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  • Mein Weg aus der Dunkelheit einer schwulen Missbrauchsbeziehung

    Mein Weg aus der Dunkelheit einer schwulen Missbrauchsbeziehung

    Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um emotionalen und psychischen Missbrauch, Depressionen und selbstverletzendes Verhalten. Wenn das etwas ist, was dich belasten könnte, dann verzichte bitte auf diesen Artikel oder lese ihn nur mit Vorsicht und Self-Awareness.

    Wenn dir jemand zeigt, wer er ist, dann glaube ihm beim ersten Mal.

    Maya Angelou

    Eigentlich hätte ich schon früh diese gigantische Red Flag, dieses Alarmzeichen erkennen müssen. Eigentlich. Hier war ich nun, rund 10.000 Kilometer von zuhause entfernt, auf der anderen Seite der Welt, verloren mitten in der Nacht in einer mir völlig unbekannten Stadt, emotional aufgelöst, verwirrt, beängstigt, fast schon traumatisiert. Rausgeworfen von jemandem, der nur wenige Sekunden zuvor völlig unerwartet im wahrsten Sinne des Wortes explodierte. Rausgeworfen von dem Mann, dem ich vertraute. Eigentlich hätte dies das Alarmsignal sein sollen, das mir die Augen öffnete. Doch das war es nicht. Im Grunde war es erst der Anfang einer lang anhaltenden, traumatischen Beziehung, die mich tief in die Depression stürzte.

    Ich traf Mike, der eigentlich anders heißt, gut zwei Monate zuvor in Berlin. Er war zu Besuch, wir hatten ein erstes Date. Viele weitere folgten, wir sahen uns fast jeden Tag während seines Aufenthalts in der Stadt. Er war aufmerksam, charmant, eigentlich schon zu charmant. Da war schon so ein kleines Bauchgefühl, dass dieser übertriebene Charme suspekt sei. Aber ich war nicht in der Lage, auf dieses Bauchgefühl zu hören. Heute weiß ich: Er betrieb Love-Bombing.

    Love-Bombing
    Beim Love-Bombing wird eine Person mit übermäßiger Zuneigung und Aufmerksamkeit überhäuft, um Kontrolle über sie zu erlangen. Love-Bombing ist eine Form des emotionalen Missbrauchs. Es geht nicht primär darum, der anderen Person etwas Gutes zu tun, sondern um sie emotional abhängig zu machen.

    Am letzten Tag seines Berlin-Urlaubs gestand ich ihm, dass ich mich in ihn verliebt hatte. Und er lud mich ein in seine Heimat. Zwei Monate später war es dann so weit und ich saß im Flieger um die halbe Welt. Die ersten Tage waren noch schön. Doch dann passierte das Warnzeichen, das mir eigentlich hätte viel weiteres Leid ersparen sollen.

    Wir fuhren mit zwei Freunden von ihm zum Abendessen in ein Restaurant. Während des Essens fing Mike an, mir unerwartete Fragen zu stellen: „Was ist die Hauptstadt von Rumänien? Was ist die Hauptstadt von Neuseeland?“ Und so weiter. Dabei grinste er süffisant. Er versuchte mich vor seinen Freunden bloß zu stellen. Zwar wusste ich die Antworten auf einige seiner Fragen, aber ich wollte sie nicht beantworten, denn es ging an die Substanz einer tiefen Überzeugung von mir: Dass der Wert eines Menschen nicht dadurch definiert wird, wie viel er weiß, oder wie intelligent er ist. Mike wusste das, denn wir hatten uns schon darüber unterhalten. Und die Art, wie er diese Fragen stellte – mit dem süffisanten Lachen – spielte genau diese Überzeugung an. Sowie auf den Umstand, dass er, im Gegensatz zu mir, schon viel um die Welt gereist war. Es war äußerst unangenehm und verwirrend. Ich verstand nicht, warum es ihm plötzlich Spaß machte, mich vor anderen bloß stellen zu wollen.

    Nach dem Abendessen fuhr er seine beiden Freunde nach Hause. Er und ich wollten hingegen noch in eine Bar fahren. Nachdem wir uns von seinen Freunden verabschiedet hatten, fuhren wir weiter. Während wir alleine in seinem Auto waren, sagte ich ihm, dass ich das nicht in Ordnung fand, wie er mich im Restaurant behandelte. Und dann passierte es. Völlig unerwartet explodierte er auf eine Weise, wie ich es noch nie erlebt hatte. Und er schrie: „WIR HATTEN EINFACH NUR SPASS! ABER DU MUSSTEST JA SOLCH EIN IDIOT SEIN! DU HAST DEN GANZEN ABEND RUINIERT! ICH HALTE DICH NICHT AUS, DU BIST EINFACH ZU VIEL!“ Und dann warf er mich aus dem Auto.

    Die Hölle kennt keine Wut wie die einer angepissten narzisstischen Person. Toxische, anspruchsdenkende und narzisstische Menschen können ihre Emotionen nicht kontrollieren, und wenn irgendetwas ihren Sinn für Ordnung, Privilegien, Ansprüche, Gerechtigkeit oder Bequemlichkeit bedroht, schlagen sie explosionsartig um sich. (…) [Ähnlich dürfen überempfindliche Menschen] Witze auf Kosten anderer machen, aber sobald jemand sie kritisiert, ist das das Ende der Welt. Sie haben zwei Maßstäbe: die Art, wie sie andere Menschen behandeln dürfen, und die Art, wie sie erwarten, behandelt zu werden.1

    Ramani Durvasula

    Da stand ich nun also, mitten in der Nacht in einer mir völlig unbekannten Stadt. In einer Stadt, in der es zumindest damals noch nachts unsichere Viertel geben sollte. Was war soeben passiert? Ich war verwirrt, erschrocken, beängstigt. Noch nie wurde ich so angeschrien. Heute, mit meinem angesammelten Wissen über den wissenschaftlichen D-Faktor, über Narzissmus, die Psychologie von Missbrauchsbeziehungen, über die dunkle Triade, Trauma-Bindungen, Gaslighting und emotionale Apokalypsen, würde ich das spätestens hier sofort durchschauen. Aber dieses Wissen hatte ich damals nicht.

    Emotionale Apokalypse
    Als „emotionale Apokalypse“ beschreibt man in der Regel das Ausnutzen einer Schwachstelle eines Menschen, die dieser Mensch emotional als hochgradig schmerzhaft empfindet. Deswegen kann sie auch verschiedene Formen annehmen. In diesem Beispiel hier ist es ein extremer Wutanfall und explosives Schreien. Es kann aber auch zum Beispiel die Drohung des Verlassen Werdens sein, die Erinnerung an die schlimmsten Ängste eines Menschen, oder tagelanges demonstratives Anschweigen, das sogenannte „Stonewalling“. Es ist der Versuch, Kontrolle über eine Person zu erlangen und eine solch schmerzhafte Erfahrung, dass das Opfer alles tun wird, um sie in Zukunft zu vermeiden. Und damit aus Angst auch Missbrauch zulassen kann.

    Alles, was ich damals hatte, um Sinn aus dieser Situation zu machen, war mein Wissen darüber, dass die meisten Menschen zu Empathie fähig sind und auch gut und empathisch sein wollen. (Und in meinem Kopf bedeutete implizit „die meisten Menschen“ alle Menschen.) Wenn also jemand so aufgebracht reagiert, dann muss das doch sicher gerechtfertigt sein, oder? Niemand würde doch so wütend reagieren, wenn er nicht einen guten Grund dafür hätte? Und statt das problematische Verhalten von Mike zu verurteilen, fing ich an, mich selbst in Frage zu stellen. Hatte ich überreagiert? War es vielleicht wirklich nur ein harmloser Spaß? Hab ich vielleicht, ohne es zu merken, beim Essen gemotzt und damit den Abend wirklich ruiniert? „Ich halte dich nicht aus, du bist einfach zu viel!“ Stimmte das? Bin ich „zu viel“?

    Ich versuchte ihn anzurufen, um mich zu entschuldigen. Aber er nahm nicht ab. Ich schrieb ihm, dass es mir leidtut und dass ich falsch reagiert hatte. Keine Antwort. Ich versuchte ein Hotel zu finden, aber überall, wo ich nachfragte, war für die Nacht ausgebucht. Ich schrieb ihm wieder, entschuldigte mich immer und immer wieder, flehte ihn an, mich abzuholen. Keine Antwort. Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit verging. Aber mindestens eine Stunde, in der ich allein, verlassen, geschockt und verängstigt durch die Stadt wanderte. Panik machte sich bemerkbar. War ich so schlimm? Es muss so gewesen sein. Warum sonst würde er sich so verhalten? Tiefe Scham breitete sich in mir aus.

    Und dann antwortete er endlich. Er beschimpfte mich wieder und meinte, dass ich endlich aufhören soll zu schreiben. Und dass er mich jetzt abholt.

    Er sprach kein Wort mit mir im Auto. Und so, wie ich mich fühlte und das Geschehene interpretierte, dachte ich, dass ich mich glücklich schätzen könnte, wenn er überhaupt noch einmal mit mir reden würde. Ich hatte keine Ahnung, dass genau das Gegenteil mir weitaus mehr Glück gebracht hätte. Denn dies war erst der Anfang.

    Durch die Dunkelheit: Ein Kampf gegen Gaslighting und die Schatten der Depression

    Fast drei Jahre später war ich nur noch ein Schatten meines früheren Selbst. Psychiatrische Diagnose: Eine mittelschwere Depression. Das kannte ich nicht wirklich. Klar hatte ich als Teenager depressive Phasen, vor allem vor meinem Coming-out. Aber welcher schwule oder queere Jugendliche hat diese nicht? Seit meinem Coming-out mit 16 Jahren waren mir Depressionen eigentlich fremd und ich war stets ein sehr fröhlicher und positiv eingestellter Mensch.

    Doch fast drei Jahre Beziehung mit Mike hatten mich emotional und psychisch so fertiggemacht, dass ich mich selbst nicht mehr wiedererkannte. Vor allem aber verstand ich (noch) nicht, warum ich überhaupt eine Depression hatte! Denn eigentlich konnte ich mich doch glücklich schätzen? Ich lebte in Berlin, meiner Lieblingsstadt, in einer tollen Wohnung. Ich hatte gute Freundschaften, sowie einen Job, der mich erfüllte. Und wie Mike mir ständig zu verstehen gab: Eine Beziehung, die so besonders war, dass die ganze Welt auf uns eifersüchtig war. Auch hier weiß ich es heute besser: Dies war nicht nur Größenwahn. Es war eine Projektion.

    Projektionen
    Projektionen sind ein essentieller Bestandteil von Narzissmus und vielen anderen toxischen Persönlichkeiten. Bei der Projektion werden negative eigene Anteile auf andere Menschen projiziert, um diese Menschen dann zu kritisieren und anzugreifen. Zum Beispiel können narzisstische Menschen sehr eifersüchtig sein. Diese Emotionen projizieren sie dann auf ihre*n Partner*in oder andere Menschen und werfen ihnen dann vor, selbst von Eifersucht zerfressen zu sein. Es geht darum, eigene verhasste Anteile zu verstecken, indem man sie bei anderen (oft fälschlicherweise) kritisiert.2

    Am Arm trug ich mittlerweile eine Narbe durch selbstverletzendes Verhalten. Die Wunde hatte ich heimlich selbst zugenäht, so sehr schämte ich mich für mein Verhalten und meine Depression. Über die vergangenen Monate hinweg hatte ich alles versucht, um die Depression los zu werden: Ausdauersport in der richtigen Herzfrequenz, Ernährungsumstellung, Meditation. Doch egal, was ich auch tat, es half nichts. Und noch immer verstand ich nicht, dass der Grund für meine Depression in meiner Beziehung lag. Dass es sogar einen Fachbegriff dafür gab: Gaslighting.

    Gaslighting
    Gaslighting ist eine weitere Form des emotionalen und psychischen Missbrauchs. Es ist eine oftmals sehr versteckte, heimliche Form des Missbrauchs, der in schweren Depressionen enden kann. Der Begriff stammt vom Theaterstück „Gaslight“ aus dem Jahr 1938 über einen Ehemann, der versucht, seine Frau psychisch zu destabilisieren, um sich an ihr zu bereichern. Im Theaterstück verursacht er das Flackern und Herunterdimmen des Gaslichts. Seiner Frau, die das bemerkt, erzählt er, dass diese verrückt sei, sich das nur einbilden würde und das Licht so hell sei wie immer.

    Gaslighting funktioniert vor allem dann, wenn das Opfer nicht merkt, dass es unter Gaslighting leidet. Es ist eine Form der Manipulation, bei der der Gaslighter versucht, sein Opfer davon zu überzeugen, dass es sich falsch erinnert, das eigene Verhalten oder die eigenen Motive falsch versteht oder falsch interpretiert und dadurch Zweifel in ihm weckt, die es verletzlich und verwirrt machen.3 Gaslighter nutzen diese Verwundbarkeit aus, um ihr Opfer immer wieder an sich selbst zweifeln zu lassen, mit dem Ziel, sie an sich und ihre Version der „Wahrheit“ zu binden und emotional abhängig zu machen. „Du weißt nicht, wer du bist. Aber ich weiß es“, meinte Mike wortwörtlich einmal zu mir.

    Doch in den seltensten Fällen ist Gaslighting so offensichtlich:

    Tatsächlich ist Gaslighting eine Art von heimlichem Tyrannisieren, das oft von Partner*innen, Freund*innen oder Familienmitglieder*innen ausgeübt wird, die darauf bestehen, dass sie Sie lieben, obwohl sie Sie hintergehen. Sie wissen, dass etwas nicht stimmt – aber Sie können es nicht genau benennen.4

    Robin Stern

    „Man ist immer am härtesten zu den Menschen, die man am meisten liebt“, meinte Mike ein anderes Mal zu mir – so als ob das seinen kontinuierlichen Missbrauch rechtfertigen würde, schließlich passiere es ja aus vermeintlicher „Liebe“.

    Gaslighting geschieht oft innerhalb enger, vertrauter Beziehungen über einen längeren Zeitraum hinweg. Anfangs ist das Opfer vielleicht einfach nur verwirrt. Nach einer Weile aber fängt es an, komplett an sich und seinem Geisteszustand zu zweifeln und die falsche „Realität“ des Gaslighters anzunehmen. Im Extremfall traut das Opfer der eigenen Wahrnehmung überhaupt nicht mehr und das, was der Gaslighter über das Opfer sagt, wird zur kompletten Wahrheit. Mit dem Ergebnis schwerer Depressionen.

    Mike hatte mich über die vergangenen drei Jahre hinweg auf viele verschiedene Arten gegaslightet. Jedoch war die weitaus destruktivste Form – und zugleich diejenige, die ihn entlarven sollte – seine Projektion der Eifersucht.

    Jedes Mal, wenn ich in den vergangenen drei Jahren mit Mike über etwas sprechen wollte, was mir in unserer Beziehung nicht gefiel, drehte Mike den Spieß um und warf mir Eifersucht vor. Eifersucht, die so tief sei, dass ich sie nicht einmal bemerkte.

    Mike war ein Mensch, der extreme Ordnung und Sauberkeit liebte. In seiner ursprünglichen Heimat hatte er eine Reinigungskraft, die fast täglich kam und das Haus säuberte und hotelähnlich herrichtete. In unserer gemeinsamen Wohnung in Berlin war es mir verboten, abends auf dem Sofa vor einer Serie einzuschlafen, während auf dem Sofatisch noch ein benutztes Glas von mir stand. Alles musste stets absolut perfekt aussehen – eben wie in einem neu eingerichteten Hotel. Und ich versuchte stets, seinen Wünschen gerecht zu werden.

    Wir hatten eine offene Beziehung. Eines Tages kam ich nach Hause und das Wohnzimmer war ein einziges Chaos: Überall lagen Kissen auf dem Boden verteilt. Das Sofa war halb auseinandergenommen. Und der Tisch war voll mit benutztem, schmutzigem Geschirr. Mike hatte ein Date und war mittlerweile mit ihm in seinem Zimmer. Normalerweise hätte mich das Chaos nicht gestört. Allerdings empfand ich es als unfair, dass Mike mich emotional bestrafte, als ich es wagte, auf dem Sofa einzuschlafen, mit einem benutzten Glas auf dem Tisch, während er sich selbst erlaubte, dieses Chaos anzurichten.

    Also teilte ich ihm später meine Unzufriedenheit mit dieser Doppelmoral mit. Das war noch relativ am Anfang unserer Beziehung. Noch wusste ich nicht, wann die emotionale Apokalypse folgte. Doch sie tat es hier prompt. Und inmitten dieser weiteren emotionalen Achterbahn, dieses Moments der emotionalen Verwundbarkeit, war das Gaslighting versteckt: Eigentlich ginge es mir nicht um eine Doppelmoral, wetterte Mike. Eigentlich ginge es hier um Eifersucht. Ich sei von Eifersucht auf sein Date regelrecht zerfressen. Und diese Eifersucht sei der wahre und einzige Grund für meine Kritik an ihm.

    Wie jeder Mensch kannte auch ich Eifersucht. Allerdings war ich nie jemand, der von Eifersucht „zerfressen“ war. Wenn ich Eifersucht empfand, war mir das in der Regel bewusst. Und ich versuchte, manchmal fälschlicherweise, allein damit klar zu kommen, Achtsamkeit auf das Gefühl zu lenken, um das dahinterliegende Bedürfnis zu verstehen, ohne die andere Person oder die Beziehung damit zu belasten. Aber das hier war kein Moment der Eifersucht.

    Dennoch: Das Gaslighting und die emotionalen Apokalypsen hatten bereits die ersten Ergebnisse eingefahren. Ich fing an, an mir selbst zu zweifeln. Schon wieder reagierte mein Partner, dem ich vertraute, mit einem gigantischen Wutanfall. Ich muss also wirklich eine Grenze überschritten und was falsch gemacht haben. Zudem will ein Partner doch das Beste für die Beziehung und kennt dich besser als viele andere Menschen. Warum sollte er mich also belügen? Vielleicht bin ich ja wirklich eifersüchtig und merke es nicht einmal? Manche Gefühle können ja sehr unterbewusst sein. Und so wirkte das Gaslighting. Über die Monate und vieler weiterer solcher Momente hinweg glaubte ich seiner Version von mir immer mehr und meinem eigenen Wissen über mich selbst und meinem Innenleben immer weniger. Und je mehr ich seinem negativen Bild über mich glaubte, je weniger ich mir selbst vertraute und je mehr ich dadurch den Zugang zu meinem wahren Selbst verlor, desto stärker wurde die Depression. Mike hatte die Kontrolle über mich, meine Emotionen und meine Psyche erlangt.

    [Gaslighting läuft in der Regel in drei Phasen ab: (1) Unglaube, (2) Verteidigung, (3) Depression.] Wenn Gaslighting zu Phase 3 fortschreitet, können die Ergebnisse wirklich verheerend sein. Zu diesem Zeitpunkt hat das Gaslighting Sie hoffnungslos, hilflos und freudlos gemacht (…) und Sie wandern in einer riesigen, unbekannten Wüste ohne Landkarten oder Orientierungspunkte. Sie können sich kaum noch daran erinnern, wer Sie waren, bevor die Gaslighting-Beziehung begann. Alles, was Sie wissen, ist, dass etwas furchtbar falsch ist – wahrscheinlich mit Ihnen selbst. (…) Der Gaslight-Effekt ist wahrhaft seelenzerstörerisch. Der vielleicht schlimmste Moment ist der, in dem man erkennt, wie weit man sich von dem entfernt hat, was man früher für sein bestes Selbst hielt – sein wahres Selbst. Sie haben Ihr Selbstvertrauen, Ihr Selbstwertgefühl, Ihre Perspektive und Ihren Mut verloren. Am schlimmsten ist, dass Sie Ihre Lebensfreude verloren haben.5

    Robin Stern

     

    Trauma-Bindungen
    Es ist für Menschen manchmal schwierig, sich von Missbrauchsbeziehungen zu befreien. Das kann unter anderem an sogenannten Trauma-Bindungen liegen. Trauma-Bindungen sind emotionale Bindungen zu einem Individuum (und manchmal auch zu einer Gruppe), die sich aus einem wiederkehrenden, zyklischen Muster von Missbrauch entwickeln. Diese Bindungen werden durch intermittierende Verstärkung mittels Belohnungen und Bestrafungen aufrechterhalten. Traumatische Verbindungen entstehen also infolge eines kontinuierlichen Zyklus von Missbrauch, bei dem die wechselnde Anwendung von Belohnung und Bestrafung starke emotionale Bindungen schafft, die schwer veränderbar sind. Dieser Zyklus kann durch drei Phasen beschrieben werden: In der Flitterwochenphase ist der Täter charmant, aufmerksam und betreibt Love-Bombing. In der Phase des Spannungsaufbaus wird der Täter immer unzufriedener und das Opfer kann nichts tun, um ihn zu besänftigen. In der Explosionsphase wird das Opfer schließlich verbal, emotional oder manchmal auch körperlich misshandelt. Anschließend beginnt der Zyklus wieder mit der Flitterwochenphase.

    Der entfesselnde Kampf: Aus den Schatten der Depression ins Licht der Selbstbefreiung

    Nach fast drei Jahren Beziehung zu Mike war meine Psyche ein Scherbenhaufen. Ich hatte kein Selbstbewusstsein mehr. Ich empfand kein Glück mehr. Und Selbstvertrauen war mir absolut fremd. Mikes Realität über mich hatte meine eigene Wahrheit komplett ersetzt. Ich sah mich selbst nur noch durch seine Augen. Doch dann passierte etwas, das ihn entlarven sollte und einen langwierigen, schmerzhaften, aber dringend notwendigen Befreiungskampf ins Rollen brachte.

    In Beziehungen mit narzisstischen und anderen toxischen Menschen dreht sich oft alles nur um die Bedürfnisse des Gaslighters. Ich selbst durfte nur Bedürfnisse haben, wenn sie mit denjenigen von Mike übereinstimmten. Im Laufe der Zeit hat Mike dafür gesorgt, dass ich mein Handeln, mein ganzes Leben auf seine Bedürfnisse ausrichtete. Zynischerweise hat er mir genau das dann auch immer zum Vorwurf gemacht: Ich sei regelrecht von ihm besessen. Es war der reinste Eierschalen-Lauf. Er zwang mich dazu, 24/7 auf seine Bedürfnisse zu achten und warf mir dann vor, zu viel auf ihn fixiert zu sein.

    Und extrem eifersüchtig war ich ja sowieso. Mike hatte mittlerweile einen Lover. Noah, aber auch er heißt eigentlich anders. Mike meinte schon lange, ich sollte auch einen haben, damit ich nicht mehr so auf ihn fixiert und eifersüchtig sei. Und zufällig entwickelte sich dann auch etwas mit einer anderen Person, die ich semi-regelmäßig traf. Nicht nur genoss ich die Zeit mit dieser Person, ich dachte auch erleichtert, dass Mike sich darüber freuen würde. Schließlich war es genau das, was er wollte. Dadurch würde ich, so mein Glaube, nicht mehr „so fixiert“ auf ihn sein und Mike könnte endlich aufatmen, weil ich ihn nicht mehr so sehr mit meiner Besessenheit ersticken würde. Jetzt würde alles gut werden, dachte ich.

    Doch eines Tages meinte Mike dann zu mir: „Du hast diesen Menschen doch nur, weil du eifersüchtig bist auf mich und Noah. Du versuchst mich zu kopieren!“ Es war ein unglaublich heftiger Schlag in den Magen. Heute, viele Jahre später, wirkt mein Handeln fast schon absurd auf mich. Aber zu dem Zeitpunkt hatte Mike solch eine Kontrolle über mich, mein Denken und Fühlen erlangt, und meine Wahrheit über mein Innenleben komplett mit seinem Gaslighting ersetzt, dass ich ihm das tatsächlich glaubte. All das, worauf ich meinen letzten Funken Hoffnung richtete, zerbarst und ich fing an zu weinen. Ich war am absoluten Tiefpunkt angelangt. Mike sah mich weinen und meinte mit verächtlicher Stimme: „Ja willst du etwa, dass ich dich belüge?“

    Es war dieser Vorfall, der das Blatt wenden sollte.

    Meine engste Freundin seit der Schulzeit hatte meinen psychischen Verfall über die letzten paar Jahre fast schon hilflos mit beobachtet. Romina versuchte ihr bestes, mir zu helfen, mich aufzurichten, mir bei der Suche nach einem Therapieplatz zu helfen, aber nichts half. Auch sie wusste (noch) nicht, dass meine Beziehung der Grund für meine Depression war. In ihrer Gegenwart war Mike stets charmant, unterhaltsam, verständnisvoll. Ein ganz anderer Mensch als der, der er war, wenn wir alleine waren. Und aus Scham erzählte ich ihr nicht, wie es war, mit Mike alleine zu sein. Doch es war die pure Verzweiflung, die mich dazu brachte, ihr von diesem Vorfall zu erzählen. Und da machte bei ihr plötzlich alles Sinn. Bereits einige Wochen zuvor hatte Mike mit ihr alleine über mich gesprochen. Es war der Versuch, mich bei ihr schlecht zu reden. Sie würde gar nicht sehen, wie krankhaft besessen ich von Mike sei. Romina wusste jedoch, dass das nicht stimmen konnte und war stutzig. Und als ich ihr dann von diesem Zwischenfall erzählte, dachte sie: „Er hält sich für Gott! Die ganze Welt dreht sich nur um ihn!“

    Als sie das nächste Mal in Berlin war, fing sie an, mit mir zu reden: „Jeff, ich glaube, dass Mike Narzisst ist. Und ich glaube, dass das der Grund für deine Depressionen ist.“ Natürlich kannte ich den Begriff Narzissmus. Allerdings wusste ich wenig Genaues darüber. Das sind doch so selbstverliebte Menschen? Warum sollte das bei mir Depressionen auslösen? Und als jemand, der sehr darauf bedacht ist, wissenschaftlich korrekt zu reden und zu handeln, wirkte es falsch, jemanden ohne Fachkenntnisse so zu diagnostizieren. Ich verstand damals noch nicht, dass Narzissmus, im Gegensatz zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung, keine Diagnose ist, sondern das Beschreiben eines kohärenten Persönlichkeits- und Verhaltensmusters, das mit vielen kontinuierlich vorhandenen bestimmten Merkmalen verbunden ist.

    Es fühlte sich falsch an, Mike so zu bezeichnen. Und ich erachtete weder sie, noch mich als qualifiziert genug für sowas. Doch Romina drängte weiter. Wir kannten uns seit über 15 Jahren und sie wusste ganz genau, in welche Richtung sie mich lenken musste: „Bitte versprich mir, dass du über Narzissmus recherchierst.“ Sie sagte damit genau das Richtige.

    Ich bin ausgebildeter Sozialwissenschaftler. Meine Leidenschaft für Wissenschaft war Fluch und Segen zugleich. Sie war ein Fluch, weil sie das war, was mich verwundbar für Mikes Missbrauch machte. Denn bis dahin war mein Menschenbild folgendes: Wissenschaftliche Untersuchungen hatten ergeben, dass die meisten Menschen zu Empathie fähig sind. Der Grund, warum dennoch so viel Leid auf der Welt passierte, war jener, dass Menschen innerhalb unterdrückender Strukturen (wie Rassismus, Sexismus, Speziesismus, oder Queerfeindlichkeit) sozialisiert sind. Im Rahmen ihrer Sozialisierung verinnerlichen Menschen diese Strukturen unbewusst und reproduzieren sie anschließend. Diese unterdrückenden Ideologien schalten also das den Menschen inhärente Mitgefühl ohne deren Bewusstsein aus, so dass sie oft gegen ihre eigenen Überzeugungen, gegen ihre Empathie handeln. Im Grunde wollen Menschen gut handeln. Also müsste auch Mike gut sein. Dieses Menschenbild war nicht falsch. Allerdings war es nur ein Teil der Wahrheit.

    Meine Leidenschaft für Wissenschaft war jedoch auch ein Segen, weil es das sein sollte, was mich schlussendlich von ihm befreite. Denn ich wusste, wie man korrekte Infos recherchierte. Also begann ich, mich in die Literatur über Narzissmus zu vertiefen. Und was ich herausfand, sollte mein Menschenbild für immer grundlegend verändern.

    Narzissmus
    Narzissmus, so wie die international anerkannte Psychologin und Narzissmus-Expertin Dr. Ramani Durvasula es definiert, ist ein Persönlichkeits- und Verhaltensmuster, das durch bestimmte, kontinuierlich anwesende Merkmale gekennzeichnet ist.6 Dazu gehören:

    (1) Interpersönliche Merkmale, wie Mangel an Empathie, Manipulation, Projektion, Lügen, mangelnder Respekt für Grenzen, Eifersucht, Gaslighting oder Kontrollsucht;

    (2) Verhaltensmerkmale, wie Oberflächlichkeit, Neid, Geiz oder Achtlosigkeit;

    (3) Dysregulierungsmerkmale, wie Wut/Zorn, Geltungssucht/Drang nach Bestätigung, Unfähigkeit allein zu sein, Unsicherheit/Zerbrechlichkeit oder Scham;

    (4) Antagonistische Merkmale, wie Größenwahn, Anspruchsdenken, passive Aggressivität, Schadenfreude, Arroganz, Ausbeutung, fehlende Verantwortungsübernahme oder Rachsucht;

    (5) Kognitive Merkmale, wie Paranoia, Überempfindlichkeit/Gereiztheit, mangelnde Einsicht/mangelndes Schuldbewusstsein, verzerrtes Gerechtigkeitsempfinden oder Scheinheiligkeit/Heuchelei.

    Der Kern von Narzissmus ist Mangel an Empathie, Anspruchsdenken (z.B. dass man Anspruch auf eine besonderere Behandlung als andere hat, oder die Regeln für einen selbst nicht gelten), Größenwahn, Sucht nach Bestätigung, Unsicherheit, sowie Dysregulierung. Narzissmus ist ein interpersonell toxisches Muster; das heißt, wenn es die vorherrschende Art und Weise ist, wie eine Person mit der Welt umgeht, dann ist es nicht gesund für die Menschen im engen Umfeld der narzisstischen Person.

    Narzissmus ist, im Gegensatz zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung, keine Diagnose. Mittlerweile gibt es Diskussionen in der Fachwelt, die narzisstische (und andere) Persönlichkeitsstörungen aus der nächsten Version des DSM, des diagnostischen und statistischen Manuals psychischer Störungen, zu streichen. Denn viele Expert*innen sind der Ansicht, dass eine Diagnose nur gestellt werden kann, wenn die Person erkennt, dass sie ein Problem mit negativen Auswirkungen auf ihr Leben hat. Die meisten Narzisst*innen erkennen jedoch weder ihren Narzissmus, noch sorgt dieser für Probleme bei ihnen. Ganz im Gegenteil: Es bringt sie oft in Positionen mit viel Macht. Stattdessen sind es die Menschen um sie herum, die unter dem Narzissmus leiden.

    Noch einmal: Die meisten Menschen sind zu Empathie fähig. Das stimmt nach wie vor. Was ich in meinem Menschenbild jedoch übersah, war der kleine Teil, der zu wenig bis gar keiner Empathie fähig ist. Es gibt Menschen, in deren Gehirnen zeigt sich in dem Bereich, in dem Empathie und Mitgefühl entsteht, keine Regung. Dazu gehören zum Beispiel Psychopath*innen. Aber auch manche Formen von Narzissmus. Dieser Teil der Menschheit mag vielleicht klein sein. Allerdings spielt er eine bedeutende Rolle im politischen und wirtschaftlichen Weltgeschehen. Tatsächlich finden sich in hohen Machtpositionen in der Politik und Wirtschaft überdurchschnittlich viele Menschen aus der sogenannten dunklen Triade. Wir haben ein soziales, politisches, und wirtschaftliches System erschaffen, das es solchen Menschen erleichtert, in hohe Positionen der Macht zu kommen, von wo aus sie dann das Schicksal dieser Welt und all seiner Lebewesen, einschließlich uns Menschen, beeinflussen.

    Wie sehr wir auch die Nase über Narzissmus rümpfen, als Gesellschaft belohnen wir es paradoxerweise. (…) Die zunehmende Unsicherheit in unserer Welt und die Plattformen, die daraus Kapital schlagen, wie z. B. das Konsumdenken, haben einen optimalen Nährboden für Narzissmus geschaffen, der sich immer weiter ausbreitet. Wenn der menschliche Wert ausschließlich durch äußere Anreize wie Erfolg bestimmt wird, haben Eigenschaften wie Empathie keine Chance.7

    Ramani Durvasula

     

    Die Dunkle Triade
    Als „dunkle Triade“ bezeichnen Psycholog*innen und Sozialwissenschaftler*innen die Persönlichkeitstypen Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus. Sowohl Narzissmus, als auch Psychopathie zeichnen sich durch einen Mangel an Mitgefühl aus. Der Unterschied besteht u.a. darin, dass der Kern des Narzissmus Unsicherheit und eine tiefsitzende Scham ist, die durch narzisstisches Verhalten überkompensiert werden sollen. Psychopath*innen empfinden jedoch weder Scham und Unsicherheit, noch Reue oder Schuldgefühle. Auch soziale Normen und Gewissen sind ihnen fremd. Manche Forscher*innen meinen, dass der Anteil an Psychopath*innen in Führungspositionen sechsfach höher ist, als in der Allgemeingesellschaft.8 „Sie rauben keine Bank aus, sie werden Bankenvorstand“, meinte der Begründer der Psychopathieforschung Robert D. Hare. Machiavellismus wiederum ist das Verfolgen eigener Ziele unabhängig davon, ob andere Lebewesen darunter leiden. Machiavellist*innen schätzen sich selbst weitaus realistischer ein als Narzisst*innen, weisen aber dennoch den gleichen Mangel an Empathie auf.

    Es dauerte ein wenig, bis ich im Rahmen meiner Recherchen die Verbindung zu meiner Depression herstellte. Doch eines Tages machte ich eine interessante Beobachtung. Romina war noch immer in Berlin und Mike wollte mit uns und seinem Lover Noah etwas unternehmen. Ich hatte keine Lust, meine Depression hinderte mich sehr daran, am sozialen Leben teilzunehmen. Doch als hatte sie schon eine Ahnung, drängte Romina mich dazu, zusammen mitzukommen. Und an dem Tag passierte es.

    An einem gewissen Punkt beobachtete ich Mike und Noah. Ich sah, wie Mike mit ihm umging, wie er seinen Charme spielen ließ. Und es war so, als würde mir plötzlich sein Verhalten mir gegenüber rückgespiegelt werden. In seinem Verhalten Noah gegenüber konnte ich plötzlich erkennen, wie Mike sich mir gegenüber verhielt, vor allem, wie er mich am Anfang unserer Beziehung mit seinem Charme um den Finger wickelte und manipulierte. Und in dem Moment, indem ich es außerhalb von mir an einer anderen Person beobachten konnte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich konnte plötzlich alles in Mike wiedererkennen, was ich während meiner Recherchen lernte. Es war, als ob plötzlich ein Zauber gebrochen sei: Von diesem Moment an würde sich meine Depression nach und nach lindern, bis sie bald komplett verschwinden sollte.

    Ich werde diesen Moment nie vergessen. Es war, als sei ein Fluch von mir abgefallen, als sei ich plötzlich innerhalb einer Sekunde aus einem schlimmen Albtraum erwacht und würde nun anfangen, mich zu erholen. Später würde ich dann noch über den Begriff Gaslighting stolpern. Und plötzlich fing alles an, Sinn zu machen: Warum ich in die Depression fiel. Warum ich sie nicht los wurde. Warum ich plötzlich all mein Selbstvertrauen verloren hatte.

    Allerdings stand ich erst am Anfang eines langen, schwierigen und beängstigenden Befreiungskampfes. Und ich verstand Narzissmus noch nicht ausreichend, um wirklich zu begreifen, was ich machen musste. Die ersten Wochen noch dachte ich, dass ich eine Art Freundschaft mit Mike behalten könnte. Er könne ja nichts dafür, dass er Narzisst sei und schließlich sei der Bann ja nun gebrochen. Doch das war ein naiver Trugschluss.

    Mike und ich waren bereits in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, damit Mike in Deutschland leben und arbeiten durfte. In der kurzen Zeit hatte er bereits eine Menge Schulden angesammelt. Schulden bei mir, weil er die Miete nie zahlen konnte. Schulden bei meinen Eltern, weil sie mir helfen mussten, da auch ich ihm irgendwann all meine Ersparnisse gegeben hatte, um zu helfen, seinen Teil der Miete zu zahlen. Ich weiß nicht mehr, wie viel er insgesamt schuldete, aber es waren über 10.000€. Und den Großteil davon hat und wird er nie zurückzahlen.

    Eines Tages schrieb Mike mir, dass er in Urlaub fliegen wolle. Ich schrieb zurück und fragte ihn, ob es nicht besser sei, zu versuchen, etwas mehr zu arbeiten, damit wir die Schulden bei meinen Eltern zurückzahlen konnten. Daraufhin blockierte er mich. Das war der Moment, wo ich verstand: Scheiße! Ich muss ihn loswerden! Ich wollte und konnte nicht zulassen, dass auch meine Eltern unter ihm leiden würden. Ich traf den Entschluss, ihn zu verlassen.

    Zur gleichen Zeit rief mich plötzlich ein Freund und Mitbewohner von Mike aus seiner alten Heimat an: „Ich wollte dich anrufen statt zu schreiben, weil Mike heimlich deine Nachrichten liest.“ Ich musste plötzlich daran denken, dass ich in letzter Zeit oft das Gefühl hatte, mein Handy lag nicht mehr dort, wo ich es zurückgelassen hatte. Oder daran, wie ich ihn einmal dabei erwischte, wie er sich irgendwie in den Facebook-Account seines Freundes eingeloggt hatte und dessen Nachrichten las. „Ich bin froh, dass du endlich anfängst zu merken, was wirklich los ist“, meinte er zu mir. Was er mir dann erzählte, ließ mir das Blut frieren. „Er hat Millionen an Schulden hier! Er ist im Grunde genommen vor seinen Schulden hier weggelaufen. Er hat über ein Jahr lang seine Miete nicht bezahlt, ohne es uns zu sagen. Unser Vermieter hat uns rausgeschmissen.“

    „Er liest heimlich deine privaten Tagebücher. Er redet hinter deinem Rücken schlecht über dich. Und er redet so, als ob das Geld deiner Eltern im Grunde seins wäre. Du musst jetzt handeln, und zwar schnell. Sei vorsichtig. Ich kenne ihn. Er kann gefährlich werden. Und es geht nur um ihn. Er ist sehr gut darin, Menschen zu täuschen. Er ist ein notorischer Lügner. Ich mache mir Sorgen um dich, also halte mich bitte auf dem Laufenden. Hast du einen guten Freund, der mit dir nach Hause gehen kann? Vergiss nicht: Wir stehen zu 100 % hinter dir. Wir unterstützen dich.“

    Ich zitterte. Am ganzen Körper. Ich nahm mein Telefon und suchte die Nummer seiner ehemaligen Vermieterin in Berlin. Mike hatte mir seit Monaten versichert, dass er seine Schulden an mich zurückzahlen kann, sobald er endlich die Kaution seiner früheren Vermieterin zurückbekommen hat. Diese wolle sie nicht auszahlen, weil sie behaupte, er hätte Sachen gebrochen, die sie erst ersetzen müsste. Sie klang überrascht und etwas verwirrt, als ich sie nach der Kaution fragte. „Die habe ich ihm schon vor Monaten zurückgezahlt!“

    Es war der finale Beweis.

    Ich atmete tief durch, nahm mein Handy, und ließ ihn wissen, dass es zwischen uns vorbei sei. Und dass ich möchte, dass er auszieht. Es folgte ein riesiger Wutanfall. Mit Drohungen. Ich fühlte mich nicht mehr sicher, nach Hause zu gehen und kam erst einmal bei zwei Freunden unter.

    Wenige Tage später stand Mike plötzlich unangekündigt in meinem Büro meiner Arbeitsstelle, wo ich alleine arbeitete. Er kam rein und versuchte auf mich einzureden, aber ich wies ihn ab. Und dann fing er an zu weinen.

    Unter anderen Umständen hätte jemand vielleicht Mitgefühl mit ihm gehabt. Aber ich merkte, an welchem Punkt er anfing zu weinen. Er fing an zu weinen, als er darüber sprach, was meine Eltern jetzt über ihn denken. Mike hatte mehrmals versucht, meine Eltern zu kontaktieren, nachdem ich ihn verlassen hatte. Doch die weigerten sich, mit ihm zu kommunizieren. Mike weinte nicht, weil er mich verloren hatte. Er weinte, weil er die Kontrolle darüber verloren hatte, wie andere Menschen ihn sehen. Es war eine ultimative narzisstische Verletzung.

    In der narzisstischen Beziehung geht es vor allem um Kontrolle: Kontrolle über das Bild der Beziehung in der Welt, Kontrolle über die Menschen in der Beziehung, Kontrolle über das Narrativ und Kontrolle über die Menschen, die als narzisstische Ressourcen dienen.9

    Ramani Durvasula

    Wenige Tage später begleitete ein weiterer Freund mich nach Hause, damit ich ein paar Sachen abholen konnte. Mike war da und schrie meinen Freund an. Alles sei seine Schuld, er hätte mich dazu gebracht, Mike zu verlassen. Es war eine unfassbar angespannte, beängstigende Situation. Mike versuchte auf mich einzureden, doch ich sah ihn kein einziges Mal an und versuchte mich darauf zu konzentrieren, alle benötigten Sachen einzupacken. Schlussendlich war es so weit und ich wollte so schnell wie möglich verschwinden. Doch als wir gehen wollten, lief Mike zwischen uns, versuchte mit einer Hand meinen Freund aus der Wohnung zu schieben und mich mit der anderen Hand in der Wohnung zu behalten. „DU BLEIBST HIER!“ Panik stieg in mir hoch.

    Ich weiß nicht, wie es passierte. Ich habe es definitiv nicht bewusst getan. Es war, als würde plötzlich mein Hirn ausschalten und mein Körper die Kontrolle übernehmen. Ich spürte, wie mein Körper sich aufrichtete, größer wurde, und endlich sah ich Mike mitten in die Augen. Meine Augen durchbohrten seine. Mein Mund öffnete sich wie von allein und als ich meine Stimme hörte, war es, als würde ich die Stimme einer fremden Person hören, die mir bis dahin völlig unbekannt war. Sie war tiefer als sonst. Viel bedrohlicher. Ich hatte diese Stimme noch nie in meinem Leben gehört: „Du lässt mich gehen – Und. Zwar. SOFORT!“ Mike sah mich kurz an, komplett still. Ich konnte ihm ansehen, wie geschockt er war, jedoch nicht minder geschockt als ich über mich selbst. Und absolut still, ohne ein weiteres Wort zu sagen, ließ er mich los und ich verschwand. Ein Jahr danach waren wir endlich geschieden. Mike und Noah heirateten kurze Zeit später.

    Der ehemals missbrauchte Partner verlässt die dunkle Wohnung stolz, dass er sich gewehrt hat.
    Illustration: Krishan Rajapakshe / 2024 (krishanrajapakshe.blog)

    Dunkle Persönlichkeiten: Narzissmus, Macht und der D-Wert

    Hier geht es nicht nur um gebrochene Herzen, betrügende Ehepartner*innen und abwertende Eltern; hier geht es auch um die Gesundheit unseres Planeten, unserer Spezies und aller Lebewesen.10

    Ramani Durvasula

    Ist Mike wirklich Narzisst? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch aber natürlich kann ich es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Was ich heute klar sehen kann, ist Mikes gigantische Unsicherheit, die er mit seinem Charm, seinem Gaslighting und seinen Lügen, seiner Manipulation, seiner Projektion und Wut, seiner Arroganz und seiner Kontrolle versucht hat, zu übertünchen. Und das spricht stark für Narzissmus. Der Kern von Narzissmus ist eine tief sitzende, unreife, schmerzhafte Unsicherheit, sowie das Gefühl von Scham. Narzissmus ist gleichbedeutend mit pathologischer Verunsicherung. Narzisstische Menschen sind in der Regel unfähig, sich dieser schmerzvollen Unsicherheit zu stellen unf ihr Narzissmus dient dazu, diese Unsicherheit zu verstecken.

    Wir können und sollten narzisstische Menschen mit umsichtigem Mitgefühl (aus der Ferne) betrachten, weil sie in Wirklichkeit sehr unsicher, unzufrieden und leer sind. Das kann kein einfaches Leben sein, und es ist zutiefst unangenehm. Leider verbringen sie die meiste Zeit ihres Lebens damit, dieses Unbehagen an anderen Menschen auszulassen. (…) Unsicherheit macht Menschen gefährlich – sehr gefährlich.11

    Ramani Durvasula

    Trotzdem gibt es auch zu viele Überschneidungen mit anderen toxischen Persönlichkeiten. Was ich aber sicher sagen kann: Mikes Persönlichkeit hat einen hohen D-Wert.

    Der Dunkle Faktor der Persönlichkeit
    Der „Dark Factor“ der Persönlichkeit (kurz: D) ist eine 2018 vorgeschlagene, vereinheitlichende, wissenschaftliche Theorie sozial und ethisch aversiver Persönlichkeitsmerkmale. Dazu gehören neben den Dunklen-Triaden-Persönlichkeiten Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus auch noch Sadismus, Egozentrismus, Egoismus, Gier, Boshaftigkeit, Anspruchsdenken, sowie moralische Entkopplung. Anhand eines wissenschaftlichen Fragebogens soll der D-Wert eines Individuums gemessen werden, der zwischen eins und fünf liegen kann. D ist definiert als die allgemeine Tendenz, den eigenen Nutzen zu maximieren – unter Missachtung, Inkaufnahme oder böswilliger Provokation von Nachteilen für andere –, begleitet von Überzeugungen, die als Rechtfertigung dienen. Je höher der D-Wert ist, desto „dunkler“, also sozial und ethisch problematischer sind die Persönlichkeitsanteile.12

    Menschen mit einem zu niedrigen D-Wert können, andererseits, leicht Opfer von Manipulation und Ausnutzung werden. Doch nicht nur diese Menschen müssen lernen, sich vor toxischen Beziehungen zu schützen. Ich sagte es bereits: Über Narzissmus, die dunkle Triade und den D-Wert zu lernen hat mir nicht nur dabei geholfen, mich aus meiner Missbrauchsbeziehung zu befreien, es hat auch mein Welt- und Menschenbild grundlegend verändert. Wir alle leiden unter Menschen mit einem hohen D-Wert. Denn die Tatsache ist: Unser aktuelles politisch-wirtschaftliches System belohnt diese Menschen.

    Eine Studie aus dem Jahr 2015 konnte nachweisen, dass die Eigenschaften und Verhaltensweisen von Zwölfjährigen ihren beruflichen Erfolg vierzig Jahre später besser vorhersagen können, als ihr IQ oder der sozioökonomische Status ihrer Eltern.13 Der Anteil an Psychopath*innen in Führungspositionen ist sechsfach höher als in der Allgemeinbevölkerung. Sechsfach!

    Gleichzeitig scheint es nicht nur, dass Menschen mit wenig Empathie leichter an Macht gelangen. Studien legen die Vermutung nahe, dass es umgekehrt ebenso funktionieren könnte: Viel Macht könnte in manchen Fällen dazu führen, dass Menschen weniger empathisch werden, auch wenn ein kausaler Effekt noch nicht nachgewiesen werden konnte: „Forschungen haben ergeben, dass Menschen mit Macht dazu neigen, sich wie Patienten zu verhalten, bei denen die orbitofrontalen Lappen des Gehirns (die Region der Frontallappen direkt hinter den Augenhöhlen) geschädigt sind, ein Zustand, der zu übermäßig impulsivem und unsensiblem Verhalten zu führen scheint. Die Erfahrung von Macht könnte man sich also so vorstellen, dass jemand den Schädel öffnet und den Teil des Gehirns entfernt, der für Empathie und sozial angemessenes Verhalten so wichtig ist.“14 Ein Kreislauf, bei dem Menschen mit wenig Empathie an mehr Macht gelangen, und durch diese Erfahrung noch mehr an Empathie verlieren.

    Viele Daten legen nahe, dass die Wahrscheinlichkeit für geringes Einfühlungsvermögen, geringes Interesse an anderen Menschen, für Anspruchsdenken, Stehlen und Mangel an ethischem Verhalten mit dem Grad an Reichtum steigt. Der Kapitalismus, insbesondere unsere heutige Form des Kapitalismus, ist vor allem auf Erfolg und Profit ausgerichtet. Unter diesen Bedingungen bedeutet die schiere Menge an sozialer Ungleichheit, dass wir keinen allgemeinen Anstieg des Glücks für alle erleben werden, selbst wenn sich die Wirtschaft verbessert.

    Empathie kann wirtschaftlich ineffizient sein.15

    Ramani Durvasula

    Ein profitorientiertes System hat ein einziges Ziel: Gewinne zu erzielen. Diesen Geist kann man nicht mehr in die Flasche stecken, und wir leben in einer Zeit enormer wirtschaftlicher Ungleichheit. Da die Tendenz besteht, dass toxische, narzisstische, anspruchsdenkende und in nicht wenigen Fällen psychopathische Menschen an der Spitze der Unternehmensleiter stehen, implizieren ihr Mangel an Empathie, ihre Grandiosität, ihr Egoismus, ihre Rachsucht und ihre Arroganz, dass sie kaum bereit sind, ihre Gewinne zu teilen, hohe Boni abzulehnen oder dafür zu sorgen, dass ihre Arbeitnehmer*innen, geschweige denn die Welt gut versorgt ist.

    Wohlhabende Menschen haben vielleicht keine Empathie und brauchen es, offen gesagt, auch nicht, da sie von den Herausforderungen der Welt und anderer Menschen besser abgeschirmt sind.16

    Ramani Durvasula

    Weltweit gewinnen machthungrige Rechtspopulist*innen und Rechtsextreme, sowie sogenannte „Anarchokapitalist*innen“ und Rechtslibertäre mit wenig Empathie an Zulauf. Trump, Johnson, Putin, Bolsonaro, Milei in Argentinien, Wilders in den Niederlanden, oder Björn Höcke hierzulande: In der Politik sind sie längst angekommen oder lenken sogar ganze Staaten. Auch in der Wirtschaft: Elon Musk, Peter Thiel, oder all die Menschen an der Spitze der Industrie fossiler Brennstoffe, die spätestens seit den 80er Jahren durch milliardenschwere Kampagnen Verschwörungserzählungen verbreiten, die den menschengemachten Klimawandel leugnen und die gesamte Weltbevölkerung gaslighten. Gleichzeitig haben sie bereits längst begonnen, sich Luxus-Bunker bauen zu lassen für den drohenden, von ihnen selbst herbeigeführten gesellschaftlichen und Klima-Kollaps.

    „Alaska oder Neuseeland?“ Das fragten Superreiche einst den Wissenschaftler Douglas Rushkoff17: „Wo soll ich meinen Luxus-Bunker bauen lassen, für die Zeit, wenn „The Event“ passiert?“ Und mit „The Event“ meinten sie den drohenden Weltuntergang: Der Klimawandel, die nukleare Katastrophe, gigantische Bürgerkriege – also das, was sie durch ihr Handeln und Wirtschaften selbst produzieren. Und wie könnten sie sicherstellen, dass ihr Personal, das für sie in diesem Bunker arbeiten soll, sich nicht gegen sie wendet? Man könnte ja zum Beispiel implantierte Chips benutzen, die ihnen Elektroschocks verpassen, wenn sie nicht das tun, was sie wollen?

    „Vielleicht könntet ihr ja einfach nett zu diesen Menschen sein“, antwortete Rushkoff. Nett zu anderen sein? Nett zum Angestellten, nett zur Nachbar*in, nett zu deren Familien? „Ja wo hört es dann auf?“ hat ein Superreicher dann gefragt, unwohl beim Gedanken daran, dass er zu allen nett sein müsste. Und ich glaube, diese Frage sagt mehr über das Schlamassel aus, in dem wir uns alle befinden, als die detailliertesten Studien.

    So schützt du dich

    Privilegien sind ein gesellschaftlicher Ausdruck von Narzissmus (…). Rassismus, Sexismus, Klassismus, Heterosexismus, Behindertenfeindlichkeit, Altersdiskriminierung und alle anderen Ismen sind allesamt Formen von Gaslighting – die Realität anderer anzuzweifeln und zu diffamieren, sie an sich selbst zweifeln zu lassen und so die Macht zu bewahren.18

    Ramani Durvasula

    Menschen mit einem hohen D-Wert richten unvorstellbare Schäden an der Welt an. Wir alle sind davon betroffen. Auch marginalisierte Menschen, wie LGBTQIA+. Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass Untersuchungen sozialer Ungleichkeit, von Intersektionalität, Macht und (Mehrfach-)Diskriminierungen neben Faktoren wie Geschlecht, Hautfarbe, sexuelle und geschlechtliche Identität, Herkunft oder Behinderung auch die Persönlichkeit mit in den Blick nehmen müssen. Denn wie ich beschrieben habe, ist die Persönlichkeit mit Prozessen der Macht verbunden.

    Aber nicht nur sind diese Faktoren miteinander verschränkt. Ich glaube auch, dass marginalisierte Gruppen – insbesondere queere Menschen – besonders vulnerabel für Gaslighting und Missbrauch sind. Als marginalisierte Gruppe werden wir oft genug von der Mehrheitsgesellschaft gegaslightet. Wir hören, dass unsere eigene Stigmatisierung “ja doch nicht so schlimm sei” oder dass wir “nicht so sensibel sein sollen”. Und als queere Menschen haben wir tragischerweise auch oft gelernt, dass Liebe bedingt ist. Eltern, die uns nicht wegen unserer Identität akzeptieren. Oder sogar Missbrauch im Elternhaus – getarnt als vermeintliche “Liebe”. All das macht uns verwundbarer für Missbrauchsbeziehungen.

    Wir alle müssen Vorkehrungen treffen, um uns so gut wie möglich davor zu schützen. Durch die unermüdliche Arbeit von Psycholog*innen wie der Narzissmus-Expertin Dr. Ramani Durvasula, gehören dazu folgende Ratschläge19:

    1. Verstehe dich, deine Biografie und deine Vulnerabilitäten: Menschen mit gewissen Merkmalen und Geschichten sind anfälliger dafür, Opfer von Narzissmus zu werden. Dazu gehören: der Hang, andere Menschen „retten“ zu wollen; eine Biografie mit Traumata; ein Übermaß an Optimismus und Positivität (das macht es uns schwer, zu erkennen, dass Menschen mit toxischen Persönlichkeiten sich nicht ändern werden); andauernd allen alles zu vergeben; als Kind von einem narzisstischen oder toxischen Elternteil großgezogen worden zu sein; als Kind in einer überdurchschnittlich glücklichen Familie aufgewachsen zu sein (diese Kinder denken als Erwachsene oft, dass sie andere Menschen einfach nur genügend lieben müssen und finden es schwer zu glauben, dass es manipulative, grausame Menschen gibt); sowie ein Übermaß an Empathie. Empathie ist gut und wichtig. Diese Welt braucht dringend mehr Empathie. Wenn du ein übermäßig empathischer Mensch bist, kann dich das jedoch verwundbar für narzisstischen Missbrauch machen und du benötigst Strategien, damit dieser schöne Teil von dir nicht missbraucht wird und verwelkt.
    2. Radikale Akzeptanz: Dazu gehört zum Beispiel die Erkenntniss, dass Narzisst*innen und andere toxische Persönlichkeiten sich nicht dauerhaft und ausreichend ändern können. In der Persönlichkeitspsychologie spricht man hier von der sogenannten Gummiband-Theorie. Diese behauptet, dass unsere Persönlichkeiten wie Gummibänder sind und gestreckt werden können, zum Beispiel wenn Narzisst*innen ihre Beziehungen bedroht sehen. Sie könnten sogar in eine Therapie gehen und sich für einige Monate oder ein Jahr verbessern. Aber wenn klar ist, dass der*die Partner*in bleibt, und sobald Narzisst*innen Stress erleben, schnallt das Gummiband in seine ursprüngliche Form und das narzisstische Muster kehrt zurück. Lerne, loszulassen, anstatt immer wieder zu vergeben.
    3. Praktiziere Liebe zu dir selbst: Vertraue deinem Urteilsvermögen und deinen Emotionen. Wenn wir uns selbst lieben und schätzen, lassen wir Menschen, die uns chronisch entwerten, nicht zu nah an uns ran.
    4. Lass dir Zeit: Wenn du neue Menschen kennenlernst, besonders beim Daten, dann überstürze nichts. Gib dir Zeit, die andere Person über mehrere Wochen oder Monate kennen zu lernen, bevor du sie näher in dein Leben lässt. Beobachte deine Gefühle, vor allem Unwohlsein oder ein schlechtes Bauchgefühl, das du dir vielleicht noch nicht erklären kannst. Falle nicht auf Oberflächlichkeiten wie Aussehen, Reichtum, Erfolg, Intelligenz oder Bildung rein. Beobachte die Empathie und das Verhalten der anderen Person, vor allem problematisches Verhalten: Wenn etwas zum ersten Mal passiert, ist es ein Ausrutscher, beim zweiten Mal ist es ein Zufall und beim dritten Mal ist es ein Muster.
    5. Bau deine Firewall gegen toxisches Verhalten auf und schütze deine Grenzen: Dazu musst du erst einmal deine Grenzen kennen und verstehen. Wenn möglich, lasse von vornherein keine toxischen Menschen in dein Leben.
    6. Halte an deiner eigenen Realität fest: Wenn sich etwas entwertend oder entmenschlichend anfühlt, dann werfe einen langen, kritischen Blick darauf. Trete sanft zurück und nimm dir einen Moment Zeit, um mit dir selbst über deine Realität ins Reine zu kommen. Wenn Meinungsverschiedenheiten zu einem persönlichen Angriff ausarten, geht es nicht mehr darum, Meinungen zu teilen; das ist Missbrauch. Und das bedeutet, dass es Zeit ist, zu gehen. Das gilt besonders dann, wenn du Teil einer gesellschaftlich unterdrückten Gruppe bist, die von der dominanten Kultur mit Gaslighting behandelt wird:
      „Wenn es der Welt erlaubt ist, uns zu gaslighten, dann sind wir anfälliger für individuelles Gaslighting, und dann sind wir anfälliger dafür, Narzisst*innen in unser Leben und sie dort zu lassen. Rassismus, Sexismus, Klassismus, Heterosexismus, Behindertenfeindlichkeit, Altersdiskriminierung und alle anderen Ismen sind alles Formen von Gaslighting – die Realität anderer anzuzweifeln und zu diffamieren, sie an sich selbst zweifeln zu lassen und so an der Macht festzuhalten.“
      – Ramani Durvasula
    7. Mach Therapie: Falls du die Möglichkeit dazu hast, dann nutze sie.
    8. Erkenne und (wenn möglich) vermeide sogenannte „Enabler“ („Ermöglicher*innen“): Das sind die Menschen in deiner Umgebung, die der toxischen Person nachsichtig gegenüberstehen: Familie oder Freund*innen, die dich beschämen, wenn du der narzisstischen Person nicht verzeihst, eine Gesellschaft, die dir sagt, dass du deine Beziehung nicht beenden oder schlechtes Verhalten anprangern darfst, Menschen, die das, was du erlebst, herunterspielen oder auf abgedroschene Erklärungen wie „Du bist auch nicht perfekt“, „Sie meinen es nicht böse“, „Ich hatte nie Probleme mit ihnen“ oder „Sie haben ihr Bestes getan“ zurückgreifen. Deshalb auch:
    9. Baue enge Verbindungen zu mitfühlenden Menschen auf, die für dich ein Safer Space sind: Das ist besonders deswegen wichtig, weil Narzisst*innen oft versuchen, ihre Opfer zu isolieren. Meine Befreiung von Mike wäre ohne die Freundschaften, die ich hatte, ohne Romina, ohne die Freunde, bei denen ich untergekommen bin, ohne meine Eltern, ohne die vielen anderen Freund*innen, an die ich mich wenden konnte, die mich gestärkt, zugehört, und uneingeschränkt unterstützt haben, nicht möglich gewesen.
    10. Kümmere dich um deinen eigenen Garten: Wir können nicht die Welt retten. Sei nett zu anderen, übe dich in Höflichkeit, suche nicht nach Kämpfen, und versuche, die Perspektive anderer Menschen zu verstehen. Aber vertreibe die toxischen Verhaltensweisen, Situationen und Menschen aus deinem Leben – im Wesentlichen: jäte Unkraut in deinem Garten, sonst töten sie alles, was du anpflanzt. Und wenn du zweite Chancen gibst, dann gib sie den Menschen, die sie verdienen. Höre auf, sie an Narzisst*innen zu verschwenden.
    11. Manage sie wenn du nicht ganz aus ihrem Leben verschwinden kannst: Dazu gehören folgende Strategien:
    12. Höre auf, ihnen deine Gutherzigkeit zu schenken: Sei zuvorkommend und hilfsbereit, und zwar oft, aber mit Menschen, die es verdienen. Toxische Menschen können nicht gerettet werden, und es ist nicht deine Aufgabe, dies zu tun.
    13. Vermeide DEEP wenn Menschen mit dunklen Persönlichkeiten dich angreifen: do not Defend (verteidige dich nicht), do not Engage (steige nicht in eine Diskussion mit ihnen ein, teile nicht deine Gefühle mit ihnen), do not Explain (erkläre dich nicht), do not Personalize (nimm es nicht persönlich). Don’t feed the troll. Lass dich nicht auf den Kampf ein. Narzisst*innen haben kein filterndes Einfühlungsvermögen, also kannst du keine Diskussion gegen sie gewinnen. Vor allem: Sage ihnen nicht, dass sie narzisstisch sind (oder eine andere dunkle Persönlichkeit haben). Den Fehler hatte ich gemacht und es wird nicht funktionieren: Narzisst*innen haben in der Regel nicht genügend Selbstreflektion, um das zu erkennen und anderen dunkle Persönlichkeiten, wie Psychopath*innen, ist es schlichtweg oft egal.
    14. Grauer Stein und Gelber Stein: Mache dich so uninteressant wie ein grauer Stein. Weniger ist mehr: Halte die Kommunikation kurz, sparsam, spärlich und einfach. Bleibe bei „ja“, „nein“, „okay“ und „danke“ ohne viel Emotion. Manchmal ist dies jedoch nicht möglich. Bei der Gelben-Stein-Strategie bleibt man deswegen ebenfalls kurz, aber mischt etwas mehr emotionale Reaktion in das Gesagte rein oder macht die Sätze nur ein wenig länger.
    15. Gib ihnen, was sie wollen: Bestätige sie, lächele, misch dich nicht ein und verlasse die Situation dann so würdevoll wie möglich. Was auch immer es ist, bestätige es. Und dann verschwinde.
    16. Finde und halte an Sinn, Zweck, Humor, und Freude in deinem Leben fest: Emotionaler und psychischer Missbrauch saugen diese Qualitäten aus deinem Leben. Baue sie (zurück) in dein Leben ein und schütze sie. Sie sind dein Puffer gegen die Ungerechtigkeit.

    „Die Heilung geschieht an dem Tag, an dem du erkennst, dass es hier nicht um Gerechtigkeit oder Fairness geht; es geht um Selbsterhaltung und Frieden. (…) Wenn du das Gefühl der Ungerechtigkeit loslassen kannst, wirst du von narzisstischem Missbrauch heilen. Das Leben ist nicht fair, und statt zu vergeben, lass einfach los (…). Das muss Gerechtigkeit genug sein.“20

    Ramani Durvasula

    Epilog: Emails aus der Vergangenheit

    Illustration: Ein Mann sitzt an seinem Computer und liest eine Email, die von seinem Ex stammt. Daneben eine Gedankenwollte in der sich das Gesicht des wütenden Ex befindet. Über der Email steht "Red Flag".
    Illustration: Krishan Rajapakshe / 2024 (krishanrajapakshe.blog)

    Meine Eltern hatten Mike von Anfang an nicht vertraut und waren gegen die Partnerschaft. Mike wusste das. Trotzdem haben sie mich unterstützt. Weil sie das als ihren Job als Eltern ansahen. Als Mike zum ersten Mal bei meinen Eltern zu Besuch war, meinte meine Mutter zu ihm: „Ich bin eine Löwenmutter. Ich werde dich finden, wenn du meinem Sohn etwas antust.“

    Sechs Jahre sind seit der Trennung vergangen. Fünf seit der Scheidung. Fünf Jahre ohne jeglichen Kontakt.

    Ich habe eine Therapie gemacht, um das Erlebte zu verarbeiten. Aber auch um an den Gründen zu arbeiten, weswegen ich es zugelassen hatte, überhaupt erst eine Beziehung mit solch einem Menschen einzugehen. Noch immer kämpfe ich mit den finanziellen Folgen der Beziehung. Und mit der Trauer. Eine narzisstische Beziehung ist gleichzusetzen mit einem Verlust an Unschuld. Viele Überlebende narzisstischer Beziehungen berichten, dass diese traumatische Erfahrung eine Art Leichtigkeit im Leben zerstört hat, die Fähigkeit zu vertrauen, oder den Glauben an das Gute.

    Aber in jeglicher anderen Hinsicht ging es seitdem bergauf. Ich habe einen langen Weg der Heilung hinter mir und einen vermutlich mindestens ebenso langen noch vor mir. Heilung ist ein Akt des Widerstands, der Auflehnung, der Rebellion. Es ist Teil meines aktivistischen Lebens. Dieser Artikel ist ein ebenso Teil davon. Ich war schon immer davon überzeugt, dass das Private politisch ist.

    Romina und ich haben eine neue Wohnung in Berlin gefunden. Ich habe ein erfolgreiches Business aufgebaut, das mich mit Sinn erfüllt und Spaß macht. Ich habe alte Freundschaften vertieft und neue hinzugewonnen. Und wieder gelernt, Vertrauen aufzubauen, sowie Intimität und Nähe zuzulassen – mit einem Menschen, der meine Nähe verdient.

    Bin ich wieder der gleiche Mensch wie vor der Beziehung zu Mike? Nein. Und das werde ich auch nie wieder sein. Eine solch traumatische Beziehung zu einem Gaslighter ändert dich – für immer. Es hat nicht nur meinen Blick auf die Menschheit und die Welt verändert, ich selbst bin auch anders. Nicht besser als vorher. Nicht schlechter. Einfach anders. Vor allem genieße ich die Zeit mit mir selbst viel mehr. Ich fühle mich ausgeglichen mit mir selbst. Ich habe die Beziehung zu mir selbst verbessert. Und ich kann sagen: Ich bin glücklich. Sehr sogar.

    Doch vor Kurzem bekam ich einen Anruf von einer mir unbekannten Nummer: „Jeff?“ fragte eine Stimme. Ich hab sie nicht gleich erkannt. „Ja?“, antwortete ich. „Hier ist Mike.“

    … Damit hatte ich, sechs Jahre nach der Trennung, gar nicht mehr gerechnet. Er fragte: „Können wir reden?“ Ich antwortete höflich: „Nein Danke, ich habe kein Interesse.“ Mike ignorierte das und versuchte trotzdem mehrmals, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Er würde gerne wieder Kontakt aufnehmen. So viel Zeit sei vergangen. Ich machte ihm wieder freundlich aber bestimmt deutlich, dass ich kein Interesse hätte. Und dann legte ich auf.

    Kurze Zeit später erreichte mich eine E-Mail von Mike, in der Dinge standen wie:

    „Durch meinen Egoismus habe ich dir und deinen Eltern wehgetan, und es war nicht meine Absicht, aber ich habe es geschehen lassen.“ – „Ich hoffe, du kannst mir in deinem Herzen dafür verzeihen, dass ich ein ARSCHLOCH war!“

    Manche würden denken, das sei doch ein gutes Zeichen. Aber dann fiele man wieder auf Manipulationsversuche rein. Genauer gesagt: auf narzisstisches „Hoovern“.

    Hoovern
    Das englische Wort „to hoover“ heißt wortwörtlich „saugen“ bzw. „staubsaugen“. Es steht hier jedoch für das manipulative, charmante Umgarnen durch eine narzisstische Person, die versucht, sein Ziel wieder in die Beziehung einzusagen – eben wie ein Staubsauger.21 In Beziehungen geht es für sie um Kontrolle und Lieferung einer ständigen Versorgung ihrer narzisstischen Bedürfnisse. Solche Menschen hoovern, um diese Versorgung zurückzubekommen. Wenn jemand ohne sie glücklich ist, bedeutet das, dass sie diese Person nicht kontrollieren, und das Hoovern ist ein Versuch, diese Macht zurückzugewinnen.

    Das Hoovern kann auch erst Jahre nach der eigentlichen Beziehung stattfinden. Wenn die Zielperson nicht auf das Hoovern reagiert, dann folgen auf das Hoovern oft wieder die üblichen narzisstischen Wutausbrüche.

    Als keine Antwort von mir kam, folgte eine zweite Email, die sich von der ersten so sehr unterschied, als sei sie von einem anderen Stern. Es war ein regelrechtes Sammelsurium an Wahnvorstellungen, wie ich es selten erlebt hatte:

    „Ich weigere mich, mich emotional und psychisch so von dir quälen zu lassen.“

    „Deine Eltern wussten, dass du psychisch labil warst, und sie haben unsere Ehe unterstützt, in der Hoffnung, dass du durch mich psychisch stabil wirst! Sie haben mich benutzt, um dich glücklich zu machen und Gewissheit zu erlangen, dass es dir dadurch bessergehen soll!“

    „Fakt ist: Ich liebe Noah nun mal! Ich dachte, ich könnte dich auch lieben, aber du bist psychisch krank!“

    „Ich beende die Sache jetzt! Ich liebe dich nicht, ich liebe Noah!“

    „Du und deine Eltern haben mich ausgenutzt!“

    „Deutschland ist mein Zuhause! Berlin ist mein Zuhause! Ich werde nicht zulassen, dass du das zerstörst!“

    „Lass mich und Noah in Ruhe!“

    „Sollte ich weiterhin emotional von dir gequält werden, gehe ich zur Polizei und zu den Behörden, um ihnen zu erzählen, was ich durchgemacht habe, da du immer noch versuchst, mich dafür bezahlen zu lassen, dass du Probleme hast und dass ich nicht mit dir zusammen sein wollte!“

    „Ich bin fertig mit dir, und uns!“

    „Beste Grüße, Mike.“

    Diese Email kam aus dem Nichts, fünf Jahre nach dem letzten Kontakt.

    Narzisst*innen und andere toxische Menschen sind schnell dabei, jede Art von [tatsächlichen oder eingebildeten] Anschuldigungen gegen sie als „Hexenjagd“ zu bezeichnen, was sie selbst als Täter in ein Opfer umwandelt.22

    Ramani Durvasula

    Ich las die E-Mail. Ich hatte erwartet, dass sie mich triggern und aus der Bahn werfen würde. Zu meiner Überraschung hielt sich das dann doch sehr in Grenzen. Ich empfand eher eine Mischung aus Belustigung, Mitleid und Faszination. Belustigung über das Ausmaß der Wahnvorstellungen jenseits jeglicher Realität. Mitleid über seine tief sitzende, unreife, schmerzhafte Unsicherheit, sowie darüber, dass er nach sechs Jahren Trennung offensichtlich noch immer nicht diese narzisstische Kränkung des Verlassen Werdens loslassen konnte. Und Faszination darüber, wie weit die Wahnvorstellungen gingen und dass er keine Hemmungen hatte, mir das zu schreiben, obwohl ihm doch irgendwo bewusst sein müsste, dass ich es besser weiß. Aber sein Gaslighting funktionierte nicht mehr. Das tat es seit sechs Jahren nicht mehr. Irgendwas löste die E-Mail dann doch in mir aus: Ich ließ noch einmal los. Durch die E-Mail merkte ich, dass das ganze Trauma sich mittlerweile eher wie ein weit entfernter, schlechter Traum anfühlte, den ich im Alltag immer mehr zu vergessen schien. Ich hatte inneren Frieden erlangt. Es ging mir nicht mehr um Gerechtigkeit, es ging mir um Frieden. Ich hatte losgelassen. Und das war der wahre Schritt hin zur Heilung.


    Hilfe bei häuslicher Gewalt
    Hilfetelefon für Männer, die Opfer von Gewalt werden: 0800 123 99 00
    Die Sprechzeiten sind Montag bis Donnerstag von 8 bis 20 Uhr und am Freitag von 8 bis 15 Uhr.Zusätzlich gibt es auch einen Online-Chat: https://onlineberatung.maennerhilfetelefon.de/
    Dieser ist zu folgenden Zeiten erreichbar: Montag bis Donnerstag zwischen 12 und 15 Uhr sowie 17 bis 19 Uhr.Infos zu Männerschutzwohnungen findest du hier.
    Weitere Hilfe
    Hast du dunkle Gedanken? Wenn es dir nicht gut geht, du dich selbst verletzt, oder du daran denkst, dir das Leben zu nehmen, dann ist die Telefonseelsorge für dich da. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

    Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen finden Sie unter: www.telefonseelsorge.de

    Und nicht zuletzt gibt es für schwule, bi+ und queere Männer (egal ob trans oder cis) auch den Gay Health Chat. Dort kannst du anonym mit professionellen Menschen aus der Community über deine Probleme chatten und dich beraten lassen: www.gayhealthchat.de

    Weiterführende Infos
    Andreas Robertz (2020): Was Rassismus mit Narzissmus zu tun hat, Deutschlandfunk.

    Andreas Robertz (2020): Warum es gefährlich ist, Donald Trump zu verzeihen, Deutschlandfunk.

    Morten Moshagen, Benjamin E. Hilbig, Ingo Zettler (2018): The Dark Factor of Personalitydarkfactor.org.

    Ramani Durvasula (2017): Should I Stay or Should I Go? – Surviving a Relationship with a Narcissist, Post Hill Press.

    Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press.

    Ramani Durvasula (2019): Narcissism and Its Discontents, TEDxSedona Vortrag.

    Ramani Durvasula (2020): So diskutierst du mit Narzissten, vice.com.

    Ramani Durvasula (2024): It’s Not You – How to Identify and Heal from Narcissistic People, Penguin.

    Robin Stern (2017): Der Gaslight-Effekt – Wie Sie versteckte emotionale Manipulation erkennen und abwenden, KomplettMedia.

    YouTube-Kanal von Dr. Ramani Durvasula.

    QUELLENANGABEN
    1. übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 50ff.
    2. Vgl. Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 30f.
    3. Vgl. Robin Stern (2018): The Gaslight Effect – How to Spot and Survive the Hidden Manipulation Others Use to Control Your Life, Harmony Books, S. XIX.
    4. übers. aus dem Engl.: Robin Stern (2018): The Gaslight Effect – How to Spot and Survive the Hidden Manipulation Others Use to Control Your Life, Harmony Books, S. XXIV.
    5. übers. aus dem Engl.: Robin Stern (2018): The Gaslight Effect – How to Spot and Survive the Hidden Manipulation Others Use to Control Your Life, Harmony Books, S. 14.
    6. Vgl. Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 5ff.
    7. übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): Narcissism and Its Discontents, TEDxSedona Vortrag.
    8. Vgl. Heiner Thorborg (2015): Psychopathen in der Chefetage – Zeitbomben mit Schlips, Spiegel.
    9. übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2021): When narcissists know YOU know…, YouTube.
    10. übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 324.
    11. übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 8ff.
    12. Vgl. Morten Moshagen, Benjamin E. Hilbig, Ingo Zettler (2018): What is D?, darkfactor.org
    13. Vgl. Marion Spengler et al. (2015): Student characteristics and behaviors at age 12 predict occupational success 40 years later over and above childhood IQ and parental socioeconomic status, Journal of Personality and Social Psychology 51 (9), S. 1329-1340.
    14. übers. aus dem Engl.: Douglas Rushkoff (2022): Survival of the Richest – Escape Fantasies of the Tech Billionaires, Norton, S. 34.
    15. übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 120.
    16. übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 125.
    17. Vgl. Douglas Rushkoff (2022): Survival of the Richest – Escape Fantasies of the Tech Billionaires, Norton, S. 3.
    18. übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 301.
    19. Vgl. Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, sowie: Ramani Durvasula (2024): It’s Not You – How to Identify and Heal from Narcissistic People, Penguin.
    20. übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 341f.
    21. Vgl. Ramani Durvasula (2024): It’s Not You – How to Identify and Heal from Narcissistic People, Penguin, S. 71 & 229.
    22. übers. aus dem Engl.: Ramani Durvasula (2019): „Don’t You Know Who I Am?“ – How to Stay Sane in an Era of Narcissism, Entitlement, and Incivility, Post Hill Press, S. 57.
  • Sexualität zwischen Deutschland und Nordafrika

    Sexualität zwischen Deutschland und Nordafrika

    Mohamed, als ich dein Buch kaufen wollte, besuchte ich eine große Buchhandlung. Trotz Anzeige im System konnte das Personal es nicht finden. Schließlich fand ich es in einer anderen Filiale derselben Kette im Regal für „Spiritualität-Ratgeber“. Ist das eine passende Kategorie? Ist es verwirrend, deine Arbeit hier einzuordnen?

    Tatsächlich ist mir das auch schon passiert. Ich arbeite mit einem großen Verlag zusammen, der einen ausgezeichneten Vertrieb hat und zu den führenden auf dem deutschen Buchmarkt zählt. Dennoch gibt es viele Menschen, die Schwierigkeiten haben zu verstehen, welche Bücher in welchen Regalen stehen sollten. Es gab sogar eine große Buchkette, die konservativ eingestellt ist und anfangs strikt dagegen war, das Buch in ihre Regale zu nehmen. Einige Buchhandlungen haben es dann in die Kategorien Spiritualität oder Ratgeber einsortiert, was für das Buch eigentlich nicht ideal ist. „Let’s talk about sex, Habibi!” hat einen feministischen, queeren und sexpositiven Ansatz und sollte daher auch in entsprechenden Regalen zu finden sein. Weder ich als Autor noch der Verlag haben letztendlich die Entscheidungsgewalt darüber, wo es platziert wird. Es obliegt der Buchhandlung, es entweder im Regal zu platzieren oder nicht. Dies verdeutlicht jedoch auch die Herausforderung, alternative, queere und feministische Ideen oder Texte angemessen zu präsentieren, um sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

    Als Feedback für deine Arbeit wird dir manchmal gesagt: „Du bist aber fortgeschritten für einen Mohamed“. Soll das ein Kompliment sein?

    Das ist ein vergiftetes Kompliment. Und leider hört man es auch in progressiven Kreisen. Einerseits ist es eine Anerkennung meiner Modernität und Fortschrittlichkeit. Andererseits führt es automatisch dazu, dass Menschen als „anders“ klassifiziert werden. Bin ich selbst jemand, der eine konservative Lebensweise gutheißen würde? Natürlich nicht. Aber ich habe keine Macht, jemandem zu sagen, du sollst jetzt nicht gläubig sein oder Ramadan nicht machen.

    Ich sehe in diesem Feedback eine subtile Form von Rassismus. Zudem haben viele Menschen in Deutschland Schwierigkeiten, meinen Namen Mohamed korrekt auszusprechen. In Podiumsdiskussionen oder Gesprächen mit Kollegen in verschiedenen Redaktionen bemerke ich regelmäßig ein regelrechtes Unbehagen, wenn sie meinen Namen aussprechen müssen, weil er in ihren Köpfen negativ konnotiert ist. In meinen ersten beiden Büchern habe ich versucht, diese Voreingenommenheit zu dekonstruieren. Die Annahme, dass man allein anhand eines Vornamens auf den Charakter und die Persönlichkeit einer Person schließen kann, ist absurd. Ich kann nicht behaupten, jemand sei böse, nur weil er Heinrich heißt. Es gibt sicherlich auch böse Heinrichs, aber es ist oberflächlich, auf diese Weise zu denken. Leider ist dies etwas, dem ich und viele andere Mohameds täglich begegnen.

    Mit deinem dritten Buch gehst du aber anderen Fragen nach.

    Ja, nach zwei Büchern über weiße Menschen wollte ich die Perspektive ändern und andere in den Mittelpunkt stellen. Und da ich teilweise in Marokko aufgewachsen bin und als Reporter in Nordafrika überall unterwegs war, war es schnell klar, dass ich über Nordafrika schreiben möchte.  Wir interessieren uns als Menschen für Sexualität und die Sexualität von anderen, und deshalb sind Begehren, Liebe und Sexualität eigentlich nur Möglichkeiten und Brücken, um über viele andere Dinge zu sprechen: über Feminismus, Queerness, Migration, Tourismus und Machtgefälle, über Kolonialismus und postkoloniale Strukturen. Nordafrikanisch-stämmige Menschen werden immer noch mit einem rassistischen Minus-Blick betrachtet. Deswegen wollte ich ein bisschen dekolonisieren und einfach die Realität zeigen, ohne sie zu romantisieren. Es geht also nicht darum zu sagen, alles ist super, sondern zu sagen, hier ist das Gesamtbild und es ergibt in seiner Gesamtheit wenig Sinn, aber so ist halt das Leben und so ist die Realität. Man findet alles in Nordafrika, z.B. sexpositive Traditionen. Und daneben aber auch extremistische religiöse Kräfte, die eben sexualitätsfeindlich sind. Man findet Partys, von denen man in Berlin nur träumen kann. Aber man findet auch Regime, die queerfeindliche oder frauenfeindliche Politik machen und dennoch als säkular bezeichnet werden. Deswegen ist es für mich ein Anliegen, die Region ein bisschen anders vorzustellen.

    Wie hast du es geschafft, durch die Vielseitigkeit zu führen, ohne dabei Klischees zu verstärken?

    Ich verfügte über reichlich Material für mein Buch: Als ich in Marokko aufwuchs, erlebte ich dort 12 Jahre lang die komplette Bandbreite der Jugendjahre. Zusätzlich war ich als Reporter über 10 Jahre lang in Nordafrika tätig. Diese Erfahrungen motivierten mich dazu, das Buch zu konzipieren, denn je intensiver und häufiger man beobachtet, desto nuancierter kann man darüber schreiben. Trotz meiner Bemühungen, Klischees zu vermeiden, erhielt ich kritische Rückmeldungen. Im Buch behandle ich beispielsweise den Glauben an Magie in Marokko, was von einigen als Klischee betrachtet wurde, jedoch der Realität entspricht. Als Reporter liegt es nicht in meiner Aufgabe, die Dinge zu beschönigen, sondern zunächst einmal, sie zu beschreiben und auf unterhaltsame Weise darzustellen.

    Du sprichst im Buch sehr viel an, das Diskussionen auslösen kann. War es schwierig für dich, die Themen auszuwählen?

    Mir war es wichtig, verschiedene Themen anzusprechen. Deshalb hatte ich eine Liste mit Themen, darunter feministische Theorie, Kolonialismus und Postkolonialismus. Ich führe eigentlich schon immer ein Tagebuch, in dem ich einfach schnell und detailliert schreibe – das ist für mich Routine. Anschließend habe ich mein Feldforschungstagebuch konsultiert und versucht, aus diesem Fundus genau diese Themen zu illustrieren. Für jedes wichtige Thema habe ich mindestens eine Anekdote erzählt, um eine Metaebene zu schaffen. Viele Geschichten habe ich geschrieben und dann wieder verworfen, weil die beteiligten Personen nicht im Buch erscheinen wollten. Aber andere haben zugestimmt und mir mehr Details gegeben.

    Ein Thema, das mich an mein Leben in Kairo erinnert, ist die unangenehme Situationen mit den Apotheker*innen, von denen man beim Kondomkauf verurteilt wird. Möchtest du das kurz kommentieren?

    Für mich war es eine Art Forschung, überall Kondome zu kaufen. Die Aufgabe einer Apotheke ist es, sich um die Gesundheit seiner Kund*innen zu kümmern, ohne ideologische Färbung und ohne den Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden. Ich habe vier Kondomkäufe im Buch beschrieben, aber es gibt 50 weitere Geschichten, die völlig unterschiedlich sind, auch innerhalb eines Landes. In Tunis hatte ich z.B. das Pech, einem ultrakonservativen salafistischen Apotheker zu begegnen, in Oran-Algerie war es ebenfalls ein ultrakonservativer Salafist, der mir aber sogar Gleitgel verkaufen wollte. Mittlerweile gibt es in jeder Straße in Marokko Kondom-Automaten. Ich muss auch dazu ganz offen sagen, dass es teilweise einfacher ist, einen HIV-Test in Casablanca zu bekommen als in manchen deutschen Städten. Wenn du als Person, die besonders von Rassismus betroffen ist, einen Test machen möchtest, bekommst du in einigen Orten in Deutschland auch komische, teilweise rassistische Kommentare zu hören.

    Sextourismus und die pädophile Neigungen einiger Tourist*innen in Nordafrika kommen im Buch vor. Warum glaubst du, dass manche europäische Tourist*innen dort glauben, Grenzen überschreiten zu können?

    Es hat auf jeden Fall eine koloniale Komponente, aber im zeitgenössischen Sinn. Schon seit sehr langer Zeit sind Kolonialist*innen nach Nordafrika gereist und haben sich dort bedient. Ich versuche im Buch quasi diese vielen Reisen von Europäer*innen zu skizzieren. Es gibt z.B. einen britischen Autor, der nach Ägypten fährt und sogar in seinem Tagebuch sehr minutiös festhält, wie Minderjährige sexuell belästigt werden, und das dann als große Freiheit feiert. Das gilt für fast alle Länder in Nordafrika, außer für Algerien, dort ist es ein bisschen anders. Weiße Menschen, vor allem Tourist*innen, können in der Region mehr oder weniger machen, was sie wollen. Ich beschreibe diese Szene im Buch, wo ein europäischer Tourist einen Minderjährigen mit aufs Zimmer nimmt und er hat noch nicht mal Angst, erwischt zu werden, weil er weiß, er kann sehr weit gehen. In Marokko gab es außerdem den Fall eines spanischen Pädokriminellen, der mehrere Minderjährige vergewaltigt hat und dann auf Druck von Protesten verurteilt wurde. Und dann wurde er auf Anfrage des spanischen Königs begnadigt und nach Spanien zurückgeschickt.  Pädokriminelle Aktivität gehen dort vor allem von Tourist*innen aus Europa, aber auch aus den Golfstaaten aus, da sie bestimmte finanzielle Möglichkeiten mitbringen. Sie wissen: Es ist nah, günstig und mit einem eher geringeren Risiko im Vergleich zu anderen Ländern verknüpft. Da werden auf jeden Fall rote Linien und Grenzen überschritten, und als nordafrikanische Gesellschaften müssen wir auch unbedingt über diese Gewalt sprechen.

    Mit wem sollen wir denn sprechen?

    Mit uns selbst! In ehemals kolonisierten Gesellschaften gibt es immer noch an einigen Stellen einen Minderwertigkeitskomplex, der jedoch langsam abgebaut wird. Vor Kurzem war ich in Marokko und bemerkte, dass sich etwas mehr Selbstbewusstsein zeigt. Vor 20 Jahren waren die Leute eher so: „Gott, ein Europäer, ein Tourist. Man muss ihm alles anbieten.“ Mittlerweile sagen die Leute in der Gesellschaft eher: „Wenn du dich nicht benehmen kannst, bist du auch hier als Tourist nicht erwünscht.“ In Deutschland wird oft behauptet, Ausländer*innen „machen, was sie wollen, und sie sind kriminell“. Doch aus meiner Sicht sind die größten problematischen Ausländer*innen die Deutschen im Ausland.

    In einer anderen Geschichte kommt ein Marokkaner durch eine Scheinehe nach Europa, kehrt aber nach einiger Zeit nach Marokko zurück, weil es ihm in Europa nicht gefällt. Ähnliche Geschichten höre ich immer wieder. Warum kommen Menschen nach langer und komplizierter Planung und lassen dann einfach alles stehen und liegen und gehen wieder zurück?

    Die Tatsache, dass viele Menschen aufgehört haben, sich an Europa zu orientieren, fasziniert mich sehr. Früher haben viele meiner Freund*innen gesagt: „Wie dumm sind deine Eltern? Ihr wart in Deutschland, und sie haben euch zurückgeholt. Wie dumm ist das, nach Afrika zurückzukehren?!” Dies hat jedoch deutlich abgenommen und hat viel mit dem gesteigerten Selbstbewusstsein zu tun, von dem ich gesprochen habe. Die Leute sind selbstbewusster geworden und sagen: „Warum sollte ich irgendwo hingehen, wo ich wie Dreck behandelt werde?“ Viele haben sich dafür entschieden, diesen Traum zu begraben oder gar nicht erst davon zu träumen. Das setzt natürlich voraus, dass es einem gut geht und man in Casablanca oder Kairo ein gutes Einkommen hat und politisch nicht unter Druck gesetzt wird. Dann kann man einfach sagen: „Gut, dann lebe ich halt mein Mittelschichtsleben.” Dies begegnet mir viel öfter als in der Vergangenheit. Zudem gibt es viele Menschen in Nordafrika, die gar nicht nach Europa reisen dürfen. Manche wollen gar nicht nach Deutschland kommen, um hier zu leben, sondern einfach ein Selfie vor dem Brandenburger Tor für Instagram machen – sie wollen einfach Tourismus machen, und hier liegt eine strukturelle Ungerechtigkeit. Warum können Deutsche überall hinreisen und andersherum nicht? Das ist für viele junge Menschen ein Druck und eine grundlegende Ungerechtigkeit. Deshalb glaube ich daran, dass es besser für die Menschheit wäre, ohne Grenzen auszukommen und die Leute erst einmal machen zu lassen, und dann zu sehen, was passiert. Aber das ist nur eine Utopie. Es wird oft angenommen, dass Menschen gerne in Deutschland sind. Das mag sein, aber viele mussten aus Sicherheitsgründen ihre Heimat verlassen. Es ist nicht einfach, den ganzen Rassismus hier auszuhalten, nicht daran zu denken, und sich nicht zu sagen, dann gehe ich halt wieder weg.

    Als deine Eltern 1995 aus dem vermeintlich „sündigen Deutschland“ in das „mehr konservative Marokko“ zurückzogen, waren sie enttäuscht, weil sich gegenüber ein Bordell befand. Anfangs war es ein Schock, aber im Laufe der Zeit entwickelte sich jedoch eine Freundschaft zwischen deiner Mutter und einer Frau aus dem Bordell. Was könnte eine solche Geschichte aufzeigen?

    Dies zeigt, wie viele Menschen offen sind, einfach ihre Meinung zu überdenken. Oft wird Musliminnen nachgesagt, sie seien dogmatisch, würden nicht nachdenken und seien nicht offen. Diese Geschichte kann sehr gut illustrieren, dass das nicht stimmt. Ich würde nicht sagen, dass meine Mutter unbedingt pro Sexarbeit ist, aber sie ist sehr pragmatisch. Das zeigt auch, dass besonders Frauen in Nordafrika sehr geschickt sind, verschiedene Dinge und Konflikte zu verarbeiten, und dass sie eine gewisse Solidarität untereinander haben.  Ich habe anderthalb Jahre in einem volkstümlichen Viertel in Kairo gewohnt, und dort habe ich gelernt, dass viele Menschen überleben, weil die Frauen eine gewisse Solidarität untereinander pflegen und es ein solidarisches Netzwerk in der Nachbarschaft gibt. So etwas gibt es in Deutschland z.B. gar nicht. In der Pandemie hätte mein Nachbar an COVID sterben können, und ich hätte es nicht einmal mitbekommen, weil man im selben Haus nicht miteinander spricht.

    Zum Buch hat dich auch der Fassbinder-Film „Angst essen Seele auf“ inspiriert.

    Dieser Film ist auf jeden Fall ein Spielfeld, wo man an deren Figuren viel mehr erzählen könnte, als es der Film macht. Es geht in der Geschichte um einen marokkanischen Gastarbeiter Ali, einen gut aussehenden Mann mit Muskeln und einem aktiven Sexualleben, der nicht gut Deutsch spricht und in München landet. Dort beginnt er eine Affäre mit Emmi, einer älteren deutschen Frau. Sie versucht, ihr Trauma als Täterin während des Nationalsozialismus ein wenig mit dieser Beziehung zu verarbeiten. Sie hat zumindest mit angeguckt, wie der Holocaust passierte und wie die Nachbar*innen deportiert wurden. Darin habe ich die Geschichte meines Vaters gesehen, wie er erstens ganz allein nach Deutschland gekommen ist, wo er im Frankfurter Bahnhofsviertel bei den Prostituierten und Bars herumgehurt hat. Ich war vor wenigen Wochen bei einer Lesung in Essen, wo wir uns einen Ausschnitt aus dem Film angesehen haben, und zwar die Szene, in der die Freundinnen von Emmy aus der Nachbarschaft kommen und Alis Muskeln anfassen wollen. Es fasst ihn eine an und sagt: „Der ist so sauber“, weil rassistisch betrachtet Nordafrikaner*innen aus deutscher Perspektive alle dreckig sind. Und dann sagt Emmy: „Ja, er wäscht sich… duscht sogar… jeden Tag.“ Dann ist Ali, der sonst eigentlich nicht so viel versteht, sehr beleidigt, weil er das hier doch verstanden hat, und dann geht er aus dem Haus. In der nächsten Szene ist er bei einer anderen Freundin, und dann sieht man ihn komplett nackt. Das war damals ein Skandal, einen Mann nackt mit Penis zu zeigen. Aber „Nordafrikaner*innen” aus weißer Perspektive zu zeigen war „ok”. Ich habe dann herausgefunden, dass Ali im Film gar nicht selbst spricht, sondern nur die Lippen zu einem gesprochenen Text bewegt, der von einem deutschen Schauspieler eingesprochen wurde, der mit einem imaginierten marokkanischen Akzent spricht. Dieser Film hat so viele absurde Ebenen und ich fand es einfach sehr spannend, ihn irgendwie kritisch auseinanderzunehmen. Auch weil er in intellektuellen deutschen Kreisen als Meilenstein der deutschen Filmgeschichte gefeiert wird.

    Man findet hier auch eine Sprachanalyse. Und zwar darüber, wie das Wort Masturbation ausgedrückt wird.

    Das hat in Ägypten angefangen, als ein Kumpel mir erklärt hat, welchen Ausdruck man dort für Masturbieren benutzt: „Zehn schlagen“. Das hat mich gewundert, denn es ist sehr spezifisch, aber macht nicht viel Sinn. Dann habe ich andere Leute gefragt, was das bedeutet, und wir haben verschiedene Theorien gefunden, aber keine eindeutige Antwort. So bin ich auf dieses Thema gekommen: Sprachlich hinterfragen, wie Masturbieren bei Männern überhaupt genannt wird. In Tunis sprechen sie von Abschaben, was nicht so sanft ist. In Algerien hat man wegen des Kolonialismus ein französisches Wort einarabisiert. Ich wollte die sprachliche Vielfalt teilen, aber auch zeigen, dass Menschen auch über Sexualität sprechen. Dann habe ich mich gefragt, wie man Masturbieren mit der Vulva nennt. Zuerst habe ich im Deutschen gesucht, aber es gibt kein sexy Wort dafür. Es gibt nur sehr infantile Ausdrücke, über die man nicht sexy sprechen kann wie „Handtasche auspacken“. Das hat mir gezeigt, dass Sexualität über die Sprachgrenzen hinweg auf Männer fokussiert ist und zeigt aber auch, wie kreativ Sprache sein könnte. Mein Fazit ist, dass sehr viele Menschen in Nordafrika viel Spaß haben und es auch verstehen, befreit zu sein. Jedoch sind im Nachhinein verschiedene Komponenten dazugekommen: Kolonialismus, Islamismus und andere extreme Formen von religiösen Auflegungen. Dies hat die Offenheit in diesen Gesellschaften etwas kaputt gemacht, aber es gibt eine Besinnung auf die Tradition.

    Ich zitiere jetzt aus dem Buch. „Was mich stört: ein weißer (polygamer) Mann ist das Maximum an Fortschritt und sexueller Befreiung, ein nicht-weißer Mann mit mehr als nur einer Partnerin ist das Maximum an Unterdrückung und Frauenfeindlichkeit.” Magst du mir das erzählen?

    Es ist doch absolut absurd, das eine zu feiern und das andere zu kritisieren. Aber das zeigt den Doppelstandard. Entweder ist beides doof oder beides gut. Ich habe neulich wieder einen Text über Polyamorie gelesen, in dem es einen weißen Thomas gab. Der hatte drei Partnerinnen und das war auch schön so. Aber das ist eigentlich ja nichts anderes als Polygamie.  Polygamie wird in Nordafrika nicht mehr oft gelebt und ist auch Ausdruck patriarchalischer Strukturen, weil Frauen polygam nicht leben können, offiziell zumindest. Aber das zeigt auch so ein bisschen den Doppelstandard. Warum ist das eine gut und das andere nicht gut? Weil das eine wird von Thomas gemacht und das andere von Mohamed. Deswegen war es für mich auch ein Anliegen, auf diese Perspektive kritisch zu blicken. Dann ist es eigentlich egal, wie die Beteiligten heißen oder woher sie kommen.  Wir reden ja hier auch ganz viel über Familie, Gesellschaftsmodelle und Familienrecht. Und wenn wir über Familienrecht sprechen, müssen wir auch zum Beispiel über Scheidung sprechen. Ich schreibe im Buch darüber, wie schwierig es ist, in Deutschland sich scheiden zu lassen und wie einfach es ist, sich in Marokko scheiden zu lassen, auch als Frau. Es gibt noch eine weitere Reform in Marokko und wird auch demnächst noch mehr vereinfacht. Das zeigt auch, wie zurückgeblieben das deutsche Familienrecht im Vergleich zum marokkanischen Familienrecht ist.

    Ich habe in „Let’s talk about Sex, Habibi“ ein breites Spektrum von Sexpositivität bis hin zu Unterdrückung gefunden. Gibt es bestimmte Botschaften, die du den Leser*innen auf den Weg geben möchtest?

    Wenn es eine Botschaft gibt, die ich senden möchte, dann ist es, dass wir damit aufhören sollten, Menschen in Schubladen zu stecken. Hoffentlich sind die Leute so offen, sich genau auf diese Realität einzulassen, das Buch zu lesen und auch ihre eigenen Vorurteile und rassistischen Denkweisen über die Region und die Menschen abzubauen. Das gilt auch für die entsprechenden Diaspora-Gruppen hier in Deutschland oder in Europa. Als Journalist ist es meine Aufgabe, auch die Missstände zu benennen und sie einzuordnen, ohne etwas zu romantisieren oder klein zu reden. Wir müssen auch über sexualisierte Gewalt, Frauenfeindlichkeit und Queerfeindlichkeit reden, und das habe ich im Buch ausführlich getan. Was mich auch total freut, ist eine sehr breite positive Rezeption dieses Buches, wo viele, darunter auch weiße Deutsche, sagen: „Das hätte ich so nie gedacht. Aber danke, dass ich das lernen durfte.” Oder auch, wie ich meine Pubertät Anfang der 2000er-Jahre auf unserem Schulhof in Marokko beschrieb, und wie die ganzen Porno-CDs im Umlauf waren und die Jungs heimlich Pornos geguckt haben. Dann kommen Deutsche in meinem Alter auf mich zu und sagen: „Bei uns auf dem Schulhof war es auch genauso.” Das ist doch schön, weil Hormone dann in dem Fall überall ähnlich funktionieren. Bei einer Lesung in Marokko gab es einen Tisch nur mit jungen cis Heteromännern. Die kamen und wollten über das Buch reden. Bei einer anderen in Casablanca war die Hälfte des Publikums queer und sie wollten ebenfalls darüber reden. Auch in Deutschland, wenn plötzlich bei meinen Lesungen junge Leute auftauchen, die in konservativen Familien aufwachsen und das Buch gelesen haben, und die sagen: ‚Für mich war das eine Möglichkeit, mich überhaupt identitätsmäßig mit mir selbst zu beschäftigen.‘ Das finde ich super schön und ist für mich natürlich das größte Kompliment.

    Vielen Dank für das Gespräch, Mohamed!

    Der freie investigative Journalist und Buchautor Mohamed Amjahid widmet sich verschiedenen Themen, darunter rassistische Strukturen in Deutschland und Europa sowie verschiedene Formen der Diskriminierung, insbesondere Gewalt gegen Geflüchtete in Deutschland und an den Außengrenzen der EU. Die Kernthemen seiner ersten beiden Bücher „Unter Weißen“ und „Der Weiße Fleck“ bestehen darin, die historisch gewachsene Privilegierung von weißen Menschen zu beschreiben und Einblicke aus verschiedenen Perspektiven in die Mehrheitsgesellschaft zu bieten. Er hinterfragt kritisch, was es bedeutet, privilegiert zu sein. Im Jahr 2022 erschien sein drittes Buch „Let’s Talk About Sex, Habibi„, das durch Einblicke in Liebe, Leben und Begehren von Nordafrikaner*innen viele rassistische Stereotypen aufdeckt.
  • Wenn Ratsuchende selbst zu Berater*innen werden: Ergebnisse der Studie zur sexuellen Gesundheit in trans und nicht-binären Communitys

    Wenn Ratsuchende selbst zu Berater*innen werden: Ergebnisse der Studie zur sexuellen Gesundheit in trans und nicht-binären Communitys

    Chris, danke, dass du dir Zeit nimmst. Was war der Ausgangspunkt für die Durchführung dieses Forschungsprojekts?

    Ausgangspunkt für das Projekt war, dass zwar einerseits sehr viel Communitywissen vorhanden ist, jedoch für den deutschsprachigen Raum keine belastbaren Daten vorlagen. Vor dem Hintergrund der internationalen Datenlage, bspw. in Nordamerika, lag der Schluss nahe, dass Menschen aus den trans und nicht-binären Communitys ebenfalls zu den vulnerablen Gruppen in Bezug auf HIV und STI gehören. So entstand die Idee, gemeinsam mit dem RKI diese fehlenden wissenschaftlichen Daten zu erheben.

    Welche Ziele sollten mit dem Forschungsprojekt erreicht werden?

    Die Ziele waren vielfältig. Auf Seiten der Deutschen Aidshilfe hatten wir 4 Themenfelder, die uns interessierten.  Das waren:

    1. Wie wird Sexualität und Sprache ge- und erlebt?
    2. Welche Aspekte spielen für ein positives Selbstbild eine Rolle?
    3. Welche Hindernisse gibt es in der Inanspruchnahme von bestehenden Angeboten im Kontext der sexuellen Gesundheit?
    4. Welche Einflussfaktoren auf die sexuelle Gesundheit gibt es?

    Das RKI hatte das Ziel, einerseits Daten zur Verbreitung und den Prävalenzen von HIV und STI in den entsprechenden Communitys zu erlangen und andererseits Faktoren zu identifizieren, die bei der Sexualität und damit bei sexuellen Risiken eine Rolle spielen. Also Bedarfe und Erfahrungen im Kontext von Sexualität, HIV, Prävention, Beratung und der Versorgung zu ermitteln.

    Das heißt, das RKI hat sich eher um den quantitativen Teil gekümmert und die DAH um den qualitativen Teil. Kannst du das etwas näher umreißen? Sprich, wie war das Projekt aufgebaut und welcher Bedeutung kam dabei der partizipativen Forschung zu?

    Der partizipative Forschungsansatz war das beide Teile verbindende Element. Beiden Seiten war von Anfang an wichtig, Community-Vertreter*innen mit einzubeziehen. So gab es einen Projektbeirat, der aus Vertreter*innen der Communitys bestand und das Projekt vom Anfang bis zum Ende begleitet hat. Dem Beirat kam dabei eine kritische Rolle in der Begleitung zu, beispielsweise im Rahmen von Feedbackschleifen. Wichtig war aber auch, dass das Projekt auf Seiten der DAH – trotz einiger Personalwechsel im Laufe des Projekts – durchgängig von Menschen durchgeführt und umgesetzt wurde, die selbst Vertreter*innen aus den entsprechenden Communitys waren und sind.

    Beim RKI wurde auch der Online-Fragebogen partizipativ entwickelt, der am Ende von über 3.000 Menschen ausgefüllt wurde.

    Bei der DAH haben wir dazu noch Interviews in unterschiedlicher Form umgesetzt. Das Einmalige und Neue dabei war, dass wir die Datenerhebung mit Elementen des Empowerments für die Teilnehmenden verbunden haben. So haben wir u.a. bei den Wochenendveranstaltungen zunächst auch erst einmal einen Raum schaffen wollen, der es ermöglichte, dass Menschen über diese sehr intimen Themen der Sexualität und sexuellen Gesundheit ins Gespräch kommen und sich dabei auch verletzlich zeigen. Für uns war wichtig, dass alle davon profitieren und etwas für sich dabei mitnehmen können. Wir wollten nicht nur die Menschen „beforschen“, sondern alle sollten am Ende auch etwas für sich mitnehmen können. Seien es neue Kontakte, neue Perspektiven oder auch neues Wissen. Neben diesen drei Wochenendveranstaltungen gab es dann noch Tagesveranstaltungen, zwei komplett anonyme Onlineveranstaltungen und vier Einzelinterviews. Bei den Einzelinterviews war es uns wichtig, die Perspektiven noch abzubilden, die in den anderen Erhebungen zu kurz kamen. Insgesamt hatten wir 59 Teilnehmer*innen im qualitativen Teil.

    Nach einem Tweet des RKI gab es einen großen Shitstorm und TERFs, sowie andere Gegner*innen, wurden dazu aufgerufen, die Befragung zu sabotieren. Von den 10.000 ausgefüllten Fragebögen, konnten zum Schluss nur 3.000 für die Auswertung berücksichtigt werden.

    Das klingt wirklich nach einem sehr spannenden und lohnenswerten Ansatz. Welchen Herausforderungen seid ihr im Projekt begegnet?

    Eine der größten Herausforderungen beim Fragebogen war, dass dieser einer sehr intensiven Datenbereinigung unterzogen werden musste. Der Grund dafür war, dass es nach einem Tweet des RKI einen großen Shitstorm dazu gab und TERFs sowie andere Gegner*innen dazu aufgerufen wurden, die Befragung zu sabotieren. Von den 10.000 ausgefüllten Fragebögen, konnten zum Schluss nur die zuvor genannten 3.000 für die Auswertung berücksichtigt werden. Das zeigt auch nochmal, wie viel Ablehnung es gibt und wie stark die Gegenseite im Netz aktiv ist. Dennoch und das ist das wichtigste: So viele Menschen haben diesen mehr als 100 Fragen umfassenden Fragebogen ehrlich ausgefüllt, da ihnen das Thema wichtig war.

    Eine weitere Herausforderung war, dass es uns im qualitativen Teil leider nicht gelungen ist, alle Menschen aus den unterschiedlichen trans und nicht-binären Communitys zu erreichen. So gab es beispielsweise insgesamt nur wenige trans weibliche oder auch HIV-positive Teilnehmer*innen.

    Vielleicht hätten wir nochmal explizit ein Wochenende nur für trans weibliche Personen anbieten sollen. Das sind aber sehr wichtige Erkenntnisse, die wir in Folgeprojekten gern versuchen wollen stärker zu berücksichtigen. Denn wenn die Studie eines gezeigt hat, und das ist eigentlich keine Überraschung, dann doch, wie divers die trans und nicht-binären Communitys insgesamt sind.

    Damit sind wir auch schon bei den Ergebnissen. Welches sind die zentralen Ergebnisse und Erkenntnisse der Studie?

    Da würde ich auch einmal wieder nach RKI und DAH unterscheiden. Ein übergreifendes zentrales Ergebnis war die schon eben angesprochene Vielfältigkeit der Communitys in Bezug auf geschlechtliche Identitäten, aber auch auf sexuelle Orientierungen und auf die Körper und der gelebten Sexualität. Auch ein erweitertes Safer-Sex-Verständnis der Teilnehmer*innen , das weit über das Verständnis von Safer Sex als Schutz vor HIV/STI hinweg geht und bspw. auch psychosoziale Aspekte wie Konsens und Kommunikation beinhaltet, ist eines der zentralen Ergebnisse. Gerade der Aspekt von Konsens und Kommunikation zog sich durch alle Veranstaltungen. Dass es wichtig ist, gefragt zu werden, wie Körperteile benannt werden, aber auch selbst zu fragen. Dabei wurde deutlich, dass es mehr braucht als nur die reine HIV/STI-Prävention, um sich safe zu fühlen, die eigene Sexualität mit anderen zu leben.

    Auf der anderen Seite gab es einen auch nicht so überraschenden Befund, der die inadäquate Versorgungslage von trans und nicht-binären Menschen im Bereich der sexuellen Gesundheit und Beratungs- und Testlandschaft deutlich machte. Bundesweit wurden in den Interviews  immer wieder drei Projekte genannt, die als gut bewertet wurden. Im qualitativen Teil wurden insbesondere solche Projekte gut bewertet, die einen Peer-to-Peer-Ansatz haben. Projekte ohne einen solchen wurden tendenziell schlechter bewertet. Dies ist zugleich aber auch ein Punkt, in dem sich die Ergebnisse des RKI und der DAH unterscheiden, da das RKI auch nochmal explizit danach gefragt hat. So waren laut der Befragung des RKI auch 62,4% der Menschen mit der Beratung zufrieden, auch wenn sie keinen Peer-to-Peer-Ansatz hatte.

    Und als letztes zentrales Ergebnis wurde deutlich, wie wichtig Präventionswissen auch für das eigene Empowerment ist und welcher Bedeutung dabei der Wissensaustausch in den Communitys und zwischen Peers zu kommt. Das sind Faktoren, die dazu führen, sich um sich, den eigenen Körper und um die eigene sexuelle Gesundheit zu kümmern und darüber auch einen höheren Selbstwert zu generieren.
    Beim RKI lässt sich nochmal als zentrales Ergebnis nennen, dass die HIV/STI-Vulnerabilitäten mit ähnlichen Mustern, wie sie in der Forschungsliteratur beschrieben werden, auftreten. Gleichzeitig konnte das RKI aufzeigen, welche Barrieren es bei der Inanspruchnahme von Beratungs- und Testangeboten im Gesundheitsbereich gibt. So sind Scham, bereits gemachte oder befürchtete Diskriminierungserfahrungen im Beratungssetting Faktoren, die dazu führen, dass die Diskriminierung quasi antizipiert wird und sich Menschen zweimal überlegen, ob sie dieses Angebot für sich in Anspruch nehmen, weil sie erwarten, dass sie ähnliche Erfahrungen wieder machen.

    Menschen kommen als Ratsuchende in die Beratung und müssen am Ende die beratende Person über die eigene Lebensrealität aufklären.

    Du hast jetzt schon einige Hürden genannt, denen sich trans und nicht-binäre Menschen hinsichtlich ihrer sexuellen Gesundheit und dem Schutz vor HIV/STIs ausgesetzt sehen. Möchtest du noch welche ergänzen und was lässt sich gegen diese tun?

    Insbesondere der Mangel an adäquaten Angeboten, die sich explizit an trans und nicht-binäre Menschen richten ist eine der größten Hürden. Aber auch das fehlende Wissen an den unterschiedlichen Stellen. Einerseits die sehr unterschiedlichen Wissensstände in den trans und nicht-binären Communitys, aber auch der fehlende Zugang zu bzw. das Fehlen entsprechender Ressourcen. Andererseits ebenso das fehlende Wissen auf Seiten der Berater*innen. Da haben viele Teilnehmer*innen berichtet, dass es oft zu einer Rollenumkehr kommt. Sprich Menschen kommen als Ratsuchende in die Beratung und müssen am Ende die beratende Person über die eigene Lebensrealität aufklären. Dieses Ungleichgewicht sollte es nicht geben und muss daher auch dringend adressiert und mittels flächendeckender Schulungen (anhand eines Ausbildungscurricula) von Beratungsstellen abgebaut werden, indem Wissen aufgebaut wird. Da spielen dann auch die zuvor genannten Erfahrungen, wie übergriffige Fragen, Deadnaming beim Aufrufen oder die Verwendung von falschen Pronomen eine besondere Rolle. Dieses nicht oder nur kaum vorhandene Wissen in den Beratungsstellen war eine der zentralen Hürden laut der Befragung.

    Welche weiteren Aspekte spielen für die sexuelle Gesundheit und den Schutz vor HIV/STIs für trans und nicht-binäre Menschen eine besondere Rolle?

    Ein besonders wichtiger Aspekt ist, dass sich Menschen von der Beratung angesprochen und sich darin ernstgenommen fühlen, um das zu bekommen, was sie brauchen und ihnen weiterhilft.
    Das kann dann neues Wissen sein oder auch körperliche Selbsterfahrungen durch Körperaneignung. Der Austausch mit anderen Menschen aus der Community kann helfen Ängste abzubauen und sich sicherer zu fühlen. Auch das gemeinsame Sich-Testen-Lassen mit Freund*innen kann helfen, Angst abzubauen und sich gegenseitig um die sexuelle Gesundheit zu kümmern. Das kann durchaus ein kleines Happening sein, also vorher vielleicht zusammen in ein Café gehen und sich im Anschluss dann testen lassen. Community kann da eine wichtige Rolle spielen.

    Nicht erschrecken, jetzt kommt ein kleiner Fragenblock, aber die gehören alle zusammen: Wie hoch sind die Prävalenzen in Bezug auf HIV/STI und inwiefern unterscheiden sich diese im Vergleich zu anderen Gruppen? Welche spezifischen Faktoren führen dazu, dass Personen aus trans und nicht-binären Communitys eine erhöhte Vulnerabilität für HIV und andere STIs haben? Und welche Rolle hat das für zukünftige HIV/STI-Prävention?

    Die HIV-Prävalenz in den trans und nicht-binären Communitys liegt bei 0,7% und damit deutlich höher als in der Gesamtgesellschaft, in der sie 0,1% beträgt. Im Vergleich zur Prävalenz von HIV bei MSM liegt sie deutlich niedriger. Diese beträgt nach der letzten EMIS Studie aus 2017 11%. Aktuell läuft eine neue EMIS-Studie, die diese Zahl nochmal aktualisieren wird. Anhand dieser beiden Vergleichsgruppen zeigt sich jedoch schon sehr klar, dass eine sieben Mal so hohe Prävalenz nicht unbedeutend ist. Dennoch ist auch eine differenzierte Betrachtung innerhalb der trans und nicht-binären Communitys wichtig, da diese unterschiedliche Prävalenzen aufweisen.

    Diese verinnerlichte Trans-Negativität wird besonders an einem Zitat aus unserer Studie deutlich, das ich an dieser Stelle zitieren möchte: „Ich mute meinem Gegenüber schon meinen trans Körper zu. Da hab ich das Gefühl, nicht noch darauf zu bestehen, dass wir ein Kondom benutzen.“

    Ein wichtiger Faktor für die erhöhte Vulnerabilität sind die gesellschaftlichen Stigmatisierungen von trans und nicht-binären Menschen sowie deren Internalisierung. Diese verinnerlichte Trans-Negativität wird besonders an einem Zitat aus unserer Studie deutlich, das ich an dieser Stelle zitieren möchte: „Ich mute meinem Gegenüber schon meinen trans Körper zu. Da hab ich das Gefühl, nicht noch darauf zu bestehen, dass wir ein Kondom benutzen.“ Das ist doch krass und unglaublich schwer zu hören. Es zeigt aber auch, welche Konsequenzen das Selbstbild und der Selbstwert auf die gelebte Sexualität hat.

    Gleichzeitig war auch Scham ein wichtiger Faktor, ebenso haben wir auch das fehlende Wissen in Bezug zu Safer Sex, Barrieremethoden, STIs usw. als Belastungsfaktoren herausgearbeitet An diesem Schnittpunkt kommen dann Körperdysphorie und Transitionsprozesse, wie z.B. geschlechtsangleichende OPs als weitere Faktoren dazu, die sich auch wieder auf das eigene Schutzverhalten auswirken können. Schließlich spielen noch die Angebote im Bereich Beratung und Testung eine wichtige Rolle. Da berichteten Menschen von negativen Erfahrungen, die sie selbst bei Angeboten gemacht haben, die sich als trans-inklusiv labelten, aber wo dann grundlegenden Dinge, wie der Unterschied zwischen trans Mann und trans Frau nicht bekannt war.

    Diese Erfahrungen schreiben sich fort und das wäre auch der Punkt, wo in der zukünftigen Präventionsarbeit angesetzt werden müsste. Also die Schaffung von bedarfsgerechten Angeboten und Peer-to-Peer-Angeboten. Es braucht mehr Wissen, mehr Sensibilisierung und eine stärkere Berücksichtigung von trans und nicht-binären Menschen in ihren Lebenswelten und Lebensrealitäten. Das sollte unbedingt für die zukünftige Präventionsarbeit mitgenommen werden.

    Welche Schutzstrategien kommen für trans und nicht-binäre Menschen in Bezug auf HIV und STI in Frage? Sind diese bereits bekannt oder mangelt es auch an bestimmten Stellen an Wissen, so dass manche vielleicht auch nicht in Betracht gezogen werden?

    Da ist grundlegend zu sagen, dass die Communitys in sich sehr divers sind und so sind es auch die Schutzstrategien innerhalb dieser, auch wieder in Bezug auf sehr unterschiedliche Wissensstände. Einige Menschen sind gut informiert, andere eher schlecht. Beispielsweise war das Kondom als Schutzstrategie allen bekannt, aber bei vielen auch die einzige Schutzstrategie, die sie kannten. Beim Wissen zu weiteren Schutzstrategien kommt es darauf an, in welchen Subcommunitys sich die Einzelnen bewegen. So sind trans und nicht-binäre Menschen, die sich eher in schwulen Communitys bewegen, auch diejenigen, die zumindest schon mal von der PrEP und der PEP gehört haben. Das bedeutet nicht, dass sie diese auch schon selbst genommen haben, aber sie durchaus kannten.
    Ansonsten wurden noch Lecktücher genannt, aber auch Praktiken wie Pinkeln nach dem Sex oder auch Handhygiene. So unterschiedlich waren die Wissensstände und das Verständnis von Schutzstrategien.

    Wie verhält es sich um die Nutzung von HIV/STI-Beratungsangeboten? Welchen Erfahrungen machen trans und nicht-binäre Menschen in diesen Settings? Was läuft bereits gut, was müsste sich verbessern? Gibt es Best Practice Beispiele für gelungene Beratungsangebote oder -ansätze?

    Die Teilnehmenden haben berichtet, dass sie auch in den HIV/STI-Beratungsangeboten immer wieder diskriminierende Situationen erleben, sei es bei lokalen Aidshilfen oder auch anderen Angeboten.

    Peer-to-Peer-Angebote wurden in der Regel positiv bewertet. Allen Best Practice Beispielen ist gemeinsam ist, dass sie vor allem in Großstädten zu finden sind. Viele Menschen nehmen teilweise sehr weite Weg in Kauf, um diese Angebote zu nutzen, was das Problem nach der flächendeckenden Versorgung und Angeboten deutlich macht. Sogenannte Testing Days speziell für trans und nicht-binäre Menschen, und teilweise auch inter Menschen, kommen ebenfalls gut an.

    Vor allem der Ausbau von Peer-to-Peer-Angeboten wurde empfohlen und auch, dass sich die Angebote, die keinen Peer-to-Peer-Ansatz haben, weiterbilden sollten, um sich zu sensibilisieren und eine wertschätzende und nicht-übergriffige Art und Weise an den Tag legen. Das heißt, die Beratung sollte respektvoll ablaufen, insbesondere mit Blick auf die Geschlechtsidentität, dem Namen und auch Pronomen und dies beispielsweise mit Fragebögen zu erheben, damit der*die Ärzt*in weiß, wie die Person aufgerufen werden möchte. So passiert es leider noch viel zu häufig, dass die Menschen mit ihrem Deadname, also dem alten abgelegten Namen, aufgerufen werden oder dass sie mit dem falschen Gender angesprochen werden. Das sind alles Probleme, die oft schon vor der eigentlichen Beratung passieren und dann natürlich auch viel damit machen, wie ich in die Beratung gehe. Das bedeutet, dass das gesamte Praxisteam für diese Aspekte sensibilisiert werden muss.

    Was sind die wichtigsten Empfehlungen für die Beratung zur sexuellen Gesundheit und HIV/STI, die sich aus der Studie ergeben haben?

    Da sind es einerseits auf trans und nicht-binäre Menschen zugeschnittene Informationen, die auch den Berater*innen bekannt sein sollten oder für eine entsprechende Fortbildung dazu genutzt werden können. Damit verbunden auch eine wertschätzende Haltung, eine respektvolle und anerkennende Sprache und die Beratungsstellen sollten die Vielfalt der trans und nicht-binären Communitys anerkennen und an diesen ausgerichtet sein. Gerade mit dem Blick auf Vielfalt braucht es intersektionale Ansätze, damit möglichst viele Menschen erreicht werden.

    Es ist zukünftig zu überlegen, was es dann konkret heißt, intersektional zu arbeiten und die bestehenden Angebote auch dahingehend zu überprüfen. Wenn ich z.B.  nur weiße trans und nicht-binäre Menschen erreiche, dann ist es kein intersektionaler Ansatz. Dann muss ich prüfen, was ich machen kann, damit ich andere Menschen auch ansprechen kann.

    Was bedeuten die Ergebnisse für bestehende Communityprojekte im Bereich der sexuellen Gesundheit und HIV/STI-Prävention?

    Im Blick behalten sollten wir, dass Community nicht gleich Community ist, sondern dass diese sehr divers untereinander sind und wir hier eher von Communitys sprechen müssen. Nicht alle Projekte, die sich quasi queer auf die Fahne schreiben, haben sich auch explizit mit trans und nicht-binären Lebenswelten auseinandergesetzt oder sind nicht automatisch kompetent in trans Themen. Es ist zukünftig zu überlegen, was es dann konkret heißt, intersektional zu arbeiten und die bestehenden Angebote auch dahingehend zu überprüfen. Da ist es wichtig, eine Schärfung reinzubringen und sich klar zu machen, wen will ich erreichen und wen erreiche ich bisher (nicht). Wenn ich z.B.  nur weiße trans und nicht-binäre Menschen erreiche, dann ist es kein intersektionaler Ansatz. Dann muss ich prüfen, was ich machen kann, damit ich andere Menschen auch ansprechen kann. Zukünftige oder bestehende Community Projekte sollten sich auch selbst hinterfragen können, reflektieren und für sich klären, wen sie konkret erreichen wollen und dies einmal mit dem Status quo abgleichen, um dann auch nachzusteuern und zu gucken, was sich verändern muss, um mehr Menschen zu erreichen oder die Menschen erreichen, die sie erreichen wollen.

    Haben sich nach der Durchführung der Studie schon konkret Dinge verändert oder sich daraus entwickelt? Wenn ja, welche und wie geht es nun mit den Ergebnissen weiter?

    Bei der DAH haben wir ein Anschlussprojekt (SeBiCo) konzipiert, welches von der Techniker Krankenkasse gefördert wird.  Da haben wir uns mit Blick auf die Empfehlung zum Ziel gesetzt, dass wir einerseits Wissen in die Communitys tragen und andererseits die Peer-to Peer-Arbeit voranbringen wollen. In einem ersten Schritt sollen zwölf Multiplikator*innen ausgebildet werden, die selbst aus den trans und nicht-binären Communitys kommen. Diese wollen wir zu Trainer*innen ausbilden, die dann wiederum Peer-to Peer-Workshops leiten. Das heißt, wir erarbeiten letztendlich zwei verschiedene Curricula, ein Curriculum für die Trainer*innen-Fortbildung und dann ein Curriculum für die Peer-to-Peer Workshops. Die Idee ist, dass die Menschen, die wir ausbilden, im Nachgang in den Städten, in denen sie leben, angebunden an die örtlichen Aidshilfen oder anderer Träger, diese Workshop selbst in ihren jeweiligen Städten umsetzen können. Das fördert den Austausch mit der Community, aber auch unter den Multiplikator*innen. Die zwölf Multiplikator*innen auszuwählen war nicht leicht, da das Interesse an der Fortbildungsreihe sehr groß war. Wir freuen uns sehr diese Menschen persönlich kennenzulernen.

    Wir erarbeiten letztendlich zwei verschiedene Curricula, ein Curriculum für die Trainer*innen-Fortbildung und dann ein Curriculum für die Peer-to-Peer Workshops. Die Idee ist, dass die Menschen, die wir ausbilden, im Nachgang in den Städten, in denen sie leben, angebunden an die örtlichen Aidshilfen oder anderer Träger, diese Workshop selbst in ihren jeweiligen Städten umsetzen können.

    Gibt es noch etwas, was dir wichtig ist zu sagen und auf keinen Fall in unserem Interview fehlen soll?

    Für mich ist es schön zu sehen, was nun nach dem Forschungsbericht und der Broschüre passiert.

    Mit dem Anschlussprojekt haben wir nun ein neues Übungsfeld, uns nochmal neu aufzustellen, Dinge anders anzugehen. Die neue Multiplikator*innen-Fortbildung ist eine Art live Entwicklung, bei der wir sehr flexibel sein müssen, wenn wir merken, dass etwas vielleicht nicht so passt und dann zu überlegen, wie können wir es anders machen. Da freue ich mich nun wirklich schon sehr drauf, direkt von Anfang dabei zu sein.

    Vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke in die Studienergebnisse sowie den Ausblick auf das nun anstehende Folgeprojekt, für das ich euch viel Erfolg wünsche.


    Mehr Informationen zum Forschungsprojekt findest du hier. Die Broschüre kannst du kostenlos im Shop der Deutschen Aidshilfe bestellen oder hier runterladen. Der ausführlichere Forschungsbericht ist auf der Seite des RKI zu finden. Und hier kommst du zum Nachfolgeprojekt „Sexuelle Bildung in trans und nicht-binären Commnitys“ (SeBiCo).

  • Rassismus und Transfeindlichkeit in der schwulen Community: Für eine authentische Selbstreflexion!

    Rassismus und Transfeindlichkeit in der schwulen Community: Für eine authentische Selbstreflexion!

    Ich bin ein weißer schwuler cis Mann. Und ich richte mich hier insbesondere an andere weiße schwule cis Männer. In einer Zeit, in der die Diskussionen um Gender, Inklusion, Diversität, Intersektionalität, Transfeindlichkeit und Rassismus auch innerhalb der schwulen Community immer lauter werden, empfinden nicht gerade wenige, vor allem weiße cis Schwule ein gewisses Unwohlsein.

    Vor Kurzem habe ich beobachtet, wie dieses Unwohlsein von einem anderen weißen schwulen cis Mann als Scham beschrieben wurde. Die Diskussion um Vielfalt und Anti-Diskriminierung, zum Beispiel auch um Rassismus innerhalb der schwulen Community, würde bei schwulen, queeren und bi+ Männern (implizit gemeint war hier natürlich bei weißen cis schwulen und bi+ Männern) Schamgefühle verstärken. Und das obwohl die Präventions- und Communityarbeit – zum Beispiel auch von Aidshilfen – doch eigentlich Schamgefühle abbauen und schwule Sexualität positiv bestärken soll.

    Doch handelt es sich bei diesem Unwohlsein wirklich um Scham? Oder könnte es sich dabei nicht um ein anderes Phänomen – und zwar um kognitive Dissonanz – handeln?

    Kognitive Dissonanz verstehen

    Aber was ist kognitive Dissonanz? Der Begriff kommt aus der Sozialpsychologie. Kognitive Dissonanz bezeichnet einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand, der dann entsteht, wenn zwei zugleich bei einer Person bestehende Kognitionen einander widersprechen.

    Uff! Klingt kompliziert! Vereinfacht ausgedrückt: Es ist zum Beispiel das Gefühl, das wir haben, wenn das, was wir tun, nicht mit dem übereinstimmt, was wir glauben oder für richtig halten. Dieses teils unbewusste unangenehme Gefühl der kognitiven Dissonanz entsteht beispielsweise, wenn wir der Überzeugung sind, dass es dringend geboten sei, weniger CO2 in die Umwelt zu pusten, und gleichzeitig aber mit dem Flugzeug von Hamburg nach München fliegen. Unsere Überzeugung („wir müssen CO2 einsparen“) steht dann nicht im Einklang mit unserer Handlung („ich stoße mit meinem kurzen Inlandsflug gerade ganz viel CO2 in die Luft“). Das löst ein unangenehmes Gefühl bei Menschen aus. Und dieses Gefühl nennt man kognitive Dissonanz.

    Kognitive Dissonanz in der schwulen Community

    Dieses Gefühl der kognitiven Dissonanz kann logischerweise auch dann entstehen, wenn wir an die Gleichwertigkeit der Menschen, an Diversität und Respekt glauben, aber dann zum Beispiel (auch unbewusst) Transfeindlichkeit oder Rassismus reproduzieren. Und besonders dann wenn uns jemand darauf aufmerksam macht.

    Auch in der schwulen Community finden wir uns häufiger in Diskussionen über Themen wie Gewalt, Macht, Konsens, Transfeindlichkeit, Rassismus und #MeToo wieder. Aber weil wir den Begriff der kognitiven Dissonanz nicht kennen, weil wir das Konzept dahinter nicht verstehen, kann uns das folglich auch nicht komplett bewusst sein, was das genau für ein unangenehmes Gefühl ist, was wir da empfinden. Trotzdem nehmen wir dieses unangenehme Gefühl wahr. Und weil wir es nicht richtig einordnen können, geben wir ihm dann manchmal einen anderen Namen. Zum Beispiel Scham.

    Die Rolle der Scham

    Scham gibt es tatsächlich sehr viel bei uns schwulen, queeren und bi+ Männern. Scham spielt eine zentrale Rolle in unserer Sozialisierung. Viel zu oft verinnerlichen wir die Scham, die uns die Mehrheitsgesellschaft auferlegt. Uns wird beigebracht: Wir sind nicht richtig. Und wir müssen uns für unsere Sexualität schämen.

    Diese Scham ist real. Und muss bekämpft werden. Sie ist aber nicht das gleiche wie die kognitive Dissonanz, die sich zwar durchaus auch als Scham äußern kann, aber nicht von außen kommt, sondern eben von jenem inneren Konflikt zwischen dem, an das wir glauben, und dem, was wir tun. Kognitive Dissonanz suggeriert uns, dass wir uns auch kritisch mit uns selbst auseinandersetzen müssen. Und das kann sehr unangenehm sein.

    Umgang mit kognitiver Dissonanz

    Es gibt verschiedene Arten, wie Menschen auf kognitive Dissonanz reagieren können. Eine Möglichkeit wäre, die eigenen Werte schlicht zu ändern. Also quasi den Glauben an Menschenrechte, an Anti-Diskriminierung, an Respekt und Toleranz über Bord zu werfen. Es gibt durchaus Menschen, bei denen das möglich wäre. In solchen Fällen handelt es sich oft um Menschen, die zu wenig bis gar keiner Empathie fähig sind. Das ist zum Beispiel bei narzisstischen oder psychopathischen Menschen der Fall. Da die meisten Menschen aber weder narzisstisch, noch psychopathisch sind, kommt diese Möglichkeit für sie allerdings kaum in Frage.

    Eine weitere Möglichkeit wäre, statt den Werten die Handlungen zu ändern. Wenn mich also zum Beispiel jemand auf etwas Problematisches aufmerksam macht, das ich gesagt habe, kann ich mich dafür bedanken, mich selbst korrigieren, und es nicht wiederholen. Ich bringe dann aktiv meine Handlungen in Einklang mit meinen Werten.

    Abwehrmechanismen

    Es gibt aber noch eine dritte, komplexere, aber sehr häufig angewendete Möglichkeit: Menschen können ebenfalls die Wahrnehmung ihrer Handlungen verändern, so dass es den Anschein hat, als würden sie mit ihren Werten übereinstimmen. Obwohl sie es gar nicht tun. Das passiert zum Beispiel über gewisse psychologische Abwehrmechanismen. Ein Abwehrmechanismus kann zum Beispiel Leugnung sein. Ganz oft leugnen wir zum Beispiel, dass wir etwas Rassistisches oder Transfeindliches gesagt oder getan haben, wenn uns jemand darauf aufmerksam macht. Die Leugnung hilft uns dabei, den Anschein zu bewahren, dass unsere Handlungen unseren Werten entsprechen.

    Ein weiterer Abwehrmechanismus kann Rechtfertigung sein. Wir rechtfertigen zum Beispiel rassistische Asylpolitik als notwendig, obwohl Menschenrechtsorganisationen sie kritisieren und Alternativen aufzeigen. Oder wir rechtfertigen unsere rassistischen Aussagen gegen muslimische Geflüchtete mit der falschen Behauptung, sie wären eine Gefahr für queere Menschen. Die Rechtfertigung als notwendig hilft uns dabei, das unangenehme Gefühl der kognitiven Dissonanz (vermeintlich) loszuwerden.

    Kognitive Dissonanz ist ein gutes Zeichen

    Doch Kognitive Dissonanz ist etwas Positives. Warum? Weil ich mir noch viel mehr Sorgen machen würde, wenn ein Mensch überhaupt keine kognitive Dissonanz empfinden würde. Bei solchen Menschen handelt es sich oft um Individuen mit hoher psychopathischer oder narzisstischer Ausprägung. Menschen, die zu wenig bis kaum Empathie fähig sind und denen ebenfalls Werte wie gegenseitiger Respekt und Inklusion egal sind. Das Empfinden von kognitiver Dissonanz ist also erst einmal ein gutes Zeichen. Es zeigt: Mir ist Empathie wichtig. Mir ist der Respekt gegenüber anderen Menschen wichtig. Mir ist wichtig, dass ich andere Menschen nicht diskriminiere.

    Proaktiver Umgang mit kognitiver Dissonanz

    Wie also proaktiv und achtsam mit dem Gefühl kognitiver Dissonanz umgehen? Zuerst einmal ist es wichtig, sich bewusst zu werden, wenn man kognitive Dissonanz empfindet. Denn ganz oft spürt man zwar ein gewisses Unwohlsein, kann es aber nicht richtig greifen oder benennen. Und das kann dann dazu führen, dass man sich angegriffen fühlt und in Leugnungs- oder Rechtfertigungsstrategien übergeht.

    Mit dem Bewusstsein für das Empfinden kognitiver Dissonanz kann man dann auch achtsamer mit sich selbst, anderen Menschen, und den eigenen Handlungen und Aussagen umgehen. Achtsamkeit bedeutet dann auch, dass man es nicht als Angriff oder Scham wahrnimmt, wenn jemand mich auf etwas Rassistisches oder Transfeindliches aufmerksam macht, das ich gesagt oder getan habe. Scham bedeutet, dass ich mich selbst als „falsch“, als „schlecht“ erachte. Bei strukturellen Diskriminierungssystemen wie Rassismus geht es aber weniger um mich als Individuum, sondern viel mehr um uns als Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die uns als Individuen rassistisch sozialisiert. Ich kann es also als Chance begreifen, Rassismus und Transfeindlichkeit wieder zu verlernen. Dafür kann ich auch Dankbarkeit empfinden. Denn es ist eine Möglichkeit, authentischer zu werden. Es ist ein Zeichen von tiefer Integrität, wenn meine Werte mit meinen Handlungen in Einklang stehen.

    Und schlussendlich möchten das doch die meisten von uns.

  • PrEP-Engpass: Was tun?

    PrEP-Engpass: Was tun?

    Es gibt in Deutschland nur ein Medikament, das für die PrEP zugelassen ist. Im Moment ist es kaum noch lieferbar. Teilweise haben Apotheken Restbestände, aber immer mehr PrEP-Nutzer*innen gehen leer aus. Auch mussten schon Patient*innen bei ihrer HIV-Behandlung auf andere Medikamente umgestellt werden. Ein Zustand, der wohl bis mindestens März 2024 anhalten wird. Das meldet die Arbeitsgemeinschaft ambulant tätiger Ärztinnen und Ärzte für Infektionskrankheiten und HIV-Medizin (dagnä) in einer Pressemitteilung.

    In manchen Städten gibt es bereits gar keine PrEP mehr, wie IWWIT von Organisationen vor Ort erfährt. In anderen, zum Beispiel Berlin, verschreiben manche Praxen nur noch Monatspackungen, damit die Medikamente länger reichen – normal ist sonst eine Packung für drei Monate. Die Situation verschärft sich von Tag zu Tag.

    Die Gründe für das Problem sind vielschichtig. So haben zum Beispiel zwei Fabriken nach unseren Informationen Produktionsprobleme. Außerdem scheint es einzelne Schwierigkeiten in der Lieferkette und eine verstärkte Nachfrage zu geben. Auch Preisunterschiede auf dem europäischen Arzneimittelmarkt dürften eine Rolle spielen: Hersteller bekommen in vielen Nachbarländern offenbar mehr Geld für ihre Medikamente als in Deutschland.

    Jonathan Gregory, Leitung von IWWIT: „Es ist schwierig zu sagen, wann sich die Lage wieder entspannen wird. Klar ist: Wir haben einen Mangel und es können im Moment nicht alle Menschen, die das Medikament für die PrEP oder die Therapie brauchen, versorgt werden. Da gibt es nichts zu beschönigen.“

    Trotzdem gibt es teilweise noch Wege, wie PrEP-Nutzer*innen an ihr Medikament kommen können. Im Folgenden kommen unsere Vorschläge zum Umgang mit der schwierigen Situation.

    Was PrEP-Nutzer*innen jetzt tun können

    An HIV-Apotheken wenden

    Falls deine Apotheke keine PrEP mehr hat, wende dich an ein Mitglied der Arbeitsgemeinschaft HIV-kompetenter Apotheken (DAHKA). Diese Apotheken tauschen sich untereinander aus und unterstützen sich gegenseitig bei der Versorgung mit der PrEP, sofern es noch Bestände gibt. Du kannst auch über Online-Apotheken Anfragen stellen. Dafür bitte dein*en Ärzt*in um ein E-Rezept. Damit ist eine Bestellung deutlich einfacher.

    Einzelimporte aus dem Ausland

    Apotheken können versuchen, das PrEP-Medikament im Ausland zu bestellen, wenn sie vorher die Genehmigung der Krankenkasse einholen. Manche Apotheken wissen das nicht oder scheuen den Aufwand. Frag am besten nach einem „Einzelimport nach § 73 Absatz 3 Arzneimittelgesetz (AMG)“. Es gibt aber keine Garantie, dass die Apotheke das macht und dass im Ausland Medikamente verfügbar sind.

    Anlassbezogene PrEP

    Für einige Anwender*innen der täglichen Dauer-PrEP könnte es zudem eine Option sein, zumindest vorübergehend auf die sogenannte anlassbezogene PrEP umzusteigen, bei der man lediglich vor und nach (geplantem) Sex Tabletten nimmt. Mehr Informationen dazu findest du unter aidshilfe.de/hiv-prep/einnahmeschema.

    Bei Therapie frühzeitig auf Praxis zugehen

    Falls bei dir die Wirkstoffkombination Emtricitabin plus Tenofovirdisoproxil in der HIV-Behandlung zum Einsatz kommt, geh auf deine Praxis zu, bevor deine Tabletten zur Neige gehen, damit genug Zeit ist, um neue zu beschaffen zu versuchen.

    Andere Safer-Sex-Optionen prüfen

    Wenn alles nichts hilft, kannst du überlegen, ob andere Safer-Sex-Optionen wie das Kondom oder Schutz durch Therapie für dich in Frage kommen, bis die PrEP wieder verfügbar ist.

    Sich austauschen

    Es kann auch hilfreich sein, mit anderen PrEP-Usern über ihre Erfahrungen zu reden, zum Beispiel in der Facebook-Gruppe PreP.Jetzt. Natürlich kannst du dich auch bei unserem Gay Health Chat oder bei einem anderen Angebot der Deutschen Aidshilfe beraten lassen.

    Wir fordern Versorgungssicherheit

    Die Deutsche Aidshilfe setzt sich für Versorgungssicherheit bei HIV-Medikamenten ein und hat das Bundesministerium für Gesundheit und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufgefordert, die Probleme bei der Versorgung zu lösen.

    „Wir lassen nicht locker, bis alle, die das Medikament für die PrEP oder die Therapie brauchen, es auch bekommen. Darauf könnt ihr euch verlassen!“, so IWWIT-Kampagnenleiter Gregory.

    Meldung der Deutschen Aidshilfe zum PrEP-Engpass

    Pressemitteilung der dagnä

  • Sexarbeit in Berlin: Raus aus dem Schatten

    Sexarbeit in Berlin: Raus aus dem Schatten

    Welche Idee steckt hinter SMART Berlin – wen beratet ihr und wie läuft eine Beratung üblicherweise ab? 

    SMART Berlin ist eine Beratungsstelle und ein Infoprojekt für (cis und trans) männliche, nicht-binäre und trans weibliche Sexarbeitende. Unser Ziel ist es, den Sexarbeiter*innen vielseitigen Support anzubieten – sei es beim Einstieg, Ausstieg oder einer Umorientierung oder Professionalisierung. Wir bieten Beratung und Informationen zu allen möglichen Themen dieser Arbeit entsprechend: sexuelle Gesundheit, Rechte, Gesetze, Umgang mit Kund*innen und Kolleg*innen, benötigte Ressourcen usw. Sexarbeiter*innen können zu unseren regelmäßigen, wöchentlichen Beratungen kommen. Oder sie kontaktieren uns via Email, Telefon oder Social Media.

    In welcher Lebenssituation stehen die Menschen, die zu Euch kommen? 

    Die Menschen die zu uns kommen, stehen oft an unterschiedlichen Punkten in ihrer Karriere, aber haben alle den Wunsch, ihre Arbeit irgendwie professioneller, erfolgreicher und auch weniger prekär zu gestalten. Manche fangen gerade erst an, andere sind bereits lange dabei. Häufig haben die Leute ein konkretes Bedürfnis, wie bspw. einen STI-Test oder sind auf der Suche nach bestimmten Ressourcen. Oder sie sind sich unsicher, wie sie mit einem bestimmten Gesetz das ihre Arbeit betrifft, umgehen sollen. Da die Lebenswelten von Sexarbeitenden sich häufig ändern, sind viele oft auch nur zu Besuch in Berlin und wir sehen sie dann wieder, wenn sie wieder mal in der Stadt sind.

    Smart Berlin findet ihr unter www.smart-berlin.org

    Welche Fragen tauchen häufig auf?  

    Oft gestellte Fragen betreffen bspw. die sexuelle Gesundheit, welchen wir mit Aufklärung und der Möglichkeit, einen mit uns zusammenarbeitenden Arzt zu besuchen, begegnen. Auch gibt es häufig Unsicherheiten mit dem sogenannten ProstituiertenSchutzGesetz, welches bspw. eine Zwangsregistrierung von Sexarbeitenden vorsieht. Auch hier versuchen wir, möglichst gut über Risiken und auch Rechte aufzuklären. Ansonsten spielt natürlich der Arbeitsalltag eine große Rolle, der Umgang mit Kund*innen, das Bewerben der eigenen Dienstleistungen etc. Nicht selten haben die Menschen auch sehr persönliche Bedürfnisse auszuloten, wie sie mit anderen Lebensfaktoren, wie bspw. Migration oder Transidentität im Bezug auf ihre Arbeit umgehen können.

    Menschen in der Sexarbeit leben und arbeiten leider in einem Schattendasein, teilweise in regelrechten Doppelleben. Dies ist zurückzuführen auf die noch immer anhaltende soziale Stigmatisierung, institutionelle Diskriminierung, sowie gesetzliche Benachteiligung.

    Sex- Arbeit ist sicher weniger tabuisiert als früher – dennoch arbeiten die Menschen in einem Bereich, der gesellschaftlich wenig oder gar nicht anerkannt ist. Wie berührt das die Escorts, mit denen ihr sprecht? 

    Menschen in der Sexarbeit leben und arbeiten leider in einem Schattendasein, teilweise in regelrechten Doppelleben. Dies ist zurückzuführen auf die noch immer anhaltende soziale Stigmatisierung (bspw. mangelnde Akzeptanz von Familie und Freund*innen, mangelnde Wertschätzung der Arbeit und allgemein verbreitete Vorurteile), institutionelle Diskriminierung (wie bspw. auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder im Bankwesen), sowie gesetzliche Benachteiligung (bspw. durch die Pflicht zur Anmeldung oder das Überschneiden mit Migrationsauflagen).

    Bei vielen sorgt dies natürlich für Unsicherheiten und auch (existenzielle) Ängste. Manche verinnerlichen Gefühle von Scham, andere wiederum sind sehr stolz auf sich selbst und ihre Arbeit und fordern die ihnen zustehenden Rechte und Anerkennung. Die Reaktionen auf diese komplexen Probleme sind also sehr verschieden, aber alle sind sich einig, dass ihnen eine bessere Behandlung durch die Gesellschaft aber auch den Staat und die Politik zusteht. 

    An der Stelle sehen wir auch eine gesellschaftliche Verantwortung: In Diskussionen werden Begrifflichkeiten wie (Zwangs-)Prostitution, Menschenhandel und Sexarbeit immer wieder vermischt, was letztendlich allen Betroffenen schadet und ihnen nicht die entsprechend notwendige Unterstützung bietet. Wir sollten den betroffenen Menschen zuhören und sowohl Zwang in den Ursachen abwenden, als auch Sexarbeitende in ihren Bedürfnissen entgegenkommen und sie in ihren Lebenslagen unterstützen.

    In Diskussionen werden Begrifflichkeiten wie (Zwangs-)Prostitution, Menschenhandel und Sexarbeit immer wieder vermischt, was letztendlich allen Betroffenen schadet.

    Nun hatten wir zwei bis drei Jahre Pandemie, wie hat das denn die Sex-Arbeit insgesamt verändert?  

    Während der Pandemie haben die bereits bestehenden Probleme stark zugenommen. Einnahmen gingen den Bach herunter, die Obdachlosigkeit nahm zu. Viele mussten irgendwie weiter arbeiten aber wollten gleichzeitig gesund bleiben. Zeitweise gab es das Verbot zur Sexarbeit, welches als eine der letzten COVID-Maßnahmen gelockert wurde – zu einer Zeit als Clubs, Restaurant und Massagesalons bereits lange wieder offen hatten. Die ohnehin schwierige Situation wurde ausgenutzt, um Forderungen vom Verbot der Sexarbeit salonfähiger zu machen, Sexarbeiter*innen wurden teilweise in alter Manier als Gesundheitsrisiko angekreidet. Natürlich geht da bei den Betroffenen auch Vertrauen verloren, wenn solche diskriminierenden Äußerungen fallen. Wir haben bemerkt, dass das Klima gegen Sexarbeitende teilweise rauer und auch aggressiver wurde, sowohl politisch als auch auf der Straße.

    Gleichzeitig wurden natürlich auch Beratungsstellen wie unsere durch COVID in ihrer Arbeit beeinträchtigt, weswegen wir Unterstützung nicht in einem Ausmaß anbieten konnten wie wir gerne hätten oder wie sie gebraucht gewesen wäre. Wir bemerken, dass die psychische Gesundheit, soziale Isolation, der Verlust von Kontakten und auch der Konsum von Drogen seit der Pandemie vermehrt aufkommende Themen sind.

    Sexarbeiter*innen haben aber unglaublich viel Geduld und Raffinesse, sich an wechselnde Bedingungen anzupassen und einen eigenen Umgang mit diesen zu finden. Gerade der Zugang zu Resourcen und der Austausch mit Kolleg*innen sind hier entscheidende Kriterien, um einen Unterschied zu machen.

    Wir leben in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, beeinflusst das eurer Ansicht nach auch die Sexarbeit?  Können Sexarbeiter*innen noch von ihrer Arbeit leben?

    Natürlich beeinflusst die schwierige Wirtschaftslage auch Sexarbeitende. Nicht nur, dass weniger Geld für sexuelle Dienstleistungen ausgegeben wird und somit weniger Einkommen vorhanden ist, auch sind die Lebenserhaltungskosten gestiegen und mehr Geld geht für Miete, Essen, Kleidung usw. drauf. Wie in allen selbstständigen Berufen, ist es häufig unklar, wieviel Geld man tatsächlich verdienen wird. Mal gibt es einen guten Monat der Rücklagen erlaubt, mal gibt es einen schlechten Monat bei welchem man ans eigene Ersparte muss. Eine Zukunftsplanung ist dadurch nochmal weitaus schwieriger. Viele Sexarbeiter*innen sind daher auch oft in anderen Jobs tätig oder nutzen ihre Skills für andere Berufe, und sorgen somit für eine Art Grundsicherung. Nichtsdestotrotz schätzen viele die Sexarbeit als eine zeitlich relativ flexible und eigenständige Arbeit, um Einkommen zu erzielen. Die ökonomischen Umstände sind für alle Sexarbeitenden sehr verschieden und individuell geprägt. Es gibt Menschen, die mittels Sexarbeit der Armut entkommen wollen und dennoch prekär leben und arbeiten und es gibt genauso Menschen, die sexuelle Dienste sehr erfolgreich anbieten und dies als Vollzeitjob und einzige Verdienstquelle betreiben. In beiden Fällen muss die Tätigkeit als Arbeit verstanden und respektiert werden und der Fokus sollte darauf liegen, wie die Menschen besser, sicherer und selbstbestimmter arbeiten und leben können. Was den Unterschied macht und die Erfahrungen beeinflusst sind häufig sich überschneidende Formen von Diskriminierung oder Privilegien: Sprachkenntnisse, Migrationsstatus, Gender, unterschiedlicher Zugang zu Ressourcen oder Communities etc. Dies alles macht leider einen Unterschied auch im Verdienst und Arbeitsalltag.

    PrEP ist in der Szene ein großes Thema.  Wie geht ihr damit um, was ratet ihr?  Auch im Hinblick auf Geschlechtskrankheiten und sexuelle Gesundheit insgesamt? 

    Unsere Gesundheitsberatung beinhaltet natürlich auch das Thema PrEP und wir raten zur Einnahme von PrEP und vermitteln an Stellen um diese zu erhalten. Gleichzeitig klären wir auch auf, dass PrEP eben nur vor HIV schützt, aber nicht vor anderen, teils sogar häufiger vorkommenden Geschlechtskrankheiten. Daher raten wir zur gleichzeitigen Verwendung von Kondomen – zumal die Nutzung von Kondomen auch im sog. ProstituiertenSchutzGesetz vorgeschrieben ist. [Anmerkung der Redaktion: Kondome schützen vor einer HIV-Übertragung. Sie senken außerdem auch das Risiko, sich mit anderen Geschlechtskrankheiten anzustecken. Einen vollständigen Schutz bieten sie gegen Geschlechtskrankheiten jedoch nicht. Deswegen sind regelmäßige Tests wichtig. Mehr Infos unter neu.iwwit.de/kondome.] Viele Sexarbeitende sind daran interessiert sich nicht mit Geschlechtskrankheiten anzustecken, schließlich ist der eigene Körper auch irgendwo ein Arbeitsmittel und bei einem Ausfall gäbe es keine bezahlte Krankschreibung. Daher stoßen wir auf Interesse und Eigeninitiative bei diesem Thema und merken, dass viele Sexarbeitende bereits mindestens ein gewisses Grundwissen zu dem Thema haben und sich weiter informieren möchten.

    Caspar ist Sexarbeiter. Und er ist trans*männlich. Caspar mag seinen Beruf. Für ihn ist Sexarbeit ein Job, wie jeder andere auch, den er mal toll, mal scheiße findet. Um sich vor HIV zu schützen, nimmt Caspar die PrEP.

    Sex unter Drogeneinfluss, bzw. Substanzen ist ja auch ein Thema, das die Szene beschäftigt.  Was ratet ihr Leuten, die zu euch kommen?  

    Unser Ansatz ist derjenige der sogenannten „Harm Reduction“, also der Reduzierung von Gefahren. Wir klären auf zum sichereren Gebrauch von Drogen oder vermitteln bei Bedarf an medizinisches Personal und Suchthilfen. Bzgl. der Arbeit denken wir, dass es am Besten ist, nüchtern zu arbeiten, auch um möglichen Gefahrensituationen besser begegnen zu können. Doch der Bedarf an Chemsex von Seiten der Kundschaft ist teilweise hoch. Daher appellieren wir auch an die Kundschaft, fair und verantwortungsbewusst beim Buchen sexueller Dienstleistungen zu handeln.

    Aktuell wird das sog. „ProstituiertenSchutzGesetz“ eher als Schikane, Diskriminierung und (Teil-)Kriminalisierung wahrgenommen, denn als Schutz. Was es wirklich bräuchte, wäre eine gesetzliche Gleichbehandlung und die Festschreibung von tatsächlichen (Arbeits-)Rechten – unter Beteiligung und Anhörung von den Sexarbeitenden selbst.

    Ihr seid ja kein aktivistisches Bündnis, aber dennoch die Frage: Habt ihr Forderungen an die Politik, etwa an den Senat, was sich beim Thema Sexarbeit verändern müsste?  Was wünschen sich die Escorts? 

    Als geförderte Beratungsstelle stehen wir im Austausch mit dem Senat und versuchen in verschiedenen Arbeitskreisen unsere Expertise einzubringen. Wir sehen uns dabei klar an der Seite von Sexarbeitenden und versuchen ihre Lage wo möglich zu verbessern. Da die Sexarbeit ein zutiefst politisiertes und reguliertes Berufsfeld ist, haben wir natürlich auch Perspektiven auf die Politik, die vom Kontakt mit unserem Klientel beeinflusst werden. In Berlin haben wir an dem „Runden Tisch Sexarbeit“ mit Senat, Behörden, Betreiber*innen und Sexarbeitenden teilgenommen. Dabei wurden sehr gute Handlungsempfehlungen erarbeitet, welche bisher jedoch nur unzureichend umgesetzt werden. Wir wünschen uns, dass diese Ideen schneller und besser umgesetzt werden. Gleichzeitig müssen Projekte, die Sexarbeitende unterstützen oder sogar von diesen selbst angeführt werden, weiter gefördert und ausgebaut werden.

    Was wir von Sexarbeitenden oft hören, ist dass sie sich eine Überarbeitung der aktuellen Gesetzeslage wünschen. Aktuell wird das sog. „ProstituiertenSchutzGesetz“ eher als Schikane, Diskriminierung und (Teil-)Kriminalisierung wahrgenommen, denn als Schutz. Was es wirklich bräuchte, wäre eine gesetzliche Gleichbehandlung und die Festschreibung von tatsächlichen (Arbeits-)Rechten – unter Beteiligung und Anhörung von den Sexarbeitenden selbst. Solch ein Gesetzestext wäre auch eine wichtige Voraussetzung um der anhalten Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeitenden zu begegnen. Wir müssen hier zum einen bessere Aufklärung in der Gesellschaft leisten, aber auch Gleichbehandlung und eine Verbesserung der Lebenslagen gesetzlich verankern. Wenn aktuell Sexarbeit haufenweise Sonderregelungen unterzogen wird, sie als unmoralisch oder als Gesundheitsrisiko dargestellt werden, dann ist es nicht verwunderlich wenn Diskriminierung gegen Sexarbeitende anhält und sogar existenzielle Probleme durch Institutionen verursacht, bspw. wenn sich jemand nicht für eine Wohnung bewerben kann, weil der Job nicht angegeben werden kann oder wenn eine Bank mal wieder das Konto einer Person in der Sexarbeit sperrt. Wir wünschen uns daher, dass unsere und die wichtige Arbeit anderer Kolleg*innen weiter fortgesetzt und gefördert wird, dass Betroffene selbst mehr Unterstützung erhalten, dass ihre Bedürfnisse auch durch gesetzliche Rechte Antwort erhalten und dass der vielseitigen Diskriminierung und Stigmatisierung durch Aufklärung und Gleichbehandlung begegnet wird.


    HIV-Schutz in der Sexarbeit? Trans* Mann Caspar setzt auf die PrEP! Schau dir hier das Video dazu an: https://www.youtube.com/watch?v=Vxwz_OHgwEU
  • Intersektionalität: Was bedeutet das?

    Intersektionalität: Was bedeutet das?

    Die Geschichte des Begriffs „Intersektionalität“ beginnt in den 1980er Jahren. Ende dieses Jahrzehnts sah sich die afro-amerikanische Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw Rechtssprechungen nach Diskriminierungsklagen vor Gericht an. Dabei bemerkte sie, dass das Rechtssystem einige Lücken aufwies. Als beispielhaft gilt hier wohl der Fall DeGraffenreid v. General Motors. Der Autohersteller General Motors hatte Ende der 70er Jahre fast alle Schwarzen Arbeiterinnen entlassen. Daraufhin wurde General Motors verklagt. Der Vorwurf: Das Unternehmen handele rassistisch und sexistisch.

    Das Gericht erkannte die Diskriminierung nicht

    Doch das Gericht entschied, dass es sich hier gar nicht um Rassismus handeln kann: Denn schließlich arbeiteten bei der Firma noch immer Schwarze Männer. Auch um Sexismus könnte es sich laut Gericht nicht handeln. Immerhin arbeiteten noch immer viele Frauen in dem Betrieb: weiße Frauen. Das Gericht betrachtete Rassismus und Sexismus als getrennte Phänomene.

    Kimberlé Crenshaw kritisierte, dass Rassismus und Sexismus nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Vielmehr verschränken sich die beiden Diskriminierungsformen hier. Diese Verschränkung nannte sie „Intersektionalität“. Der Begriff kommt vom englischen Wort „intersections“, was so viel wie „Überkreuzungen“ bedeutet. Und damit zeigt sich, wie Intersektionalität oft missverstanden wird: Es handelt sich eben nicht um eine bloße Addierung von Sexismus und Rassismus. Vielmehr entseht bei dieser Überkreuzung eine ganz neue Form der Diskriminierung. Das heißt, dass diese Schwarzen Frauen Erfahrungen gemacht haben, die weder Schwarze Männer, noch weiße Frauen erleben.

    Intersektionalität ist keine Addition von Diskriminierung

    Das gleiche gilt natürlich auch für die Vielfalt schwuler, bisexueller und anderer Männer, die Sex mit Männern haben. Ein Schwarzer schwuler Mann macht Erfahrungen, die weiße schwule Männer nicht machen. Ebenso macht er Erfahrungen, die Schwarze heterosexuelle Männer nicht haben. Genau so macht ein schwuler trans* Mann Erfahrungen, die weder heterosexuelle trans* Männer, noch schwule cis Männer machen. Und ähnlich macht ein schwuler Mann, der einen Rollstuhl benutzt, Diskriminierungserfahrungen, die weder nicht-behinderte schwule Männer machen, noch behinderte heterosexuelle Männer.

    Das ist mit dem Konzept der Intersektionalität gemeint. Er fordert dabei, dass der Blick für Diskriminierungsmechanismen verschärft wird und mehr im Detail hingeschaut wird. Sonst läuft man wiederum Gefahr, Diskriminierung nicht als solche zu erkennen. So wie das vor Gericht bei General Motors der Fall war. Kimberlé Crenshaw selbst meinte dazu:

    „Intersektionalität ist eine Brille, durch die man sehen kann, wo Macht entsteht und kollidiert, wo sie ineinandergreift und sich überkreuzt. Es geht nicht einfach darum, dass es hier ein Race-Problem, hier ein Geschlechterproblem und dort ein Klassen- oder LBGTQ-Problem gibt. In diesem Rahmen wird oft ausgeblendet, was mit den Menschen geschieht, die von all diesen Dingen betroffen sind.“

    Kimberlé Crenshaw
  • Slamming und Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Slamming und Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Immer mehr Schwule greifen zur Nadel, um sich Drogen und Potenzmittel zu spritzen (Slamming). Dass sie dabei auch ein hohes HIV- und Hepatitis-Risiko eingehen, ist vielen nicht klar. Höchste Zeit also, die Safer-Use-Regeln einzuüben, um die Risiken beim Spritzen zu senken. Von Florian Winkler-Ohm

    Slamming & Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Alkohol und andere Drogen gehören für viele schwule Männer seit je zu (Sex-)Partys dazu. In der letzten Zeit aber findet man an Orten, an denen Männer Sex mit Männern haben, immer häufiger auch Nadeln und Kanülen – die „traditionell“ wohl eher mit Heroinabhängigen in Verbindung gebracht werden.

    Spritzen heißt jetzt Slamming

    Beim Slamming spritzen sich viele Konsumierende Methamphetamin – auch bekannt als Crystal Meth, Tina, Ice oder Tweak. Die Droge wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Japan entwickelt. Im Zweiten Weltkrieg nutzten deutsche Soldaten sie massenhaft unter dem Namen Pervitin. Sie sollte wach machen und Ängste im Gefecht unterdrücken – bekannt wurde sie als „Panzerschokolade“ oder „Stuka-Tablette“.

    Seit etwa zwei Jahren ist Crystal Meth in der Partyszene wieder auf dem Vormarsch – zumindest laut Medienberichten. Immer mehr konsumieren es per Spritze, also intravenös. Früher wurde es meist geraucht, geschluckt oder gezogen. Der Grund: mehr Lust, intensiverer Sex, länger „fit“ bleiben. Doch das führt oft zu tagelanger Schlaflosigkeit.

    Eine Studie des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung der Uni Hamburg untersucht derzeit im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums die Verbreitung und Folgen von Meth-Konsum.

    Crystal macht schnell abhängig. Es kann Körper und Psyche langfristig stark schädigen. Doch auch abseits der direkten Wirkungen gibt es Risiken. Die Droge senkt Schmerzgrenzen und steigert Risikobereitschaft. Das führt zu langen, harten Sessions – oft ohne Kondome. Schleimhäute werden stark belastet. So steigt das Risiko für HIV, Hepatitis und andere Infektionen.

    Laut Studien sind bis zu 75 % der Crystal-Konsumenten HIV-positiv. Bei langen Sessions werden HIV-Medikamente oft vergessen. Das kann zu Resistenzen führen und eine neue Therapie nötig machen.

    Wenn die Spritze günstiger als Viagra ist

    Doch nicht nur bei Drogen sind vermehrt Spritzen im Spiel. Auch um eine verlässliche Potenz zu haben, injizieren sich immer mehr Schwule Mittel wie Caverject oder Androskat in den Penis-Schwellkörper; das ist mittlerweile billiger als Viagra und vergleichbare Substanzen. Die Wirkung ist eine ein- bis zweistündige Erektion – bei korrekter Handhabung und richtiger Dosierung. Bei Überdosierung und Überempfindlichkeit gegenüber den erektionsfördernden Wirkstoffen kann es zu einer schmerzhaften Dauererektion kommen. Sollte diese länger als vier Stunden anhalten, droht eine Schädigung des Penisgewebes, die unter anderem zum dauerhaften Verlust der Erektionsfähigkeit führen kann.

    Slamming & Co.: Jungs, lernt Safer Use!

    Doch das sind nicht die einzigen Risiken der Potenzspritzen. Da der Inhalt für bis zu drei Anwendungen reicht, werden Spritzen bei einer Sexsession nicht selten an den oder die Partner weitergegeben. Tibor Harrach, Pharmazeut und Drogenexperte, warnt eindringlich vor diesem „Needle-Sharing“: „Bei der Injektion kann es zu einer kleinen Blutung an der Einstichstelle kommen. Dadurch kann sich bei Patienten, die an einer durch Blut übertragbaren Infektionskrankheit leiden, das Risiko einer Übertragung der Infektion auf den Partner erhöhen. Insbesondere bei Hepatitis B und C reicht für eine Infektion bereits eine unsichtbar kleine Blutmenge aus.“

    Teile niemals deine Spritze mit jemand anderem

    Harrach fordert klare Präventionsbotschaften – so wie sie seit Jahren für Heroin-Konsumierende gelten. Der wichtigste Satz für ihn: „Teile niemals deine Spritze mit jemand anderem.“

    Statt auf Anklage und moralische Verurteilung zu setzen, plädiert er für Aufklärung, Beratung und akzeptierende Ansprache der Szene.

    Zudem rät er zu Impfungen gegen Hepatitis A und B sowie zu regelmäßigen Tests auf Hepatitis C. Denn: Wird Hepatitis C früh erkannt, lässt sich eine Chronifizierung meist verhindern – und auch die Ansteckung weiterer Personen vermeiden.

    Informationen zur Risikominimierung beim Drogengebrauch und wichtige Regeln im Umgang mit verschiedensten Substanzen findest du auf unserer Themenseite Drogen. Eine Anleitung dazu gibt es in der Broschüre „Safer Use“. Diese kannst du hier downloaden.

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  • Pornokonsum: Wie viel Porno ist ungesund – wie schädlich sind Pornos?

    Pornokonsum: Wie viel Porno ist ungesund – wie schädlich sind Pornos?

    Harte Zeiten für Sexfilmfans.

    Wissenschaftler warnen vor Nebenwirkungen.

    Wieviel Porno ist ungesund?

    Machen Pornos tatsächlich impotent und abhängig?

    Ein Bericht über die richtige Dosis und überraschende Gemeinsamkeiten zwischen Teenagern und Häftlingen.

    Schlechte Nachrichten aus Großbritannien. Nach dem Brexit droht der Sexit: Immer mehr junge Briten kriegen keinen mehr hoch, warnte die Psychotherapeutin Angela Gregory von den Nottingham University Hospitals im August 2016. Auslöser sollen ausgerechnet die Filme sein, die viele Männer erst so richtig heiß machen. Pornos – so befürchtet Angela Gregory – verursachen Impotenz, oder medizinisch korrekt: erektile Dysfunktion. Immer mehr männliche Teenager und Mitzwanziger kommen in Gregorys Praxis und klagen über Flaute im Bett, ein Leiden, das bisher erst im hohen Alter auftrat. „Inzwischen frage ich als erstes nach den Porno- und Masturbationsgewohnheiten“, erklärte Gregory auf BBC Newsbeat. „Sie können der Grund sein, warum diese jungen Männer keine Erektion aufrechterhalten können, wenn sie mit einem Partner zusammen sind.“

    Porno und Pornokonsum: Wie oft wird geschaut?

    Sollte an der strammen These etwas dran sein, sieht es schlecht aus für schwule Männer. Pornogucken gehört für sie zum Alltag. Das belegt eine Umfrage, die das schwule Gesundheitsmagazin FS im Sommer veröffentlicht hat, passenderweise in England. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, aber liefern Hinweise, wie selbstverständlich Schwule Pornografie konsumieren. 52 Prozent der Befragten gönnen sich mehrmals pro Woche Sexvideos. Ein knappes Drittel klickt sogar täglich auf Redtube & Co. Die allermeisten bleiben höchstens eine halbe Stunde dran. Nur 7 Prozent gucken mehr als 60 Minuten am Stück. Der größte Unterschied zur letzten Erhebung: 60 Prozent der User gucken Pornos mittlerweile auf dem Handy. 2012 war es nur ein Viertel. Das bedeutet: Pornos sind noch leichter verfügbar.

    Porno ist die natürlichste Sache der Welt

    Auch Hannes aus Hamburg schaut regelmäßig und hat bisher keine gesundheitlichen Nebenwirkungen bemerkt. Im Gegenteil: „Porno ist die natürlichste Sache der Welt“, sagt der 51-Jährige. Drei- bis viermal die Woche schaut er Pornos – auf Handy oder Tablet, seltener auf DVD. „Das kann schon mal ne Stunde gehen“, berichtet Hannes. „Ich gucke sehr bewusst und genieße das.“ In seinem Lieblingsgenre treffen Männer und Frauen aufeinander. Weil mehr Männer beteiligt sind, ficken sie sich gegenseitig. „Ich habe eine Tendenz zu etwas dominanteren Videos, wo eine Person benutzt wird“, gesteht Hannes. Dabei unterscheidet der Freiberufler klar zwischen Fick und Fiktion: Echte Sexerlebnissen und Pornos sind für ihn grundverschiedene Dinge. „Natürlich sind die Pornos unterbewusst in mir drin, aber ich spiele keine Szenen nach. Wenn ich Sex habe, ist der total von der Situation und von meinem Gegenüber abhängig. Das ist oft sehr überraschend.“

    Pornokonsum: Wo endet der Genuss und ab wann beginnt die pornosucht?

    Auch Marcus Behrens hält Pornos für gesundheitlich unbedenklich. Der Diplom-Psychologe arbeitet unter anderem für das Mann-O-Meter, einem Berliner Informationszentrum für schwule Männer. „Pornografie und Sex sind erst einmal jedermanns Privatsache“, betont der 48-Jährige. „Wenn es für mich d’accord ist und ich niemanden schädige, dann ist das kein psychisches Problem – und es geht auch niemanden sonst etwas an.“

    Bisher zumindest verursachen Pornos keinerlei Beschwerden bei den Männern, die im Mann-O-Meter um Rat fragen. Wenn sie überhaupt zur Sprache kommen, dann in Verbindung mit einer sogenannten Onlinesucht. „Einige unserer Klienten haben das Gefühl: Ich kriege den Kopf nicht mehr aus dem Rechner raus“, berichtet Marcus Behrens. „Das geht bei Facebook los und hört bei Gayromeo nicht auf.“ Die Zahl der Fälle habe aber in den vergangenen zehn Jahren nicht zugenommen – trotz Smartphone und Flatrate.

    Wo endet der Genuss, und wo beginnt die Sucht? Eine klare Grenze lässt sich auch beim Pornokonsum nur schwer ziehen. „Ein mögliches Anzeichen ist, wenn ich mir ohne Pornos keinen mehr runterholen kann.“

    Symbolbild für Pornokonsum: Männer in intimer Sauna-Szene – Nähe, Sexualität und mögliche Abhängigkeit im Kontext schwuler Sexualität.

    Pornokonsum im Check: Ab wann wird Porno Sucht und schadet im Alltag?

    Auch wenn es im Beratungsalltag von Marcus Behrens selten vorkommt: Porno hat das Potential zum Rauschmittel. Schon 2014 verkündete das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Pornovideos verändern das Gehirn. Die Wissenschaftler scannten die Gehirntätigkeit von 64 Männern und stellten fest, dass bei den Probanden, die regelmäßig Sexfilme sahen, das Belohnungssystem des Gehirns auffällig klein war. „Das könnte bedeuten, dass der regelmäßige Konsum von Pornografie das Belohnungssystem gewissermaßen ausleiert“, erläutert Studien-Autorin Simone Kühn. Die Forscher vermuten eine ähnlichen Effekt wie bei anderen Suchtmitteln: Der User muss die Dosis ständig steigern, um einen lustvollen Effekt zu erzielen.

    Aber wo endet der Genuss, und wo beginnt die Sucht? Eine klare Grenze lässt sich auch beim Pornokonsum nur schwer ziehen. „Ein mögliches Anzeichen ist, wenn ich mir ohne Pornos keinen mehr runterholen kann“, sagt Marcus Behrens. Ein weiteres Indiz: Schadet mir der Spaß schon im Alltag? Riskiere ich zum Beispiel eine Abmahnung, indem ich auf dem Bürorechner Pornoseiten aufrufe? Wie bei allen Abhängigkeiten gilt auch hier: Sobald Kollegen, Freunde oder Familienmitglieder in Mitleidenschaft gezogen werden, sollte man sein Konsumverhalten unter die Lupe nehmen.

    Ursache für den übermäßigen Konsum von Sexfilmen – wie auch echtem Sex – sind laut Marcus Behrens in vielen Fällen Einsamkeits- und Minderwertigkeitsgefühle. Bei schwulen Männern oft verstärkt durch Selbsthass, Fachleute sprechen dann von internalisierter Homophobie. „Die Betroffenen haben das Gefühl: Irgendwas läuft bei mir nicht richtig“, erklärt Behrens. „Dann suchen sie – bewusst oder unbewusst – nach einer Lösung und probieren verschiedene Hilfsmittel aus.“ Pornokonsum sei nur eines unter vielen. Meist wirken mehrere zusammen. „Es hängt stark davon ab, welcher Suchtstoff verfügbar ist und bei mir funktioniert“, erläutert Marcus Behrens. „Für den einen ist es Einkaufen, für den anderen Porno.“

    Symbolbild für intensiven Pornokonsum, Suchtverhalten und die Frage, ab wann Porno den Alltag belastet.

    Pornokonsum einordnen: Kein Automatismus zur Porno Sucht

    Das heißt aber nun nicht, dass jeder, der Pornos guckt, in Gefahr schwebt. „Es ist sinnvoll, Menschen zu helfen, die unter ihrer Sexualität leiden“, betont Marcus Behrens, „aber gerade wenn es um Pornokonsum und Sexualität geht, heißt es immer schnell: Uiuiui, das ist entweder krank oder kriminell. Diese Moralisierung ist falsch.“ Die meisten Männer könnten ihren Pornokonsum problemlos dosieren.

    Und auch die Warnung vor pornobedingter Impotenz hält der Berliner Psychologe für übertrieben – auch wenn seine britische Kollegin auf ein interessantes Phänomen hingewiesen habe: Erektionsstörung durch zu viel Fantasiesex. Den Effekt kennen Psychologen von Strafgefangenen. Auch die kriegen oft keinen hoch, wenn sie nach einer langen Haftstrafe endlich wieder mit ihrem Freund oder ihrer Freundin schlafen dürfen. Sie haben verlernt, mit einem Menschen Lust zu empfinden, den sie nicht nur sehen, sondern auch riechen, schmecken und fühlen. „Das Hirn ist dann auf Fantasie gepolt“, erklärt Marcus Behrens. „Geil ist nur noch das, was vor meinem inneren Auge abläuft – eine Art Porno, bei dem ich Regie führe.“ Die jungen Engländer stehen vermutlich vor ähnlichen Anpassungsschwierigkeiten: Sie müssen von zweidimensionalen Pornos auf dreidimensionalen Sex umschalten – mit einem Partner aus Fleisch und Blut. Aber keine Sorge, sagt Marcus Behrens: „Sexualität kann man immer wieder neu lernen.“

    FAQ zu Porno und Pornokonsum: Genuss, Risiko, Pornosucht

    In diesem FAQ zu Porno und Pornokonsum beantworten wir häufige Fragen: Was ist Porno, ab wann wird Pornokonsum zur Pornosucht, welche Rolle spielt das Gehirn und woran merke ich, dass es mir oder meinem Alltag schadet?

    Was ist Porno eigentlich?

    Porno meint bewusst sexuell erregend produzierte Bilder oder Videos. Sie zeigen inszenierten Sex, sind geschnitten, ausgeleuchtet und folgen oft bestimmten Fantasien oder Klischees. Sie bilden Sexualität nur ausschnitthaft ab und sind kein realistischer Leitfaden für echten Sex.

    Ist Pornokonsum grundsätzlich ungesund?

    Nach heutigem Stand ist normaler Pornokonsum für viele Menschen unproblematisch. Entscheidend ist weniger, ob ich Porno schaue, sondern wie stark es mich beschäftigt: Habe ich noch Lust auf echten Kontakt, kann ich meinen Konsum steuern?

    Ab wann ist man porno süchtig?

    Es gibt keine fixe Zahl an Minuten oder Videos. Von problematischem Pornokonsum wird eher gesprochen, wenn mehrere Punkte zusammenkommen: Ich verliere Kontrolle über die Häufigkeit, kann ohne Porno kaum masturbieren, vernachlässige Schlaf, Arbeit, Beziehungen oder andere Interessen und leide selbst darunter.

    Können Pornos das Gehirn verändern?

    Studien zeigen, dass intensiver Pornokonsum mit Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns einhergehen kann. Ähnlich wie bei anderen Gewohnheiten kann sich das System an starke Reize gewöhnen, sodass manche Menschen immer mehr oder immer extremere Inhalte brauchen. Das bedeutet nicht automatisch Sucht, zeigt aber, dass Dosis und Kontext wichtig sind.

    Was sind Warnzeichen für problematischen Pornokonsum?

    Warnzeichen können sein: Ich brauche immer stärkere Reize, um mich zu erregen; ich fühle mich nach dem Schauen beschämt oder leer; ich nutze Porno vor allem gegen Einsamkeit, Stress oder Selbsthass; ich schaue trotz negativer Folgen weiter, etwa Konflikte in Beziehungen, Probleme im Job oder weniger Interesse an echten Begegnungen.

    Welche Rolle spielen Einsamkeit und Minderwertigkeitsgefühle?

    Viele Betroffene berichten, dass Pornokonsum zunimmt, wenn sie sich einsam, abgewertet oder „falsch“ fühlen. Porno bietet dann kurzfristig Ablenkung, Bestätigung oder Betäubung. Gerade bei queeren und schwulen Männern können zusätzliche Faktoren wie internalisierte Homophobie eine Rolle spielen.

    Was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, zu viel Porno zu schauen?

    Hilfreich kann sein, den eigenen Pornokonsum eine Zeit lang zu beobachten: Wann, wie oft, in welchen Situationen und mit welchem Gefühl davor und danach? Kleine Experimente wie pornofreie Tage, alternative Strategien gegen Stress oder bewusst mehr körperliche Nähe im realen Leben können Hinweise geben. Wenn Leidensdruck oder Kontrollverlust groß sind, ist eine Beratung oder Therapie eine gute Option.

    Ist es sinnvoll, Porno komplett zu verbieten oder moralisch zu verurteilen?

    Die meisten Fachleute sehen Moralisierung kritisch. Ein komplettes Verbot löst selten die zugrunde liegenden Themen wie Einsamkeit, Scham oder fehlende Nähe. Sinnvoller ist ein nüchterner Blick: Tut mir mein Pornokonsum gut, passt er zu meinem Leben – oder überdeckt er eigentlich andere Probleme?

    Wo finde ich Hilfe, wenn ich über Porno und Pornosucht sprechen möchte?

    Anlaufstellen können sexualpädagogische oder schwule Beratungsstellen, Suchtberatungen, psychotherapeutische Praxen oder Onlineberatungen sein. Wichtig ist, dass dort offen über Sexualität gesprochen werden kann, ohne Verurteilung. Ein Gespräch bedeutet nicht automatisch, dass man „süchtig“ ist, sondern kann helfen, Klarheit zu gewinnen.

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  • 5 Fragen an den Gay Health Chat

    5 Fragen an den Gay Health Chat

    Hallo Klaus! Herzlichen Glückwunsch zu fünf Jahre Gay Health Chat! Was genau ist der Gay Health Chat und an wen richtet er sich?

    Vielen Dank!

    Der Gay Health Chat ist eine Internet-Beratung. Er funktioniert ohne Anmeldung und ist kostenlos. Er richtet sich an Schwule und an alle Männer, die Sex mit Männern haben. Dazu gehören auch trans* Männer, sowie nicht-binäre und gender non-konforme Menschen, die sich der schwulen Community zugehörig fühlen.

    Warum wurde der Gay Health Chat geschaffen?

    Kleine Beratungsstellen und Aidshilfen haben einfach nicht immer das Geld oder die Ressourcen, einen Online-Chat auf die Beine zu stellen. Beim Gay Health Chat stellt die Deutsche Aidshilfe die Technik zur Verfügung und sorgt für gute Qualität. Die Berater schalten sich dann aus 46 Beratungsstellen dazu: aus Österreich, Deutschland und aus der Schweiz.

    Wer berät beim Gay Health Chat und wie werden die Berater geschult?

    Alle, die bei uns arbeiten, haben eine Ausbildung zum HIV-/STI-Berater bei der Deutschen Aidshilfe gemacht. Und wir schulen alle regelmäßig in Onlinekommunikation, weil es ja viel schwieriger ist, beim Tippen und ohne Sichtkontakt einzuschätzen, wie es dem anderen geht. Dieses Jahr kommt noch eine Zusatzausbildung zum Ersthelfer bei psychischen Gesundheitsproblemen dazu. Unsere Berater sind alle selbst schwul oder queer und arbeiten z.B. bei schwulen Checkpoints, im IWWIT-Team oder bei Aidshilfen – eine ganz bunte Mischung.

    Mit was für Fragen kommen die Menschen in den Gay Health Chat?

    Meistens haben die Fragen mit Sex zu tun. Wir sind ja die Aidshilfe und kennen uns da besonders gut aus. Seit Corona gibt es aber auch immer mehr Leute, die uns anchatten, weil sie sich scheiße fühlen, einsam sind, nicht klarkommen. Denen können wir auch helfen.

    Welche Themen sind den Menschen vielleicht noch nicht so bewusst, bei denen ihr aber dennoch beraten könnt?

    Wir tauschen uns viel aus und haben in den letzten Jahren viel über Drogen beim Sex gelernt: Warum ist das besonders geil und welche Schritte sind nötig, wenn es nicht mehr lustig ist – da können wir inzwischen gute Hilfe anbieten. Außerdem hat jeder Berater sein Coming-Out als schwuler Mann erlebt und kann deswegen alle anderen gut verstehen, die das Thema gerade umtreibt. Wie werde ich ein selbstbewusster, mutiger Mensch in dieser Welt? Das zu vermitteln ist unser Ziel.

    Klaus, vielen Dank für das Gespräch!

    Ihr erreicht den Gay Health Chat unter gayhealthchat.de.
    Alles zum schwulen Leben findet ihr unter iwwit.de/schwules-leben!