Kategorie: Community

  • Trans, Macht und Hoffnung – Das letzte Aufbäumen der alten weißen Zweigeschlechtler

    Trans, Macht und Hoffnung – Das letzte Aufbäumen der alten weißen Zweigeschlechtler

    Ich komme aus einer Zeit, in der wir Transaktivist*innen nicht gesucht wurden. Im Gegenteil: Wir mussten mit massivem Nachdruck den Fuß in die Tür bekommen, um mitspielen zu dürfen. Geschweige denn, dass wir für unsere Arbeit bezahlt wurden – die Ressourcen waren nicht für uns gedacht. Das Maß an Beleidigungen und Gewalt, das wir über uns ergehen lassen mussten, anstelle von Unterstützung, ist unvorstellbar. Unsere Geschichte und unsere Beiträge in der queeren Community wurden immer wieder ausgelöscht – vor allem die von Trans* of Color-Aktivist*innen.

    Die aktuelle Lage für Trans*Menschen – und warum Ignoranz gefährlich ist

    TransPerson trotzt den Wellen des Widerstands
    Standhaft gegen Trans*Feindlichkeit und Diskriminierung – Bild: Noah Elio Weinmann – https://noah-elio.com/

    Die momentane Situation für Trans*Personen ist dramatisch. Wer immer noch glaubt, die USA sei weit weg und das passiere bei uns in Europa nicht, liefert genau den Grund für die ansteigende Trans*Feindlichkeit: Ignoranz – oder, um es beschönigend auszudrücken, eine gute Abgrenzungsfähigkeit uns gegenüber. Ich bin Trans*Aktivist seit 22 Jahren. Das heißt, ich arbeite schon sehr lange daran, überwiegend die queere Community international trans*inklusiver zu gestalten. Dazu haben wir unzählige Vorträge, Workshops und Veranstaltungen angeboten – neben zahllosen ermüdenden Einzelgesprächen mit cis Menschen bis hin zu heftigen Diskussionen und unschönen, manchmal gewalttätigen Auseinandersetzungen. Dabei ging es vermeintlich um Meinungsverschiedenheiten, in der Realität aber schlichtweg um Diskriminierung – was nichts mit Meinungsfreiheit zu tun hat. Darum geht es.

    An dieser Stelle muss ich einen kleinen Exkurs machen.

    Woher kommt Trans*Feindlichkeit?

    Hier sind wir geprägt von der christlichen Ideologie mit der Zweigeschlechtergesellschaft von Mann und Frau, in welcher Frauen unterdrückt und benachteiligt werden. Das sitzt tief in uns. Alles wird unternommen, um dieses System aufrechtzuerhalten. Daraus entstand ein kollektives Gefühl, dass die Leben von Trans*Menschen und anderen marginalisierten Gruppen weniger wert seien – gestützt auf Biologie, Naturgesetz und Religion. Wichtig ist zu verstehen: Niemand kann sich davon einfach abwählen. Zu sagen „Ich bin Feministin“ genügt nicht. Die einzige Möglichkeit besteht darin, sich der eigenen Trans*Feindlichkeit bewusst zu werden und aktiv daran zu arbeiten. Das ist ein Prozess, eine Lebensentscheidung, die nur von wenigen getroffen wird, weil es weh tut, sich mit Schuld, Unterdrückung, Privilegien und Scham auseinanderzusetzen. Es ist einfacher, die Empathielücke gegenüber Trans*Menschen und anderen marginalisierten Menschen nicht zu schließen.

    Diskriminierung im queeren Raum – wenn Trans*Menschen ausgeschlossen werden

    In der queeren Community stellen die weißen cis Lesben und Schwulen die Dominanzgesellschaft dar. Trans*Feindlichkeit wurzelt in Frauenfeindlichkeit, denn der Kern und die zwei Säulen der Männlichkeit sind die Abwehr des Weiblichen und die Abwehr des Homosexuellen – nichts bedroht Männlichkeit mehr. Zusätzlich zu dieser Ideologie verschärften die Nazis den Paragrafen 175. Und auch danach, in den Anfängen der Bundesrepublik, war es für homosexuelle Menschen katastrophal – es war tatsächlich lebensgefährlich für Männer, feminin zu sein, und die Lust am „Nicht-Männlichen“ konnte nicht gelebt werden.

    Hinzu kommt die enorme Übermacht des Biologischen, des Körpers. Das geht so weit, dass zum Beispiel die Genitalien von Trans*Personen oft als Grund für Ausschlüsse genannt werden – und wir werden genötigt, uns zwangszuouten. Manche Menschen fühlen sich getriggert durch die Genitalien von Trans*Personen, und nicht selten werden Missbrauchstraumata auf uns projiziert. Es finden auch emotionale Erpressungen durch Partner*innen statt, nicht medizinisch zu transitionieren oder keine (Genital-)Operation zu machen. Das ist Gewalt. Dazu gehört auch die leidige Diskussion über die angeblichen Präferenzen.

    Trans*Inklusion: Eine Aufgabe für cis Menschen

    Im Moment wird viel Energie aufgebracht – wie wir jetzt zum Beispiel in den USA sehen –, das alte System wiederherzustellen. Dabei wird mit enormer Gewalt gegen Trans*Menschen vorgegangen, unsere Erfolge werden vernichtet. Ich spüre, wie so manche Personen jetzt fast erleichtert mitmachen – jetzt, wo es quasi wieder legitimer wird, transfeindlich zu sein. Endlich lässt der Druck bei ihnen nach. Die letzten Jahre müssen anstrengend für sie gewesen sein, wenn Menschen sich zum Beispiel wünschten, für sich ein bestimmtes, viele oder kein Pronomen zu verwenden. Aber was genau war denn so anstrengend?

    Ich wurde oft eingeladen, die Frage, wie man die Community trans*inklusiver gestalten kann, zu erörtern. Ich habe das jahrelang gemacht. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob das der richtige Ansatz war. Ich bin eine Trans*Person – ich weiß nicht, was cis Menschen benötigen, um trans*inklusiver zu werden. Das ist eine Aufgabe, die wir cis Menschen stellen müssten. Es wäre also vielleicht sinnvoller gewesen, diesen Artikel von ihnen schreiben zu lassen – die zur Abwechslung mal sehr ehrlich sagen könnten, warum es ihnen so schwergefallen ist, all die Jahre inklusiver zu werden.

    Was in den USA passiert, ist erschreckend und trifft Trans*Menschen besonders hart. Für mich als Trans*Person of Color mit Familie in Mexiko, nahe der Grenze zu den USA, ist es aber auch verletzend zu sehen, wie die Community hier aufschreit, wenn plötzlich auch weiße Trans*Menschen betroffen sind. Wo war der Aufschrei, als wir hier versuchten, zum Beispiel auf die Situation in Honduras aufmerksam zu machen, wo trans Frauen auf der Straße erschossen wurden? Um nur ein Beispiel zu nennen. Trans*Menschen of Color waren immer einer großen Brutalität ausgesetzt – auch in Europa. Das ist ganz und gar nichts Neues.

    Intersektionalität und Trans*Feindlichkeit – die Empathielücke verstehen

    An dieser Stelle möchte ich die Intersektionalität erwähnen – ein Wort, das in den letzten Jahren so inflationär verwendet wurde, dass es für mich fast zu einer Floskel wurde. Wenn man Dinge nur oft genug hört, neigen wir dazu, sie zu überhören – es fängt an zu nerven. Ich glaube, ich habe die Menschen auch schrecklich genervt – immer kritisierte ich rum. Wie anstrengend. Die enorme Abgrenzungsfähigkeit davon ist aber genau das Problem.

    Wenn wir anfangen zu verstehen, dass diese Empathielücke das Ergebnis von Kolonialismus und – in unserer Gegend – dem Christentum ist: Gäbe es dann eine Möglichkeit, es zu überwinden?

    In meiner langjährigen Arbeit mit cis schwulen Männern habe ich viel gelernt. Es besteht ein großes Angebot von ihnen, uns zu assimilieren – für viele Trans*Menschen verlockend. Für mich fühlte es sich immer ein bisschen an wie eine Geheimgesellschaft mit vielen Regeln und stereotypen Vorstellungen, die es einzuhalten gilt. Es ist spannend, aufregend – es kann auch wirklich sehr schön sein. Halte ich mich an die Regeln, erfülle ich Stereotype, darf ich mitspielen. Selbst für schwule cis Männer ist das eine große Herausforderung. Ich habe viele kennengelernt, die unter großem Druck standen, das zu erfüllen. Das sind Männer, die von unserem Trans*Aktivismus profitieren könnten – er kann für alle ein Empowerment und befreiend sein.

    Passing, Anpassungsdruck und der Weg zu Trans*Empowerment

    Mittlerweile schmücken sich einige mit unserem Trans-Sternchen – aber nur, wenn das mit dem Abbau von Trans*Feindlichkeit einhergeht, finde ich das in Ordnung.

    Unser Trans*Aktivismus war lange davon geprägt, dazuzugehören. Wir hatten alles daran gesetzt, zu passen – nicht aufzufallen als trans:. Das war lange Zeit überlebensnotwendig, denn die Ausgrenzung und Gewalt ohne Passing war groß. Der Wunsch, dass ein Passing uns Verletzungen ersparen würde, hat sich leider nie erfüllt. Spätestens wenn es um Sexualität oder romantische Beziehungen ging, kam es zu einem (Zwangs-)Outing – und dann brach auch das vermeintliche Privileg des Passings in sich zusammen.

    An dieser Stelle kann es sehr leicht zu Verletzungen kommen – bis hin zu sehr gewaltvollen Erlebnissen, wenn unser Gegenüber sich betrogen fühlte, enttäuscht war oder schlichtweg spontan das Interesse von 100 auf 0 gesunken ist. Autsch – es war doch gerade noch so schön.

    Selbstbestimmtes Trans*Sein

    Aber jetzt sind wir weiter. Nicht alle von uns wollen passen – und verstecken wollen wir uns auch nicht mehr. Es ist nicht mehr unser Ziel, möglichst nahe an das cis Vorbild zu kommen. Wir sind empowert. Deshalb ist es auch kein Kompliment, wenn mir nach dem Sex gesagt wird: „Ich habe gar keinen Unterschied gemerkt.“ Das war nicht mein Ziel!

    Natürlich gibt es auch schöne Erlebnisse. Diese zuzulassen, benötigt allerdings den Mut der Trans*Person, sich dem potenziellen Risiko der Verletzung auszusetzen. Das ist eine große Herausforderung – und viele Trans*Menschen haben nicht die Kraft dafür. Ich sehe bis heute kaum ernstzunehmende Aktivitäten von cis schwulen Räumen, uns Trans*Menschen herzlicher willkommen zu heißen.

    Überhaupt ist das Thema Einladungspolitik so groß, dass ich darüber einen eigenen Artikel schreiben könnte. Aber glaubt mir, wenn ich euch sage: Für uns Trans*Menschen passt es meistens nicht. Verletzungen sind oft vorprogrammiert. Zu denken: „Naja gut, es passt halt nicht für alle“, ist lazy. Denn für die eine Person, für die es nicht passt, passt es andauernd nicht – und ist eine stetige Verletzung bis hin zur Kapitulation: „Gut, dann gehe ich eben nicht mehr in die Community.“ Problem gelöst – jedenfalls für die cis Menschen.

    Wenn Schutzräume Trans* und BIPoC ausschließen

    Das Wohlbefinden einer cis Person darf nicht über das einer Trans*Person gestellt werden, denn es handelt sich eben nicht um Meinungsfragen, sondern um strukturelle Diskriminierung.

    Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass jeder Versuch, Safer Spaces zu erschaffen, immer daran scheitert, dass Menschen aufgrund ihres Aussehens beurteilt werden – zu viel Policing. Spätestens wenn ich das kritisiere, werde ich aufgefordert, eine Lösung zu finden – schließlich sei das ein Schutzraum für bestimmte Personen. Als könnte ich jetzt das Problem von Trans*Feindlichkeit und Rassismus lösen.

    Und das wird seit Jahren in der Community gelassen in Kauf genommen. Solange Trans*Menschen, besonders of Color, derartig unter den Bus geworfen werden, um die eigenen Privilegien zu schützen, müssen wir uns nicht wundern, dass Trans*Feindlichkeit zunimmt.

    Es ist nicht der Präsident der USA, der mich verletzt – von ihm erwarte ich nichts. Auch nicht der weiße schwule cis Mann und die lesbische cis Frau, um deren Support ich seit über 20 Jahren kämpfe.

    Was cis Menschen von Trans*Menschen lernen können

    Und wenn cis Menschen nicht so sehr von ihrer in die Wiege gelegten Power überzeugt wären – wenn sie ihre Arbeit machen würden –, würden sie vielleicht merken, dass sie von uns Trans*Menschen so viel lernen könnten. Wie sehr wir ihr Leben bereichern würden. Wie schön es mit uns sein kann.

    All diese verpassten Chancen in so vielen Jahrzehnten – ein Jammer.

    Ich weiß, dass wir einige sehr schlimme Jahre vor uns haben. Die Trans*Feindlichkeit wird noch sehr schmerzhafte Spitzen erreichen. Aber es gibt einen Teil in mir, der daran glauben muss, dass es das letzte Aufbäumen eines längst veralteten Systems ist – das dem Tod geweiht sein muss.

    Dass dieses Aufbäumen insbesondere von alten weißen cis Männern in der Politik kommt, ist eher eine logische Konsequenz – denn sie waren ja diejenigen, die in den letzten Jahren massiv von uns kritisiert wurden. Erstaunlich zu sehen, wie sehr es sie getroffen hat – they lost their cool!

    So ging es mir aber leider auch mit vielen lesbischen und schwulen cis Menschen, die sich so hart gewehrt haben. Gegen Veränderungen – um nicht unterzugehen mit ihren alten Kämpfen, die sie mal geführt haben. Irgendwie wollten sie wenigstens in der queeren Community die Dominanten bleiben – und nix teilen.

    Es tut mir leid – ihr müsst jetzt trotzdem Platz machen. Denn egal, wie viel Druck wieder mal aufgebaut wird gegen uns, wie viel Gewalt wir noch erleben müssen: Es wird uns nicht auslöschen.

    Weitere spannende Artikel

    Lizzys Coming Out als trans* Frau

  • « Schweiß, Körperbehaarung und Testosteron – Fotoprojekt über einen trans Mann »

    « Schweiß, Körperbehaarung und Testosteron – Fotoprojekt über einen trans Mann »

    Ein trans Mann im Fokus – wie „SO WHAT?!“ entstand

    Zwei Boxer nähern sich sexuell aufgeladen.
    Foto: Marc Matin

    Was mir bei Jona gefallen hat, war seine Art zu lächeln, trotz all des umgebenden Hasses und der übelriechenden Untertöne, die wir gerade erleben. Seine Lebensfreude, seine sexy-Bad-Boy-Attitüde sind aus meiner Sicht die schönste Abwehr gegen Transfeindlichkeit: Jona fühlt sich wohl in seiner Haut. Wie aufregend ist das denn! Wenn er den Macho-Typen vor der Kamera spielt, ist es eine Art, klassische Männlichkeit zu dekonstruieren. Ich habe Jona zwei Jahre lang begleitet – in die Boxhalle, in der er trainiert, und natürlich auch in die Umkleidekabine. Letztere ist einer meiner Lieblingsorte, um mit Klischees aufzuräumen. Jona habe ich auch in seiner Privatsphäre fotografiert. Dieses Buch ist keine Biografie von Jona, sondern vielmehr eine Sammlung von Lebensabschnitten, die wir gemeinsam inszeniert haben. Selbst der Känguru-Slip, den er auf manchen Bildern trägt, haben wir gemeinsam ausgesucht.

    Boxen, Körpergefühl und Selbstbewusstsein als trans Mann

    Trans Mann Jona James mit freiem Oberkörper, umarmt von einem weiteren Mann – Fotoprojekt „SO WHAT?!“ von Marc Martin.
    Porträt des trans Mannes Jona James in einer intimen Aufnahme – Foto: Marc Martin

    Mir gefällt am Kampfsport neben den körperlichen Fähigkeiten und dem Selbstvertrauen, das man gewinnt, auch der rituelle Charakter sehr. Natürlich habe ich mit Autoritäten klassisch-queer meine Probleme. Trotzdem gefällt mir die Idee einer Rangordnung, die idealerweise völlig unabhängig von Gender, Race oder Alter ist und die grundlegende Übereinkunft, dass sich alle gegenseitig respektieren. Wer mehr Kraft und Erfahrung hat muss sich an denen orientieren, die noch nicht so lange dabei sind und unbedingt ihre Grenzen achten. Mein erster Dojo war in Bremen, da habe ich schon als Jona und als er trainiert. Meine physische Transition kam aber erst viel später. Im Dojo wurde ich nie in Frage gestellt. Es ging nur darum, miteinander zu lernen. Das, was mir Kampfsport und speziell Boxen gibt, hat wenig mit Geschlecht zu tun. Im Ring erlebe ich nicht meine Männlichkeit, sondern eher meinen Ehrgeiz, meine Sportaffinität, natürlich auch meine verschrobene Idee von einem perfekten Körper – aber eher, was Kraft, Geschwindigkeit, Muskeln, Durchhaltevermögen und Fähigkeiten angeht. Gegenfrage: Warum haben viele Männer Probleme damit, anderen Männern körperlich nahe zu sein – es sei denn, sie sind halb nackt, verschwitzt und hauen sich gegenseitig auf die Nase? Zärtlichkeit, Nähe und eine gewisse Homoerotik. Darum geht’s doch eigentlich beim Boxen, oder?

    Reaktionen auf die Sichtbarkeit eines trans Mannes in der Fotografie

    Auf Instagram sind die Mehrheit meiner Follower Männer, die Männer lieben. Anders formuliert: Männer, die einen Penis haben. Ein Teil meiner Follower ist offensichtlich leider nicht bereit, eine pluralistische Männlichkeit zu akzeptieren. Einige Kommentare, die von Schwulen kommen, klingen wie die von den radikalsten Konservativen. Als ich anfing, Bilder von Jona zu posten, und negative Reaktionen bekam, empfand ich das als eine Art Verrat. Eine Ungerechtigkeit. So wurde das Thema von « SO WHAT?! » sowohl politisch als auch erotisch. Meine Herangehensweise hier ist diegleiche, wie die meiner anderen Arbeiten rund um Männlichkeit. In « SO WHAT?! » gibt es also Schweiß, Körperbehaarung und Testosteron. Und Jona ist stolz darauf, dass selbst die hartnäckigsten Männer einen hoch kriegen, wenn sie seine Bilder gucken. Seine Post-Mastektomie-Narben sind auch ein Symbol von seinem Weg als Mann.

    Was trans Männlichkeit bedeutet – Perspektiven eines trans Mannes

    Trans Mann Jona James liegt in inniger Umarmung mit einem weiteren Mann – Fotoprojekt „SO WHAT?!“ von Marc Martin.
    Intime Szene mit trans Mann Jona James – Foto: Marc Martin

    Jona : Ich finde es sehr wichtig, dass Dekonstruktion von Männlichkeit nicht nur cis Männern vorbehalten wird. Genau so, wie Feminismus die Befreiung aller Geschlechter als Ziel hat, muss die Idee einer neuen, freieren Männlichkeit für alle Menschen offen sein. Vielleicht fängt es bei Profifußballern, die Nagellack tragen, an. Aber was ist mit den trans Männern, die in psychologischen Gutachten ihr Trans-Sein abgesprochen kriegen, weil sie gerne Makeup tragen und sich nicht an einer starren binären cis-Männlichkeit orientieren? Ich finde Marcs Arbeit wunderbar und sehe sie in einem stetigen Wandel bzw. Prozess, sie wächst durch die neuen Perspektiven, die die Modelle mitbringen. Für mich schien es, als wäre trans Männlichkeit ein blinder Fleck für ihn. Was passiert, wenn Männlichkeit nicht dekonstruiert sondern von Grund auf konstruiert wird? Wenn die Sicherheit, ein Mann zu sein, nicht auf Körperlichkeit aufbaut und gleichzeitig auch versucht, nicht in die Rollenklischee-Falle zu tappen? Ich wollte diese Perspektive erkunden und die Ergebnisse sichtbar machen.

    Marc : Ich glaube nicht, dass es zwangsläufig toxisch ist, männlich und muskulös zu sein. Und ich glaube nicht, dass es ungesund ist, sich von männlichen Attributen angezogen zu fühlen. Für mich ist es problematisch, wenn das « Männlichsein » dir das Gefühl gibt, anderen überlegen zu sein. Selbst innerhalb der Community: Das ist das Problem. Genau das will ich mit meiner Arbeit um jeden Preis bekämpfen.

    Ausstellungserfolg – wenn ein trans Mann sichtbar gefeiert wird

    Jona : Wir haben bei Eisenherz noch nie so viele Reaktionen auf eine Ausstellung bekommen, das haben mir auch die Kolleg*innen bestätigt. Wir haben Menschen ins Gespräch gebracht und sie zum Nachfragen animiert, das hat mich sehr gefreut. Allgemein rangierten die Rückmeldungen von „vielen Dank für deine Offenheit und dafür, dass du die Menschen gewissermaßen an die Hand nimmst und einlädst“ bis zu „es ist so toll, sich repräsentiert zu sehen und eine mögliche Perspektive für trans (maskuline) Leben gezeigt zu bekommen, das macht Mut!“ Bei Eisenherz gibt es immer eine monatliche Bestseller-Liste und im November war unser Buch mit über 65 verkauften Exemplaren ganz oben. Das ist ein tolles Gefühl und bleibt auch als Zeichen stehen: trans Männer haben einen Platz neben den cis Schwulen, sind gefragt und werden wertgeschätzt.

    Ziel von „SO WHAT?!“ – was ein trans Mann und ein Fotograf bewegen wollen

    Trans Mann Jona James wird im Boxring von Mathis Chevalier hochgehoben – Fotoprojekt „SO WHAT?!“ von Marc Martin.
    Trans Mann Jona James im Boxring – Foto: Marc Martin

    « SO WHAT?! » soll unbequem sein, sowohl durch seinen poetischen als auch seinen frontalen, sexuellen Aspekt. Ich möchte, dass diese Mischung aus Text und Fotografie zum Nachdenken,  zur Selbstreflexion über die eigenen Ängste und Vorurteile anregt. Und dass das Buch trans und cis Personen zusammenbringt, damit wir gemeinsam gegen Intoleranz und Dummheit einstehen können. Ich habe viel mit Mathis Chevalier zusammengearbeitet, einem ehemaligen MMA-Champion, einer Sportart, die nicht als zimperlich im Umgang mit Offenheit bekannt ist. Mathis und Jona habe ich zusammen fotografiert, wegen ihrer gemeinsamen Leidenschaft für den Kampfsport. Wenn Mathis Jona im Ring trägt, ist es wie ein Sieg, den sie beide zur Schau stellen. Ihre sexuell aufgeladene Attitüde sprengt das Bild. Als Fotograf bin ich nach wie vor davon überzeugt, dass schöne Bilder auch Menschen umdenken lassen können.


    « SO WHAT ?! », Marc Martin & Jona James, Agua, 68 Seiten, 35 Euro

    Das Buch ist in der Berliner Buchhandlung Eisenherz, sowie auf der Website des Agua-Verlags erhältlich.

    Transparenz-Hinweis : Annabelle Georgen hat das Vorwort des Buchs geschrieben

    Weitere spannende Artikel

    Trans, Macht und Hoffnung – Das letzte Aufbäumen der alten weißen Zweigeschlechtler

    Lizzys Coming Out als trans* Frau

    Download (PDF): Sexuelle Bildung in der trans* und nicht-binären Communitys (SEBiCo) (PDF)

    Download (PDF): Sexuelle Gesundheit und HIV/STI in trans* und nicht-binären Communitys (PDF)

  • Wider die Selbstbestimmung: Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt von rechts

    Wider die Selbstbestimmung: Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt von rechts

    Bild: Noah Elio Weinmann – https://noah-elio.com/

     

    Redaktionsnotiz: Dieser Artikel wurde vom Kulturanthropologen Patrick Wielowiejski aus seiner wissenschaftlichen Perspektive geschrieben. Wielowiejski hat sich im Rahmen seiner Forschungsarbeiten spezifisch mit der AfD auseinandergesetzt. Uns ist wichtig zu betonen, dass viele der hier beschriebenen Ideologien und Positionen nicht auf die AfD beschränkt sind, sondern auch in anderen Teilen der Gesellschaft vorzufinden sind, weswegen wir uns für eine Veröffentlichung zur Diskussion in unserer Community entschieden haben.

    Der Artikel ist eine Zweitveröffentlichung, die uns freundlicherweise von Geschichte der Gegenwart zur Verfügung gestellt wurde. Dafür bedanken wir uns herzlich. Quelle/bzw. Erstveröffentlichung: https://geschichtedergegenwart.ch/wider-die-selbstbestimmung-geschlechtliche-und-sexuelle-vielfalt-von-rechts/

     


     

    Selbstbestimmung ist laut der AfD eigentlich eine gute Sache. Im Leitantrag für ihr Programm zur Bundestagswahl ist unter anderem davon die Rede, dass Menschen mit Behinderungen „ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben“ führen können sollen; einem „staatlich erzeugte[n] Impfdruck“ wird „das im Grundgesetz verankerte Selbstbestimmungsrecht der Bürger über ihre körperliche Integrität“ entgegengehalten; und auch die geforderte Verschärfung von Asyl- und Migrationspolitik wird mit diesem Begriff begründet: „Eine existentielle Frage wie die Zuwanderung, muss in freier Selbstbestimmung auf nationaler Ebene entschieden werden.“

    Wenn es um die geschlechtliche Identität geht, ist es für die AfD mit Selbstbestimmung jedoch vorbei. Sie will das von der Ampel-Koalition eingeführte „Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag“ wieder zurücknehmen, das am 1. November 2024 in Kraft getreten ist. Dieses Gesetz erleichtert es trans, inter und nichtbinären Menschen, ihren Personenstand und ihren Vornamen zu ändern. Es stellt in seiner Definition von Geschlecht nicht auf vermeintliche biologische Tatsachen ab, sondern auf die selbst empfundene Geschlechtsidentität. Demgegenüber fordert die AfD: „Die Realität der Zweigeschlechtlichkeit muss wieder anerkannt werden[.]“ Darin äußert sich der Antiliberalismus der AfD, denn die Idee sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung setzt voraus, dass das Subjekt über ein gewisses Maß an Freiheit in Bezug auf seine eigene Identität verfügt.

    Dies bedeutet indes nicht, dass Lesben, Schwule, Bisexuelle und trans Personen von der AfD als solche ausgeschlossen würden, was in der Öffentlichkeit oft als Widerspruch wahrgenommen wird. In der Tat integriert die AfD vor allem Homosexuelle, insbesondere schwule Männer, in ihre Reihen und auch rechte trans Personen organisieren sich in der AfD. Solange sie die „Realität der Zweigeschlechtlichkeit“ anerkennen und damit queere Auffassungen von Geschlecht und Sexualität zurückweisen, werden LGBT-Personen von der AfD toleriert. Wie ist das zu verstehen?

    Zwischen Homonationalismus und Antiliberalismus

    In einer ethnografischen Forschung zwischen 2017 und 2019 bin ich dem Zusammenhang von Rechtspopulismus und Homosexualität gefolgt (Rechtspopulismus und Homosexualität. Eine Ethnografie der Feindschaft, Campus 2024, Open Access). Mich hat dabei interessiert, auf welche Arten und Weisen sich die AfD heute auf Homosexualität bezieht. Die zentralen Protagonisten dieses politischen Feldes sind die „Alternativen Homosexuellen“ (AHO) – eine Handvoll schwuler AfD-Politiker, deren Ziel darin besteht, sowohl in die Partei hineinzuwirken als auch nach außen zu vermitteln, dass es sich nicht ausschließt, rechts und schwul zugleich zu sein. Dies ist zwar historisch nichts Neues – prominente rechte homosexuelle Männer waren etwa der SA-Führer Ernst Röhm oder der Neonazi Michael Kühnen. Doch während diese aus ihren eigenen Reihen heraus bekämpft wurden, werden die Mitglieder der AHO in der AfD größtenteils akzeptiert. Zur Zeit meiner Feldforschung wurde gar erzählt, ein prominenter Berliner AfD-Politiker habe behauptet, in seinem Berufsleben noch nie mit so vielen Homosexuellen zu tun gehabt zu haben wie in der AfD.

    „Im Ergebnis haben wir es nicht primär mit Homo- oder Transfeindlichkeit zu tun (auch wenn diese mitnichten ganz verschwunden sind), sondern vor allem mit Queerfeindlichkeit.“

    Eine naheliegende Begründung für diese Verschiebung ist, dass die Befürwortung von liberalen LGBT-Rechten zum Ausweis von Modernität par excellence und zum moralischen Aushängeschild des Westens geworden ist. „Homonationalismus“ hat die US-amerikanische Geschlechter- und Queertheoretikerin Jasbir Puar diese Situation in ihrem Buch Terrorist Assemblages genannt. Sich positiv auf die Rechte von geschlechtlichen und sexuellen Minderheiten zu beziehen und deren Gefährdung durch eine „Islamisierung“ Europas zu behaupten, ist für die AfD also schlicht strategisch klug – es ist eine rhetorische Modernisierung analog zur dédiabolisation des damaligen französischen Front National (heute Rassemblement National) durch Marine Le Pen. Das islamfeindliche Motto „Ich habe keine Lust, die Emanzipation von Frauen und Schwulen noch einmal zu wiederholen“, das der niederländische Rechtspopulist Pim Fortuyn Anfang der 2000er Jahre formulierte, gehört inzwischen zum rechten Alltagsverstand. In Bezug auf die Rechte von trans Personen lässt sich ähnlich argumentieren, was die Politikwissenschaftlerin Judith Goetz als „Transchauvinismus“ bezeichnet.

    Nun können aber längst nicht alle in der AfD und erst recht nicht im weiteren Feld der äußeren Rechten etwas mit „liberalen westlichen Werten“ anfangen. Einige sehen nicht im Islam die größte Bedrohung der Gegenwart, sondern in Liberalismus und US-amerikanischer Hegemonie – etwa der ehemalige Geschichtslehrer und Publizist Karlheinz Weißmann. LGBT-Personen, die ihre „Abnormalität“ (O-Ton mehrerer meiner Gesprächspartner) zum Thema machen, stehen nach wie vor unter Dekadenzverdacht. Wer von Emanzipation spricht, setzt voraus, dass ungleiche Machtverhältnisse veränderbar sind – und diese Annahme hält die äußere Rechte für bedrohlich. Demgegenüber ruft die ethnosexistische Figur des patriarchalen und homophoben muslimischen Mannes aus dem Nahen Osten bei manchen rechten Männern durchaus Faszination und Bewunderung hervor.

    Deswegen präsentieren sich die LGBT-Rechtspopulist:innen der Gegenwart als Feinde nicht nur des Islams, sondern auch als Feinde der Linken. Während einer Veranstaltung der AHO in Essen im Juni 2018 sprach Matthias „das freundliche Gesicht des NS“ Helferich ein Grußwort, in dem er unter anderem Folgendes sagte:

    „Bei dem Thema Homosexualität, da ist der Begriff Normalität auch immer ein Streitpunkt. Wissen Sie, was ich finde? Ich finde die Alternative Homosexuellenorganisation ganz furchtbar normal, wenn ich mir die Linken in dem Land anschaue. Denn was zur Normalität gehört, ist, dass man seine Heimat liebt und dass man einen positiven Identitätsbezug hat zu seiner Heimat und zu seinem patriotischen Ich. Und ich möchte viel lieber in der Normalität der Alternativen Homosexuellenorganisation leben als in der Normalität, die gerade in unser Land hineinkommt, in der Normalität der Viel-, Kinder- und Zwangsehen.“

    Rechte Homosexuelle sind demzufolge immerhin „normaler“ als „die Linken in dem Land“. Für jemanden wie Helferich sind sie also zumindest strategisch als Bündnispartner:innen ernst zu nehmen.

    Essentialismus statt Emanzipation

    Ein zentrales Element im rechten Kulturkampf gegen die imaginierte linke Hegemonie ist der Kampf gegen „Gender-Ideologie“. Die „Überhöhung“ von LGBT-Personen und ihren Anliegen ist in den Augen der äußeren Rechten Teil dieser Ideologie. LGBTs innerhalb der AfD müssen nicht nur glaubhaft machen, damit nichts zu tun zu haben, sondern argumentativ und performativ die vermeintlichen Annahmen der „Gender-Ideologie“ widerlegen. Leitmotiv ihres politischen Handelns kann dementsprechend gerade nicht geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung sein, vielmehr ist es die Orientierung an einem essentialistischen Verständnis von Geschlecht und Sexualität. Ein klares Bekenntnis dazu ist die unhintergehbare Bedingung für die Integration von LGBT-Personen in die äußere Rechte sowie für ihre Normalisierung. Wenn es in dem erwähnten Leitantrag für das Programm zur Bundestagswahl heißt: „Weiblichkeit und Männlichkeit […] mit ihren unterschiedlichen Potentialen sind etwas Positives. Dadurch können sich Frauen und Männer hervorragend ergänzen“, dann müssen die LGBTs in der AfD unmissverständlich klar machen, dass sie das ebenso sehen. Mit anderen Worten: Gerade weil ihnen aufgrund ihrer geschlechtlichen beziehungsweise sexuellen Identität der Gender-Verdacht anhaftet, müssen sie die größten Antigenderist:innen von allen sein.

    Für schwule Männer heißt das etwa, dass sie bestätigen müssen, ohne jeden Zweifel männlich zu sein. Einer meiner Gesprächspartner – ein Landtagsabgeordneter der AfD, den ich Andreas nenne – beschrieb es einmal so: „Als Mann einen Mann zu lieben ist eine doppelte Entscheidung fürs Männlichsein.“ Oder in den Worten von Björn Höcke (im Gespräch mit dem Künstler und Publizisten Sebastian Hennig in dem Buch Nie zweimal in denselben Fluss): „Es gibt eine ganze Zahl von schwulen Männern, die in ihrer Männlichkeit mehr gefestigt sind als so manche ‚Heteros‘ – auch in der Politik.“ Da das Ziel der „Gender-Ideologie“ die Gleichmachung und letztendliche Abschaffung der Geschlechter sei, sehen die „Alternativen Homosexuellen“ dadurch ihre Identität als schwule Männer gefährdet.

    Das sind Argumente, die schon manche Teile der homosexuellen Emanzipationsbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts teilten. Um 1900 war etwa die „Gemeinschaft der Eigenen“ des Schriftstellers Adolf Brand der Ansicht, dass männliche Homosexualität eine überlegene Form der Männlichkeit sei. Damit bezog sie Position gegen Magnus Hirschfelds Theorie sexueller Zwischenstufen und die Idee von Homosexuellen als „Drittes Geschlecht“. AfD-Landtagsabgeordneter Andreas legte mir die Lektüre von Hans Blühers Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft von 1917 ans Herz, die eine seiner Inspirationsquellen war. Blüher war bekannt als antisemitischer und antifeministischer Schriftsteller und frühes Mitglied der deutschen Wandervogelbewegung. Er vertrat die Meinung, dass Staat und Gesellschaft vom mannmännlichen Eros – das heißt dem homoerotisch verstandenen Männerbund – zusammengehalten werden. Dass Andreas selbst dem Bild des schwulen Männerhelden nicht entsprach und mir gegenüber gern mit einer gewissen Tuntigkeit kokettierte, deutet jedoch auch auf den Widerspruch zwischen politischer Rhetorik und gelebter Realität hin – um nicht zu sagen: auf die Performativität von Geschlecht auch in der äußeren Rechten.

    Der schwule Antigenderismus muss also zeigen, dass Homosexualität auf keinen Fall etwas mit der Überschreitung von Geschlechtergrenzen zu tun hat. Während hier Männlichkeit sogar noch bestätigt wird, müssen rechte trans Personen anders argumentieren, denn bei ihnen fallen das bei der Geburt zugewiesene und das selbst empfundene Geschlecht auseinander. Die Sozialarbeiterin und Geschlechterforscherin Katrin Degen hat in ihrem Buch Flexible Normalität biologistische, religiöse und pragmatische Strategien herausgearbeitet, mithilfe derer rechte trans Personen ihre eigene Existenz als vereinbar mit einer rechten Weltsicht verargumentieren. Zum Beispiel schreibt eine sich als transsexuell identifizierende Frau auf dem Blog des schwulen katholischen Theologen und rechten Publizisten David Berger davon, das nur in binärer Ausprägung existierende „Gehirngeschlecht“ sei „manchmal entgegengesetzt zum genetischen Geschlecht“. Zentral ist es für diese Akteur:innen demnach, die eigene Transgeschlechtlichkeit so aufzufassen, dass sie die Binarität der Geschlechter nicht widerlegt, sondern bestätigt: Auch wenn es sich um ein „Auseinanderfallen von Gehirn und Genetik“ handle, sei die Geschlechtsidentität durch die Biologie determiniert und nicht veränderbar. Andreas beschrieb das so: „Gerade dieses Wissen, dass man eine Frau im männlichen Körper ist oder umgekehrt, beweist doch gerade, dass es nur diese zwei Geschlechter gibt.“

    Queerfeindliche LGBTs – oder doch lieber Selbstbestimmung?

    Geschlecht und Sexualität waren für die äußere Rechte immer schon zentrale Aushandlungsorte ihrer Politik. Im antiliberalen Kulturkampf, den die Rechte gegenwärtig beschwört, äußert sich das so, dass ein essentialistisches Verständnis von Geschlecht und Sexualität gegenüber einem emanzipatorischen oder konstruktivistischen in Stellung gebracht wird. Die Idee der Selbstbestimmung wird als linke Allmachtsfantasie verworfen. Im Ergebnis haben wir es nicht primär mit Homo- oder Transfeindlichkeit zu tun (auch wenn diese mitnichten ganz verschwunden sind), sondern vor allem mit Queerfeindlichkeit. Das heißt, dass manche Teile der sogenannten Community in den historischen Block der Rechten integriert werden können – nämlich diejenigen, die das Phantasma einer natürlichen, stabilen, eindeutigen Identität bestätigen. Oder, kurz gesagt, die am wenigsten queeren von ihnen.

    Die rechten Bündnisse und ihr Konsens bleiben jedoch widersprüchlich und fragil. Einerseits verbindet die AfD mit der Integration von geschlechtlichen und sexuellen Minderheiten die Hoffnung, gesamtgesellschaftlich anschlussfähiger zu werden. Andererseits ist es für rechte Homosexuelle und trans Personen harte Arbeit, sowohl innerhalb der AfD als auch nach außen hin zu plausibilisieren, wieso man gut ins rechte Lager passt. Vor allem ist fraglich, ob die vorgebrachten Argumente LGBT-Personen in der Breite überzeugen können. Vielleicht ist Selbstbestimmung doch das attraktivere politische Angebot.

  • Safe(r) Spaces? für queeres Leben

    Safe(r) Spaces? für queeres Leben

    Illustration: Sofía Peláez

    Safe oder Safer Spaces?

    Der Begriff „Safe Spaces“ („sichere Räume“ im Englischen) bezieht sich auf zumeist physische Orte, die frei von Vorurteilen und jeglicher Form von Diskriminierung sind. Historisch gesehen ist die Entstehung dieses Konzepts in den 1960ern unmittelbar mit der Geschichte des Feminismus (genauer gesagt, seiner zweiten Welle) sowie der Geschichte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und trans* Menschen verbunden. Heutzutage wird der Begriff auch für Räume verwendet, in denen andere Formen der Benachteiligung oder Herabsetzung wie Rassismus oder Ableismus keinen Platz haben sollen.

    Das Sicherheitsversprechen, das in diesem Wort steckt, ist jedoch illusorisch. Weder in der Geschichte noch in der Gegenwart gab es Räume, die für ihre Nutzer*innen absolut sicher oder von bestimmten Ausschluss- oder Stereotypisierungsmechanismen befreit waren. Aus diesem Grund wird heute eher die Form „Safer Spaces“ benutzt, um die Anerkennung dieser Tatsache und das aktive Bemühen, fortbestehenden Diskriminierungsformen entgegenzuwirken, zu unterstreichen. Im Folgenden werden sowohl historische als auch aktuelle Auseinandersetzungen um queere Schutzräume in Deutschland sowie mögliche Lösungsansätze für diese Probleme aufgeführt.

     

    „Manchmal glaubt man, die Hölle hat allen Insassen Urlaub erteilt“: Umstrittene Räume in der Weimarer Republik

    Auch wenn es die ersten queeren Lokale und Feiern bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab – Karl Heinrich Ulrichs berichtete schon in den 1860ern von sogenannten „Urningsbällen“ oder später „Transvestitenbällen“ – erlebten sie in der Weimarer Republik im Zuge der Demokratisierung einen regelrechten Boom. Schließlich sind die „Goldenen Zwanziger“ mit ihren bunten, ausgelassenen Festen und ihrer berühmten Freizügigkeit in die Geschichte eingegangen. Die erfolgreiche Fernsehserie Babylon Berlin sowie Hollywood-Klassiker wie Cabaret zeugen vom unsterblichen Mythos der „Glücklichen zwanziger Jahre“.

    Doch die Realität war nicht unbedingt so bunt, nicht nur wegen des Fortbestehens einiger strafrechtlicher Regelungen wie des Paragrafen 175 oder des Paragrafen 183, dem vor allem trans* Menschen zum Opfer fielen. In vielen deutschen Städten wurden Treffpunkte queerer Menschen zeitweilig von der Polizei überwacht, auch Razzien waren keine Seltenheit. Ein weiteres Druckmittel bildete zum Beispiel das Gespenst des Entzugs der Alkoholausschanklizenz durch die Polizei. Andererseits schlichen sich in viele einschlägige Lokale gefährliche Erpresser und Kriminelle als Gäste ein.

    Außerdem wurden schon vor 100 Jahren mehrere mondäne Etablissements, die als Treffpunkte queerer Menschen bekannt waren – darunter das legendäre Eldorado – auch von nicht-queeren Neugierigen und Tourist*innen besucht. Dass die Stammkundschaft dies bemängelt hat, wissen wir unter anderem von Friedrich Radszuweit, dem Vorsitzenden des Bundes für Menschenrecht, der 1927 einen Artikel darüber verfasste. Frauenräume wurden ebenfalls von heterosexuellen Voyeuren aufgesucht, was nicht wenige Frauen dazu veranlasste, sie nicht mehr zu frequentieren. Der Ruhm Berlins (sowie anderer Großstädte) als modernes Sündenbabel wurde somit zum Fluch, weil sich queere Menschen in einigen ihrer Räume nicht mehr wohl fühlten.

    Foto der Außenwand des Eldorados, einem queeren Nachtclub im Berlin der 1920er Jahre. Man sieht zwei Personen in der Kleidung des jeweils anderen Geschlechts. Unter dem Schriftzug "Eldorado" steht "Hier ist's richtig!"
    Das Eldorado, eines der bekanntesten queeren Lokale in Weimarer Berlin, 1932. Hier traf die queere Klientel auf nicht-queere Neugierige, was teilweise in einer Abwanderung der Stammkund*innen resultierte. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1983-0121-500 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5342126

    Aber auch in den eigenen Reihen waren Ausgrenzungsmechanismen hin und wieder präsent. Verwehrt wurde der Zutritt zum queeren Vereins- und Partyleben vor allem Arbeitslosen, Sexarbeiter*innen und Menschen, die durch einen unkonventionellen Geschlechtsausdruck auffielen, also beispielsweise „effeminierten“ Männern, die schon damals als „Tanten“ bezeichnet wurden. Respektabilität, also der Versuch durch heteronormatives Auftreten von der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert zu werden, war das oberste Ideal, was auch zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Bewegung führte.

    Ein anonymer Autor aus Breslau schrieb 1921 in Bezug auf die dortige queere Szene, dass „in den Lokalen getanzt und getobt wie wahnsinnig“ wird und „gemeine Witze gerissen“ werden, sodass man „manchmal glaubt, die Hölle hat allen Insassen Urlaub erteilt“. Noch 1929 nannte eine in Duisburg wohnhafte Leserin der Zeitschrift „Die Freundin“ die Anwesenheit bisexueller Frauen in den lesbischen Lokalen in der Region als Hauptgrund dafür, dass diese früher oder später schließen mussten. Biphobie war also schon damals ein Problem in der Szene.

     

    Zwischen Repression und Legalisierung: Deutsche Teilung

    Entgegen der landläufigen Vorstellung waren Treffpunkte queerer Menschen nicht nur in der DDR, sondern anfangs auch in Westdeutschland von polizeilichen Überwachungen und Razzien betroffen. Trotz der Repressionen konnte sich in mehreren Städten eine kleine Szene mit einschlägigen Lokalen entwickeln und einige, die ihre Pforten in der NS-Zeit schließen mussten, nahmen den Betrieb wieder auf.

    Die Liberalisierung der Strafrechtsbestimmungen für homosexuelle Handlungen 1968/1969 in beiden deutschen Staaten sowie der Aufschwung der westdeutschen Lesben- und Schwulenbewegung stellten eine wichtige Zäsur dar. In ganz Westdeutschland schossen immer mehr Räume für queere Menschen empor – Kneipen, Clubs, Cafés, Buchläden, Selbsthilfegruppen, Männersaunen etc. Davon gab es in der DDR weniger: Bis zur Wende standen sie doch im Visier des Staates, weshalb sich ostdeutsche Homo- und Bisexuelle sowie trans* Menschen häufiger als im Westen in privaten Wohnungen und Häusern oder im Rahmen kirchlicher Arbeitskreise trafen.

    Mit dem Ausbruch der HIV/AIDS-Pandemie erlitt diese blühende Kultur jedoch einen herben Rückschlag. Die damit verbundene moralische Panik traf in erster Linie Menschen, aber auch Räume: Insbesondere schwule Saunen wurden in den Medien als „HIV-Hotspots“ verteufelt. Dies hatte zur Folge, dass sich viele Szenegänger*innen ins Private zurückzogen, der gesellschaftliche Druck hielt noch bis in die 1990er und sogar darüber hinaus an.

     

    Safe(r) Spaces seit den 1990ern: Aktuelle Herausforderungen

    Seit der Wiedervereinigung waren die Entwicklungen in Bezug auf queere Räume überwiegend positiv. Ihre Zahl hat vielerorts zugenommen, zudem gab es bereits vor rund 30 Jahren erste Inklusionsversuche für einzelne marginalisierte Gruppen innerhalb der großen LGBTQ+ Community. So entstand Ende der 1990er in Berlin die bis heute bestehende Partyreihe „Gayhane“, die von türkischstämmigen Queers ins Leben gerufen wurde und sich vor allem an Einwanderer*innen und ihre Nachkommen richtet. Das Angebot wächst stetig mit Vernetzungsmöglichkeiten, Veranstaltungen und Partys für queere Menschen unter anderem aus dem postsowjetischen Raum, Lateinamerika und arabischen Ländern.

    Plakat für die Gayhane-Party. Zwei queere Personen mit Make-Up sind zu sehen. Sie scheinen zu schreien. Darüber steht: "gayhane - house of halay"
    Plakat von Gayhane, einer der legendärsten queeren Partys für Einwander*innen und ihre Nachkommen, 2001. Quelle: Queer as German Folk Website, https://www.queerexhibition.org/en/queeruptions/gayhane

    Der Bedarf an Safer Spaces für gezielte Gruppen – was manche als eine zu bedauernde Zerstückelung der LGBTQ+ Community bewerten würden – hat jedoch konkrete Gründe. Queers of Colour, trans*, inter* und nicht-binäre Menschen, Geflüchtete und Migrant*innen, neurodivergente Menschen und Menschen mit Behinderungen sowie Senior*innen erleben auch innerhalb der Community verschiedene Formen von Ausgrenzung und Stigmatisierung. Auch von Sexismus gegenüber Frauen sind queere Räume nicht gänzlich frei. So banal es klingen mag: Diskriminierte können auch Andere diskriminieren, und LGBTQ+ Menschen sind davon nicht ausgenommen.

    Auch vor externen Gefahren bieten queere Räume keinen hundertprozentigen Schutz. Schon seit einigen Jahren häufen sich Angriffe auf LGBTQ+ Personen, ihre Treffpunkte und Zentren. Beispiel: Vor allem im letzten Jahr wurde das Schwule Museum Berlin mehrfach angegriffen, allein zwischen Februar und Juli 2023 fünfmal. Dabei wurden unter anderem Wasserbomben, Lebensmittel, ein Feuerlöscher und sogar ein Luftgewehr eingesetzt. Erst vor kurzem sind auch der „andersROOM“ und „FLENSBUNT“, Anlaufstellen für queere Menschen jeweils in Siegen und Flensburg, erneut zum Ziel eines Angriffs geworden.

    Die Konsequenzen dieses Zustands – die Reproduktion von -ismen wie beispielsweise Rassismus, Transfeindlichkeit, Sexismus, Ableismus und Alterismus in der Community, das Fehlen von Schutzräumen sowie die zunehmende Gewalt gegen dieselbe – sind vielfältig. Einerseits führt es dazu, dass sich die Betroffenen immer mehr ins Private zurückziehen. Dies erschwert natürlich die essenzielle Arbeit von Empowerment und Präventionskampagnen im Bereich der sexuellen Gesundheit, da sich viele weniger trauen, die vorhandenen Angebote in Anspruch zu nehmen.

     

    Was ist zu tun?

    Bei Angriffen auf queere Menschen und Räume muss der Staat deutlich stärker in die Pflicht genommen werden. Erste symbolische Gesten wie das erstmalige Gedenken an queere Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2023 sowie die vom Bundestag finanzierte Wanderausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“ sind getan, nun müssen Taten folgen. Als Menschen, die nicht nur in der NS-Zeit, sondern auch davor und danach vom Staat benachteiligt und verfolgt wurden, hat die gesamte LGBTQ+ Community das Recht, mehr Sicherheit für sich und ihre Räume einzufordern. Der Staat, der in der Vergangenheit queere Menschen diskriminiert und oft sehr brutal behandelt hat, hat nun eine besondere Verantwortung, sie und ihre Räume zu schützen.

    Um Safer Spaces tatsächlich sicherer zu machen, müssen außerdem alle -ismen (weiterhin) thematisiert werden. Die eigenen Privilegien zu reflektieren ist ein erster wichtiger Schritt, aber auch hier müssen konkrete Taten folgen. Menschen aus marginalisierten Gruppen sollten mehr Repräsentation, Mitspracherecht und Gestaltungsmöglichkeiten erhalten, nicht nur in den Räumen selbst, sondern auch in Führungspositionen. Nur so können ihre Interessen, Anliegen und Perspektiven im wahrsten Sinne des Wortes vertreten werden und Safer Spaces zu wirklich inklusiven Räumen werden, die die gesellschaftliche Vielfalt widerspiegeln.

    Cover des kürzlich erschienenen Buches “Nicht die Ersten“, das sich mit der queeren Geschichte Deutschlands aus der Perspektive von Queers of Colour beschäftigt. Es beschreibt unter anderem, wie Queers of Colour aus queeren Räumen ausgeschlossen und aus der queeren Geschichte Deutschlands verdrängt wurden (und werden).
    Cover des kürzlich erschienenen Buches “Nicht die Ersten“, das sich mit der queeren Geschichte Deutschlands aus der Perspektive von Queers of Colour beschäftigt. Es beschreibt unter anderem, wie Queers of Colour aus queeren Räumen ausgeschlossen und aus der queeren Geschichte Deutschlands verdrängt wurden (und werden). Quelle: Website des Verlages (https://www.assoziation-a.de/buch/nicht_die_ersten/)

    Barrieren müssen abgebaut werden, damit auch Menschen mit Behinderungen am Community-Leben teilhaben können. Mögliche Ansätze bieten nicht nur queere Zentren und Safer Spaces selbst: Auch Stadtverwaltungen wie zum Beispiel die Stadt Bielefeld übernehmen zunehmend Verantwortung und erarbeiten konkrete Lösungen, meist in Kooperation mit Ersteren. Ebenso muss sich die Community stärker für einen generationenübergreifenden Austausch öffnen. Queere Senior*innen sind häufiger von Einsamkeit und Armut betroffen, dafür haben sie in ihrem Leben viele Kämpfe durchgemacht und verfügen über unbezahlbare Lebenserfahrung, von der wir nur lernen können.

     

    Fazit: Eine Lektion in Demokratie

    Insgesamt muss mehr Raum im abstrakten und Räume im wortwörtlichen Sinne für Dialog geschaffen werden, in denen über Sex, sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität, aber auch Diskriminierungserfahrungen gesprochen werden kann. Dabei sollten wir keine Angst vor Konflikten oder heiklen Themen haben. Demokratie und die Gesellschaft im Allgemeinen leben von der – manchmal auch sehr heftigen – Diskussion, vorausgesetzt, sie wird respektvoll und gewaltfrei geführt. Safer Spaces sollen daher zu Orten wichtiger gesellschaftlicher Debatten werden.

    Es ist hilfreich, Demokratie als ein Ideal zu denken, das bis auf die unterste Ebene der Gesellschaft praktiziert werden kann und soll. Gestalten wir also nicht nur die Gesellschaft demokratisch, sondern auch unsere alltägliche zwischenmenschliche Kommunikation. Das bedeutet, ein offenes Ohr für andere Erfahrungen zu haben, jeder Person Respekt entgegenzubringen und Meinungsverschiedenheiten offen austragen zu können. Safer Spaces brauchen unbedingt eine Kultur des Dialogs, die es zu stärken gilt.

     


     

    Bibliografie

    • Breslau, F. “Polizei, Invertierte, Selbstmörder und Gleichgültige in Breslau,” Die Freundschaft, Jg. 3, Nr. 26 (1921): S. 7.
    • Dobler, Jens. Polizei und Homosexuelle in der Weimarer Republik: Zur Konstruktion des Sündenbabels. Berlin: Metropol Verlag, 2020.
    • Foit, Mathias. Queer Urbanisms in Wilhelmine and Weimar Germany: Of Towns and Villages. Cham: Palgrave Macmillan, 2023.
    • Kenney, Moira Rachel. Mapping Gay L.A.: The Intersection of Place and Politics. Philadelphia: Temple University Press, 2001.
    • Radszuweit, Friedrich. “Das perverse Berlin,ˮ Das Freundschaftsblatt, Jg. 5, Nr. 10 (1927): S. 1–2.
    • Rottmann, Andrea. Queer Lives across the Wall: Desire and Danger in Divided Berlin, 1945–1970. Toronto: University of Toronto Press, 2021.
    • Schader, Heike. Virile, Vamps und wilde Veilchen: Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Königstein: Ulrike Helmer Verlag, 2004.
    • S. S. “Dem Rheinlandmädel zur Erwiderung!” Die Freundin, Jg. 5, Nr. 23 (1929): S. 4.
    • Steinle, Karl Heinz. „Lokale, Bars und Clubs.“ In: Benno Gammerl et al. (Hrsg.): Handbuch Queere Zeitgeschichten I: Räume. Bielefeld: transcript Verlag, 2023, S. 99-109.
    • Tammer, Teresa. „Warme Brüder“ im Kalten Krieg. Die DDR-Schwulenbewegung und das geteilte Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren. Berlin: De Gruyter Oldenbourg, 2023.
    • Ulrichs, Karl Heinrich. Memnon. Leipzig: 1868, S. 77–78.
  • From Protests to Profits: Is Pride Back at Square One?

    From Protests to Profits: Is Pride Back at Square One?

    Illustration: Harjyot Khalsa, www.harjyotkhalsa.com

    As Pride celebrations grow and proliferate, they often become sites of controversy: What is being celebrated—the diversity of the community or just the visibility of a select few? Who gets to take part in this celebration, and who is left out or sidelined? From corporate sponsorships to grassroots protests, author Ahmed Awadalla examines the ever-evolving landscape of LGBTIQ+ Pride in Germany.

    Berlin stands apart. If you ask someone in the city about attending a Pride event, they’ll likely respond with another question: „Which one?“ This is the essence of Berlin—a metropolis that hosts a multitude of queer marches and initiatives, each with its own distinct priorities and vision of the LGBTIQ+ experience. In a city this vast, with its diverse communities and subcultures, there’s always a space where one can feel seen—or at least, it seems that way.

    Having lived in Berlin for years, I’ve witnessed the Pride landscape shift and evolve, with each event embodying a different interpretation of queerness. What first stood out to me during my early summers in the city was the name „Christopher Street Day“ (CSD)—a direct reference to the American Stonewall Riots. These riots erupted in response to persistent police harassment following a raid on a New York bar. Although a pivotal moment in queer history, the choice felt curious, if not a little dissonant, considering Germany’s deep history of advocacy for queer rights.

    Naturally, when I first arrived in Berlin, I was eager to join a queer march in the hope of finding community and connection. My first march wasn’t a typical Pride event but a protest organized by Nasser Al-Ahmad, a young Lebanese man who faced brutal violence from his family after coming out. The march began outside a mosque in Neukölln to challenge the role of religious institutions in promoting homophobia. Despite Nasser’s efforts to emphasize that homophobia wasn’t just “a Muslim problem,” media coverage framed the issue as a clash between queer and migrant communities, pitting them against each other.

    As I marched, I quickly noticed how out of place I felt in the predominantly white crowd. At one point, a woman asked me to move aside, assuming I wasn’t part of the protest, likely because of my appearance. This made me question my own belonging in a space that was supposed to be about solidarity and plurality. It highlighted the uncomfortable reality that even within queer spaces, not everyone feels welcomed or understood. Different people I spoke to had their own take on what Pride means to them. For some, it feels like home, while for others, it remains a space where their struggles are made invisible.

    Between Celebration and Commercialization

    The first German CSD took place in Berlin in 1979, inspired by American Pride events but soon adapted to local politics. What began as passionate protests for LGBTQ+ rights has, over time, turned into something much more mainstream and commercialized. Big companies and political parties now play a more significant role. This trend is part of a larger pattern called “rainbow capitalism,” where businesses use LGBTQ+ symbols and slogans for profit, while urgent issues facing the community, especially those on its margins, are pushed aside.

    “Honestly, I couldn’t stand it,” said Mahdi, a community member who left CSD Berlin this year after just 10 minutes. “Pharma companies, banks, and internet giants—what do they have to do with our struggle?” Mahdi’s frustration is palpable. For him, the sight of straight people occupying corporate floats felt like another layer of erasure. “I get that allies are important, but they need to be mindful of the space they take up,” Mahdi added, reflecting a common sentiment among those who feel mainstream Pride has lost its way.

    But not everyone shares this sense of alienation. “For me, my reasons for going to CSD are two-fold,” said Cameron, a regular CSD attendee. “The principles of Pride are still very worthy. It’s a day where we can celebrate our LGBTQ+ identities and reflect on how we’re not just tolerated but accepted and even celebrated by wider society.” Cameron acknowledges the criticisms about corporate influence but admits that, for him, it doesn’t overshadow the event’s value. “Yes, the parade has been hijacked by corporate interests, but the party atmosphere—dancing in the rain to Spice Girls with queer folks from all over the world—is still magical. It’s just fun!”

    Cameron recognizes his own privilege within these spaces. “I haven’t felt excluded because I fit the classic stereotype of a white gay male. I can see why others might feel less represented,” he admitted. Hassan, a gay man of color, shares Cameron’s sentiment: “My birthday aligns with CSD Berlin, so my friends visit me from other cities, and we get to experience this collective joy, dressing however we want. It’s a time to truly celebrate together.”

    Tensions Under the Rainbow

    While some are disillusioned by Pride’s shift away from its radical roots, others appreciate it as a space for self-acceptance. But this raises a fundamental question: Should Pride be about identity or action? Is it enough to reclaim our identities as a response to the shame society imposes, or should Pride be about taking meaningful steps toward change? And if so, what kind of action?

    These debates aren’t new. In the 1990s, the group Gay Shame emerged in the U.S. to challenge the focus on identity and visibility over activism. They argued that simply transforming shame into pride wasn’t enough without confronting systemic oppression through tangible actions like supporting trans rights and fighting against economic inequality. Their stance echoed the message: “None of us is free until all of us are free.”

    In Berlin, I found a similar spirit at Alternative CSD (Kreuzberg Pride), which rejected corporate sponsorship and focused on grassroots activism, taking on issues like poverty and gentrification. But internal conflicts eventually led to its end, showing that even in activist spaces, disagreements can break down solidarity. After a hiatus, Internationalist Queer Pride emerged in 2021 with a bold political stance that demands revolutionary action to dismantle all forms of oppression. They advocate for environmental justice, decriminalizing sex work, supporting Indigenous and migrant rights, and abolishing border regimes

    “It’s empowering to see so many diverse groups coming together for a bigger cause,” says Andreas, a cis white queer man who attended this year’s Internationalist Queer Pride (IQP). However, he adds, “This year’s event was traumatic for many participants due to the police’s excessive use of violence.” For Andreas, this repression is reminiscent of the early days of queer activism, like the Stonewall riots, when police were viewed as a threat, not allies. This controversy around the police’s role is also present on a global scale. For example, Pride Toronto banned police participation following concerns about police brutality and racial profiling raised by the Black Lives Matter movement.

    Dozens of arrests were reported during Internationalist Queer Pride (IQP) this year, directly linked to one of the most contentious issues in Germany: the ongoing atrocities in Palestine. Demonstrations in solidarity with Palestinian communities have frequently faced severe police crackdowns, viewed as an unprecedented restriction of free speech. Germany’s stance is often framed through the concept of Staatsräson, which reflects the country’s commitment to protecting Israel’s security due to historical responsibility for the Holocaust. Critics argue that this has translated into unconditional support for Israeli violations of international law.

    The Dyke* March and The Persistence of Patriarchy

    The Dyke* March, which began in the 1990s to promote lesbian visibility, has since expanded to include women, trans, and non-binary individuals. Cisgender men are asked not to participate, creating a space where these voices and experiences are centered without being overshadowed. Like Kreuzberg Pride, the Dyke* March remains focused on activism and intersectionality, resisting the trend towards commercialization. However, police violence was also reported at this year’s Dyke* March, on the backdrop of Palestinian solidarity.

    Two people I talked to have been regularly attending the Dyke* March. Sarah thinks that patriarchy is still a problem within the queer community and that it manifests in how many queer spaces cater primarily to the male experience. “Yes, there are more FLINTA* spaces and events now, but it’s still not enough,” she said. “We need to keep pushing for real change, not just more visibility.” Mar, who identifies as non-binary, also finds it important to attend: “I can be read as a cis male because of my appearance, but I think building a shared understanding shouldn’t be based solely on appearance. The experiences of not feeling safe in our bodies and in public spaces are significant things we should come together based on.”

    Right-Wing Return and the Full Circle

    While the tensions between police and demonstrators in Berlin may seem like a historical throwback to the early days of activism, another issue warrants serious attention. In 2024, right-wing groups in Germany have increasingly targeted Pride events, particularly in East Germany. These anti-CSD marches are part of a broader trend of rising nationalism and xenophobia in the country. Although images of neo-Nazis in places like Bautzen have generated significant concern on social media, a persistent narrative in German politics portrays homophobia, transphobia, and anti-Semitism as problems imported from elsewhere. This downplays the actual threat posed by right-wing groups that have demonstrated their presence both on the streets and within the German parliament.

    There is no better lesson than the one we are learning now: we must understand issues of xenophobia and injustices related to gender and sexuality as inseparable. With the current existential threats, Pride seems to have come full circle, and we must confront the question of what it means to gather collectively and for what purpose.

  • Homonationalismus

    Homonationalismus

    Warum queere Personen rechtsextreme Parteien wählen

    Von Ernst Röhm bis Peter Thiel: Auch wenn der Großteil queerer Menschen nicht rechtsextrem wählt, finden sich doch immer wieder Gegenbeispiele. Warum? Was bringt queere Menschen dazu, rechtsextreme Parteien zu wählen oder sich diesen sogar anzuschließen? Unser Autor Mathias Foit hat seine Doktorarbeit über dieses Thema geschrieben und gibt hier Antworten.

    Queerer Rechtsruck? In den letzten 10-15 Jahren haben Rechtspopulismus und Rechtsextremismus weltweit ein besonders starkes Wiederaufleben erlebt und etliche Teile der Gesellschaft durchdrungen. Immer wieder mal berichten die Medien in scheinbarer Fassungslosigkeit, dass sich LGBTQIA+ Personen – in der Theorie die weltoffenste, toleranteste gesellschaftliche Gruppe – rechtsextremen, nationalistischen Parteien zuwenden, sei es dem Rassemblement National in Frankreich oder den Republikaner*innen unter Trump. Jene Parteien sind entweder unverhohlen queerfeindlich oder erklären – mehr oder minder offiziell – ihre Absicht, die Rechte verschiedener queerer Gruppen zu beschneiden.

    So überraschend und widersprüchlich dieses Phänomen auch sein mag, es ist in der modernen Geschichte nicht neu. Im folgenden Beitrag werden sowohl historische als auch aktuelle Beispiele aus einigen Ländern – insbesondere Deutschland, aber auch den USA, Frankreich und Polen – für die Verflechtung von queerem Begehren sowie queerer Politik einerseits und Nationalismus sowie Rechtsextremismus andererseits angeführt. Dabei wird nicht nur der Frage nachgegangen, aus welchen Gründen queere Menschen ihre Stimme rechtsextremen Parteien geben, sondern auch, welche Konsequenzen dies für die heutige Politik hat und welche Lehren daraus gezogen werden können.

    „Die warme Bruderschaft im Braunen Hause“: Der Zirkel um Ernst Röhm

    Bereits in den frühen 1930ern, noch vor der Machtergreifung, wurde Ernst Röhm, Führer der Sturmabteilung (SA) und eine der wichtigsten Figuren der NSDAP, „Held“ einer breit angelegten Hetzkampagne: Er wurde als Homosexueller geoutet. Gerüchte über seine sexuellen „Exzesse“ hatten schon Jahre davor zirkuliert, außerdem war er Mitglied des Bundes für Menschenrecht (BfM), des größten nationalen Dachverbands der sogenannten „Freundschaftsvereine“ in der Weimarer Republik.

    Bild von Ernst Röhm in SA-Uniform mit Hakenkreuzbinde um den Arm. Ernst Röhm – Foto: Bundesarchiv, Bild 102-15282A / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons

    Als Homosexuelle waren auch andere SA-Funktionäre bekannt, wie der Oberpräsident und Gauleiter der Provinz Niederschlesien, Helmuth Brückner, sowie sein Stellvertreter und der Polizeipräsident von Breslau, Edmund Heines, von dessen „nächtlichen Orgien“ und „wüsten Gelagen mit jungen Männern“ der Schriftsteller Walter Tausk in seinem Tagebuch berichtete. Vor allem die sozialdemokratische Presse spottete über den Zwiespalt zwischen der offiziellen Parteilinie der NSDAP zu Homosexualität und der offenbaren Toleranz gegenüber Homosexuellen in den eigenen Reihen. Die Münchener Post sprach von einer „warmen Bruderschaft im Braunen Hause“.

    Hitler wusste über die Homosexualität Röhms und dessen vieler Anhänger. Warum er sie so lange tolerierte, wie er dies mit der offiziellen Position der Nazi-Partei zur „widernatürlichen Unzucht“ vereinbarte sowie was der Hauptgrund für die Ende Juni, Anfang Juli 1934 von Hitler veranlasste Ermordung zahlreicher Parteigenossen, die in die Geschichte als der „Röhm-Putsch“ eingegangen ist, bleibt Gegenstand historischer Debatte. Sowohl Röhm als auch Heines fielen der blutigen Säuberungsaktion zum Opfer.

    Dank zahlreichen Forschungen wissen wir heute, dass der mit solcher Vehemenz geführte anti-homosexuelle Kreuzzug kein nebensächliches Thema, sondern ein zentraler Bestandteil der konservativen Revolution der Nazis bildete. So ist es durchaus möglich, dass die Röhm-Morde tatsächlich in erster Linie der Zerschlagung einer als vermeintlich gefährlichen, zu Verschwörungen gegen den Staat tendierenden Clique von Homosexuellen dienten. Andererseits ist auch denkbar, dass Hitler – wie viele Historiker*innen meinen – auf diese Weise den in seinen Augen größten Konkurrenten und dessen Kreis aus dem Weg der Alleinherrschaft in der NSDAP räumen wollte.

    Die Wurzeln des queeren Rechtsextremismus

    Annäherungsversuche an die Nazis gab es auch von Seiten der damals aktiven „Homosexuellenbewegung“ in der Person des Vorsitzenden des bereits erwähnten Bundes für Menschenrecht, Friedrich Radszuweit. Im August 1931 schrieb er einen offenen – und letztlich unbeantworteten – Brief an Hitler persönlich, in dem er den NSDAP-Chef zur Revision seiner Position zu Homosexualität aufforderte. Bemängelt hat Radszuweit auch die Schmutzkampagne gegen Röhm, wobei sich seine Kritik im Kern mehr gegen die Instrumentalisierung der Homosexualität als politische Waffe richtete, als dass er den SA-Führer in Schutz nehmen wollte.

    Inwieweit Radszuweits Anbiederung an die Nazis von seinem vermeintlichen Wertewandel beziehungsweise Opportunismus zeugt oder als verzweifelter Versuch, mit dem Teufel zu verhandeln, zu werten ist, wird bis heute kontrovers diskutiert. Fakt ist, dass sich bereits Ende der 1920er Jahre circa 30% der BfM-Mitgliedschaft als Anhänger*innen der Nazipartei erklärt hatten. Ob Radszuweit es wollte oder nicht, die wachsende Unterstützung für die NSDAP, auch in den eigenen Reihen des BfM, war nicht zu übersehen.

    Generell waren Konservatismus, Nationalismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in der Geschichte der ersten deutschen „Homosexuellenbewegung“ keineswegs Randerscheinungen. Magnus Hirschfeld, der gemeinhin als geistiger Vater und inoffizieller Anführer der Bewegung gefeiert wird, gehörte zu den lautstärksten Verfechtern des Ersten Weltkriegs und veröffentlichte zwei Schriften (eine davon mit dem bezeichnenden Titel „Warum hassen uns die Völker?“), die den deutschen Imperialismus verteidigten. Erst in den späteren Kriegsjahren wandte er sich dem Pazifismus und Internationalismus zu. Adolf Brand, Vorsitzender der Gemeinschaft der Eigenen (GdE), die die Männer- und „Knabenliebe“ feierte, und informeller Sprecher des Kreises der sogenannten „Maskulinisten“, war ein eingefleischter Antifeminist, Antisemit sowie ein unerbittlicher Kritiker der Weimarer Republik und Befürworter einer antidemokratischen, erzkonservativen Politik.

    Das seltsame Paradox: Rechte und Homonationalismus

    Die heutige Verflechtung zwischen LGBTQIA+ und Nationalismus wird oft als „Homonationalismus“ bezeichnet. Dabei geht es um die Instrumentalisierung von Homosexualität für nationalistische, rassistische Zwecke und um das Ausspielen von queeren Gruppen (meistens cis-männlichen, weißen Schwulen) gegen die „Anderen“. So versuchen zum Beispiel rechte Politiker*innen, die Angst der Ersteren vor den Letzteren zu schüren und damit Wähler*innenstimmen zu gewinnen, indem sie insbesondere auf das Fremdbild des fundamentalistischen, homophoben, meist muslimischen Einwanderers zurückgreifen.

    Das führt zu einem noch größeren Spagat als bei den Nazis: Heutige Rechtsextreme stellen sich manchmal als vermeintliche Beschützer*innen einer gesellschaftlichen Gruppe dar, die andere Rechtsextreme wiederum im Gefängnis sehen wollen und wiederum andere für die angebliche Sexualisierung von Kindern verantwortlich machen.

    Homonationalismus „Around the World“

    Beispiele für Homonationalismus gibt es auf der ganzen Welt. 2016 entstand in den USA die islamfeindliche, „White Supremacy“ predigende und transphobe Vereinigung „Gays for Trump“. Bereits 2005 hat der Historiker Paul Robinson in seinem Buch Queer Wars beschrieben, wie der Konservatismus seit Beginn der „Gay Liberation“-Bewegung die LGBTQ+ Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten spaltet. Auch in Frankreich und den Niederlanden gewinnen die Rechtsextremen unter vielen LGBTQIA+ Personen an Unterstützung. Schon in der Präsidentschaftswahl 2017 war Marine Le Pen vor allem für weiße, cis-männliche Homosexuelle eine zumutbare politische Alternative.

    Interessanterweise muss der Rückgriff auf Patriotismus oder Nationalismus durch queere Menschen nicht unbedingt islamophob oder rassistisch motiviert sein. In Polen zum Beispiel hat die Kontroverse um die Darstellung des Staatswappens und der Nationalflagge vor einem Regenbogenhintergrund auf einigen CSDs im Jahr 2018 eine Debatte auch innerhalb der dortigen LGBTQIA+ Gemeinschaft ausgelöst. Viele sahen darin eine wirksame politische Strategie zur Anerkennung der Zugehörigkeit zur nationalen Gemeinschaft. Andere grenzten sich aufgrund der institutionellen Queerphobie der damaligen Regierung stark vom Nationalstolz ab.

    Die wichtigste Frage: warum?

    Die Gründe für den scheinbaren Widerspruch zwischen emanzipatorischen Bestrebungen und rechtsextremer, nationalistischer und sehr konservativer Politik sind natürlich je nach Fall und Kontext unterschiedlich.

    Im Deutschen Kaiserreich beispielsweise war die gesamte deutsche Gesellschaft stark nationalistisch und konservativ geprägt, was mit der imperialen und militaristischen Grundausrichtung des Staates einherging, schließlich waren es auch die europäischen Nationalismen, die zum Ersten Weltkrieg führten.

    In der Weimarer Republik spielten zudem weit verbreitete nationale Ressentiments, die Demütigung des Verlorenen und die Sehnsucht nach der alten Ordnung eine Rolle. Hinzu kam, dass queere Menschen, denen immer wieder das Bürgerrecht abgesprochen und verräterische Tendenzen unterstellt wurden, um ihre Anerkennung als respektable, pflichtbewusste und loyale Staatsbürger*innen kämpften. Eine ähnliche Motivation – wenn auch in einem ganz anderen, weitgehend einfacheren soziopolitischen und rechtlichen Kontext – treibt viele LGBTQIA+ im heutigen Polen an.

    Bezeichnenderweise sind es vorwiegend cisgeschlechtliche Männer, die nach wie vor die politische Avantgarde des Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Nationalismus bilden. Wundern dürfte es kaum, schließlich wird ihnen seit jeher Männlichkeit und die damit assoziierten Eigenschaften wie Stärke, Entschlossenheit und Tüchtigkeit abgesprochen. Sich als Patriot oder gar Nationalist zu bekennen, bedeutet häufig, sich als „richtiger“ Mann zu behaupten.

    Wie gezeigt wurde, ist ein gemeinsamer Nenner der verschiedenen Formen und nationalen Variationen des heutigen Homonationalismus häufig die Islamophobie. Rechtsextreme Parteien nutzen die Ängste einiger LGBTQIA+ Personen zynisch aus, um damit Stimmen zu gewinnen und gegen die Zuwanderung von Menschen – darunter auch queeren, die in Deutschland Zuflucht finden könnten – aus muslimisch geprägten Ländern zu plädieren.

    Und was nun? Konsequenzen für die Politik

    Der Homonationalismus verdeutlicht, dass die heutzutage – aus gutem Grund – hinterfragten gesellschaftlichen Konzepte wie Geschlecht oder Nation(alität) auch für viele LGBTQIA+ Menschen immer noch eine nicht zu unterschätzende Bedeutung haben. Das von Teilen der Gesellschaft erwünschte Loswerden dieser Kategorien wird damit zu einer größeren Herausforderung als gedacht und erfordert kreative Ansätze.

    Außerdem zeigt der Homonationalismus die Wichtigkeit der Einbindung von Antirassismus in queere, emanzipatorische Politik und Bildung. Auch in der LGBTQIA+ Gemeinschaft sind Stereotype und Vorurteile gegenüber „Fremden“ weit verbreitet. Geflüchtete, aber auch Queers of Colour sind von dem Rechtstruck der letzten Jahre besonders betroffen, weshalb gerade ihnen die Solidarität der gesamten Community gehört.

    Die Widersprüchlichkeit und der Zynismus rechtsextremer Parteien im Umgang mit Homosexualität und geschlechtlicher Vielfalt liegt auf der Hand. Was sich viele queere Menschen als eine Verbesserung erhoffen, kann nur wie vor fast einhundert Jahren enden – mit Enttäuschung und Elend.


    Mehr zum Thema gibt es auch im Artikel „Queere Nazis“ des Siegessäule-Magazins.

    Bibliographie

    • Bauer, Heike.The Hirschfeld Archives: Violence, Death, and Modern Queer Culture.” Philadelphia, Pennsylvania: Temple UP, 2017.
    • Bruns, Claudia. „Politik des Eros: Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880–1934).“ Köln: Böhlau Verlag, 2008.
    • Foit, Mathias. “Queer Urbanisms in Wilhelmine and Weimar Germany: Of Towns and Villages.” Cham, Schweiz: Palgrave Macmillan, 2023.
    • Marhoefer, Laurie. “Sex and the Weimar Republic: German Homosexual Emancipation and the Rise of the Nazis.” Toronto: University of Toronto Press, 2015.
    • Micheler, Stefan. “Zeitschriften, Verbände und Lokale gleichgeschlechtlich begehrender Menschen in der Weimarer Republik.” Stefan Micheler Homepage. August 1, 2008. www.StefanMicheler.de/zvlggbm/stm_zvlggbm.pdf.
    • Vendrell, Javier Samper. “The Seduction of Youth: Print Culture and Homosexual Rights in the Weimar Republic.” Toronto: University of Toronto Press, 2020.
    • Wolfert, Raimund. “Auf den Spuren der ‘Invertierten’ im Breslau der zwanziger und dreißiger Jahre.Invertito– Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten 9 (2007): 93–135.
    • Zinn, Alexander. „Aus dem Volkskörper entfernt? Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus.“ Frankfurt: Campus Verlag, 2018.
  • Konsens in queeren Räumen

    Konsens in queeren Räumen

    Illustration: Harjyot Khalsa, www.harjyotkhalsa.com
    In Deutschland ist jede sexuelle Handlung ohne das Einverständnis aller beteiligten Parteien (affirmativer Konsens) strafbar. Affirmativer Konsens beschreibt eine Situation, in der alle Beteiligten bewusst, freiwillig und aktiv einer sexuellen Handlung zustimmen. Eine sexuelle Handlung könnte jede Form von körperlicher Interaktion mit einem sexuellen Charakter umfassen, wie Küssen, Umarmung, Berührungen oder Geschlechtsverkehr. Diese Zustimmung muss eindeutig verbal oder nonverbal ausgedrückt, kann jederzeit zurückgezogen und darf nicht durch Gewalt, Zwang oder Manipulation erlangt werden. Ein „Ja“ zu einer bestimmten Handlung bedeutet nicht automatisch Zustimmung zu anderen Handlungen, und ein vorheriges Einverständnis gilt nicht automatisch für zukünftige Interaktionen. Schweigen oder das Fehlen von Widerstand gelten nicht als Zustimmung. Besonders wenn jemand durch Alkohol, Drogen oder gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht in der Lage ist, klare Entscheidungen zu treffen, kann kein Konsens gegeben werden. In solchen Fällen ist es entscheidend, zu erkennen, ob die andere Person handlungsunfähig ist.

     

    Ein wichtiger Schritt zur Förderung des affirmativen Konsenses war die Einführung der „Antioch College Sexual Offense Prevention Policy“ 1991 am Antioch College in Ohio-USA. Diese Richtlinie wurde als Antwort auf die wachsende Besorgnis über sexuelle Übergriffe auf College-Campus-Studentinnen eingeführt und wurde von feministischen Bewegungen inspiriert. Sie zielte darauf ab, eine Kultur der gegenseitigen Achtung und des Respekts zu schaffen: Der Konsens musste aktiv, bewusst und freiwillig gegeben werden. Diese Politik transformierte das Verständnis von Einwilligung, half sexuelle Übergriffe zu verhindern und schuf einen neuen Standard für den Umgang mit sexueller Zustimmung. Diese Pionierarbeit bereitete den Weg für moderne Ansätze auch in queeren Räumen.

     

    Von schwulen Darkrooms und sex-positiven FLINTA-Partys

    In diesen queeren Räumen, die als sichere Häfen für Menschen dienen sollen, die Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität erfahren, wird besonders darauf geachtet, dass alle Beteiligten nicht nur physisch, sondern auch emotional sicher sind. Es werden klare Kommunikationswege etabliert und die individuellen Grenzen jedes Einzelnen respektiert. Jedoch gibt es selbst innerhalb queerer Räume Unterschiede darin, wie Konsens gelebt und umgesetzt wird, was auch vom jeweiligen Ort und seinen Gegebenheiten abhängen kann.

     

    Allerdings wenn sich jemand aus irgendeinem Grund unangemessen verhält, ohne den Konsens der anderen zu beachten, sollte dies kein Grund für Bestrafung oder Ausschluss sein, sondern eine Gelegenheit, daraus zu lernen. In einer Zeit des ständigen politischen Korrekturprozesses sollte der Raum für Bestrafung durch alternative Ansätze ersetzt werden, die Bildung und persönliches Wachstum fördern. Der*Die nicht binäre Mediator*in Joris Kern gibt seit 2009 Workshops zu den Themen Sexualität und Einvernehmlichkeit für Menschen, die in pädagogischen Feldern arbeiten, und versucht dabei, Konsens als eine Haltung oder Kultur und nicht nur als Methode zu definieren. Joris hat zwei Bücher über Konsens geschrieben: Sex aber richtig und Konsenskultur. Zudem hat er*sie von den Unterschieden in queeren Räumen bei der Arbeit im Organisationsteam einer sex-positiven FLINTA-Party erfahren. „Es ist spannend zu sehen, wie sich die Räume und Dynamiken bei schwulen und FLINTA-Partys unterscheiden, besonders wenn sie im gleichen Veranstaltungsort, aber zu unterschiedlichen Zeiten stattfinden,” erzählt Joris. Bei den FLINTA-Partys war die Atmosphäre oft ruhiger, und es wurde viel Wert darauf gelegt, dass sich die Teilnehmenden zunächst kennenlernen und miteinander kommunizieren, um ein langsames Gefühl von Sicherheit und Einvernehmlichkeit zu schaffen, bevor es zu körperlichen Interaktionen kommt und sie in den Dark Room gehen. Im Gegensatz dazu stand bei den schwulen Partys der körperliche Kontakt im Vordergrund. Die Teilnehmer bewegten sich durch den Raum und konnten bereits Kontakt herstellen, oft bis jemand ausdrücklich sagte, dass er es nicht möchte. „Beide Ansätze haben ihre Chancen und Herausforderungen. Die schwule Szene könnte davon profitieren, mehr Kommunikation während und vor der Interaktionen zu fördern, während die Spontaneität und Impulsivität in der schwulen Cruising-Räumen eine Stärke wäre, von dem FLINTA-Räume profitieren könnten. Es ist wichtig, Räume zu schaffen, die sowohl Lust und Spontanität ermöglichen aber auch sicherstellen, dass alle Beteiligten sich wohlfühlen und respektiert werden,” erklärt Joris weiter.

    Bestrafen oder lernen?

    Der legendäre Club SchwuZ in Berlin, der aus der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) hervorging, ist bekannt für seine sex-positiven Partys, die einen sicheren und inklusiven Raum für die LGBTIQ+ Community schaffen. Auf ihrer Website steht klar: „Konsens unterscheidet unter anderem Sex von sexualisierter Gewalt.“. David Degener vom Awareness-Team dort betont, dass Konsens für viele Menschen kein selbstverständlicher Begriff ist. Er vermittelt das Verständnis des Teams, dass Menschen unterschiedliche Hintergründe und Erfahrungen haben, die ihr Verhalten und ihr Verständnis von Konsens beeinflussen. Ein junger Mensch aus einem kleinen Dorf, der sich mit 18 Jahren geoutet hat und Berlins Kink-Partys ausprobieren möchte, bringt möglicherweise weniger Erfahrung in queeren Räumen mit als jemand, der in Berlin aufgewachsen ist. Diese unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen können dazu führen, dass manche unbewusst ungeschickt handeln, weil ihnen das nötige Wissen fehlt.

     

    Wenn eine Person dem Team von einer unschönen Erfahrung berichtet, wird ihr zunächst geglaubt, und es wird ermittelt, was diese Person sich wünscht und braucht. Viele Betroffene wissen zunächst nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen, da einem manche übergriffige Erfahrungen erst nach einer Weile bewusst werden. „Ich wurde geküsst und habe eigentlich nichts gesagt. Ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen sollte,“ gibt David als Beispiel an. Dabei muss auch der Kontext betrachtet werden: Wenn die betroffene Person zum Beispiel eine BPoC ist und immer wieder in die Haare gefasst wird, handelt es sich nicht nur um einen Konsensübergriff, sondern auch um einen rassistischen Übergriff. Solche Situationen gibt es auch bei sexuellen Kontakten im Darkroom, wo es zu Übergriffen kommen kann.

     

    Es gibt Fälle, in denen das Verhalten einer Person andere Gäste gefährdet. Solche Personen werden vom Team aus dem Club gebracht, und ihnen wird erklärt, warum sie gerade heraus gebracht werden. „Einer meiner ersten Fälle handelte von einer Person, die andere Menschen mehrfach und ohne deren Zustimmung umarmt hat,“ berichtet David. „Diese Person, die alkoholisiert war, hielt oft Menschen fest und ließ sie nicht los, trotz ihrer Bitten. Ein betroffener Gast sagte oft: ‚Nein, bitte fass mich nicht an.‘ Diese Person wurde schließlich ausgeschlossen und schrieb uns ein Jahr nach diesem Vorfall eine E-Mail.” Das Team toleriert keine Form von Täterschutz aber glaubt daran, dass Menschen die Chance haben sollten, zu lernen und sich zu ändern. Wenn jemand des Clubs verwiesen wird, erhält die betroffene Person eine Karte mit einer E-Mail-Adresse. Dies ermöglicht es der Person, später mit dem Feedback-Team in Kontakt zu treten und in Ruhe über den Fall zu sprechen. David nimmt sich dafür die Zeit und ist mit der Geschäftsführung hauptverantwortlich, diese E-Mails zu beantworten. „Wichtig ist, dass eine hohe Vertraulichkeit herrscht und über diese Vorgänge gesprochen wird. Das dauert natürlich einige Tage, weil ich alle Perspektiven mit einbringe und keinen Menschen vorverurteilen möchte,“ erklärt er. Durch den Dialog können verschiedene Perspektiven eingebracht und Themen wie Grenzen, Konsum und Verhalten besprochen werden. Dieser Austausch könnte sogar dazu führen, dass die betroffene Person nach einer Reflexion über den Vorfall wieder in den Club darf. „Ich möchte keinen Hammer schwingen und sagen: schuldig oder unschuldig, sondern in einen Dialog reingehen und Menschen aufklären,“ sagt David.

     

    Ähnlich sieht es auch Joris, der*die glaubt, dass Sanktionen oder Bestrafungen nicht immer die beste Lösung sind und dass man vor allem zwischen Unfällen und Übergriffen unterscheiden muss. Ein Übergriff liegt vor, wenn jemand die Grenzen einer anderen Person missachtet und möglicherweise absichtlich versucht, diese zu überschreiten. Ein Unfall hingegen passiert oft, wenn beide Parteien glauben, dass sie einvernehmlich handeln, aber später feststellen, dass dies nicht der Fall war. Dies kann aufgrund unklarer Absprachen oder Missverständnisse geschehen. „Ein konstruktiver Umgang mit einem Konsensunfall besteht darin, Verantwortung zu übernehmen und zu lernen, wie ähnliche Probleme in Zukunft vermieden werden können“, erklärt Joris. „Das könnte bedeuten, sich der eigenen Grenzen bewusster zu sein, mehr Fragen zu stellen oder den Substanzgebrauch zu berücksichtigen. Ein gut gelöster Unfall kann sogar dazu beitragen, eine Beziehung zu vertiefen, indem Vertrauen und Verständnis gestärkt werden“. Im Gegensatz dazu erfordert ein Übergriff oft Abstand und Schutz für die betroffene Person.

     

    Joris weist darauf hin, dass Bestrafung um der Strafe willen, wie etwa der Ausschluss als Form der Rache, nicht produktiv sei. Stattdessen sollte der Fokus darauf liegen, sichere Räume zu schaffen und auch diejenigen zu unterstützen, die bereit sind, aus ihren Fehlern zu lernen. Es solle Möglichkeiten für Personen geben, die sich unangemessen verhalten haben, sich zu verändern und die Auswirkungen ihres Handelns zu verstehen. „Während Sicherheit oberste Priorität hat, ist es wichtig, den Schutz mit der Möglichkeit der Rehabilitation zu verbinden“, fügt Joris hinzu.

    Konsens als Prozess

    Deswegen spricht Joris lieber von Konsensualität als von Konsens, als einem kontinuierlichen Prozess, bei dem sich immer etwas Neues entwickelt und neue Impulse entstehen, die Dinge verändern könnten. „Zwischen ‚Ja‘ und ‚Nein‘ gibt es auch ein ‚Vielleicht‘, und darüber kann man verhandeln. Es geht darum, den Rahmen für Experimente zu schaffen.“ betont Joris die Offenheit in sexuellen Begegnungen, wobei manchmal unerwartet wunderschöne Dinge entstehen, wenn wir uns nicht strikt an unsere Vorstellungen halten. Das erfordert, dass man sich ein wenig verletzlich macht. „Es gibt auch immer einen Anfang und einen Stopp. Ein ‚Nein‘ muss immer akzeptiert werden, alles andere ist übergriffig. Egal, ob das ‚Nein‘ von jemand anderem kommt oder mein eigenes ist“, erweitert Joris und erklärt weiter, dass „Konsens oft klingt, als wäre es schwarz-weiß, ja oder nein, eins oder zero. Konsensualität ist dagegen etwas, das sich weiterentwickelt-was ich vor fünf oder zehn Jahren als einvernehmlich angesehen habe, sehe ich jetzt vielleicht anders, weil ich mehr über meine eigenen Bedürfnisse gelernt habe. Das heißt nicht, dass es damals falsch war, aber jetzt verstehe ich mehr, was ich brauche und wie ich besser mit anderen umgehen will.“

     

    Solche Offenheit und Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, spiegelt sich auch in den Erfahrungen wider, die David in seiner Arbeit im SchwuZ gemacht hat. Er erzählt von einer Person im Rollstuhl, die das erste Mal in einen Dark Room ging und davon berichtete, wie schön es dort war. Sie wurde vor jeder Interaktion gefragt, ob alles für sie in Ordnung sei. „Normalerweise wird sie ignoriert, aber an diesem Abend wurde sie freundlich gefragt, wie es ihr geht, und alles im Darkroom lief reibungslos. Das war für sie eine neue und positive Erfahrung.“ Diese Rückmeldungen zeigen, wie wichtig es ist, durch einfache Fragen und Aussagen wie „Ja“ oder „Nein“ ein Umfeld des Respekts und der Inklusivität zu schaffen.
  • Schwul. Bipolar. HIV-Positiv. Ein Interview mit Torsten Poggenpohl

    Schwul. Bipolar. HIV-Positiv. Ein Interview mit Torsten Poggenpohl

    Illustration: Otávio Santiago, otaviosantiago.com

     

    Innerhalb kurzer Zeit musste Torsten Poggenpohl gleich zwei lebensverändernde Diagnosen verkraften. Er ist HIV-positiv und die Infektion bereits weit fortgeschritten. Und es wird bei ihm eine bipolare Störung festgestellt. Wie er lernte, mit dieser psychischen Erkrankung umzugehen und wie er sein aus den Fugen geratenes Leben wieder in den Griff bekam, erzählt Torsten Poggenpohl im Interview.

    Wann ist dir bewusst geworden, dass deine psychische Verfassung nicht mit temporären Stimmungsschwankungen zu erklären ist, sondern tiefere Ursachen hat?

    Torsten: Ich habe es eigentlich erst realisiert, als ich bereits in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie in Stuttgart war. Meinem näheren Umfeld war das bereits viel früher aufgefallen, aber ich habe entsprechende Hinweise von mir gewiesen.

    Ich glaube, der schwierigste Moment bei einer psychischen Erkrankung ist die Erlangung der Introspektion – also die Fähigkeit zu erkennen, dass man krank ist und Hilfe benötigt. Der wohl wichtigste Moment und dieser Prozess innerhalb der Erkrankung hat bei mir etwas gedauert.

    Mein persönlicher Wendepunkt war die Lektüre von Sebastian Schlössers Buch „Lieber Matz, Dein Papa hat ’ne Meise“, in dem ich mich komplett wiedererkannte. Da war ich bereits in der Psychiatrie. Ich wusste: Das, was der hat, das habe ich auch. Erst danach wurde mir bewusst, in welcher Lage ich mich eigentlich befand und wie viel verbrannte Erde ich hinterlassen habe.

    Wie sah dein Leben in diesem Moment aus?

    Ich war von heute auf morgen aus einem gutbürgerlichen Leben an den Abgrund der Gesellschaft katapultiert. Ich hatte mein bisheriges Leben komplett zerlegt und in einer manischen Phase irrsinnig viel Geld ausgegeben.

    Wie war es dazu gekommen?

    Ich hatte als Gebietsverkaufsleiter für eine Luxusduftfirma gearbeitet, war sehr erfolgreich und für millionenschwere Umsätze verantwortlich. Zeitweilig habe ich dann noch einen weiteren Arbeitsbereich von einer Kollegin übernommen und deshalb oft 80 Stunden in der Woche gearbeitet. Damit war meine psychische Stresskante überschritten, aber das ahnte ich damals nicht. Es hatte aber wohl zur Folge, dass dadurch meine genetisch bedingte bipolare Störung ausbrauch.

    In meiner Manie wollte ich einen exklusiven Nachtclub eröffnen. Ein größenwahnsinniges Projekt, das ich ganz groß aufziehen wollte. Nicht nur dafür, sondern auch für mein sonstiges rastloses Leben verschuldete ich mich maßlos.

    Gab es niemanden in deinem Umfeld, der*die versuchte, dich zu bremsen?

    Für eine*n Maniker*in ist typisch, dass er*sie sich immer absolut im Recht findet und alle guten Ratschläge abschmettert. Ich war vorher schon einmal schwerst manisch für eine Woche in Hamburg in die Psychiatrie eingewiesen worden, war dort aber überhaupt nicht zu belehren. Ich wollte nicht wahrhaben, was mit mir los ist. Für die Menschen um mich herum war ich in dieser Verfassung kaum aufzuhalten.

    Mitten in dieser manischen Phase erhieltst du deine HIV-Diagnose. Warum hast du dich damals testen lassen?

    Für meine Kredite musste ich eine Lebensversicherung abschließen und dafür wiederum auch einen HIV-Test vorlegen. Dass der positiv ausfallen könnte, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Schlimmer aber war, dass meine Helferzellen-Zahl bereits auf 16 gefallen und mein Immunsystem also bereits gefährlich geschwächt war und ich sofort behandelt werden musste. Es ging tatsächlich ums blanke Überleben. Ich wurde deshalb krankgeschrieben. Mein Arbeitgeber hat mir dann im Krankenstand außerordentlich fristlos gekündigt, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich hatte also auch meine Arbeit und damit mein Einkommen verloren.

    Ich war zum Glück rechtsschutzversichert und trotz der psychischen Ausnahmesituation in der Lage eine Kündigungsschutzklage einzureichen. Mit der außerordentlichen fristlosen Kündigung hatte der Arbeitgeber deutlich zum Ausdruck gebracht, dass er keinerlei Interesse hat, auch nur einen Tag noch mit mir zusammenzuarbeiten, es also keine Wiedereinstellung geben könnte.

    Du warst also innerhalb kürzester Zeit sowohl psychisch wie körperlich in eine lebensbedrohliche Situation geraten, zugleich war dir die existentielle Grundlage entzogen. Du hattest einen Schuldenberg angehäuft, und dadurch auch viele nahestehende Menschen enttäuscht. Wie hast du das alles verkraftet?

    Ich befand mich in dieser Zeit in einem manischen Zustand und war entsprechend rast- und haltlos. Für Außenstehende ist das nur schwer nachzuvollziehen. Zum Glück bin ich ein dem Leben zugewandter, pragmatischer Optimist. Das hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Denn diese Manie hat mich eingesogen und erst Monate später wieder ausgespuckt, sodass – Gott sei Dank – gar kein Platz war für Trübsinn, Schwermut oder irgendwelche schlimmen Fantasien.

    Hast du die Erkenntnis, dass du an einer biopolaren Störung leidest, als befreiend oder eher als erschreckend und verstörend empfunden?

    Es war in der Tat eine Art Befreiung. Ab diesem Moment wurde alles so viel leichter. Ich hatte mich regelrecht zu einem Musterpatienten mit sehr viel Selbstdisziplin entwickelt, denn ich möchte nie wieder einen Rückfall erleiden. Und ich weiß, dass dies auch in meiner Hand liegt. Ich habe beispielsweise ab diesem Tag keinen Tropfen Alkohol mehr konsumiert, weil der sich nicht mit meinen stimmungsstabilisierenden Medikamenten verträgt und die bipolare Störung triggern kann.

    Und wie hast du deine HIV-Infektion verkraftet? Das Testergebnis fiel ja mitten in eine manische, also euphorische Phase.

    Ich gehöre zur Generation Safer Sex. Das heißt, ich war gut über HIV aufgeklärt und habe auch immer Kondome benutzt. Allerdings hatte ich in meinem Leben auch zwei Risikokontakte. Einmal ist beim Sex mit meinem ersten Freund, der nicht ganz ehrlich war, ein Kondom geplatzt. Beim anderen Mal hatte ich Sex mit jemandem, der mir sehr viel bedeutete und dem ich deshalb auch sehr vertraut habe. In einer Situation habe ich deshalb nicht auf Safer Sex geachtet. Obwohl ich sonst ein sehr rationaler Mensch bin, ich habe es geschafft, diese beiden Ereignisse völlig auszublenden und hatte nie aus eigenem Antrieb einen Test gemacht. Bis ich ihn für die Lebensversicherung machen musste.

    Ich habe die Diagnose dennoch sehr ernst genommen, wenn auch nicht todernst. Ich war nie hoffnungslos, dafür bin ich ein zu lebensbejahender Mensch. Allerdings hatte ich anfangs enorme Schwierigkeiten bei der Behandlung. Wie sich später herausstellte, triggerten meine Medikamente die psychische Erkrankung und feuerten diesen Karneval der Synapsen in einem Kopf erst richtig an. Zeitweilig wurde mir deshalb empfohlen, meine HIV-Medikamente wieder abzusetzen. Dabei waren meine Helferzellen gerade erst ein wenig gestiegen

    Für Außenstehende ist es kaum möglich, sich in deine damalige Lage hinein zu fühlen: Du warst körperlich und seelisch schwer erkrankt, finanziell und beruflich ruiniert und kein Licht am Horizont. Was hat dich da gerade gestützt? Also was hatte dich da im wahrsten Sinne des Wortes am Leben erhalten?

    Eine bipolare Störung ist, wie viele andere psychische Erkrankungen auch, ein Marathonlauf. Doch bevor man überhaupt loslaufen kann, muss man erst einmal wissen, in welche Richtung es gehen muss. Das ist ein anstrengender Prozess der Selbsterkenntnis und Selbstreflexion. Ich hatte das unglaubliche Glück, dass ich dabei von vielen Menschen in meinem Umfeld unterstützt wurde. Menschen, die mich, bei einem Staffellauf, etappenweise supportet haben. Wenn eine*r von ihnen erschöpft war, hat er*sie den Stab weitergereicht.

    Weshalb war es so wichtig, dass sich diese Aufgabe verschiedene Menschen teilten?

    In einer Manie kann man zu einem echten Kotzbrocken werden. Viele Menschen, die an einer biopolaren Störung oder anderen schweren psychischen Erkrankungen leiden, lassen deshalb oft viel verbrannte Erde zurück, sodass dadurch auch Freund*innenschaften zerbrechen. Wenn mich also etwas gerettet hat, ist es das unglaubliche Netzwerk um mich herum. Es hat mich in allen Phasen der Krankheit gestützt.

    Bei einer bipolaren Störung bewegt sich der Zustand ja in zwei Extremen hin und her. An dem einen Extrem ist die Manie, an der anderen tiefste Depression. In diesem Zustand war sogar mein Sprachzentrum davon betroffen und ich habe einfach nicht mehr gesprochen. Deshalb haben mich Freund*innen immer zu zweit in der Klinik besucht, damit sie sich wenigstens untereinander unterhalten konnten.

    Ich habe wirklich schwarze Zeiten durchgemacht, aber seit mittlerweile über zehn Jahren sind meine Medikamente so gut eingestellt, dass ich diese Stimmungsschwankungen gar nicht mehr habe.

    Nun sind ja sowohl psychische Erkrankungen und HIV, aber auch Homosexualität in Teilen der Gesellschaft immer noch mit Stigmatisierung und Ängsten verschiedenster Art verbunden. War es für dich ein Problem, gleich mehrere Coming-outs durchleben zu müssen?

    Mein schwules Coming-out war alles andere als einfach. Ich bin in einer kleinen Stadt bei Osnabrück aufgewachsen und dort auf ein christliches Privatgymnasium gegangen. Dort hätte ich mich nie outen können. Ich habe das daher erst mit 22 während des Studiums getan, allerdings nur bei Schulfreund*innen und erst einige Zeit später bei meinen Eltern. Deren Reaktionen waren dann leider nicht so schön und es hat unser Verhältnis über viele Jahre belastet. Witziger Weise haben sie aber bei den beiden Erkrankungen ganz anders reagiert. Da hatten sie nur noch Angst, dass ihr Kind sterben könnte.

    Anders als bei meinem Schwulsein, bin ich mit den Erkrankungen von Anfang an sehr offen und proaktiv umgegangen, beispielsweise auch in meinem Arbeitsumfeld. Ich habe gar nicht zugelassen, dass man mich stigmatisiert. Meine Erfahrung ist: Wenn man offen über die HIV-Infektion oder die psychische Erkrankung spricht, nimmt man dem*der möglichen Gegner*in den Wind direkt aus den Segeln. Ich weiß, dass dies nicht jede*r kann. Da ich immer schon ein eher extrovertierter Mensch war, fällt es mir sicherlich leichter als manch anderen. Ich habe es gewissermaßen der ganzen Welt auf die Nase gebunden. Das hatte sicherlich auch mit meiner Manie zu tun. Wenn eine solche Nachricht aber erst einmal draußen ist, kann man auch nicht mehr einfangen.

    Wie bist du selbst mit deiner HIV-Infektion umgegangen?

    Ich kam damit recht gut klar. Bis zu meinem ersten ernstzunehmenden Date nach meiner Diagnose. Wir hatten ganz romantische Wochen zusammen, mit Rumknutschen, zusammen im Park sitzen und Abenden im Restaurant. Dann traute ich mich endlich, ihm zu erklären, dass ich positiv, aber auch gut therapiert bin. Er war sehr verwirrt und ich war überrascht, wie wenig er über HIV und die Behandlungsmöglichkeiten informiert war. Ich habe mein Bestes gegeben, um ihn aufzuklären und ihm seine irrationale Angst zu nehmen – allerdings ohne Erfolg. Sein Bruder, der ein Foto von mir gesehen hatte, warnte ihn vor mir, weil ich angeblich krank aussähe. Ich war danach fix und fertig, und mein Selbstwert war völlig am Boden. Dann hatte ich durch Zufall von den Positiven Begegnungen erfahren.

    Du bist also zu dieser bundesweiten Konferenz von und mit Menschen mit HIV gefahren?

    Es war für mich einfach sensationell, dort 400 Leute zu erleben, die alle HIV-positiv sind und damit ganz selbstverständlich umgehen konnten. Diese Erfahrung hatte meine eigene Haltung völlig verändert. Fortan hatte ich mir eine Art Schutzschild angezogen und die Dummheit der Menschen, was HIV angeht, schlicht abprallen lassen. Ich weiß, dass ich die Menschen nicht unbedingt ändern kann, aber ich kann meinen Umgang ändern. Wenn ich jemanden neu kennen lerne, erzähle ich gleich zu Beginn von meinen Erkrankungen. Entweder jemand kann damit umgehen und möchte dazulernen – oder eben nicht. Dann aber möge er*sie bitte mein Leben direkt verlassen. Denn meine Zeit auf diesem Planeten ist endlich und ich verbringe sie mit jenen Leuten, die es wert sind, und nicht mit solchen, die nicht mit meinen Grunderkrankungen umgehen können.

    Was hat dir nach der Zeit in den Kliniken geholfen, wieder zurück ins Leben zu finden?

    Neben meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Patient*innen-Café, welche mir die nötige Tagesstruktur verlieh, gründete ich nach meiner Entlassung aus der Psychiatrie auf privater Ebene einen Stammtisch. Dort konnten wir in ganz unbefangenen und lockeren Kreis über unsere Erfahrungen in der Klinik und über unsere Zeit danach sprechen. Wenn uns jemand Außenstehendes beobachtet hätte, wäre der*die nie daraufgekommen, dass diese lustige muntere Runde sich am Tiefpunkt ihres Lebens in der Psychiatrie kennengelernt hat.

    Das wäre mit Menschen aus deinem Familien- oder Freund*innenkreis nicht möglich gewesen?

    Nicht auf diese Weise. Denn zum einen möchte man im Alltagsleben ja wieder als genesen und leistungsfähig gelten. Zum anderen konnten wir uns in diesem ganz speziellen Kontext über unsere speziellen Erfahrungen auf Augenhöhe austauschen, etwa wie ein bestimmtes Medikament wirkt oder wie wir mit Schlafproblemen umgehen.

    Du hast deine Erfahrungen in deinem Buch „einfach!ch schwul.bipolar.positiv.“ festgehalten und kommst bei den Lesungen mit den Besucher*innen ins Gespräch. Wie geht deinem Eindruck nach die schwule Community mit seelischen Erkrankungen um? Wie groß ist das Bewusstsein in der Szene, wie offen wird darüber gesprochen?

    Ich erlebe bei diesen Veranstaltungen immer wieder, wie gut es Besucher*innen tut, dass ich in dieser Deutlichkeit und Ehrlichkeit über meine Erkrankungen spreche. Und diese Offenheit bestärkt viele darin, selbst auch offener mit ihren eigenen Erkrankungen umzugehen. Es täte daher nicht nur der Community, sondern der gesamten Gesellschaft gut, allgemein einen besseren Umgang mit Krankheit zu finden. Dies bedeutet zum Beispiel, dass wir Menschen zugestehen, krank zu sein und auch, sich die Zeit zu nehmen, um wieder zu genesen.

    Weshalb ist es so wichtig mit psychischen Erkrankungen oder der HIV-Infektion umzugehen?

    Ich fand es erschreckend, als ich hörte, dass 75% der Menschen mit HIV ihren Status geheim halten. Ich kann das einerseits nachvollziehen. Ich weiß allerdings auch, dass ein solches Lebensgeheimnis psychisch krank machen kann. Deshalb lohnt es sich dafür zu kämpfen, dass Menschen offen zu ihrer HIV-Infektion oder zu seiner psychischen Erkrankung stehen können, weil das Verschweigen eine weitere Last auf den Schultern bedeutet und das Leben noch schwerer machen.

    Sich gegenüber dem eigenen Umfeld zu öffnen, birgt jedoch auch die Gefahr, Stigmatisierung durch Mitmenschen zu erfahren.

    Entstigmatisieren kann man psychische Erkrankungen, die HIV-Infektion oder auch Homosexualität nur, wenn man Gesicht zeigt und die eigene Geschichte erzählt. Nicht alle Menschen sind dazu in der Lage. Ein stückweit erhebe ich deshalb meine Stimme auch für sie. Ich habe schwere Jahre hinter mir. Aber für mich ist letztendlich alles fein, was gewesen ist, weil es mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin. Ich habe meine Geschichte aufgeschrieben, weil ich anderen damit Mut und Zuversicht machen möchte und ihnen vielleicht eine Abkürzung in eine neue Normalität anbieten kann.

    Vielen Dank für deine Offenheit und das Gespräch!

    Mehr über Torsten Poggenphohl auf seiner Webseite www.torstenpoggenpohl.de

    Sein Buch „einfach !ch. schwul.biplar. positiv.“ (468 Seiten, 19.90 Euro) ist bei Book On Demand erschienen.

  • „Ohne die Nazis würden wir anders über nicht-binäre Menschen sprechen!“

    „Ohne die Nazis würden wir anders über nicht-binäre Menschen sprechen!“

    Illustration: Noah Weinmann, www.noah-elio.com

    Bayerischer Ministerpräsident Markus Söder verbietet das Gendern mit Doppelpunkt, Sternchen oder Unterstrich. Bzw. korrekter ausgedrückt: Er verbietet die gender-gerechte Sprache – denn auch das generische Maskulinum ist eine Form von Gendern. In Behörden, Schulen, sowie an Unis darf man jetzt nicht mehr über „Politiker*innen“, „Bürger:innen“, oder „Lehrer_innen“ schreiben.

    Triggerpunkt Gender: Ist Nicht-Binarität ein „Trend“?

    Das Thema Gendern erhitzt die Gemüter. Die drei Soziologen Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser nennen dies einen „Triggerpunkt“. Ihrer Studie zufolge herrscht gesamtgesellschaftlich bei vielen großen Themen wie Migration, Diversität oder Klimaschutz einigermaßen Konsens. Allerdings verschärfe sich schlagartig die Debatte, wenn gewisse Triggerpunkte berührt werden. Und dazu gehört das Gendern.

    Die Leidtragenden sind – wie so oft – Minderheiten. In diesem Fall queere, insbesondere nicht-binäre, gender non-konforme und intergeschlechtliche Menschen. Auf deren Rücken wird die Debatte ausgetragen – teilweise mit eklatanten Vorurteilen und Wissenslücken.

    Dabei hört man immer wieder, dass das alles doch ein „Trend“ sei, eine „Modeerscheinung“, der besonders junge Menschen jetzt vermehrt nachgehen würden. Und an diesen Aussagen zeigt sich beispielhaft das Drama der queeren Geschichte.

    Was die allermeisten Menschen nämlich nicht wissen: Nicht-binäre Menschen – und auch wissenschaftliche Arbeiten über Nicht-Binarität – gab es schon vor über 100 Jahren, wenn auch mit anderen Worten. Nur: Die Nazis haben alles gründlich zerstört, was nicht nur die queere Bewegung in Deutschland, sondern die gesamte gesellschaftliche Debatte international um Jahrzehnte zurückgeworfen hat. Das Drama lautet: Queere Menschen kennen ihre eigene Geschichte oft nicht. Aber auch die Welt kennt sie nicht. Und daran haben unter anderem die Nazis Schuld.

    43 Millionen Geschlechter

    1897 gründete der jüdische Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld in Berlin das Wissenschaftlich-Humanitäre Komitee (WhK): die weltweit erste Organisation für die Rechte queerer Menschen. 1919 gründete er dann noch das weltweit erste Institut für Sexualwissenschaften – ebenfalls in Berlin. Hier war dann auch das WhK beheimatet. Hirschfelds Motto: Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit. Und das zog er konsequent durch! Er war davon überzeugt, dass die Wissenschaft mit dem Kampf für Menschenrechte verbunden werden müsste.

    Nicht nur wurde Berlin dadurch zum Zentrum der weltweiten Sexualwissenschaft, nicht nur hatte sein Institut eine internationale Strahlkraft und erwirkte Gesetzesänderungen rund um Geschlecht und Sexualität in mehreren Ländern, Hirschfeld machte Berlin ebenfalls zur Anlaufstelle und zum Zufluchtsort für queere Menschen aus der ganzen Welt. In seinem Institut fanden in den 1920er Jahren einige der weltweit ersten geschlechtsangleichenden Operationen statt. Trans Menschen aus der Zeit, die von überall her nach Berlin gereist sind, berichteten, dass sie sich nach diesen Operationen so glücklich wie noch nie zuvor gefühlt hatten.

    Zudem führte Hirschfeld nicht nur zahlreiche Untersuchungen und Befragungen zu queeren Lebensweisen durch, er entwickelte auch erste Theorien und Begrifflichkeiten, um diese Lebensweisen zu beschreiben und zu erklären. Er prägte zum Beispiel die Begriffe „Transvestit“ und „Transsexualismus“, frühe Identitäten für Geschlechterdiversität bevor es den Begriff „trans“, wie wir ihn heute benutzen, gab. Und Hirschfeld entwickelte eine frühe wissenschaftliche Theorie gegen die Geschlechter-Binarität!

    Er nannte 16 unterschiedliche Kategorien, die wir heute womöglich mit primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen, Geschlechtsidentität, sexuelle Identität, u.s.w. beschreiben würden. Und er meinte, in allen dieser 16 Kategorien könne man entweder eine männliche Ausprägung, eine weibliche, oder eine Mischung aus männlicher und weiblicher Ausprägung haben. Das führe theoretisch zu einer Möglichkeit von 316 Geschlechtsausprägungen, also insgesamt 43.046.721!

    Von sexuellen Zwischenstufen zu Nicht-Binären

    Praktisch erachtete er Geschlecht jedoch als Kontinuum mit männlich und weiblich als die beiden Extrempole. Alle Menschen hätten demnach eine Mischung aus weiblichen und männlichen Merkmalen, die meisten würden sich aber eher an den beiden Enden dieses Kontinuums ansammeln. Aber viele auch mehr in der Mitte. Und diese Menschen nannte er sexuelle Zwischenstufen!

    Die Theorie der sexuellen Zwischenstufen gab Menschen erstmalig wissenschaftlich die Möglichkeit, sich außerhalb der Geschlechterbinarität zu definieren. Also eben zum Beispiel auch nicht-binäre und gender non-konforme Menschen. Und das rund einhundert Jahre vor unserer Zeit.

    In seinem Institut in Berlin legte Hirschfeld zudem ein gigantisches Archiv und eine Bibliothek zu Geschlecht und Sexualität an. Eine riesige globale Wissensansammlung, die sich in Berlin konzentrierte. Und das sollte dann auch die Gefahr für dieses Wissen und die noch junge Bewegung darstellen…

    Die Nazis waren der Grund für das Drama der queeren Historie

    Denn wenn es gesellschaftliche Debatten um Nicht-Binarität schon vor rund einhundert Jahren gab, warum glauben heute so viele Menschen, dass dies ein neuer Trend sei?

    Weil auf diese liberale Zeit die Nazis folgten! Als sie 1933 die Macht ergriffen, war das Institut eines der ersten Orte, die sie angriffen. Im Film „Ein ganzes Leben“ von Alexandra Ripa erzählt Adelheid Schulz, die damals am Institut Haushälterin war:

    „Ich sehe heute noch die Horden… Ich saß alleine auf dem Schreibtisch von Hirschfeld und hab zugesehen, wie zwei Nazis auf mich zukamen und meinten: ‚Wir wollen den Juden Hirschfeld haben!‘“

    Der war jedoch auf einer Weltreise und kehrte auch nicht mehr nach Deutschland zurück. Also fingen sie an, sein Institut zu zerstören. Das Archiv, die Bibliothek, die wissenschaftlichen Untersuchungen und Abhandlungen: Alles fiel den Nazis zum Opfer.

    „Hirschfelds Büste wurde auf einem großen Stock oder einer Stange von den Nazis vorweg getragen. Ich hab das gesehen. Und mir kamen die Tränen! (…) Alle waren sie weg gezogen, weil sie Angst hatten, sie würden mitgenommen werden, weil sie homosexuell waren. Ich hab dann noch bis Juli hier gewohnt. Und dann… war’s vorbei!“

    Die Bücher und Papiere, die die Nazis aus dem Institut entfernten, wurden bei der berüchtigten Bücherverbrennung unwiderruflich zerstört. Damit erlitt nicht nur die Wissenschaft in Deutschland einen herben Rückschlag. Es war eine Auslöschung des Großteils des globalen Wissens um geschlechtliche Diversität.

    Magnus Hirschfeld (rechts) sitzt auf einem Sofa mit seinem Partner Tao Li.
    Magnus Hirschfeld (rechts) mit seinem Partner Tao Li. (Foto: Wellcome Images, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

    Das verschollene Erbe

    Das Wenige, das Hirschfeld vor den Nazis retten konnte, vererbte er nach seinem Tod 1935 an seine beiden Partner Karl Giese und Li Shiu Tong (oder auch Tao Li genannt). Giese hatte etwas später einen neuen Partner und lebte mit ihm in Osteuropa. Allerdings nahm er sich das Leben, als die Nazis den Osten überfielen. Er wollte einer Festnahme durch die Nazis zuvorkommen. Sein Partner wurde von den Nazis erwischt, kam in ein Konzentrationslager und wurde dort ermordet. Der Teil von Hirschfelds Erbe ist seitdem verschollen. Vielleicht ebenfalls zerstört.

    Tao Li hat es geschafft, den Nazis zu entkommen. Nach dem Krieg kontaktierte Deutschland ihn, um ihm als Hirschfelds Erbe Reparationen anzubieten. Doch er weigerte sich, mit dem Land zu kommunizieren, das seinen Partner zerstörte. Und danach wussten nur noch wenige, wo er sich aufhielt.

    Die Jahre vergingen. Jahrzehnte.

    Und dann passierte 1993 plötzlich etwas in Vancouver in Kanada: Im Müllcontainer seines Gebäudes fand ein Mann plötzlich zwei Koffer voller deutscher Papiere, Bücher, Tagebücher und Fotografien. Dies kam ihm seltsam vor. Er fischte es aus dem Müll und postete etwas in der frühen Version des Internets: Ob es denn für jemanden von Interesse sein könnte?

    Fast 60 Jahre bis zur Wiederentdeckung

    Fast ein Jahrzehnt verging bis Ralf Dose von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft in Berlin diesen Post Anfang der 2000er fand. Er kontaktiere den Mann und glücklicherweise hatte dieser noch alles aufgehoben. Ralf Dose flog nach Kanada und brachte das Wenige von Hirschfelds Erbe, das nicht durch die Nazis zerstört wurde, zurück nach Berlin.

    Was war passiert? Tao Li reiste nach dem Krieg um die Welt, um Hirschfelds letztem Wunsch gerecht zu werden: Sexualwissenschaft in der Welt verbreiten. Doch er fühlte sich etwas überfordert. Allerdings hatte er stets diese beiden Koffer mit dabei. Zwei Koffer voll mit den Sachen, die Hirschfeld vor den Nazis retten konnte und an ihn vererbte. Irgendwann ließ er sich dann in Vancouver in Kanada nieder – im gleichen Gebäude, in dem auch dieser Mann lebte. 1993 starb Tao Li dort. Und die Menschen leerten seine Wohnung und schmissen alles in den Müll. Ohne zu wissen, was sie dort eigentlich weg warfen.

    Hätte dieser Mann diese beiden Koffer nicht aus dem Müll gefischt, wären die letzten Überreste der weltweit ersten queeren Emanzipationsbewegung – und damit auch die ersten wissenschaftlichen Theorien und Nachweise zur geschlechtlichen Nicht-Binarität – für immer verloren gewesen.

    Das ist das, was ich das Drama der queeren Historie nenne. Beim Thema Gender Diversity und Nicht-Binarität kommen wir in der gesellschaftlichen Debatte erst heute wieder langsam dort an, wo wir schon vor rund 100 Jahren standen. Deswegen erscheint es für viele Menschen so „neu“ – obwohl es das nicht ist. Die Nazis haben damals alles zerstört und die Bewegung und Wissenschaft um Jahrzehnte zurückgeworfen. Ich bin mir deswegen sicher: Wären die Nazis nie passiert, wir würden heute ganz anders – viel fortschrittlicher, akzeptierender und selbstverständlicher – über (und vor allem mit) nicht-binären Menschen sprechen!

  • Scham und Queer Pride

    Scham und Queer Pride

    Empathy can’t exist where shame does.

    Renée Brown

    „Wo es Scham gibt, kann es keine Empathie geben.“ Was ist eigentlich Scham, woher kommt sie? Bestimmt nicht von selbst. Nein, wir werden „be-schämt“. Die negativen Reaktionen unserer sozialen Umwelt auf alles, was nicht cis-gender- und heterokonform ist prasseln in Form von Beschämung und Erniedrigung auf uns ein. Wenn wir beschämt und erniedrigt werden, dann tut das weh, arg weh. Und um diesen Schmerz abzustellen, ändern wir unser Verhalten, unser innerstes authentisches Selbst. Alles, damit die schmerzhafte Beschämung und Erniedrigung aufhört.

    Dabei wollen wir einfach nur da sein dürfen, willkommen sein, so wie wir sind. Es sieht dann so aus, als ginge das nur, wenn wir uns verstellen, zurückstutzen, anpassen. Und das einzige uns bekannte Mittel, um so etwas Starkes wie unsere eigene Identität, den Ausdruck unserer eigenen Person zu unterdrücken und umzuformen, ist Beschämung und Erniedrigung. Wir haben die Stimmen, die Gesten, die Drohungen im eigenen Kopf. Wir haben den Selbsthass, die Negativität, die Scham verinnerlicht.

    Gleichzeitig sehnen wir uns nach Empathie, nach Verständnis dafür, was es bedeutet, in dieser Welt LSBTQIA+ zu sein. Wie es war, unseren persönlichen Weg zu gehen. Diese Wege waren für jede*n von uns unterschiedlich, und auf unterschiedliche Weise hart. Auch wenn er nach den tausenden Malen, die RuPaul diesen Satz schon gesagt hat abgedroschen klingt, ist er immer noch genauso wahr:

    If you can’t love yourself,
    how in the hell are you going to love somebody else?

    RuPaul

    „Wenn du dich nicht selbst lieben kannst, wie zum Teufel willst du dann jemanden anders lieben?“ Schaue ich so viel Drag Race, damit ich diesen Satz hören darf? Ich habe ihn schon dutzendmal gehört, und jedes Mal trifft er mich trotzdem wieder ins Herz, wenn ich ihn denn reinlasse. Ach ja, denke ich, stimmt, hatte ich schon wieder vergessen. Hatte mich doch wieder irgendwie selbst schlecht gemacht, im eigenen Kopf. Die Scham sitzt tief.

    Ein kleiner Blick zurück …


    Müsste doch jetzt mal gut sein, vorbei sein. Ich hatte doch mein erkämpftes Coming Out. Auch wenn ich schon 28 war (ist das ein Zeichen dafür, dass es wohl hart gewesen sein muss, davor?). Ich hab‘ mich doch dann auch gleich ehrenamtlich engagiert in der Community – das war 1994, es gab so viel zu tun, Massageprojekt für Menschen mit AIDS (da war es noch AIDS), die kaum noch jemand berührt hat, Coming-Out-Selbsthilfegruppen, queeres Festival.

    Dann hab‘ ich mir entschieden mein ganz „normales“ schwules Leben aufgebaut. Beim dritten Anlauf endlich eine solide Partnerschaft: den nehm‘ ich und halt ihn fest! Schwule Freunde besucht, gegenseitig – Dinner Partys, und natürlich meine Lieblingslesben in der Wahlfamilie. Vielleicht ein gemeinsames Kind wie David&Michael mit Patrizia&Claire? Nee, das schaff ich nicht. Aber `nen Hund, ja, und gemeinsam renovieren, der Nestbau, jedes Wochenende! Kaum noch in der Szene unterwegs, aber wenigstens einmal im Jahr beim Pride-Umzug dabei, und beim queeren Picknick im Stadtpark. Selbstbewusst reisen als schwules Paar: Ha! Natürlich wollen wir ein Doppelbett.

    Dann haben sie es nach und nach endlich gemacht, wonach ich mich als Teen unterbewusst gesehnt hatte: sie kamen „raus“. Schauspieler*innen und Musiker*innen, ein paar auch in der Politik, einzelne sogar im Sport. Antidiskriminierungsgesetze am Wunschferienziel– jetzt können wir ja auch mal nach sosundso fahren, da ist’s jetzt auch OK.

    Und jetzt noch die eingetragene Partnerschaft oder sogar Ehe – gesamtgesellschaftliche Reinwaschung der historischen Sünden – ja gut, aber wir nur wegen der Steuer, Krankenhaus und so. Für unsere Liebe brauchen wir das nicht, die haben wir uns schon längst selbst zusammengeschmiedet.

    Ich bin stolz auf mein schwules Leben. Ich bin zwar kein*e Vorkämpfer*in, kein Stein im Schuh der Mächtigen, aber das alles war trotzdem gegen den Strom geschwommen. Also alles Stolz und keine Scham mehr? Gar keine?

    Also alles Stolz und keine Scham mehr? Gar keine?

    Zieh ich mich so an, wie ich’s wirklich gern tun würde? Wie das Kind mit 8 oder 9, das zu seiner in den Ferien am Seekiosk vom Taschengeld erstandenen rot-weißen Kapitänsmütze unbedingt noch ein knallrotes Hemd und eine persilweiße Jeans haben wollte. Und die Großen es unbeholfen und mit Sorgenfalten auf der Stirn wieder auf ihre Schiene bugsiert haben. „Nee du, lieber nicht, ist doch kein Fasching jetzt, du willst doch nicht ausgelacht werden, oder?“ Ich weiß nicht, wie sehr das Kind sich heute noch im Zaum hält, es ist schon eine so alte Gewohnheit.

    Und misch‘ ich mich denn konsequent ein, wenn jemand sexistisch, rassistisch, able-istisch, oder gar LSBTQIA+-feindlich angemacht wird? Ertappe ich mich nicht stattdessen sogar bei Gedanken, die Person hätte ja hier in der S-Bahn nicht ganz so in your face queer auftreten müssen? Was kann diese Zurückhaltung, dieses Fremdschämen anderes sein als das kleine Teufel*inchen der Restscham, das mir immer noch im Nacken sitzt?


    Pride rein, Scham raus?

    Scham ist was anderes als Schuld. Schuld heißt, du hättest das nicht tun dürfen. Scham geht an die Substanz. Scham heißt, du darfst das nicht sein. Und das heißt, du darfst etwas nicht, über das du keinen Einfluss hast. Du bist gefangen, denn du bist wie du bist, aber darfst es nicht sein. Eine Scham-Sackgasse.

    Und wo geht’s raus? Wie bei jeder Sackgasse nur mit umdrehen und sich stellen. Also Queer Pride als Gegengift für Scham, aber wie geht das? Wenn ich über die Schwelle trete in einen queeren Raum, einen sicheren Raum, dann passiert was mit mir. Egal ob es ein Online-Chat mit einer Person aus meiner LSBTQIA+ Wahlfamilie ist oder ein Haufen echter, warmer, queerer Körper vor, hinter und neben mir, auf einer Demo gegen Rechts oder beim Feiern. Irgendwas fällt von mir ab. Ich bewege mich anders, ich rede anders, ich lasse etwas zu in mir. Besonders wenn ich unter Leuten bin, die einen Teil meines Wegs, meines Rauskommens aus der Scham mit mir gegangen sind.

    Besonders wenn schlimme Sachen passieren, wie körperliche Angriffe und Morde gegen eine*n von uns, wenn sie uns einteilen wollen in akzeptable und inakzeptable queere Menschen, wie bei der aktuellen Anti-Trans-Stimmungsmache, dann heißt das, wir brauchen uns wieder mehr. Dann müssen wir uns wieder tiefer in die Augen schauen und sehen wer wir sind, und uns zurufen „Wir halten zusammen, wir gehen keinen Schritt zurück, ich steh bei dir und du bei mir. Ich verlass‘ mich auf dich und du dich auf mich.“ Wenn das passiert, dann hat Scham erstmal keine Chance. Dazu brauchen wir unsere queeren Räume, in denen wir uns begegnen, in denen wir diesen Schwur erneuern können. Aber auch das reicht nicht ganz.

    Vor lauter Glück und Ungestüm über die eigene Selbstfindung stolpern wir. Weil wir vergessen, dass wir noch Gepäck dabei haben. Wir sind alle in dieselbe cis-und heteronormative, sexistische, rassistische, able-istische Soße getaucht worden. Besonders mit der Scham über die eigene „Weiblichkeit“, die wir nach den Erniedrigungen und Drohungen als junge Menschen verinnerlicht haben, haben wir uns als schwule Männer nicht genug auseinandergesetzt. Sie steckt verzerrt und verworren in schwulen Stereotypen und Konventionen. Warum müssen wir eigentlich extra darauf hinweisen, dass Tunte genauso gut ist wie Leder, warum musste sich das Label Power-Bottom überhaupt erst entwickeln? Wir murksen doch immer noch in den alten Hierarchien rum. „No femboys, no Asians“ bedeutet dann doch auch „no ME“!

    Es gibt auch eine interne Homonormativität, in die sich jede Person einsortieren soll, wenn sie dazugehören will. Wenn sie das nicht tut, wird sie dafür beschämt.

    Ich denke es gibt nicht nur Heteronormativität, also den Zwang, sich entweder den Lebensformen der Heterowelt zu orientieren, oder anders, außen vor, getrennt, komisch, besonders etc. zu sein. Es gibt auch eine interne Homonormativität, die vermittelt, dass es bestimmte Formen schwulen Seins und schwulen Lebens gibt, in die sich jede Person einsortieren soll, wenn sie dazugehören will. Wenn sie das nicht tut, wird sie dafür beschämt. Dann ist sie auch wieder anders, draußen, getrennt, komisch, besonders.

    Scham isoliert. Jemanden beschämen bedeutet, die Person herauszustellen, aus dem sozialen Verbund zu lösen, sie vor anderen „vorzuführen“. Das ist besonders erniedrigend und deswegen so schmerzhaft, weil ihr dabei der Schutz der Verbundenheit mit anderen gewaltsam entrissen wird.

    Deswegen will ich Queer Pride nicht nur für mich, als Gegengift für meine eigene Scham, sondern auch für dich, und für dich, und für dich auch. Ich will nicht nur stolz auf mich sein, auf meinen Weg. Ich will stolz darauf sein, dass du dich nicht versteckst, gerade weil du so anders queer bist als ich. Ich will mir vorstellen, was du überwinden musstest, was du immer noch täglich überwinden musst, um du selbst zu sein.

    Vielleicht bist du oft die einzige Person mit der dunkleren Hautfarbe. Vielleicht wirst du deswegen entweder gemieden oder fetischisiert. Vielleicht musst du dir Frauenwitze anhören. Vielleicht wirst du falsch gegendert. Vielleicht kommst du gar nicht erst rein in den „sicheren Raum“ in deinem Rollstuhl, oder du kannst meine Lippen nicht lesen, weil ich hinter dem Bierglas rumnuschele. Vielleicht bist du oft traurig und hast Angst, traust dich nicht vor die Tür. Erst wenn ich das erkenne, wenn ich dich danach gefragt habe, womit du zu kämpfen hast, dann macht Community Sinn. Dann wird mir erst warm ums Herz. Dann erst fühle ich mich so richtig verbunden mit dir, dann spüre ich erst, wie sehr ich dich brauche. Dass ich nicht schamlos sein kann, wenn du nicht auch schamlos sein kannst.

    Erst wenn ich das erkenne, wenn ich dich danach gefragt habe, womit du zu kämpfen hast, dann macht Community Sinn.

    Also, ist Queer Pride das Gegengift für Scham? Ich denke schon. Mit meinem Stolz, dem Bewusstsein meiner eigenen Geschichte, meiner eigenen täglichen Kämpfe mit der Scham fängt es an. Aber noch viel wichtiger ist mein Stolz auf dich. Mein Stolz darauf, dass ich dich kenne. Dass ich deine Geschichte kenne. Dass ich weiß, was du überwunden hast, und woran du gescheitert bist. Dass ich weiß, dass du genau deshalb hier bist und weiter darum kämpfst, du selbst zu sein. Wenn ich dich stärken kann, dir zujubeln kann, dann hat meine eigene Scham keine Chance, dann schaue ich nicht auf sie, dann hat sie keinen Platz.

    Nutzen wir also den Raum, den wir uns in der Pride-Saison 2024 nehmen und mit unserem Stolz füllen. Frag mich, worauf ich stolz bin, was ich überwunden habe, um hier mit dir feiern zu können. Frag mich, was ich von dir brauche, um hier schamlos ich selbst sein zu können. Dann feiern wir uns. Nicht nur, weil es Sommer ist und wir es jedes Jahr tun, sondern weil wir jetzt voneinander wissen, was es hier wirklich zu feiern gibt.

    Ich bin stolz auf dich.