Keith Zenga King ist Theaterproduzentin und Kuratorin an den Münchner Kammerspielen. They lebt seit fünf Jahren in Deutschland, hat ihren Lebensmittelpunkt zwar in München, ist aber beruflich im ganzen Land unterwegs. Ich sprach mit they am Telefon nach der Arbeit. Da wir das Gespräch auf Englisch führten, übersetze ich es im Folgenden:
Keith plädiert dafür, dass Darstellungen von Race, Solidarität und Communities auch Tiefe und Komplexität bieten.
Keith, wie hast du die Corona-Zeit erlebt?
Schwierig war das. Ich habe als Künstlerin sofort die Arbeit von sechs Monaten verloren. – Wobei mir die Zwangspause auch gut getan hat: Seit dem Moment, als ich vor fünf Jahren in Deutschland eintraf, war mein Leben bestimmt von der ununterbrochenen Hetze von einem Auftrag zum nächsten, es war verrückt, ich war so getrieben, ja immer das nächste Projekt schon in Aussicht zu haben! Corona schlug zwei Wochen vor einem geplanten Theaterfestival ein, ich habe dann sofort alles auf online umgestellt.
Was sind für dich wichtige Themen derzeit in der queeren Szene?
Im vorherrschenden politischen Klima sind mir die Repräsentation marginalisierter Aktivist_innen und Künstler_innen sehr wichtig. Gerade diese seltsame Zeit erfordert Möglichkeiten der Teilhabe. Dabei muss darauf geachtet werden, dass Darstellungen von Race, dauerhafter Solidarität und Communities auch Tiefe und Komplexität vermitteln. Als Künstlerin bringe ich das Aktivistische in mein Werk ein: Themen wie Migration, Queerness usw. formen meine künstlerischen Darstellungen und bilden so den Rahmen für mein Schaffen.
Keith (links, unten) ist Teil unserer #WirFürQueer Kampagne.
Was bedeutet für dich queere Solidarität?
Ich glaube, man muss verstehen, dass es dabei mehr um Politik als um Begehren geht und man gar nicht unbedingt queer sein muss, um dazuzugehören. Ich verstehe unter Solidarität vor allem Fürsorge für die Gemeinschaft und für einander, auch allgemeine Fürsorge und Carework zählen für mich dazu. Im Moment sollten wir uns auf das Ausruhen und Innehalten konzentrieren und uns dabei auch auf Schlimmes gefasst machen. Ich denke da an die ökonomischen, sozialen und politischen Spannungen, die im Kielwasser dieser globalen Pandemie schwimmen werden.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Dass Art und Weise, wie wir arbeiten, neu kalibriert werden.
Hast du grade ein Projekt, dass dir am Herzen liegt?
Ja, ich schreibe ein Buch, eine Gedichtsammlung, sie soll „I am other in exile“ heißen und ich bin mit meiner Arbeit daran schon recht weit fortgeschritten. Ansonsten bereite ich mich auf die nächste Spielzeit vor…
Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!
Der Lederkerl prägte über viele Jahre das Bild vom schwulen Mann. Bis heute zeugen die Werke des Künstlers Tom of Finland davon. Doch die Lederszene ist in die Jahre gekommen, und in der Community rümpft man die Nase. Manuel Izdebski, Geschäftsführer der Aidshilfe im Kreis Unna, sprach mit Dirk Killing, der sich seit Jahren im „MSC Rote Erde Dortmund e.V.“ engagiert und dort im Verein seinen Fetisch pflegt. Das gelingt nicht immer ohne Vorbehalte.
Dirk Killing: ‘Als Fetischkerl fällst du aus dem Rahmen.’ (Foto: privat)
Dirk, du bist als Leder- und Fetischmann weit über unsere Region hinaus bekannt. Vor ein paar Jahren warst du „Mr. Fetish NRW“. Das findet in der Community nicht ungeteilte Zustimmung, oder?
Nein, viele Mitglieder der Community sind einfach davon überzeugt, dass wir nur durch Anpassung gleiche Rechte erhalten werden. Als Fetischkerl fällst du da aus dem Rahmen.
Wie meinst du das?
Ein CSD-Veranstalter hat mir mal gesagt, dass ich mich am besten zurückhalten solle, damit würde ich dem Kampf um Gleichberechtigung mehr helfen. Der hat es auf den Punkt gebracht. An unserer Sichtbarkeit nehmen viele in der Community Anstoß, weil sie die Reaktionen der Heteros fürchten und nicht mit uns in einen Topf geworfen werden wollen. Dabei reden immer alle von Vielfalt.
Bei schwulen Events gibt es immer wieder Sex in der Öffentlichkeit. Das steht vielfach in der Kritik.
Ist das Führen eines Sklaven an der Leine schon eine sexuelle Handlung? Wie sollen wir für unsere Welt demonstrieren, wenn wir sie nicht zeigen dürfen? Nein, es reicht unsere bloße Teilnahme in Fetischklamotten, um bei einigen Leuten Schnappatmung auszulösen. In einer Stadt kam es deshalb mal vor einem CSD zu einem Eklat. Eine andere Gruppe hatte Probleme mit unserer Anwesenheit. Da wurden wir öffentlich im Web als Trittbrettfahrer beschimpft, der CSD sei schließlich ein Familienfest. Zugleich wurden wir vom Organisator eindringlich ermahnt, wir mögen uns bitte am Riemen reißen, man stünde kurz vor der Eheöffnung. Da sei ein guter Eindruck wichtig.
Das ist ein wenig verrückt, denn es waren ja hauptsächlich Lederkerle und Transen, die in der Christopher Street auf die Straße gingen,.
Ja, aber solche Reaktionen sind leider kein Einzelfall. Bei einem anderen CSD wurden wir auf der Bühne interviewt und sollten über unseren Verein erzählen. Im Vorgespräch erklärte uns der Moderator ernsthaft, dass man uns aber keinen Sling auf die Bühne stellen würde. Keine Ahnung, was der für Vorstellungen hatte. Und bei der Konzeption eines Jugendtreffs, wo viele unterschiedliche Gruppen mitgewirkt haben, war unser Engagement nicht gefragt, obwohl wir einen Sozialpädagogen in unseren Reihen haben, der fachlich etwas hätte beisteuern können. Beim Thema Jugendarbeit sollten wir aber in keinster Weise in Erscheinung treten, auch nicht professionell.
Wie geht Ihr denn innerhalb eurer Szene mit solchen Ausgrenzungserfahrungen um?
Um ehrlich zu sein: Es geht uns mittlerweile am Arsch vorbei. Von uns will gar keiner eine „Hetero-Hochzeit“ oder Kinder adoptieren. Aber wir haben uns immer solidarisch erklärt mit den Forderungen der Community. Und beim CSD laufen wir nur noch bei der Parade in Köln mit. In Dortmund haben wir parallel zum CSD unseren „Lederpott“ veranstaltet, aber viel zu tun hatten wir mit dem Straßenfest nicht. Wir sind auch Anfang des Jahres aus dem Dachverband SLADO ausgestiegen.
Und wieso?
Weil wir uns einfach nicht mehr vertreten gefühlt haben. Für die „anständigen Schwulen“ gehören wir in den Darkroom. Aber den gibt es in Dortmund seit der Sexsteuer auch nicht mehr wirklich. Die hat binnen weniger Jahre einen Laden nach dem anderen ruiniert, obwohl nur die Prostitution damit eingedämmt werden sollte. Tatsächlich wurden alle Betriebe, die die Möglichkeit zum Sex boten, damit getroffen, auch schwule Bars oder Saunabetriebe. Ich nehme an, das war ordnungspolitisch auch so gewollt, um die Stadt schmuddelfrei zu machen. Jetzt ist es hier öde. Für drei Gay-Kneipen kommt kein schwuler Mann aus dem Sauerland nach Dortmund gefahren. Selbst beim CSD herrscht tote Hose. Dabei waren wir mal das Oberzentrum für die ganze Region.
Für Dirk gehört der Fetisch zu seiner Identität. (Foto: privat)Wie ist es denn um Ausgrenzung innerhalb der Fetisch-Szene bestellt?
Ausgrenzung gibt es bei uns eigentlich nicht. Im Gegenteil, der Umgang ist sehr herzlich, egal ob du alt oder jung, dick oder dünn bist. Wir machen uns keinen Stress mit solchen Dingen, bei uns steht der Fetisch im Vordergrund. Allerdings ist die organisierte Lederszene in die Jahre gekommen.
Haben denn jüngere Leute keinen Fetisch?
Doch, aber die stehen eher auf Sportswear oder so. Und im Internet kannst du deinen Fetisch diskreter ausleben, da suchst du dir einen passenden Sexpartner für deine Sauereien und keiner kriegt es mit. Du musst das nicht mehr organisiert im Verein tun. Das Sexuelle vollzieht sich in den eigenen vier Wänden. Das kommt vielen entgegen, die Sexualität zur Privatsache erklären wollen.
Dann ist es auch egal, ob du hetero oder homo bist. Die Fetischvereine gründeten sich in ganz anderen Zeiten. Damals ging es um die Sichtbarkeit schwuler Sexualität. Man wollte die Homophobie in der Gesellschaft provozieren. Darin sehen wir auch heute noch unseren Beitrag zur Bewegung, aber das ist nicht mehr gefragt. Die Ziele sind eher konservativ geworden.
Du selbst gehst sehr offen damit um. Warum ist dir das so wichtig?
Ja, ich mache das ganz offen. Mit der Offenheit mache ich mich unangreifbar. Sollen es doch alle wissen! Für mich ist das meine Identität, und die Klamotten brauche ich, um mich selbst zu spüren. In normaler Kleidung fühle ich mich unwohl und verkleidet. Für mich ist das eine Art der Selbstbestätigung. Ich habe lange Jahre heterosexuell gelebt und bin Vater eines Sohnes. Ganz spießig! Mein Coming out als schwuler Mann und als BDSM’ler waren für mich eine unglaubliche Befreiung.
Immerhin lebst du jetzt auch seit 13 Jahren in einer festen Beziehung.
Das ist richtig, wir sind zwei SM-Männer in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, führen aber eine offene Beziehung. Auch das wird heute eher verurteilt. Eheliche Monogamie ist angesagt, am besten im Eigenheim und mit Adoptivkind. Wer das möchte, soll das auch tun können. Aber ich habe auf so eine „Knorr-Familie“ keinen Bock.
Knorr-Familie….?
Ja, die heile Familienwelt in der Werbung, wo die Mutti zu Hause mit dem Essen schon auf ihre Lieben wartet. Gibt es dazu ein schwules Pendant? Kommt sicher noch!
Dirk, vielen Dank für das Gespräch und für deine Offenheit.
Ist ein erstes Date also nur noch mit Mund-Nasen-Bedeckung und promisker, schwuler Sex wegen Corona vorerst gar nicht mehr denkbar? Schwuler Sex wurde durch Corona stark eingeschränkt. Die Corona-Abstandsregeln haben unsere Möglichkeiten der körperlichen Nähe stark eingeschränkt. Wir haben mit drei schwulen Männern über Ihre Erfahrungen gesprochen und den Experten Marco Kammholz gefragt, welche Auswirkungen der Corona Pandemie er auf schwulen Sex sieht. Um die eigenen Bedürfnisse mit den Schutzmaßnahmen in Einklang zu bringen, haben schwule Männer bereits kreative Lösungen entwickelt.
Stefans Selbstdiagnose ist klar und unmissverständlich: „Chronisch untervögelt“ knallt es den Besuchern seines Datingprofils auf Planetromeo entgegen. Normalerweise würden sie dort „Auf der Suche nach Sex“ lesen. Denn Sex, sagt Stefan, „ist für mich keine Freizeitbeschäftigung am Wochenende, sondern mein täglicher Spaß. Der gehört dazu wie morgens meine Tasse Kaffee.“
Von der „kleinen Schlampe“ zur „keuschen Nonne“
Dass ihn seine engsten Freunde liebevoll „kleine Schlampe“ nennen, ist für den Mittzwanziger kein Problem. Stefan steht dazu, dass ihm Sex wichtig ist, und am liebsten mit immer wieder neuen Männern.
Seit Ende März hat Stefan von seinen Freunden nun einen neuen Kosenamen bekommen: „keusche Nonne“. Stefan seufzt betont melodramatisch und sagt dann ganz ernst: „Ich mag zwar eine promiske Schlampe sein, aber ich bin auch nicht blöd. Man muss einfach realistisch sein: Rumvögeln geht derzeit einfach nicht.“
Die Corona-Pandemie hat das Sexleben mancher schwuler Männer zum Stillstand gebracht. Symbolfoto – Foto: Lichtsucht photocase.de
Die Corona-Pandemie hat nicht nur Stefans Sexleben zum Stillstand gebracht. Während der angespannten Wochen ab März und den damit verbundenen Kontaktbeschränkungen und Schließungen von Geschäften war auch das Szeneleben über Nacht auf Eis gelegt. Cafés, Bars und Clubs waren dicht, und damit nicht nur Orte, wo man sich mit anderen LSBTIQ treffen kann. Geschlossen waren auch solche Orte, wo Männer, Sex mit Männern haben können, etwa Saunen oder Darkrooms.
Bisweilen hat Corona das ganze schwule (Sex-)Leben auf den Kopf gestellt.
Tom war gerade in Argentinien, als rund um den Globus die Infektionszahlen zu steigen begannen. Das Praktikum weswegen er nach Südamerika gereist war, musste er abbrechen. Als es kurzfristig die Möglichkeit für einen Rückflug gab, ergriff er die Chance. Es war keine leichte Entscheidung, hatte er sich doch kurz zuvor in einen Argentinier verliebt. Die noch junge Liebe hat über die Entfernung hinweg nicht gehalten. Deshalb war Tom auch nicht der Sinn danach, sich gleich nach anderen Sexpartnern umzuschauen.
Er hat seitdem sehr viel Zeit mit sich allein und ohne Dating-Apps verbracht – und mit sich selbst auseinandergesetzt.
„Mir ist dadurch klar geworden, dass ein Großteil meines Drangs nach Sexualität aus der Notwendigkeit gekommen ist, mir zu beweisen ‚Ich kann es!‘. Man versucht verzweifelt das eigene Ego aufzubauen und Selbstbestätigung zu bekommen, indem man viele Sexpartner hat. Doch anstatt das Selbstbewusstsein aufzubauen, wird es nur noch mehr untergegraben.“
Tom war, wie er sagt, „spät dran mit allem“. Sein erstes Mal hatte er mit 20, „und ich habe mir selbst Druck gemacht, als müsste ich etwas aufholen und damit kompensieren.“ Im Rückblick sieht Tom da einige Entscheidungen, die nicht gut für ihn waren.
Wie Tom geht es gerade vielen schwulen Männern.
Sexualpädagoge Marco Kammholz (Foto: Danny Frede)
Tom ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall, weiß Sexualpädagoge Marco Kammholz. Er hat im Rahmen von Workshops in den Sommermonaten mit vielen schwulen, bisexuellen und queeren Männer über die Auswirkungen der Pandemie auf ihre Sexualität gesprochen. „Corona fordert nicht wenigen Schwulen viel ab, gerade auch was die Erfüllung ihrer sexuellen Bedürfnisse angeht“, sagt Marco Kammholz. „Ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die in jeder Krise auch gleich eine Chance sehen.“ Gleichwohl beobachtet er immer wieder, dass Teilnehmer seiner Workshops die jetzige Situation nutzen, um mit etwas Abstand zu betrachten, wie sie ihr sexuelles Leben bisher gestaltet haben. „Es zeigt sich dann vielleicht deutlicher, welche Funktion und Bedeutung die eigene Sexualität besitzt. Und wie wichtig oder unwichtig einem Häufigkeit, Partnerwechsel oder eine feste Beziehung sind.“
Weniger ist also unter Umständen mehr; vor allem aber bedeuten weniger Sexpartner – zumindest theoretisch – weniger Risiken, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Corona hat die Menschen auf die Zweierbeziehung zurückgeworfen. Und Sex am besten mit dem festen Partner, der festen Partner_in – wenn es diesen Menschen im eigenen Leben denn gibt. Singles haben daher nun eine besonders schwere Zeit. Und Menschen, die ihre Sexualität promisk leben, sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, „unverantwortlich“ zu sein.
Und Singles, die nach einem festen Partner suchen, stecken derzeit genauso in der Bredouille. Wie viel Nähe im wahrsten Sinne des Wortes lässt man zu? Wie romantisch oder geil kann ein Date mit Mund-Nasen-Schutz oder mit mindestens 1,50 Meter Abstand denn sein?
Totale lsolation ist für Armin auch keine Lösung
„Bei mir gibt’s keine Abstandsregel“, sagt Armin grinsend. „Mir kann jeder so nahekommen, wie er das möchte.“ So arglos allerdings, wie das vielleicht klingen mag, ist Armin keineswegs. Die ersten Wochen hat der Schüler komplett auf Dates verzichtet. In seiner Familie gibt es Menschen, die zur Risikogruppe zählen. Zeitweilig musste er mit seinen Eltern auch in Quarantäne.
Danach hatte er sich aber recht schnell wieder mit Freunden getroffen, um nicht zu vereinsamen oder gar depressiv zu werden, erzählt Armin. „Jeden Tag Krisennachrichten zu lesen, mit so vielen Problemen beschäftigt zu sein und nur allein zuhause zu hocken: Das ist für die Psyche nicht gut.“ Armin hat einen solchen Fall in seinem Freundeskreis erlebt. So schnell wird die Corona-Pandemie nicht vorbei sein, selbst wenn es eine Impfung geben wird, ist sich Armin sicher. „Deshalb ist es wichtig einen Weg zu finden, damit umzugehen. Der Alltag muss ja irgendwie weitergehen“.
Seit die Corona-Maßnahmen gelockert wurden, lernt Armin andere Jungs nun nicht mehr nur virtuell auf dbna, dem Internetportal für LGBT-Jugendliche, kennen, sondern auch in real life.
Wunsch nach Vorsichtsmaßnahmen offen ansprechen
„Ich vermeide bei Dates aber geschlossene Räume, sondern treffe mich lieber im Freien, weil ich nicht nur mich, sondern auch die anderen Personen schützen will. Mir liegt ja schließlich etwas an ihnen.“
Vor allem hat Armin für sich entschieden, Corona und die damit verbundenen Ängste und Vorsichtsmaßnahmen nicht zu überspielen, sondern einfach offen und ehrlich anzusprechen.
„Wenn ich jemanden gar nicht kenne, frage ich, wie es ihm geht und ob alles ok ist. Ich versuche ihm das Gefühl zu geben, alles aussprechen zu können – egal, ob es eine aktuelle Erkältung oder beispielsweise HIV ist. Dann lässt sich auch ganz unaufgeregt besprechen, wie wie wir uns dazu verhalten wollen.“ Armin ist auch vor Corona schon vorgegangen und hat damit nur gute Erfahrungen gemacht. „Und wenn jetzt jemand hustet, dann gehe ich auf Abstand, aber erkläre das auch, warum ich das mache. Ich habe einfach keinen Bock, wieder in Quarantäne zu kommen.“
Schwuler Sex wurde durch Corona stark eingeschränkt.
Nach Dates ist Tom aktuell zwar noch nicht zumute, dafür trauert er noch zu sehr um seine zerbrochene Beziehung. Doch wenn es so weit ist, will es Tom langsam angehen lassen. Also nicht gleich mit dem anderen ins Bett gehen, sondern sich erst ein paarmal zum Kaffeetrinken und Spazierengehen verabreden. Und das auch deshalb, erklärt Tom, um bei diesen Gesprächen ein Gefühl zu bekommen, ob die andere Person sich als so verantwortungsvoll erweist, um dann auch körperliche Nähe wagen zu können.
„Körperliche Nähe wie auch Sexualität sind menschliche Grundbedürfnisse.“
Marco Kammholz, Sexualpädagoge
Die Wochen und Monate, in denen Social oder besser Physical Distancing das absolute Gebot der Stunde war, liegen zum Glück hinter uns. Menschliche Begegnungen sind wieder möglich – wenn auch nach wie vor mit mancher Einschränkung. Seien es Spaziergänge oder Café-Besuche. Doch wie stillt man das Bedürfnis nach Berührung und Zärtlichkeit wie das Verlangen nach Sex, wenn es diesen einen – festen – Partner eben (noch) nicht gibt?
Menschen in dieser Situation können da schnell in einen Strudel sich widerstreitender Emotionen und Gedanken geraten, wenn Lust mit Infektionsängste kollidieren und unerfüllte Sehnsucht und Begehren zu Wut, Trauer und vielleicht gar Verzweiflung führen.
„Körperliche Nähe wie auch Sexualität sind menschliche Grundbedürfnisse“, sagt Marco Kammholz. Deshalb kann es auch moralisch nicht prinzipiell verwerflich sein, wenn Menschen einen Weg suchen, die Bedürfnisse zu erfüllen – zumal das keineswegs automatisch bedeuten muss, unvernünftig oder gedankenlos zu sein.
lst ein „Corona-Fuckbuddy“ die Lösung?
So mancher hat sich zu einer ganz pragmatischen Lösung entschlossen, mit der sich Schutz und Sex auch ohne feste Beziehung realisieren lassen: durch einen exklusiven „Fuckbuddy“. Ein Kerl also, mit dem man im Zweifelsfalle schon das eine oder andere Mal Sex hatte und dem man vertraut. Der wechselseitige Deal: Wir achten im Alltag auf uns, halten uns an die Corona-Schutzbestimmungen und Sex gibt’s nur mit dem anderen.
Marco Kammholz sieht bei diesem Modell der „Corona-Sexpartner“ zudem noch eine besondere Gelegenheit zur Selbstbeobachtung: „Wer aufgrund der Pandemie die Anzahl seiner Sexpartner reduziert, auf weniger oder nur einen, kann sich die Frage stellen: Wer bleibt eigentlich übrig und was zeichnet diese Männer aus? Also: Was passiert mit dem eigenen sexuellen Leben in der Pandemie?“
Wie schwule, bisexuelle und queere Männer angesichts von Corona ihre sexuellen Bedürfnisse mit den möglichen Infektionsrisiken abwägen, zeigt sich für Kammholz aber auch in anderer Sicht. „So wie der wöchentliche Einkauf stehen für manche ab und an Sexdates oder Cruising im Park an. Beides ist mit Restrisiko verbunden. Warum sollte man sich das eine weniger als das andere erlauben? Ich finde das ist eine gesunde Einstellung“, sagt der Sexualpädagoge.
Fortschrittliche Sexualkultur
Um das Restrisiko noch weiter zu reduzieren, lassen viele bei flüchtigen Kontakten das Küssen und Kuscheln aus und kommen umso schneller zu Sache. Man geht auf die Knie oder bückt sich und gibt dem Coronavirus weniger Chancen. Aber auch Glory Holes erleben gerade eine Renaissance und finden sich neuerdings sogar in manchen Wohnungen – mal als Pappwand oder Loch in einem Vorhang.
„Ich bin mir recht sicher, dass der Eigensinn und die Kreativität der Schwulen ihnen auch in dieser Pandemie dabei hilft (…) diese fortschrittliche Sexualkultur zu bewahren.“
Marco Kammholz
„Schwule Männer haben über die Jahrzehnte eine Sexualkultur entwickelt, in der es möglich ist, freier und ungehinderter mit Sex umzugehen.“, stellt Marco Kammholz fest. „Das ist nicht so leicht zu erschüttern. Ich bin mir recht sicher, dass der Eigensinn und die Kreativität der Schwulen ihnen auch in dieser Pandemie dabei hilft mit den Einschränkungen umzugehen und zugleich diese fortschrittliche Sexualkultur zu bewahren.“
Auch Online-Sex kann geil sein…
Und ja, die Jungs und Kerle sind durchaus kreativ. „Kleine Schlampe“ Stefan mag in den vergangenen Wochen zwar objektiv betrachtet keusch gewesen sein, aber er war deshalb keineswegs artig. „Ich hatte viel Spaß mit meinen Freunden“, sagt Stefan im Gespräch – ganz zeitgemäß via Zoom-Video-Konferenz – und lacht. Dann hält er eine Pappkiste vor die Kamera und präsentiert seine stattliche Sammlung von Dildos. Die kommen ab und an auch vor der Kamera zum Einsatz. „Warum soll ich mich allein damit vergnügen, wenn mir andere dabei zuschauen können?“.
Wann, wenn nicht jetzt, ist also die ideale Gelegenheit, um sich mit Cam-Sex zu versuchen oder die eigenen erogenen Zonen auszukundschaften und neue Möglichkeiten probieren, sich selbst zum Höhepunkt zu bringen.
[Anmerkung der Redaktion: Die Interviews wurden im September vor dem Anstieg der Coronavirus-Neuinfektionen im Oktober 2020 geführt.]
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Edward Mutebi, B. A. Organisations- und Kommunikationsmanagement, Aktivist aus Uganda, der zur Zeit in Berlin lebt. Er ist 28 Jahre alt und ich habe ihn zu einem Telefoninterview an die Strippe bekommen. Da das Interview auf Englisch geführt wurde, habe ich es ins Deutsche übersetzt.
Edward hat die Menschenrechtsorganisation LET‘S WALK UGANDA mitbegründet.
Hallo Edward! Danke, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Erzähl doch mal, wie warst du in Uganda aktiv?
Ich möchte gar nicht so viel von mir, sondern mehr von uns erzählen, uns, der Gruppe der queeren Geflüchteten. – In Uganda war ich Aktivist für LGBTIQ-Rechte. Wir haben die Menschenrechtsorganisation LET‘S WALK UGANDA gegründet. 2016 kam das Wohnprojekt für LGBTIQ und HIV+ Personen dazu, das LET‘S WALK UGANDA SHELTER. Dort können Menschen unterkommen, die aufgrund ihrer Queerness oder ihres HIV-Status‘ ihre Bleibe verlassen mussten. Ehrenamtliche sorgen dafür, dass diese Menschen durch Kooperation mit medizinischen Versorgungszentren Zugang zu medizinischer Behandlung und Versorgung bekommen. Safer Sex Aufklärung, Empowerment und Verteilung von bspw. Kondomen sind weitere Aktivitäten, die das SHELTER abdeckt, wobei der Fokus auf Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), liegt. Ich unterstütze es noch immer von Berlin aus und verfolge natürlich die aktuellen Aktivitäten und Entwicklungen.
Edward (oben Mitte) ist derzeit mit 5 anderen queeren Personen in unserer bundesweiten Printanzeige in schwulen und queeren Magazinen zu sehen.
Wie hast du in diesem Jahr die Corona-Zeit erlebt?
Anfangs war ich in München. Ein zentrales Problem in München ist die Verfügbarkeit von Wohnraum für Refugees, also haben wir eine Kampagne gestartet. Durch Corona hat sich die Situation enorm verschlechtert, viele Refugees leben in Obdachlosigkeit: bei Freund_innen, auf der Straße oder in Camps.
Außerdem ist der Zugang zu medizinischer Versorgung schwieriger geworden. Ärzt_innen wurden durch die anfängliche Ungewissheit der Lage noch ungeduldiger, als sie es ohnehin waren. Terminanfragen wurden entweder komplett abgelehnt oder du hast einen in fünf Monaten angeboten bekommen für etwas, was eigentlich nicht so lange warten kann. Auch die PrEP war schwerer zu bekommen. Ich habe da auch viel Mitgefühl für die Ärzt_innen dieser Tage, klar. Viele von uns kämpfen ja mit Sprachbarrieren; wenn sie dann auf erschöpftes und überreiztes medizinisches Personal treffen, strapaziert das alle Beteiligten noch mehr.
In Bayern hat sich während Corona der Umgang mit Geflüchteten schon auch verändert: Es werden jetzt Strafen für Menschen verhängt, die mit einem Touristenvisum nach Deutschland einreisen und dann hier Asyl beantragen. Das ist ein neues Verfahren, eine neue Policy, die unter Corona-Bedingungen den Druck auf die Geflüchteten noch erhöht.
Hast Du dafür vielleicht ein Beispiel aus Deiner aktivistischen Arbeit?
„Unter Corona-Bedingungen haben juristische Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung von Geflüchteten zugenommen.“
Ich möchte dir dazu gerne die Geschichte eines jungen Mannes erzählen, der leider vergeblich für eine gerechte Behandlung innerhalb seines Asylverfahrens gekämpft hat. Er ist genau mit einem solchen Touristenvisum eingereist und hat dann in Bayern Asyl beantragt. Da er in einem Camp untergebracht war, wo viele Corona-Fälle aufgetreten sind, musste er für zehn Tage in Quarantäne. In dieser Zeit bekam er Post vom Gericht und als er aus der Quarantäne raus kam, hatte er nur noch zwei Tage Zeit, sich auf die Anhörung vorzubereiten! Er wollte dem Gericht erklären, dass er ganz frisch aus dem Lockdown käme und um mehr Zeit bitten, um sich anwaltliche Unterstützung zu organisieren. Aber er hat eine komplette Abfuhr bekommen und musste auch die Strafe bezahlen. Das ist nur ein Beispiel, wie unter Corona-Bedingungen juristische Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung von Geflüchteten zugenommen haben.
Edward beklagt, dass sich unter Corona-Bedingungen der Druck auf Geflüchtete erhöht hat.
Viele Geflüchtete bekommen z.B. verspätete Asylbescheide, zu wenige Gesprächstermine mit Anwält_innen und bleiben zu lange in den Camps. Und das teilweise mit hohen Covid19-Raten. Das und die vielen schnellen Veränderungen während der letzten Monate können mental enorm belastend sein. Wer eine Wohnung hat, leidet oft schwer unter der Isolation, der Einsamkeit und auch die Armut, in der viele von uns leben, wiegt schwerer, unsere Probleme nehmen zu, weil Hilfestrukturen in der Krise und im Lockdown weggefallen sind.
Mir hat es geholfen, schnell raus aus meiner Bude zu kommen, meinen Nachbarn Hilfe anzubieten, wieder in Kontakt zu gehen, damit ich nicht verrückt werde. Ich habe mir selbst geholfen, indem ich anderen geholfen habe.
Ich wünsche mir mehr Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen und ein Bewusstsein für die zusätzlichen Risiken, denen queere Geflüchtete ausgesetzt sind. Ich habe den Eindruck, dass queere Menschen in der Politik betrachtet werden, als wären wir alle gleich. Die Unterschiede in unseren Lebensrealitäten werden nicht besonders gut reflektiert. Wir brauchen Unterstützungsangebote und -strukturen wie beispielsweise eine Telefonhotline zur Orientierung, wie was läuft in diesem Land, wo ich wann was beantragen muss und wie das geht.
Allgemein wünsche ich mir mehr queere Solidarität, Liebe und dass eins allen klar ist: Keine_r übersteht das hier allein, das geht nur zusammen!
Gibt es ein Projekt, das aus deiner Sicht besonders Unterstützung benötigt?
In dieser Corona-Zeit wird die Menschlichkeit schnell vernachlässigt, jeder kümmert sich um sich. Das ist zwar nachvollziehbar, aber dieser Egoismus hat auch dazu geführt, dass Verletzungen der Menschenrechte stark zugenommen haben. In Uganda wurden zwanzig queere Refugees in einem vermeintlich sicheren Haus angegriffen und landeten für fünfzig Tage im Gefängnis, ohne ein Verfahren und ohne überhaupt einen Anwalt zu sehen!
Unsere Organisation hat viele in Uganda gerettet und es wird deutlich, dass unser sicheres Wohnprojekt größer werden muss und wir dringend Ressourcen brauchen für ein Informationszentrum, das Zugang zum Internet und damit zu Vernetzung ermöglicht. Auch eine Bibliothek soll aufgebaut werden.
In München gründen wir grade „Plus“, die erste Organisation in Bayern von und für Refugees. Denn die Maßnahmen der bestehenden Strukturen gehen oft an unseren Bedürfnissen vorbei. Die Leute sitzen hinter ihren Schreibtischen und planen etwas, mit dem wir gar nichts anfangen können. Deswegen machen wir als erstes eine Problem- und Bedarfserhebung möglichst vieler queerer Geflüchteter in Bayern, um daraus dann Projekte zu entwickeln. Auf jeden Fall brauchen wir jetzt schon einen Treffpunkt, also Räume, Infrastruktur usw. Es soll Beratung geben, die Website ist in Arbeit, aber leider noch nicht online, weil wir auf die Kapazitäten von Ehrenamtlichen angewiesen sind und na ja, du weißt ja, da kann man schlecht sagen, wann etwas fertig wird! (lacht) Wir sind im offiziellen Registrierungsprozess und wenn ihr etwas tun wollt, dann unterstützt diese Organisation!
Alles klar! Das war wirklich spannend, danke! Bitte halte uns auf dem Laufenden, wie es mit „Plus“ weitergeht – wann wir euch hier verlinken können, damit euch möglichst viele Menschen finden, die Unterstützung brauchen oder geben wollen!
Leave no one behind!
Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!
Triggerwarnung: In diesem Artikel wird an einer Stelle über Gewalt gegen queere Menschen berichtet.
Im Shutdown auf Spurensuche
Auch in einer Pandemie kommt’s auf die Perspektive an. Robi hat einige Jahre in Mexiko-Stadt gearbeitet, auch bei einem Projekt für Straßenkinder. „Als der Shutdown kam, musste ich oft an meine Freund_innen dort denken“, erzählt er. „Corona trifft sie noch viel härter als uns in Deutschland. Ohne genügend Geld bekommt man dort nur die nötigste medizinische Hilfe, wenn überhaupt.“. Aber auch in Städten wie Berlin hätten die Anti-Corona-Maßnahmen „ganz schön reingehauen“, sagt der 33-Jährige. „Die Clubs haben zu, und viele meiner Leute machen sich große Sorgen, ihre Arbeit zu verlieren.“
„Die Corona-Zeit war eine Zäsur.“
„Dagegen hab ich’s gerade gut“, gesteht Robi. Er arbeitet im sozialen Bereich bei einer LSBTIQ-Organisation. „Ich habe das Privileg, dass ich gerade nicht nur ein sicheres Einkommen, sondern durchs Homeoffice sogar etwas mehr Zeit für mich habe. Ich konnte auch Sachen angehen, die ich bis dahin vor mir hergeschoben hatte.“
Für Robi war die verordnete Corona-Ruhe eine Zäsur. Gut ein Jahr nach seinem Coming-out als intergeschlechtlich, setzte er die begonnene Spurensuche intensiv fort, forderte bei seiner Geburtsklinik medizinische Unterlagen ein und kontaktierte das Standesamt, das seine Geburt erfasst hat.
Als intergeschlechtlich geborenes Kind wurde Robi ohne seine Einwilligung mehrfach operiert. Sein Körper sollte dem entsprechen, was sich Gesellschaft und Medizin unter „männlich“ vorstellen. „Früher hab ich da viel verdrängt“, erzählt Robi, „es war eine große Sache, mir das bewusst zu machen und Intergeschlechtlichkeit bei mir zu entdecken.“
In der schwulen und in der trans* Community Berlins hat Robi Verbündete gefunden.
Queer bedeutet: das Recht anders zu sein!
Sehr geholfen haben ihm bei seinem Coming-out Freund_innen und Bekannte, die sich genauso wenig ins starre Mann-Frau-Schema pressen lassen möchten. In der schwulen und in der trans* Community Berlins hat Robi viel Solidarität bekommen und Verbündete gefunden. Obwohl die Erfahrungen von inter* und trans* Menschen sehr unterschiedlich seien, gebe es viele Überschneidungen, erläutert er: die vielfältigen Körperlichkeiten, die geschlechtsverändernden Operationen. „Für mich waren die OPs jedoch erzwungene Eingriffe während meiner Kindheit, die eine Verletzung meiner körperlichen Unversehrtheit und meiner geschlechtlichen Selbstbestimmung bedeuten. Diese medizinischen Eingriffe habe ich ja nicht für mich selbst entschieden“.
Trans* und Inter* haben „viel mehr Gemeinsamkeiten“ als Unterschiede.
Trotz dieser Unterschiede zu trans*: Es gibt viel mehr Gemeinsamkeiten! Davon ist Robi überzeugt. Darum unterstützt der gebürtige Potsdamer auch die Kampagne #WirFürQueer von ICH WEISS WAS ICH TU. „Ich bin der queeren Community sehr dankbar, weil sie die heteronormative Gesellschaft kritisiert. Queer bedeutet für mich das Recht, körperlich nicht Mann oder Frau zu sein, sondern intergeschlechtlich.“
„Für mich bedeutet Solidarität, zu verstehen, was andere Menschen bewegt, nach Gemeinsamkeiten zu schauen – und dann in unserer Differenz gemeinsam zu kämpfen!“ Und deshalb zeigt Robi derzeit auch besonders oft Regenbogenflagge, natürlich mit Schutzmaske und Abstand. So protestierte er z.B. im März und August vor dem Polnischen Institut gegen die „LGBT-freien Zonen“ in unserem Nachbarland. Ende Juni war er auf der Berliner Demo von „Black Lives Matter“.
Robi (rechts, 2. von oben) geht auch in Coronazeiten auf die Straße und kämpft mit Regenbogenflagge für die Rechte von queeren Menschen.
Stresstest für unsere Demokratie
„Zum Slubice-Frankfurt-Pride hab ich es leider nicht geschafft“, bedauert Robi. [Slubice ist die polnische Nachbarstadt von Frankfurt/Oder. Im September 2020 fand erstmals eine gemeinsame CSD-Demo in beiden Städten statt. Anm. d. Red.] Aber Robi stellt klar: „Trans*-, inter*- und homofeindliche Angriffe gibt es leider auch in Berlin.“ Das mussten er und sein Freund am eigenen Leib erfahren. Im Mai attackierte sie ein Mann am S-Bahnhof, brüllte: „Du schwule Sau! Raus aus Deutschland!“. Der Mensch sprang sogar ins Gleisbett, um die beiden mit Schottersteinen zu bewerfen. „Wir blieben physisch unverletzt; aber es war ein großer Schock.“ Ein Mitarbeiter der Bahn half ihnen vor dem Täter zu fliehen. „Dumme Sprüche habe ich schon öfter gehört, aber so ein Angriff ist krasser“, betont Robi. „Ich habe das Gefühl, dass unser gesellschaftliches Klima gerade sehr gereizt ist. In der Öffentlichkeit wird ein Hass sichtbarer, den ich – zumindest persönlich – so noch nie erlebt hatte.“ Seitdem macht sich Robi vermehrt Sorgen um unsere demokratischen Institutionen: „Corona ist auch ein Stresstest für Demokratie, Rechtsstaat und Minderheitenschutz.“
Robi macht sich zunehmend Sorgen um das gesellschaftliche Klima.
Kritisch sein, nicht empathielos!
Dabei sieht Robi unseren Staat keineswegs durch die rosarote Brille. Kritik an gesellschaftlichen Normen findet er wichtig: „Queer zu sein, bedeutet ja, die normativen Geschlechterverhältnisse in Frage zu stellen.“ Natürlich gehöre dazu auch, staatliche Maßnahmen mit einem kritischen Auge zu sehen – auch die Pandemie-Verordnungen. „Auf der anderen Seite finde ich es erschreckend, dass Corona offen geleugnet wird. Auch ein paar Leute in der queeren Szene tun das. Das find ich empathielos!“
Robi versucht eine Infektion mit Covid-19 zu vermeiden, so gut es eben geht. Sein Freund gehört zur Risikogruppe. „Wenn er oder ich Corona bekämen, wäre das doof.“ Manchmal sind seine Freund_innen erstaunt, wenn sich Robi lieber im Freien treffen möchte, statt ins Café zu gehen. Dann erklärt er geduldig, warum er vorsichtig ist. „Diese Diskussionen müssen wir führen. Auch das gehört zum Queersein: Für die eigenen Haltungen und Werte einzustehen. Natürlich macht das Mühe.“
Mit Masken und Abstandsregeln demonstrieren: Z.B. am 26. Oktober 2020 zum Intersex Awareness Day!
Und Demos funktionieren auch mit Masken und Abstandsregeln. Die nächste steht bei Robi schon im Kalender: Am 26. Oktober ist Intersex Awareness Day, der Welttag der intergeschlechtlichen Menschen. „Letztes Jahr gab’s eine Demo vor dem Gesundheitsministerium“, berichtet Robi und lacht. „Ich habe für dieses Jahr eine Kundgebung vorm Bundestag ab 15 Uhr angemeldet und organisiere gerade die Veranstaltung in Kooperation mit TrIQ e.V. (zum Facebook-Event). Es wäre toll, wenn dann alle unsere Verbündeten auch dort sind!“
Mehr Infos zum Intersex Awareness Day am 26. Oktober:
Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!
Seit September fühlt sich Kaey wie Wonder Woman: unbesiegbar! Zumindest das Coronavirus kann der Berlinerin wohl so schnell nichts mehr anhaben. Sie hat die Infektion gerade überstanden. „Für mich ist der Spuk erstmal vorbei“, sagt die 40-Jährige und lacht. Noch ist unklar, wie lange man nach einer Covid-19-Infektion immun ist. Fachleute vermuten, dass der körpereigene Schutz bis zu drei Jahre anhalten könnte. So ist das zumindest bei anderen Coronavirus-Erkrankungen wie SARS. Aber genau weiß das noch niemand. Deshalb bleibt Kaey weiterhin vorsichtig und hält sich an alle Schutzregeln.
Kaey (oben rechts) ist eine von sechs queeren Personen, die wir auf unserer Anzeige #WirFürQueer im Oktober 2020 zeigen. Alle sechs porträtieren wir hier im Blog.
„Als mir mein Arzt das Testergebnis gesagt hat, war ich schon nervös“, erinnert sich Kaey. „Übergewichtige Menschen zählen zur Risikogruppe. Aber zum Glück hab ich ein gutes Immunsystem. Ich hatte nur leichtes Fieber und eine Woche Husten. Wie bei einer leichten Erkältung.“ Noch besser: Auch die Spätfolgen einer Covid-19-Infektion, unter denen einige leiden, bleiben ihr erspart. Die leidenschaftliche Sängerin kann wieder frei atmen. Normal riechen und schmecken konnte sie immer.
Die Leere nach dem Lockdown
„Das sorgt bei mir für eine gewisse Leere, den ganzen Tag über – und im Portemonnaie.“
Nicht nur das neue Virus hat Kaey am eigenen Leib erfahren, auch die Maßnahmen dagegen haben sie persönlich getroffen: „Als Sängerin und Performerin will ich vor Menschen auftreten. Aber seit einem halben Jahr darf ich das nicht mehr.“ Sonst steht die gebürtige Hallenserin jeden Monat zwei- bis dreimal auf der Bühne, in einer Dragshow oder bei einem Konzert. Obwohl sie durch ihren Hauptjob als Redakteurin abgesichert ist, fehlen ihr diese regelmäßigen Nebenverdienste – vor allem aber die Möglichkeiten, sich künstlerisch auszudrücken. „Das sorgt bei mir für eine gewisse Leere, den ganzen Tag über – und im Portemonnaie.“ Die Sache ist ernst, aber die Entertainerin setzt trotzdem eine Schlusspointe. Lachen hilft ihr durch die Krise.
Normalerweise steht Kaey jeden Monat zwei- bis dreimal auf der Bühne.
Immerhin gab es im Sommer wieder ein paar Outdoor-Veranstaltungen, mit viel Abstand und an der frischen Luft. Doch gerade sie ließen Kaey die Krise in der Showbranche besonders spüren. „Die wenigen Möglichkeiten aufzutreten waren entsprechend begehrt“, erzählt Kaey. „Das hat den Konkurrenzkampf verschärft und die Unterschiede zwischen den Leuten noch verstärkt.“
Entertainment schafft Community
Nun kommt der kalte Herbst und treibt die Leute in geschlossene Räume, aber viele Veranstaltungsorte sind noch immer geschlossen. „Ich habe echt Angst um meine Clubs“, gesteht Kaey. Für Institutionen des Berliner Nachtlebens wie Schwuz oder SO36 sei die Corona-Krise fatal. „Wenn die verschwinden, würde uns was fehlen“, betont Kaey und erklärt warum: „Die queere Community entsteht zu einem großen Teil durch Entertainment: beim Tanzen, in der Dragshow… Diese Kulturlandschaft ist in Gefahr.“
„Die Politik muss jetzt effektivere Lösungen finden.“
Zwar unterstützt das Land Berlin seine Diskos und Konzerthallen mit Finanzspritzen – so wie andere Großstädte auch. „Bisher gab es nur Nothilfen, aber keine wirklich tragende Idee, wie das Kulturleben trotz Corona weitergehen könnte“, kritisiert Kaey. „Die Politik muss jetzt effektivere Lösungen finden, wie man die wirtschaftlichen Folgen abfedern kann. Sonst verschwinden viele dieser wichtigen Orte.“
Am meisten vermisst Kaey klare Regeln, wie Partys und Shows weitergehen könnten – möglichst einheitliche fürs ganze Land. „Bisher wird noch mit zweierlei Maß gemessen: Im Zug und im Flugzeug durften die Leute mit Masken schon wieder nebeneinander sitzen, aber im Theater noch nicht. Wieso das denn?“
Zumindest Theater dürfen in Berlin bald wieder öffnen, wenn auch mit hohen Auflagen und deutlich weniger Publikum als vor der Pandemie. Mit den entsprechenden technischen Voraussetzungen sollen zumindest wieder bis zu 60 Prozent der Sitze belegt werden können, mit Sicherheitsabstand und Maske tragen während der Vorstellung. Kaey ist dennoch skeptisch: „Es ist ein schlechtes Zeichen, dass sogar die Hochkultur monatelang als verzichtbar galt. Wenn schon die so nachrangig behandelt wird – was bleibt dann noch für unsere Subkultur übrig?“
„Aber es gibt schon eine Solidarität unter Queers.“
Umso wichtiger findet Kaey, dass sich die queere Community ihre – zumeist nächtlichen – Treffpunkte nicht wegnehmen lässt: „Clubs wie das Schwuz sind Safe Spaces, wo sich Schwule, Lesben, Trans* und andere Queers treffen können, wo sie gemeinsam Spaß haben können.“ Am besten fände sie es, wenn nun alle gemeinsam Druck machten: „Ich kenne viele, die enttäuscht sagen: ,Welche Community?! Es kämpft doch jeder nur für sich!‘ Aber es gibt schon eine Solidarität unter Queers. Zumindest in Berlin sind viele verschiedene Subkulturen präsent, sie haben ihre Sprachrohre, um sich Gehör zu verschaffen – und sie sind gut vernetzt.“
Kaey engagiert sich besonders in der Trans*community. Die sei sehr aktiv und melde sich oft zu Wort, versichert sie. Über ihren Hauptjob beim queeren Stadtmagazin Siegessäule kennt sie zudem viele lesbische Aktivistinnen. „Viele queere Gruppen arbeiten regelmäßig zusammen – trotz der Grabenkämpfe, die es manchmal gibt.“ Diesen Zusammenhalt findet Kaey wichtig, gerade in Zeiten einer Pandemie. „Wir in der Community nutzen ja oft dieselben Räume. Da wäre es fatal, wenn wir nicht gemeinsam für sie kämpfen würden.“
Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!
Begleitdienst für Senioren mit Nico Woche (Foto: Guido Woller )
Nico Woche (33) arbeitet freiberuflich als Drehbuchautor. Seit Ende 2010 engagiert er sich beim „Mobilen Salon“, einem Angebot der Schwulenberatung Berlin.
Der kostenlose Besuchsdienst soll verhindern, dass schwule Senioren vereinsamen. Ein Interview über schwule Gemeinsamkeiten in allen Generationen und die Motive für ein Ehrenamt.
Nico, du engagierst dich bei einem „Besuchsdienst für ältere schwule Männer“ – was macht man da so?
Die Vereinbarung ist: Ich treffe mich einmal in der Woche mit Rainer*. Manchmal gehen wir was Essen, aber oft laufen wir einfach nur so durch Berlin und unterhalten uns.
Über was sprecht ihr dann?
Rainer geht gern ins Theater. Also geht es oft mit Kultur los, und dann kommen wir ins Reden. Manchmal besprechen wir auch sehr Persönliches, was eben gerade so anliegt.
Klingt nach Smalltalk. Die Kultur ist ja oft auch nur ein Spiel. Erst mal unterhalten wir uns über ein Theaterstück, das Rainer gesehen hat. Man kann nicht sofort darüber sprechen, was einen innerlich bewegt. Das hielte man ja gar nicht aus! Oft sind die persönlichen Sachen auch nur Beiwerk, Inspirationen, die man gar nicht bewusst wahrnimmt. Allein schon mit einem älteren Menschen zusammen zu sein, gibt mir eine andere Zeitperspektive auf mein Leben. Das ist schwer in Worte zu fassen. Aber ich denke mir dann: So alt wirst du auch mal, und zwar bald. Das hilft mir beim Nachdenken, wie ich später mal leben will.
Ihr seht euch mittlerweile seit fast drei Jahren. Wie würdest du euer Verhältnis beschreiben? Seid ihr Bekannte? Salon-kollegen?
Inzwischen sind wir längst Freunde geworden. Wir treffen uns circa einmal pro Woche. Manchmal öfter, manchmal seltener, aber immer freiwillig. (lacht)
Zwischen dir und Rainer liegen fast vier Jahrzehnte. Wo fallen euch Unterschiede auf?
So groß sind die Unterschiede gar nicht. Wir kommen immer wieder drauf, dass vieles in unseren Leben sogar sehr ähnlich läuft. Rainer hat vielleicht andere Hosen an als ich, aber beim Einkaufen kann er mir mehr Tipps geben als ich ihm. (lacht) Und ob man sich wie heute im Internet verabredet oder wie früher in der Bar – am Ende macht man doch das Gleiche.
Aber als schwuler Mann lebt es sich heute leichter, oder? Als Rainer so alt war wie du, war Homosexualität gerade erst legalisiert.
Das schon. Aber im Alltag hat sich so viel nicht verändert. Heute ist es leichter, sich zu outen und trotzdem erfolgreich zu sein. Aber für die Schule gilt das schon nicht mehr. Und die neue Freiheit macht ja auch Druck: Warum outest du dich nicht? Warum sitzt du noch so alleine rum? Es ist doch so einfach, jemanden zu finden! Ich kann mir vorstellen, dass ein Coming-out früher ein ganz anderes Zugehörigkeitsgefühl geschaffen hat. Heute interessiert das keine Sau mehr. Du musst alleine damit klarkommen.
Warum besuchst du einen älteren schwulen Herrn? Du könntest ja zum Beispiel auch Lesepate einer Grundschülerin sein?
Ich habe eine Anzeige vom Mobilen Salon in der Siegessäule gesehen. Manchmal hat man ja so ein Gefühl: Da musst du dich jetzt melden! Ich habe nicht viel überlegt, sondern es einfach gemacht. Bei uns ging das dann recht schnell. Rainer war mein erster Salonpartner und ist es bis heute geblieben. Ich finde es schöner, es bei dieser Erklärung zu belassen. Wenn ich jetzt meine Motive durchleuchten wollte, würde ich nur Gründe erfinden. Es funktioniert ja oft so mit Sachen: Man macht sie einfach. Da sollte man hinterher nicht so tun, als hätte es genaue Gründe dafür gegeben.
Du hast offenbar keine Berührungsängste gegenüber älteren Menschen.
Ich habe schon neben dem Studium soziale Sachen gemacht, aber damals für Geld. Ich habe als Nachtwache in einer Demenz-WG in Berlin gearbeitet und in Norwegen als ambulanter Altenpfleger. Auch dort war das nicht so sehr Pflege, sondern schon an der Grenze zum Besuchsdienst: Ich habe regelmäßig vorbeigeschaut, Kaffee gekocht und Medikamente kontrolliert. Auch meinen Zivildienst habe ich in Norwegen gemacht, in einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für geistig behinderte Menschen.
Woher kommt dein Interesse fürs Soziale?
Beim Zivildienst ist das einfach so passiert. Später war das auch eine praktische Sache: Man hat ja dann Berufserfahrung und bekommt die entsprechenden Jobs. Mir hat das nichts ausgemacht. Es war sogar ein schöner Ausgleich zu meiner Drehbucharbeit, wo ich viele Stunden alleine hinter dem Computer verbringe. Auf der anderen Seite ist so ein Ehrenamt ja nicht nur ein großes Opfer, sondern man tut sich auch selbst etwas Gutes. Dinge zu tun, weil man sie für sinnvoll hält und nicht, weil man dafür bezahlt wird, ist nicht nur sinnstiftend, sondern gibt einem auf merkwürdige Art auch ein Gefühl der Freiheit.
Beim Mobilen Salon geht es auch darum, die schwule Community zu fördern. Seid ihr beide, Rainer und du, Pioniere der alternden schwulen Gesellschaft?
Das sind ja nicht nur wir beide. Auch viele andere engagieren sich. Das ist das Gute an der Schwulenberatung Berlin: Sie bietet einen Treffpunkt für die vielen Leute, die hier in Berlin in ihren Wohnungen nebeneinander her leben. Der Mobile Salon ist ja nur ein Anfang, eine Art Kennenlern-Portal. Von da ab sollte man das dann wieder selber organisieren. Ich bin ja nicht angestellt bei der Schwulenberatung. Wenn mir das keinen Spaß mehr macht, kann ich jederzeit raus. Das find ich gut.
*Name geändert
Besuchsdienste für schwule Senioren in Deutschland:
Berlin: Mobiler Salon
Schwulenberatung Berlin, Ansprechpartner: Oliver Sechting (o.sechting@schwulenberatungberlin.de) und Marco Pulver (m.pulver@schwulenberatungberlin.de), Telefon: (030) 23 36 90 70
Eine der wichtigsten Pionier_innen der queeren Bewegung Marsha P. Johnsonwäre im August 2020 75 Jahre alt geworden. Wir feiern sie und erklären, warum das wichtig ist. Und nötig.
Ben Scholz besucht Schulklassen, um ehrenamtlich über Sex zu sprechen. Als der Kölner in seinem Aufklärungsunterricht irgendwann feststellte, dass er von den Schülern immer wieder die gleichen Fragen gestellt bekommt, startete er 2014 mit seinem Portal jungsfragen.de. In eigens produzierten Videos beantwortet Ben dort sowie über einen eigenen Youtube-Channel alles, was seine Kernzielgruppe, Jungs zwischen 12 und 16 Jahren, interessieren könnte.
Ben, beobachtest du bei den Jungs in den Schulen ein Schamgefühl, wenn es darum geht, über HIV, andere STIs und entsprechende Tests beim Arzt zu sprechen? So richtig kann ich das eigentlich nicht bestätigen. Wenn ich in den Klassen über diese Themen spreche, merke ich eher, dass die Schüler hellhörig werden und dann alles ganz genau wissen wollen. Mein Eindruck ist, dass das Bewusstsein für die gesundheitlichen Risiken beim Sex durchaus vorhanden ist bzw. dann zum Vorschein kommt, wenn man es erst einmal wachgerüttelt hat und ihnen sagt: HIV und Aids gibt es leider immer noch. Oft werde ich direkt gefragt, wo man denn noch heute einen HIV-Schnelltest in der Stadt machen kann, sobald ich davon berichtet habe.
Sind in den Klassen auch schwule Jungs, die dazu ganz normal stehen oder tun sich Schüler auch heute noch schwer, ihren Kumpels in der Klasse zu sagen: „Ich bin anders als ihr, ich bin schwul“? So schade es ist, aber wir befinden uns auch im Jahr 2016 noch lange nicht in einer Lage, in der man sich in der Schule einfach mal eben outen kann. Schwule Jungs beschäftigen sich deshalb auch meistens weniger mit klassischen Sex-Themen, sondern in erster Linie mit sich selbst und ihrer Identität, der viele eben doch auch skeptisch gegenüber stehen. Die Scham ist da noch ziemlich groß.
Merkst du das auch direkt im Aufklärungsunterricht? Ja, mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass manche Jungs beim Thema Homosexualität mega in sich gekehrt sind und alles tun, damit kein Blickkontakt zu mir entsteht. All das geschieht aus Angst, dass es jetzt doch jemand „herauskriegen“ könnte. Dasselbe passiert übrigens auch dann, wenn ich über das Thema Vorhautverengung spreche. Wenn einer von den Jungs feststellt „Ohje, das ist bei mir genau so“, dann merkt man schnell, wie sie den Unterricht mental verlassen. Es gibt also doch ein paar Themen, bei dem die Scham richtig groß ist. Wobei das natürlich auch immer etwas mit der Klassengemeinschaft zu tun hat.
Du bist nicht nur in Klassen unterwegs, sondern auch Betreiber des Portals jungsfragen.de. Suchen dort auch viele schwule Jungs Rat? Ja, sehr viele sogar. Gerade bei den schwulen Kids geht es dabei sehr oft um eine große Frage: „Wie kann ich mich outen?“. Bis es dann zum ersten Sex kommt, ist es oft noch ein längerer Weg. Trotzdem ist es natürlich wichtig, schon davor über Safer Sex und konkret über sexuelle Praktiken zu sprechen. So wie das bei Heteros oft viel selbstverständlicher passiert – und zwar auch mal auf dem Schulhof.
Besteht dadurch auch das Risiko, dass schwule Jungs ihre ersten sexuellen Erfahrungen viel „heimlicher“ machen, eben, weil sie sich nicht trauen, mit Freunden darüber zu sprechen? Auf jeden Fall. Sie können in der Regel leider nicht, wie die Hetero-Kumpels, damit prahlen, dass man die Nacht zuvor entjungfert wurde. All das läuft ganz anders ab. Auch wenn es um die Frage nach einem Arztbesuch geht, etwa nach einem Risikokontakt, spielt das eine große Rolle. Wie sag ich es dem Arzt? Wie wird er auf den schwulen Kontakt reagieren? Bis zur Erkenntnis, dass sie das Normalste der Welt machen, vergeht oft mehr Zeit als bei Heteros.
Hast du allgemeine Tipps und Tricks für Jungs parat, die noch am Anfang ihres Sexlebens stehen? Zunächst sage ich klipp und klar: Sex ist toll, Sex macht Spaß und ist das Beste der Welt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass man sich beim Sex mit irgendetwas anstecken kann. Aber natürlich beschwichtige ich auch. Denn zum Glück ist ja das meiste gut behandelbar. Selbst bei HIV gibt es bekanntlich sehr gute Therapiemöglichkeiten. Grobe Faustregel meinerseits ist: „Wer ein lustvolles Sexleben mit unterschiedlichen Leuten hat, sollte regelmäßig, zirka einmal jährlich, alle gängigen Tests und Untersuchungen machen.“
Bei der Gelegenheit ist dann auch immer noch ein Tipp, am besten sofort einen Arzt aufzusuchen, sobald man einen Risikokontakt hatte, oder eine Veränderung am eigenen Körper beobachtet. Denn je schneller die Diagnose, desto besser und einfacher die Behandlung. Wenn mir zum Beispiel ein Junge schreibt, dass er einen Pickel am Penis hat, aber nicht zum Arzt will, dann werde ich manchmal auch ziemlich direkt und sag: Ja gut, dann musst du jetzt eben damit leben, dass dir der Pimmel abfällt. So verstehen sie es direkt, denn in Watte packen bringt bei denen nichts.
Letzte Frage: Wie kam es, dass du selbst heute so locker mit all diesen Sex-Themen umgehst und eben keine Scham verspürst? Ich habe einfach irgendwann gemerkt, dass Sex das Normalste der Welt ist. Einfach jeder tut es, jeder masturbiert und warum sollte man nicht über etwas reden, das uns doch alle so sehr eint?
„Sex ist toll, Sex macht Spaß und ist das Beste der Welt“, findet Ben. Er weiß aber auch, wie wichtig Schutz ist. Nicht zuletzt deswegen geht er in Schulklassen und gibt Aufklärungsunterricht.
„Chemsex“ taucht tief in die schwule Drogen- und Sexparty-Szene Londons ein. Die Bilder und Geschichten lassen niemanden kalt – und stehen beispielhaft für ein internationales Phänomen.
Es gibt hier keine langen erklärenden Vorreden, sondern es geht gleich zur Sache. Die Filmemacher William Fairman und Max Gogarty beginnen ihre Dokumentation mit einer authentischen Szene aus dem schwulen Alltag in London. Ein junger Typ sitzt auf seinem heimischen Sofa, plaudert und setzt sich währenddessen einen Schuss. So würde man dass bei einem Heroinjunkie formulieren. Schwule aber, die sich Crystal Meth spritzen, haben dafür den schickeren Begriff „Slamming“ gefunden. Klingt einfach cooler und nicht so abgerockt , wie ein Protagonist später erklären wird. Zunächst aber ist erst einmal die Wirkung der Droge zu beobachten. Während der Typ sich weiter mit den Filmemachern unterhält, die Augen dabei immer weiter aufreißt, beginnt er unruhig auf Grindr nach einem Sexpartner zu suchen.
„Chemsex“, eine Produktion des Onlinemagazins VICE, ist nichts für Zartbesaitete. Ein gutes Dutzend schwuler Männer erzählt in diesem 80-Minuten Film ihre Geschichten. Geschichten von tagelange Sexsession unter Crystal Meth, GHB, Ketamin und andere chemischen Drogen, von grenzenloser Geilheit und völliger Entgrenzung beim Sex. Dank der Drogen, sagt einer der Interviewten, konnte er sich „wie ein Pornostar fühlen“. Doch auch die Schattenseiten bleiben nicht unerwähnt, und so berichten die Männer gleichermaßen von den Folgen ihrer Abhängigkeit: zum Beispiel vom Verlust des Jobs, der Wohnung dem damit verbundenen sozialen Absturz und immer wieder auch von den gesundheitlichen Folgen. Fast alle der Interviewpartner haben sich im Laufe ihrer Chemsex-Karriere mit HIV, Syphilis und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten infiziert, vielen ist der Drogenkonsum deutlich ins Gesicht geschrieben.
In „Chemsex“ erzählen sie nicht nur offen über ihre Erfahrungen, sie lassen das Filmteam auch an ihrem Leben teilhaben –und damit sind Besuche in Sexclubs ebenso gemeint wie Chemsessions zuhause, auf privat organisierten Partys, aber auch der Gang zur Beratung in die 56 Dean Street. Die dort ansässige Klinik für Sexualkrankheiten des staatlichen Gesundheitssystems NHS ist die größte in Großbritannien und die einzige, die sich speziell auch an Chemsex-Konsumenten richtet. Rund 7000 schwule Männer nutzen das Angebot jährlich, die Hälfte von ihnen hat Erfahrungen mit harten Drogen und Chemsex-Partys.
Dass der Dokumentarfilm „Chemsex“ viele Zuschauer emotional nicht kalt lassen dürfte, liegt an zweierlei: Zum einen, weil die Protagonisten – allesamt auf ihre Art attraktive, sympathische und zumeist noch recht junge Männer – ungemein offen, direkt und ehrlich über ihr Sucht bzw. ihr Sex- und Drogenleben Auskunft geben. Zum anderen, weil die Filmemacher diese Form des schwulen Lebensstils weder verurteilen noch als reißerische Sensationsgeschichte aufbauen. Im Gegenteil, ihre Doku bleibt angesichts der vielen Drogen, die im Laufe dieser 80 Minuten konsumiert werden, auffallend nüchtern und wertfrei.
Szene aus „Chemsex“
Diese Haltung war sicherlich auch ausschlaggebend, um eine Vertrauensgrundlage für die Interviewpartner und damit die Voraussetzung für diese im besten Sinne intimen Einblicke zu schaffen. Deutlich wird aber auch, dass diese endlosen Orgien bleiben für die meisten letztlich unbefriedigend bleiben. 5 bis 15 Sexpartner, so David Stewart von Sexualgesundheitsklinik, haben schwule Männer laut einer Erhebung während eines Chemsex-Wochenendes. Wirklich erfüllend aber sind diese Erlebnisse offenbar nicht. Zurück bleibt eine Leere, die man dann mit noch mehr Sex und noch mehr Drogen auszufüllen versucht. „Chemsex gab mir das Selbstvertrauen, das ich sonst nicht hatte“, sagt einer der Interviewpartner.
Verinnerlichte Scham über die eigene Sexualität, das Gefühl sich nicht begehrt und nicht geliebt, zurückgewiesen sowie in der Familie und der Gesellschaft als schwuler Mann nicht selbstverständlich angenommen zu fühlen – dies sind nur einige Aspekte dieser komplexen Zusammenhänge, die zu dieser in vielen internationalen schwulen Metropolen wachsenden Chemsex-Subkultur führten, erklärt David Stewart. Er unterstützt in seinen Beratungen schwule Männer dabei, aus diesem “teuflischen Kreislauf aus Sex, Sucht und Abhängigkeit“ herauszufinden.
„Chemsex“ kann das Phänomen nicht abschließend erklären, diese Dokumentation hilft aber definitiv dabei, es besser zu verstehen – nicht mehr und nicht weniger. Chemsex, sagt Ko-Regisseur William Fairman, sei ein kontroverses Thema und zugleich ein großes Tabu innerhalb der schwulen Szene. „Wir wollten mit diesem Film eine längst überfällige Debatte anstoßen und hoffen, dass nun endlich offen darüber gesprochen wird.“
„Chemsex“. Regie William Fairman, Max Gogarty. Großbritannien 2015, 83 min., OmU. (Pro-fun; erhältlich als DVD, Video on Demand und Download)
„Chemsex“ lässt sicherlich niemanden kalt. „Wir wollten mit diesem Film eine längst überfällige Debatte anstoßen und hoffen, dass nun endlich offen darüber gesprochen wird,“ so die Macher des Filmes.