsmangel nach einer durchtanzten Nacht – das kann man nicht eindeutig feststellen“. Körperliche Probleme wie Herzrasen oder Bewusstlosigkeit sind laut Rybak selten allein auf die Droge zurückführen. Das erste Anzeichen einer Überdosierung ist bei Poppers kaum zu ignorieren: ein stechender Kopfschmerz beim Schnüffeln. „Das wirkt so abtörnend, dass dadurch meist Schlimmeres verhindert wird“, sagt der Partydrogenexperte.

    Das französische Forscherteam weist selbst darauf hin, dass zwei ihrer Patienten kurz vor dem Sehkraftverlust nicht nur Nitrit, sondern jeweils auch „eine halbe Flasche hochprozentigen Alkohol“ zu sich genommen hätten. Dennoch vermuten die Forscher einen direkten Zusammenhang mit der Droge. Beweisen lässt sich der allerdings bisher nicht: Zwar kann Poppers ein Enzym aktivieren, das für die Fotorezeptoren des Auges wichtig ist, aber dieses hat – das räumen auch die Forscher ein – eine völlig andere Wirkung als in den vier untersuchten Fällen: Das Enzym reduziere die Lichtempfindlichkeit, die Patienten jedoch hätten helle, blendende Flecken beklagt.

    Wechselwirkungen problematisch

    Der Medizinreferent der Deutschen AIDS-Hilfe, Armin Schafberger, sieht vor allem in Wechselwirkungen eine Gefahr: „Poppers wird oft mit anderen Drogen wie Alkohol kombiniert, dabei können viel schneller gesundheitliche Probleme entstehen.“

    Die Kombination von Poppers und Viagra ist sogar lebensgefährlich: Sie kann zu starkem Blutdruckabfall bis hin zu tödlichem Herz-Kreislauf-Versagen führen. Ebenso gefährlich: die gleichzeitige Einnahme von Medikamenten gegen Angina Pectoris oder hohen Blutdruck.

    So bleibt am Ende vorläufig die Erkenntnis: Wer Poppers nimmt, sollte über mögliche Folgen Bescheid wissen und mit Augenmaß zur Sache gehen.

    (Philip Eicker)

    Wichtige Tipps zum Poppers-Konsum

    • Poppers nie mit Potenzmitteln oder Nitraten (z.B. in blutdrucksenkenden Medikamenten) kombinieren: Lebensgefahr!
    • Poppers nicht trinken und nicht direkt in Nase oder Mund einbringen. Der Kontakt mit Schleimhäuten kann zu Verätzungen und Vergiftungen führen.
    • Gelangt Poppers in Augen, Nase oder auf die Haut: sofort gründlich mit Wasser ausspülen und ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.
    • Poppers nicht zusammen mit Alkohol oder anderen Drogen konsumieren. Das erhöht das Risiko für Kreislaufprobleme, Schwindel oder Bewusstlosigkeit.
    • Kondome immer vor der Anwendung von Poppers überziehen. Danach kann es schwieriger werden, ein Kondom korrekt anzulegen.
    • Bei Vorerkrankungen des Herzens oder des Kreislaufs besser ganz auf Poppers verzichten.

    Weitere Infos über Poppers auf der Seite hiv-drogen.de (Deutsche AIDS-Hilfe)

    Häufige Fragen zu Poppers

    Poppers werden oft beiläufig konsumiert, dabei gibt es einige wichtige Punkte zu Wirkung, Risiken und Safer Use. In diesem FAQ beantworten wir häufige Fragen rund um Poppers – kompakt und verständlich.

    Was passiert im Körper, wenn man Poppers nimmt?

    Poppers weitet kurzfristig die Blutgefäße. Dadurch sinkt der Blutdruck, der Puls steigt an und die Muskulatur entspannt sich. Viele erleben ein kurzes Rauschgefühl und intensivere Körperempfindungen. Die Wirkung hält in der Regel nur wenige Minuten an.

    Ist Poppers gefährlich?

    Poppers kann Nebenwirkungen haben, vor allem bei höheren Mengen oder in Kombination mit anderen Substanzen. Möglich sind Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit oder Kreislaufprobleme. Besonders riskant sind Wechselwirkungen mit bestimmten Medikamenten.

    Warum ist die Kombination mit Potenzmitteln so gefährlich?

    Sowohl Poppers als auch Potenzmittel senken den Blutdruck. Zusammen kann das zu einem starken Blutdruckabfall führen, der lebensgefährlich sein kann. Deshalb gilt: niemals kombinieren.

    Kann Poppers die Augen schädigen?

    Es gibt Berichte über Sehstörungen nach dem Konsum von Poppers. Ein eindeutiger Zusammenhang ist bislang nicht abschließend geklärt. Klar ist aber: Direkter Kontakt der Flüssigkeit mit Augen oder Schleimhäuten kann zu schweren Reizungen oder Verätzungen führen und sollte unbedingt vermieden werden.

    Macht Poppers abhängig?

    Poppers macht in der Regel nicht körperlich abhängig. Manche Menschen gewöhnen sich jedoch daran, Poppers beim Sex zu nutzen, und empfinden Sex ohne Poppers dann als weniger intensiv.

    Wie kann ich Risiken beim Konsum verringern?

    Informiert bleiben, keine Mischkonsum-Experimente eingehen, auf Warnsignale des Körpers achten und Poppers niemals mit Potenzmitteln oder bestimmten Medikamenten kombinieren. Weniger ist hier eindeutig mehr.

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  • Aliens im Enddarm:  Warum (passive) Jungs Kontrolltermine brauchen

    Aliens im Enddarm: Warum (passive) Jungs Kontrolltermine brauchen

    Ein ekliges Vieh setzt sich in einem menschlichen Körper fest, wächst unbemerkt und macht alle platt, bis es endlich vernichtet wird. So lässt sich der Horrorklassiker „Alien“ zusammenfassen. Ähnliches spielt sich häufig in den Ärschen schwuler Männer ab. Die Aliens heißen dann aber Feigwarzen, Chlamydien und Tripper. Dabei wäre der Horror schnell vorbei, würden passive – aber auch aktive – Jungs ihren Hintern regelmäßig zum Proktologen, Urologen oder Hautarzt schwingen.

    Malte* ist 24, unverschämt gut gebaut und noch hübscher, wenn er rot wird. So wie in dem Moment, als er vom „Blumenkohl“ erzählt. Ein Typ habe ihn vor ein paar Monaten beim Sex gefragt: „Sag mal, weißt du, dass du ganz komische Gnubbel an der Rosette hast?“ – „Gnubbel???“ – „Ja, sieht aus wie Blumenkohl.“ Er sei eher zu seinem Hausarzt gerannt als gegangen, gesteht Malte. Diagnose: Feigwarzen. Überweisung: Proktologie. „Auf dem Weg dorthin kam ich mir richtig dreckig vor und hätte vor Scham flennen können.“

    Beine breit für die Diagnose

    Proktologen sind Ärzte, die Erkrankungen des Darmausgangs behandeln. Sie untersuchen ihre Patienten auf einem Stuhl, der so ähnlich aussieht wie der beim Frauenarzt. Dr. Andreas Bellmunt kennt die Hemmungen von Patienten, darauf die Beine breit zu machen. In seiner HIV-Schwerpunktpraxis in Dortmund untersucht er schwule Männer oft auch auf Geschlechtskrankheiten im Hintern und muss bei einigen erst Überzeugungsarbeit leisten. „Ich erläutere sachlich, wieso wir eine exakte Diagnose brauchen – genau wie bei anderen Stellen des Körpers auch.“

    Neben Papilloma-Viren, die Feigwarzen verursachen können, haben schwule Männer häufig Chlamydien und Tripper. So kam vor ein paar Jahren bei einer amerikanischen Studie mit vermeintlich gesunden Schwulen und Bi-Typen heraus, dass fast jeder Zehnte Chlamydien im Arsch hatte. Dass diese Männer von der Infektion überrascht waren, ist nicht ungewöhnlich: Die Bakterien machen sich im Hintern lange nicht so deutlich bemerkbar wie in der Harnröhre. Manche Patienten mit Chlamydien oder Tripper klagen lediglich über ein „komisches Gefühl“. Bei anderen klebt Schleim am Kot oder es blutet ein bisschen.

    Die Biester müssen weg

    Doch egal, wie die Symptome ausfallen: Chlamydien und Tripper sind Eindringlinge, gegen die sich der Körper wehrt. „Das führt früher oder später zu Entzündungen, die das Gewebe verletzlicher und anfälliger gegen weitere Infektionen machen“, erläutert Bellmunt. Die Biester müssen also weg. Das gleiche gilt für Papilloma-Viren, von denen es zahlreiche Arten gibt. Zwar werden Feigwarzen von eher harmlosen Viren hervorgerufen. Doch sie können mit Verwandten auftreten, die Krebs auslösen.

    In der Regel lassen sich Feigwarzen gut mit einer Salbe behandeln. Bei Malte hatten sie allerdings Zeit zu wuchern. Sein Proktologe musste sie deshalb per Laser wegbrennen –in mehreren Sitzungen jeweils mit lokaler Betäubung. „Je mehr Warzen entfernt werden müssen, desto gravierender der Eingriff“, bestätigt Dr. Bellmunt. Bei manchen Patienten sei sogar eine Vollnarkose nötig, um ganze Kolonien wegzuschneiden. Eine mögliche Folge: Die Haut vernarbt und wird weniger sensibel. 

    Vorm Termin normal aufs Klo

    Obwohl die Wundheilung ein paar Wochen gedauert hat, kann Malte über sein erstes Mal beim Popo-Doktor schon schmunzeln. „Als ich auf dem Untersuchungsstuhl lag, hat mich der Proktologe gleich als erstes gefragt, ob ich meinen Darm gespült hätte. Das hatte ich tatsächlich, weil ich mich sonst dreckig gefühlt hätte.“ Der Arzt habe ihn gebeten, vor dem nächsten Besuch ganz normal aufs Klo zu gehen. Das sei wichtig, weil der Darm nach dem Spülen Schleim absondert und man deshalb weniger erkennen könne. „Dann hat er mir zugezwinkert und gesagt, dass er schon weiß, worauf er sich hier einlässt.“

    Arsch in der Hose? Ab zur Kontrolle!

    Leichtes Spiel haben Chlamydien, Tripper und Papilloma-Viren vor allem bei unsafer Sex. Man kann sich aber auch beim Fingern anstecken. Dr. Andreas Bellmunt rät passiven Männern deshalb, sich regelmäßig proktologisch untersuchen zu lassen. Wie oft, das müsse jeder selbst entscheiden. Wer immer Kondome benutzt, dem reicht vielleicht eine jährliche Kontrolle. Wer den Sexpartner dagegen häufig wechselt, lässt sich besser alle sechs Monate einen Termin geben. „Manche meiner Patienten kommen von sich aus sogar alle drei Monate“, berichtet der Dortmunder Arzt. „Die wissen wohl warum …“

    *Name geändert

    Proktologe
    Manchmal muss man Abstriche machen – zum Beispiel wenn man sich auf sexuell übertragbare Infektionen untersuchen lässt. (Foto: iwwit.de)


    Mehr zu Feigwarzen, Chlamydien oder Tripper auf ICH WEISS WAS ICH TU.

  • Ist Gleitgel für’n Arsch?

    Ist Gleitgel für’n Arsch?

    Verkehrte Welt: Analverkehr mit Gleitgel erhöhe das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, stand in letzter Zeit in manchem Online-Medium zu lesen. Die Geschichte einer Falschmeldung. Und die Fakten. 

    Das Ergebnis lautet: Nach Berücksichtigung solcher Faktoren wie Alter, Geschlecht, Herkunft und sexueller Orientierung, KANN es sein, dass die Benutzung bestimmter Gleitmittel bei ungeschütztem Analverkehr, die WAHRSCHEINLICHKEIT erhöht, sich mit einer Geschlechtskrankheit anzustecken, die von Bakterien oder Viren verursacht wird. Es sei MÖGLICH, dass die Inhaltsstoffe der Gleitmittel die Zellen der oberen Darmschutzschicht abtöten und so eine Infektion erleichtern. Jedenfalls hätten ähnliche Substanzen IM LABOR solche Zellen abgetötet. SOLLTE das alles so sein, liege die Infektionsgefahr beim UNGESCHÜTZTEN Analverkehr mit Gleitgel ungefähr dreimal höher als ohne Gleitmittel. 

    Die Wissenschaftler schränkten die Ergebnisse sogar selber noch ein: Um sie zu verallgemeinern, sei die Zahl der Studienteilnehmer zu klein, ihre Herkunft nicht vielfältig genug, die Anzahl der getesteten Gleitmittel zu gering und die Beobachtungen nicht langfristig genug. Es gebe aber eine Tendenz, die weitere Studien mehr als rechtfertigen würde. Mit einem solchen Satz enden viele Auswertungen von Studien. 

    Falschmeldungen

    In manchen Internetmedien war trotzdem bald zu lesen, dass die Verwendung von Gleitmittel die Infektionsgefahr bei Analverkehr deutlich erhöhe. Durch einen Verständnis- und Übersetzungsfehler war in deutschen Medien auch von einem 20-mal höheren Risiko die Rede. Dabei besagte der erste Satz der Pressemitteilung nur, das Infektionsrisiko sei bei ungeschütztem Analverkehr 20-mal höher als bei ungeschütztem Vaginalverkehr. 

    Wie das so ist in Zeiten des Internets: Die Falschmeldungen multiplizierten sich und bald wurde auch in der Szene heftig darüber diskutiert, ob Spucke und ein Gebet zur Abendstunde nicht doch der bessere Schutz sei als Gleitgel. 

    Beim Analverkehr mit Kondom gehört Gleitgel dazu! 

    Kurz gesagt: Nein, definitiv nicht. Der allergrößte Anteil von Analverkehr unter Männern findet nämlich mit Kondom statt. Dabei ist Gleitgel unerlässlich, weil das Gummi ohne viel leichter kaputt geht. Gummifetzen am Schwanz sehen erstens nie gut aus, und beschädigen zweitens den Darm des Partners deutlich mehr als jedes Gleitgel – und erhöhen so das Infektionsrisiko. Mal abgesehen davon, dass das Kondom dann natürlich keine Schutzwirkung mehr hat. Deswegen gilt weiterhin: Beim Analverkehr mit Kondom gehört Gleitgel dazu! 

    Beim Analverkehr ohne Kondom besteht ohnehin ein hohes Risiko, wenn man den HIV-Status des Partners nicht kennt. Da ist die Frage nach dem Gleitgel zweitrangig. 

    Als Entwarnung lässt sich auch eine Studie der Stiftung Warentest lesen, die im Jahr 2007 die meisten der in Deutschland erhältlichen Gleitmittel auf Haut- und Schleimhautverträglichkeit testete. Fast alle schnitten mit „Sehr gut“ oder „gut“ ab. 

    Ficki Ficki, Aua Aua

    Den meisten ungeschützten Analverkehr haben übrigens heterosexuelle Frauen: In den Industrienationen lassen immerhin 15 Prozent aller Frauen zwischen 15 und 55 ihre Besucher auch gern mal hinten rein. Zwar kennen auch sie offensichtlich den Sommerhit von Berlins Dragsuperstar Nina Queer mit dem schönen Titel „Ficki Ficki, Aua Aua“ und benutzen deshalb dabei ein Gleitmittel. Allerdings in weniger als zehn Prozent der Fälle in Kombination mit einem Kondom.               

    Und noch eine interessante Info am Rande: Das meiste Gleitgel kaufen in deutschen Apotheken, Drogerien und Sexshops Frauen über 50. Das hat aber mit Analverkehr wenig zu tun, selbst wenn sie interessierte Partner oder schwule Söhne haben. Die Damen möchten einfach, dass es auch nach den Wechseljahren noch flutscht. 

    (Paul Schulz) 

    Die Pressemitteilung der „International Microbicides Conference“ 

    Bildquelle Männerhintern: www.pixelio.de

  • Safer Sex 3.0: „Die PrEP befreit davon, immer an HIV denken zu müssen“

    Safer Sex 3.0: „Die PrEP befreit davon, immer an HIV denken zu müssen“

    Seit mehr als einem halben Jahr ist Milan einer von mehr als 5000 schwulen Männern, die an der internationalen PrEP-Studie DISCOVER teilnehmen. Mit ihr soll überprüft werden, ob sich das Kombinationsmedikament Descovy genauso gut für die HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe („Pillen zum Schutz vor HIV“) eignet wie der Vorgänger Truvada und die Truvada-Generika. Wir begleiten den 26-Jährigen während der drei Jahre, auf die die Studie angelegt ist, mit Interviews.

    Im Rahmen von „Safer Sex 3.0“ erzählen im IWWIT-Blog verschiedene schwule Männer, wie sie sich vor HIV schützen, ob mit Kondom, PrEP oder Schutz durch Therapie. Wir bestärken jeden, der sich vor HIV schützen möchte, sich die für ihn beste Safer Sex-Methode zu wählen.

    ___________________________

    Frage: Als wir uns zum ersten Mal über deine Erfahrungen als Teilnehmer der DISCOVER-Studie unterhalten haben, hatte man bei den begleitenden Untersuchungen eine Unregelmäßigkeit in deinem Blutbild festgestellt. War die Aufregung berechtigt?

    Milan: Nein, das war letztlich ein falscher Alarm, die betreuende Ärztin glaubte einen ungewöhnlichen Wert festgestellt zu haben, doch der stellte sich als völlig harmlos heraus.

    Ich hatte so lange auf die PrEP gewartet, dass ich tatsächlich etwas paranoid war und Angst hatte, ich müsste die PrEP nun beenden. Diese Sorge war aber völlig unberechtigt.

    Wie hast du denn die PrEP-Medikamente bislang vertragen? Ob du Truvada oder das Nachfolgepräparat Descovy erhältst, weißt du ja nicht.

    Ich vertrage die Pillen sehr gut und habe bislang keinerlei Nebenwirkungen.

    Inzwischen nimmst du die Pillen seit mehreren Monaten täglich. Musst du dich noch jeden Morgen an die Einnahme erinnern?

    Die ersten fünf, sechs Monate habe ich jeden Tag ganz automatisch daran gedacht. Zwischenzeitlich hatte ich aber viel um die Ohren und deshalb zweimal vergessen, die Tabletten zu nehmen. Das hat mich ein bisschen geärgert – auch wenn es den HIV-Schutz nicht beeinträchtigt, sollte man das Medikament einmal vergessen haben. So hatte es mir der Arzt erklärt.

    Ich habe jetzt so eine Tablettenbox mit einem Fach für jeden Wochentag. Die steht direkt vor mir an meinem Arbeitsplatz, sodass ich sie auf keinem Fall übersehen kann.

    „Die PrEP ist für mich inzwischen etwas ganz Normales geworden“

    Denkst du noch darüber nach, dass du die PrEP nimmst? Ist es noch etwas Besonderes?

    Nein, es ist für mich inzwischen etwas ganz Normales und ein Teil meines Lebens geworden. Die anfängliche Aufgeregtheit hat sich gelegt. Es wäre auch unrealistisch, dass dieses Gefühl der Begeisterung nun die ganzen drei Jahre hinweg anhält, in denen ich voraussichtlich an der Studie teilnehme.

    Als du mit der PrEP angefangen hast, hattest du guten Grund, dich als Teil einer Gruppe mit ganz besonderen Freiheiten zu fühlen.

    Das hat sich ja spätestens geändert, seitdem die PrEP ab 50 Euro für jeden in der Apotheke zu bekommen ist! Damit steht die PrEP nun theoretisch jedem zur Verfügung. Das ist großartig.

    Es geht allerdings nicht allein um sexuelle Freiheit, es bedeutet auch viel, vor HIV geschützt zu sein. Die PrEP befreit einen auch davon, nicht immer an HIV denken zu müssen und dass dieses Virus deinen Körper für den Rest deines Lebens mit diesem „Positiv“-Label markieren könnte – auch wenn die medizinischen Möglichkeiten Menschen mit HIV inzwischen ein ziemlich normales Leben zu ermöglichen.

    Natürlich gibt es als Studienteilnehmer einige Vorteile, etwa die regelmäßigen umfassenden Gesundheitschecks und die kostenfreien Medikamente. Dafür bin ich dankbar. Aber das ist es dann auch schon. Ich bin sehr glücklich darüber, dass die PrEP es nun ganz regulär in die Apotheken geschafft hat und viel mehr Menschen davon profitieren können. Es ist richtig und wichtig, dass sie für jeden verfügbar ist.

    Hast du dich mittlerweile auch an die sexuellen Freiheiten gewöhnt, die die PrEP ermöglicht?

    „Dass ich nicht immer ans Kondom denken muss, hat für mich bis heute etwas sehr Befreiendes.“

    Die Tatsache, dass ich mich nicht immer im Zaum halten konnte, war ja der Grund, warum ich die PrEP wollte. Es ist nicht so, dass ich nicht auch Sex mit Kondom habe, aber das passiert im Vergleich doch recht selten.

    Dass ich nicht immer ans Kondom denken muss, hat für mich bis heute etwas sehr Befreiendes. Ich möchte mir daher nicht vorstellen, wie es wieder ohne die PrEP sein würde.

    Ich sehe die PrEP allerdings auch nicht als lebenslange Lösung, schon alleine wegen der möglichen Auswirkungen der Medikamente auf den Körper [Anm. der Redaktion: Die meisten Menschen vertragen die PrEP gut]. Diese Nebenwirkungen zu erforschen ist ja schließlich auch der Anlass für diese Studie. Wenn sie zu Ende gegangen sein wird, werde ich mir das Ergebnis anschauen und mich dann womöglich auch dazu entscheiden, mit der PrEP weiterzumachen.

    Bist du über mögliche unerwartete Langzeitwirkungen besorgt?

    Die Entwicklungen in der Medizin, und gerade auch in der Pharmazie, gehen rasend schnell. Deshalb bin ich mir sicher, dass es mit den Jahren auch PrEP-Medikamente geben wird, die noch weniger oder gar keine Belastung mehr für den Körper darstellen.

    Wir werden heute womöglich auf mögliche Risiken durch die jahrelange Einnahme bestimmter Medikamente hingewiesen, die es in absehbarer Zeit gar nicht mehr gibt. Deshalb bin ich, was langfristige Nebenwirkungen angeht, auch nicht wirklich beunruhigt, und genieße die Möglichkeiten, die ich habe. Denn ich bin jetzt jung und nicht später.

    Hast du mit der PrEP mehr Sex mit mehr Partnern als zuvor?

    „Wenn ich heute in einen Sexclub gehe, …“

    Sehr viel mehr! Wenn ich heute in einen Sexclub gehe, dann habe ich manchmal tatsächlich auch die ganze Nacht hindurch Sex, immer wieder und mit unterschiedlichen Leuten. Vorher, ohne die PrEP, bin ich zwar auch dorthin gegangen, aber ich hatte meist nur einmal mit jemandem Sex.

    Das war eine nicht ganz rationale Sperre, mich vor möglichen Infektionsrisiken zu schützen. Zugleich aber hat mich das total verrückt gemacht. Man sieht alle die anderen – die unter der Nachweisgrenze [Anm. der Redaktion: Bei erfoglreicher HIV-Therapie wird HIV selbst beim Sex ohne Kondom nicht übertragen – nicht nachweisbar = nicht übertragbar] oder auf PrEP sind –, wie sie sich dort hemmungslos austoben. Nur man selbst hat sehr einschränkten Spaß.

    Wenn du heute in solche Clubs gehst, teilst du den anderen Männern dann mit, dass du ohne Kondom Sex haben möchtest?

    Ich mache den Kerlen immer gleich klar, dass ich lieber bareback vögle, meist dann auch, dass ich auf PrEP bin. Normalerweise aber wird darüber gar nicht geredet. Wenn Einheimische zu solchen Orten gehen, um Sex zu haben, dann gehört das Kondom in der Regel gar nicht mehr dazu. So erlebe ich das zumindest, so ist die Szene hier. Ich kenne keinen anderen Ort in der Welt, der sexuell so frei ist wie Berlin.

    Mit „frei“ meinst du auch die Freiheiten, die der Schutz durch Therapie und PrEP bietet?

    „Solche Gespräche können die erotische Spannung nämlich ziemlich kaputt machen.“

    Genau, man muss als Vorspiel nicht mehr über diese Dinge reden: ob mit oder ohne Kondom, beziehungsweise, warum es auch ohne geht. Solche Gespräche können die erotische Spannung nämlich ziemlich kaputt machen.

    Das passiert beispielsweise dann, wenn man einen Touristen gerät (lacht). Man ist an solchen Orten so sehr an Sex ohne Kondom gewöhnt, dass ich dann völlig überrascht bin, wenn jemand beim Rummachen plötzlich ein Gummi hervorzieht.

    Wie reagierst du dann?

    Soll ich ehrlich sein? Für mich ist die Sache dann meist beendet. Wenn die Chemie richtig gut ist, kann ich natürlich auch Sex mit Kondom haben, aber es macht mich einfach nicht richtig geil und ich genieße es auch nicht so sehr.

    Ich bin dann aber auch nicht in der Stimmung, um ein Aufklärungsgespräch über die PrEP zu führen. Das ist nicht der Ort, nicht der Zeitpunkt und auch nicht mein Job.

    Ich habe das ein paar Mal versucht, aber es geht in einer solchen Situation einfach nicht, und ich habe dann, offen gesagt, auch keine Lust dazu. Denn ich bin ja dorthin gekommen, um Sex zu haben, und nicht, um meine Art, Sex zu haben, erklären zu müssen. Ich bin da übrigens nicht allein mit dieser Erfahrung.

    Das klingt jetzt etwas überheblich.

    „Ich habe schnell meine Medikamentenschachtel fotografiert und ihm geschickt, da war er dann beruhigt.“

    Dessen bin ich mir bewusst. Ich weiß selbstverständlich, dass wir hier in diesen Dingen viel weiter sind und deshalb auch privilegiert. Jemand, für den Sex automatisch Sex mit Kondom bedeutet, ist von der Situation natürlich überfordert.

    Der hat von der PrEP vielleicht noch nie oder nur wenig gehört und hegt verständlicherweise Zweifel an ihrer Wirksamkeit. Aber ich habe Zweifel, dass ich an diesem Ort, in diesem Kontext dann die richtige Person bin, um diese medizinischen Fakten vertrauenswürdig zu vermitteln (lacht).

    „Ich konnte gut nachvollziehen, warum er so panisch war. „

    Ich kann ihn also weder von der Wirksamkeit der PrEP überzeugen noch will ich ihn zum Sex ohne Kondom überreden. Das führt zu nichts und versaut nur uns beiden den Abend.

    Einmal war jemand zwar unsicher, aber er hatte dann doch mit mir Sex. Am nächsten Tag hat er mich bei Facebook angeschrieben: „Bist du auch wirklich auf PrEP?“ Ich konnte gut nachvollziehen, warum er so panisch war.

    Wenn man von der PrEP einfach nicht viel Ahnung hat, wühlt einen eine solche Situation natürlich auf. Ich muss dann daran denken, wie ich in den Zeiten vor der PrEP ausgerastet bin, wenn ich dann doch mal Sex ohne Gummi hatte. Ich habe deshalb schnell meine Medikamentenschachtel fotografiert und ihm geschickt, da war er dann beruhigt.

    Mehr Sex mit einer höheren Zahl an Partnern erhöht rein rechnerisch das Risiko, sich mit sexuell übertragbaren Infektionen (STIs) zu infizieren. Wie sieht deine Bilanz inzwischen aus?

    Sehr überschaubar, wie ich finde – in Relation dazu, wie viel Sex ich hatte, seit ich auf PrEP bin.

    Und was heißt das in Zahlen?

    „Die Infektionen wurden so bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt diagnostiziert und dann auch sofort behandelt.“

    Gleich im ersten Monat wurden bei mir Chlamydien festgestellt, und vor drei Monaten hatte ich einen Tripper in meinem Hals. Beide Male wurden die Infektionen im Rahmen der vierteljährlichen STI-Untersuchungen festgestellt, die Teil der Studie sind.

    Die Infektionen wurden so bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt diagnostiziert und dann auch sofort behandelt. Aber es ist hier im Zusammenhang mit der PrEP eigentlich irrelevant, über STIs zu reden, denn Tripper und Chlamydien können ja beispielsweise auch beim Lecken und Blasen übertragen werden, ganz gleich, ob man auf PrEP ist oder ein Kondom verwendet. Ich hätte die Infektionen auch beim Sex mit Kondom bekommen können.

    Doch wenn wir von der PrEP sprechen, sprechen wir über HIV-Schutz. Und was den HIV-Schutz anbelangt, ist PrEP mindestens genauso sicher wie ein Kondom, wenn nicht sogar mehr. Es macht daher keinen Sinn, für die Ablehnung der PrEP ausgerechnet die Ansteckungsgefahr durch andere Geschlechtskrankheiten als Argument zu benutzen.

    Wie häufig sind die Arztbesuche im Rahmen der Studie?

    Alle drei Monate.

    Was passiert da genau?

    Im Wartezimmer muss ich zunächst einen Fragebogen ausfüllen. Die Fragen sind immer gleich: Mit vielen Leuten man seit der letzten Untersuchung Sex ohne Kondome hatte. Wie viele Male dabei man beim Analverkehr aktiv oder passiv war. Ob man die Tabletten jeden Tag genommen hat oder wie oft man die Einnahme ausgelassen hat und warum.

    Während der Blutabnahme wird man dann auch noch im persönlichen Gespräch gefragt, ob es irgendwelche Nebenwirkungen gab. Und wir bekommen auch immer Kondome angeboten, die wir kostenlos mitnehmen können, wenn wir das wollen.

    Gibt bei diesen vierteljährlichen Kontrollterminen etwas, das nicht ganz so optimal läuft?

    „Du wirst jetzt lachen…“

    Das gibt es wirklich, und du wirst jetzt lachen: das sind die Urinproben. Aber wenn ich am Vormittag zu meinem Termin gehe, war ich natürlich auch schon mal pinkeln, und in der Praxis kann ich dann nicht mehr. Am meisten tun mir die Leute leid, die erst am Nachmittag ihren Termin haben. Die müssen ja völlig hungrig sein! Wir sollen nämlich fünf-sechs Stunden vorher nichts gegessen haben.

    Ein anderer Studienteilnehmer hat mir berichtet, dass es ihm unangenehm sei, bei den Kontrollen manchmal auch von Ärztinnen detailliert zu seinem Sexleben befragt zu werden.

    Damit habe ich kein Problem. Diese Ärztinnen sind ja erfahren, und es wird nichts geben, was sie noch überraschen könnte (lacht). Ich finde, jemand, der viel Sex hat, sollte nicht so verklemmt sein, wenn er zweimal im Jahr der Gesundheit zuliebe sich von einem Arzt den Hintern anschauen lassen muss.

    Es gab lediglich eine Situation, die mir etwas seltsam vorkam, nämlich als eine Ärztin bei mir einen Analabstrich machte. Sie hat mich dann gefragt, ob ich das künftig selbst mache möchte. Sie haben mir gezeigt wie es funktioniert, und das ist nun auch wirklich keine Kunst.

    „Mit solch heftigen Kommentaren hatte ich nicht gerechnet“

    Nach der Veröffentlichung unseres ersten Gesprächs hat es auf Facebook doch einige recht erhitzte Kommentare dazu gegeben. Wie hast du das selbst wahrgenommen?

    Ich war darauf gefasst, dass es negative Kommentare von Leuten geben würde, die der PrEP grundsätzlich kritisch oder ablehnend gegenüberstehen. Dass sie aber zum Teil so heftig ausfallen würden, damit hatte ich nicht gerechnet.

    Ich war deshalb froh, dass sich auch Leute in die Diskussion eingemischt und meine Position unterstützt haben. Ich habe dann aber auch versucht, das Interview mal mit Abstand zu betrachten, und war mir unsicher, ob der eine oder andere Satz als niedergeschriebenes Interview vielleicht naiv oder unverantwortlich wirken könnte, obwohl das so nicht gemeint war. Mir war aber bei unserem Gespräch wichtig, so ehrlich und klar wie möglich zu antworten.

    Insbesondere bei den sehr kritischen Kommentatoren fand ich auffallend, dass denen oft selbst zentrale Informationen über die PrEP fehlen.

    „Insbesondere bei den sehr kritischen Kommentatoren fand ich auffallend, dass denen oft selbst zentrale Informationen über die PrEP fehlen.“

    Und ich habe den Eindruck, dass einige Männer deshalb so emotional und wütend reagieren, weil sie – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein – insgeheim neidisch und verärgert sind, dass es die Möglichkeiten der PrEP noch nicht gab, als sie selbst jung waren. Da kommt man deshalb in der Diskussion mit sachlichen Argumenten und Informationen auch nicht viel weiter.

    Ärgert dich das?

    Ich kann dieses Verhalten sogar ein Stück weit nachvollziehen. Es fällt einem nun mal mit zunehmendem Alter schwerer, neue Entwicklungen mitzumachen oder zu akzeptieren, vor allem, wenn sie Dinge in Frage stellen oder verändern, die bislang ein fester, grundsätzlicher Bestandteil des eigenen Lebens waren.

    Das gilt nicht nur den für medizinischen Fortschritt wie jetzt bei der PrEP, sondern beispielsweise auch für technische Innovationen, die man nicht beherrscht und man deshalb belächelt oder als unnötig ablehnt. Das stelle ich bei mir selbst ja auch schon fest. Ich verstehe zum Beispiel nicht, wie die Jugendlichen heute so viel Zeit mit Instagram verbringen können. Für mich ist das völliger Blödsinn. Für die ist das ein wichtiges soziale Medium.

    Es ist also auf gewisse Weise völlig normal, dass wir die festen Koordinaten des eigenen Lebens verteidigen. Dazu gehört für viele schwule Männer eben auch das eingeübte Verständnis von Safer Sex als Sex mit Kondom.

    Das ändert aber nichts daran, dass die jüngere Generation, so wie ich, neue Entwicklungen wie die PrEP für sich als ganz selbstverständliche Form von Safer Sex annehmen werden.

    Und nur weil ich oder andere den Vorteil des Fortschritts in der pharmazeutischen Industrie in Anspruch nehmen wollen, der es uns ermöglicht, den Sex intensiver – also ohne Kondom und ohne HIV-Risiko – zu erleben, macht uns deshalb nicht zu unverantwortlichen Menschen. Die Einnahme der PrEP beweist genau das Gegenteil.

    Das erste Interview mit Milan zu seinen Erfahrungen mit der PrEP und als Teilnehmer der DISCOVER-Studie erschien im August 2017: „Die PrEP ist nur ein Werkzeug, und man muss lernen, damit umzugehen“

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