Kategorie: Community

  • „Seid ihr nackt beim Sex?“ – Erfahrungen eines schwulen cis Mannes mit einem trans* Partner

    „Seid ihr nackt beim Sex?“ – Erfahrungen eines schwulen cis Mannes mit einem trans* Partner

    Wie zwei Männer eine Partnerschaft führen und Sex haben, ist scheinbar klar. Aber wenn einer trans* ist, tauchen beim anderen manchmal eine Menge Fragen auf. Till (32) kennt das Kopfkino vieler schwuler cis Männer, wenn es um trans* Männer geht. Zwei seiner Ex-Boyfriends sind trans*. Hier erzählt der Wahl-Hamburger, wie seine Freunde reagiert haben und was er aus den Beziehungen mitgenommen hat.

    Till, zwei deiner Ex-Freunde sind trans*. Hat sich dein Selbstverständnis als schwuler Mann durch diese Beziehungen geändert?
    Nein. Wieso? Wir sind Männer, die sich begehrt und einander geliebt haben. Schwuler geht’s nicht.

    Gab es manchmal blöde Reaktionen, wenn ihr draußen unterwegs wart?
    Auf der Straße eigentlich nie. Da wir beide jeweils bruchlos als Männer gelesen wurden, haben wir – wenn überhaupt – nur homofeindliche Sprüche abbekommen. So wie sie andere schwule Paare auch zu hören bekommen.

    Wie haben deine Freunde auf das Coming-out deines jeweiligen Partners reagiert?
    Zunächst mal ist wichtig zu wissen: Nicht alle meine Freunde wussten, dass mein Partner trans* ist. Selbst sehr gute Freunde von mir wissen es zum Teil bis heute nicht. Andere haben es erst nach Monaten mitbekommen.

    Warum?
    Weil meine Ex-Freunde selbst entscheiden, mit wem sie ihre Transitionsgeschichte teilen – und wann. Das führte zum Teil dazu, dass die Freunde, die dann Bescheid wussten, mit Unverständnis reagiert haben. Sie hätten sich die Offenheit meiner Ex-Freunde gleich gewünscht. Bei hetero Freundinnen habe ich leicht gegenhalten können und gesagt „Du hast mir doch auch nicht erzählt, wie lang der Schwanz deines Freundes ist! “ Bei meinen schwulen Freunden war das nicht so einfach, da herrscht ein sehr offenes Gesprächsklima (lacht). Wenn ich dann gesagt habe: „Das ist nicht euer Business!“ musste ich eben aushalten, der blöde Spießer zu sein. Das ist nicht meine Lieblingsrolle, aber es war mir wichtig – aus Respekt vor meinem Geliebten.

    Würdest du sagen, dass es Unterschiede zwischen einem schwulen und einem trans* Coming-out gibt?
    Ja, darüber musste ich mir erst klar werden: schwul Sein bezieht sich in der Regel auf die Sexualität und trans* Sein immer auf das Geschlecht. Wir sprechen also von unterschiedlichen Aspekten. Meinen Partnern und mir war es wichtig, als schwule Männer „out and proud“ zu sein. Auch meine beiden Partner hatten also ein schwules Coming-out und gingen mit ihrer Sexualität offen um. Leider habe ich manchmal erlebt wie schwule Männer, die sich als trans* geoutet haben und dann erfahren mussten, dass ihr Geschlecht und damit auch ihre schwule Identität in Frage gestellt wurden.

    Kannst du das genauer erklären?
    Wenn mein damaliger Partner sich als trans* geoutet hat, wurde seine Männlichkeit oft in Frage gestellt – von denselben Leuten, die ihn vorher schlicht als Mann wahrgenommen haben. Was vorher eindeutig  und klar war, führte dann zu dummen Fragen wie „Fühlt ihr euch wirklich als schwules Paar?“ oder „Wie sieht das bei dir untenrum aus?“

    Wie bist Du als Partner mit solchen Fragen umgegangen?
    Das kam ganz darauf an. Wenn ich das Gefühl hatte, die Frage soll meinen Freund bloßstellen, habe ich meistens eine ebenso intime und übergriffige Gegenfrage gestellt. Auf die entsetzte Reaktion meines Gegenübers konnte ich so knurren „Siehst du, das geht dich gar nix an!“ Wenn die Fragen aber respektvoll gestellt wurden und ehrliches Interesse dahinter stand, hab ich klar gemacht, dass ihre Fragen sehr intim sind und ich Ihnen nichts so persönliches von meinem Freund erzählen werde. Aber ich habe angeboten allgemein über trans* Menschen zu sprechen und versucht auf diesem Weg ihre Fragen zu klären. Manchmal, wenn ich zu genervt von den immer gleichen Fragen war, hab ich aber schon mal schnippisch gesagt: „Google einfach!“

    Woher kamen deiner Meinung nach die dummen Fragen?
    Zunächst mal glauben immer noch viele Menschen, zwischen den Beinen festmachen zu müssen und können, wer ein Mann ist – und wer nicht. Dabei wissen alle, dass so vieles dazu gehört, ein ganzer Mann zu sein! Für viele Schwule kommt dazu, dass in ihrem sexuellen Verlangen der Schwanz des Partners sehr im Focus steht. Die Vorstellung, dass hier etwas anders sein könnte, als sie es gewohnt sind, verunsichert manche. Das habe ich bei einem sehr guten Freund von mir gemerkt, der meinen Ex unglaublich heiß fand. Er war irgendwann so irritiert, dass er mich einmal ernsthaft gefragt hat: „Sag mal, wenn ihr Sex habt – seid ihr dann nackt?“ Da wurde mir erst klar, welches Kopfkino bei ihm abläuft.

    Wo lag sein Problem?
    Viele Schwule fühlen sich wohl in ihrer Komfortzone bedroht, wenn sie glauben, dass ihre  ihre „klassische“ Vorstellung von schwulem Sex nicht mehr gelten. Dabei kann Sex so geil sein, wenn man sich immer wieder neu auf den anderen einlässt! Das gilt für alle Schwulen, egal ob cis oder trans*. Am geilsten wird es – nach meiner Erfahrung –, wenn wir beide in jedem Moment gemeinsam und achtsam herausfinden, was uns gerade scharf und glücklich macht.

    Wie war dein erstes Mal mit einem trans* Mann? Habt ihr vorher ausgehandelt, was passiert?
    Für mich war es eher ein Spüren, Fühlen und Tun als ein Reden. Die Situation war auch so gut, dass ich keine Zeit hatte, mir einen Kopf zu machen. Wir haben vier Tage durchgevögelt und immer nur kurz aufgehört, um Essen zu fassen.

    Wir sprechen hier über deine ganz persönlichen Erfahrungen. Was nimmst du aus den beiden Beziehungen mit?
    Oh, jede Menge! Vor allem dankbar zu sein für viele wundervolle Erlebnisse, so wie bei allen meinen Ex-Freunden, und für sehr vieles, sehr Persönliches … Meine Sexualität ist nicht mehr so genitalfixiert. Es geht so viel! Ich habe nicht nur Mund, Schwanz und Arschloch, sondern auch Arme, Beine, Kniekehlen. Der ganze Körper ist etwas sehr Sexuelles. Entscheidend ist, dass sich die Beteiligten aufeinander einlassen. Seit ich gemerkt habe, dass das Lange nicht immer ins Runde muss, habe ich auch besseren Sex mit cis Männern. (lacht)

    Till-Cis-Partnerschaft
    Zwei Ex-Partner von Till sind trans* Männer. Hier erzählt er von seinen Erfahrungen.
  • Noch mehr von Escorts, Strichern und Jungs, die anschaffen gehen (Teil 2 von 2)

    Noch mehr von Escorts, Strichern und Jungs, die anschaffen gehen (Teil 2 von 2)

    Am Dienstag, 8. April haben wir euch in einem ersten Teil von den vielfältigen Gründen berichtet, warum Männer käuflichen Sex anbieten und welche Arbeitsbedingungen es gibt. Im heutigen zweiten Teil informiert Manuel Hurschmann, Diplom-Sozialpädagoge und Leiter beim Stricherprojekt „Nachtfalke“ der Essener Aidshilfe, einführend über Armutsprostitution. Diesen Aspekt werden wir in den kommenden Woche noch einmal aufführlicher thematisieren.

    Sex4Cash:
    Sex4Cash: ‚Lieber gehe ich anschaffen, als das ich einen Bruch machen muss.‘ (Foto: Fotolia)

    Bei der anderen Seite beim käuflichen Sex – der Armutsprostitution – werden auch die Angebote unserer Einrichtung „Nachtfalke“ besonders häufig in Anspruch genommen: Da sind die ohne geregelten Aufenthaltsstatus in Deutschland. Sie haben keinen Anspruch auf Sozialleistungen und für sie gibt es nur wenige Möglichkeiten, an Geld zu kommen. Oder Männer mit einer Suchtproblematik: So sagte mal einer zu mir „lieber gehe ich anschaffen, als das ich einen Bruch machen muss“ – hier wird der verkaufte Sex zu einer legalen Alternative der Geldbeschaffung. Dann sind da diejenigen, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben und sich für einen Schlafplatz prostituieren. Im Bereich der sogenannten Armutsprostitution treffen wir oft die Menschen an, die mit ihren Problemlagen durch alle Netze fallen – entweder weil sie aufgrund ihrer Herkunft keinen Anspruch darauf haben oder weil sie in bestehende Angebote nicht rein passen. Letzteres ist besonders oft dann der Fall, wenn sich Problemlagen wie eine Sucht und eine psychische Erkrankung addieren. Und wer auf der Straße lebt, für den ist es oft naheliegender anschaffen zu gehen, als morgens um acht Uhr mit perfekt ausgefüllten Antragsformularen beim JobCenter vorzusprechen und Sozialleistungen zu beantragen. Angebahnt wird vielfach in Kneipen oder auf der Straße, wobei nicht immer der Anbieter den ersten Schritt macht und potenzielle Kunden anspricht, sondern auch mal umgekehrt. So kann es dann auch mal zu Missverständnissen kommen, wenn jemanden Geld angeboten wird, obwohl er gar kein Sex für Geld anbietet. Die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich der Prostitution sind in der Regel mäßig bis schlecht, der Sex findet nur im Idealfall in den vier Wänden einer Wohnung oder eines Hotelzimmers

    Auch eine Motivation: 'Ich habe Spass am Sex, warum sollte ich nicht auch Geld damit verdienen?'
    Auch eine Motivation: ‚Ich habe Spass am Sex, warum sollte ich nicht auch Geld damit verdienen?‘ (Foto: Fotolia)

    statt, ansonsten passiert es auf dem Klo einer Stricherkneipe, im Auto oder sonst wo. Sexarbeit kann folglich mit schlechten Arbeitsbedingungen einhergehen und aus einem Mangel an geeigneten Alternativen erfolgen – was übrigens auch auf viele andere Arbeitsfelder zutrifft.

    Neben dem Geldverdienen gibt noch ganz andere Anreize, käuflichen Sex anzubieten. Zunächst bedeutet für viele Sexarbeit einen Zugewinn an Selbstwert. Es gibt auch Anbieter, die sich ihre homosexuellen Gefühlsanteile nicht eingestehen können und dann sagen: „Das mache ich gegen Geld, das ist was anderes.“ Andere hingegen sagen: „Lieber gehe ich in Deutschland anschaffen, als dass ich in meinem Heimatland aufgrund meiner Homosexualität diskriminiert werde.“ Aber auch Aussagen wie „Ich habe Spaß am Sex, warum sollte ich nicht auch Geld damit verdienen?“ stellen Motive dar. Zu dem Statement eines jungen Mannes „Ich habe keinen Spaß mehr am Sex, wenn ich nicht dafür bezahlt werde“ kann man natürlich die ein oder andere kritische Frage stellen, genauso sollte man sich aber auch überlegen, ob man nicht Menschen kennt, die sagen, dass sie niemals Sexualität genussvoll erleben könnten, wenn Geld im Spiel ist.

    Wir wünschen uns vor allem, dass den Anbietern von käuflichem Sex mit Respekt begegnet wird – ganz gleich aus welchen Gründen sie Sex 4 Cash anbieten.

  • Von Escorts, Strichern und Jungs, die anschaffen gehen – Einblicke in eine (ziemlich) unbekannte Szene

    Von Escorts, Strichern und Jungs, die anschaffen gehen – Einblicke in eine (ziemlich) unbekannte Szene

    Manuel Hurschmann ist Diplom-Sozialpädagoge und leitet das Stricherprojekt „Nachtfalke“ der Essener Aidshilfe. Er erzählt uns von den vielfältigen Gründen, warum Männer käuflichen Sex anbieten sowie von den Arbeitsbedingungen der Anbieter, die sehr unterschiedlich sein können.

    Sex4Cash findet nicht immer im Bett oder in einer Wohnung statt. (Foto: Fotolia)
    Sex4Cash findet nicht immer im Bett oder in einer Wohnung statt. (Foto: Fotolia)

    Wenn es darum geht, dass sich Menschen prostituieren, reagieren viele mit Gefühlen, wie Befangenheit und Ablehnung. Dass es aber auch ein anerkannter Beruf ist, vergessen viele – auch wenn sicherlich nicht jeder Anbieter diese Möglichkeit für sich nutzt. Und genauso wie bei jedem anderen Beruf auch, gibt es eine Vielzahl von höchst individuellen Motiven, die einen Mann dazu bewegen, in der Sexarbeit tätig zu werden. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings nicht, dass auch jeder Anbieter den käuflichen Sex zu seinem Beruf erklärt. Denn es gibt viele, die darin nur eine Form der Überlebensstrategie sehen oder es als Möglichkeit zur Verbesserung ihrer Lebenssituation definieren. Es wird also deutlich, dass es sich beim Thema käuflicher Sex um ein breites Spektrum handelt, das ich nachfolgend darzustellen versuche.

    Der wohl häufigste Ort der Anbahnung ist das Internet. Hierfür braucht es allerdings zwei Voraussetzungen, die erst einmal simpel klingen: Den Zugang zum Netz und die Fähigkeit zur schriftlichen Kommunikation. In einigen Fällen übernehmen aber auch andere die Kommunikation mit dem Kunden, das ist zum Beispiel der Fall, wenn in einer Agentur gearbeitet wird. Manche Agenturen funktionieren wie ein Bordell und haben eigene Zimmer, andere besuchen ihre Kunden nur im Hotel beziehungsweise zuhause. Wer dort arbeitet, macht das schon recht professionell und eher auch regelmäßig.

    Bei den sogenannten Gelegenheitsprostituierten ist das – wie der Name schon sagt – weniger der Fall. Sie nutzen entweder ihr normales User-Profil auf den blauen Seiten oder haben ein Escortprofil, reagieren auf Anfragen von Kunden oder schreiben selber welche an. Sie nutzen das oft, um sich etwas dazu zu verdienen. Das so verdiente Geld wird für vielfältige Zwecke genutzt: das reicht vom Kauf von Suchtmitteln, geht über das Anschaffen der neuesten Designerklamotte und geht bis hin zur Optimierung des BAföG.

    Prostitution ist in Deutschland legal. (Foto: Fotolia)
    Prostitution ist in Deutschland legal. (Foto: Fotolia)

    Und natürlich gibt es eine Vielzahl von sehr professionell arbeitenden Anbietern, die sich nie als Stricher, sondern immer als Escort bezeichnen würden und nicht an eine Agentur angebunden sind. Einige sind haupt- andere nebenberuflich tätig. Sie verfügen in der Regel ebenfalls über ein entsprechendes „Anbahnungs-Profil“. Unter ihnen findet man auch oft Anbieter im fortgeschrittenen Alter. Gerade die älteren Anbieter spezialisieren sich häufig auf spezifische Sexpraktiken. Manche bezeichnen genau das als ihren Traumberuf. Sie arbeiten entweder in eigenen Studios oder suchen die Kunden zuhause beziehungsweise im Hotel auf. Professionalisierung kann soweit reichen, die eigene Steuernummer in seinem Profiltext anzugeben. Ein professioneller Escort zeichnet sich dadurch aus, dass er sehr genaue Vorstellungen vom Umfang und den Grenzen seiner Angebote hat – eben das, was eine echte Dienstleistung ausmacht.

    Es gibt aber auch noch eine andere Seite beim käuflichen Sex: die Armutsprostitution. Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag, in den kommenden Tagen.

  • trans* Coming-out-Erfahrungen: Drei Berichte aus verschiedenen Perspektiven

    trans* Coming-out-Erfahrungen: Drei Berichte aus verschiedenen Perspektiven

    Coming-out ist auch für trans* Menschen eine wichtige Erfahrung. So vielfältig trans* Biografien sind, so vielfältig sind auch die damit verbundenen Coming-out-Erlebnisse. Mit den folgenden drei Kurzreportagen wollen wir die verschiedenen Perspektiven darstellen.

    „Dieses ‚anders‘ konnte ich nie benennen …“

    Inneres trans* Coming-out von KAy

    Wenn man schwul ist, sind die Coming-out-Möglichkeiten vielfältiger: man kann sich ganz, teilweise oder gar nicht outen. Als trans* Person ist es etwas komplizierter. Ich habe immer gewusst, dass ich anders bin. Dieses „anders“ konnte ich aber nie benennen, da ich damals nur „Mann“ und „Frau“ kannte.

    Klar hatte ich von trans* gehört, aber was ich finden konnte war: „Ich bin im falschen Körper geboren“. Ich hatte aber kein Problem mit meinen Genitalien. Mit 30 fand ich endlich meine Identität. Vorher habe ich als Lesbe gelebt. Dieses Coming-out hatte ich schon hinter mir. Jetzt musste ich „nur“ noch ein weiteres haben! Nach neun Monaten Testosteron sah ich schon wie ein junger Kerl aus. Da hatte ich keine Wahl mehr, ob ich mich als trans* outen möchte oder nicht. Dazu kam noch, dass sich meine Sexualität erweitert hat. Bis dahin hatte ich nur Sex mit Frauen. Nun entwickelte es sich immer mehr in Richtung schwuler Sex, auch wenn ich mich als pansexuell sehe.

    Da habe ich noch einmal die Wahl gehabt, mich zu outen oder nicht. Meine Familie weiß bisher nur, dass ich trans* bin. Mein Freundeskreis weiß aber Bescheid. Sie haben es im Paket mit der Transition mitbekommen. Falls ich aber irgendwann einen männlichen Partner habe, werde ich auch meiner Familie Bescheid sagen. Ich bin gespannt, wie sie reagieren werden…!

    Till
    Till: ‚Ich stehe total auf Direktheit und da ich den Typen heiß fand, landeten wir bald bei ihm zuhause.‘

    „Lust zu knutschen?“

    Wie cis Mann Till ein trans* Coming-out erlebt

    Den anstrengenden Tag bei einem Bier ausklingen lassen – das war der Plan nach einer Fachtagung in Berlin. Ich saß mit einem Teilnehmer, den ich auf der Veranstaltung kennengelernt hatte, in einer Bar. Plötzlich platzte ein sehr attraktiver, sehr wütender Mann in unsere Unterhaltung hinein – offensichtlich ein Bekannter meines Gesprächspartners. Er regte sich furchtbar über das Date auf, von dem er gerade kam. „Der Idiot hat mich rausgeschmissen, weil ich trans* bin“, polterte er. „Dabei steht doch eindeutig in meinem Datingprofil, was Sache ist.“

    Die Situation beruhigte sich schnell, wir verstanden uns gut und als mein Gesprächspartnereine rauchen ging, drehte sich der sexy Fremde zu mir und fragte: „Lust zu knutschen?“ Ich stehe total auf Direktheit und da ich den Typen heiß fand, landeten wir bald bei ihm zuhause. Wir haben vier Tage gevögelt, gelabert, gegessen und wieder gevögelt. Und danach waren wir ein dreiviertel Jahr ein Paar.

    Von „cis“ spricht man, wenn sich eine Person mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifiziert.

    In der ersten Zeit hat sich mein Freund regelrecht gewundert, dass ich so gar keine Gewöhnungsphase brauchte. Seiner Erfahrung nach haben schwule cis Männer eingeübte Sexpraktiken, die sich nicht immer eins zu eins mit trans* Männern umsetzen lassen. Aber genau das machte es so schön: Wir hatten keinen Sex nach Drehbuch, sondern ließen uns aufeinander ein.  Alles war neu, alles war geil. Zwar sind wir schon lange nicht mehr zusammen, aber wir verstehen uns weiterhin blendend.

    „Nach dem Coming-out leuchteten seine Augen … “

    trans* Coming-out-Erfahrungen von Alexander

    Viele trans* Menschen ernten Ratlosigkeit, wenn sie sich gegenüber nahestehenden Personen outen. Bei mir waren es ein breites Lächeln, leuchtende Augen und Dankbarkeit. Und das kam so: Im Mai 2012 ging ich mit einem Freund durch die Hamburger Innenstadt zum Rainbowflash. In unserem bunten Bekanntenkreis gibt es zahlreiche Homosexuelle und trans* Menschen, die wir bei dieser Veranstaltung unterstützen wollten. Da wir zum wiederholten Mal über Transidentität sprachen, hielt ich den Moment für gekommen. Ich sagte meinem Freund, dass ich mich als Mann fühle und künftig Alexander genannt werden möchte, inklusive männlichem Pronomen. Er strahlte mich an und bedankte sich dafür, einer der ersten gewesen zu sein, dem ich meine Transidentität offenbarte.

    Zitat

    Vielleicht habe ich mir unbewusst jemanden ausgesucht, der ganz sicher emphatisch und offen reagieren würde. Vielleicht verlief mein trans* Coming-out aber auch deshalb so harmonisch, weil nicht Vater, Mutter oder Geschwister die ersten waren, denen ich von meiner Transidentität erzählte. Meine Freunde jedenfalls gewöhnten sich schnell an die neue Situation.

    Kollegen komplett überfordert
    Weniger glatt verlief mein Coming-out auf der Arbeit. Meine Kolleginnen und Kollegen waren gescheite und verständige Leute, überwiegend Ingenieure. Bloß hatte keiner von denen mit Lebenswirklichkeiten zu tun, die so weit von den eigenen abwichen. Zwar gaben sich alle wohlwollend. Auch mein Chef sicherte mir seine Unterstützung zu. Tatsächlich aber waren meine Kollegen komplett überfordert. Mein Chef schaffte es nicht einmal, mich als Mann anzusprechen. In mehreren Gesprächen erläuterte ich ihm, wie wichtig es für trans* Menschen ist, in ihrer Identität ernst genommen zu werden. Aber da führte kein Weg rein. In der Firma arbeite ich nicht mehr.

    Quasi ein Geburtstag
    Seit einiger Zeit fällt es anderen Menschen leichter, in mir das Geschlecht zu sehen, mit dem ich mich identifiziere. Eine gewisse Rolle spielen dabei das Testosteron und meine Operationen. Meine erste Spritze bekam ich vor ziemlich genau drei Jahren. Letzten Samstag war quasi mein dritter Geburtstag. 2015 ließ ich mir dann die Brust angleichen und die Gebärmutter entfernen. Meine Stimme ist tiefer als die vieler anderer Männer und meine Züge werden kantiger. Wer mich noch nicht kennt, lernt mich also automatisch als Alexander kennen. Auch Mitarbeiterinnen in Behörden oder Klamottenverkäufer reagieren nicht mehr verkrampft. Das einzig Ärgerliche ist: Viele trans* Männer sehen nach der Angleichung zehn Jahre jünger aus als sie sind. Ich fühle mich oft nicht wie ein 30-Jähriger behandelt, sondern wie ein Studienanfänger.

    Großartige Reaktion
    Während ich mich in Alltagssituationen nicht mehr erklären muss, gilt für Flirts das Gegenteil. Ich muss mir jedes Mal die Frage stellen: Sage ich es ihm und warte ab, wie er reagiert? Und wann sage ich es? Wirklich toll war die Reaktion eines Mannes, den ich in einer Münchener Bar kennen gelernt habe. Wir hatten immer wieder Blickkontakt und ich hätte es mir übel genommen, ihn nicht anzusprechen. Also bin ich hin und wir haben uns super verstanden. Ich erzählte, dass ich eine Transtagung besucht habe. Meine eigene Transidentität thematisierte ich vorerst nicht. Erst als wir uns näher kamen, weihte ich ihn ein. Er erwiderte, dass er das schon geahnt habe – und wir machten da weiter, wo wir stehen geblieben waren.

    Irritationen
    Manchmal habe ich den richtigen Moment schlicht verpasst. Es zerstört ja doch immer ein wenig von der Atmosphäre, wenn man unterbricht und sagt: Du, ich bin übrigens trans. Einmal kam ein Typ, den ich rasend attraktiv fand, so schnell zur Sache, dass mir keine Zeit zum Outen blieb. Er war nach dem Griff in meinen Schritt sichtlich irritiert. Wir haben noch ein paar Sätze gewechselt, dann ist er „mal eine rauchen“ gegangen. Das fand ich zwar schade, aber ich muss das akzeptieren.

    KAy: ‚Mit 30 fand ich endlich meine Identität.‘
  • Tod eines Porno-Darstellers

    Tod eines Porno-Darstellers

    Im Jahr 2004 beginnt ein 19-jähriger New Yorker eine Karriere als Pornodarsteller. Sechs Jahre später ist er tot. Chad Noel starb am 17. März 2010, möglicherweise „nach kurzer Krankheit im Zusammenhang mit Komplikationen, die durch HIV ausgelöst wurden“. So jedenfalls heißt es in einer Mitteilung eines Freundes auf einer Website für Nachrufe. Er und auch die Familie des Verstorbenen fragen sich: Wie kam es dazu?   

    Ein junger Pornodarsteller und sein früher Tod

    Unter dem Pseudonym Donny Price machte Chad Noel seine ersten Erfahrungen als Hardcore-Darsteller. Seinen ersten Auftrag erhielt er beim Label Cobra Video, bei dem 2004 “Every Poolboy’s Dream” veröffentlicht wurde. Ein Film, der später noch für einen Skandal sorgte: Chad Noel agierte gemeinsam mit dem damals noch minderjährigen Pornostar Brent Corrigan, der sich durch einen gefälschten Ausweis als Volljähriger ausgegeben hatte.   

    Chad wechselte zu den Helix-Studios und wurde dort als Craven Cox bekannt, später machte er bei diversen Fetischvideos als Kyle Young mit.   

    Chad Noel, ehemaliger Pornodarsteller, verstorben 2010
    Chad Noel wurde unter dem Namen Donny Price bekannt und verstarb mit 25 Jahren.

    HIV-Verdacht und Risiken in der Pornobranche

    Die Website “Gay Porn Gossip”, die als erstes den Tod des 25-jährigen vermeldete, spekuliert nun über die Möglichkeit, dass sich Chad während seiner Arbeit für die Helix-Studios infiziert haben könnte. Dort werden so genannte „Bareback“-Filme produziert. Freunde von Chad hegen diese Vermutung, eine Bestätigung dafür gäbe es aber nicht. Allerdings hätten bereits öfters junge Helix-Darsteller gegenüber Gay Porn Gossip geäußert, bei ihnen sei eine HIV-Infektion festgestellt worden.   

    Wer trägt Verantwortung für die Gesundheit der Pornodarstellern?

    Sie selbst? Die Produzenten? Die Konsumenten der Filme?   

    In der US-Hardcore-Branche tobt bereits seit längerem eine heftige Diskussion. Darin steht die Frage nach der Verantwortung der Filmemacher im Vordergrund. Produzent Chi Chi LaRue apellierte in einem Kampagnenvideo an Akteure wie Konsumenten, das Kondom nicht zu vergessen.   

    In Kalifornien gab es zudem einen Vorstoß, über das Arbeitsrecht die Regeln für mögliche gesundheitliche Gefährdungen auszuweiten und eine Kondompflicht in Pornos einzuführen.   

  • Leben mit HIV. Anders als du denkst?

    Leben mit HIV. Anders als du denkst?

    Für den einen ist es selbstverständlich, HIV-positiv zu sein und mitten im Leben zu stehen. Für den anderen ist es das nicht immer. HIV-Medikamente, die Szene, der Freundeskreis, die eigene Psyche und viele weitere Faktoren können positiven wie negativen Einfluss auf das Leben mit HIV haben. Dass dabei insbesondere Ausgrenzung, Ablehnung und Stigmatisierung einen negativen Einfluss auf das Leben von Menschen mit HIV haben, hat die wissenschaftliche Studie positive stimmen 2.0 deutlich gezeigt.

    Aktuelle Ergebnisse zum Leben mit HIV heute

    „Vorurteile machen mich krank! HIV nicht!“

    Der Großteil der befragten Menschen mit HIV kann heute gut mit der Infektion leben. „Aber gleichzeitig erleben viele alltäglich Diskriminierung und Ausgrenzung“, sagt Projektkoordinator Matthias Kuske. „Vor allem im Gesundheitswesen, aber auch im Privaten, im Sexleben oder in den Medien erleben Menschen mit HIV diskriminierendes Verhalten oder werden mit Vorurteilen konfrontiert“, so Kuske weiter.

    Das alles hat erhebliche Auswirkungen: Infolge der Diskriminierung haben viele Menschen mit HIV einen schlechteren Gesundheitszustand, weniger Wohlbefinden und weniger sexuelle Zufriedenheit. Außerdem werden der Umgang mit der eigenen HIV-Infektion sowie das Selbstwertgefühl durch Ausgrenzung und Diskriminierung negativ beeinflusst. Etwa jede vierte befragte Person schämt sich oder fühlt sich schuldig, dass sie HIV-positiv ist, oder hat das Gefühl, nicht so gut wie andere zu sein. Was das mit Menschen macht, hat ein schwuler Mann in der Studie eindrücklich beschrieben:

    „Das war bei einem Date im Restaurant. Wir haben uns kennengelernt und irgendwann habe ich von meinem HIV-Status erzählt. Und dann ist er einfach aufgestanden und abgehauen. Und ich sitze da und fühle mich schmutzig und wertlos – wie Müll. Beim nächsten Date habe ich es erst beim fünften Treffen gesagt, und er war wütend und meint ‚Warum sagst du es nicht am Anfang?‘ Ich bin einfach nur verwirrt!“

    „Ich habe aber schon schlechte Erfahrungen gemacht, also auch Zurückweisungen. Ein Sexualpartner hatte meine Medikamente gefunden. Dann hat der schnell einen Zettel geschrieben, dass er das gefunden hat und er jetzt deswegen geflohen ist, also eigentlich hat er sich auch noch so ein bisschen entschuldigt. Ich fand das direkt in dem Moment schon schlimm. Ich fand das ein bisschen übertrieben, er hätte ja auch einfach mit mir sprechen können.“ Teilnehmer der Studie positive stimmen 2.0 zum Leben mit HIV in Deutschland

  • „Vom ersten Tag an führten wir eine offene Beziehung – die immer sehr eng war.“

    „Vom ersten Tag an führten wir eine offene Beziehung – die immer sehr eng war.“

     

    Anderen zu gefallen ist okay, darf aber nicht zum Kompass des eigenen Handelns werden. Fähnchen im Wind haben wir schon genug, findet Björn, der sich zu dem Thema „offene Beziehungen“ seine Gedanken gemacht hat.

    Die meisten Männer haben gerne Sex, und bei schwulen Männern ist das nach meiner Erfahrung nicht anders. Eine Umfrage aus Großbritannien kommt zu dem Ergebnis, dass 41 Prozent von etwa 1.000 befragten schwulen Männern eine offene Beziehung führen, oder geführt haben. 75 Prozent davon finden diese Beziehungsform „großartig“. Auch wenn die Ergebnisse nicht komplett auf Deutschland zu übertragen sind, gibt es doch sicherlich sehr viele bei uns, die das ähnlich sehen. Ich lebe zum Beispiel auch in einer offenen Beziehung, außerdem kenne ich wenige wirklich monogame Schwule. Auf der Facebook-Seite von ICH WEISS WAS ICH TU ergab sich letztens unter einem Post zum Thema „Offene Beziehungen“ eine lebhafte Diskussion, an der ich mich dann beteiligte.

    Ich war ziemlich überrascht wie sehr die Meinungen auseinandergingen und geschockt, wie hart diejenigen kritisiert und angegangen wurden, die in offenen Beziehungen leben. „Wieso denken Schwule eigentlich immer nur an Sex?“ „Man muss doch die Partner nicht wie Unterwäsche wechseln!“, oder „Dann braucht man keine Beziehung; da wird das Klischee über die Schwulen wieder komplett bestätigt“ konnte ich da lesen.

    Es ärgert mich, dass manche Schwule ebenso homophob argumentieren, wie manche Heteros.
    Aufgefallen ist mir dabei, dass es eine Angst gibt, die Klischees zu erfüllen. Scheinbar gibt es eine ganze Reihe schwuler Männer, die sich eher anpassen als die eigene Bedürfnisse zu erkunden und authentisch zu leben. Studien zeigen etwa 57 Prozent der Männer und 47 Prozent der Frauen gehen fremd. Bei schwulen Männern kann man sich die Wahrscheinlichkeit von „echter Treue“ (also auch in den so genannten monogamen Beziehungen, wo dann hinter dem Rücken des anderen fremdgegangen wird) also ausrechnen. Was ich mir allerdings sehr gerne anschauen würde, wäre die Zahl der Kommentatoren, die mich und andere kritisieren, selbst aber nicht anders handeln als ich … Kein Mensch hat das Recht über die Beziehung anderer zu urteilen!

    Ich habe meinen Mann vor knapp fünf Jahren kennengelernt und es ging alles sehr schnell: nach einem Jahr waren wir verlobt, ein Jahr später verheiratet. Vom ersten Tag an führten wir eine offene Beziehung – die immer sehr eng war. Wir gehen in allen Dingen offen und ehrlich miteinander um. Genau das finde ich entscheidend: dem Partner nichts verheimlichen zu müssen. Wir schätzen diese Ehrlichkeit beide sehr, auch wenn das manchmal nicht ganz leicht ist.

    Das Wort „offen“ bezieht sich auch auf unsere Kommunikation.
    Aus meiner Sicht decken sich auch nicht unbedingt die sexuellen Bedürfnisse beider Partner, das müssen sie auch nicht. Es stört mich nicht, wenn mein Mann Dinge, die ich nicht mag, mit anderen macht – im Gegenteil. In offenen Beziehungen wird das jedenfalls thematisiert und das ist schon mal ein wichtiger Schritt. Wenn man sich nicht traut etwas anzusprechen, ist das ein Problem. „Offen“ bezieht sich auch auf unsere Kommunikation.

    Allerdings hat mich die Schärfe der Kritik wirklich überrascht. Ich hatte das Gefühl für das „schlechte Bild“ der Schwulen in der Gesellschaft verantwortlich gemacht zu werden. Scheinbar habe ich einen wunden Punkt getroffen. Mein Mann und ich verstecken uns und unsere Bedürfnisse nicht, sondern leben sie aus und sind damit glücklich!

    Etwas nicht zu tun, weil andere das bewerten, ist nach meiner Überzeugung der falsche Weg. Anderen zu gefallen ist okay, darf aber nicht zum Kompass des eigenen Handelns werden. Fähnchen im Wind haben wir schon genug. Wichtig ist mir dabei nochmal klarzumachen, dass ich nicht über andere urteile. Wer für sich entschieden hat, monogam zu leben, soll das tun. Jeder sollte den Weg gehen, der den eigenen Bedürfnissen entspricht. Kompromisse einzugehen, nur um nicht Single zu sein, oder Moralvorstellungen anderer zu erfüllen: Nein Danke!

    Planetromeo-offeneBeziehung
    Das weiß doch (fast) jeder: In den Datingportalen kann man auch seinen Beziehungsstatus einstellen. (Symbolbild)
  • Die Sehnsucht nach Männlichkeit

    Der Wunsch nach dem perfekten Body: Sportliches Ziel oder seelischer Stress? (Foto: R. B. / pixelio.de)

    Ein Beitrag von Dr. Dirk Sander, Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe. (Redaktion: Tim Schomann)

    Durchtrainiert, breites Kreuz, ausgeprägte Bauchmuskeln, starke Schultern: So wird uns in der Regel „der Mann“ in schwulen Magazinen gezeigt. Ganz gleich, ob es sich dabei um redaktionelle Beiträge oder Werbeanzeigen handelt. Diese Männer – meist in ihren Zwanzigern – sind erst mal schön anzusehen, sie vermitteln ein idealisierendes Bild von Männlichkeit, Kraft und Stärke. Warum ist dieses Bild von Männlichkeit so dominant? Was steckt dahinter und was können diese Bilder auslösen?

    Das hat auf den ersten Blick scheinbar nichts mit einer Präventionskampagne wie ICH WEISS WAS ICH TU zu tun. Doch wenn man genau hinsieht, dann stellen sich einige Fragen zu unseren Haltungen und den Respekt untereinander in der so genannten schwulen oder queeren Community. Welche Auswirkungen können gegenseitige Ausgrenzung und Stigmatisierung auf unser gesundheitliches Wohlbefinden und unser sexuelles Schutzverhalten haben? Darüber wollen wir mit Euch ins Gespräch kommen!

    „Tunten zwecklos“

    Obwohl das Männerbild in schwulen Magazinen, aber auch auf so manchem CSD-Truck recht einheitlich daherkommt, geht es in der „queeren“ Szene bei Körperlichkeiten wesentlich vielfältiger zu: Dick und dünn, lang und kurz, alt und jung, behaarte Bären, proppere Kerle und schmale Hemdchen, mal mit eher weichlichen, mal mit markanten Zügen. Trotzdem scheinen die einer bestimmten Vorstellung von Männlichkeit entsprechenden Männerkörper viele zu faszinieren, sie sind Objekte des Begehrens. Männer, die eher effeminiert sind, also vermeintlich „weiblich“ daher kommen, werden auch schon mal gnadenlos als „zu schwul“ verspottet, oder mit dem Hinweis „Tunten zwecklos“ als Sexpartner auf Dating-Portalen im Internet abgelehnt. Ein von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im letzten Jahr in einer Präventionskampagne eingeführtes „weibliches“ Männermodell führte zu einem Entrüstungssturm in den schwulen sozialen Medien, das Modell wurde als „zu klischeehaft“ abgelehnt und letztlich aufgrund des vehementen „öffentlichen Drucks“ aus der Szene von der Gesundheitsagentur zurückgezogen.

    „body image stress“: Der Stress mit dem eigenen Körper

    Die Sehnsucht nach Männlichkeit ist anscheinend groß, und es wundert deshalb nicht, dass man unterschiedlichste Männertypen findet, die mit ihrem eigenen Körper unzufrieden sind und die viel dafür zu tun bereit sind, dem in den Magazinen dominierenden Bild des schwulen Archetypen zu entsprechen. Und es ist ja auch erst mal nichts Schlechtes dabei, auf seinen Körper zu achten, etwas Sport zu treiben, sich ausgewogen zu ernähren, um sich fit und attraktiv zu fühlen. Wissenschaftliche Studien aus den letzten Jahren stellen allerdings fest, dass Homosexuelle im Vergleich zu Heterosexuellen stärker unter einer Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Körper leiden. In einer britischen Studie zur Gesundheit von schwulen und bisexuellen Männern aus dem Jahr 2011 wurde hervorgehoben, dass fast die Hälfte der schwulen und bisexuellen Männer sich Sorgen um ihr Aussehen machen und sich darüber hinaus wünscht, sich weniger damit beschäftigen zu müssen. Zwanzig Prozent der Befragten störten sich an ihrem Gewicht oder ihrem Essverhalten. In einer weiteren aktuellen Studie stellt Christopher J. Hunt von der Universität Sydney fest, dass schwule Männer teilweise geradezu „aufgerieben“ werden zwischen den widersprüchlichen Vorstellungen von einem auf der einen Seite muskulösen und auf der anderen Seite schlanken Erscheinungsbild. Psychologen sprechen bei diesem Phänomen von „body image stress“ (Körperbildstress): Es bestehe ein Unterschied zwischen „normalem“ Körperbewusstsein und stresshaft erlebter Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Es lohne sich jedenfalls darüber nachzudenken, wie viel Sport und Ernährungskontrolle noch „gesund“ sei, und wann die Anstrengungen zur Erreichung eines fitten und attraktiven Körpers zu einer stresshaften und damit eher abträglichen Belastung wird.

    In der Literatur lässt sich eine Reihe von theoretischen Überlegungen finden, warum gerade bei schwulen Männern die Sehnsucht nach einem männlich gestählten Körper so übermächtig werden kann. Zum einen seien es bestimmte Ängste von anderen als (zu) schwul ausgegrenzt zu werden, deshalb versuche man gerade besonders „männlich“ im herkömmlichen Sinn zu wirken; hier könnten auch gemachte negative Erfahrungen als Verstärker wirken. Auch die „Scham“ über die eigene Sexualität, die nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht, könne hier eine Rolle spielen. Vermutet wird auch, dass bei einigen die Vorstellung leitend sein könnte, mit einem besonders kraftvollen männlichen Körper gegen antischwule Gewaltattacken besser vorbereitet und geschützt zu sein; hier könnten auch gemachte Gewalterfahrungen verstärkend auf den Wunsch nach „Männlichkeit“ wirken. Solche Gewalterfahrungen sind im Übrigen ja nicht selten. Aus einer gerade veröffentlichten bundesdeutschen Erhebung von Michael Bochow und Kollegen geht hervor, dass ca. die Hälfte der Befragten schwulen und bisexuellen Männer Erfahrungen von verbaler und physischer Gewalt gemacht haben. Ein statistischer Wert, der sich übrigens in den letzten zwanzig Jahren nicht verändert hat!

    Kaum emotionale Unterstützung und Geborgenheit in schwulen Szenen?

    Eine weitere Vermutung für die Entstehung von „Körperbildstress“ ist, dass schwule Männer aufgrund von Ausgrenzungs- und Stigmatisierungserfahrungen in der Gesellschaft zu einem geringeren Selbstwertgefühl tendieren könnten, der Wunsch nach Formung eines „männlichen“ Körpers diene der Selbstwertstärkung. Weitere Überlegungen gehen davon aus, dass die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper auch, vielleicht als Wechselwirkung, aus den Erwartungen an bestimmte Körperideale aus den schwulen Szenen selber herrühren könnte. Phil Langer, Sozialpsychologe an der Universität Frankfurt, stellte in seiner Interviewstudie von 2009 fest, dass eine nennenswerte Unterstützung, die emotionale und physische Sicherheit bieten könnte, in den schwulen Szenen kaum zu finden sei. Er schreibt, dass im Gegenteil Erwartungen in Bezug auf Ideale jugendlichen Alters, maskuliner Männlichkeit und sexuell-körperlicher Schönheit innerhalb der schwulen Szenen(n) deutlich formuliert würden, diese könnten individuell zu Stressoren werden.

    Einige Autoren fordern deshalb, dass in den schwulen und queeren Szenen über diese Hintergründe mehr diskutiert werden müsste, z.B. über Gewalterfahrungen und den Umgang damit, über Idealvorstellungen und Erwartungen an bestimmte Formen der „Männlichkeit“, aber auch über die Bedeutung eines szeneinternen Respekts und Zusammenhalt. Nicht zuletzt scheint diese Diskussion bedeutsam auf dem Hintergrund, dass einige Autoren es für wahrscheinlich halten, dass Risikoverhalten beim Sex durch den Konflikt zwischen dem mangelnden Selbstwertgefühl und dem Wunsch nach besonders männlichem Auftreten begünstigt werden könnte.

    Das Geschäft mit der Unzufriedenheit

    Eine Reflektion über solche Zusammenhänge ist aber nur in wenigen schwulen und queeren Zirkeln zu finden. Währenddessen hat die Industrie, die angetreten ist, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, schon längst unser Dilemma erkannt und ein Riesengeschäft daraus entwickelt. Nicht nur die in den USA entstandene und auch bei uns mittlerweile weit verbreitete schwule „Gym Culture“ ist hier zu nennen. In schwulen Lifestyle-Magazinen, die (teils aus Unwissenheit, teils aus reinem Zynismus) verkaufsfördernd gerade dieses genannte normative Männerbild transportieren und zementieren, wird allerlei feil gehalten für diejenigen, die mit ihrem Körperbild unzufrieden sind. Und das geht weit über Fitnessangebote hinaus: Angeboten werden neben Botox und anderen Faltenkillern, Tinkturen für besseren Haarwuchs; sogar „Pflegelinien“ für Männer, die „effektive Lösungen“ zur Festigung des Bindegewebes und zur „langfristigen“ Verbesserung der „Körperkonturen“ versprechen, scheinen ihren Absatz zu finden. Selbst chirurgische Eingriffe werden neuerdings empfohlen. Solche radikalen Methoden der Körperformung sind allerdings, zum Glück, nur für einige von uns erschwinglich.

    Wie gesagt, es spricht gar nichts dagegen, etwas für die Fitness und das Äußere zu tun, sich Gedanken um eine ausgewogene und gesunde Ernährung zu machen, es liegt aber auch an uns, die Mechanismen und Hintergründe für darüber hinaus gehende und belastende Anstrengungen zu reflektieren, mehr Zusammenhalt in den „queeren“ Szenen zu etablieren und Gelassenheit bei vermeintlichen „Schönheitsfehlern“ zu entwickeln.

    Darum wollen wir uns diesem Thema stellen und mit euch darüber diskutieren? Welche Ideale und Ziele sind euch wirklich wichtig? Wo spürt ihr selber Druck, einem bestimmten (Männlichkeits-) Bild in der Szene entsprechen zu müssen? Wie geht ihr damit um?  Was erwartet ihr von einer schwulen Szene, die sich oft selbst als Community bezeichnet? Gibt es die Community und den Zusammenhalt (noch)? Oder ist das alles eine Illusion?

    Diskutiert mit uns auf facebook! Wir freuen uns auf eure Anregungen, Kritik und Denkanstöße.

     

    Literatur

    Bochow, M., Lenuweit, St., Sekuler, T., Schmidt, A. J. (2012): Schwule Männer und HIV/AIDS: Lebensstile, Sex, Schutz- und Risikoverhalten 2010. Forumsband Deutsche Aidshilfe e.V., Berlin

    Hunt, Ch. J. et al. (2012): “Links between psychosocial variables and body dissatisfaction in homosexual men: Different relations with the drive for muscularity and the drive for thinness.” In: International journal of Men´s health, vol. 11, no. 2, pp. 127 – 136

    Pretzel, A./Weiß, V. (Hrsg.): Rosa Radikale. Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Edition Waldschlösschen, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2012

    Langer, Ph. C. (2009): Beschädigte Identität. Dynamiken des sexuellen Risikoverhaltens schwuler und bisexueller Männer. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden

    Halperin, D. M./ Traub, V. (Hrsg.): Gay Shame. Chicago/London: university press 2009

    Mbody Mai-Juli 2010 www.m-body.de

    Guasp, A. (2012): Gay and bisexual men´s health survey. http://www.stonewall.org.uk/documents/stonewall_gay_mens_health_final_1.pdf

  • Zuher: Es gibt nicht DIE eine queere Community…

    Zuher: Es gibt nicht DIE eine queere Community…

    Zuher Jazmati ist 30 Jahre alt, Sternzeichen Skorpion und lebt in Berlin. Zusätzlich zu seinem Dayjob arbeitet er als Podcaster, DJ und Campaigner und macht politische Bildungsarbeit, wobei er aus einer antirassistischen, intersektionalen Perspektive für verschiedene Auswirkungen von Diskriminierung sensibilisieren will.

    Zuher Jazmati

    Zuher, wie hast du die Corona-Zeit erlebt?

    Unterschiedlich! Ich habe da eine komplexe Perspektive drauf: es war nicht alles super, es war nicht alles mega schlimm… Da ich sehr aktiv bin und viel Energie in meine Projekte investiere, bin ich eben auch oft ziemlich erschöpft und müde. Da kam mir der Lockdown als Zwangspause eher gelegen. Gleichzeitig war die Situation für mich auch belastend, weil da ja Menschen dran sterben. Trotzdem habe ich es als positiv und notwendig erlebt, dass ich mir Zeit für mich, Zeit zum Runterkommen nehmen konnte. Das gilt glaube ich für viele Freiberufliche und Leute aus dem Veranstaltungssektor. – Gigs als DJ und Workshops wurden abgesagt, das war auch schmerzhaft. Das fehlt mir auch am Meisten: Feiern, auflegen, Menschen durch Musik glücklich machen. Ich glaube, auf die Frage gibt es keine einfache Antwort, das war und ist ein Einschnitt in das Leben von jedem Menschen.

    Und wie war es für Dich, als es im Sommer wieder zu Lockerungen gekommen war?

    Da hab ich auch an die Menschen aus Risikogruppen gedacht, die das nicht genießen können. Das betrifft auch Menschen mit denen ich Kontakt habe, wie meine Großmutter und meinen Vater. Oder Menschen mit Behinderung, für die Corona echt nochmal viel gefährlicher ist. Menschen, die eben nicht so jung, nicht so sportlich oder nicht so gesund sind wie ich. Ich bin immer wieder mit der Angst vor dem Virus und den Gedanken daran konfrontiert, was eine Ansteckung zum Beispiel für meine Familie bedeuten würde.

    Jetzt wird es ja auch kälter, da fährt man vielleicht weniger mit dem Fahrrad und benutzt mehr öffentliche Verkehrsmittel. Da sehe ich auch immer mehr rücksichtslose Leute, die ihre Maske nicht tragen und sich nicht an die Regeln halten. Dann habe ich auch mehr Angst vor dem Virus. Denn was heißt diese Gefährdung dann z.B. für meine Großmutter oder für meinen Vater? Dass ich sie noch weniger sehen kann? Die Kontakteinschränkungen, die es gab, waren ja schon echt schmerzhaft. Wenn ich dann fahrlässiges Verhalten beobachte, verstärken sich meine Befürchtungen weiter.

    Printanzeige IWWIT Wir Für Queer
    Zuher (unten, Mitte) ist Teil unserer Printanzeige zum Thema queere Solidarität und #WirFürQueer.

    Was sind für dich wichtige Themen derzeit in der queeren Szene?

    Ich sehe die queere Szene differenzierter: also dass auch und vor allem in der sogenannten ‚queeren Szene‘ viele unterschiedliche Menschen zusammengefasst werden, die alle mit unterschiedlichen Lebensrealitäten und Formen von Diskriminierung konfrontiert sind. Zum Beispiel haben viele Menschen große Probleme an Geld zu kommen. Beispielsweise wenn sie als Künstler_innen oder Sexarbeiter_innen tätig sind. Oder weil Auftritte erschwert oder verboten werden oder sie allgemein illegalisiert sind. Queere Orte, die vor Corona geschaffen wurden, haben Probleme weiter zu existieren. Als Beispiel kann ich die Queer Arab Party nennen, die alle zwei Monate stattgefunden hat. Dort haben sich Menschen mit arabischem Hintergrund zum Feiern getroffen. Aber feiern geht nicht mehr. Wenn solche und auch andere Safer Spaces wegfallen, fehlen auch die Möglichkeiten zur gegenseitigen Unterstützung und Vernetzung. Das kann vor allem für Jüngere bedeuten, dass sie in einem queerfeindlichen Lebensumfeld wie möglicherweise intoleranten Familien bleiben müssen und sich nicht entfalten können.

    Und auf der individuellen Ebene?

    Da sehe ich vor allem die psychische Belastung durch Isolation und Einsamkeit. Die tritt bei queeren Menschen neben den Problemen eines Lebens unter erschwerten Bedingungen noch verstärkt auf. Wer jetzt allein ist, das stelle ich mir schrecklich vor! Besonders dann braucht man ja eigentlich die Nähe, die man in einer Gemeinschaft haben kann. Grade Menschen in marginalisierten Communities brauchen die Nähe, das Zusammenfinden, Vernetzen, den Austausch. Es ist ein großes Problem, dass da viel nicht mehr stattfinden kann.

    Was bedeutet für dich (queere) Solidarität?

    Dass Menschen füreinander einstehen, füreinander da sind bei Problemen. Solidarität fängt für mich vor allem mit der Arbeit an sich selbst an. Dabei meine ich Empathie mit und Sensibilisierung für Marginalisierungsformen, von denen ich nicht betroffen bin. Dass ich mich, wenn ich hetero bin, solidarisch mit Menschen verhalte, die nicht hetero sind. Dass ich mich, wenn ich weiß bin mit Menschen solidarisch verhalte, die nicht weiß sind. Oder dass ich als nicht beeinträchtigte Person solidarisch mit Menschen bin, die nicht abled sind. Es geht mir darum, sich empathisch mit den Lebenswelten anderer auseinander zu setzen, um solidarisch sein zu können. Sein Wissen und seine Vorstellungen von Menschen zu überprüfen und auch mal zu erweitern. Da wünsche ich mir, dass jede_r sich selbstreflektiert und wir unsere Privilegien checken, uns für solidarisches Verhalten einsetzen.

    Was wünschst du dir zukünftig für die queere Coomunity?

    Für mich gibt es nicht DIE queere Community, Einzahl. Sondern es gibt queere Communities in der Mehrzahl, denn wir sind nicht alle gleich. Mir ist es wichtig, die Unterschiedlichkeit der Gruppen anzuerkennen, die in dem Begriff ‚queere Community‘ zusammengefasst werden und vor allem die unterschiedlichen Machtverhältnisse anzuerkennen, die es ja real gibt. Wir sitzen eben nicht alle im selben Boot mit einer queeren Person aus Moria oder einer, die von Abschiebung bedroht ist. Das möchte ich aus dem Oberbegriff „queer“ raus differenziert haben, so können wir den existierenden Unterschieden gerechter werden.

    Zuher Jazmati

    Gibt es ein Projekt, das aus deiner Sicht zur Zeit besondere Unterstützung braucht – und wenn ja, warum?

    Ja, die queeren Projekte in Nigeria, die sich gegen Polizeigewalt stark machen. Als ich in London gelebt habe, hatte ich Kontakt zu der dort existierenden großen nigerianischen Community. Und hier in der Schwarzen Community gehen viele Tweets zu dem Thema viral, in der Tagesschau siehst du aber gar nichts davon! Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land des afrikanischen Kontinents und es gibt grade richtig viele Proteste dort – die Medien hier schenken dem null Aufmerksamkeit! Ich mache hier deshalb mit meinem Kollegen Dominik den Black Brown Queeren Podcast (BBQ). Black lives matter gilt auch für afrikanische Länder!

    Möchtest du hier noch etwas loswerden?

    (Lacht) Ja: Wear your mask, check your privileges!


    Auch die queere Szene ist von der Coronavirus-Pandemie betroffen, sei es durch mögliche Einsamkeit oder durch finanzielle Schwierigkeiten. Ihr wollt helfen oder sucht Hilfe? #WirFürQueer listet Projekte auf, die Hilfe anbieten oder selbst Unterstützung suchen. Klickt Euch durch und findet eine passende Hilfs- oder Soliaktion!

  • Weiter so, Jungs!

    Junge Hetero-Männer küssen ihre Freunde auf den Mund – sogar mit Zunge. Und finden das gar nicht schwul. Ein gutes Zeichen, meinen englische Forscher: Die Homophobie lasse nach

    Ein Kuss auf den Mund unter Männern? Für viele Heteros längst kein Problem mehr. Diesen Schluss legt zumindest eine sexualwissenschaftliche Studie der englischen University of Bath nahe. In einer Umfrage gaben 89 Prozent der befragten männlichen Jugendlichen an, dass sie ihre Freunde gelegentlich auf den Mund küssen. 36 Prozent haben sogar schon intensiv mit Zunge geküsst. Sind die alle schwul? Eben nicht! Die Küsse sind einfach Ausdruck der Freundschaft.

    „Meine erste Erfahrung mit einem Männerkuss hatte ich an der Uni“, berichtet etwa Adi Adams. Der Soziologiestudent hat die Untersuchung mitorganisiert. „Ich war etwas verblüfft, aber inzwischen fühlt es sich an wie eine ganz normale freundschaftliche Geste.“ Als schwul empfindet der 26-jährige Stürmer des Team Bath FC sein Verhalten nicht. „Ich glaube nicht, dass das meine Männlichkeit oder meine Heterosexualität bedroht.“

    Die Forscher um Studienleiter Eric Anderson scheinen einer erstaunlichen Liberalisierung auf der Spur zu sein. „Uns war aufgefallen, dass immer mehr Männer Fotos bei Facebook hochladen, auf denen sie ihre Freunde küssen“, berichtet Adams. „Wir haben dann festgestellt, dass sich die Männer auf diese Weise zeigen, dass man es in den engsten Freundeskreis geschafft hat.“ Die Männer glichen sich in dieser Hinsicht den Frauen an, die ihre Freundschaften bekanntlich häufiger mit Zärtlichkeiten zum Ausdruck bringen.

    Eric Anderson, selbst schwul, wertet die Ergebnisse als gutes Zeichen: „Freundschaftliche Küsse unter heterosexuellen Männern sind eine Folge der abnehmenden Homophobie“, meint der 42-jährige Soziologe. An den untersuchten Colleges und Universitäten sei offener Schwulenhass fast völlig verschwunden. Für schwul gehalten zu werden sei dort längst keine Katastrophe mehr.

    „Der Kuss ist ein Zeichen der Zuneigung in studentischen sozialen Räumen, ein Zeichen des Triumphs auf dem Fußballplatz oder eines der Freude im Nachtclub. Aber nie hat er dabei eine sexuelle Bedeutung. Es scheint, dass junge Menschen generell mit jeder Generation immer aufgeschlossener werden.“

    Allerdings darf man euphorischen Wissenschaftlers nicht alles glauben. Die größte Schwäche der Untersuchung: die wenig repräsentativen Teilnehmer. Befragt wurden 145 englische Schüler und Studenten zwischen 16 und 25, die an zwei Universitäten und einem College (entspricht der deutschen Oberstufe) studieren. Das heißt: Es wurden nur relativ wenige und vorrangig wohlhabende und gut gebildete junge Männer befragt.

    Ein Indiz dafür, dass die küssenden Engländer noch eine Ausnahme sind, ist eine heftige Online-Diskussion über die Studie auf der Website der australischen Zeitung Sydney Morning Herald. „LOL!“ und „BAH!“ waren noch die freundlicheren Kommentare. Tenor: Richtige Männer küssen keine anderen Männer.

    So heftig brodelte die Diskussion, dass sich Studienleiter Eric Anderson persönlich einmischte: „Obwohl die Studenten in unserer Studie wissen, dass diese Art des Küssens für ein tabuisiertes Sexualverhalten steht, haben sie es so umstrukturiert, dass es zu ihrer Heteromaskulinität passt.“

    Kommentator Gilberto dürfte er damit nicht überzeugt haben. „Versuch’s mal, mich auf den Mund zu küssen“, notierte der, bevor die Kommentarfunktion abgeschaltet wurde. „Danach müsstest du deine Zähne vom Boden aufsammeln.“

    (Philip Eicker)

    Als hätten wir’s gewusst: Unser Spot „Volltreffer“ zu den Gay Games zeigte auch einen schönen Fußballkuss