Kategorie: Community

  • Im Fummel in die Schule – Die Drag-Queen Betty BBQ an einer Realschule in Baden-Württemberg

    Im Fummel in die Schule – Die Drag-Queen Betty BBQ an einer Realschule in Baden-Württemberg

    Stell dir vor, du gehst in Baden-Württemberg zur Schule. Würdest du erwarten, eines Tages in die Klasse zu kommen und von einer Drag Queen über Schwule, Lesben, Bisexuelle und Trans*-Menschen aufgeklärt zu werden? Betty BBQ hat genau das gemacht. Wir haben mit ihr und dem Lehrer Daniel Hey gesprochen.

    Betty BBQ  an einer Realschule in Baden-W (Foto: Betty BBQ)
    Betty BBQ klärte an einer Realschule in Baden-Württemberg über Schwule und Lesben auf. (Foto: Betty BBQ)

    Betty, du hast an einer Realschule in Baden-Württemberg Aufklärungsunterricht im Fummel gegeben. Wie kam es dazu?

    (Betty BBQ) Ganz einfach, ich wurde darum gebeten. Der Lehrer Daniel Hey kam auf mich zu und hat mich gefragt. Und letzten Endes hat er mich auch überzeugt.

    Du wolltest also eigentlich nicht. Warum nicht? Welche Erwartungen hattest du?

    (Betty) Wir wissen ja alle, in der Schule wird nicht viel über „Anderssein“ gesprochen. Und manche Vorbilder junger Menschen verteufeln das „Anderssein“ oder sind direkt homophob, wie es im Hip Hop oft der Fall ist. Deshalb hatte ich ehrlich gesagt nicht viele Erwartungen und hatte auch ein bisschen Schiss.

    Daniel, warum wolltest du, dass Betty im Fummel in die Schule kommt?

    (Daniel Hey) Zwei Aspekte waren für mich wichtig: Zum einen wollte ich den Schülern eine Blick in eine Lebenswelt ermöglichen, die sie bisher noch nicht kannten. Zum anderen fungiert Betty als „Queer“-Spezialistin, die den Jugendlichen all das erklären kann, was ihnen rund um die Themen LGBT und Queer noch unbekannt war.

    Wie ist es gelaufen?

    (Betty) Sehr gut, ich habe eine sehr interessierte Klasse vorgefunden und meine Bedenken waren schnell verflogen.

    Was hast du konkret gemacht?

    (Betty) Ich hab über meine Aktivitäten als Drag Queen und über meine ehrenamtliche Arbeit bei GenTLe Man, dem Präventionsprojekt der Aids-Hilfe Baden-Württemberg gesprochen. Danach habe ich die Fragen der Jugendlichen beantwortet.

    Drag-Queen Betty BBQ  war froh, dass ihr schlaue und interessierte Fragen gestellt wurden. (Foto: Betty BBQ)
    Betty war überrascht über die schlauen und interessierten Fragen. (Foto: Betty BBQ)

    Welche Fragen haben sie dir gestellt?

    (Betty) Wie schon erwähnt, hab ich mit kaum was Gutem gerechnet. Ich wurde allerdings von schlauen und ehrlich interessierten Fragen überrascht. Es gab Fragen zu Queer-Themen, direkt zu Homophobie oder die Standardfrage wie lange ich zum Schminken brauche (lacht). Und das Tollste: Es gab keine einzige Frage unterhalb der Gürtellinie.  

    Wie hast du die Stunde empfunden, Daniel?

    (Daniel) Ich fand’s auch toll. Ich bin davon überzeugt, dass mangelnde Toleranz auf Angst vor dem Unbekannten beruht. Mit dem Besuch von Betty wollte ich erreichen, dass die Jugendlichen in einem für sie sicheren Rahmen Berührungspunkte zu jemandem bekommen, die sie sonst nicht erfahren würden. Als „Botschafterin für Toleranz“ hat Betty dazu beigetragen, andere Lebensformen aus der „Freak-Ecke“ zu holen.

    Was hat eigentlich das Kollegium oder der Direktor zu Betty Besuch gesagt?

    (Daniel) Das Kollegium war größtenteils von der Idee angetan und zeigte sich interessiert an dem Unterrichtsvorhaben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass einige Lehrer ebenfalls an Besuchen von Betty interessiert sind und kann diese auch nur wärmstens empfehlen. Meine Schule hat das Glück, einen sehr offenen Rektor zu haben, der mir die für den Besuch nötigen Freiheiten überließ. Kritische Stimmen hingegen gibt es immer, was auch berechtigt ist, da nur im gemeinsamen Dialog Entwicklungen stattfinden können, die für alle Seiten tragbar sind.

    Die Debatte über den Bildungsplan in Baden-Württemberg schlug bundesweit hohe Wellen. War der Bildungsplan Thema bei deiner Unterrichtsstunde?

    (Betty) Die Stunde war ja quasi Bildungsplan, wie er idealerweise sein sollte (lacht). Als solcher war er aber kein Thema.

    Deine Sicht Daniel: Ist die Bildungsplanreform an eurer Schule ein großes Thema?

    (Daniel) Das war es, ja. Kollegen zeigten sich schockiert von der Petition, die sexuelle Vielfalt aus dem neuen Bildungsplan verbannen wollte. Sie verwiesen per Mail und Aushang auf die Gegenpetition und zeigten also ihre Unterstützung für das Vorhaben der Landesregierung. Dies führte in den darauffolgenden Tagen zu kontroversen Diskussionen im Lehrerzimmer, die ich als gewinnbringend betrachte.

    Homophobe Menschen haben eine anti-homosexuelle Einstellung. (Foto: DAH)
    Homophobe Menschen haben eine anti-homosexuelle Einstellung. (Foto: DAH)

    Grundsätzlich: Hast du das Gefühl, dass ihr in Baden-Württemberg homophober seid als anderswo?

    (Betty) Das möchte so nicht sagen, aber ich glaube durchaus, dass eher ländliche Regionen größere Probleme haben. Auch meine Heimatstadt, die Schwarzwald-Metropole Freiburg, hat noch großen Nachholbedarf. Deshalb ist es ja wichtig an Schulen zu gehen. Wenn abends dann am Esstisch mal nicht über Schwule oder andere Minderheiten geschimpft wird, sondern ernsthaft über Toleranz diskutiert wird, habe ich schon was erreicht.

    Am Samstag, 17. Mai ist Internationaler Tag gegen Homophobie. Wie sieht es bei dir aus: Wurdest du schon diskriminiert?

    (Betty) Natürlich! Als Drag Queen stehe ich ja quasi an der Front. Wenn ich direkt angesprochen oder angepöbelt werde, kann ich das mit der Schlagfertigkeit einer Drag Queen regeln. Von körperlichen Angriffen wurde ich bis jetzt zum Glück verschont.
    Aber solche Vorfälle geben mir Kraft, weiterzumachen. Ich habe den Vorteil, dass all das mit der Kunstfigur Betty BBQ nach einem langen Tag in der Dusche im Abfluss weggespült wird. Das kann nicht jeder und diese Schwulen und Lesben, Bisexuellen und Trans*-Menschen brauchen unsere Solidarität und Unterstützung im Kampf für Gleichstellung und Akzeptanz.

    Hier findet ihr eine Übersicht, in welchen Städten es am 17. Mai Aktionen gegen Homophobie gibt: http://de.rainbowflash.info/

  • Stricher und das Überleben auf dem Strich – die andere Seite des Geschäfts mit dem Sex

    Stricher und das Überleben auf dem Strich – die andere Seite des Geschäfts mit dem Sex

    Am Anfang steht  die Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch für etliche Migranten und Flüchtlinge bleibt am Ende nur der Strich, um Geld zu verdienen.

    Warum viele Stricher in Deutschland auf dem Strich landen

    Im Grunde ist es nur ein alter, schnulziger Schlager. Doch in dieser Bar mit ihrem etwas in die Jahre gekommenen kitschigen Dekor klingt Conny Froboes’ Lied über die Sehnsucht der „Zwei kleinen Italiener“ mit einem Male erstaunlich aktuell. Radu* und Petre* fällt das allerdings nicht auf. Für sie ist das Lied nur eine fremdklingende Kneipen-beschallung; um den Text zu verstehen sind ihre Deutschkenntnisse viel zu dürftig.

    Wenn Petre etwas nicht versteht, überspielt er die Situation mit einem jovialen „Mein Freund!“ und schlägt kumpelhaft auf die Schulter seines Gegenübers. Manchmal kann Radu auch etwas dolmetschen. Er radebrecht dann in einem abenteuerlichen Mix aus rumänisch, deutsch und englisch sowie ausholender Gesten. Tiefschürfende Gespräche sind damit nicht zuführen, aber es reicht aus, um mit den Freiern das Notwendige zu verhandeln. An diesem Abend aber sehen die Geschäfte eher schlecht aus. In der „Blue Boy Bar“, einem traditionsreichen Berliner Stricherlokal im Schöneberger Schwulenkiez, übersteigt das Angebot deutlich die Nachfrage. Petre ist in die Offensive gegangen, hat einem Gast erst lange angeflirtet und mittlerweile lässig den Arm um dessen Hals gelegt.

    In jeder deutschen Metropole gibt es Jungs, die anschaffen gehen. Bundesweit dürften es mehrere tausend sein.
    In jeder deutschen Metropole gibt es Jungs, die anschaffen gehen. Bundesweit dürften es mehrere tausend sein.

    Zwischen Hoffnung und Armut: Der Weg auf den Strich

    Petre und Radu, beide Anfang Zwanzig, sind vor knapp einem Jahr aus einer rumänischen Kleinstadt nach Deutschland gekommen. Was sie an Geld besaßen, hätten sie ins Bahnticket investiert, erzählt Radu. Aber irgendwie sei dann doch alles ganz anders gekommen, als sie es sich ausgemalt hatten. Dass er mit seinem besten Jugendfreund hier nun anschaffen gehen würde, stand jedenfalls nicht auf dem Plan. Petres neuer Bekannter ist derweil auf Tuchfühlung gegangen und erkundet mit seiner Hand  den Körper des jungen Mannes unter dem enganliegenden T-Shirt  Ob es zu einem Handel kommt, ist noch offen. Radu beobachtet seinen Freund amüsiert dabei und lässt zugleich unruhig seinen Blick durchs Lokal schweifen. Die Chancen, die Nacht im Bett eines Freiers zu verbringen, sinken zunehmend. Radu wird womöglich bald weiterziehen, in der Hoffnung in den Stricherkneipen um die Ecke mehr Erfolg zu haben.

    „Freierfreie Zone“ in den Stricherprojekten

    Jungs wie Radu und Petre gibt es in jeder deutschen Metropole. In München und Hamburg schätzt man ihrer Zahl auf jeweils über 500, bundesweit dürften es mehrere Tausend sein. Und was die modische Kleidung und das gepflegte Erscheinungsbild der Jungs, wie sie in der Blue Boy Bar anzutreffen sind, nicht vermuten ließe: Der Großteil von ihnen ist obdachlos. Wenn sie nicht bei Kumpels oder Freiern schlafen können, bleibt nur die Parkbank – oder Stricherprojekte wie KISS in Frankfurt, Subway in Berlin oder das BASIS-Projekt in Hamburg.

    Derzeit sind es mehrheitlich Rumänen und Bulgaren, die auf dem Strich gehen, um Geld zum Leben zu verdienen.
    Derzeit sind es mehrheitlich Rumänen und Bulgaren, die auf dem Strich gehen, um Geld zum Leben zu verdienen.

    Das Subway ist nur wenige Gehminuten von der „Blue Boy Bar“ entfernt. Wenn dort um zehn Uhr morgens die Pforten geöffnet werden, stehen die ersten jungen Männer bereits vor der Tür: übernächtigt, erschöpft und manchmal durchgefroren. Acht Bettstellen bietet das Subway, wo sich die Jungs ausschlafen können. Andere kommen im Laufe des Tages, um hier zu duschen, etwas Warmes zu essen, mit anderen zu reden, Tischtennis zu spielen oder ihre Wäsche zu waschen.

    Stricherprojekte als Schutzraum für junge Männer

    „Freierfreie Zone“ nennt Helmut Wanner das. Für die meisten ist die der einzige Ort, an dem sie sich weder belästigt, ausgegrenzt oder kontrolliert fühlen müssen. Vor ein paar Jahren waren es mehrheitlich Kosovo-Albaner, die auf der Suche nach einem besseren, anderen Leben nach Deutschland gekommen waren und auf dem Strich gelandet sind. Derzeit machen Rumänen und Bulgaren rund 90 Prozent der Männer aus, die das Hilfs- und Beratungsangebot nutzen, berichtet Projektmitarbeiter Stefan Schröder. Saskia Reichenecker vom Stuttgarter Café Strichpunkt, das ein ähnliches Konzept wie Subway verfolgt, begegnet bei ihren Streetwork-Einsätzen in der Szene derzeit hingegen zunehmend Männern aus nordafrikanischen und arabischen Staaten. Viele von ihnen sind Flüchtlinge und stecken in langwierigen Asylverfahren. Anderen wurde der Antrag bereits abgelehnt und sie leben nun illegal hier. Weil sie keiner legalen Arbeit nachgehen können, bleibe vielen von ihnen oft nur der Weg in die Kriminalität und ins Drogenmilieu oder auf den Strich zu gehen.

    Warum viele Stricher im Verborgenen leben

    Da in arabisch-muslimisch geprägten Ländern nicht nur Homosexualität, sondern auch Prostitution verboten ist, ist für die Sozialarbeiter vom Café Strich-Punkt der Zugang zu diesen Männern besonders schwer. Selbst ihren besten Freunden wagen sie nicht zu erzählen, wie sie sich über Wasser halten. Dieses Schicksal teilen sie mit den Jungs und Männern aus Roma-Familien, in deren Kultur jegliche Form von Schwulsein tabuisiert, ja nicht einmal existent ist. Sie alle kommen nach Westeuropa, in der Hoffnung auf ein Leben, das nur besser werden kann, als jenes, das sie hinter sich lassen. Doch dieser Traum zerplatzt meist schnell. Die erhofften Jobs auf dem Bau oder als Reinigungskraft gibt es nicht oder nur für einen Hungerlohn. Der Strich ist dann manchmal die letzte Möglichkeit, sich durchzuschlagen. Dabei sind die Preise für diese Sexdienste in den vergangenen Jahren aufgrund des hohen Angebots immer weiter gefallen. Ein Teufelskreis.

    Weil viele als Flüchtlinge noch in Asylverfahren stecken und nicht legal arbeiten dürfen, verdienen etliche Geld auf dem Strich.
    Weil viele als Flüchtlinge noch in Asylverfahren stecken und nicht legal arbeiten dürfen, verdienen etliche Geld auf dem Strich.

    Das Leben auf dem Strich hinterlässt oft seine Spuren 

    Den Absprung in ein bürgerliches Leben mit einem richtigen Job schaffen nur die wenigsten. Während Escorts in der Regel mit Eigenverantwortung und selbstbewusster schwuler Identität der Sexarbeit nachgehen, bieten diese Männer ihre Dienste aus der puren Not heraus an. Manche verstehen sich als heterosexuell, haben vielleicht sogar Frau und Kind. Andere haben bislang nicht die Chance gehabt, sich frei von Zwang und Not ihren eigentlichen sexuellen Wünschen und Bedürfnissen bewusst zu werden.
    Das Leben auf dem Strich bleibt nicht folgenlos. Bei vielen der Männer, die in diese für sie kaum entrinnbare Sackgasse geraten sind, führt die permanente Verstörung, der Ekel und der daraus resultierende Selbsthass zu Spiel- und Drogensucht, Alkoholismus, autoaggressivem Verhalten und anderen psychischen Störungen. Das Leben auf der Straße – und ohne Krankenversicherung – zeigt auch gesundheitliche Folgen. Projekte wie Subway versuchen, nicht zuletzt auch mit Hilfe von Sprachvermittlern aus den Herkunftsländern der Männer, Vertrauen aufzubauen, Gespräche und Hilfe in Notsituationen anzubieten. Dazu gehört auch die Aufklärung über sexuell übertragbare Krankheiten und Safer Sex. Manchmal sei nicht einmal ein Grundwissen dazu vorauszusetzen, erklärt Wanner.


    „Dass seit Jahresanfang nun auch für Rumänen und Bulgaren europaweit die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit gilt, bietet zumindest einen Ausweg: Prostitution bleibt nun nicht mehr zwangsläufig die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen, wir können sie auch in legale Arbeit vermitteln“, sagt Saskia Reichenecker. Zumindest theoretisch. Denn in der Realität, weiß Helmut Wanner aus Erfahrung, bietet der Arbeitsmarkt für diese Männer, die in der Regel keinerlei Berufsausbildung haben und häufig sogar Analphabeten sind, so gut wie keine niedrigschwelligen Arbeitsgelegenheiten.

    *Namen geändert

    FAQ über Stricher in Deutschland

    Warum landen junge Männer auf dem Strich, welche Risiken gibt es und welche Hilfe bieten Stricherprojekte? Hier findest du Antworten auf zentrale Fragen rund um Armut, Migration, Sexarbeit und Unterstützung in Deutschland.

    Warum landen viele Stricher in Deutschland auf dem Strich?

    Viele Stricher in Deutschland verkaufen Sex nicht aus freier Entscheidung, sondern aus purer Not. Armut, Obdachlosigkeit, fehlende Arbeitserlaubnis und mangelnde Perspektiven führen dazu, dass der Strich für manche zur letzten Möglichkeit wird, Geld zu verdienen.

    Wer ist besonders häufig von dem Leben als Stricher betroffen?

    Besonders häufig betroffen sind Migranten, Geflüchtete und junge obdachlose Männer. Viele von ihnen kommen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland, finden aber keinen Zugang zu legaler Arbeit und geraten dadurch in prekäre Lebenssituationen.

    Welche Folgen hat das Leben auf dem Strich für Stricher?

    Das Leben auf dem Strich kann schwere psychische und körperliche Folgen haben. Viele Stricher erleben Ausgrenzung, Stress, Angst, Selbsthass, Suchtprobleme und gesundheitliche Risiken. Hinzu kommen oft fehlende medizinische Versorgung und unsichere Lebensverhältnisse.

    Welche Hilfe gibt es für Stricher in Deutschland?

    In mehreren deutschen Städten gibt es Hilfsangebote und Stricherprojekte, die Schutz, Beratung und Unterstützung bieten. Dort können Betroffene schlafen, duschen, essen, Kleidung waschen, Gespräche führen und Hilfe in Notsituationen erhalten. Auch Aufklärung über Safer Sex und gesundheitliche Risiken gehört dazu.

    Gibt es Wege raus aus dem Strich?

    Ein Ausstieg ist möglich, aber oft sehr schwer. Fehlende Ausbildung, Sprachbarrieren, Armut und unsichere Aufenthaltsverhältnisse erschweren den Weg in ein stabiles Leben. Umso wichtiger sind Hilfsprojekte, die Stricher bei der Vermittlung in legale Arbeit, bei Behördenkontakten und im Alltag unterstützen.

  • Wo schlafe ich heute Nacht?

    Wo schlafe ich heute Nacht?

    Das „BASIS-Projekt“ in Hamburg unterstützt Stricher. Dabei geht es oft um grundlegende Bedürfnisse wie schlafen, essen und Wäsche waschen. Eine Reportage von Philip Eicker

    Das Herzsück des BASIS-Projektes: die Waschmaschine (Foto: BASIS-Projekt)
    Das Herzsück des BASIS-Projektes: die Waschmaschine (Foto: BASIS-Projekt)

    Waschmaschinen murmeln, ein Trockner rumpelt. So klingt es im Herzstück des Hamburger „BASIS-Projekts“, einer fensterlosen Kammer in einer ehemaligen Schwulendisko. Die Luft ist saunawarm und trocken, es duftet nach Waschmittel und Tabak. Auf dem Boden etwa drei Dutzend Reisetaschen, Rucksäcke und Plastiktüten, dazwischen ein zusammengeknäultes T-Shirt, ein einzelner Turnschuh. All das gehört jungen Männern, die hier in St. Georg auf den Strich gehen. Die meisten haben keine feste Unterkunft, geschweige denn eine Waschmaschine. Das BASIS-Projekt will ihre grundlegenden Bedürfnisse stillen: essen, trinken, duschen, ein paar Stunden schlafen, Wäsche waschen.

    „Was für die meisten Deutschen zur Grundversorgung gehört, ist für unsere Klienten keine Selbstverständlichkeit“, sagt Gerhard Schlagheck. Der 45-jährige Mann mit den markanten blonden Koteletten ist Sozialarbeiter bei BASIS. Seit 1986 kümmert sich das Hamburger Projekt um männliche Prostituierte, die vor allem in St. Georg anschaffen gehen. Das angesagte Bahnhofsviertel ist auch Zentrum der schwulen Szene. Hier sind nachts die BASIS-Mitarbeiter wie Gerhard Schlagheck unterwegs. Sie tragen eine große Umhängetasche mit der Aufschrift „Streetworker“, verteilen Infomaterialien in mehreren Sprachen – und Cruising-Packs, bestehend aus Kondom und einem Tütchen Gleitgel. „Ein guter Anknüpfungspunkt“, sagt Schlagheck. „Zur Not kann ich auch ein Beratungsgespräch am Tresen improvisieren.“ Vor allem aber lädt er die jungen Männer ein, beim BASIS-Projekt vorbeizuschauen. Der Großteil der Stricher ist zwischen 18 und 22 Jahre alt, nur ein Fünftel hat die deutsche Staatsbürgerschaft.

    Gerhard Schlagheck ist seit 1996 Sozialarbeiter beim BASIS-Projekt. (Bild: privat)
    Gerhard Schlagheck ist seit 1996 Sozialarbeiter beim BASIS-Projekt. (Bild: privat)

    Die wenigsten Stricher haben eine feste Bleibe. Die meisten stehen jeden Abend vor der Frage: Wo schlafe ich? Manche kommen bei Freunden unter, andere bei ihren Freiern. Andere bringen die Nacht im Halbschlaf hinter sich, im Pornokino, auf dem Barhocker, auf einer Parkbank. Hier hilft BASIS mit Ruheräumen: So können die Stricher zumindest ein paar Stunden Mittagschlaf halten. Der Schlafplatz in der Anlaufstelle wirkt auf den ersten Blick nicht einladend: Ein fensterloser Raum mit einem Stockbett aus Metall, Matratzen mit schwarzem Gummibezug. „Den kann man leicht desinfizieren“, erklärt Gerhard Schlagheck. Eine Leselampe spendet etwas Gemütlichkeit. Außen an der Tür klebt eine Liste, auf der sich die Schlafbedürftigen eintragen müssen. Komfortabler ruht man in zwei Wohnungen des Projekts mit jeweils fünf Schlafplätzen. Vor allem Minderjährige finden so kurzfristig eine Unterkunft. „In der Wohnung können sie sich ausschlafen und erholen“, sagt Gerhard Schlagheck, „und nach einer besseren, dauerhaften Wohnform suchen.“

    Haben die Männer erst einmal ihre grundlegenden Bedürfnisse befriedigt, erhalten sie bei BASIS weitergehende Unterstützung. Die Beratungsthemen sind vielfältig: Wohnungslosigkeit, Krankheit, Strafverfolgung wegen Schwarzfahren oder einem fehlenden Ausweis. Auch zwischenmenschliche Probleme kommen zur Sprache. Ein wichtiger Kooperationspartner ist CASA Blanca, die zentrale Hamburger Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten. Für Menschen ohne Krankenversicherung ist sie oft die einzige Möglichkeit, eine rudimentäre Gesundheitsversorgung zu bekommen. Auch bei BASIS hält einmal pro Woche eine Ärztin Sprechstunde. Eine Grundversorgung ist möglich, für eine langfristige Behandlung fehlt das Geld. Das „Dr. Georg“ genannte Angebot wird nur durch Spenden finanziert.

    Das BASIS-Projekt ermöglicht auch eine medizinische Grundversorgung. (Foto: BASIS-Projekt)
    Das BASIS-Projekt ermöglicht auch eine medizinische Grundversorgung. (Foto: BASIS-Projekt)

    Das BASIS-Projekt lindert Not, das Leben seiner Klienten umkrempeln kann es nicht – und will es auch gar nicht: „Meinen Erfolg messe ich, indem ich mir erreichbare Ziele setze“, betont Gerhard Schlagheck. Zum Beispiel, wenn ein Stricher bei BASIS regelmäßig duscht. „Wer sich um seinen Körper sorgt, ist auch in einer sexuellen Risikosituation eher bereit, aufzupassen.“ HIV-Prävention war der Grund, warum die Stadt Hamburg das BASIS-Projekt vor 20 Jahren ins Leben rief. „Die Gesundheitsberatung steht nach wie vor an erster Stelle“, betont Gerhard Schlagheck. „Aber heute setzen wir den Fokus auch auf andere sexuell übertragbare Krankheiten.“ Zur Zielgruppe gehören auch die Kunden der Stricher. „Die gesundheitspräventive Arbeit des BASIS-Projekts soll beide am sexuellen Kontakt Beteiligten erreichen“, so Gerhard Schlagheck.

    Auf die Frage nach Veränderungen erklärt er: „Auf dem Strich ändern sich die Dinge schleichend, zum Beispiel wenn sich die Herkunft unserer Klienten ändert.“ Als Gerhard Schlagheck 1996 beim BASIS-Projekt eingestiegen ist, kamen die meisten Stricher aus Tschechien, später aus Rumänien, heute aus Bulgarien. „Jede dieser Gruppen bringt ihre kulturellen Besonderheiten mit. Auf die müssen wir uns einstellen.“ Und auf die Sprache natürlich. Aber egal, woher die jungen Männer kommen, die ihren Körper verkaufen, ihre Motive und Nöte gleichen sich. Zuerst einmal müssen sie jeden Tag wieder klären: Wo schlafe ich heute Nacht?

    Zur Website des BASIS-Projekts: http://basis-projekt.de.
    Das Projekt freut sich über Geld- und Sachspenden, zum Beispiel in Form von Kleidung. Nähere Informationen bietet der Trägerverein „Basis & Woge“ unter www.basisundwoge.de/spenden

  • Was tun bei HIV-bedingter Ausgrenzung?

    Was tun bei HIV-bedingter Ausgrenzung?

    Was tun bei Ausgrenzung?

    Du wirst wegen deiner HIV-Infektion diskriminiert? Ob am Arbeitsplatz, in einer Behörde, im Krankenhaus oder in einer Arztpraxis: Du musst das nicht einfach hinnehmen. Die Kontaktstelle „HIV-bedingte Diskriminierung“ der Deutschen Aidshilfe unterstützt dich.

    Die Kontaktstelle ist für dich da, wenn du reden möchtest, informiert dich über Beschwerdemöglichkeiten, unterstützt dich bei deiner persönlichen Entscheidung und begleitet dich auf Wunsch auch im Beschwerdeverfahren. Dabei arbeitet sie eng mit den Aidshilfen vor Ort zusammen.

    Neben der individuellen Beratung setzt sich die Kontaktstelle auch grundsätzlich für den Abbau von Diskriminierung ein.


    Zurückweisung beim Sex

    Die Studie positive stimmen 2.0 zeigt deutlich, wie stark Menschen mit HIV noch immer mit Ablehnung konfrontiert sind: Mehr als die Hälfte der Befragten wurde in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal beim Sex zurückgewiesen.

    Es überrascht deshalb nicht, dass es knapp der Hälfte der befragten Menschen mit HIV schwerfällt, ihren HIV-Status beim Sex anzusprechen. Fast 80 Prozent erleben es generell als riskant, offen über ihre HIV-Infektion zu sprechen.


    Vorurteile und Mythen

    „Nicht aus derselben Tasse trinken.“
    „HIV-Positive sind doch alle verantwortungslos.“
    „Mit HIV wird man nicht alt.“

    Solche Vorurteile und Mythen gibt es leider bis heute. Mit der Realität haben sie jedoch wenig zu tun.

    Menschen mit HIV können heute ein gutes und langes Leben führen. Zwar hat die Infektion dank wirksamer Therapien viel von ihrem Schrecken verloren und gilt heute als chronische Erkrankung, doch eine HIV-Therapie bedeutet auch, lebenslang Medikamente einzunehmen und regelmäßig medizinische Untersuchungen wahrzunehmen.

    Vor allem aber erleben viele HIV-positive Menschen noch immer Ausgrenzung und Diskriminierung — und genau das ist für viele die größere Belastung.


    Was ist zu tun?

    Eine gute Nachricht: 40 Prozent der Befragten gaben an, seit dem medizinischen Fortschritt rund um Schutz durch Therapie weniger Diskriminierung zu erleben.

    Schutz durch Therapie bedeutet: HIV-Medikamente unterdrücken die Vermehrung des Virus im Körper so stark, dass HIV beim Sex nicht mehr übertragbar ist.

    HIV ist unter wirksamer Therapie nicht übertragbar.

    Diesen Fakt kennen bereits viele in der schwulen Community — aber noch längst nicht alle. Umso wichtiger ist es, Wissen zu verbreiten und deutlich zu machen: Für Menschen mit HIV in Deutschland ist meist nicht HIV selbst das größte Problem, sondern Ausgrenzung, Ablehnung und Diskriminierung.


    Was wir gemeinsam verändern wollen

    Wir von ICH WEISS WAS ICH TU werden auch weiterhin:

    • das Bewusstsein für Diskriminierung von Menschen mit HIV auch in der schwulen Community stärken
    • dabei helfen, die Stigmatisierung von Menschen mit HIV abzubauen
    • diskriminierende Strukturen sichtbar machen, aufbrechen und verändern
    • echte und authentische Bilder vom Leben mit HIV zeigen
    • Solidarität mit stigmatisierten und diskriminierten Gruppen stärken

  • Was queere Generationen voneinander lernen können

    Was queere Generationen voneinander lernen können

    „Früher war alles besser“ – dieser Satz passt auf schwules Leben ganz sicher nicht. Wer an den Paragrafen 175 denkt oder an die Aidskrise der 1980er-Jahre, weiß, wie viel Angst, Ausgrenzung und Ungleichheit zum Alltag queerer Menschen gehörten. Und trotzdem ist die Geschichte schwulen Lebens in Deutschland nicht nur eine Geschichte von Schmerz und Verlust. Sie ist auch eine Geschichte von Mut, Solidarität und gemeinschaftlichem Kampf für mehr Freiheit. Genau darum geht es in „Gemeinsam durch die Zeit“.

    Zwei Generationen im Gespräch

    In dem Video nehmen uns Georg und Sebastian mit auf eine persönliche Zeitreise. Zwei Perspektiven, zwei Generationen, ein gemeinsames Gespräch: darüber, wie sich queeres Leben verändert hat, was früher besonders belastend war und warum es sich lohnt, generationenübergreifend miteinander im Austausch zu bleiben.

    Erinnerungen an ein anderes Leben

    Für viele ältere schwule Männer sind Erinnerungen an ein Leben mit Verstecken, Vorsicht und gesellschaftlicher Ablehnung bis heute präsent. Wer heute auf mehr Sichtbarkeit, rechtliche Anerkennung und offenere Lebensentwürfe blickt, sollte nicht vergessen, dass diese Entwicklungen hart erkämpft wurden. Gerade die Generation 50plus hat dazu beigetragen, Räume zu schaffen, in denen queeres Leben heute selbstverständlicher möglich ist. IWWIT ordnet das Video deshalb auch im Themenfeld „Leben im Alter“ ein.

    Gleichzeitig zeigt das Video, dass es nicht nur um Vergangenheit geht. Es geht auch um die Frage, was jüngere und ältere queere Menschen heute miteinander verbindet. Erfahrungen mit Diskriminierung mögen sich verändert haben, verschwunden sind sie nicht. Auch Einsamkeit, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit oder die Suche nach Vorbildern betreffen unterschiedliche Generationen – wenn auch auf verschiedene Weise. Genau deshalb sind Gespräche wie dieses so wichtig: Sie schaffen Verständnis, bauen Brücken und machen deutlich, dass queere Geschichte nicht abstrakt ist, sondern in Biografien weiterlebt. Das ist eine naheliegende Schlussfolgerung aus der IWWIT-Beschreibung des Videos und seiner Einbettung in den Bereich queeres Leben.

    „Gemeinsam durch die Zeit“ erinnert daran, dass Fortschritt nicht vom Himmel fällt. Er entsteht, wenn Menschen füreinander einstehen, sich organisieren und ihre Geschichten teilen. Die Community von heute steht auf den Erfahrungen derer, die vor ihr da waren. Und sie bleibt stark, wenn diese Erfahrungen nicht verloren gehen.

    Queeres Leben ist etwas Gemeinsames

    Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft des Videos: Zwischen den Generationen liegen Unterschiede, aber auch eine große Chance. Wer zuhört, kann verstehen, woher wir kommen. Wer erzählt, kann weitergeben, was trägt. Und wer beides zulässt, merkt schnell: Queeres Leben war nie nur individuell – es war immer auch etwas Gemeinsames.

    Queere Generationen im Gespräch

    Georg und Sebastian sprechen über schwules Leben früher und heute. Das Video zeigt, wie wichtig Erinnerung, Austausch und Zusammenhalt zwischen queeren Generationen sind.

    Weiterführende Perspektiven zum Älterwerden

    Hier findest du weitere interessante Beiträge rund um das Älterwerden, Gesundheit, Beziehungen und das Leben als schwuler Mann.

    Du brauchst jemanden zum Reden?

    Ob akut oder einfach zur Orientierung – manchmal hilft es, mit jemandem vertraulich zu sprechen.
    Nutze den Gay Health Chat – der Button rechts unten begleitet dich auf der Seite. Dort bekommst du anonym und kostenlos:

    • Persönliche Live-Beratung im Chat
    • Hilfe per Mail oder Telefon
    • Infos zu Gesundheit, Recht, Alltag und mehr

  • Du Schlampe! – Gibt es ein „zu viel“ an Sexpartnern?

    Du Schlampe! – Gibt es ein „zu viel“ an Sexpartnern?

    Mit wie vielen Männern hattest du in den vergangenen 12 Monaten Sex: 3? 15? 50? Mehr als 100? Sagt die Anzahl etwas über dich aus – und wenn ja was?

    Was bedeutet das Wort „Schlampe“? Wir haben uns ein wenig umgehört und unter anderen folgenden Erklärungen erhalten.

    „Die einen sagen Schlampe – ich sage dazu: sexuell besonders erfolgreich.“

    (Jörg, 36 Jahre aus Leipzig)

    „Die einen sagen Schlampe – ich sage dazu: „sexuell besonders erfolgreich“.
    (Jörg, 36 Jahre aus Leipzig)

    „Eine Schlampe ist für mich jemand, der jeden fickt, der nicht bei drei auf dem Baum ist.“
    (Ben, 24 aus Essen)

    „Wer andere eine Schlampe nennt, ist selbst nur neidisch und sexuell unbefriedigt.“
    (Frank, 31 Jahre aus Berlin)

    Es gab aber auch etliche Stimmen, wie die von Daniel (28 aus Bremen):
    „Es steht mir nicht zu, über das Sexleben anderer zu urteilen. Das betrifft nicht nur das ‚Was man macht‘ sondern auch das ‚Mit wie vielen man’s macht‘.“

    „Es steht mir nicht zu, über das Sexleben anderer zu urteilen. Das betrifft nicht nur das ‚Was man macht‘ sondern auch das ‚Mit wie vielen man’s macht‘.

    Daniel (28 aus Bremen)

    Wenn man die gleichen Leute fragt, ab wann man(n) denn eine Schlampe sei, sind die Befragten deutlich unsicherer in ihrer Einschätzung. Hier schwankt die Zahl zwischen 5 und 50 Sexpartner – innerhalb eines Jahres wohlgemerkt.

    Und auch bei der Frage wie viele „schwule Schlampen“ es denn gebe, gingen die Meinungen in unserer nicht repräsentativen Umfrage auseinander: Mit „jeder 2. Schwule fickt nur rum“ hatte einer der Befragten eine deutliche Ansicht. Aber stimmt das? Ein Blick in die aktuelle Studie „Schwule Männer und HIV/Aids“, die von der Freien Universität Berlin durchgeführt wurde und im Frühjahr 2016 veröffentlicht wird, gibt ein anderes Bild:

    Von knapp 13.500 Befragten hatten 2 Prozent (d.h. also rund 270 Männer) innerhalb der vergangenen zwölf Monate mehr als 50 verschiedene Sexpartner. Die Mehrzahl der Studienteilnehmer – nämlich 36 Prozent – hatten innerhalb des besagten Zeitraums 2 bis 5 Sexpartner. Für einen Teil unserer Befragten war ja schon 5 Sexpartner zu viel. Damit würde bei etwa 4.860 Männern die „Lebensführung als unmoralisch angesehen“ (wie Wikipedia „Schlampe“ es definiert. Interessanterweise benutzt Wikipedia diesen Begriff nur in Bezug auf Frauen …) Aber das ist natürlich nur ein Teil der Wahrheit: Die gleiche Studie stellt nämlich auch fest, dass sich mehr als 80 Prozent der Befragten eine feste Beziehung wünschen. Was heißt hier also Schlampe?

    Um es auf den Punkt zu bringen: Niemand hat das Recht, einen anderen als Schlampe zu bezeichnen, nur weil er vermeintlich (zu) viele Sexpartner hat – oder weil vermutet wird, durch eine besonders hohe sexuelle Aktivität anfälliger zu sein für HIV oder andere Geschlechtskrankheiten.

    Denn – direkt oder indirekt – ist die eine Behauptung oft mit der anderen verbunden. Aber auch das stimmt nicht: Denn es ist ein Fakt, dass nicht die Anzahl an Sexkontakten entscheidend ist, um sich zu infizieren. Deshalb sagen ja auch Präventionskampagnen wie ICH WEISS WAS ICH TU, dass man(n) sich mindestens einmal im Jahr auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen testen lassen sollte – ganz gleich, ob jemand im Jahr nur mit seinem Freund Sex hat oder als Single mit zwei, fünf oder mehr als zehn Partnern. Und wo? Bei diesen Teststellen zum Beispiel neu.iwwit.de/teststellen oder beim Hausarzt.

    Die schwule Szene ist bekanntermaßen ja nicht zimperlich, wenn es darum geht, andere zu beschimpfen: Beleidigungen wie „Du Schlampe!“ ist da nur eine von vielen. Wir halten es da mit dem eben zitierten Daniel aus Bremen, der nicht über das Sexleben Dritter urteilen wollte. Findet er doch: „Letztlich sollte sich jeder auf sich und sein Leben konzentrieren und mit sich im Reinen sein. Denn schließlich zählt nur eins: zufrieden und glücklich zu sein – ganz gleich ob mit einem oder 50 Sexpartner.“

    Die schwule Szene ist bekanntermaßen ja nicht zimperlich. „Du Schlampe!“ ist da nur eine Beleidigung von vielen.

  • Guido erzählt seine Geschichte

    Guido erzählt seine Geschichte

    Guido wohnt seit fast 40 Jahren in München. Genauso lang ist er auch mit seinem Partner zusammen. Vorher war der gebürtige Belgier kurz mit einer Frau verheiratet, erlebte dann aber sein Coming Out. Als schwuler Aktivist war er unter anderem auch im Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe. Als er die HIV-Diagnose erhielt stellte sich der heute 68-Jährige vor allem eine Frage: Wird mir mein Partner verzeihen können? Ein Gespräch über das Leben mit HIV, Sexualität im Alter und die Angst vor dem Sterben.

    Die Diagnose war nicht der größte Schock

    Guido, kannst du dich noch gut an die Zeit deiner HIV-Diagnose erinnern?
    Ja, das war 1998. Mir ging es plötzlich gesundheitlich sehr schlecht. Ich bekam kaum Luft und hatte noch ein paar andere Beschwerden, so dass mich mein Hausarzt zum Internisten schickte, der einen HIV-Schnelltest durchführte. Das Ergebnis war positiv.

    Wie ging es dir in diesem Moment?
    Natürlich war das mehr als unangenehm, aber irgendwie fühlte es sich auch wieder nicht ganz so dramatisch an, was daran lag, dass es bei der HIV-Therapie schon seit 1996 beachtliche Fortschritte gab. In dem Sinne führte die Diagnose zu keiner Todesschockstarre und die wichtigste Frage war nicht: Werde ich bald sterben?

    Viel dramatischer war, dass ich meinem Partner davon erzählen musste. Ich musste ihm gestehen, dass ich mich außerhalb unserer Beziehung infiziert habe. Das war mein Hauptproblem, das mir auch über lange Zeit Schuldgefühle bereitet hat. Zum Glück habe ich ihn aber nicht infiziert.

    Guido steht mit seinem Partner draußen im Freien; beide lächeln und stehen eng beieinander.
    Guido mit seinem Partner, der ihm seit vielen Jahren Halt und Nähe gibt.

    Wie hat dein Partner damals reagiert?
    Er hat ziemlich lapidar zu mir gesagt: Zwischen uns ändert sich gar nichts. Einen größeren Liebesbeweis habe ich in meinem Leben nie bekommen.

    Weißt du eigentlich, wie du dich angesteckt hast?
    Nein, ich konnte im Nachhinein nicht rekonstruieren, wie, wann und mit wem es passiert ist. Ich habe mich auch deshalb sehr elend gefühlt.

    Offen leben – aber nicht mit allen

    Hast du Freunden und Familie von deiner Infektion erzählt?
    Das war etwas schwierig. Einerseits war ich zu dieser Zeit im Bundesvorstand der Deutschen AIDS-Hilfe und habe die Verantwortung gespürt, meine Infektion publik zu machen. Teilweise habe ich das dann auch gemacht. Andererseits wollte ich aber auch nicht Gott und der Welt von meiner Infektion erzählen, mit meiner Familie habe ich zum Beispiel nicht darüber gesprochen. Für meine Eltern war es ja schon schwierig genug, überhaupt einen schwulen Sohn zu haben.

    Und welche Rückmeldungen kamen von denen, die du eingeweiht hast?
    Mein Freundeskreis war relativ entspannt. Über Umwege habe ich zwar erfahren, dass sich schon einige Sorgen um mich gemacht haben, ein Problem hatten sie aber nicht und haben sich mir gegenüber völlig normal verhalten. Dass ich so gar keine Diskriminierung erfahren habe, liegt allerdings sicher auch daran, dass ich in einem entsprechenden Umfeld war, sowohl als Schwulenaktivist als auch als HIV-Berater und Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe.

    Beruflich weiß ich allerdings noch genau, als mein damaliger Chef noch vor meiner eigenen Diagnose sagte, dass er Schwulen jetzt lieber nicht mehr die Hand geben wolle.

    Heute geht es um das Älterwerden

    Was bedeutet dein HIV-Status für dich heute?
    HIV ist das kleinste Problem, das ich habe. Die Viruslast ist nicht nachweisbar, die Helferzellen befinden sich im Normalbereich. Die ganzen anderen Krankheiten sind viel schlimmer. Ich habe Bluthochdruck, Diabetes, meine Nieren sind kaputt und ich bin Dialysepatient. 

    Ich weiß nicht, welchen Anteil daran HIV bzw. die Medikamente haben und welchen das Alter an sich. Es ist aber auch müßig darüber zu spekulieren. Ein ganz anderes Thema ist eher der Libidoverlust, der auch durch die Medikamente kommt.

    Welche Bedeutung haben Libido und Sexualität für dich?
    Ich weiß, dass jetzt viele Leute protestieren werden, aber es ist nun mal so: Sexualität wird im Alter weniger wichtig. Zumindest für mich wurde Sex mit zunehmendem Alter immer uninteressanter. Früher habe ich sexuell sehr aktiv und lustvoll gelebt. Der Drang, jetzt noch viel zu erleben, ist einfach nicht mehr so da. Wenn ich andere sehe, die auf berufsjugendlich machen, schäme ich mich immer ein bisschen fremd.

    Hast du Angst vor der Zukunft?
    Naja. Ich bin jetzt 68 Jahre alt, fange gerade an, meinen 70. Geburtstag zu planen, auf den ich mich sehr freue. Aber: Ich habe schon auch Angst, vor allem davor, zum Pflegefall zu werden. Werde ich mich irgendwann nicht mehr selbst waschen und auf die Toilette gehen können? Für mich ist eigentlich nicht der Tod das Problem, sondern der Weg dahin, das langsame Sterben. Dazu kommt die Angst, dass mein Partner vor mir gehen könnte. Das wäre wirklich schlimm.

    Mit Blick auf heute: Wo stehst du im Leben?
    Insgesamt geht es mir sehr gut. Ich bin sehr froh, dass ich seit 38 Jahren meinen Partner habe, weshalb ich das typische Altersproblem der Einsamkeit nicht kenne. Dazu kommt, dass wir viel mit anderen unternehmen. Das liegt aber auch daran, dass wir uns nie von unserem Umfeld abgekoppelt haben. Wir haben einen regelmäßigen schwullesbischen Stammtisch und mit einer anderen Clique gehen wir einmal pro Monat kegeln. Einsamkeit kennen wir also wirklich gar nicht.

    Leben mit HIV: Guido im Video

    Im Video spricht Guido offen über den Moment seiner HIV-Diagnose, über Schuldgefühle und über die Reaktion seines Partners, die für ihn bis heute von großer Bedeutung ist. Außerdem erzählt er, wie sich sein Blick auf HIV, Gesundheit, Sexualität und das Älterwerden im Laufe der Jahre verändert hat.

    Weiterführende Perspektiven zum Älterwerden

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